KOMMUNIKATIONS- UND MEDIENWISSENSCHAFT

Zur Kritik der Medienkritik

Medien geben Orientierung. Medienkritik schafft Orientierung über diese Orientierungen. Sie bringt sie zur Sprache, deckt ihre Entstehungskontexte auf. In einer Gesellschaft, in der Weltanschauungen und Erlebnisweisen von Medien geprägt sind, ist die öffentliche Medienkritik ein unverzichtbares Medium gesellschaftlicher Verständigung und Selbstreflexion. Was leistet Medienkritik für diese Verständigung? Was kann sie leisten? Darüber schafft das Projekt auf drei Wegen mehr Klarheit.

(1) Die Analyse der inhaltlichen Leistungen der Medienkritik untersucht Formen programm- oder sendungsbegleitender Fernsehkritik aus einem breiten Spektrum von Printmedien daraufhin, welchem Darstellungsanliegen die Texte folgen (Unterhaltung, Kommentierung, Hintergrundinformationen o.a.), in welcher Hinsicht die Programmangebote besprochen werden (Ästhetik des Fernsehens, "Befindlichkeiten" und Entwicklungen in der Gesellschaft, politische Kultur), aus welchen Quellen die Kritik ihre Argumente schöpft (Selbstdarstellungen der Anbieter, journalistischer Diskurs, politische Debatte, Wissenschaft o.a.) und welche Maßstäbe der Programmbeurteilung unterlegt sind. Darüber hinaus werden öffentliche Debatten analysiert, in denen die Rolle der Medien in Gesellschaft oder Politik problematisiert worden ist - wie im Kontext des letzten Bundestagswahlkampfs („TV-Duelle“), in der ausführlichen Metaberichterstattung über die Berichterstattung zum Irakkrieg, in der Berichterstattung zur Insolvenz des Kirch-Konzerns sowie in der publizistischen Begleitung des Show „Deutschland sucht den Superstar“. Die Argumentations- und Diskursanalysen rekonstruieren typische Deutungsmuster öffentlicher Medienkritik. Diese Deutungsmuster geben an, welches Verständnis die Gesellschaft von ihrer Medialisierung hat.

Auf Basis der Inhaltsanalysen lassen sich mehrere Typen fernsehbezogener Publizistik unterscheiden: Programm- und Boulevardpresse praktizieren mit Service- und Unterhaltungsjournalismus, die die Attraktivität des Unterhaltungsmediums Fernsehen nutzen und fortschreiben, eine Art publizistischer Symbiose mit dem elektronischen Medium. Vor allem in der überregionalen Presse findet sich ein breites Spektrum von Textsorten, die der öffentlichen Reflektion eine Grundlage geben. Sie reichen von der Programmkritik, die an den Maßstäben der Kunstkritik geschult ist, über ein zeitdiagnostisches Räsonnement, das Fernsehsendungen als Zeit-Zeichen liest, bis zum parodistischen Spiel mit den Unterhaltungsofferten des Fernsehens. Die medienjournalistische Berichterstattung über Kontexte und Hintergründe ist allerdings durch eine „Ökonomisierung“ der Perspektive auf das Medium Fernsehen verengt. Die Kritik an der telegenen Darstellung von Politik und Politikern wird durch die publizistische Parteilichkeit in politischen Konflikten perspektivisch verengt.

(2) Die Analyse des Systems der Medienkritik untersucht, in welche redaktionellen Strukturen die ‚Produktion' von Programm- und Medienkritik eingebettet ist, welche Handlungsoptionen und Abhängigkeiten damit einhergehen, welche ‚Umwelten' die Medienkritiker beobachten, an welchen Akteuren und Ereignissen sie sich orientieren, zu welchen Akteuren bei Medienanbietern, in Politik oder Wissenschaft sie Beziehungen unterhalten usf. Auf diese Weise werden die institutionellen Strukturen und die ‚Netzwerke' transparent gemacht, die das ‚System' der Medienkritik ausmachen.

Die Befunde zeigen, dass die Strukturen, die Medienjournalismus und –kritik tragen, fragil und volatil sind. Die Binnenorientierung an den Akteuren der Branche, eine schwache Institutionalisierung innerhalb der Redaktionen sowie in der Profession und schließlich eine starke Abhängigkeit von den Konjunkturen des Zeitungsgeschäfts schwächen das publizistische Potenzial von Medienjournalismus und Medienkritik.

(3) Auf der Grundlage der kritischen Diskussion der Befunde zu den inhaltlichen Leistungen der Medienkritik sowie zu den vorfindlichen Formen ihrer Institutionalisierung werden abschließend konzeptionelle Vorschläge entwickelt, wie die Selbstreflexivität der ‚Mediengesellschaft' gefördert werden kann. Im Zentrum steht das Konzept einer „Media-Governance“, das Selbstverpflichtungen von Medienunternehmen zur einer transparenten und sich vor dem Publikum verantwortenden Unternehmensführung fordert. Darüber hinaus wird für Anreizstrukturen plädiert, die es externen Akteuren wie Nutzerinitiativen ermöglicht, ihre Ansprüche und ihre Kritik mit Aussicht auf Resonanz zu artikulieren.

 

Publikation:

Weiß, Ralph (Hrsg.) (2005): Zur Kritik der Medienkritik. Wie Zeitungen das Fernsehen beobachten. Berlin: Vistas.

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