II: NEUERE GESCHICHTE

Dissertation Oliver Schulz

Die Intervention des „Europäischen Konzerts“ im griechischen Unabhängigkeitskrieg (1826-1832)

 

Die Dissertation untersucht anhand einer Fallstudie aus dem frühen 19. Jahrhundert die Bestimmungsfaktoren, die auf das Denken und Handeln außenpolitischer Entscheidungsträger einwirken konnten. Bei der Fallstudie handelt es sich um die Intervention Großbritanniens, Russlands und Frankreich im griechischen Unabhängigkeitskrieg (1826-1832), in der die Einflussgrößen und einschränkenden Bedingungen für außenpolitische Entscheidungen besonders deutlich hervortreten.

 

Die zentrale Frage in der Dissertation besteht darin, ob das in den Quellen oft als „politisches Gleichgewicht“ bezeichnete Staatensystem nach 1815 Normen, Regeln und einem grundlegenden Mentalitätswandel der außenpolitischen Eliten infolge der Revolutionserfahrung oder aber einer modifizierten und um weitere Faktoren erweiterten Balance of power entsprang. Dieser Frage wird am Beispiel der Entscheidung für oder gegen die zwischenstaatliche Kooperation und Intervention im griechisch-osmanischen Konflikt nachgegangen. Dem Hauptteil der Arbeit, der die verschiedenen Phasen der Konfliktregulierung in Griechenland behandelt, sind zwei Kapitel vorgeschaltet, die in die Grundlagen der europäischen Außenpolitik nach 1815 und in die als „Orientalische Frage“ bezeichnete Strukturkrise des Osmanischen Reiches einführen.

 

Die politikgeschichtliche Perspektive wird um sozial- und kulturgeschichtliche Aspekte erweitert, indem die adeligen Entscheidungsträger in den europäischen Kabinetten als soziale Gruppe untersucht und Faktoren wie die Generationsprägung, die Wahrnehmung und Imagination von „Fremdheit“ sowie die hieraus resultierende Konstruktion eines Zivilisationsgefälles gegenüber den Osmanen in die Untersuchung integriert werden. Ein weiterer zentraler Aspekt der Untersuchung besteht in dem Spannungsverhältnis zwischen grundsätzlichen außenpolitischen Ordnungsvorstellungen einerseits und einzelstaatlichen Interessen andererseits. Hier kann eine erste Antwort auf die Frage gegeben werden, was einzelstaatliche Interessen waren, wer diese formulierte beziehungsweise konstruierte und welche Kontinuitäten diese über Systemwechsel aufweisen konnten. In Bezug auf das Osmanische Reich kann die Untersuchung europäischer Interessen und Wahrnehmungsmuster gegenüber nichteuropäischen Staaten außerdem einen Beitrag zur Vorgeschichte des europäischen Imperialismus leisten.