VIII: GESCHICHTE DER FRÜHEN NEUZEIT

Tagungsbericht

Weiterführende Internetangebote:

www.diskursforschung.de und www.diskursanalyse.net

Einleitung: Achim Landwehr, Diskursgeschichte und Geschichte als Diskurs

Zum Auftakt gab ACHIM LANDWEHR (Düsseldorf) eine Standortbestimmung der Diskursanalyse in der Geschichtswissenschaft: Nach der im Vergleich zu anderen geisteswissenschaftlichen Disziplinen etwas verspätet einsetzenden Rezeption des Konzeptes in den 1980er Jahren vollzog sich in den 1990ern ein Paradigmenwandel von einer teilweise polemisch geführten Diskussion über die Existenzberechtigung der Diskursanalyse überhaupt zu einer entkrampfteren Betrachtungsweise. Seit etwa einem Jahrzehnt ist sie in der Geschichtswissenschaft angekommen. Gerade mit der Kulturgeschichte ist das Konzept der Diskursanalyse eine enge und zunehmend unauflösliche Verbindung eingegangen. Was bleibt nun zu tun? Noch immer ist auffällig, dass die historische Diskursanalyse nicht nur methodisch, sondern auch bei der Wahl ihrer Untersuchungsgegenstände Foucaults Werk eng verbunden bleibt: So finden sich diskurstheoretische Abhandlungen zu Wissenschaft, Sexualität, Geschlechtsidentität, Strafpraktiken und Strafvollzug in Fülle, obwohl das zu behandelnde Themenspektrum breiter gefächert, ja praktisch unbeschränkt ist. So gerät die Diskursanalyse in die Gefahr, sich selbst zu marginalisieren, indem sie als alleiniges Instrument für die erwähnten Themen erscheint. Hinzu kommt, dass einige basale Erfahrungsdimensionen noch wenig ausgeleuchtet sind, es fehlen Untersuchungen zu Diskurs und Materialität, Diskurs und Zeit, und andere Bereiche wie Diskurs und Raum, Diskurs und Bild harren noch der Vertiefung. Ebenso wenig thematisiert, aber ebenso grundlegend ist die Verknüpfung von Diskursen mit der Kategorie des Wandels: Wandel in Diskursen und durch Diskurse findet unzweifelhaft statt, aber wie ist er zu denken?

Sektion 1: Theorie

Hilmar Schäfer, Dynamisches Wissen und die (In)-Stabilität diskursiver Praxis

HILMAR SCHÄFER (Konstanz) betrachtete in seinem Vortrag die Diskurstheorie dezidiert von einem soziologischen Standpunkt aus und stellte im Blick über Foucaults Gesamtwerk hinweg fest, dass eigentlich weniger der Wandel als vielmehr die Stabilität von Diskursen ein theoretisches Problem darstellt. Ab den 1970er Jahren entwickelte Foucault einige Ansätze, um eine soziale Hierarchie von Wissensformen fassen zu können, und thematisierte sozial diskreditiertes Wissen unterhalb des hegemonialen Diskurses als „unterworfenes Wissen“, „Wissen der Kritik“, „Wissen der Leute“, um eine Vielzahl von Widerstandspraktiken zu identifizieren, die eine Verschiebung der Machtverhältnisse im Diskurs bewirken können. So wird der homogene Diskurs in eine Mehrzahl konkurrierender, konträrer Diskurse aufgelöst, was eine Dynamisierung der Wissenskategorien bewirkt. Allerdings führt Foucault diese Ansätze nicht weit genug; notwendig ist hier eine stärker praxeologisch orientierte Analyse im Rahmen des Dispositiv-Begriffs, der unbedingt nicht nur nicht-diskursive Praktiken, sondern auch die Körperlichkeit des Menschen einbeziehen muss, um eine Wandelanalyse als Verschiebungsanalyse von Machtdimensionen zu ermöglichen.

Marian Füssel / Tim Neu, Doing Discourse. Diskursiver Wandel aus praxeologischer Perspektive

MARIAN FÜSSEL (Göttingen) und TIM NEU (Münster) argumentierten ebenfalls zugunsten eines verstärkten Einbezugs von Akteuren in die Diskursanalyse unter praxeologischen Gesichtspunkten: Unter Verweis auf Hannelore Bublitz stellt sich Diskurs als diskursive Praxis dar, was ein Praxiskonzept erfordert. Das dezentralisierte Subjekt rückt damit, anders als noch bei Foucault, wieder in den Fokus historischer Diskursanalyse, unter Einbezug des bourdieuschen Habitus-Konzepts als Grundlage einer Kombination von Diskurs und Praxis. Der körperliche Wandel des Diskurs als habitualisierte Praxis ausübenden Subjekts bedingt Diskrepanzen zwischen dem Diskurs und den diesem nicht mehr völlig angepassten habitualisierten Sprachschemata; hinzu kommt der individuelle Gestaltungsspielraum in der Ausübung diskursiver Praxis als Motoren des diskursiven Wandels. Auf die Aneignungskonzepte der Diskursteilnehmer muss also stärker eingegangen, Streit- und Konfliktstrukturen als Sichtbarmachung von gegenläufigen Normen müssen näher betrachtet werden. In den von Foucault selbst terminologisierten Brüchen und Diskontinuitäten des Diskurses wandelt sich das dem Diskurs zugrundeliegende Phänomen, nicht der Diskurs selbst; betrachtet man in erweiterter Perspektive Diskurse als Praktiken, so ändert soziale Praxis auch den Diskurs. Diese Ausweitung der historischen Diskursanalyse darf aber nicht dazu führen, dass ihr Charakter als Instrument zur mikroskopischen Nahbetrachtung verlorengeht.  

Ulrike Klöppel, Foucaults Konzept der Problematisierungsweise: Ein Ansatz zur Analyse diskursiver Trans-/Formationen

Bei ULRIKE KLÖPPEL (Berlin) trat das Konzept der Problematisierungsweise, von Foucault verhältnismäßig wenig entwickelt, in den Vordergrund. Anhand des Hermaphroditismusdiskurses vom 18. bis zum 20. Jahrhundert kann illustriert werden, dass in Diskursen angesprochene Probleme durch die in ihnen implizierte Suche nach Lösungen Wandel in Diskursen generieren. Das Problem ist hierbei nichts Naturgegebenes, sondern wird durch Problematisierungsweisen konstruiert; das Problem als Element des Diskurses und die Problemgrundlage als interpretierte Faktizität stehen in keiner notwendigen Beziehung zueinander, sondern werden willkürlich verknüpft. Der Hermaphrodit als Faktizität wird erst in der sozialen Betrachtung zu einer Herausforderung der dualen Geschlechterordnung, die es zu problematisieren gilt. Eine solche Schwierigkeit,  die zu einer Problematisierung herausfordert, konstituiert sich im Ereignis, das als Element der Diskurstheorie das Zufällige der Geschichte operationalisiert; hier ist das Zusammentreffen von Medizinern mit den selten auftretenden Hermaphroditen als solches Ereignis zu betrachten, in dessen Folge Diskurse über Problematisierungen angestoßen werden oder sich wandeln.  

Sektion 2: Körper

Silke Kurth, „Quid me mihi detrahis?“ oder das Antlitz der Agonie. Personalisierung des Mythos und künstlerische Transformation des Körperdiskurses im frühneuzeitlichen Italien

Der Vortrag von SILKE KURTH (Florenz) zeigte eine Diskursanalyse anhand der bildlichen Darstellungen der antiken Mythen von Marsias, Tityos, Prometheus und Medusa im Italien des 16. und 17. Jahrhunderts. Bei allen vieren tritt in der Darstellung das Moment der grausamen körperlichen Strafe in den Fokus. Das aus einer neoplatonisch inspirierten Interpretation erwachsende humanistische Bildprogramm für diese Motive stellt bis ins 17. Jahrhundert einen hegemonialen Diskurs dar, der eine Illustration des Sieges des Guten leisten will, als moralisches Exempel und Mahnung an Abtrünnige, und hierzu den heldenhaften Körper des Siegers als eigentliche Identifikationsfigur institutionalisiert. Dem entgegengesetzt lassen sich aber im Umschwung zum 17. Jahrhundert immer wieder Abweichungen von diesem Schema finden: Die negativen Leidensfiguren werden zentral, lebensnah dargestellt und erstmals mit Bildelementen versehen, die zuvor dem Sieger vorbehalten waren. Diskursanalytisch wird hier das Kunstsystem seit dem 17. Jahrhundert als operativ geschlossen angesehen, der Umwelt gegenüber abgeschlossen und nur durch den Systemcode interagierend. Dieser kann durch Kunsttheorie oder tatsächliche Werke aktualisiert werden, womit das Kunstsystem auf die Höhe gesellschaftlicher Entwicklungen gehoben wird. Das klassisch-humanistische Bildprogramm und das neue empathologische Symbolsystem der negativen Figuren sind Teile desselben Körperdiskurses, und wandeln sich mit dessen Schwerpunktverlagerung auf das eigene körperliche Erleben, das durch affektive Bilder stimuliert werden soll.

Peter-Paul Bänzinger, Act Up! Konstellationen und Verschiebungen im Diskurs über Aids und HIV

PETER-PAUL BÄNZINGER (Zürich) gab mit einer Darstellung des Diskurses über HIV und Aids in der Schweiz der 1980er Jahre einen primär deskriptiv orientierten Einblick in die Wandlung eines Diskurses. Von der Betrachtung der Risikogruppen unter Rekurs auf bekannte Erkrankungstypen wie Seuchen und Geschlechtskrankheiten in der Berichterstattung, die eine Bekämpfung durch Repression andeutet, wandelt sich der Diskurs zu einem auf Prävention zentrierten; der Bruch liegt hier in der Mitte der 1980er Jahre. In den Blick genommene Akteure sind NGOs, Medien und Behörden, wobei die Medien nur als Verstärker dienen, aber keine eigene Agenda verfolgen. Wesentlicher Akteur sind die NGOs, die in der Gestalt von Basisgruppen auf Strukturen der 1970er Jahre zurückgreifen können und ihre Ressourcen dazu nutzen, Prävention als Vorgehensweise stark zu machen und Selbstverantwortung durch Verhaltenskonditionierung möglich zu machen. Die Wahrnehmung der Risikogruppen ändert sich mit der Ausweitung der Zielgruppen der NGOs, zu den Homosexuellen treten die Drogensüchtigen; und der persönliche Umgang mit der Epidemie wird durch die institutionelle Wandlung vieler Basisgruppen zu NGOs weniger von Betroffenheit als von Aktionismus geprägt. Motoren des diskursiven Wandels sind hier im interpersonellen Netzwerk von Behörden und NGOs zu suchen, in dem einzelne Wahrnehmungsänderungen aufgegriffen und multipliziert werden, bis schließlich multilineare Argumentation im Diskurs über HIV und Aids möglich werden.

Sektion 3: Führungen

Désirée Schauz, Problemverarbeitung und interdiskursive Prozesse als Faktoren diskursiven Wandels in der Moderne

Theoretische Überlegungen zum Dispositiv stellte DÉSIRÉE SCHAUZ (München) unter Einbeziehung von Ansätzen Reinhart Kosellecks an. Sie plädierte für einen Wandel von der Diskursanalyse zur Dispositivanalyse, da es durch die Einführung eines Konzepts verschiedener historischer Zeitschichten möglich wird, die Brüche, Leerstellen und Lücken in Diskursen als Wandlungspunkte zu analysieren, die klassische Diskursanalyse nur konstratieren kann. Das Dispositiv kann so als Set von Diskursen, Praktiken und Denkmustern gesehen werden, die dualistische Konzeption Foucaults durch einen marxistisch angelehnten Tätigkeitsbegriff überwunden werden. Wissen kann in nicht-diskursiven Praktiken sichtbar werden, auch wenn es nicht sagbar ist. Machteffekte und nichtintendierte Folgen führen auf der Erfahrungsebene zu Änderungen im Diskurs; solche Modifikationen sind Lösungen für nicht erwartete Erfahrungen. Im Gefängnisdiskurs kommt es zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert zu Wandlungen, die durch das beständige Entweichen der Disziplinierungsobjekte aus der Disziplinierung durch Kreativität oder psychische Erkrankung hervorgerufen werden, so dass das Ziel der Disziplinierung nicht erreicht werden kann; die strukturellen und wissenschaftlich-psychologischen Reformen, die folgen, versagen jedoch ebenso. Trotz des Übergangs zu einem biopolitisch geprägten Dispositiv Ende des 19. Jahrhunderts mit der Pathologisierung des Verbrechens wird keine Besserung der Ergebnisse des Strafvollzugs erzielt; Stagnation und Wandel verschränken sich in diesem Diskurs beständig.

Bernhard Schneider, Katholische Armuts- und Armenfürsorgediskurse in Deutschland zwischen Spätaufklärung und dem Sieg des Ultramontanismus (ca. 1800-1850)

Bernhard Schneider (Trier) demonstrierte eine quantitativ wie qualitativ operierende Analyse des deutschen katholischen Diskurses über Arme und Armenfürsorge anhand eines Textkorpus aus publizistischen Quellen, Zeitschriften, Predigtbüchern und Hirtenbriefen. Es wurde deutlich, dass der Diskurs starke Wandlungen erfährt, als die katholische Kirche durch Revolution und Säkularisation ihre traditionellen Ressourcen verliert, ihre angestammten karitativen Handlungsfelder aber nicht nur zu behaupten, sondern auch gegen zunehmende staatliche und philanthropische Interessen zu verteidigen versucht. Im Fall der Barmherzigen Schwestern ist nicht nur eine deutliche Verstärkung des Diskurses in den Jahren nach einem Aufsatz Brentanos 1831 zu beobachten, sondern auch eine inventive Rückprojektion der Tradtion der Schwesternschaft vor die Säkularisation als Legitimation für die Wiederbegründung des Ordens. Es handelt sich um einen theologischen Spezialdiskurs, der in zwei klar definierbare Subdiskurse zerfällt, einen politisch-kirchenpolitischen und einen liturgisch-parenetischen, die durch verschiedene Argumentationsmuster geprägt sind; im ersten Fall wird eine Neubestimmung der Position der katholischen Kirche in der nachrevolutionären Gesellschaft versucht, im anderen eine theologische Behandlung der Armut in starker Kontinuität zu frühneuzeitlichen und mittelalterlichen Argumentationen unternommen. In beiden Fällen sind die Armen jedoch nur Objekt, nie Subjekt des Diskurses.  

Freitag, 27.03.2009

Sektion 4: Techniken

Hendrik Pletz, Diskursiver Wandel und technische Praxis. Differenzierende Wiederholung im medialen Dispositiv des Videorecorders

HENDRIK PLETZ (Köln) sprach über den diskursiven Wandel im Zeichen der technischen Reproduktion von Aussagen. Die materiellen Grundlagen der Diskurszirkulation werden von der Diskursanalyse momentan vernachlässigt, obwohl die Reproduktion von Aussagen für das Bestehen des Diskurses essentiell ist. Die Modifikationen, die Aussagen in der materiellen und medialen Reproduktion erfahren, zeigte er anhand des Videorekorders beispielhaft auf: Durch Verfremdung und kontextunabhängige Reproduktion wird das Bild zu einem Artefakt, das sich beherrschen lässt. In der ironischen Distanz, die durch dieses Wissen erzeugt wird, verliert das ursprüngliche Diskursmotiv des verrohenden Horrorfilms an affektiver Gewalt und wandelt sich zu einem neutralisierten Element der Popkultur ohne subversive Konnotationen. Der Videorekorder illustriert einerseits, dass scheinbar stabile, exakt reproduzierte Diskurse durch die Diskrepanz zum umgebenden Kontext zu Klischees und Stereotypen verflachen, der Diskurs sich damit seiner hegemonialen Macht begibt; nur durch Wandlung können Diskurse überhaupt stabilisiert werden. Andererseits ist die mediale und materielle Aufbereitung von Zeichen eine präfigurierende Bedingung der Möglichkeit des Wandels von Diskursen, sowohl auf der Ebene der Herstellung von Zeichen wie auf der semiotischen. 

Sonja Palfner, Ereignis Aussage: Eine empirische Studie über neue Wissensordnungen und ihre spezifischen Machtwirkungen im Zeichen der Brustkrebs-Forschung der 1980er und 1990er Jahre in der BRD

SONJA PALFNER (Berlin) stellte ihren Vortrag ebenso unter das Zeichen der technischen Bedingungen von Möglichkeiten diskursiven Wandels am Beispiel der Brustkrebsgene BAC A I und BAC A II. Mit der Verschiebung der Molekularbiologie in Richtung der Genetik in den 1970er Jahren werden die Grundlagen für eine erbgenetische Betrachtung des familiären Brustkrebses gelegt, der in dieser Form in den 1980er Jahren postuliert wird, auch wenn das vermutete Gen erst nach weiteren technischen Innovationen „hervorgebracht“ werden kann. Damit erweist es sich als diskursive Bedingung der Möglichkeit seiner eigenen Existenz und wird, kaum entdeckt, mit retrospektiv imaginierter Geschichtlichkeit aufgeladen. Praktiken, Menschen und Dinge gruppieren sich um das diskursive Gen und machen es zur Aussage, als es technisch nachweisbar wird. Andere, der Multifaktorizität der Erkrankung Rechnung tragende Diskursansätze werden durch die Hegemonialisierung des Gendiskurses überlagert und negiert, alle außergenetischen Ursachen bewusst aus der Diskussion entfernt. Mit der Implementation von Früherkennungsprogrammen auf dieser Grundlage wandelt sich der Diskurs allerdings wieder, als die Verantwortlichkeit der Gene stetig abnimmt; nur etwa 30% der Wahrscheinlichkeit, zu erkranken, liegen in der genetischen Veranlagung begründet, so dass neue Ursachenfaktoren gesucht werden müssen.

Sektion 5: Räume

Ute Lotz-Heumann, Wie kommt der Wandel in den Diskurs? Die Heterotopie Kurort in der Sattelzeit

UTE LOTZ-HEUMANN (Tucson) gab einen Überblick über die Wandlung des Kurort-Diskurses im langen 18. Jahrhundert unter den Bedingungen der kulturellen Funktion des Kurortes. Im foucaultschen Sinne stellt der Kurort dieser Zeit eine Heterotopie dar, in der sich die wirklichen Orte vielfältig spiegeln; er verfügt zugleich über mehr als nur medizinische Funktion und wird zu einer Projektionsfläche gesellschaftlicher Ideale jenseits des Alltags. In den Kurortratgebern tritt der Kurort selbst als diskursiver Schnittpunkt zwischen Bürgertum und Adel in Erscheinung, besonders augenfällig im Wandel der Landschaftswahrnehmungen. Wandel kann im Diskurs entweder graduell durch allmähliche Verschiebung der Grenzen des Sagbaren entstehen, oder durch Einzelakteure mit Schlüsselfunktion, „Gatekeeper“, angestoßen werden. Für den deutschen Diskurs über die Seebäder kann Georg Christoph Lichtenberg als Gatekeeper identifiziert werden, der mit der Übertragung seiner Erfahrungen mit den englischen Bädern eine Transferleistung erbringt, die entscheidende Diskurswandlungen anstößt. Beispielhaft für allmähliche Diskurswandlungen hingegen steht Karlsbad als Kurort mit andauernder Prominenz über den gesamten Untersuchungszeitraum hinweg; hier werden die negativ konnotierten Elemente der umgebenden Landschaft über die Eigenwerbung Karlsbads immer wieder neu formuliert, um sich in den Diskurs einzufügen, was diesen selbst allmählich wandelt.

Debora Gerstenberger, Diskursiver Wandel und seine Wirkung auf den imperialen Raum: Das Beispiel des luso-brasilianischen Imperiums im 19. Jahrhundert

DEBORA GERSTENBERGER (Leipzig) spürte in ihrem Vortrag den Mechanismen nach, die es dem portugiesischen Königshaus ermöglichten, auch nach der Verlegung des Hofes nach Brasilien im Jahr 1807 weiterhin als Regenten über ein portugiesisches Imperium wahrgenommen zu werden. Die Herrschaft Joãos VI. dennoch inmitten der Krise des Ancien Regimes aufrechtzuerhalten, umgeben von der ersten Welle der revolutionären Dekolonisation in Spanisch-Amerika, erforderte einige Anstrengungen. Unter den maßgeblichen Akteuren figurierte zuvorderst die Polizei; da Foucault selbst Polizei als primäres Machtinstrument der Regimeerhaltung identifierte, deren Interessen auf die Persistenz der Ordnung zielen, kann sie als Indikator des Wandels genutzt werden. Alle Gefahren für die Ordnung werden als extern definiert, aus Frankreich oder Spanien kommend, und daher wird versucht, den Diskurs durch den Ausschluss aller „fremden“ Elemente abzuschließen. Da im Brasilien des frühen 19. Jahrhunderts die absolutistische Gesellschaft noch ungebrochen besteht, keine adlige, bürgerliche, wirtschaftliche oder intellektuelle Opposition diskursiven Wandel generieren kann, müssen hier die Individuen besonders kontrolliert werden – was indiziert, dass die Gemengelage für die Monarchie doch ungünstiger ist als erwartet. In Portugal muss in der Abwesenheit des Königs die öffentliche Meinung kontrolliert werden, was durch andauernde Interaktion mit dem Ausland erschwert wird. Diskursiver Wandel wird hier durch die Interaktion mit anderen diskursiven Gemeinschaften angestoßen, wobei die Akteure in die Analyse einbezogen werden müssen.   

Gesa Bluhm, Diskursiver Wandel in politischer Kommunikation am Beispiel des Freundschaftsdiskurses in den deutsch-französischen Nachkriegsbeziehungen

GESA BLUHM (Bielefeld) legte den Fokus auf den Raum des Politischen; Diskurswandel im politischen Kommunikationsraum ist immer politisch konnotiert, das Politische als Analysekategorie in der Diskursforschung jedoch bislang vernachlässigt. Anhand der transnationalen Konstruktion der deutsch-französischen Freundschaft suchte sie nach den Semantiken und Praktiken des Diskurses unter Einbezug der Akteure. Aussagen von diskursmächtigen Akteuren vermögen den Diskurs zu wandeln; der transnationale politische Kommunikationsraum umfasst staatliche wie nichtstaatliche Akteure, da die Fähigkeit zu politischem Handeln im Zuge der Entstaatlichung des Politischen zunehmend durch die individuellen Ressourcen bestimmt wird. Die Akteure strukturieren den Diskursraum, der Diskurs wandelt sich entlang der Zeitschiene. Analysiert werden die Bedeutungsverschiebungen von Schlüsselworten, die kommunikativen Praktiken und die wechselnden Machtverhältnisse der Akteure. Im politischen Bereich ist nur der dynamische, sich wandelnde Diskurs ein lebendiger; mit der Institutionalisierung und Schematisierung erstirbt das Thema emotional, die deutsch-französische Freundschaft wird zur lebensfernen Argumentationshülle, die zur Instrumentalisierung mühevoll wiederbelebt werden muss.

Sektion 6: Krisen

Felix Krämer, Diskurstheoretische Reflexion des Krisenbegriffs in Geschichte und Historiografie. Der Fall Männlichkeit

Bei FELIX KRÄMER (Münster) wurde der Krisenbegriff in der Historiografie anhand der Krise der weißen heterosexuellen Männlichkeit in den USA der 1970er betrachtet ; hierzu musste zunächst der Krisenbegriff theoretisch konzipiert werden, um operational zu sein. Krisen verweisen auf etwas, das zunächst stabil gewesen sein soll und nun in die Krise geraten sei; sie geben Hinweise auf kulturelle Verteilungskämpfe, und schreiben sich im Erfolgsfall in die Selbstbeschreibung einer Identitätsgruppe ein. Als performative Akte dienen Krisen der Zentralisierung auf die Krisengruppe und der Reproduktion alter gesellschaftlicher Strukturen; sie sind dabei auch historiografisch strukturiert, die Erzähltheit in der Geschichtsschreibung muss neu betrachtet werden. In der Krise der Männlichkeit in den 1970ern werden alle anderen Körper als bedrohlich angesehen, die Männlichkeit als grundlegend mit der Gesamtgesellschaft verknüpft erzählt. Die   Selbstentfremdung der US-Männer vom tradierten Männlichkeitsbild lässt die Analytiker zu Bestandteilen des Krisenszenarios selbst werden; in den 1990er Jahren knüpfen neue Akteure an diese Krisenerzählung an, zitieren sie und inszenieren sie medial neu. Die Krisenstrategie fordert durch offensive Selbstviktimisierung der Krisengruppe Aufmerksamkeit ein.   

Reiner Keller, Wandel von Diskursen – Wandel durch Diskurse. Das Beispiel der Umwelt- und Risikodiskurse seit den 1960er Jahren

REINER KELLER (Koblenz-Landau) sprach über den Wandel im Umwelt- und Risikodiskurs anhand einer wissenssoziologischen  Diskursanalyse, die einen Diskurs als System der Zeichensetzung und -verwaltung begreift, in dem Akteure als mit Kreativität, Deutungs- und Handlungsfähigkeit ausgestattet präsent sind, den Diskurs aber nicht zu kontrollieren vermögen. Der Umwelt- und Risikodiskurs in heutiger Form wird in den 1960er Jahren durch Carsons Werk „Silent Spring“ angestoßen; die sozialen Bewegungen der westlichen Hemisphäre konstruieren eine Sorge um die Umwelt, die eine Sorge um sich selbst zweiter Ordnung ist. In den verschiedenen Untersuchungen zeichnet sich ein Wandelschema ab: Es differenzieren sich Teildiskurse aus; die öffentliche Resonanz nimmt zu und ab; neue Deutungsmuster, Leitideen und Resonanzereignisse werden eingebaut; vom Bewegungsdiskurs führt die Entwicklung zum Institutionendiskurs. Nach 1989 verschwindet das Umweltdiskursfeld aus der öffentlichen Diskussion oder institutionalisiert sich. Zwei Effekte wandeln die Diskursarena: Einerseits die wachsende Unschärfe wissenschaftlichen Wissens, das nicht mehr eindeutig ist, so dass die Politik zielführende Methoden selektieren muss; andererseits treten neue Sprecher hinzu, die neue Foren für Aussagen generieren. Außerdiskursive Effekte in Gestalt neuer Praktiken wie Mülltrennung strukturieren das Alltagsleben neu. Ereignisse werden durch die Umdeutung kultureller Konstrukte transformiert, wie die Staudammkatastrophe von Vajont 1962, die zunächst dazu instrumentalisiert wird, die bestehende Diskursordnung aufrechtzuerhalten, bis die Gegendiskurse die Überhand gewinnen.   

Alexander Ziem / Martin Wengeler, Wirtschaftskrisen im Wandel der Zeit. Zur sprachlich-diskursiven Konstitution von „Krisen“ in der BRD 1982 und 2003

ALEXANDER ZIEM und MARTIN WENGELER (Düsseldorf) stellten eine sprachwissenschaftliche Sicht auf die Diskursforschung vor; ausgehend von Foucault wird eine eigene Methodik entwickelt, um die sprachliche Konstruktion von Finanzkrisen zwischen 1982 und 2003 analysieren zu können. Durch die Konzeption eines virtuellen Textkorpus, das den zu behandelnden Diskurs exemplifiziert, wird unter Zuhilfenahme von Reinhart Koselleck und Siegfried Jäger eine Bedeutungsanalyse sprachlicher Zeichen unter diskursiven Vorzeichen unternommen. Wirtschaftskrisen werden immer als neu und nie dagewesen geschildert, also als Ereignisse im foucaultschen Sinne, was durch die Wiederholung bereits fraglich wird. Die Analyse des Textkorpus nach einzelnen Kategorien, hier erläutert am Beispiel konzeptioneller Metaphern und Topoi, gibt Mittel an die Hand, um sich wandelnde Elemente im Diskurs zu identifizieren und persistenten Elementen gegenüberzustellen, so dass die Form des Wandels erfasst werden kann; ob der diskursive Wandel allerdings jenseits einer deskriptiven Ebene durch diese Methodik auch erklärlich wird, muss sich erst anhand der Ergebnisse der noch laufenden Untersuchungen zeigen. Erste Folgerungen jedoch lassen den Schluss zu, dass der Diskurs der Wirtschaftskrise zwischen 1982 und 2003 eine Institutionalisierung durch Konventionalisierung und eine zunehmende Ausrichtung auf eine neoliberale Perspektive hin erfährt.

Abschlussdiskussion

Sowohl in der Abschlussdiskussion wie auch in den Einzeldiskussionen nach den jeweiligen Vorträgen lassen sich gewisse Eckpunkte erkennen, die den momentanen Stand der Diskursanalyse in ihrem eigenen permanenten Wandlungsprozeß erahnen lassen. Zum einen ist die historische Diskursanalyse offensichtlich in der Geschichtswissenschaft angekommen, wie sich an der Nutzung des Instruments für verschiedenste Themenfelder, Epochen und auch andere geisteswissenschaftliche Disziplinen ablesen lässt; zum anderen ist noch keine konsensfähige und zugleich trennscharfe Methodologie der Diskursanalyse entwickelt.

Die Diskussion kreiste zumeist darum, wie sich historische Diskursanalyse in ein konkreteres und konsensfähiges theoretisches Modell gießen lässt, und welche anderen Denker hier weiterführende Angebote machen könnten. Ein erster Kanon diskurstheoretischer Literatur lässt sich erahnen; außer Michel Foucault, an dem es kein Vorbei und hinter den es kein Zurück gibt, waren Judith Butler, Ernesto Laclau/Chantal Mouffe, Pierre Bourdieu, Gilles Deleuze, Bruno Latour, Reinhart Koselleck, Siegfried Jäger, Jaques Derrida die meistgenannten Namen. Gerade bei Anknüpfungen an Koselleck und Jäger wurde die Diskussion um Legitimität und Funktionalität dieser Bezüge sehr ernsthaft geführt, ohne zu einem endgültigen Schluss zu kommen. Seltener in Spiel gebracht wurde Jürgen Habermas' Diskurskonzept aus der diskursiven Ethik und auch der Ansatz Philipp Sarasins, obwohl dessen Überlegungen zum dezentralisierten Subjekt wie aus der Ferne stets präsent waren. Auch die Frage, wie man nun das Werk des Vordenkers Foucault zu nutzen habe, ob interpretativ-selektiv oder in seiner Gesamtheit, ist noch offen; allerdings steht meiner Ansicht nach für die Advokaten einer sich in der theoretischen Gestaltung tendenziell selbst genügenden Foucault-Exegese zu bedenken, dass auch dessen Werk einen steten Wandlungsprozess aufzeichnet, der sich wohl ewig fortsetzen würde, wäre ihm ewiges Leben beschieden; er verweist selbst über sich hinaus.  

Was die theoretischen Modifikationen an Foucaults ursprünglichem Konzept betrifft, so ist die Rückkehr der Akteure an vorderster Stelle zu nennen; sei es in dezentralisierter oder lediglich Diskurse motivierender Form, präsent waren sie in beinahe allen Beiträgen, wenn auch über die Form ihres Einbezugs kein endgültiger Konsens erzielt werden konnte. Korrespondierend dazu halten verstärkt praxeologische Überlegungen Einzug in die Diskurstheorie, gleich, ob sie nun lediglich in Abgrenzung zum Diskurs als Sammelbegriff für alles Nicht-Diskursive Anwendung finden oder diskursive wie nicht-diskursive Handlungen gleichermaßen einbeschreiben. In diesem Kontext entspann sich eine dauernde und mit der Tagung nicht beendete Auseinandersetzung um den Dispositiv-Begriff; die Spanne der vorgeschlagenen Verwendungsmöglichkeiten reichte von einer allgemeinen Alternative zum Diskursbegriff überhaupt bis zu einer völligen Vernachlässigung des Dispositivs als eigentlich überflüssigem Begriff. Gerade, was die einzelnen Theoreme der Diskursanalyse angeht, also Begrifflichkeiten wie Äußerung, Aussage, Ereignis, Diskurs, Diskursformation, Dispositiv, sind die Reichweiten, Interaktionen, Verknüpfungen und Ordnungen der jeweiligen Elemente weithin unbestimmt und werden es wohl auch noch eine Weile bleiben; die Diskursanalyse ist noch weit davon entfernt, ihren eigenen hegemonialen Diskurs ausgebildet zu haben.