Forschungsprojekte
Allgemein
(Prof. Dr. Dr. h.c. Detlef Brandes, Prof. Dr. Holm Sundhaussen [Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin], Prof. Dr. Stefan Troebst [Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas an der Universität Leipzig/GWZO], Dr. Kristina Kaiserová [Institut für geisteswissenschaftliche Forschung der J.-E.-Purkyne-Universität Ústí nad Labem), Dr. Krzysztof Ruchniewicz [Willy-Brandt-Zentrum für Deutschland- und Europastudien der Universität Wroclaw], Dr. Dmytro Myeshkov)
Das Projekt „Das Jahrhundert der Vertreibungen. Deportation, Zwangsaussiedlung und ethnische Säuberung in Europa 1912-1999. Ein Lexikon“ setzt sich eine erste umfassende Bestandsaufnahme der historisch-vergleichenden Forschung in Deutschland, den Staaten des östlichen Europa, anderen Teilen Europas und Übersee zum Phänomen Vertreibung auf dem „dunklen Kontinent“ im „Zeitalter der Extreme“ zum Ziel. Dabei werden fünf große zeitlich-räumliche Komplexe von Flucht, Vertreibung, Zwangsaussiedlung und Integration in den Aufnahmeländern behandelt, nämlich Südosteuropa zwischen dem Beginn des Ersten Balkankriegs und der Konferenz von Lausanne (1912-1923), die UdSSR in den 1930er und 1940er Jahren, die vom nationalsozialistischen Deutschland und seinen Satellitenstaaten besetzten Regionen Europas während des Zweiten Weltkriegs, Ostmitteleuropa nach dem Zweiten Weltkrieg; sowie die Sowjetunion und Jugoslawien bzw. deren Nachfolgestaaten in den 1990er Jahren. Das Projekt wird vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert.
Geschichte Böhmens und Mährens sowie der Slowakei
(Prof. Dr. Dr. h.c. Detlef Brandes, PD Dr. habil. Volker Zimmermann, Dr. Andreas Wiedemann, Dr. des. Alfons Adam, Esther Neustadt, M.A., Volker Mohn, M.A., Thomas Oellermann, M.A.)
Die langjährigen Forschungen von D. Brandes zur Geschichte der Tschechoslowakei und zu den tschechisch-deutschen Beziehungen wurden im Rahmen der Deutsch-Tschechischen und Deutsch-Slowakischen Historikerkommission fortgesetzt und mündeten in eine Reihe von Aufsätzen. Vor kurzem erschien die verbesserte und erweiterte 2. Auflage seines Buches „Der Weg zur Vertreibung. Pläne und Entscheidungen zum ‚Transfer‘ der Deutschen aus der Tschechoslowakei und aus Polen“. Zurzeit bereitet er unter anderem eine Studie zum Thema "Politik und Stimmung der Deutschen in den böhmischen Ländern zwischen dem Anschluss Österreichs und der Annexion des Sudetenlandes März – September 1938" sowie Aufsätze zur nationalsozialistischen Politik gegenüber den Tschechen vor.
A. Adam bereitet seine Dissertation über „Die Deutschen in der Prager Gesellschaft 1918-1939“ für den Druck vor. In ihr fragt er nach der sozialen Struktur dieser etwa 30.000 Personen starken Minderheit, ihren Vereinen, Zeitungen und Bildungseinrichtungen, ihrem Verhältnis zu den Deutschen der Grenzgebiete und zur tschechischen Mehrheit, nach der Symbiose und den Konflikten zwischen Deutschen und Juden in Prag sowie ihrer Reaktion auf die politischen Veränderungen in der Tschechoslowakei, Österreich und Deutschland.
Im Zentrum des Promotionsvorhabens "Jüdische Zwangsarbeit im slowakischen Staat 1939-1944" von E. Neustadt steht die Frage, welche Rolle die Zwangsarbeit im Kontext der sog. "Lösung der Judenfrage" spielte, die bereits 1939 einen elementaren und offiziellen Bestandteil der staatlichen slowakischen Politik und Propaganda darstellte. Aufbauend auf der Untersuchung von Struktur und Organisation der Zwangsarbeit, die sich in einen zivilen und einen militärischen Komplex unterteilt, sollen Aspekte wie der Alltag der jüdischen Zwangsarbeiter, die "Wirtschaftlichkeit" ihrer Ausbeutung, ihre Teilnahme am slowakischen Nationalaufstand von 1944 sowie die Zusammenarbeit der slowakischen Behörden mit dem nationalsozialistischen Deutschland beleuchtet werden.
V. Mohn beschäftigt sich mit einer Dissertation zum Thema „Nationalsozialistische Kulturpolitik im Protektorat Böhmen und Mähren und die tschechische Intelligenz“. Die von der ZEIT-Stiftung mit einem Promotionsstipendium geförderte Dissertation soll einen Überblick über die deutsche Kulturpolitik im Protektorat Böhmen und Mähren in den Jahren 1939-1945 sowie über diesbezügliche tschechische Reaktionen geben. Ein Schwerpunkt ist dabei die Arbeit der in der Behörde des Reichsprotektors zuständigen Abteilung. Anspruch und Wirklichkeit der Kulturpolitik, aber auch eventuelle Interessen verschiedener weiterer deutscher Stellen sollen dabei herausgearbeitet werden. Ferner steht eine detaillierte Analyse kultureller Teilbereiche wie zum Beispiel Film, Radio, Literatur, Musik und Theater im Zentrum der Arbeit. Aufgezeigt werden soll das Verhalten tschechischer Kulturschaffender, ihrer Verbände sowie der Bevölkerung, die sich in einem Spannungsfeld zwischen Kollaboration und Verweigerung bewegten.
T. Oellermann untersucht in seinem Promotionsvorhaben "Sozialdemokratisches Verbandswesen und deutsches Arbeitermilieu in der Ersten Tschechoslowakischen Republik" die sudetendeutsche Arbeiterbewegung. Die durch ein Stipendium des Collegium Carolinum geförderte Studie soll einen Beitrag dazu leisten, Gesinnung und Mentalität einer Gruppe von Sudetendeutschen zu beschreiben, die sich in den 1930er Jahren den Zielen der Sudetendeutschen Partei unter Konrad Henlein widersetzten. Dabei soll es um eine Bewertung der Akzeptanz oder Nicht-Akzeptanz sozialdemokratischer Werte in der Arbeiterschaft gehen.
Nina Lohmann will in ihrem Dissertationsprojekt "Prag 1939-1945: Parallele Welten im Alltag einer mitteleuropäischen Metropole unter NS-Herrschaft" ein komplexes Bild des täglichen Lebens und der Alltagserfahrungen der breiten Bevölkerung im besetzten Prag zeichnen. Sie interessiert sich dabei unter anderem für die Versorgung mit Lebensmitteln, Kleidung und Wohnraum, für den Arbeitsmarkt bzw. die Arbeitspflicht sowie für die gegenseitige Wahrnehmung, die Erfahrungen und Verhaltensweisen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen unter der NS-Herrschaft.
V. Zimmermann bereitet seine Habilitationsschrift "Eine sozialistische Freundschaft im Wandel. Die SBZ/DDR und die Tschechoslowakei (1945-1969)" für den Druck vor.
Geschichte der Rußlanddeutschen
(Prof. Dr. Dr. h.c. Detlef Brandes, Dr. Dmitro Myeshkov, PD Dr. Victor Dönninghaus, Thorsten Pomian, M.A.)
Im Rahmen der Publikationen der Vorjahre sind weitere Aufsätze zur Geschichte der Rußlanddeutschen erschienen, so gerade von D. Brandes "Was sollten die Russlanddeutschen in den 1920er und 30er Jahren lesen?" in: Internationale Schulbuchforschung 27 (2005), Heft 3. Weitere Aufsätze von D. Brandes, D. Myeshkov und der Studierenden in einem Projektseminar liegen der Moskauer Redaktion der Enzyklopädie „Nemcy v Rossii“ (Deutsche in Russland) vor.
D. Myeshkov hat seine von der Gerda Henkel Stiftung geförderte Dissertation "Die Schwarzmeerdeutschen und ihre Welten 1781-1871" veröffentlicht (Essen: Klartext 2008). In ihr beschäftigt er sich mit der sozialen, wirtschaftlichen und alltäglichen Lage der Deutschen in der heutigen südlichen Ukraine und berücksichtigt dabei sowohl die allgemeine Entwicklung der Schwarzmeerdeutschen in dieser Zeit als auch in zwei Fallbeispielen die Lage in je einem lutherischen und katholischen Dorf.
In Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern aus Deutschland und der GUS sind D. Brandes (als Redaktionsmitglied) und V. Dönninghaus an der Erstellung einer Enzyklopädie "Deutsche in Rußland" beteiligt, die von der Rußlanddeutschen Akademie der Wissenschaften in Moskau herausgegeben wird und deren erste beiden Bände bereits erschienen sind.
In Zuammenarbeit mit dem Russischen Historischen Staatsarchiv (RGIA) wurde ein Findbuch "Nemcy v Rossii. Konec XVIII – načalo XX veka. Katalog dokumentov Rossijskogo gosudarstvennogo istoričeskogo archiva. Tom 1 / Deutsche in Rußland. Ende des 18. bis Anfang des 20. Jahrhunderts. Findbuch des Russischen Historischen Staatsarchivs. Band 1“ mit ausführlichen Registern erstellt (Essen: Klartext 2003. 458 S.).
T. Pomian untersucht in seiner Dissertation "Bäuerlicher Alltag im Zeichen von Nationalitätenpolitik, Kollektivierung und Terror. Die Deutschen in der Sowjetukraine 1925-1939" sowohl politische und wirtschaftliche Strukturen als auch Mentalitäten und Alltag der Ukrainedeutschen im Spannungsfeld zwischen Autonomiestreben, Anpassung und Verfolgung.
Deutsch-polnische Beziehungen
(PD Dr. habil. Volker Zimmermann; Dr. des. Severin Gawlitta, Dr. Stefan Lehr)
V. Zimmermann untersucht in seinem Forschungsprojekt "Polen vor preußischen Gerichten" Erscheinungsformen und Auswirkungen von Kriminalität und Strafverfolgung in den preußischen Ostprovinzen im 19. Jahrhundert vor dem Hintergrund des sich verschärfenden Nationalitätenkampfes zwischen Polen und Deutschen. Dabei richtet er den Blick sowohl auf die rechtlichen und politischen als auch auf die sozialen und alltagsgeschichtlichen Aspekte einzelner Straftaten und ihrer juristischen Ahndung.
S. Gawlitta hat sich in seinem mit einem "Immanuel-Kant-Stipendium" der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Promotionsprojekt mit dem Thema „Die deutschen Bauern in Kongresspolen 1815-1915“ beschäftigt, d.h. vor allem mit der Ansiedlung, der wirtschaftlichen Entwicklung, der Kirche und Schule, dem Verhältnis der Siedler zu den Nachbarn und den staatlichen Organen sowie ihrem Selbst- und Fremdbild. Die Dissertation wird derzeit für den Druck vorbereitet.
Stefan Lehrs Dissertation, die von der Zeit-Stiftung unterstützt wurde, ist 2007 unter dem Titel "Ein fast vergessener 'Osteinsatz': Deutsche Archivare im Generalgouvernement und im Reichskommissariat Ukraine" im Düsseldorfer Droste-Verlag erschienen. In dieser Arbeit geht es unter anderem um die Ziele und Praxis der deutschen Archivpolitik in den besetzten Gebieten, besonders die Aneignung von Akten zu den deutschen Minderheiten, das Verhältnis zu den polnischen und ukrainischen Archivaren und die Nachkriegskarrieren und -diskussionen dieser Archivare.
Geschichte der Deutschen in Rumänien
(Erwin Jikeli; Olga Schröder-Negru, Dipl.-Hist.)
Olga Schröder-Negru befasst sich in ihrem Dissertationsprojekt mit der „Geschichte und Kultur der Bessarabiendeutschen 1917-1940“. Sie behandelt dabei die Übergangsperiode vom Russischen Imperium zum Königreich Rumänien im I. Weltkrieg sowie des Bürgerkriegs in Russland, die Anpassung der Bessarabiendeutschen an das Leben im rumänischen „Nationalstaat“, das Verhältnis zwischen den Bessarabiendeutschen und dem Deutschen Reich, die wirtschaftlichen Fortschritte und Misserfolge, Schulwesen, Kirche und gesellschaftliches Leben, den Einfluss der reichsdeutschen Politik sowie schließlich die Umsiedlung der Bessarabiendeutschen 1940 als Folge des Hitler-Stalin-Pakts.
Erwin Jikeli hat seine Dissertation zum Thema "Siebenbürgisch-sächsische Pfarrer, Lehrer und Journalisten in der Zeit der kommunistischen Diktatur (1944-1971)" 2007 beim Frankfurter Verlag Peter Lang veröffentlicht.
Jugoslawien
(Marc Živojinović, M.A.; Senad Hadžić, M.A.)
Im Zentrum des Promotionsvorhabens von M. Živojinović "Der jugoslawische Titokult 1941-1991 - Motiv, Organisation und Entwicklung" steht die Frage nach den Ursachen und Wirkungsweisen des Personenultes um den jugoslawischen Staatschef Josip Broz Tito. Dabei untersucht Živojinović die Motive und Mythen, auf die sich der Kult um den "Charismatiker" Tito bezog, wie den antifaschistischen Partisanenkampf oder die Verteidigung der jugoslawischen Unabhängigkeit gegenüber der stalinistischen Sowjetunion. Die Studie soll zeigen, wie der Kult von staatlicher Seite organisiert und auf unterschiedlichen Vermittlungsebenen (Biographien, Zeitungen, Filme, Schulbücher, Feste) transportiert wurde. Die Entwicklungsphasen des Personenkultes werden in den Rahmen der innenpolitischen Veränderungen eingeordnet. Dabei soll der Frage nach den Funktionen des politischen Kultes im Hinblick auf Identitätsstiftung, Integrationsleistungen und Legitimationseffekten nachgegangen werden. Somit werden die verschiedenen Elemente des titoistischen Personenkultes zu einer Charakteristik dieses spezifischen, wenn auch nicht singulären Herrschaftsinstruments zusammengefasst.
In seinem Promotionsvorhaben „Titos ‚Gastarbeiter’. Die Geschichte der jugoslawischen Arbeitsmigration nach Deutschland 1954-1973“ untersucht S. Hadžić die politischen und wirtschaftlichen Hintergründe der jugoslawischen Arbeitsmigration nach Westdeutschland in der Zeit des Kalten Krieges. Die Studie soll erstens verstehen helfen, welche Motive und Interessen auf beiden Seiten für das Zustandekommen des Anwerbeabkommens entscheidend waren, zweitens soll die Umsetzung des Anwerbeabkommens bis zum Anwerbestopp näher beleuchtet werden.
letzte Aktualisierung: 5.10.2006
