Teamprojekt: Ein Rahmenprogramm für die "Sturm"-Ausstellung

Ein museumspädagogisches Projekt in Zusammenarbeit mit dem Wuppertaler Von der Heydt-Museum.
Team: Nina Barge, Stefanie Steden, Miriam Fick und Julia Hack
Laufzeit: September - November 2010
Projektbeschreibung
Der Sturm feiert einen runden Geburtstag. Am 3.3.1910 erschien die erste Ausgabe der Zeitschrift des Berliner Verlegers Herwarth Walden unter dem Titel. „Der Sturm – Wochenschrift für Kultur und die Künste“. Zwei Jahre später eröffnete Herwarth Walden in Berlin seine eigene Galerie, die Sturm-Galerie. Erfolgreich baute er den Einflussbereich des Sturms weiter aus: In den folgenden Jahren gründete er den Sturm-Verlag, die –Kunstschule, die –Kunsthandlung und den Verein die Sturm-Bühne.
Das 100-jährige Jubiläum dient für das Von der Heydt-Museum Wuppertal und die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf als äußerer Anlass, das Augenmerk auf das Phänomen des Sturms zu richten und seine außerordentliche Bedeutung für die Entwicklung der Literatur, Malerei und Musik zur Zeit der modernen Avantgarde neuerlich zu beleuchten.
In einer Kooperation von Museum und Universität wurde unter der Leitung von Dr. Gerhardt Finckh und Dr. Antje Birthälmer von Museumsseite aus sowie Prof. Dr. Andrea von Hülsen-Esch auf Seiten der Universität ein Ausstellungskonzept geschaffen, das insgesamt zehn Themenkomplexe umfasst, die dem Besucher sowohl das Kulturkonzept des Kreises um Herwarth Walden verdeutlichen, als auch die wichtigsten Vertreter des „Sturms“ erfassen. Ziel ist es, sowohl chronologisch als auch thematisch einen groß angelegten visuellen Überblick über das Programm des Unternehmens „Der Sturm“ – Zeitschrift, Galerie, Bühne – zu bieten. Es werden zirka 80 bis 100 Werke gezeigt, von denen etwa sechs bis sieben Gemälde sowie einige Druckgraphiken mit nachgewiesenem Sturm-Bezug aus der Sammlung des Von der Heydt-Museums Wuppertal stammen. Die anderen Werke werden durch Leihverträge oder Tauschprozesse aus den entsprechenden Museen organisiert. Ein weiteres Ziel der Kooperation ist eine verstärkt wissenschaftliche Aufarbeitung als Fundament für Ausstellung und Katalog. In diesem Sinne finden seit dem Sommersemester 2009 durch Frau Prof. Dr. von Hülsen-Esch geleitete universitäre Lehrveranstaltungen zu der „Sturm“-Thematik statt. Doch nicht nur auf wissenschaftlicher Ebene wird eine verstärkte Auseinandersetzung mit dem Unternehmen „Sturm“ stattfinden. Die Ausstellung wird das Von der Heydt-Museum für einige Wochen in das Zentrum des Besucher- und Medieninteresses rücken. Es wird sich somit einreihen in den Trend der publikumswirksamen Sonderausstellungen, der nun schon seit über zehn Jahren zu beobachten ist und ein Teil des „Museumsbooms“ ist, der sich in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat.
Durch eine Ausweitung und Intensivierung der Angebots- und Leistungspalette für den Besucher haben sich die Museen eine führende Rolle im Kulturbetrieb erarbeitet und in ihrer gesellschaftlichen Beliebtheit sogar die Theater überholt. Die Museen nehmen dabei nicht nur ihre klassischen Aufgaben des Sammelns, Bewahren und Forschens wahr sondern vor allem die Vermittlung tritt immer mehr in den Vordergrund. Es lässt sich festhalten, dass die Rolle der Museen sich in Folge dieser Entwicklung im Wandel befindet, von traditionellen „Musentempeln“ und „Lernorten“ hin zum Orten des Erlebens und der Kommunikation und zu gesellschaftlichen Treffpunkten oder, wie Heiner Treinen es formuliert, zu angebotsorientierten „Massenmedien“ eigener Art. Dies ist vor allem auf eine Veränderung der Lebensgewohnheiten eines Großteils der europäischen Bevölkerung zurückzuführen. Die Freizeit und das Bedürfnis nach Unterhaltung sind in den Mittelpunkt der Lebensplanung für Angehörige nahezu aller sozialen Schichten gerückt. Für die Museen bedeutet dies, dass sie Teil des „durch immer härteren Wettbewerb um die verfügbaren Zeit- und Finanzbudgets der Konsumenten geprägten Freizeitmarkt unserer Medien- und Erlebnisgesellschaft“ geworden sind und „Marktpositionen besetzen müssen,“ also Produkte und Angebote entwickeln müssen, die Kundenwünsche optimal erfüllen und nachgefragt werden. Gerade von Wechselausstellungen wird in der Regel erwartet, dass sie komplexe, wissenschaftlich fundierte Zusammenhänge an ein breites, heterogenes Publikum vermitteln sollen. Der Einsatz neuer Medien und die multimediale Kunstvermittlung ergänzt die personale Vermittlung und unterstützt die Institution Museum bei der Umsetzung dieses Ziels. Gleichzeitig wird in Form von Audioguides oder Hörstationen Bezug auf die Gewohnheiten der Mediengesellschaft genommen. Während der Audioguide sich bereits in den Kunstmuseen etabliert haben, könnte die Museums-App (engl. application software) zum neuen Trend für die Museumsvermittlung werden.
Wie andere Museen auch steht das Von der Heydt-Museum in der Freizeitkultur des 21. Jahrhundert also vor der Aufgabe, sein Angebot besucherorientiert auszurichten, um neue Besucher zu gewinnen und bereits bestehende Besuchergruppen zu binden. Es soll hierbei nicht darum gehen, das Museum „zu multimedialen Vergnügungzentrum umzufunktionieren, das dem ‚billigsten’ Geschmack angepasst ist“ , sondern vielmehr ein differenziertes Rahmenprogramm zu schaffen, das verschiedene Besuchergruppen anspricht und deren besondere Bedürfnisse berücksichtigt. Somit können wertvolle Wettbewerbsvorteile erzielt werden, die das Von der Heydt-Museum mit seiner Sonderausstellung zum „Sturm“ vor anderen Institutionen vorziehenswürdig macht. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen zwei Schlüsselkompetenzen berücksichtigt werden: Besucherorientierung und Wettbewerbsvorteile. Bei solch einer Betrachtung sollte der potentielle oder der bereits langjährige Besucher als Kunde betrachtet und auch so behandelt werden. Denn nur er allein entscheidet letztendlich ob eine Kultureinrichtung und das zur Verfügung gestellte Angebot vorziehenswürdig sind oder nicht. Um diese Vorziehenswürdigkeit erreichen zu können, sind gewisse Ressourcen und Fähigkeiten erforderlich, die diese Qualität sicher stellen und ermöglichen. Bei der Beurteilung werden Kriterien wie Serviceverhalten und Kostenkontrolle berücksichtigt, die von der Telefonauskunft, den Toiletten, dem Museumsshop, bis zum abendlichen Rahmenprogramm reichen. Desweiteren zählen Erreichbarkeit, Höflichkeit, das Preis- Leistungsverhältnis, Sauberkeit und vieles mehr. Als besonders hilfreich haben sich Alleinstellungsmerkmale herausgestellt. Dies können besondere Exponate, ein außergewöhnliches Rahmenprogramm und attraktive Vermittlungsangebote sein. Jedoch sollte nicht nur das Angebot von einer guten Qualität zeugen, auch das Personal muss fachkundig geschult sein, und den Anforderungen der Kunden entsprechen können. Es ist wichtig, sich von anderen Museen positiv zu unterscheiden, um so als vorziehenswürdig zu gelten. Ziel ist es seine Stärken zu erkennen und diese differenziert vom Konkurrenzangebot darzulegen. Auch der finanzielle Aspekt ist bei Kunden ein wichtiges Bewertungskriterium. Nur wer ein optimales Kosten – Nutzen Verhältnis anbieten kann, hat die Möglichkeit sich langfristig von der Konkurrenz zu unterscheiden. Auch Kooperationen mit anderen Einrichtungen, Schulen oder Vereinen können Vorteile und potentielle neue Besucher mit sich bringen. Man kann neue Ressourcen erschließen und nutzen. Es muss grundsätzlich festgehalten werden, dass die Wettbewerbsvorteile und die damit verbundene Vorziehenswürdigkeit nur dann gegeben sind, wenn diese vom Kunden wahrgenommen werden und eine gewisse Dauerhaftigkeit besitzen.
Doch nicht nur im Bereich des „Marktwertes“ des Museums wird sich das Von der Heydt-Museum durch das gemeinsame Ausstellungsprojekt neu positionieren können, sondern durch die intensive wissenschaftliche Zusammenarbeit mit der Universität, ergibt sich die Möglichkeit für das Museum auch im Bereich der kunstwissenschaftlichen Forschung eine fortgeschrittene Position einzunehmen. Die seit Jahren kaum angetastete Literatur zur „Sturm“-Forschung wird seitens der Universität neu aufgerollt, ergänzt und neue Forschungsergebnisse sollen in einem wissenschaftlichen Katalogteil erscheinen. Durch eine von der „Sturm“-Forschung unabhängige Beschäftigung mit den „Sturm“-Künstlern in den Seminaren sowie bei der gemeinsamen Arbeit seitens der Universität wie des Museums stellen sich bereits einige Tatsachen in neuem Licht dar und die einschlägige „Sturm“-Literatur wie etwa die Publikationen von Georg Brühl und Volker Pirsich aus den 1980er Jahren können ergänzt und erweitert werden. Ebenso profitiert diese Arbeit von der Beschäftigung mit der Literatur zu „Sturm“-Künstlern und besonders durch das Aufarbeiten der zahlreichen publizierten Briefwechsel im „Sturm“-Dunstkreis, da sich hierbei ebenso interessante Details auftun, die hilfreich bei der theoretischen und wissenschaftlichen Unterfütterung eines Rahmenprogramms zur Ausstellung sind. Ziel dieser Arbeit soll es daher sein, ein abwechslungsreiches Begleitprogramm für die Ausstellung „Der Sturm“ zu gestalten, durch das sich das Von der Heydt-Museum von Ausstellungen anderer Museen absetzten kann und den Besuchern die Möglichkeit gibt die Ausstellungsinhalte auf unterschiedlichen Wegen kennenzulernen. Im ersten Teil dieser Arbeit wird im Hinblick auf den wissenschaftsbetonten Schwerpunkt der „Sturm“- Ausstellung ein Programm für eine interdisziplinäre wissenschaftliche Übung ausgearbeitet, die in Kooperation mit dem germanistischen Fachbereich der Bergischen Universität Wuppertal unter der Leitung von Prof. Dr. Matías Martínez beziehungsweise Antonius Weixler, M.A., im Wintersemester 2011/12 stattfinden soll. Die Ergebnisse dieser Übung werden von den Studierenden in einer Vortragsreihe im Von der Heydt-Museum präsentiert, beziehungsweise von einem der leitenden Professoren zusammengefasst und im Rahmen des abschließenden „Sturm“-Abends vorgetragen. Sie bilden somit einen besonderen Bestandteil des Rahmenprogramms. Inhaltliche Aspekte der „Sturm“-Programmatik, vor allem der Beziehungen zwischen Literatur und Malerei im „Sturm“ werden in diesem Zusammenhang untersucht und erläutert. Daran schließt sich in Kapitel 2 eine Untersuchung der „Sturm“-Kunstabende von Herwarth Walden an. Zudem wird ein grobes Konzept für die Durchführung eines oder mehrerer „Sturm“-Gedächtnisabende innerhalb des Rahmenprogramms der Ausstellung im Von der Heydt-Museum geliefert, an dessen Ausführung wiederum Teilnehmer der Kooperation von den Universitäten ihre Ergebnisse präsentieren könnten. In Kapitel 3 wird der Audioguide als multimediale Vermittlungsform im Museum und Erweiterung des besucherorientierten Angebots untersucht werden. Ziel ist es zum einen, den Audioguide als Vermittler mit seinen Vor- und Nachteilen sowie Alternativen zum Audioguide vorzustellen und zum anderen einen Ansatz eines Konzeptes für einen Audioguide für die „Sturm“-Ausstellung zu erstellen. Das Konzept soll von kurzen Hörtexten beispielhaft untermauert werden. In Kapitel 4 wird ein Konzept zur Vermittlung der „Sturm“ – Ausstellung dargelegt. Zum einem wird herausgestellt, welche wirtschaftlichen Aspekte nötig sich, um sich vorziehenswürdig zu positionieren und ein attraktives Programm anzubieten, zum anderem konkrete Umsetzungsmöglichkeiten für Führungen und Workshops mit Kindern und Jugendlichen. Neben dem regulären Angebot gibt es auch ein Konzept, wo einmal Jugendliche eine Führung für Jugendliche entwickeln und auch durchführen, zum anderen Kinder, die begleitend ein Vermittlungsangebot für Erwachsene erarbeiten und auch umsetzen. 1. Zielgruppenfindung Wie bereits in der Einleitung angedeutet wurde, ist die Förderung der Erforschung der Bedeutung des „Sturms“ für die Kunst- und Kulturgeschichte eines der Ziele der „Sturm“-Ausstellung im Wuppertaler Von der Heydt-Museum. Es finden daher bereits seit dem Sommersemester 2009 kunstwissenschaftliche Lehrveranstaltungen unter der Leitung von Frau Prof. Dr. von Hülsen-Esch an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf statt, die zur Vorbereitung der Ausstellung Wesentliches beigetragen haben. Auch für den Katalog wurden Themengebiete sondiert und Autoren ins Auge gefasst, die die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der „Sturm“-Thematik voran treiben. Studierende sowie Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen stellen demzufolge eine wichtige Zielgruppe der Ausstellungskonzeption dar. Eine weitere Zielgruppe der Ausstellung bilden die Wuppertaler Bürgerinnen und Bürger. Sie nehmen das Angebot des Von der Heydt-Museums mit großer Wahrscheinlichkeit durch die lokalen Medien oder durch das Vorbeilaufen am Museum wahr, doch es kann nicht als selbstverständlich erachtet werden, dass sie die „Sturm“-Ausstellung auch tatsächlich besuchen. Um im Wettbewerb mit andern Anbietern von Kultur- und Freizeitangeboten bestehen zu können, und aus Sicht der Wissenschaftler und Studierenden sowie der Wuppertaler Bürgerinnen und Bürger „vorziehenswürdig“ zu werden – um also „Wettbewerbsvorteile“ zu erzielen – ist es notwendig, dass das Museum die jeweiligen Bedürfnisse der Besuchergruppen kennenlernt und dementsprechende Angebote zu schafft. Es kann dann erreicht werden, dass der einfache, eventuell sogar wiederholte Besuch der „Sturm“-Ausstellung für die jeweilige Zielgruppe besonders lohnenswert und das Von der Heydt-Museum zum favorisierten Anlaufpunkt wird – auch für zukünftige Museumsbesuche.
