MITTELALTERLICHE GESCHICHTE

Nachruf auf Herrn Prof. Dr. Semmler

Am 23. Oktober 2011 ist der Düsseldorfer Mediävist Prof. Dr. Josef Semmler im Alter von 83 Jahren in Ludwigshafen verstorben. Semmler, ein Schüler Theodor Schieffers und Eugen Ewigs, besaß in Düsseldorf für annähernd 40 Jahre seine akademische Heimat.

Geboren am 22. August 1928 in Geisenheim, studierte Semmler in Mainz und Bonn Geschichte, Latein und Musik. 1956 wurde er bei Eugen Ewig mit einer Arbeit über das Reformkloster Siegburg im 11. Jahrhundert promoviert. Nach der Promotion arbeitete Semmler am Deutschen Historischen Institut in Rom, dessen wertvolle Bibliothek die Zeit des Zweiten Weltkriegs hinter vatikanischen Mauern unbeschadet überstanden hatte. Über diese Zeit, insbesondere über den Umgang mit dem damaligen Präsidenten des DHI, Walther Holtzmann, pflegte Semmler in seinem letzten Lebensjahrzehnt mit besonderer Wärme zu sprechen. Früh galt sein wissenschaftliches Hauptinteresse der Epoche Ludwigs des Frommen (814-840) – eine Affinität, die ihn ein Forscherleben lang nicht los lassen sollte. Seine Habilitationsschrift über Ludwig den Frommen blieb indes bedauerlicherweise unveröffentlicht. Über die Zwischenstationen Paris und Mannheim gelangte Semmler 1972 an die noch junge Heinrich-Heine-Universität. Deckte Semmler in der akademischen Lehre die gesamte Breite des europäischen Mittelalters ab, so widmete er sich in wissenschaftlicher Hinsicht mit schier unerschöpflicher Arbeitskraft insbesondere der Geschichte der karolingischen Bildungs- und Klerusreform, der Königsherrschaft der frühmerowingischen bis spätkarolingischen Zeit und der Kirchengeschichte des beginnenden Mittelalters. Auf diesen Arbeitsfeldern erwarb er sich im Laufe der Jahre den Ruf eines Spezialisten internationalen Ranges, der stets auch die aktuellen Ergebnisse der englisch-, französisch- und italienischsprachigen Forschung zu überblicken und einzuordnen verstand. Einen späten Kulminationspunkt dieser Einzelforschung stellte die 2003 erschienene Monographie zum Dynastiewechsel von 751 dar, in der er durch eine erneute eingehende Auswertung der historiographischen Überlieferung die bis dato unerschütterliche Forschungsmeinung einer Königssalbung Pippins durch Papst Stephan II. infrage stellte und vielmehr von einer postbaptismalen Taufsalbung ausging, die in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit der Königserhebung des Karolingers zu sehen sei. Diese These sorgte für eingehende Diskussionen im Fach, die auch heute, acht Jahre nach ihrer Veröffentlichung, andauern.

Im akademischen Betrieb zeigte sich Josef Semmler stets ebenso scharfsinnig gegenüber althergebrachten Forschungsmeinungen wie aufgeschlossen gegenüber neuen Impulsen, wobei er keinen Unterschied darin machte, wer Hypothesen an ihn herantrug: Studenten, Nachwuchswissenschaftler und Kollegen fanden bei ihm stets – und das auch spontan – Gehör. Die Erforschung der mittelalterlichen Geschichte befand sich nach seiner Überzeugung im ständigen Fluß, kein noch so zementiertes Urteil mochte er als letztes Wort hinnehmen. Dabei war Semmler sich auch nicht zu schade, eigene Hypothesen zu revidieren, wo es ihm angebracht schien. Seine Arbeit war in allem geprägt von einer minutiösen Quellenkritik, die selbst erfahrene Kenner der Materie zu Neuerkenntnissen führen konnte. Eine überaus präzise sprachliche Diktion zählte für Semmler zu den Selbstverständlichkeiten. Die Wissenschaftsorganisation Semmlers bedurfte niemals der EDV – der regelmäßige Besuch der Bibliothek, das Anlegen wohlgeordneter Zettelkästen und der Gebrauch der Schreibmaschine konnten auch in den letzten zwanzig Jahren mit den Möglichkeiten der modernen Computertechnik mithalten, wenn nicht diese gar übertreffen.

Seine Herkunft verleugnete Semmler nie. Bei nichtoffiziellen Anlässen erzählte der Sohn eines Bahnbeamten mit viel Herzblut von seiner Heimat, dem Rheingau. Auch aus seinem Zungenschlag machte er nie einen Hehl. Alles in allem verkörperte Semmler den Typus des hilfsbereiten Gelehrten, der seinen geradezu enzyklopädischen Wissensschatz bereitwillig mit anderen teilte. Die letzten Lebensjahre Semmlers waren von körperlichen Gebrechen geprägt, die ihm, bei bis zuletzt frischem Geist, das wissenschaftliche Arbeiten zunehmend unmöglich werden ließen. Die Heinrich-Heine-Universität und die internationale Mediävistik haben mit dem Tode Josef Semmlers einen, wenn nicht den Nestor der Karolingerforschung verloren.


Matthias Schrör