KOMMUNIKATIONS- UND MEDIENWISSENSCHAFT

Der Einzelne und die Öffentlichkeit. Die Wahrnehmung öffentlicher Meinung in Online-Öffentlichkeiten und ihre Folgen für die Artikulationsbereitschaft.

Teilprojekt der DFG-Forschergruppe 1381 "Politische Kommunikation in der Online-Welt" (www.fgpk.de). Laufzeit: 2011-2017.

Projektleiterin: Prof. Dr. Christiane Eilders
Projektmitarbeiter: Pablo Porten-Cheé, M.A.

Das Projekt nimmt die Folgen des Medienwandels für den Wandel der politischen Kommunikation in den Blick. In zwei Phasen wird untersucht, wie die Nutzung von Online-Medien die Wahrnehmung der öffentlichen Meinung beeinflusst und wie sich dies auf das Diskursverhalten der Menschen auswirkt. Ziel ist es, die Folgen einer durch die Online-Kommunikation fragmentierten Öffentlichkeit für die Beteiligung am politischen Diskurs zu untersuchen und damit Mikro- und Makroebene zu verbinden. Theoretische Grundlagen sind auf Makroebene das Forumsmodell von Öffentlichkeit und auf Mikroebene die Theorie der Schweigespirale.

1. Phase (August 2011 - Juli 2014)

Fragestellung

In der ersten Phase wird untersucht, inwieweit eine mögliche Erweiterung des Medienrepertoires der einzelnen Publikumsmitglieder um vornehmlich nutzergenerierte Angebote, die Wahrnehmung der öffentlichen Meinung und die Artikulationsbereitschaft beeinflusst. Grundannahme ist, dass das Bild öffentlicher Meinung durch die individuelle Mediennutzung bestimmt ist. Da die individuellen Nutzungsmuster durch das größere und vielfältigere Angebot stark auseinanderfallen können, wird gefragt, ob sich somit je unterschiedliche Vorstellungen über die öffentliche Meinung ergeben. Ferner wird gefragt, ob sich Personen, die vornehmlich nutzergenerierte Online-Angebote nutzen, auch in ihrer Artikulationsbereitschaft von Personen mit überwiegender Nutzung von Massenmedien unterscheiden. Die Artikulationsbereitschaft wird getrennt für die verschiedenen offline- und online-spezifische Bedingungen untersucht.

Methode

Die Fragestellung wurde in zwei methodisch identischen Querschnittstudien untersucht. Die erste Studie fand im Kontext der Umweltkonferenz „Rio+20“ im Juni 2012, die zweite Studie im Kontext der Bundestagswahl im September 2013 statt. Via Online-Screenings wurden Stichproben von politisch interessierten Mediennutzern gezogen (Studie 1 = 444, Studie 2 = 201). Die Studien kombinierten Online-Tagebücher zur Mediennutzung, Befragung und Inhaltsanalyse. Die Befragten dokumentierten ihre klimabezogene bzw. wahlbezogene Mediennutzung (offline und online) in Online-Tagebüchern. Die individuell genutzten Medienbeiträge wurden recherchiert und einer quantitativen Inhaltsanalyse unterzogen (Studie 1 und 2 jeweils über 1000 Medienbeiträge). Die Wahrnehmung der öffentlichen Meinung und die Artikulationsbereitschaft zu den Themen Klimawandel bzw. Bundestagswahl wurden in einer Online-Befragung erhoben. Anonyme und niederschwellige Online-Kommunikation via Facebook-„like-button“ wurden dabei als Szenarien der Artikulation berücksichtigt. Durch die Verknüpfung von Tagebuchdaten, Befragungs- und Inhaltsanalysedaten konnten die individuelle Mediennutzung, die Wahrnehmung öffentlicher Meinung und die Artikulationsbereitschaft in Beziehung gesetzt werden.

Befunde

In Bezug auf den Klimawandel liegen die Befunde vollständig vor. Menschen, die nicht-journalistische Online-Medien präferieren, waren mit weniger unterschiedlichen Meinungen zum Klimawandel konfrontiert als Nutzer, die Massenmedien präferieren. Gleichwohl zeigte sich kein Einfluss der Mediennutzungspräferenz auf die Wahrnehmung der öffentlichen Meinung. Ferner führte die Dissonanz zwischen eigener und wahrgenommener öffentlicher Meinung entgegen der Annahmen nicht zum Schweigen – unabhängig vom Setting (face-to-face-, Klarname anzugeben, anonym, Facebook-„like button“). Meinungsdissonanz stimulierte sogar die Redebereitschaft. Die Artikulationsbereitschaft fiel dabei in den anonymen und niederschwelligen Settings höher aus als unter Präsenzbedingungen. In Bezug auf die Bundestagswahl werden die Befunde wegen der noch ausstehenden Inhaltsanalysen vollständig erst im Herbst 2014 vorliegen.

 

2. Phase (August 2014 - Juli 2017)

Fragestellung

In der zweiten Phase nimmt das Projekt die in der Online-Welt weit verbreiteten Empfehlungen (likes) und Weiterleitungen (shares) einzelner Angebote sowie die Nutzerkommentare (comments) zu diesen Angeboten als Popularitätshinweise (PHe) in den Blick. Die Fallbeispielforschung und der Ansatz der Publikumsvorstellungen legen nahe, dass PHe für die mediale Umweltbeobachtung der Rezipienten zusätzliche und leicht erfassbare Informationen bereitstellen. PHe wären damit für die Wahrnehmung öffentlicher Meinung besonders relevant. Das Projekt untersucht, inwiefern sich PHe in massenmedialen und nutzergenerierten Online-Angeboten auf die Wahrnehmung öffentlicher Meinung, die Artikulationsbereitschaft und auch auf die Einstellungen der Nutzer auswirken.

Methode

Mit Blick auf den kulturell unterschiedlichen Stellenwert der öffentlichen Meinung (Kollektivismus vs. Individualismus) wird die Wirkung der PHe in einem experimentellen Design vergleichend in Deutschland und Südkorea überprüft. Die südkoreanische Vergleichsstudie wird von der Kooperationspartnerin Prof. Dr. Eun-Ju Lee (Seoul National University) geleitet. Als Stimuli werden Online-Beiträge mit Kombinationen von drei Arten von PHen (likes, shares, comments) für vier Themen erstellt. Als abhängige Variablen werden die Wahrnehmung der öffentlichen Meinung und die Artikulationsbereitschaft sowie themenbezogene Einstellungen erfasst. Wegen der verschiedenen Arten von PHen und der vier Themen in zwei Ländern sind Experimentalreihen mit insgesamt 2160 Personen vorgesehen.

Hypothesen und Ausblick

Es wird angenommen, dass die mit PHen markierten Beiträge die Wahrnehmung der öffentlichen Meinung in die Richtung der likes und shares beeinflussen. In Bezug auf die comments ist zu fragen, wie die Wahrnehmung öffentlicher Meinung durch übereinstimmende bzw. durch kontroverse Meinungen in den Kommentaren beeinflusst wird und welche Rolle die Übereinstimmung oder die Dissonanz der Kommentare mit der im Beitrag zum Ausdruck kommenden Meinung dabei spielt. Die Artikulationsbereitschaft dürfte entlang der Annahmen der Theorie der Schweigespirale je nach dem Verhältnis zwischen wahrgenommener öffentlicher Meinung und eigener Meinung variieren. Für Südkorea werden wegen der stärker kollektivistisch orientierten Kultur stärkere Zusammenhänge als für Deutschland erwartet. Nach einem Pretest der Instrumente und Stimuli im Frühjahr 2015 sind die Experimentalreihen für Spätsommer 2015 vorgesehen.

 

Publikationen

  • Eilders, C. & Porten-Cheé, P. (2016). Spiral of silence revisited. In: G. Vowe & P. Henn (Hrsg.): Political communication in the online world: Theoretical approaches and research designs (pp. 88-102). New York: Routledge.
  • Bernhard, U., Porten-Cheé, P., & Schultze, M. (2016). Survey research online. In: G. Vowe & P. Henn (Hrsg.): Political communication in the online world: Theoretical approaches and research designs (pp. 218-232). New York: Routledge.
  • Porten-Cheé, P. & Eilders, C. (2015). Spiral of silence online: How online communication affects opinion climate perception and opinion expression regarding the climate change debate. Studies in Communication Sciences, 15(1), 143-150. >zum Volltext
  • Eilders, C. & Porten-Cheé, P. (2014). Die Schweigespirale unter Bedingungen von Online-Kommunikation: Eine Untersuchung im Kontext der Bundestagswahl 2013. In: C. Holtz-Bacha (Hrsg.): Die Massenmedien im Wahlkampf: Die Bundestagswahl 2013 (S. 293-316). Wiesbaden: Springer VS.

Vorträge

  • Porten-Cheé, P. & Eilders, C. (2017, angenommen). The power of "many likes". Online popularity cues' effects on personal opinion and public opinion perception. International Communication Association Annual Conference, 25.-29. Mai, San Diego.
  • Dohle, M., Eilders, C., Kelm, O., & Porten-Cheé, P. (2017). How perceptual processes affect individuals' political communication activities: Results of a research program. Preconference: "Political Communication in the Online World". International Communication Association Annual Conference, 25.-29. Mai, San Diego.
  • Porten-Cheé, P. & Eilders, C. (2016). The sense of the visible others: Effects of online popularity cues on public opinion perception and personal opinion formation. European Communication Conference of the European Communication Research and Education Association, 9.-12. November, Prague.
  • Eilders, C. & Porten-Cheé, P. (2016). Effects of popularity cues on public opinion perception: Theoretical approach and findings of an online diary study on climate change. International Communication Association Annual Conference, 9.-13. Juni, Fukuoka.
  • Porten-Cheé, P., & Eilders, C. (2015). The paradox of online communication and audience fragmentation. Evidence from two online diary studies in Germany. Conference of the Political Communication Section of the European Communication Research and Education Association, 27.-28. August, Odense.
  • Porten-Cheé, P., & Eilders, C. (2014). Das Paradox der Online-Kommunikation. Publikumsfragmentierung unter Bedingungen von Angebotsvielfalt. Jahrestagung der Fachgruppe Soziologie der Medienkommunikation der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, 9.-11. Oktober, Düsseldorf.
  • Eilders, C. & Porten-Cheé, P. (2014). The spiral of silence under online conditions: Individual media repertoires and their effects on public opinion perception and willingness to speak out. Digital Disruption to Journalism and Mass Commnucation Theory Conference, 2.-3. Oktober, Brüssel.
  • Eilders, C. & Porten-Cheé, P. (2014). Perception of Public Opinion and Willingness to Speak Out in Fragmented Audiences. International Communication Association Annual Conference, 22.-26. Mai, Seattle.
  • Porten-Cheé, P., & Eilders, C. (2013). Scanning public opinion through the media. Effects of differential media use on the perception of public opinion. International Association for Media and Communication Research 2013 Conference, 25.-29. Juni, Dublin.
  • Porten-Cheé, P., & Eilders, C. (2013). Beyond the Mass Media: Fragmentation in Non-journalistic Online Media Content on Climate Change. International Communication Association Annual Conference, 17.-21. Juni, London.
  • Porten-Cheé, P., & Eilders, C. (2013). Der Einfluss von nicht-journalistischen Online-Inhalten auf die Artikulationsbereitschaft zum Thema Klimawandel. Erste Befunde einer Mehrmethodenstudie auf Individualdatenniveau. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, 08.-10. Mai, Mainz.
  • Eilders, C., & Porten-Cheé, P. (2012). Public Spheres in Social Media. European Communication Conference of the European Communication Research and Education Association, 24.-27. Oktober, Istanbul.
  • Porten-Cheé, P., & Eilders, C. (2012). Die Schweigespirale in der Online-Kommunikation. Modell und methodische Konsequenzen. Gemeinsamer Workshop des DFG-SPP 1505 „Mediatisierte Welten“ und der DFG-FG 1381 „Politische Kommunikation in der Online-Welt“, 05. Juli, Düsseldorf.
  • Eilders, C., & Porten-Cheé, P. (2012). The sense of the imaginary others. Theoretical and conceptual considerations on online users’s perception of public opinion. Preconference: "Political Communication in the Online World: Innovation in Theory and Research Designs". International Communication Association Annual Conference, 23. Mai, Phoenix.
  • Eilders, C., & Porten-Cheé, P. (2012). Der Einzelne und die Öffentlichkeit. Die Wahrnehmung öffentlicher Meinung in Online-Öffentlichkeiten und ihre Folgen auf die Artikulationsbereitschaft. 57. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, 16.-18. Mai, Berlin.