Kleine und Fragmentarische Historiker der Spätantike

- Die Düsseldorfer Mitarbeiter (von links nach rechts): Dr. Jan-Markus Kötter, Dr. Mehran A. Nickbakht, Prof. Markus Stein, Prof. Bruno Bleckmann, PD Dr. Maria Becker, Jonathan Groß
Dies ist eine provisorische Homepage für das Projekt "Kleine und Fragmentarische Historiker der Spätantike", das mit diesem Jahr begonnen hat. Eine ausführlichere Erläuterung des Projekts, verbunden mit Informationen über den Arbeitsplan, erfolgt in Kürze.
Projekt
Ein Großteil der Quellen, die wir über die Geschichte der Spätantike besitzen, ist verloren und kann allenfalls in Ausschnitten wiedergewonnen werden aus Erwähnungen bei nachfolgenden Autoren, die mitunter ein halbes Jahrtausend später gelebt haben.
Dabei ist die Spätantike für die politische und kulturelle Entwicklung Europas von kaum zu überschätzender Bedeutung. In dieser Epoche beobachten wir die Teilung des Römischen Reiches in einen Ost- und einen Westteil, die in Gestalt des Byzantinischen Reiches und der verschiedenen Nachfolgereiche im Westen das Mittelalter bestimmt haben. Das Christentum steigt im 4. Jh. von einer verfolgten zur Staatsreligion auf, überdies vollzieht es den Prozeß, sich das pagane Gedankengut anzuverwandeln, so daß die Voraussetzung gegeben war, daß auch die Werke z.B. Homers, Platons, Ciceros und Vergils in den mittelalterlichen Klöstern weiterhin abgeschrieben und somit der Nachwelt überliefert wurden.
Diese Zeit ist aber vor allem mit den hochdramatischen Ereignissen verbunden, die man auch in einem breiteren Geschichtsbewußtsein mit den Stichwörtern "Völkerwanderung" oder "Ende des römischen Reiches" verbindet. Was man in diesem Zusammenhang über Attila den Hunnen weiß, verdankt man in der Hauptsache dem verlorengegangenen Historiker Priskos. Diese nur noch durch byzantinische Exzerpte erhaltene Geschichte enthielt beispielsweise eine ausführliche Darstellung einer Reise einer oströmischen Gesandtschaft an den Hof des Hunnenherrschers, die in einem Gastmahl beim gefürchteten Hunnen selbst ihren Höhepunkt fand: "Den übrigen Barbaren und uns wurden auf Silbertellern erlesene Speisen vorgesetzt. Attila jedoch erhielt nur einen Holzteller mit Fleisch. Er zeigte sich auch sonst überaus maßvoll; seine Gäste erhielten nämlich goldene und silberne Becher vorgesetzt, er aber trank aus einem hölzernen. Schlicht war auch sein Gewand, das nur durch fleckenlose Reinheit hervorstach. Weder sein Schwert, das er am Gürtel trug, noch die Bänder an den Sandalen, die er nach Barbarensitte anhatte, noch auch das Geschirr seines Rosses waren wie bei den übrigen Skythen (d.h. Hunnen und Ostgermanen) mit Gold, Edelsteinen oder anderem Zierat geschmückt." (Übersetzung von E. Doblhofer, Byzantinische Diplomaten und östliche Barbaren, 2. Auflage, Graz-Wien-Köln 1955, 54.)
Für die spätantike Geschichtsschreibung fehlt eine Sammlung in der Dimension der von Felix Jacoby herausgegebenen Fragmente der griechischen Historiker (FGrHist), so daß man auf sehr lückenhafte und unzureichende ältere Zusammenstellungen angewiesen ist.
Das Forschungsprojekt der Kleinen und fragmentarischen Historiker der Spätantike umfaßt knapp 90 Autoren bzw. anonyme Werke vom 3. bis 6. Jh. Dazu gehören lateinische und griechische Autoren, Profan- und Kirchenhistoriker, fragmentarisch erhaltene und "kleine" Autoren, d.h. solche, die nur selten als selbständige Werke ediert und in Fragmentsammlungen wiederum nicht erfaßt werden (z.B. Polemius Silvius und die sogenannten Ravennater Annalen), namentlich bekannte Historiker und sicher rekonstruierbare, aber anonyme Geschichtswerke (z.B. die Enmannsche Kaisergeschichte).
Die erwähnten Ravennater Annalen liefern uns knappe Nachrichten über die Geschichte des Westreichs im 4.-6. Jh., darunter die, daß nach der gescheiterten Usurpation des Iovinus und Sebastianus in Gallien ihre abgeschlagenen Häupter am 30. 8. 412 nach Ravenna gesandt und ihr Bruder Sallustius getötet wurde. In der Merseburger Dombibliothek hat sich eine Kostbarkeit erhalten, ein Blatt aus dem 11. Jh., das auf das 6. Jh. zurückgehende Illustrationen einiger Ereignisse des 5. Jh. bietet: Hier sehen wir auch die drei aufgepfählten Köpfe (vgl. B. Bischoff / W. Koehler, Eine illustrierte Ausgabe der spätantiken Ravennater Annalen, in: Medieval Studies in Memory of A. Kingsley Porter, Cambridge [Mass.] 1939, I 125-138, bes. 127. 131).

Honorio VIIII et Theodosio V (412) (suppl. man. XVI saec.)
[T]heodosio Aug(usto) IIII (411)
his cons(ulibus) occisi s(un)t in Galli(i)s Iovinus
et Sebastianus et uener(unt) capita
eor(um) Rau(ennam) III Kal(endas) Sep(tembres) et occisus e(st) fr(ater) eoru(m) Sallus(tius)
Im 9. Konsulat des Honorius und im 5. des Theodosius (II) (412) (im 16. Jh. nachgetragen)
Theodosius (II) im 4. Jahr Augustus (411).
Unter diesen Konsuln (412) sind in Gallien Iovinus und Sebastianus getötet worden, und ihre Häupter sind am 30. 8. nach Ravenna gekommen, und ihr Bruder Sallustius ist getötet worden.
Die Autoren und Werke werden nicht allein im Originaltext ediert, versehen mit einem über die wichtigsten Lesarten und Konjekturen unterrichtenden kritischen Apparat, sondern sie werden auch mit einer deutschen Übersetzung und einem sprachlich-philologischen sowie historischen Kommentar ausgestattet. In diese verschiedenen Aufgaben teilen sich die Mitwirkenden beider an dem Vorhaben beteiligten Disziplinen, der Alten Geschichte und der Klassischen Philologie.
Das Projekt ist auf eine Laufzeit von 15 Jahren angelegt und wird von der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste sowie der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften im Rahmen des Akademienprogramms mit insgesamt 3.000.000 € gefördert.
Arbeitsstellenleiter sind Univ.-Prof. Dr. Bruno Bleckmann, Institut für Geschichtswissenschaften, und Univ.-Prof. Dr. Markus Stein, Institut für Klassische Philologie.
