INSTITUT FÜR GERMANISTIK

Düsseldorfer Autorinnen - Rosemarie Marschner

Das Bildrecht liegt bei der Autorin.

Vita

  • 1944 wird sie in Wels, Oberösterreich, geboren. Als Schülerin beginnt sie mit dem Schreiben, zunächst in der Schülerzeitung, dann in regionalen Zeitungen mit Lokalberichten, geschichtlichen Beiträgen, einer regelmäßigen Teenager-Kolumne und einem Kriminalroman.
  • Nach einem Lehramtsstudium in Linz arbeitet sie als Deutsch- und Englischlehrerin in Wels. In dieser Zeit schreibt sie für das Feuilleton und hospitiert in der Freizeit in einem Spielfilmstudio.
  • 1973 siedelt sie nach Düsseldorf über. Sie verfasst Hörspiele und schreibt regelmäßig für eine Wochenzeitschrift: Rezensionen, Fernsehkritiken und Beiträge zu zeitkritischen Themen.
  • 1988 erscheint ihr 1. Roman: „Melly“.
  • 1995 organisiert und moderiert sie im Auftrag des Deutschen Frauenrats bei der Weltfrauenkonferenz in Peking eine Talkshow, an der sich Schriftstellerinnen aus aller Welt beteiligen.
  • Rosemarie Marschner ist verheiratet und hat zwei Töchter. Sie ist Mitglied der Österreichischen Gesellschaft Düsseldorf e.V. und bei Soroptimist International, Club Haan.
  • Die Autorin absolviert Lesungen in Deutschland und Österreich.

Publikationen

  • Das Mädchen am Klavier. Roman. München: dtv, 2013
  • Zu Ehren des Königs. Roman. München: dtv, 2009
  • Das Jagdhaus. Roman. München: dtv, 2005 (weitere Auflage 2006)
  • Das Bücherzimmer. Roman. München: dtv, 2004 (weitere Auflagen 2007, 2009, 2011; auch als E-Book)
  • Die Insel am Rande der Welt. Roman. München: dtv, 2000
  • Nacht der Engel. Roman. München: dtv, 1998 (weitere Auflagen bei dtv: 1999, 2000, 2006, 2008); Sonderausgabe: Rheda-Wiedernbrück (u. a.): Bertelsmann, 1999; auf Griechisch erschienen in Athen: Konidaris, 1998; auf Estnisch erschienen unter dem Titel: Inglite öö. Tallinn: Kunst, 1999
  • Im Glanz der Siege. Roman um Prinz Eugen. München: Amalthea, 1994. Unter dem Titel: Der Sohn der Italienerin: München: dtv, 1996
  • Melly. Roman. Frankfurt/M., Berlin: Ullstein, 1988 (weitere Auflagen 1989, 1992)

Beiträge in Anthologien, Zeitungen (Auswahl):

  • Wir leben alle auf der gleichen Erde- Das deutsche Fernsehen und die schwarzafrikanische Literatur. In: Deutsche Gegenwart, Dezember 1980
  • Die unreine Tugend des Pier Paolo Pasolini. In: Deutsche Gegenwart, November 1980
  • In: Spaziergänge am Nachmittag. Anthologie zum Internationalen Kolloquium in Arnsberg, 1979

Hörspiele

  • Der Tannenbaumneger, ORF 1977
  • Marlis, Radio Basel, 1977
  • Ein Fest der Liebe, WDR 1976

Pressestimmen

Zu: Zu Ehren des Königs (2009):

Von mutigen Bürgertöchtern und ritterlichen Kavalieren, von Machtkämpfen, Hexenwahn, Tod und der Liebe erzählten die historisierenden Romane, die in den letzten Jahren ihren Platz in den Bestsellerlisten fanden. Nun scheint das Hochmittelalter als Kulisse für die Werke dieses Genres seinen Spitzenplatz auf der Beliebtheitsskala eingebüßt zu haben. Denn viele Schriftsteller haben sich in ihren neuen Werken anderen Zeiten zugewandt, von der frühen Neuzeit am Anfang des 16. Jahrhundert bis zur beginnenden industriellen Revolution im 18. Jahrhundert.

Rosemarie Marschners jüngster Roman führt seine Leser ins 17. Jahrhundert und umspannt eine Zeit, die in Frankreich als die Epoche des Sonnenkönigs in die Geschichte eingehen sollte. Der spätere König Ludwig XIV. ist erst vier Jahre alt, als er dem mehr als zwanzig Jahre älteren Nicolas Fouquet begegnet, einem talentierten jungen Mann aus reichem Hause, dem eine glänzende Karriere bevorsteht. Immer wieder kreuzen sich die Wege von Ludwig und Nicolas: genusssüchtig, materialistisch, voller Rivalenangst der König – kultiviert, begabt und bewundert sein Minister.

Als Nicolas zu Ehren des Königs ein glanzvolles, nie dagewesenes Fest in seinem prächtigen Schloss ausrichtet, gilt er in dieser Nacht als wahrer König Frankreichs. Kurze Zeit später wird er verhaftet und vor ein Sondergericht gestellt. Ludwig will seinen Tod …

Wer sich ein wenig in diesem Teil der Historie auskennt, weiß, dass Nicolas Fouquet, Vicomte de Melun, Vicomte de Vaux, Marquis de Belle Isle, geboren am 27. Januar 1615 in Paris unter dem jungen Ludwig XIV. die Oberaufsicht über die königlichen Finanzen führte. Doch Fouquet – hinter vorgehaltener Hand spöttisch »das Eichhörnchen« genannt – hatte Staatsgelder veruntreut (größtenteils allerdings nur als »Zwischenfinanzierung« seiner fast unglaublich gewinnbringenden, privaten Geschäfte) und Befestigungen ohne Genehmigung des Königs bauen lassen. Letzteres interpretierte Ludwig als Vorbereitung einer Rebellion gegen seine Person. Ludwig ließ ihn wegen Korruption und Hochverrat verhaften und durch den ihm treu ergebenen Jean-Baptiste Colbert ersetzen – eine äußerst glückliche Wahl, denn der Begründer des Merkantilismus sanierte den Staatshaushalt, um Ludwigs Leben, Hof und Kriege zu finanzieren und schuf die Basis für die französische Wirtschafts- und Kolonialpolitik.

Nicolas Fouquet, das in der Festung von Pignerol eingekerkerte Eichhörnchen, starb – zur Unperson erklärt, deren Name bei Hofe nicht genannt werden durfte – am 23. März 1680. Mit einer höchst dramatischen Szene, in der die Nachricht seines Todes dem König überbracht wird, eröffnet Rosemarie Marschner ihren Roman ZU EHREN DES KÖNIGS, in dem sie äußerst fesselnd von der Kindheit und Jugend des zukünftigen Königs von Frankreich und Navarra erzählt. Sie begleitet ihn auf seinem Weg ins Erwachsenenleben und greift seine Beziehung zu Fouquet heraus.

Mit leichter Hand verwebt die Autorin Fakten und Fiktion zu einem farbigen Tableau der französischen Gesellschaft dieser Zeit. „Zu Ehren des Königs“ lässt sich sehr flüssig lesen und ist, obwohl man das Geschehen und seinen Ausgang kennt, wirklich spannend. Die Autorin baut diese Spannung auf der Entwicklung der Charaktere und der Schilderung komplexer Intrigen auf. Ein kleines Verzeichnis der Handelnden im Anhang hätte dem Buch sicherlich gut getan und seinen Lesern mehr Übersicht erlaubt. Aber „Zu Ehren des Königs“ ist auch so ein gut verständliches, solides und unterhaltsames Buch, das sicherlich allen, die sich für Literatur aus diesem Genre interessieren, gefallen dürfte.

(Annegret Wegener in: literaturzirkel.eu, 2/2010)

Das Spiel der Intrigen

Davon erzählt auch der Roman „Zu Ehren des Königs“. Es geht um den märchenhaften Aufstieg des Nicolas Fouquet, Sohn einer vermögenden Familie, zum zweiten Mann im Staate, und es geht um den jungen Ludwig, der schon als Kind den Thron besteigt. Beide werden sie zum Spielball der Mächtigen. Ludwig muss früh erkennen, dass er zwar König ist, das Sagen aber andere haben, berechnende Beamte wie sein Pate, Kardinal Mazarin. Der hatte Fouquet, einen Mann von diplomatischem und kaufmännischem Geschick, gebildet und hoch talentiert, für den Dienst an der Krone gewonnen, um ihn für seine politischen Ziele einzusetzen.

Als ein Bürgerkrieg die Monarchie in Gefahr bringt, retten sie gemeinsam der königlichen Familie das Leben. In halsbrecherischen Aktionen bestimmt Fouquet von nun an die finanziellen Geschicke des Landes. Dabei auch selbst reich geworden, richtet er zu Ehren des Königs ein Gartenfest aus, wie es Frankreich noch nicht gesehen hat, und erregt damit den neidvollen Hass des Monarchen. Damit ist sein Schicksal besiegelt, er wird verhaftet und bis zu seinem Tod im fernen, oberitalienischen Pinerolo eingekerkert.

Wie es zu diesem jähen Absturz kommt, schildert der Roman in opulenten Szenen. Angefangen von der ersten Begegnung zwischen dem jungen Ludwig - ein ängstliches Kind, aus dem die dynastische Rolle einen genusssüchtigen, misstrauischen, misanthropischen Menschen macht - und dem kultivierten, gewinnenden Fouquet, erzählt er davon, wie sich deren Wege immer wieder kreuzen.

Schwungvoll geschrieben, lässt Marschner einen allwissenden Erzähler sich mit Lust am Detail über die prachtvoll bunten Episoden beugen. Sie wirft Blicke in die Boudoirs der Königin, auf die Straßen von Paris, wo sich das Volk erhebt, in die Alkoven der Hofdamen, während der König erotische Unterweisungen erhält, und sie erkundet teilnahmsvoll die Seelen der Figuren, der Frauen vor allem.

Ihre Sympathie gehört auch dem Helden der Geschichte und seinem tragischen Schicksal, wobei da eine Prise zu viel Anteilnahme im Spiel ist. Mit knappen Strichen hingegen bedenkt sie den Prototyp eines skrupellosen Aufsteigers, den Finanzsekretär Colbert, mit dem ein neuer, zutiefst korrupter Menschenschlag auf den Plan tritt. Geschickt webt sie in den romanhaften Verlauf immer wieder sorgfältig recherchierte Passagen ein, die den geschichtlichen Vorgängen ein Gesicht geben.

Wie jeder gute historische Roman erzählt auch "Zu Ehren des Königs" von der Gegenwart. Man erfährt hier mehr über die Mechanismen der Macht, die Intrigen und Winkelzüge von Entscheidungsträgern als aus jeder Politikerbiografie. Nicht zufällig drängt sich der Vergleich mit aktuellen Vorkommnissen auf, dem Duell zwischen Putin und dem Öl-Magnaten Chodorkowski etwa. So gelingt dem Roman, was bei trockenen historischen Abhandlungen oft ausgeschlossen ist: die lebenspralle, farbenfrohe Vergegenwärtigung eines fernen Zeitalters.

(Edelgard Abenstein in: dradio.de, 30.12.2009)

Ein Stück französische Geschichte literarisch verarbeitet

[…] Das vorliegende Buch erzählt die miteinander verwobenen Lebensgeschichten von Frankreichs „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. und seinem Wegbegleiter, dem Vicomte Nicolas Foquet. Trotz der Standesunterschiede - der eine ist ein absolutistischer Herrscher, der andere gehört dem Beamtenadel an - kreuzen sich ihre Wege immer wieder. Ludwig ist erst vier Jahre alt, als er dem mehr als zwanzig Jahre älteren Foquet erstmals begegnet. Damals stand der Tod von Ludwig XIII. kurz bevor und der Sonnenkönig sollte seinem Vater auf den Thron folgen. Berührungspunkte, die sie zu Verbündeten, zu Weggefährten machen.

Während Ludwig auf seine zukünftige Herrschertätigkeit vorbereitet wird, für sein Handeln Verantwortung übernimmt und trotzdem seine Kindheit (und Freiheit) zu genießen versucht, verläuft Foquets Leben in anderen Bahnen. Aufgrund seiner Herkunft ist Foquet eine Beamtenlaufbahn sicher, die er schließlich 1642 antritt. In seiner Tätigkeit als Intendant lernt er Land und Leute kennen und erhält Einblicke in die unmittelbaren Auswirkungen von Ludwigs politischen Maßnahmen. Im Laufe der Jahre gewinnt Foquet das Vertrauen von Kardinal Mazarin und Ludwig XIV., was seinen raschen Aufstieg in die höhere Beamtenlaufbahn zur Folge hat, die schließlich als Finanzminister ihren Höhepunkt findet. Foquet hat nun einen Posten inne, der sein Ansehen und seinen Ruhm enorm steigert, aber zugleich auch Neid und Missgunst nach sich zieht.

Nicht nur Foquets blitzartiger Aufstieg zum Lehrmeister und Vorbild Ludwigs XIV. ist Gegenstand des vorliegenden Romans, sondern auch seine charmante Wesensart, die ihn zum Mittelpunkt der (adligen) Gesellschaft werden lässt. Im Gegensatz zum König, der sich prächtigen Hoffesten, Vergnügungen und den Künsten hingibt, aber auch von Unsicherheit, Neid und Rivalitätsängsten geplagt wird, gilt Foquet als angenehmer Zeitgenosse, der von schönen Frauen und den größten Künstlern seiner Zeit umgeben ist - sehr zum Missfallen des Königs. Zum Eklat kommt es im Sommer 1661: Foquet gibt auf seinem Anwesen in Vaux-le-Vicomte zu Ehren des Königs ein großes Fest - der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Drei Wochen später folgt die bittere Konsequenz: Foquet wird festgenommen und verurteilt - zu Unrecht nach Meinung seiner Zeitgenossen.

Rosemarie Marschner führt in „Zu Ehren des Königs“ den Leser in eine Welt voller Prunk, Glamour und Intrigen - und dies mit solch einer malerischen, bildhaften und poetischen Sprache, dass man beim Lesen dem Eindruck erliegen könnte, selbst durch Frankreichs Schlösser zu wandeln, auf dem Ball mit Hingabe zu tanzen oder die betörenden Blumendüfte im königlichen Garten zu genießen. Damit gelingt es der Autorin, ein Stück Zeitgeschichte lebendig zu machen und zugleich literarisch als grandiose Fiktion erscheinen zu lassen, wie sie schöner kaum hätte sein können. Da bleibt nur zu hoffen, dass nicht noch einmal vier Jahre von Nöten sind, bis Marschner der Öffentlichkeit einen neuen Roman präsentiert. Interessanten Stoff hat die Welt ja genug zu bieten.

(Susann Fleischer in: literaturmarkt.info, 21.12.2009)

Ludwig XIV. ist als der „Sonnenkönig“ in die Geschichte eingegangen. Sein Vater, mit dem er auf keinem guten Fuß stand, starb, als Ludwig noch jung war. Er musste in die Stellung eines Königs hereinwachsen und bekam dabei mit, dass viele ihm sein Amt streitig machen wollten. Mehrmals stand seine zukünftige Herrschaft auf der Kippe, doch konnte er sie am Ende festigen. Damit verbunden war dann aber auch die Idee, dass er das Zentrum sei und niemand ihn überbieten dürfe.

Der vorliegende Roman setzt in der Kindheit des Königs an, begleitet ihn auf seinen Weg ins Erwachsenenleben und greift seine Beziehung zu dem Vicomte Nicolas Fouquet heraus. Fouquets Familie strebte stets nach Aufstieg, der sich auch über Generationen vollzog. Nicolas Fouquet schaffte es schließlich zum Oberaufseher über die Finanzen des französischen Königreichs. Privat war er gleichsam ein überaus erfolgreicher Geschäftsmann, der ein ungeheures Vermögen erwarb. Dies, verbunden mit seiner hohen politischen Stellung, hat Neider nach sich gezogen. Stand er doch immer loyal zum König, ist die Wahrnehmung des Königs doch eine ganz eigene. Bei einem glamourösen Fest, im prächtigsten Schloss ganz Frankreichs fällt die Entscheidung über Nicolas Schicksal und das seiner Familie. 
Nicolas wollte nur einen repräsentativen Sitz für seine Familie und ließ das prächtige Anwesen bauen, das alle anderen in den Schatten stellte. Auch das des Königs. Für dieses ist dies eine persönliche Beleidigung, die durch Intrigen von Nicolas Feinden zusätzliche Nahrung erhält. Also wird Anklage gegen Nicolas erhoben, dem man vorwirft, seinen Wohlstand gar nicht mit rechten Mitteln erworben haben zu können. Die Fadenscheinigkeit der Anklage ist ersichtlich, doch der König triumphiert und nun ist er das prächtige politische Zentrum der absoluten Macht.

„Zu Ehren des Königs“ ist ein historischer Roman, der die Entwicklung des späteren Sonnenkönigs beschreibt. Dabei werden vor allem die Krisen der Monarchie und die Sicht des Kindes Ludwig dargestellt. Der zweite Strang greift die persönliche Entwicklung Nicolas heraus, der großen Einfluss auf das Schicksal des Königs hatte. Unter anderem rettete er die Monarchie. Verbunden sind diese historischen Aspekte mit Fiktion, etwa Äußerungen für die es keine Belege geben kann und Innenansichten der Protagonisten. Man hat somit eine Verbindung von historischen Gegebenheiten mit fiktiven Elementen, die es schwer machen zu erkennen, was der Fantasie der Autorin entsprungen ist und was nicht.

Das Buch liest sich sehr flüssig und ist durchaus mit einer Spannung versehen, da man den Ausgang kennt, aber erst nach und nach erfährt, wie es dazu gekommen ist. Es ist eine Spannung die auf der Entwicklung von Charakteren und Intrigen basiert. Die Vielzahl der Charaktere macht das Lesen etwas schwer, da man sich alle diese Namen nicht merken kann. Die wesentlichen Protagonisten kennt man, aber zu viele andere werden erwähnt. Ein kleines Verzeichnis der Handelnden hätte dem Leser mehr Übersicht erlaubt. Ansonsten ist es ein leicht zu lesendes und verständliches Buch, das sicherlich allen, die sich für historische Romane interessieren, gefallen dürfte. Das Setting ist mit dem Sonnenkönig sicherlich vielen noch aus der Schule bekannt, wenn auch die Ausgestaltung Details und Ereignisse vereint, die nicht zwingend zum Schulunterricht gehören. Dort setzt man ja doch eher in der späteren Lebensphase des Sonnenkönigs ein.

Insgesamt ein solider und unterhaltsamer historischer Roman, der jedoch das Manko enthält, das allen diesen Büchern zukommt. Die Trennung zwischen Fiktion und Fakt ist nicht möglich, was dem literarischen Aspekt aber keinen Schaden zufügt. Anderseits muss man aber auch sagen, dass das Buch sich nicht irgendwie aus der Masse der historischen Romane hervortut. Nichts spricht gegen die Lektüre dieses Buches, aber was man genau für dieses Buch, anstelle anderer, anführen sollte, lässt sich auch nicht sagen. Dennoch, das Lesen hat Spaß gemacht und das Buch gefallen!

(Jens Fleischhauer in: roterdorn.de, 1.12.2009)

Zu: Das Jagdhaus (2005):

„Dieses Kind ist so alt wie der Krieg“, murmelt der Pfarrer bei der Taufe von Antonias zweitem Kind. Es ist September 1939, und die Familie Bellago zieht sich zusehends vor dem gerade erst beginnenden Krieg ins Private zurück – in der Hoffnung, der „Spuk" gehe bald vorüber. Als jedoch Antonias Eltern vor der Verfolgung durch den Nationalsozialismus ins italienische Exil gehen, endet die private Idylle abrupt und Antonia sieht sich zusehends mit einer Welt konfrontiert, in der früher oder später jeder Position beziehen muss. Das gilt für ihren Ehemann, einen Rechtsanwalt, genauso wie für ihre großbürgerlichen Schwiegereltern. Doch auch Antonia gerät endgültig ins Schwanken, als sich ihr ein ungeahntes Familiengeheimnis offenbart und den sicher gewähnten privaten Rückzugsraum bedroht, denn ihr Mann hat noch ein weiteres Kind, von dem sie bis dato nichts wusste: Marie. Und so wagt Antonia den ersten Schritt zur Selbstkonfrontation und beginnt sich aus ihrer krampfhaft aufrechterhaltenen Scheinidylle zu befreien.

Ort der Handlung ist Linz bzw. Oberösterreich und es ist möglicherweise das größte Verdienst der Autorin, dass sie dank ihrer ausführlichen Recherche ein geradezu plastisches Bild der „Hitlerstadt" zwischen 1939 und 1945 zeichnet, ohne den Fokus von der Familiengeschichte der Bellagos zu nehmen. Damit erschließt sich dem Leser ein Stimmungsbild jener Tage, das keine Helden des Widerstands, sondern das alltägliche Versagen gegenüber dem Unrecht dokumentiert.

Rosemarie Marschners Roman schließt teilweise an seinen Vorgänger „Das Bücherzimmer" an und führt die Geschichte einzelner Figuren fort. Auch in „Das Jagdhaus" gelingt es Marschner, das einfühlsame Portrait einer Familie zu zeichnen, die sich dem Einfluss ihrer Zeit nicht entziehen kann, die aber letzten Endes an ihren privaten Tragödien zu wachsen scheint.

(Susanne Falk in: DAVID - Jüdische Kulturzeitschrift, Heft Nr. 74, September 2007)

Zu: Das Bücherzimmer (2004):

Die neue Prosa von Rosemarie Marschner ist personalisierte Zeitgeschichte

Kein Wegkommen von der schrecklichen Geschichte der dreißiger und vierziger Jahre des 20. Jh. - speziell in Deutschland, in Österreich. Wie Löwenzahn-Wurzeln ist die Geschichte eingewachsen in das Bewusstsein der Menschen - nicht nur der Erlebens-, Augen- und Zeitzeugen, sondern auch der Jüngeren, da diese Wurzeln über jene Generation hinauswachsen und ihr eigenes emotionales Sensorium mit dieser Geschichte verbinden. Der neue Roman der Oberösterreicherin Rosemarie Marschner rollt diese Geschichte wieder auf. Personalisierte Zeitgeschichte.

Eine junge Frau aus ärmlichen Verhältnissen, aufgewachsen in einem kleinen, geistig verzopften Dorf in der Welser Gegend, wird Anfang der dreißiger Jahre nach Linz „in Dienst“ geschickt. Ein uneheliches Kind, im Dorf scheel angeschaut.

In Linz der weitere Schicksalsweg. Eigentlich gar nicht so schlecht. Zu reichen Leuten gekommen, wohl schikaniert, aber doch nicht schlecht lebend. Ein Bäckersohn (das Geschäft führt die Mutter) verliebt sich in die junge Schönheit vom Land. Doch die Romanze ist schnell zu Ende. Die nazi-fanatisierte Mutter tut alles, um der fleißigen Jungen das Leben zu verleiden. Der Gatte driftet auch bald weg von ihr. Sie lebte in einer „lauen, komfortablen Hölle, leer wie das Nichts“.

Doch diese Hölle des Ehelebens, der Arbeitswelt, war ein Leben im Auge des Hurrikans. Der Hurrikan war die aufflammende Auseinandersetzung um das Eindringen der Nazi, war erst der Bürgerkrieg von 1934, waren dann, als die Nazi schon da waren, etwa die Ereignisse um das Dorf St. Peter, das den „Göring-Werken“ zu weichen hatte. Die Frau gerät hart an den Rand des Verderbens, als sie bei der Gestapo denunziert wird - von der eigenen Schwiegermutter. Das Wunder des Entkommens ist eine Geschichte in der Geschichte, deren Wurzeln hinwieder im Vorfeld der Erzählung aufgedeckt werden. Retter wird der ansonsten kaum sichtbar werdende Vater. Und in der Folge entsteht neues, dann dauerhaftes Glück.

Der Roman ist gespickt mit konkreten Szenarien der Stadt Linz in diesen Jahren, von den vornehmen Bezirken im Freinberg-Bereich, um den Hauptplatz, in dessen Einzugsbereich die Bäckerei zu orten war, dem Neustadt-Viertel, bis hinaus nach St. Peter. Gerade dieses Segment der Erzählung von der Vertreibung der Leute aus dem Dorf ist berührend. […]

(Reinhold Tauber in: Oberösterreichische Nachrichten, 14.06.2004)

Zu: Die Insel am Rande der Welt (2000):

St. Helena – am Rande der Welt Rosemarie Marschner veröffentlichte neuen historischen Roman: Napoleons Exil

Eigentlich wollte sie nie über Napoleon schreiben. „Ich kann nicht zwei Jahre mit diesem Mann leben, dachte ich“, bekennt Rosemarie Marschner. Doch dann kam alles ganz anders. Eine Legende über die Totenmaske dieses Kaisers weckte ihr Interesse. „Die Legende stellte sich als falsch heraus, doch mein Interesse war geweckt.“ Das Ergebnis der Recherchen liegt nun vor: Über 400 Seiten stark ist der historische Roman mit dem Titel „Die Insel am Rande der Welt“ der gerade bei DTV Premium erschienen ist. Die Hauptrolle in dem jüngsten Roman der Benrather Autorin spielt Napoleon Bonaparte in seinem Exil auf St. Helena.

Gründlich wie immer bei ihren Recherchen bereiste die Autorin die Insel. „Es war gar nicht so leicht, dorthin zu gelangen.“ Denn kaum ein Schiff legt an dieser Tropeninsel an, die etwa 2500 Kilometer vor der Küste Süd-Ost-Afrikas liegt, nördlich von Kapstadt. Doch Marschner nahm gemeinsam mit ihrer Tochter die lange Reise auf sich. Fünf Wochen waren sie auf See, um die kleine Insel zu erreichen, die sechs Jahre lang die letzte Heimat des geschlagenen Kaisers war, wo er vergiftet und (zunächst) beerdigt wurde. „Die Grabstelle gibt es heute noch, obwohl die sterblichen Überreste Napoleons inzwischen im Invalidendom von Paris sind.“

Nach der legendären Schlacht von Waterloo lieferte sich Napoleon den Engländern aus, in der Hoffnung, in England eine angenehme Zeit zu verbringen. Doch es kam anders. Eiskalt verfrachteten die Engländer das „gefährliche Monstrum Napoleon“ in eine ihrer Kolonien, weitab von Europa. St. Helena, eine 122 Quadratkilometer große Tropeninsel mit rund 5000 Einwohnern, wurde seine Heimat. 26 Getreue folgten ihm ins Exil „am Rande der Welt“, darunter der Adelige Charles-Tristan de Montholon, der Napoleon den neuesten Forschungen zufolge mit großer Sicherheit vergiftete – mit Arsen.

Marschner, die bereits in ihrem historischen Roman über den österreichischen Prinzen Eugen viel über dieses Gift und seine Wirkung gelernt hatte, erkannte bei der Recherche sofort die klassischen Symptome eines langsamen Tods durch Arsen. „Doch erst eine noch junge Untersuchung in einem Forschungszentrum gab in diesem Punkt Sicherheit: Napoleons Haare waren mit Arsen gesättigt“, erfuhr sie.

Verdächtig ist bis zum Schluss der Adelige Montholon, dessen Frau ein Kind von Napoleon zur Welt brachte. „Die Einzelheiten habe ich hauptsächlich aus den zahlreich vorhandenen Tagebuchaufzeichnungen der Menschen, die mit Napoleon ins Exil gingen.“ Die aussichtslose Situation auf der Insel, die Ungewissheit, jemals die Heimat wiederzusehen, machte vielen das Tagebuch zum Freund. Auch rege Briefwechsel aus dieser Zeit liegen vor und dienten der Autorin als Grundlage. „Es ist eine unglaubliche Fülle von Material vorhanden, von Primärquellen. Fast war es mir schon zu viel“, sagte Marschner. „Das hat meine Freiheit zu dichten eingeschränkt.“ Dennoch ist ihr mit „Die Insel am Rande der Welt“ wieder ein ausgesprochen spannend zu lesender historischer Roman gelungen, der vieles nicht nur über die historische Persönlichkeit, sondern auch über die kleine Tropeninsel preis gibt.

(Heike Schoog in: Rheinische Post, 27.12.2000)

Zu: Nacht der Engel (1998):

Mittelalterliches Leben in Florenz

Es gibt viele Anlässe, ein Buch zu schreiben. Einer davon war für die Benratherin Rosemarie Marschner eine Episode, die sie vor vielen Jahren in Florenz erlebte. Am Gedenkstein des 1498 verstorbenen Mönches Girolamo Savonarola traf sie eine Dame, die ihr versicherte, daß ihr bei diesem Anblick „das Herz wehtäte“. Rosemarie Marschner wurde neugierig, las Bücher und alte Schriften. Ihr Ergebnis liegt nun gedruckt vor: Der Historienroman „Nacht der Engel“ versetzt den Leser zurück ins Mittelalter.

Angesiedelt ist der Roman zu einer Zeit, in der sich Florenz langsam zu einer blühenden Handelsmetropole entwickelt. Francesca Lanfredini, die ebenso wie Savonarola aus dem kleinen Ort Ferrara stammt, heiratet den Kaufmann Marco del Bene. Sie zieht nach Florenz, bekommt zwei Kinder und lernt im Laufe der Jahre auch Lorenzo de Medici, „den Prächtigen“, kennen. Von ihm, der die Kultur fördert und Florenz regiert, ist Francesca beeindruckt - genauso wie ihr Sohn Matteo - der, wie sein Großvater, viel Sinn für die Kunst hat. Der erstgeborene Sohn jedoch, Giuliano, lehnt Lorenzo de Medici ab: Er schließt sich dem Mönch Savonarola und seinen Ideen an: „Das Geld ist nicht Gottes“.

In Florenz gewinnt Savonarola immer mehr an Macht, die Stadt schwört dem Vergnügen ab, sogenannte „Eitelkeiten“ - Bücher und Musikinstrumente - werden eingesammelt und öffentlich verbrannt. Das ehemals noch blühende Florenz verfällt, die Stadt „lacht nicht mehr“ und schließlich hält die Pest Einzug. Doch dann wendet sich das Blatt: Savonarola wird gestürzt, man preßt ihm ein Geständnis ab und bringt den, der sich schon als Kind gewünscht hat, den Märtyrertod zu sterben, um. Bildhaft, detailgenau und durch eine sehr lebendige Schilderung gewinnt der Leser Einblicke in die Entwicklung von Florenz. Er nimmt mehr als 20 Jahre teil am Leben in der Via degli Angeli, wo die del Benes wohnen.

Um die geschichtliche Entwicklung nachvollziehbar zu machen, nahm Rosemarie Marschner eine Kaufmannsfamilie zum Ausgangspunkt. „Das war für mich der schwierigste Teil“, gibt die Autorin zu. Zum Glück habe sie in Italien einen alten Schriftwechsel einer Kaufmannsfamilie ausgegraben, der ihr bei vielen Details - beispielsweise beim Aussehen der Rechnungsbücher im Mittelalter - weitergeholfen hat.

Der eigentliche Ausgangspunkt jedoch sei die Person Savonarolas gewesen, der sich gegen das verkommene Papsttum gewendet und für eine Kirchenerneuerung eingesetzt habe. „Savonarola war ein Kind des Mittelalters, er war dem Alten verhaftet und hat sich doch moderner Strategien bedient. Heute könnte er sich nicht mehr durchsetzen“, so die Autorin über eine ihre Hauptpersonen. - Mittlerweile übrigens gibt es Bestrebungen, diesen Mönch anläßlich seines 500. Todestages im nächsten Jahr heilig zu sprechen.

Rosemarie Marschner ist in Österreich geboren, wohnt aber seit langem schon in Benrath. Sie arbeitet als freie Journalistin und Hörspielautorin. 1988 erschien ihr Roman „Melly“, 1996 „Der Sohn der Italienerin. Roman um Prinz Eugen“. Ihr neuer Roman „Nacht der Engel“ ist jetzt bei dtv-premium erschienen. „Ich habe das Buch mit sehr viel Herzblut geschrieben“, sagt Rosemarie Marschner - wer die 352 Seiten liest, wird es ihr glauben.

(Susanne Kip in: Rheinische Post, 15.04.1998)

Schön wie der Wind im Abendlicht

Dieses Buch ist schön wie ein Lied, wie eine Ballade über das ausgehende 15. Jahrhundert, in dessen letztem Jahrzehnt zwei gegensätzliche Weltbilder aufeinanderprallen und in einer gewaltigen Implosion enden sollten. Im eigentlichen Sinne hat dieses Buch keine Handlung. Wohl wird eine Geschichte erzählt, die Geschichte von Francesca del Bene und ihrem Mann Marco, einem Florentiner Kaufmann. Es ist vor allem die Geschichte von Savonarola, dem Bankierssohn aus Ferrara, der als Fra Girolamo gegen die Verderbtheit der Sitten in der Kirche, gegen Simonie und Nepotismus (also Ämterkauf und Vetternwirtschaft), gegen weltlichen Besitz und menschliche Eitelkeiten wütete, ein eigenes „Himmlisches Jerusalem“ in Florenz errichtete und am Ende dafür verbrannt wurde. So wird diese Geschichte auch die der wunderbaren Stadt Florenz und die der Medici, deren Untergang nach drei Generationen Herrschaft über die Stadt mit dem Tod Lorenzo de’ Medicis besiegelt war. So werden die Welten der Macht der Kaufleute und des Geldes und der Macht des wahren Glaubens, der reinen Lehre mit der Welt der Menschen verwoben, die sich zwischen diesen unversöhnlichen Polen eine Existenz sichern mußten.

Dieses Buch vermittelt vor allem eine Innenschau der Verhältnisse, die so authentisch wirkt, daß der Leser sich zugehörig fühlt, als wäre er seit je Bürger von Florenz, so intensiv ist das Wissen um die Schönheit der Stadt und der toskanischen Landschaft, das Verstehen der Vorgänge in dieser atemberaubenden Zeit, das Eingelebtsein in die Historie. In diesem Buch voll unaufdringlicher Weisheit dominiert die Sprache die Handlung. Mit einem Satz werden ganze Zeitalter gerafft, enthüllt sich dem Leser ein Universum an Ideen und Gefühlen, an Abläufen und Geschichten, ohne diese immer explizit benennen zu müssen. Mit feiner Beobachtungsgabe für Stimmungen und Gefühle entwickelt die Autorin das Panorama der Leidenschaften, die diese Stadt und ihre Menschen schier zerreißen. Sie beschreibt die Verhältnisse und machtpolitischen Ränke in Italien und Europa treffend und einprägsam. In wenigen Sätzen erfaßt sie das Wesen der Epoche und läßt die Romanhandlung um die Größe und den Verfall der prächtigen Stadt Florenz nach drei Generationen Herrschaft der Medici und der Kaufleute ranken. „Die halbe Welt als eine Spielwiese von Männern, die die angeborene Scheu vor der Fremde überwanden und lernten, Risiko zu ertragen, bis sie eines Tages seiner bedurften, um sich lebendig zu fühlen.“ Dabei schwelgt die Autorin in den Bildern der italienischen Landschaft und der Florentiner Lebensart, und der Leser schwelgt mit ihr. „Die Fenster gaben den Blick frei auf das wellige Land ringsum mit den vielen smaragdgrünen Hügeln, auf deren Gipfeln sich hinter Zypressen Gutshöfe ähnlich dem Ermannos erhoben. Ganz weit weg, in der diesigen und doch das Auge blendenden Ferne, die Züge des Apennin, die mit dem Himmel verschmolzen und mehr zu ahnen waren als zu sehen, wie eine Verheißung von - Ermanno wußte nicht, was.“

Rosemarie Marschner flicht Reflexionen über das Leben ein in den ruhigen Fluß der Erzählung, der keine Sekunde der Langeweile aufkommen läßt. „Zu wissen heißt besitzen, und als er älter wurde, träumte er davon, sich eine neue Weltkarte zeichnen zu lassen, exakt und kostbar wie die erste, aber mit all den neuen Entdeckungen, die während der kurzen Spanne seines Lebens gemacht wurden, so wie auch er selbst immer wieder Neues entdeckt und begriffen hatte, das ebenfalls aufgezeichnet war auf der unsichtbaren, sterblichen Landkarte seines Menschengedächtnisses.“ Selbst in melancholischen Momenten spürt man die Sonne und die ungezügelte Lebenslust der Menschen dieses Landstrichs, deren Liebe für das Schö ne auf dem Höhepunkt des Rauschs durch das Wirken Savonarolas blitzartig umschlägt in eine ebenso rauschartige Begeisterung für die reine Lehre und die Askese. Aus dieser Emphase des Glaubens und der religiösen Verzückung erwuchs letztendlich eine selbstzerstörerische Gottesliebe, die jenen erschlug, der sie als Reformator der Kirche erst entzündet hatte. Savonarolas Ende auf dem Scheiterhaufen ist eindeutig ein Justiz- und Kirchenmord. Noch heute trägt der Vatikan schwer daran, einen Heiligen, einen Erneuerer der Kirche, in einem fingierten Prozeß als Ketzer abgeurteilt zu haben. „Das war ein Mensch, der einen Traum hatte und den Mut und die Kraft, ihn zu verwirklichen.“ Das Asketentum des Fra Girolamo war jedoch, so berechtigt seine Forderungen auch sein mochten, nicht nur lebensfern und schließlich menschenfeindlich, sondern auch ohne jedes machtpolitische Gespür für die kirchlichen und weltlichen Kräfte, gegen die er ankämpfte. „Keiner in Florenz wurde gelobt wie Girolamo Savonarola und keiner so erbittert verdammt. Für die meisten war er ein Heiliger, den Gott gesandt hatte, damit er den Menschen zeige, wie sie zu leben hätten. Ein Mann Gottes und der Welt zugleich, dessen Predigten Fackeln waren, die die Sünde entlarvten und den Weg der Tugend beleuchteten.“ Savonarola war die Arroganz des Fanatikers eigen, der sich im Besitz der alleinigen Wahrheit glaubte, was andererseits bereits eine eitle Erhebung über Gott darstellte: „Was er ist, ist er durch Gottes Gnade und sich selbst.“

Beseelt, aber ohne Pathos, erzählt Rosemarie Marschner von Francesca, die ebenso wie der Mönch aus Ferrara stammte, womit sich die Ähnlichkeiten erschöpfen. Sie läßt ihre Heldin bereits zu Beginn des Buches Marco del Bene, die Liebe ihres Lebens, heiraten, und sie darf sich an diesem Glück auch ein Leben lang (zumindest bis zum Ende des Buches) erfreuen, aber sie erleidet auch die Verletzbarkeit der Glücklichen. An dieser Familiengeschichte brechen sich die gesellschaftlichen Verhältnisse, sie entzweien die Söhne - Giuliano, der ältere, dessen Geburt fast zum Tode Francescas führte, ein Junge von düsterem Gemüt, verinnerlicht schon früh die Lehren des Fra; der jüngere, Matteo, ist eine Künstlerseele, Medici-Anhänger und Kaufmann - und zwingen die Eltern zum emotionalen Spagat. Damit wird der große weltanschaulich-politische Konflikt in die abgeschirmte Welt der „famiglia“ getragen, die normalerweise ihr eigenes Universum bildete. Die Tyrannei des Geldes wurde abgelöst durch die Tyrannei des Glaubens. Die Schrecken, die Savonarolas ehrlich gemeinte Bestrebungen verbreiten, führen nach und nach zum Verlust seiner Anziehungskraft bei den Massen und damit in letzter Konsequenz zu seinem Untergang. Dennoch fürchtete Papst Alexander VI., der sich als Rodrigo Borgia der Simonie schuldig gemacht hatte, Savonarolas Einfluß auch dann noch so sehr, daß er ihn verbrennen ließ. So erlitt Savonarola, der als klug, doch nicht weise, als Mensch ohne Güte und Mitleid und dennoch als ehrlich Glaubender vor dem Leser ersteht, das doppelte Martyrium, denn auch die Signoria von Florenz fürchtete ihn wegen der möglichen Preisgabe ihrer Geheimnisse unter der päpstlichen Folter, der man zuvorzukommen versuchte, ohne sie verhindern zu können.

Rosemarie Marschners eigenwillig-schöne, poesievolle, bildreiche Sprache ohne jede Selbstverliebtheit und Koketterie ist ein Genuß in Zeiten des lakonisch-burschikosen Wortgerassels, der sinnentleerten Aneinanderreihung sprachakrobatischer Schöpfungen und der atemlosen Jagd von einem Wortwitz zum nächsten. Neben der sprachlichen Schönheit besticht der Roman aber auch durch seine historische Genauigkeit und die tiefe psychologische Durchdringung der Personen, seien es historische Persönlichkeiten oder frei erfundene Romangestalten.

(Licita Geppert in: © Edition Luisenstadt, 1998)

Zu: Der Sohn der Italienerin (1996):

Prinz Eugen aus weiblicher Sicht. Benratherin schrieb das dtv-Buch des Monats

Historische Persönlichkeiten haben sie schon immer fasziniert. Besonders angetan hat es ihr Prinz Eugen (1663 bis 1736). In ihrem neuen Roman beschreibt die Benratherin Rosemarie Marschner das Leben dieses „edlen Ritters“. „Der Sohn der Italienerin. Roman um Prinz Eugen“ heißt die Biographie, die im Juni im Buchhandel erscheinen wird. Das über 500 Seiten starke Werk wird vom Deutschen Taschenbuch Verlag als Buch des Monats angeboten.

„In unserer Familie herrschte stets eine große Sympathie für Prinz Eugen“, beschreibt die gebürtige Österreicherin, die seit 1973 in Benrath wohnt, ihr besonderes Interesse an diesem Feldherrn. Schon mit 20 hatte die Schriftstellerin einen Romanentwurf über den „edlen Ritter“ in der Schublade. „Ich habe alles gesammelt, was mit Prinz Eugen zu tun hat. Sämtliche Freunde wußten von meiner Liebe zu diesem seltsamen, schmächtigen Mann und sammelten ebenfalls.“

Persönliche Biographie

Ihre Recherchen hat sie nicht dem Zufallsprinzip überlassen. Jahrelang hat sie Biographien gewälzt und die zahlreichen Briefe des Prinzen gelesen. „Über Prinz Eugen ist schon sehr viel geschrieben worden“, sagt sie. „Aber es gibt keine Biographie, die sich mit ihm als Mensch auseinandersetzt.“ So hat Marschner ein persönliches Profil des österreichischen Helden entworfen, das auch der kritischen Überprüfung eines Historikers standgehalten hat.

„Die historischen Fakten stimmen mit der Geschichte überein“, erläutert Marschner. Lediglich die Personalisierung dieser historisch bedeutenden Persönlichkeit habe sie herausgearbeitet. Ein Blick in den Roman bestätigt: Historisch nicht eindeutig geklärte Fragen, wie etwa die nach Eugens Vater oder die Bedeutung seiner Mutter im Giftskandal am Hofe Ludwigs läßt sie ebenfalls offen. „Mir ist es wichtig, die Personen zu beschreiben, die an der Geschichte mitgewirkt haben. Denn für mich erschließen sich historische Zusammenhänge leichter über einzelne Menschen.“

Marschners Romanbiographie versetzt den Leser ins Frankreich des 17. Jahrhunderts, läßt ihn teilhaben an den Skandalen und Intrigen rund um den Sonnenkönig, als dessen erste Mätresse Eugenes Mutter, die Comtesse Olympia Mancini, galt. Mit 19 Jahren geht Eugen von Savoyen nach Österreich und schließt sich dem Heer des Kaisers an. Drei Kaisern diente er als wichtiger militärischer und politischer Repräsentant des Habsburgerreiches. Auch seine Leistungen als Bauherr prächtiger Paläste, als Begründer einer einmaligen Bibliothek und als Förderer der Künste und Wissenschaften würdigt die Autorin.

Denkmal

Die Österreicher haben Prinz Eugen zahlreiche Denkmäler gesetzt. Ein weiteres setzt ihm nun Rosemarie Marschners Romanbiographie. „Ich habe versucht, mich der Person des Prinzen menschlich, aber nicht unkritisch zu nähern“, sagt Marschner. „Der Autorin ist es gelungen, den kriegerischen Prinz Eugen aus einer anderen Perspektive - aus einer weiblichen - zu zeichen. Das hat uns gefallen.“ So begründet Rudolf Frankl, dtv-Marketing-Leiter die Auszeichnung zum Buch des Monats.

(Heike Schoog in: Rheinische Post, 25.05.1996)