MAX WEBER-GESAMTAUSGABE

Dissertation Thomas Gerhards

Heinrich von Treitschke:
Rezeptionsgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert

 

Heinrich von Treitschke (1834-1896) war einer der bedeutendsten deutschen Historiker und politischen Pub-lizisten des 19. Jahrhunderts. Als Hochschullehrer v.a. in Berlin, als Autor einer mehrfach aufgelegten „Deutschen Geschichte im neunzehnten Jahrhundert“ und als Herausgeber der liberal-konservativen „Preußischen Jahrbücher“ (1866-1889) reichte sein Einfluß weit über das akademische Gelehrtenmilieu hinaus. Welchen Einfluß er jedoch tatsächlich hatte, wie sich sein Denken auf folgende Generationen und die politischen Mentalitäten auswirkte, wurde bisher in der historischen Forschung eher vermutet als konkret unter-sucht. Es ist das Anliegen der Dissertation, diese Forschungslücke weitestgehend zu schließen und danach zu fragen, wie Treitschke rezipiert wurde. Im Zentrum des Interesses steht also weniger er selbst, als das Bild, das man sich von ihm v.a. in der historiographischen Literatur der letzten 100 Jahre gemacht hat. Die Arbeit erforscht Treitschkes „Nachleben“ chronologisch, d.h.: Die relevante Literatur wird in ihrem zeitlichen Ent-stehungskontext entlang der gängigen Epocheneinschnitte der deutschen Geschichte analysiert (Kaiserreich, Erster Weltkrieg, Weimarer Republik, Nationalsozialismus, DDR, frühe und späte Bundesrepublik).

Treitschke war und ist nach wie vor ein „Stein des Anstoßes“ (W.J. Mommsen) für jeden Historiker und politisch Interessierten, der seine Werke liest. Nach einem Wort Friedrich Meineckes ist damit nahezu zwangsläufig jedes Urteil über ihn ein politisches. Die Arbeiten über ihn sind und waren daher stets in ho-hem Maße von einer pro- oder contra-Haltung geprägt. Im Zentrum der Forschungen standen dabei v.a. drei Themen: seine politische Geschichtsschreibung, seine Machtstaatsideologie und (v.a. in den letzten 40 Jah-ren) sein Antisemitismus. Die Analyse dieser Forschungen zeigt, daß die pro- und contra-Haltungen keineswegs immer gleichzusetzen waren oder sind mit den grundsätzlichen politischen Dispositionen der Interpre-ten. Zustimmung oder Ablehnung lag dabei oft quer zu den gängigen politischen Frontlinien: sozialistische Autoren beispielsweise schätzten seine politische Meinungsfreudigkeit, die von Konservativen zumeist als unhistorisch abgelehnt wurde; manch deutsch-jüdischer Historiker verteidigte ihn gelegentlich gegen die Gleichsetzung seines Antisemitismus mit dem der Rassenantisemiten oder Nationalsozialisten; deutsche Pazifisten sahen in seiner Machtstaatsfixierung den eminenten Ausdruck einer deutschen politischen Kultur, die im Ersten Weltkrieg enden mußte, manche ausländische Historiker (wie Benedetto Croce) betonten demgegenüber die Normalität und Notwendigkeit dieses Denkens in ihrer Zeit.

Die Arbeit macht somit deutlich, daß die gängige Auffassung eines positiven Treitschkes-Bildes vor 1945 und eines negativen seither zugunsten differenzierterer Urteile aufzulösen ist. Die Analyse der umfangrei-chen Forschung vor 1945 läßt eine Interpretation Treitschkes als emblematischer Figur eines negativen „deutschen Sonderwegs“ als zweifelhaft erscheinen. Bis 1945 läßt sich ein Rückgang der intensiven Rezeption seiner Werke feststellen, von deren konkreten Aussagen er zunehmend getrennt wurde. Übrig blieb so die mythisierte und inhaltlich ausgehöhlte „Persönlichkeit“ Treitschkes, um diese für spezifische politische Ziele alldeutscher oder nationalsozialistischer Provenienz nutzbar zu machen. Sein negativer Einfluß auf die politische Kultur Deutschlands lag dabei oftmals weniger in ihm und seinen Werken selbst begründet, als in dem Bild, das man von ihm geradezu konstruierte.