| Das automatische Schreiben oder auch ‘écriture automatique’
in seiner Urform stammt von dem Psychologen Pierre Janet. Der Schüler
Sigmund Freuds schlug dieses Schreibverfahren 1889 als psychologische Behandlungsmethode
vor: Der/Die PatientIn solle im Halbschlaf, in Trance oder unter Hypnose
schreiben, um das Unbewusste ins Bewusstsein zu holen. In den 20er Jahren
des folgenden Jahrhunderts entdeckte André Breton das automatische
Schreiben für die Literatur. Die Bestrebung der Surrealisten war es,
die tradierte Kunstauffassung durch eine neue zu ersetzten. Das automatische
Schreiben wurde hierbei als das Verfahren proklamiert, welches es vermag
das Denken des Schreibenden durch die Freisetzung des Imaginativen zu erweitern
- hierfür solle die Vernunft, die Wahrnehmung der äußeren
Umgebung, das planende Überlegen und die Kritik vorübergehend
ausgeschaltet werden. Alle Aufmerksamkeit soll sich auf die innerpsychischen
Vorgänge fokusieren.
Für den Schreibprozess selbst ist es wichtig, dass eine entspannte Atmosphäre herrscht. Dies kann durch entsprechende räumliche Gestaltung, gemütliche Sitz- und Schreibplätze wie auch dezente Hintergrundmusik erwirkt werden. Der/Die Schreibende soll sich nun auf den Film, der in seinem/ihrem Kopf abläuft, konzentrieren und ihn nach zwei bis drei Minuten schreibend umsetzen. Damit in rascher Folge einzelne Wörter ohne Punkt und Komma aneinander gereiht werden können, kann auf jede Sprach- und Grammatikregel verzichtet werden - alles ist erlaubt: auf die Syntax kann verzichtet werden, ebenso auch auf Rechtschreibung und anderes Regelwerk, auch Codewechsel zwischen verschiedenen Sprachen wie Sprachvarietäten ist möglich. Der Film der sich im Kopf abspielt, wird in seiner ganzen Sprunghaftigkeit und scheinbaren Unstrukturiertheit festgehalten. Wenn der Gedankenfluss einmal stockt, soll der/ die Schreibende das letzte Wort permanent schreibend wiederholen, um den Schreibfluss nicht zu unterbrechen - setzt der Film wieder ein, wird das Schreiben des Textes fortgesetzt. Die so entstandenen Schriften weisen in Form eines ‘Denk-Diktats’ eine ständige Bewegung durch den Fluss der Assoziationen auf. Die Surrealisten selbst sahen die entstandenen Produkte als ‘wunderbare Artefakte’ - eine Enträtselung oder gar Überarbeitung der Texte würde diese zerstören. In unserem Seminar sind wir der Schreibidee der Surrealisten nicht im allem gefolgt. Während Breton davon ausging, dass der erste Satz sich von alleine bilde und dann nur zu Papier gebracht werden müsse, haben wir als ersten Schreibimpuls Bilder ausgewählt, die unmittelbar einen Film in unserem Kopf entstehen ließen. Auch haben wir es zum Ende der Schreibphase den Autorinnen selbst überlassen, ob sie ihren Text überdenken oder überarbeiten möchten oder ihn im Sinne der Surrealisten als ‘wunderbare Artefacte’ für sich stehen lassen. |