Dissertationsprojekte am Lehrstuhl
Konzeptionen des Anderen - Kulturtransferprozesse in der jesuitischen Ostasienmission des 16. Jahrhunderts
Dissertationsprojekt Tobias Winnerling
Wie andere Orden auch bemühte sich die Societas Jesu ab der Mitte des 16. Jahrhunderts um die Mission Außereuropas. Das leistungsfähige organisatorische Netzwerk, das die Jesuiten rasch auf allen ihnen bekannten Kontinenten errichteten, und die dezidiert auf diesen Zweck – Verbreitung der reinen Lehre – hin ausgerichtete Ausbildung der einzelnen Ordensmitglieder halfen der Gesellschaft, zunächst verblüffend scheinende Anfangserfolge zu erzielen, in Brasilien, Äthiopien, Indien, Japan und China. Durch die vom bisherigen Wirken katholisch-christlicher Missionen abweichende Vorgehensweise entzündeten sich jedoch rasch Konflikte, die schließlich dazu führten, dass vor allem die in Asien erfolgversprechend praktizierte Akkommodationsmethode im sogenannten „Ritenstreit“ als nicht orthodoxer Lehre genügend eingestuft und 1773 endgültig verboten wurde.
Der Fokus der Arbeit liegt auf der Anfangsphase der jesuitischen Ostasienmission, etwa die Jahre zwischen 1540 und 1570 umfassend, und versucht, die konzeptionellen Vorbedingungen zu erhellen, unter denen dieses Unterfangen stand. Davon ausgehend, dass die Vermittlung fremder Religion mit dem theoretischen Instrumentarium des Kulturtransfers gedeutet werden kann, wird die Mission als Versuch eines solchen betrachtet. Ein solcher Versuch setzt nun voraus, dass seitens der Transferierenden eine Vorstellung davon besteht, wie der Empfänger des Transferguts intrinsisch strukturiert ist, damit die Transfermethode an diese Strukturen angepasst werden kann; es muss ein Schema davon vorhanden sein, wie der Andere ist, damit ich weiß, wie ich formulieren muss, was ich ihm vermitteln will, damit er es versteht.
Hieraus ergibt sich nun die Fragestellung: Wie sah die Konzeption des Anderen aus, die von den Jesuiten bei der Konstruktion ihrer Vermittlungsmethode angenommen wurde? Wie affizierte diese Konzeption den Transferprozess, und wurde dieser wiederum von der Beschaffenheit des Anderen, wie man ihn am anderen Ende der Welt vorfand, reaffiziert?
Öffentlichkeitswandel am Beispiel von Vergnügungsgärten - Eine Untersuchung zu sozialgeschichtlichen Aspekten der Gartenkunst
Dissertationsprojekt Katja Benner
In der 1962 veröffentlichten Habilitationsschrift von Jürgen Habermas „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ analysiert der Autor den Idealtypus „bürgerliche Öffentlichkeit“, der sich im Zuge der Aufklärung herausbildete. Zu den „Institutionen der Öffentlichkeit“ zählten Medien wie Zeitungen oder moralische Wochenschriften, aber auch gesellige Orte, wie das Theater, Salons, Sprach- und Tischgesellschaften oder Kaffeehäuser. Diese raumbezogene Analyse der bürgerlichen Öffentlichkeit lässt sich auf Gärten im Allgemeinen und auf Vergnügungsgärten im Besonderen übertragen. Insgesamt zeigte sich im bürgerlichen Zeitalter ein Trend hin zu einer stärkeren Exklusivität von Geselligkeit. Zu exklusiven Orten zählten auch die frühen kommerziellen Belustigungsgärten, die sich im 18. Jahrhundert von England ausgehend auf dem Kontinent verbreiteten.
Es handelte sich hierbei um öffentliche kommerzielle Gartenunternehmen, die auf abgegrenzten Grundstücken in der Regel außerhalb – seltener auch innerhalb – der Städte betrieben wurden und dem Besucher gegen Geld ständige, stationäre Vergnügungen boten. Sie orientierten sich in Form, Funktion und Angebot an adligen Lustgärten. So boten sie neben Festen mit Feuerwerken und Illuminationen auch Staffagen und Fahrgeschäfte. Allerdings waren die Vergnügungsformen des Adels nur einem zahlungskräftigen Publikum zugänglich, das über ausreichend freie Zeit verfügte. Auch in Paris und Wien entwickelten sich nach dem englischen Vorbild der pleasure gardens stationäre Vergnügungsgärten in der Regel aus ursprünglich adligen Parks, die sich zunehmend mit Vergnügungs- und Belustigungsgeschäften anreicherten. Sie blieben ebenfalls den gehobenen Gesellschaftsschichten vorbehalten oder verfügten wie im Wiener Prater über separierte Bereiche. Eine besondere Blüte erlebten diese Anlagen im 19. Jahrhundert, in dem ihre Entwicklung eng mit der Entstehung der Volksparkanlagen verbunden war. Die bekanntesten Beispiele sind das Kopenhagener Tivoli und der Volksprater in Wien. Doch auch in zahlreichen deutschen Städten existierten beliebte Vergnügungsgärten, die das Publikum in Scharen anlockten.
Wie bereits in meiner Magisterarbeit „Berliner Vergnügungsgärten im 19. Jahrhundert“ (Universität Düsseldorf 2007) gezeigt werden konnte, ließ sich in den kommerziellen Vergnügungsgärten wie in den Volksparkanlagen zunächst eine starke soziale Selektion verzeichnen, da bei breiten Bevölkerungsschichten keine Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung vorhanden waren. Durch die wachsende Freizeit und Kaufkraft sowie die Entwicklung billiger Transportmittel wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Vergnügungen der gehobenen Schichten dem gesamten Spektrum der großstädtischen Bevölkerung zugänglich. Somit lassen sich der allgemeine gesellschaftliche Wandel und der Wandel von Öffentlichkeit in dieser Zeit am Beispiel der Vergnügungsgärten verfolgen.
Dennoch blieben im Zuge der Recherchen Fragen offen. Insbesondere die politischen, sozialen und kulturellen Bedingungen unter denen sich die Genese und allgemeine Öffnung der Vergnügungsgärten vollzog, müssen noch genauer untersucht werden, als dies im Rahmen einer Magisterarbeit möglich war. Ebenfalls erscheint eine eingehendere Beschäftigung mit der Frage lohnenswert, wie Vergnügungsgärten in der zeitgenössischen Kritik aufgenommen wurden. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts hatten die traditionell vorbildhaften Modelle der Vergnügungsgärten ausgedient und man orientierte sich jetzt an den stärker technisierten Vergnügungsparks, die im Zuge der Weltausstellungen entstanden waren. Die Natur war nicht mehr länger ein wesentlicher Anziehungspunkt der Gärten, sondern sie diente nur noch als Kulisse für ein Unterhaltungs- und Vergnügungsangebot. Diese Entwicklung wurde nach der Jahrhundertwende von den Luna-Parks fortgesetzt, bei denen es sich bereits um komplett künstlich angelegte Vergnügungswelten handelte. Das sich wandelnde Verhältnis zur Natur ließe sich am Beispiel der Vergnügungsgärten noch genauer untersuchen, ebenso wie der Einfluss der Weltausstellungen auf Gestaltung und Angebot der Anlagen, die vermutlich als wirksames Mittel dienten, den technischen Fortschritt zu propagieren. Darüber hinaus fällt auch die enge Verbindung besonders der Tivoli-Gärten zur Theatergeschichte und zu Brauereigesellschaften auf.
Thomas Mann als Objekt der politischen Auseinandersetzungen in der Weimarer Republik
Dissertationsprojekt Sebastian Hansen
Konzentriert auf die Weimarer Republik, beschäftige ich mich mit der Wirkungsgeschichte des politisch agierenden und zugleich in politische Debatten eingebundenen beziehungsweise sie auch hervorrufenden Thomas Mann. Seine Beteiligung an den zeitgenössischen Diskussionen über Nation, Identität und Werte, über deutsche Geschichte, politische Gestaltung und Kultur stieß auf Zustimmung wie auf Ablehnung in der gespaltenen Gesellschaft von Weimar. Indem Thomas Mann sich der politisierten Öffentlichkeit aussetzte, wurde er zum Objekt der politischen Auseinandersetzung. Für die Transformationszeit zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus bedeutete der Fall Thomas Mann einen symbolischen Streit um die Deutungshoheit in der Politischen Kultur.
Mit dem an der Politischen Kulturforschung Karl Rohes orientierten Begriff der Politischen Kultur werden zwei Zugriffsmöglichkeiten auf die damaligen gesellschaftlichen Dispositionen möglich: Zum einen umfasst Politische Kultur unter dem Aspekt der Politischen Deutungskultur das normativ und kognitiv politisch-kulturell gegebene, meist als selbstverständlich betrachte Weltbild von Gruppen, das, um den nicht offen zutage liegenden politischen bzw. kulturellen Sinn sichtbar und handhabbar werden zu lassen, durch Symbole und Formsprache zum Ausdruck gebracht wird. In dieser Hinsicht gehe ich also am Beispiel Thomas Mann dem von Produzenten und Interpreten des in einer Politischen Kultur aufgehobenen Sinns und seiner ausgedrückten Sinnfälligkeit nach. Zum anderen gehört zur Politischen Kultur die (politische) Soziokultur. Die Arbeit fragt entsprechend in ausgewählter Weise nach der Wahrnehmung durch die Zeitgenossen, indem sie die Konstruktion des Mann-Bildes und die Verarbeitung der Deutung(en) in Parteien, Verbänden, Institutionen und in der Gesellschaft untersucht. Zwangsläufig verweist die Betrachtung, wie Thomas Mann in den Prozess der Deutungskultur einrückte, auf die Repräsentantenrolle dieses Kulturschaffenden. Meine Untersuchung fokussiert folglich, wie eine solche (näher zu definierende) Position zustande kam und wie man mit ihr umging. Dabei folge ich einem erweiterten Politik-Begriff, der in den Blick nehmen möchte, wie sehr das Schaffen und das Ausdeuten von Kultur grundsätzlich immer auch eine politische Angelegenheit ist.
Das koloniale Experiment - Der Sklavenhandel Brandenburg-Preußens im transatlantischen Raum, 1680-1715
Dissertationsprojekt Malte Stamm
Zum Beginn der Frühen Neuzeit etablierte sich in den von den europäischen Nationen erworbenen Überseegebieten auf dem amerikanischen Kontinent und in der Karibik das System der Plantagenökonomie, um Europa mit Zucker, Tabak, Indigo und anderen tropischen und subtropischen Erzeugnissen zu versorgen. Weil das System des Plantagenbetriebs sehr viele Arbeitskräfte benötigte, entstand in allen Ländern, in denen Plantagen betrieben wurden, ein großer Arbeitsmarkt, der nicht ausreichend mit freiwilligen Arbeitern versorgt werden konnte. Deshalb wurden zuerst allmählich, ab etwa 1650 jedoch überwiegend Sklaven aus Afrika zur Arbeit auf den Plantagen herangezogen. Das Geschäft mit Sklaven war sehr kapitalintensiv, aber auch so lukrativ, dass alle europäischen Nationen versuchten, daran zu verdienen. In England und den Niederlanden wurde der Sklavenhandel von eigens dafür eingerichteten Handelskompanien organisiert. Diese wurden von den jeweiligen Machthabern privilegiert, stützten sich dabei aber auf privates Kapital. Dort war der Sklavenhandel für bereits wohlhabende Kaufleute eine Möglichkeit, größere Mengen Kapital zu investieren und dadurch noch wohlhabender zu werden.
Brandenburg-Preußen nimmt im transatlantischen Sklavenhandel eine Sonderstellung ein. Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg betrachtete die Teilnahme am Sklavenhandel als eine Möglichkeit, das vom Dreißigjährigen Krieg stark in Mitleidenschaft gezogene Brandenburg wirtschaftlich wiederbeleben zu können. Es fehlte in Brandenburg und Preußen jedoch an einer kapitalstarken Kaufmannschaft, deshalb musste Friedrich Wilhelm zur Durchführung seines Plans sowohl auf Kapital als auch auf Personal aus den Niederlanden zurückgreifen. Dies führte dazu, dass der Kurfürst und seine Nachfolger, solange sie am transatlantischen Sklavenhandel teilnahmen, vor allem von den Niederlanden als Monopolbrecher betrachtet und entsprechend bekämpft wurden. Einhergehend mit der Teilnahme am transatlantischen Sklavenhandel baute Kurfürst Friedrich Wilhelm auch eine Kriegsflotte auf, die zuerst in Königsberg, später dann in Emden stationiert war. Diese versuchte Friedrich Wilhelm neben seinem stehenden Heer als machtpolitisches Instrument zu nutzen, um mit den anderen europäischen Mächten auf einer Stufe stehen zu können. Auch der Besitz einer eigenen Kriegsflotte stieß auf wenig Gegenliebe, da vor allem Dänemark und Schweden dadurch ihre Vorherrschaft im Ostseeraum gefährdet sahen und entsprechende Gegenmaßnahmen ergriffen. Zusammen mit schweren Konflikten innerhalb der Brandenburgisch-Afrikanischen Kompanie war die Teilnahme Brandenburg-Preußens am transatlantischen Sklavenhandel dann auch in der Bilanz ein Fehlschlag, obwohl er in der letzten Dekade des 17. Jahrhunderts erfolgreicher war, als bei den anderen Teilnehmern. Eine weitere Besonderheit des Brandenburg-Preußischen Sklavenhandels ist, dass er während der Regentschaft Kaiser Wilhelms II. am Ende des 19. Jahrhunderts herangezogen wurde, um den Anspruch des Deutschen Reichs auf kolonialen Grundbesitz in Afrika historisch zu rechtfertigen. In der neueren Geschichtsforschung blieb er entweder weitgehend unbeachtet oder wurde nur völlig isoliert betrachtet, ohne ihn in einen internationalen Kontext zu setzen. Das Ziel dieser Arbeit besteht daher zum einen in einer quantitativen Analyse des Umfangs des Brandenburg-Preußischen Sklavenhandels und zum anderen in einer vergleichenden Einordnung mit anderen europäischen Mächten.
Geschichtsauffassung und Geschichtsvermittlung in historischen Lehrwerken für die Jugend (17. und 18. Jahrhundert)
Dissertationsprojekt Kristina Hartfiel
Geschichtsauffassung und Geschichtsvermittlung in historischen Lehrwerken für die Jugend (17. und 18. Jahrhundert)
Aufbauend auf meiner Magisterarbeit verfolge ich in meinem Dissertationsvorhaben die kulturelle Konstruktion von Wissensbeständen in deutschsprachigen Werken, die zum Lernen der Historie intendiert waren. Lehrwerke als Vermittlungsmedien mit der Intention zur Erziehung und Propädeutik zu betrachten ist die eine Seite. Andererseits können sie als Medien erfasst werden, in denen soziokulturelles Wissen artikuliert und konstruiert wird. Ein spezifisches Geschichtswissen ist demnach abhängig von der Materialität des Mediums. Der Begriff „Lehrwerk“ stellt für mich dabei ein Arbeitsinstrumentarium dar, um sowohl solche Texte, die explizit für die Verwendung im Schulunterricht verfasst wurden als auch solche Unterrichtstexte, die außerhalb der Schule zum Lernen der Historie intendiert waren, auf einen Begriff zu bringen.
In diesen Quellen entwickelten und verfestigten sich – so die These – Formen von Geschichtswissen, indem die Lehrbuchautoren ihr Material auswählten, gewichteten und bewerteten. Das heißt: Wie wurde Geschichte dargestellt und in eine lesbare Form gebracht, so dass nach Meinung der Autoren historische Erkenntnis möglich wurde? Welche Rolle spielten darüberhinaus beispielsweise Verleger als Akteure und Konstrukteure des Geschichts- und Lehr(buch)Diskurses? Von welcher Bedeutung für die Wissenskonstruktion waren Lehrer-Schüler-Beziehungen, personelle Verflechtungen und Kontakte.
Exemplarisch sollen diese komplexen Kommunikationssituationen, in die das frühneuzeitliche Lehrbuch eingebunden war, im Umfeld der Universitäten Altdorf und Helmstedt untersucht werden. Im Mittelpunkt meiner Arbeit stehen Geschichtslehrwerke, die von Professoren und Alumni der Universitäten Altdorf und Helmstedt im Zeitraum zwischen ca. 1650 und 1809/10 – dem Jahr der Aufhebung beider Hochschulen – geschrieben wurden.

