GRADUIERTENKOLLEG 'MATERIALITÄT UND PRODUKTION' (GRK 1678)

Projekte im GRK

I. Historische Konfigurationen

Verschiedene Weisen künstlerischer und medialer Thematisierung und  Inszenierung  von  Materialität und Produktion lassen sich insbesondere in den spezifischen Zusammenhängen historischer Konfigurationen und Umbrüche verfolgen. Diese gehen einher sowohl mit den semantischen Ausdifferenzierungen der Begriffstrias ‚Materie’, ‚Material’, ‚Materialität’, als auch mit den Erweiterungen und Modifikationen, die der Produktionsbegriff von producere, poiesis und creatio, über Imagination und Invention bis hin zu Begriffen von ‚Schöpfertum‘ u. ä. erfahren hat. Solche terminologischen bzw. diskursiven Bewegungen bedürfen einer systematischen Befassung mit der Vorstellung künstlerischen Schöpfertums und dessen Bindung an das Material.  Die  Verschiebungen  und  Neuerungen  lassen  sich  nicht  nur  auf  theoretisch-systematischer Ebene verhandeln (Schwerpunkte II - IV), sondern finden - als Gegenstände der Kultur-,  Kunst-  und  Literaturgeschichte - auch  in  den  künstlerischen  Arbeiten,  den  Prozessen ihrer Materialisierung, ihrer Materialität und der Thematisierung von Materialität selbst statt.       
Es werden Dissertationsthemen erwartet, die sich der Konfiguration von Materialität  und  Produktion  in  spezifischen  historischen  Kontexten  sowie  in  ihren  Transformationen widmen.
1. Hoch- und Spätmittelalter/Frühe Neuzeit: Herausbildung eines künstlerischen Schöpfungsgedankens; Verhältnis concetto/disegno; Drama/Spiel; die Organisation der Arbeit und des Künstlerberufs; die materiellen Produktionsbedingungen
2. Aufklärung/Moderne: Kategorien von Genialität und Kreativität; Formen künstlerischen Schöpfertums und "Schöpferischer Zerstörung"
3. Gegenwart: Medienkunst und Interaktivität; Autorschaft und Web 2.0; BioArt; Immaterielle Arbeit
Historisch übergreifend untersucht werden: Mimesis/Performanz, ästhetische Materialprozesse, materiale Überlieferungsprozesse; materielle Faktizität des Bild- und Sprachdings; Technisierung und Verzeitlichung der Produktion.  

II. Produktivität des Immateriellen / Materialität der Ordnungen

Grundsätzlich lässt sich das Unsichtbare als Bedingung des Sichtbaren verstehen. Hier wird deshalb die These überprüft, dass die Materialität von Ordnungen durch die Produktivität  des  Immateriellen  bedingt  ist.  In  einer  produktiven  Spannung  hierzu  steht  jene  andere Perspektive auf das Verhältnis von Materialität und Immaterialität, in deren Hinsicht zu unter- suchen wäre, inwiefern die viel beschworene Immaterialität bzw. Ungreifbarkeit der medienvermittelten  Realität  durch  eine  ästhetisch  verstandene  Präsenz  oder  Unmittelbarkeit  der Dinge  gebrochen  ist.  Hier  verschafft  sich  möglicherweise  das  Materiale  und  Körperliche (etwa  der  Geste,  des  Fleisches,  des  Stofflichen,  des  Klangs,  der  Textur,  der  technischen Vorrichtungen, der Körnung des Kinobildes etc.) Geltung für die Wahrnehmung und führt zu äthetischen, kulturellen, sozialen Rahmenverschiebungen. 
Einer sich hier abzeichnenden Dialektik eines forcierten Bedürfnisses nach ‚handgreiflicher’ Materialität und der ebenso forcierten Tabuisierung der ‚grobsinnlichen’ Wahrnehmung von Kunst ist auch deshalb eingehender nachzugehen, weil diese Dialektik konstitutiv für das Produktionsparadigma  in  der  Kunst-  und  Kulturgeschichte  der  Moderne  geblieben  ist.  So stellen  sich  die  Mitglieder des GRKs  Projekte  vor,  die  sich  im  Bogen  dieses  Schwerpunktes  II  von den theoretischen Grundsatzreflexionen bis zu spezifischen Fallanalysen um folgende sechs Kernthemen gruppieren:
1. Mittelbarkeit / Medialität des Materialen
2. Materialität des Medialen
3. Emergenz
4. Körperlichkeit und ästhetischer Prozess
5. Geste und Bewegung
6. Mediale Immersionsformen.

III. Latente Relationen: Bedingungen der Produktivität

Es gibt kulturelle und ästhetische Praktiken, die Intersubjektivität provozieren oder Ereignisse hervorbringen. Solche Praktiken und Strategien können als latente Relationen verstanden  werden.  Modellhaft  hierfür  ist  Räumlichkeit,  in  der  Relationen  für  Menschen  erfahrbar werden, wenn sie eine materielle sinnliche Dimension bekommt. Latente Relationen bedürfen, um angemessen verstanden zu werden, einer historischen und systematischen Befassung mit einer Theorie des Dings. Denn werden Dinge aus dem alltäglichen Zusammenhang des Austauschs des Subjekts mit der Welt herausgestellt, nehmen sie verschiedene Formen an, deren haptische und visuelle Dimensionen und deren Qualitäten überhaupt erst noch zu bestimmen wären. Möglicherweise gibt es eine Agentialität des Dings, die eine Neubestimmung des Verhältnisses von Subjektivität, Produktion und Materialität in ihrer Relationalität erfordert.
Hier sind also Forschungen anzustellen, die sich auf die Analyse solcher Relationen an konkreten  Orten  oder  in  ihrer  Ereignishaftigkeit  konzentrieren  und  ihre  Bedeutung  für  die Wahrnehmungen und Erfahrungen des Subjekts herausarbeiten. Dabei sollte die Befassung mit der Produktivität jener konkreten Orte latenter Relationen für Subjektivität im Rahmen einer spezifischen Fragestellung von einer historischen Rückvergewisserung der Materialitätsbedingungen und -verschiebungen begleitet sein.
Für den Schwerpunkt III werden Projekte zu den folgenden drei Feldern erwartet:
1. Künstlerische, mediale oder biomorphe Räume
2. Arbeit und Ästhetik
3. Rahmungen und Interfaces.

IV. Materialprozesse und „Materialgerechtigkeit“

In diesem Themenschwerpunkt geht es um Fragen der  Materialgerechtigkeit,  um  die Problematisierung  und  Historisierung  des  Begriffs,  um  Spannungen  zwischen  Material  und Wert im gestalterischen Prozess und der kulturellen Zuschreibung, kurz: um den Zusammenhang von Werk und Wert, wie er sich im Material manifestiert. Dies ist insofern von Belang, da  das  Werk  zwar  als  dezidierter  Abschluss  eines  Produktions-  und  Gestaltungsprozesses angesehen wird, aber - so eine zentrale Forschungsfrage - durch seinen Verweisungscharakter auf jene Prozesse der Produktion im Material keinen in sich ruhenden Sinn mehr zu erreichen  vermag.  Historisch  gesehen  entsteht  aus  dieser  Spannung  im  Werk  eine  noch genauer zu untersuchende Problematisierung von Sinnlichkeit und Wahrnehmung (insbesondere mit dem Aufkommen audiovisueller Medientechnologien seit dem 19. Jahrhundert).
Die  künstlerischen  und  gestalterischen  Umgangsweisen  und  Strategien  mit  diesem Spannungsfeld  sind  insofern  sehr  ausdifferenziert,  und  es  steht  zu  vermuten,  dass  Einzeluntersuchungen  auch  in  historischer  Perspektive wichtige Brüche und Rezeptionsverhältnisse werden aufweisen können.
So sind für diesen Schwerpunkt IV die folgenden fünf Felder für zu  erwartende  Projekte  zu  fokussieren: 
1. Materialbewertungen  und  -rankings
2. Imitationen und Reproduzierbarkeit
3. Produktivität und Eigensinn des Materials
4. Künstlerische Strategien
5. Werk, Wert und Wahrnehmung im Zusammenhang.