ABTEILUNG FÜR WIRTSCHAFTSGESCHICHTE

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Kleine Wirtschaftsgeschichte Nordrhein-Westfalens

„Wirtschaft macht Raum“

Die Geschichte einer Region ist neben ihrer politisch-administrativen Genese immer auch die Entwicklung ihrer Kultur, Gesellschaft und Ökonomie. Das Bindestrichland Nordrhein-Westfalen bildet hier keine Ausnahme. Dabei gilt das bevölkerungsreichste Bundesland nicht erst seit jüngerer Zeit als ökonomischer und kultureller „Melting Pot“.

Die regionale Identität des einwohnerstärksten deutschen Bundeslandes ist im Querschnitt historischen Wandels eng mit seiner wirtschaftlichen Entwicklung, also dem Wandel einzelner Gewerberegionen, aber auch von Unternehmen (z. B. als Arbeitgeber), verquickt. Das Projekt trägt dieser Aussage Rechnung. So dient die historische Entwicklung des „Kernlandes der Industrie“ gleichzeitig als „Brennglas“ zentraler Themen sowohl der deutschen als auch der europäischen Wirtschaftsgeschichte nach 1945. Dabei hat sich längst auch abseits des populären Interessenfokus auf die Ruhrindustrie eine umfassende Forschungslandschaft zu unterschiedlichsten Regionen, Branchen und Fragestellungen etabliert, die eine Synthesebildung geradezu herausfordert.

Der ökonomische Integrationsprozess der nördlichen Rheinlande und Westfalens seit dem 19. Jahrhundert wird dabei anhand zentraler wirtschaftshistorischer Themenkomplexe abgebildet. Hierzu zählen neben der allgemeinen wirtschaftlichen Strukturen u. a. Aspekte der Migrationsgeschichte, der Geschichte von Unternehmen und Marken, der Umwelt, des Spannungsfeldes zwischen internationaler Vernetzung und regionaler Verankerung sowie die Entwicklung zum modernen „Wirtschaftsstandort NRW“.

 

 

Emotionen. Ein neuer Zugang zur unternehmenshistorischen Analyse industrieller Massenkonsumgesellschaften des 20. Jahrhunderts?

 

                Susanne Hilger, Düsseldorf                       Friedericke Sattler, München                                                            

Emotionen spielten in den Handlungsmodellen der neoklassischen Ökonomie, die für die moderne Wirtschaftsgeschichte zweifellos einen sehr hohen Stellenwert besitzen, lange Zeit kaum eine Rolle. Denn obgleich menschliche Gefühle, etwa Angst oder Vertrauen, aus realen wirtschaftlichen Prozessen nicht wegzudenken sind (bestes Beispiel hierfür ist und bleibt die Börsenentwicklung), scheinen sie mit den bis heute dominanten rational choice-Modellen unvereinbar zu sein. Mit ihrem Buch „Animal Spirits“ haben die beiden amerikanischen Ökonomen George A. Akerlof und Robert J. Shiller dies allerdings jüngst massiv in Frage gestellt: Sie plädieren vehement dafür, der evident hohen Bedeutung psychologisch-anthropologischer Einflussfaktoren auf die Wirtschaftsentwicklung – wie sie etwa in dem Bedürfnis nach wechselseitigem Vertrauen, in dem Verlangen nach Fairness, im Hang zur Geldillusion, in der Versuchung zu korruptem, arglistigem und unsozialen Verhalten oder in der Neigung zum Denken in Geschichten zum Ausdruck kommen, endlich auch in den theoretisch-methodischen Grundannahmen der Disziplin Rechnung zu tragen.

Und mit diesem Plädoyer, das einer Rückbesinnung auf die bereits von Adam Smith ausführlich beschriebenen moral sentiments gleichkommt, stehen sie keineswegs allein da. Spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg beurteilen nicht nur Psychologen die Grundannahme der ökonomischen Nutzen- bzw. Gewinnmaximierung zunehmend skeptisch. Schon die ökonomische Verhaltensforschung, die der österreichisch-ungarische Emigrant George Katona zu Beginn der 1950er Jahre in den USA begründete, konzentrierte sich auf das psychologische Gebaren der Wirtschaftsakteure und betonte etwa den Stellenwert des „Vertrauens der Massen“ für die volkswirtschaftliche Stabilität. In der Bundesrepublik wirkte zeitgleich der Finanzwissenschaftler Günter Schmölders als Pionier der Finanzpsychologie den mainstream economics entgegen. Mittlerweile haben behavioral oder emotional economics international erheblich an Zulauf gewonnen. Dies gilt nicht nur für die experimentelle Spieltheorie, innerhalb derer sich beispielsweise der Kölner Ökonom Axel Ockenfels seit einiger Zeit mit der Bedeutung von eingeschränkter Rationalität in der Wirtschaft am Beispiel des Online-Auktionators Ebay befasst. Der amerikanische Psychologe Daniel Kahneman erhielt 2002 für seine Forschungen über Entscheidungsfindung bei Unsicherheit den Nobelpreis für Ökonomie. Darin betont er die Bedeutung von Vertrauen und anderen „heuristischen Determinanten“ für die konkrete Entscheidungsfindung von Individuen.

Anders als in der Kultur- und Gesellschaftsgeschichte, wo sich u.a. Ute Frevert und Birgit Aschmann bereits recht intensiv mit der Geschichte der Gefühle und ihrem Einfluss auf Politik und Gesellschaft im 19. und 20. Jahrhundert auseinandersetzen, ist das Interesse der Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte an diesem neuen Forschungsfeld trotz der gegebenen Impulse durch die Verhaltensökonomen bislang noch nicht sehr ausgeprägt. Dabei eröffnet die Frage nach dem Stellenwert von Emotionen für das ökonomische Entscheidungshandeln von Individuen und Kollektiven nicht nur neue Sichtweisen auf unternehmens- und wirtschaftshistorische Entwicklungen, sondern sie stärkt zugleich auch die Anschlussfähigkeit der einschlägigen Forschungen etwa an die historische Wirtschaftsanthropologie, die insbesondere für die Frühe Neuzeit mit den Arbeiten von Wolfgang Reinhards und Michaela Fenske ein beeindruckendes Oeuvre vorweisen kann.

Die hier anzuzeigende Sektion unternimmt den Versuch, Chancen, Risiken und Grenzen einer stärkeren Berücksichtigung von Emotionen in der wirtschafts- und insbesondere unternehmenshistorischen Forschung auszuloten. Im Zentrum des Interesses stehen dabei die industriellen Massenkonsumgesellschaften des 20. Jahrhunderts, die aufgrund verdichteter sozioökonomischer Strukturen, bedingt durch die modernen Massenmedien und immer neue Kommunikationstechnologien, besonderen Aufschluss versprechen. Willkommen sind sowohl wissenschaftshistorisch ausgerichtete Beiträge, die sich mit der Genese und Rezeption der ökonomischen Verhaltensforschung durch die Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte befassen, als auch historisch-empirische Untersuchungen, etwa zum Stellenwert von Emotionen im Bereich des Konsums oder des Spar- und Anlageverhaltens privater Haushalte. Auch Unternehmensführung und Management sollen unter emotionalen Gesichtspunkten näher beleuchtet werden: Gibt es bestimmte Unternehmensformen, etwa persönlich geführte Familienunternehmen, oder bestimmte unternehmerische Entscheidungsbereiche, etwa den der Investitionen oder des Marketings, in denen besondere emotionale Impulsfaktoren festzustellen sind? Welche spezifischen Semantiken und Bilder werden benutzt, um Emotionen von Managern, Beschäftigten, Zulieferern und Kunden zu instrumentalisieren? Lassen sich – ganz generell betrachtet – spezifische emotionale „Codes“ und „Stile“ identifizieren, die geschlechterspezifisch, generationell oder ethnisch determiniert sind bzw. einem bestimmten soziokulturellen Kontext zugeordnet werden können?