Richard Kühl: „Sexuelle Kriegsfragen“. Der Erste Weltkrieg und die deutsche Sexualwissenschaft
Mit nachträglicher Überraschung bemerkten Sexualforscher in Deutschland nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, dass ihre zu den „ausgesprochenen Friedensspezialitäten“ (Otto Adler) gerechnete Fachdisziplin mit spezifischen Fragen an den Krieg ein neues Forschungsfeld entdeckt hatte. Ein heute noch recht bekanntes Zeugnis dieser Beschäftigung ist die 1930 von Magnus Hirschfeld in zwei Bänden herausgegebene „Sittengeschichte des Weltkrieges“. Weniger bekannt ist, dass sich die Auseinandersetzung mit „sexuellen Kriegsfragen“ (Henriette Fürth) bereits in den Kriegsjahren in einer Flut von Publikationen niederschlug. Alleine die von dem Berliner Arzt und Sexualwissenschaftler Iwan Bloch erstellte, von ihm ausdrücklich als nicht vollständig bezeichnete „Bibliographie der gesamten Sexualwissenschaft“ verwies zwischen 1914 und 1919 unter dem Stichwort „Kriegsliteratur“ auf über 800 sexualpolitische und -wissenschaftliche Einzelveröffentlichungen.
In der Dissertation soll die bislang in der historiografischen wie auch der wissenschaftshistorischen Literatur kaum beachtete sexuologische Forschung zum Ersten Weltkrieg erstmals umfassend und systematisch untersucht werden. Aus einer wissenschaftshistorisch angelegten Perspektive wird danach gefragt, wie die Forscher im Kriegsraum `Fuß fassten’, auf welchen Feldern geforscht wurde und welche forschungsprogrammatischen und sexualpolitischen Konsequenzen sie aus ihren Erfahrungen und ihrer kulturellen Deutung des Krieges zogen. Als ein roter Faden wird sich in der Untersuchung die Beschäftigung mit der Frage wiederfinden, inwiefern die Forschungsarbeiten der zeitgenössischen Sexuologie neue historiografische Zugänge und weitere kultur-, mentalitäts-, - sexual- und geschlechtergeschichtliche Erkenntnisse, insbesondere hinsichtlich der seelischen Nöte der Soldaten des Ersten Weltkrieges und dessen körperliche und psychische Verheerungen, liefern. Der erste Teil der Dissertation gilt der Tätigkeit von Sexualwissenschaftlern im Krieg selbst; ein zweiter beschäftigt sich mit der Präsenz des Themas Krieg und Sexualität in der Kriegserinnerungskultur und -politik der Weimarer Republik und dem Anteil, den Sexualwissenschaftler daran hatten.
(eine ausführliche Vorstellung des Dissertationsvorhabens ist erschienen in: Newsletter des Arbeitskreises Militärgeschichte Nr. 32, 2009, siehe www.akmilitaergeschichte.de )
