Bitef - Belgrade International Theater Festival
15 - 20 Juni 2008
Idee des Seminars
Alles was wir vortrugen, war unverständlich, aber es betraf in erster Linie die Weltrevolution und unsere Rolle darin.
Opa nahm die Melone ab und verkündete: ‚Ich werde meine Tür den Dieben öffnen, sollen sie doch alles wegschleppen aus diesem Haus, das Langeweile erzeugt und andere schlechte Eigenschaften.’ Mama sagte: ‚Ich werde alle Blumen zertrampeln und das ganze Gras ausrupfen, weil es unnütz und sogar schädlich für die künftige Entwicklung ist!’ Papa behauptete: ‚Ich werde, wenn nötig, auf den Händen gehen!’, verhedderte sich aber zwischen zwei Stühlen und fiel hin, wegen des Alkohols. […] Opa schrie: ‚Wir werden alle wahnsinnig, und das wird unsere Rettung sein.’
Es ist ein besonderer Blick, den Boris Ćosić auf sein Land und seine Stadt Belgrad wirft. Es ist der naive, direkte Blick eines Kindes, das Krieg, Faschismus und Kommunismus als Mitglied einer chaotischen Belgrader Familie erlebt. „Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution“ war ein Kultbuch in Jugoslawien, ist ein Meisterwerk der Subversion. Seit einigen Jahren wird Ćosićs ‚Weltrevolution’ in einer Dramatisierung am Belgrader Atelje 212 gezeigt. Diese und andere Belgrader Bühnen werden Zielpunkte unserer theatralen Erkundung Belgrads sein.
Natürlich liegt es auf der Hand zu sagen, dass, wer in mehr als einem System gelebt hat, über andere und in gewisser Weise mehr Erfahrungen verfügt, als jemand, der nur ein System kennt, so wie sich erst „durch das Erlernen einer oder mehrerer Fremdsprachen ein Verständnis für Möglichkeiten und Grenzen der Muttersprache ergibt, so Ingo Schulze in einem Sammelband zur „Post-Communist Condition“. Massiv stehen wir Westler vor diesem Problem, wenn wir uns weiter nach Osten begeben. In der Konfrontation mit Belgrader Theatern scheint der Unterschied der Erfahrungen zunächst unüberwindliche Grenze zu sein.
In Zusammenarbeit mit dem international renommierten BITEF (Belgrade International Theater Festival) und unter der Leitung von Ruth Heynen und Manfred Weber, geschäftsführender Direktor des Düsseldorfer Schauspielhauses und Kenner der serbischen und kroatischen Theaterszene, fand im Juni 2008 eine intensive Woche an den Belgrader Bühnen statt. In tägliche Theaterbesuchen, begleitet von Seminarsitzungen mit den Leitern des BITEFS, konnten sich die Studenten auf die theatrale Erkundung Belgrads begeben; einer Stadt, in der die Frage nach der Verbindung von Kunst und politischer, gesellschaftlicher und historischer Situation auf der Hand liegen.



