KOMMUNIKATIONS- UND MEDIENWISSENSCHAFT

Fragmentierung öffentlicher Kommunikation

Demokratien brauchen Partizipation als Grundlage ihrer Legitimierung. Partizipation braucht einen integrierenden Raum öffentlicher Kommunikation, in dem die Auseinandersetzung um die besten Optionen für die Regelung der Angelegenheiten aller ausgetragen wird – vor den Augen und unter Mitwirkung aller. Wandlungsprozesse in der politischen Kultur (wachsende Distanz zur Politik, Stratifikation im Niveau der Partizipation) im Verein mit Wandlungen im Mediensystem (Vervielfachung der Angebote, Entertainisierung bzw. Segmentierung von Qualitäts- und Boulevardformaten, Individualisierung im Zuge der Netzwerkkommunikation) werfen die Frage auf, ob Medien einen solchen integrierenden Kommunikationsraum überhaupt noch herstellen.

Das ist eine Kernfrage für die Analyse der Öffentlichkeit. Ihr kommt erhebliche demokratietheoretische Relevanz zu. Vorliegende Studien argumentieren theoretisch-konzeptionell, teils spekulativ oder liefern Einsichten von begrenzter Reichweite. Es bleibt eine Vielzahl von Fragen zu klären wie beispielsweise:

  • Inwieweit überschneidet sich das Themenrepertoire in Medien mit unterschiedlichen publizistischen Konzepten (Qualitätszeitung, Regionalzeitungen, Boulevardzeitungen, Online-Informationsseiten u.a.)? Welche Eigenschaften haben die Themen, über die in allen Formaten berichtet wird (etwa in Kategorien der Nachrichtenfaktoren)? Welche Eigenschaften haben die Themen, über die exklusiv in Qualitätsmedien oder in Boulevardmedien berichtet wird?
  • Wie lassen sich Kriterien dafür finden, welche Schnittmenge von quer durch verschiedenen Informationsquellen behandelten Themen es geben muss, damit die Öffentlichkeit ihre Kernfunktionen (Transparenz, Orientierung, Validierung) erfüllen kann? Wie viel Themenkonsonanz ist also nötig? Wie lässt sich das begründen? Wie könnte ein Maßstab dafür bestimmt werden?
  • Welche Qualitäten hat die Darstellung konsonanter Themen in den verschiedenen publizistischen Formaten in den Dimensionen Relevanz und Pluralität? (Siehe hierzu auch die Fragestellungen beim Thema „publizistische Qualität“) Inwiefern müssen über die Themenkonsonanz hinausgehend weitere Kriterien publizistischer Qualität erfüllt werden, damit Öffentlichkeit ihre integrierende Funktion wahrnehmen kann?
  • Inwiefern unterscheidet sich das Spektrum der wahrgenommenen Themen auf der gesellschaftlichen Agenda zwischen Menschen mit unterschiedlichen Informationsrepertoires? Bewegen sich Nutzer von GMX und Facebook in anderen „Themenlandschaften“ als regelmäßige Leser einer Tageszeitung? – Wie sind z. B. Informationsrepertoires von Studierenden zusammengesetzt? Welche Typen lassen sich ausmachen? Was bedeutet der Unterschied in den Informationsrepertoires für die Wahrnehmung von Themen und Konfliktpositionen? Mit welchen Eigenschaften (Ressourcen und Einstellungen) hängen die differenten Informationsrepertoires zusammen? (Siehe weitere Einzelfragestellungen auch beim Thema „kommunikative Milieus“)

Theoretische Grundlagen: Theorie der Öffentlichkeit, Selective Exposure, politische Soziologie

Mögliche methodische Vorgehensweisen: Inhaltsanalyse, Befragung