INSTITUT FÜR GERMANISTIK

Düsseldorfer Autorinnen - Ingrid Bachér

Bildrecht: Dittrich Verlag

Vita

  • 1930 in Rostock geboren, wuchs sie in Berlin auf. Mit dem Ziel Schauspielerin zu werden, ging sie an die Hamburger Hochschule für Musik und Theater. Um das Studium zu finanzieren, schrieb sie für Zeitungen.
  • Seit 1949 schrieb sie auch literarisch, Theaterstücke für Kinder. Um der Enge der restaurativen BRD zu entkommen, reiste sie einige Jahre lang, u. a. nach Finnland und mit Frachtschiffen nach Kuba und Südamerika.
  • 1958 erfolgte im Anschluss an einen Finnland-Aufenthalt die 1. Publikation, die Erzählung „Lasse Lar oder Die Kinderinsel“; Teilnahme an den Tagungen der „Gruppe 47“.
  • Von den Auslandsaufenthalten war die Zeit in Rom von 1960-67 von besonderer Bedeutung.
  • 1966 Heirat mit Maler Ulrich Erben; aus der Ehe gehen drei Kinder hervor.
  • Seit 1971 Mitglied im Verband Deutscher Schriftsteller.
  • Ab 1982 Mitglied des PEN-Zentrums der BRD; von Mai 1995 bis November 1996 war sie Präsidentin des PEN. Sie trat zurück im Zusammenhang mit den Konflikten um die Vereinigung von West
  • und Ost-PEN und trat ganz aus dem PEN aus.
  • Von 2002 - 2004 war sie 1. Vorsitzende der Heinrich-Heine-Gesellschaft Düsseldorf.
  • Im Oktober 2010 fand eine Feier anlässlich ihres 80. Geburtstags im Heine-Institut Düsseldorf statt. Die Autorin las aus dem Buchprojekt über den Braunkohlebergbau und diskutierte mit dem Theologen und Biologen Prof. Günter Altner über „Naturverlust und Verantwortung“.
  • Ingrid Bachér lebt und schreibt in Düsseldorf und Italien (Apulien); sie nimmt viele Lesungstermine wahr.

Auszeichnungen

  • 1995 Ferdinand Langenberg Literaturpreis, Goch
  • 1989 Düsseldorfer Kunstpreis der Stadtsparkasse
  • 1979 und 1973 Arbeitsstipendium für Schriftsteller in NRW
  • 1964 Berlin-Stipendium des Kulturkreises der Deutschen Industrie
  • 1961 Förderpreis der Stadt Düsseldorf
  • 1960 Villa-Massimo-Stipendium

Publikationen

Prosa

  • Die Grube. Berlin: Dittrich, 2011
  • Der Liebesverrat. Erzählung. Berlin: Dittrich, 2005
  • Sieh da, das Alter. Ein Tagebuch der Annäherung. Köln: Dittrich, 2003 (u. München: dtv 2006)
  • Sarajewo 96. Erzählung. Mit Bildzeichen von Günther Uecker. Düsseldorf: Verlag Eremiten Presse, 2001
  • Schliemanns Zuhörer. Erzählung. Düsseldorf: Verlag Eremiten Presse, 1995
  • Assisi verlassen. Erzählung. Mit Bildern von Ulrich Erben. Düsseldorf: Verlag Eremiten Presse, 1993 (und 1995)
  • Die Tarotspieler. Roman. Hamburg: Rasch und Röhring, 1986. (u. Frankfurt /M.: Fischer TB, 1988 + 1989)
  • Woldsen oder Es wird keine Ruhe geben. Roman. Hamburg: Hoffmann und Campe, 1982 (u. Frankfurt /M.: Fischer TB, 1985)
  • Das Paar. Roman. Hamburg: Hoffmann und Campe, 1980 (2. Aufl. 1981; u. Frankfurt /M.: Fischer TB, 1982)
  • Unterwegs zum Beginn. Erzählungen. Krefeld: Sassafras, 1978
  • Ich und Ich. Roman. Frankfurt/M.: Insel-Verlag, 1964
  • Karibische Fahrt. Reisebericht. Mit Fotografien von Herbert List, Helene Hoppenot, Fritz. Henle, Karl Helbig u.a. München: Prestel, 1961
  • Schöner Vogel Quetzal. Roman. Wiesbaden: Insel-Insel, 1959 (niederländische Übers. Amsterdam, Antwerpen: Wereld-Bibliotheek-Vereniging, 1964)
  • Lasse Lar oder die Kinderinsel. Erzählung. Wiesbaden: Insel-Verlag, 1958

Kinderbuch, Jugendbuch

  • Das Kind und die Katze. Kinderbuch. Mit Bildern von Rotraut Susanne Berner. Frankfurt, M., Wien, Zürich: Büchergilde Gutenberg, 2010
  • Ich singe gegen die Angst. Autoren erzählen Alltagsgeschichten vom Fürchten und von der Courage. Hrsg. von Jo Pestum. Illustrationen von Jaschi Klein. Würzburg: Arena-Verlag TB, 1980 (Serie: Neue Texte für junge Leute)
  • Morgen werde ich fliegen. Jugendbuch. Zürich, Köln: Benziger, 1979 (u. München, dtv TB, 1982; französische Übersetzung: Paris: Bordas, 1984)
  • Das war doch immer so. Merkbuch für Jungen und Mädchen. Weinheim: Beltz & Gelberg, 1976. (Neuausgabe 1991)
  • Gespenster sieht man nicht. Jugendbuch. Illustrationen von Gottfried Wiegand. Zürich: Atlantis, 1975
  • Erzähl’ mir nichts. Jugendbuch. Weinheim: Beltz & Gelberg, 1974
  • Das Kinderhaus. Jugendbuch. Illustrationen von Lilo Fromm. Zürich: Atlantis, 1965

Beiträge in Anthologien, Sammelbänden (Auswahl)

  • Das Verstummen einer nie gehörten Stimme. In: Momente in Jerusalem. Welchen Inhalt birgt das Wort. Hrsg. von Hajo Jahn. Gerlingen: Bleicher, 2002
  • In: Rolf Wedewer (Hg.): Standpunkt Plastik: Aspekte künstlerischen Denkens heute. Ostfildern-Ruit: Hatje Cantz, 1999
  • Auf Abruf. In: Straßenbilder. Düsseldorfer Schriftstellerinnen und Schriftsteller über ihr Quartier. Hg. Alla Pfeffer. Düsseldorf: Grupello Verlag, 1998, S. 86-88
  • In: Tayfun Belgin (Hg.): Alexej von Jawlensky. Reisen, Freunde, Wandlungen: 16. August
  • 15. November 1998 / Museum am Ostwall, Dortmund. Heidelberg: Umschau/Braus, 1998
  • In: Anblick
  • Ausblick: das Museum Kurhaus Kleve. Zusammengestellt von Walter Nikkels und Guido de Werd. Köln: Salon, 1997
  • Garzweiler. In: Literarisches Schreiben aus regionaler Erfahrung. Hrsg. von Wilhelm Gössmann. Paderborn u. a. Schöningh 1996, S. 403-405
  • „Es kommen härtere Tage“: zu einem Gedicht von Ingeborg Bachmann. In: Literatur. Verständnis und Vermittlung; eine Anthologie für Wilhelm Gössmann zum 65. Geburtstag. (Hg.) Joseph A. Kruse. Düsseldorf: Cornelsen, 1991, S.20-22
  • In: Almanach 1. Hrsg. vom Stuttgarter Schriftstellerhaus e. V. Redaktion: Usch Pfaffinger und Johannes Poethen. Silberburg: Stuttgart 1990
  • Großes Ey, wir loben dich. Von der Kaffeeköchin zur rheinischen Muse. In: Düsseldorf: Merian, 1987
  • In: Heiner Stachelhaus (Hg.): Georg Klusemann 1942
  • 1981; das malerische Werk. Recklinghausen: Bongers, 1985
  • In: Hans Werner Richter (Hg.): Berlin, ach Berlin. Berlin: Severin & Siedler, 1981
  • In: Klas Ewert Everwyn (Hg.): Nahaufnahmen
  • Neue Texte Düsseldorfer Autoren und ein Tagebuch. Düsseldorf: Triltsch, 1981
  • In: Hans-Joachim Gelberg (Hg.): Am Montag fängt die Woche an. Zweites Jahrbuch d. Kinderliteratur. Weinheim /Basel: Beltz 1973
  • In: Manfred Franke (Hg.): Erlebte Zeit.: Stuttgart, Hamburg: Deutscher Bücherbund, 1968

Rundfunkbeiträge

  • Text: Die Waage: Zürich 1979
  • Winterliches Rom. Hörspiel. DLF: 1967
  • Das Fest der Niederlage. Funkerzählung. DLF: 1967
  • Ein Schiff aus Papier. Hörspiel. SDR: 1967
  • Lübeck: Die Bengstraße. Hörspiel. DLF: 1966
  • Ein Tag der Rückkehr. Hörspiel. SWF: 1966
  • Die Ausgrabung. Hörspiel. SWF: 1965
  • Marie Celeste. Hörspiel. BR: 1964
  • Um fünf, die Stunde des Klavierspielers. Hörspiel. SWF: 1963
  • Das Karussell des Einhorns. Hörspiel. BR/SWF: 1962

Fernsehspiele

  • Der Zuhörer. SWR 1999
  • Der Fußgänger. 1987
  • Mutter Ey. WDR 1988
  • Rekonstruktionen einiger Augenblicke aus dem Leben meines Freundes B. am Tag vor seinem Tod. ZDF: 2.01.1973
  • Verletzung oder Unterweisung für eine Tochter. ZDF: 14.04.1972
  • Siesta. ZDF: 2.03.1971
  • Mein Kapitän ist tot. ZDF: 19.12.1968
  • Tiger
  • Tiger. ZDF: 5.03.1964
  • Die Straße. ZDF: 12.12.1963

Bühne (Auswahl)

  • Der Besuch. Jugendstück. Uraufführung: Theater des Kindes: Hannover. Juni 1974
  • Ein Weihnachtsabend. Ein Spiel für die Bühne nach Dickens. Jugendstück. Uraufführung: Ernst-Deutsch-Theater: Hamburg 1.12.1957

Über das Werk (Auswahl)

  • Santana, Belén: Das Deutungsspiel der ewig Unzufriedene: Ingrid Bachérs „Die Tarotspieler. In: Helfer, Verräter, Gaukler? Das Rollenbild von TranslatorInnen im Spiegel der Literatur. (Hg.) Klaus Kaindl, Ingrid Kurz. Wien: Lit, 2008, S. 67-77
  • Oppen, Karoline von: „(un)sägliche Vergleiche“. What Germans remembered (and forgot) in former Yugoslavia in the 1990s. In: German culture, politics, and literature into the twenty-first century
  • beyond normalization. (Hg.) Stuart Tabener, Paul Cooke. Rochester, NY: Camden House, 2006, 167-180
  • Pott, Wilhelm Heinrich: Bachér, Ingrid. In: Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Text + Kritik, Stand 6/2006
  • Homann, Ursula: Ingird Bachér: Woldsen oder Es wird keine Ruhe geben. In: Deutsche Bücher 13, 1983, S. 98f.
  • Homann, Ursula: Vater-Sohn-Konflikt im Hause Storm. In: der literat, 1983. H.6, S.158–159
  • Weyhmann, Brigitte: Ingrid Bachér: ‚Das Paar‘. In: Neue Deutsche Hefte. 1980. H.4, S. 827–828

Pressestimmen

Zu: Die Grube (2011):

Zerstörte Dörfer ohne Wiederkehr

Auf der Autobahn von Köln nach Aachen können die Riesenbagger entdeckt werden, die für den Braunkohletagebau die Erde aufreißen. Bis zu 350 Meter tief ist die Grube, die unerbittlich weiter wandert. Ingrid Bachérs Roman „Die Grube“ widmet sich dem Schicksal der Menschen in der Region.

Dieser Roman ist eine Elegie, eine doppelte Elegie sogar: auf einen toten Menschen und auf die zerstörten Dörfer ohne Wiederkehr, wie es an einer Stelle des Romans heißt. Die Ich-Erzählerin Lale, Lehrerin in Köln, richtet im Jahr 2010 den Blick zurück auf die Ereignisse der letzten Jahrzehnte. Dafür gibt es einen aktuellen Anlass, denn ihr älterer Bruder Simon, seit 18 Jahren verschollen, soll nun endgültig für tot erklärt werden. Nur Lale und ein paar andere wissen, dass Simon im März 1992 an einem Herzinfarkt gestorben und heimlich in der Erde eines Ortes beigesetzt worden ist, den es schon lange nicht mehr gibt: Garzweiler. Dort stand der Aschoffsche Hof, den Simon von seinem Vater übernommen hat und auf dem auch Lale lebte. Der jüngere Bruder dagegen, Hinner, hat den Hof verlassen und meldet sich dreimal brieflich von anderen Kontinenten. Er sei im Zorn gegangen, schreibt die Erzählerin, er habe nichts mehr hören wollen vom Genius Loci, von unwiederbringlichen Werten und von der Abhängigkeit vom Land. Wie die Hiergebliebenen über Jahre einen von vornherein aussichtslosen Kampf geführt haben, wie dabei neben Dörfern auch Ehen zerstört wurden und Menschen in den Tod getrieben wurden, wie die schon halb verlassenen Dörfer von Plünderern heimgesucht wurden, davon erzählt dieser Roman.

Zwar beklagt Bachérs Roman die Zerstörung der einst überaus fruchtbaren Erde immer wieder in sprachmächtigen Bildern. Das eindrucksvollste findet sich, als eines Abends Tausende mit Fackeln zur Grube pilgern: „Erst waren wir wenige, aber je dunkler es wurde, desto mehr Menschen kamen. Sie tauchten auf und verschwanden, reihten sich in eine Kette ein, machten so, untereinander, die Absturzlinie sichtbar, die Trennung zwischen Land und Grube. Vor unseren Füße die Grube, das geschlachtete Land. Wie ausgebalgt das große Erdtier, in dessen Körper wir hineinsahen, der ausgeweidet vor uns lag, endlos gestreckt. Fern nur belebt von den kleinen Parasiten, die auch des Nachts sich mit ihren Baggern tiefer eingruben.“

Der Roman ist dennoch nicht die übliche Klage über die Zerstörung von Umwelt und den Verlust von Heimat. Sein Grundton ist ganz unsentimental, fast analytisch. Heimat hätten heute viele nicht mehr, sagte die Autorin in einem Gespräch, darum sei es ihr nicht gegangen. Worum es hier geht, das ließe sich am ehesten vielleicht als eine spezielle Form des Kolonialismus bezeichnen, nämlich Kolonialismus im eigenen Land. Ingrid Bachér nennt die Kolonialherren beim Namen: ursprünglich die Firma Rheinbraun, die heute unter dem schicken Namen RWE power firmiert. Während aber die Kolonialherren oft im fernen Mutterland sitzen, in diesem Fall in Essen und Köln, brauchen sie vor Ort tüchtige Agenten. Die sind in diesem Fall in Gewerkschaften organisiert und sorgen sich vor allem um ihren Arbeitsplatz. Sie fahren auch, vom Arbeitgeber mit Bussen und Verpflegung versehen, als Gegengewicht zur großen Protestversammlung nach Erkelenz, die Bachér über 20 Seiten ausführlich schildert. Vielleicht ist die Autorin, die sich 25 Jahre lang mit dieser Thematik beschäftigt hat und damals selbst an dieser Versammlung teilnahm, dieses eine Mal etwas zu nah an der historischen Wirklichkeit und verliert etwas an erzählerischer Höhe. Die eigene Erinnerung wird nicht hinreichend neu erfunden, und diese 20 Seiten geraten eher zum Protokoll.

Bei der Lektüre dieser unsentimentalen Elegie sollte man nicht vergessen, dass es sich hier keineswegs um einen historischen Roman handelt, anders gesagt: dass die Ausplünderung riesiger Landstriche und die Vernichtung von Grundwasser zur kurzfristigen Energiegewinnung weitergeht und die Planungen bis ins Jahr 2045 und darüber hinaus reichen. Auch über diesen Machbarkeitswahn, verbunden mit der Sachzwangideologie, spricht der Roman. Lale schreibt ihren Bericht in Borschemich, einem Ort im Revier, in den sie nach dem Verschwinden Garzweilers gezogen ist. Der steht aber selbst längst auf der Tilgungsliste und wird schon seit Jahren umgesiedelt.

„Das neue Gebiet, das sie verlangten, hieß nun Garzweiler II. 18 Dörfer, so der Plan, sollten unser Schicksal erleben, dem Tagebau weichen, wie es hieß. Wir wiederholten diese Wörter der Harmlosigkeit: weichen. Als könnten Dörfer und Wälder eben mal ausweichen und dann ihren Weg fortsetzen.“ Das können sie natürlich nicht. Ingrid Bachérs Roman setzt den verschwundenen Dörfern mit der Geschichte des Aschoffschen Hofes, zwar ein Denkmal: Ihr Blick aber richtet sich weit weniger nach zurück, als man im ersten Moment annehmen könnte. Gleich auf einer der ersten Seiten heißt es, man habe Lektionen darüber erhalten, wie es sei, "in der Gewalt eines anderen zu sein, der kein Gesicht hat." Das klingt in Zeiten der sogenannten Finanzkrise merkwürdig vertraut, und so unterschiedlich auf den ersten Blick die Monsterbagger im Rheinischen Braunkohlerevier und Derivate, Optionen und Futures an der Börse zu sein scheinen: Die Anonymität des Vernichtungsmechanismus, der dahinter steht, ist in beiden Fällen gleich. Der Gegner ist nicht wirklich greifbar, und die Opfer sind ohnmächtig. Davon erzählt dieser Roman sehr beeindruckend, und das macht seine Aktualität aus.

(Jochen Schimmang in www.dradio.de, 30.11.2011)

Liebe zur Erde

Ingrid Bachérs Roman „Die Grube“ über den aussichtslosen Kampf gegen den Braunkohletagebau

Vom Weltraum aus betrachtet, wirkt es, als habe jemand „eine riesige rostbraune Plane über die Erde ausgelegt, die alles Leben erstickte“, schreibt Kerstin in ihrer letzten Mitteilung an ihre Schwägerin Lale. Die Grube verschlang eingelebte Dörfer: Garzweiler, Belmen, Priesterath, Elfgen. Seinen Anfang nahm der Raubzug 1952, als sich die Bergbaubetreiber das Recht sicherten, im Tagebau Braunkohle abzubauen. Schon zehn Jahre später durfte auf dem zunächst 66 Quadratkilometer fassenden Gebiet nicht mehr gebaut werden. Es begann die Auslöschung einer einst blühenden Landschaft. „Die Grube“ heißt schlicht der Roman, mit dem die 1930 in Rostock geborene Schriftstellerin Ingrid Bachér den untergegangenen Dörfern und ihren Bewohnern ein Denkmal setzt – ein Stück geronnener Erfahrung aus ihrer nordrhein-westfälischen Umgebung: Bachèr lebt in Düsseldorf.

Erzählt wird das Schicksal der Familie Aschoff, die seit den sechziger Jahren weiß, dass die riesigen Schaufelradbagger sich irgendwann den Hof holen werden und auch das nahe gelegene Garzweiler. Als Vater Aschoff 1983 stirbt, nimmt er seinem Sohn Simon das Versprechen ab, den Hof nicht an den Bergwerkskonzern zu verkaufen. Simon bleibt mit seiner Frau Kerstin, dem Sohn Pitt, seiner Schwester Lale und zwei Angestellten auf dem Hof, widersteht den Lockangeboten der Betreiber, denn er liebt, mehr noch als das Anwesen, die Erde und das, was in ihr wächst.

Aus der Rückschau Lales, die „wie in einem Fernrohr“ alles viel schärfer sieht, steigen die Szenen eines gemeinsamen Kampfes und einer gemeinsamen Niederlage auf. Anlass ist eine amtliche Todeserklärung. Seit 18 Jahren gilt Lales Bruder Simon als verschollen. Nur sie und drei nahe Freunde wissen um sein Ende. So begibt sich Lale in ein langes, antwortloses Gespräch mit dem toten Bruder, das Rechenschaft abgeben soll über die zäh fließende Zeit, in der die Bewohner Garzweilers ihrem Schicksal entgegensahen.

Mit der „strategisch geübten“ Übernahme des Landes durch Rheinbraun, das später zum RWE-Konzern gehören wird, verändern sich die dörflichen Beziehungen. Der Ausverkauf erzeugt Druck, Angst und Misstrauen. Während ein Teil der Bewohner möglichst günstig verkaufen will, um anderswo eine neue Existenz aufzubauen, halten andere verzweifelt an Haus und Acker fest. Mit der Zeit fräsen sich die Bagger immer tiefer durch das Land, es entsteht eine Mondlandschaft, die von Touristen besucht wird. Zuerst sind es einzelne Häuser, dann die öffentlichen Gebäude, es folgt die Kirche, deren Türme sich – ein erhebender Augenblick – ihrer „Hinrichtung“ zu widersetzen scheinen, schließlich werden die Gebeine aus dem Friedhof geholt.

Simon organisiert die Bürger, wälzt Gutachten, hofft, doch noch eingreifen zu können. Der Höhepunkt des Widerstands ist kurz vor der Wende, im August 1989, auf einer großen Bürgerversammlung erreicht. Dorthin schickt der Konzern seine Arbeiter, die für die Kohle und ihre Arbeitsplätze demonstrieren. Das „Recht auf Arbeit“ kollidiert mit dem „Recht auf Heimat“, „Braunkohle muss bleiben“ tritt gegen „Garzweiler muss bleiben“ an. Doch „die Krake hat einen großen Magen“. 1987 wird Garzweiler II genehmigt, dem 18 weitere Dörfer weichen sollen. Die in 64 Millionen Jahren entstandene Braunkohle wird gierig aus der Erde geschabt, ohne Rücksicht auf ökologische und soziale Folgen. In die aufgelassenen Häuser ziehen Asylbewerber als „Zwischennutzer“. Für sie gehört Vertreibung zum Alltag, die Gefahr ist gering, dass sie Wurzeln schlagen.

Bachérs Anklage ist unmissverständlich, und die Schilderungen der Urenkelin von Theodor Storm sind am überzeugendsten dort, wo sie das „ausgebalgte Erdtier“ beschreibt und die Hilflosigkeit von Menschen, die gelernt haben, an Recht und Gesetz zu glauben und sich verwalten zu lassen. Mitunter wirkt die Geschichte pathetisch, doch Lale sagt: „Pathos ist unerlässlich.“ Man müsse es nur „ins Grandiose steigern, um der Bedeutung eines Abschieds gerecht“ zu werden. Auch Borschemich, wo Lale nach der Auslöschung Garzweilers und Simons Tod Zuflucht gefunden hat, wird es bald nicht mehr geben. Die Dörfer fallen, so wie Simon gefallen ist in einem ungleichen Kampf. Obwohl die Geschichte des Aschoffschen Hofes und seiner Bewohner fiktiv ist, sind die Ereignisse historisch verbürgt. Herausgekommen ist ein beklemmendes Stück Prosa, das im besten Sinne die Bezeichnung realistisch verdient.

(Ulrike Baureithel in: www.tagesspiegel.de, 12.10.2011)

Entwurzelung in Worte gefasst

Erkelenz (RP). Ingrid Bachér hat für ihren Roman „Die Grube“ in Holzweiler gelebt. Den Tagebau Garzweiler machte sie auf 174 Seiten zum Thema. Aus ihrem neuen Buch las die einstige PEN-Präsidentin jetzt in Erkelenz und bezog Stellung.

Die renommierte Schriftstellerin Ingrid Bachér kam bei ihrer Lesung in der Erkelenzer Stadthalle dorthin, wo ihr neues Buch spielt und sie selbst oft zu Besuch war. „Die Grube“ erzählt vom Tagebau Garzweiler und den ihm weichenden Menschen und Dörfern. Das Buch ist eine Parabel über Vergessen, Sterben, Tod und die Beziehungen einer Familie – gleichzeitig ist es Ausdruck für Empörung und Wut der Autorin über die Geschehnisse. Sie machte keinen Hehl daraus, dass ihre Sicht parteiisch ist. Auf Autofahrten sei sie auf den Tagebau aufmerksam geworden. Mit ersten Recherchen und Gesprächen wuchs die Empörung. „Ich kann die Entscheidung der Politiker auch heute noch nicht verstehen“, sagte die 81-Jährige, die zu Beginn des Abends bekannte, dass es für sie etwas anderes, etwas ganz besonders sei, vor den Menschen zu lesen, deren Schicksal vom Tagebau Garzweiler betroffen ist.

Über den Inhalt des Romans

„Ich bin für Bürgerschutz. Ich war empört, als ich bemerkte, was hier passiert. Die Menschen werden vertrieben, Dörfer vernichtet, das ganze Grundwasser abgepumpt – alles nur für kurzfristiges Gewinnstreben“, sagte Bachér am Rande der Lesung, die der Ortsverband der Erkelenzer Grünen organisiert hatte. Damit gleicht die Meinung der Autorin sehr der Sicht ihrer Erzählerin Lale. Infolge familiärer Ereignisse muss sie Dinge ordnen, die für sie nicht in Ordnung sind. Sie berichtet in einer Rückschau über den gemeinsamen Kampf gegen den Tagebau Garzweiler und Garzweiler II, den Umzug nach Borschemich und eine Diskussionsveranstaltung in Erkelenz – fiktiv und doch auf vielen Tatsachen beruhend. Seit 1987 beschäftigte sich Bachér mit dem Thema und wohnte für einige Wochen in Holzweiler bei Gisela Irving, die selbst gegen den Tagebau aktiv war. "Ich wollte hier leben, hier aufwachen, den Ort und die Menschen verstehen", betonte die frühere Vorsitzende der Heinrich-Heine-Gesellschaft. Immer wieder suchte sie den Kontakt zu Bekannten. Einfach machte sie es sich nicht. Einen ersten Roman hatte sie in den 1990ern fertiggestellt und verworfen. „Er war nicht gut genug“, sagte Bachér. In den Städten abseits des Tagebaus werde das Buch als Parabel auf Sterben, Ohnmacht, Vergessen und Entwurzelung gelesen, sagte die Urenkelin Theodor Storms. Ganz anders sei es hier: Die Menschen seien direkt betroffen. Besonders gefreut habe sie sich deshalb über die Reaktion eines Freundes. Genauso wie sie es beschrieben habe, habe er empfunden, habe er ihr gesagt. "Das schönste Kompliment", so Bachér.

Für vereinzelte Kritik sorgte der Titel des Romans. Grube klang für einige Besucher zu harmlos für die Geschehnisse am Rande von Erkelenz. Es sei ein Loch, das alles verschlinge. Sie habe nach einem kraftvollen klingenden Wort gesucht, sagte Bachér. Dem entspreche der Begriff Grube besser.

(Carsten Preis in: www.rp-online.de/niederrhein-sued/erkelenz/nachrichten, 6.12.2011)

Zu: Das Kind und die Katze (2010)

Angst im Dunklen

Ingrid Bachérs Geschichte von einer Gewitternacht hat nichts Grelles. Rotraut Susanne Berner hat für „Das Kind und die Katze“ surreale Bilder mit Sogwirkung gefunden: weitab der sympathischen Schlichtheit ihrer Wimmelbücher.

Das Kind sehnt sich nach Hause, dabei ist es schon da: allein mit der Katze, die Eltern sind fort, draußen ist es schon dunkel, und ein Gewitter naht. In ihrer Geschichte „Das Kind und die Katze“, Anfang der sechziger Jahre erstmals im Insel-Almanach erschienen und jetzt, mit Bildern von Rotraut Susanne Berner, als „Tolles Heft“ der Edition Büchergilde veröffentlicht, entwirft Ingrid Bachér eine ebenso alltägliche wie unheimliche Situation: Das Kind traut sich nicht, Licht zu machen, in seiner Not wünscht es sich die Katze, die eben noch schnurrend auf der Bettdecke liegt, als Löwe. Und sie wächst. Und es hilft.

Wie leicht hätte man die Geschichte ins Schlaglicht greller Blitze tauchen können, mit dem Schrecken schreiben, der Verzweiflung, die man jedem Kind in einer solchen Situation nachfühlen kann. Aber Ingrid Bachér schreibt in aller Ruhe, taucht die Geschichte ins Surreale, gibt dem Kind noch in seiner Angst Kraft genug, sich letztlich selbst zu retten: durch seine Phantasie. Und auch Rotraut Susanne Berner, die hier nicht in der sympathischen Schlichtheit ihrer Wimmelbücher, sondern mit fünffarbigen Flachdruckgrafiken illustriert, spielt zwischen kindlicher Zeichnung, altem Märchenillustrationsstil und Stoffdruckanmutung mit dem Seltsamen, verschiebt das Mobiliar, lässt den Mond zum Pendel werden und die Eltern im Spielzeugauto über den Kinderzimmerfußboden fahren, der eins wird mit der Bettdecke. Sie braucht keine Dunkelheit für ihre atmosphärischen Bilder. Sie braucht noch nicht einmal einen Blitz für ihre Gewitternacht. Es bleibt rätselhaft. Es ist zauberhaft.

Gutenachtgeschichte neu aufgelegt

Die Düsseldorfer Schriftstellerin Ingrid Bachér schrieb vor 47 Jahren eine Gutenachtgeschichte für ihre Kinder. Jetzt ist diese Dichtung über Ängste, Träume und die Macht der Fantasie neu erschienen. Im September wird die Autorin 80.

Wenn es nachts blitzt und donnert, wenn drinnen die Schatten riesig werden und „die dunklen Ecken des Zimmers sich verdichten“, hat das verängstigte einsame Kind – die Eltern sind ausgegangen – nur seine Katze: „Es wühlte sein Haar in das schwarze Fell der Katze und umarmte sie und wollte die Katze so lieben, dass es sich selbst oder das Tier verwandeln konnte. Das Gewitter begann über der Stadt aufzubrechen. Das Kind wünschte, stark zu sein.“ So wird das Schmusetier zum Löwen mit einer Mähne, die gelb ist wie der Mond, wird ein Schutzpatron, der wie ein Feuerfresser den Blitz vernichtet und hernach nur eine kleine Brandstelle im Fell hat.

Das Gewitter zieht ab, die Eltern kehren heim, das Kind denkt: „Ich hatte keine Ahnung, dass man mit sich und dem anderen zaubern kann. Ich werde nie wieder nachts weinen.“ Der Löwe ist verschwunden, die Katze aber auch. Perspektivenwechsel: Vielleicht hat ja der Löwe das alles nur geträumt. Und lacht darüber.

Die Mut machende, tröstende Gutenachtgeschichte ist erstmals 1962 im Almanach des Insel-Verlags erschienen und stammt von der vielgerühmten Schriftstellerin und Filmautorin Ingrid Bachér, die am 24. September 80 wird und seit 1975 in Düsseldorf lebt. Derzeit arbeitet sie an einem Film über Else Lasker-Schüler. Bachér, die Urenkelin Theodor Storms, geboren in Rostock, aufgewachsen in einem Thomas-Mannschen Lübecker Buddenbrook-Milieu, Mutter dreier Kinder, verheiratet mit dem Künstler Ulrich Erben, ehemals Präsidentin des deutschen PEN (1995/96) und Vorsitzende der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Gesellschaft (2002 bis 2004) – sie erlebt im Alter die Wiedergeburt eines Frühwerks: „Das Kind und die Katze“.

Das Schreiben für Kinder mit einem wunderbaren Sich-Hineinfühlen in furchtsame Seelen gehört von jeher zu ihrer poetischen Passion. Magie klingt an, aber der Stil wahrt Disziplin und verliert sich nie im Esoterischen. Angst ist real, ihr tiefster Grund ungewiss. Naturwissenschaftler, wären sie mit kindlicher Gewitterfurcht konfrontiert, würden zur Beruhigung die Funktion eines Blitzableiters erklären. Anders Bachér. Sie spürt die Kräfte von Unvernünftigem und Unbewusstem und weiß, dass es gegen Ängste, die in der Fantasie entstehen, nur einen Gegenzauber gibt: ebenfalls Fantasie.

Es ist ein Heftchen, liebevoll hergestellt und teuer. Im üblichen Kinderzimmeralltag sollte das äußerlich kleine, innerlich große Werk nicht zerfetzt werden. Es kann auch Sammelobjekt als Kleinauflagen-Juwel für Buchliebhaber sein. Ein routinierter Leser hat es in zehn Minuten durch, aber dann fängt das Staunen an, wie viel an gedanklichem Vexierspiel doch hinter den einfachen Sätzen steckt. Und nie klingen sie altmodisch.

Auf diese Frische setzen die Illustrationen von Rotraut Susanne Berner noch manch Freches drauf. Die Künstlerin zeigt den Löwen als grimmige, rettende Wolke in einem Wirbelsturm von Blitzen. Der gute Mond, irgendwie so eine Art alter Kupferstich, schaukelt wie das Pendel einer Uhr mit mal besorgter, mal schmunzelnder Miene durchs Geschehen.

Überall gibt es Blumen, Käfer, Schmetterlinge, Früchte. In den hellen, bunten, klar konturierten Bildern herrscht niemals das Grauen. Die Eltern fahren in einem Spielzeugauto durchs Geschehen. Größenordnungen werden schelmisch vertauscht.

Eigenwillig hat die Grafikerin eine Gestalt hinzuerfunden, den Feuersalamander. Der schwarz-gelbe Lurch bringt eine eigene Mythologie ins Spiel und kommt klein, wie eingeschmuggelt, in fast allen Bildern von Berner vor, überall Feuersalamander, im Text von Bachér jedoch gibt es sie nicht. Das Rätsel bleibt offen.

Die Story wurde fürs Kinderzimmer geschrieben, hat nach 47 Jahren einen magischen Charme auch für Erwachsene, birgt jede Menge Gesprächsstoff und ist rührend schön.

(Werner Schwerter in: Rheinische Post, nachrichten.rp-online.de/regional/gutenachtgeschichte-neu-aufgelegt- 21.06.2010)

Eine einfühlsame, kraftvoll illustrierte Erzählung

Die Geschichte „Das Kind und die Katze“ wurde von Ingrid Bachér in den Sechzigerjahren für ihre Tochter geschrieben. Es geht um die Bewältigung von Einsamkeit und Furcht.

Ein Kind kann nicht schlafen, weil seine Eltern nicht zu Hause sind und das Haus groß und dunkel ist. Eine Katze leistet dem Kind Gesellschaft. Doch als ein Gewitter aufzieht, erweist sich die Katze zum Trösten nicht stark genug. Als Ausweg aus seiner Angst verwandelt das Kind in seiner Fantasie die schwache Katze in einen starken Löwen, der die Blitze wie ein Feuerfresser schlucken kann und es vor Gefahr beschützt.

„Das Kind und die Katze“ ist ein einfühlsam erzähltes Märchen und eignet sich gut zum Vorlesen, zum Beispiel als kurze Gutenachtgeschichte. Die aufwendig, kraftvoll, teilweise dramatisch illustrierte Geschichte hat sich ihren nostalgischen Charakter erhalten, ist aber auch in heutiger Zeit noch gut lesbar.

Für Kinderhände wäre ein stabilerer Einband vorteilhafter gewesen. Es ist schade, dass das Heft von der Aufmachung her mehr auf die Zielgruppe der erwachsenen Sammler von Bilderbüchern ausgerichtet zu sein scheint.

(Brigitte Bjarnason in: Librikon. Magazin für Kinderbuchkultur; www.librikon.de/Buch von Wert.htm)

Zu: Der Liebesverrat (2005)

Lieben, leiden, leben. Drei Ehepaare und eine junge Geliebte: Ingrid Bachérs neue Erzählung „Der Liebesverrat“

Liebesverrat: Das Wort ist mehrdeutiger, als es zunächst den Anschein hat. Eine Liebe wird verraten. Oder, was nicht ganz dasselbe ist: Aus Liebe wird ein Verrat begangen. Oder auch: Einer begeht Verrat an der Liebe, wenn er nicht auf sie hört. Schließlich noch: Das Geheimnis einer Liebe wird verraten, nämlich publik gemacht. All diese Bedeutungen sind in Ingrid Bachérs neuer Erzählung „Der Liebesverrat“ präsent, um sie kreist die brisante Debatte der handelnden Personen. Ort des Geschehens: Ein nobles Restaurant irgendwo auf dem Lande. Zeitpunkt: Silvesterabend 2004, die letzten Stunden des alten Jahres sind angebrochen. Drei seit langem befreundete Ehepaare verbringen den Abend miteinander. Sechs-Gänge-Menü, gehobene Stimmung, alte Erinnerungen, geistvolle Gespräche über das Leben, Gelegenheit mal wieder für eine Zwischenbilanz. Doch dieser Abend verläuft angespannter als sonst. Es sitzt eine siebente Person mit am runden Tisch: Judith, die junge und attraktive Nichte des Gastgebers. Sie hat mit Arno, Ehemann von Nina, eine Liebesbeziehung, was die beiden auch keineswegs verbergen, sondern als unumstößliche Tatsache und als ihr gewissermaßen heiliges Recht beanspruchen. „Wir bescheiden uns mit kleinen Gefühlen“, entgegnet Arno auf die moralischen Vorhaltungen seiner Freunde, „doch das ist Liebesverrat! Verrat an der Liebe, an unserer Fähigkeit zu lieben. Und was ist die Folge? Unsere Fähigkeit zu lieben, wie die zu leiden, wie überhaupt zu leben wird auf ein allen bekanntes Mittelmaß gedrückt, auf die niedrigste Amperezahl.“ Natürlich bleibt Arnos schwungvolles Plädoyer in eigener und Judiths Herzenssache nicht unwidersprochen. Da wird Verlässlichkeit angemahnt, zwischen Denkbarem und tatsächlich Lebbarem unterschieden, vor naivem Gefühlsüberschwang gewarnt, der prekäre Altersunterschied zwischen Arno und Judith vermerkt usw. Doch letztlich bleiben die gegensätzlichen Standpunkte unauflösbar im Raum stehen. Der Macht der Gefühle scheint keine noch so intelligent geführte Diskussion beikommen zu können. So empfindet es denn auch Nina, die Hauptleidtragende dieses unverblümten Liebesverrats oder, anders betrachtet, Liebesbekenntnisses. Sie kennt ihren Mann zur Genüge, kann ihn sogar verstehen, hat sich, nach überstandener schwerer Ehekrise, auch selbst verändert: „Es hatte lange gedauert bis sie begriffen hatte, dass keiner dem anderen gehört, dass jeder frei sein muss.“

Ingrid Bachérs dichte, subtile Erzählung kreist wie eine Kamera, der nichts entgeht, beständig um die Tischrunde, verharrt mal bei dieser Person, wandert weiter zu jener, fängt nicht nur ein, was gesagt wird, sondern auch was ungesagt bleibt, was die Freunde jeweils für sich behalten an Erinnerungen, Enttäuschungen, Geheimnissen. Die Autorin wahrt dabei ihre Neutralität, sie wertet und verurteilt nicht in diesem heiklen Beziehungsdisput, führt vielmehr mit großer Genauigkeit die unterschiedlichen Haltungen, Temperamente und Beweggründe vor. Es kommt zu keinem Eklat in dieser Silvesternacht. Aber eine nervöse Spannung nistet sich ein, eine dunkle Verunsicherung, und es bleibt offen, was das neue Jahr den Beteiligten bringen wird. Ohnehin schwingt im Hintergrund der Erzählung Unheil mit: Die verheerende Tsunami-Katastrophe in Südostasien liegt erst wenige Tage zurück. Das dämpft die Feierstimmung. Und lässt, bei Lichte betrachtet, die Probleme der sieben Silvestergäste um einiges kleiner erscheinen.

(Olaf Cless: in: Düsseldorfer Hefte, Dezember 2005)

Seelenbilder mit Sprache gezeichnet

Eine „Erzählerin der Liebesarten“ und eine „Detektivin der Seele“ wird Ingrid Bachér in einer Würdigung zu ihrem 75. Geburtstag genannt, den sie im September des vorigen Jahres beging. In der Novelle "Der Liebesverrat" stellt sie ihre detektivischen Fähigkeiten erneut unter Beweis. Mit sprachlicher Treffsicherheit lotet Bachér die Gedanken- und Gefühlswelten der Protagonisten aus.

Ort und Zeit der Handlung ist ein Restaurant der gehobenen Klasse irgendwo in Deutschland, in dem sich ein aus drei Ehepaaren bestehender Freundeskreis zusammengefunden hat, um mit einem opulenten Mahl die Jahreswende 2004/2005 zu begehen. Die Freunde, allesamt in der zweiten Hälfte des Lebens, sind reserviert fröhlich, eher besinnlich, was nicht zuletzt daher rührt, dass das Wirtspaar auf eine Nachricht seines Sohnes wartet, der in der vom Tsunami heimgesuchten Gegend den Jahreswechsel feiern wollte. Aber da ist auch Judith, eine junge Frau, die Nichte eines der drei Paare und, wie sich später herausstellt, seit einiger Zeit schon die Geliebte von Arno, einem der anwesenden Ehemänner.

Die unerhörte Begebenheit, der Wendepunkt in der Novelle, ist der Moment, in dem Judith völlig unvermittelt ihre bis dahin geheim gehaltene Liebesbeziehung und bevorstehende Verlobung mit Arno öffentlich macht. Die durch diese Eröffnung wie in einer chemischen Kettenreaktion ausgelösten Gedanken, Reflexionen und Gefühlsanwandlungen werden von Ingrid Bachér im feinfühlig-sensiblen Gleichgewicht zwischen Emphase und Lakonie in sprachliche Form gebracht. Ist Judiths Bekanntgabe ihres Verhältnisses mit Arno, mit der sie sich über alle vorher gemachten Vereinbarungen mit dem Geliebten hinwegsetzt, der im Titel angekündigte Liebesverrat?

„Nein, das Wort Liebesverrat habe ich so eigentlich gar nicht gemeint mit dem Titel, denn sie verrät ja nicht ihre Liebe, vielleicht verrät man sogar die Liebe, indem man nicht einwilligt in diese Liebe am Ende, sondern sich wieder zurückzieht oder versucht, sich zurückzuziehen Es geht ja offen aus, man kann sich auch selber verraten, man kann auch die Chance zu etwas Neuem verraten, es ist vieldeutig und es wird ja auch abgehandelt wie ein Spiel in verschiedenen Variationen durch diese drei Paare und das junge Mädchen. Es ist also nicht eindeutig gemeint nur der Liebesverrat dieser jungen Frau, die, wie Sie sagen, unfair ist. In der Liebe ist man nicht fair. Das ist eine Explosion, das ist eben, ja wie das Ansteigen des Meeres.“

Es geht ganz unaufgeregt und ruhig zu in diesem wahlverwandtschaftlichen Kammerspiel aus unseren Tagen. Mit Einfühlung und sprachlicher Treffsicherheit lotet Ingrid Bachér die Gedanken- und Gefühlswelten der Protagonisten aus. Vieles wird nur angedeutet. In Anbetracht des offenen Ausgangs dieser 120 Seiten umfassenden Novelle möchte man als Leser am liebsten auf dem Rücksitz im Auto oder am gemeinsamen Frühstückstisch des einen oder anderen der drei Paare Platz nehmen, um den weiteren Gesprächen lauschen und noch mehr erfahren zu können von ihren Seelenschürfungen und emotionalen Verletzungen. Ingrid Bachér schafft mit der Sprache Seelenbilder. Es sind schwebend hingehauchte Bilder in hellen, zarten, klar unterscheidbaren Farben, auf Distanz gehalten durch einen hellgrauen Schleier der Melancholie, der über dem gesamten Tableau liegt.

„Ich will Bilder schaffen, in denen die Welt wieder greifbar und verstehbar oder erkennbar wird, sagen wir einmal, verstehbar wahrscheinlich nicht, aber erkennbar wird und Menschen ihre eigene Situation umfassen und denken können, und ja, das ist das Problem. Ich glaub, Bilder sind größer als Erklärungen, und zu den Erklärungen kommt man selber, wenn man liest und verbindet Dinge, aber was wenn einfach von Gestalten gesprochen wird und sie vor einem stehen und man Bilder schafft von Situationen, so wie Imre Kertesz das ja ständig macht, dann ergibt sich viel mehr daraus, als wenn einer Erklärungen abgeben würde, das war so und so und ich habe das dabei empfunden, sondern es muss umgesetzt werden.“

Ein Plädoyer für eine differenzierte realistische Literatur, die dem poetologischen Grundsatz folgt: Sprich, damit ich dich sehe. So hieß der Titel einer Hörspielanthologie, die in den 60er Jahren herausgekommen war. Auch Ingrid Bachér hat am Anfang ihrer Schriftstellerkarriere Hörspiele geschrieben. Sie gehörte zu den ersten Mitgliedern der Gruppe 47. Wie weit ist sie vom realistischen Schreiben, von der nach dem Krieg propagierten Kahlschlagprosa eines Heinrich Böll oder Günter Eich geprägt worden?

„Eich, Aichinger, Peter Weiss, das waren alles Menschen doch, die schrieben, weil sie etwas ausdrücken wollten, was sie betraf, was die Gesellschaft betraf, was die Vergangenheit, die Kriegsvergangenheit auch betraf, das war sehr handfest vom Inhalt, wenn auch sehr oft, je nach dem, wer es geschrieben hatte, artistisch in der Form, dafür bin ich auf jeden Fall, ich bin fürs Artistische in der Form. Die Sprache muss fliegen können, selbst dann, wenn sie ganz ernsthaft ist, eine ernsthafte Sache beschreibt, das ist ganz wichtig, also ich bin nicht für realistische Literatur, die einfach aufzählt und meint, das wäre es schon.“

Die Novelle „Der Liebesverrat“ ist das Werk einer reifen, in die Jahre gekommenen Autorin. Als sie auf einer Lesung gefragt wurde, ob sie das Buch so auch schon früher hätte schreiben können, wurde ihr klar, dass sie es früher nicht so geschrieben hätte. Eine gewisse Distanz sei nötig gewesen und die tiefe Einsicht, Liebe nicht als Besitz zu begreifen, sondern als Geschenk.

„Da wurde mir klar, dass ich es früher nicht so geschrieben hätte, denn dieser Gedanke, dass man Liebe nicht als Besitz ansehen darf, den hatte ich zwar früher auch, aber er war nicht so scharf, auch nicht so klarsichtig konnte ich früher über Menschen schreiben. Ich merke jetzt, die Personen werden deutlicher in ihrer Verschiedenheit, eben weil ich ein bisschen mehr Distanz habe. Da ich mich selber nicht mehr sehr wichtig nehme, reflektiere ich darüber ganz anders als früher, wie ich ankomme oder was ich tue oder mache, und dadurch verliere ich aber auch meine Befangenheit und meine Schüchternheit, die ich früher sehr stark hatte.“

In ihrem im vorigen Jahr erschienenen Buch „Sieh da, das Alter. Tagebuch einer Annäherung" schildert Ingrid Bachér die Facetten eines Prozesses, dem niemand entgeht. Das Buch hatte einen großen Erfolg, das Thema Alter hat, wie es scheint, derzeit Konjunktur. Aber Bachérs Buch hebt sich von den anderen ab, indem es nicht objektiv-akademisch mit dem Thema umgeht, sondern situativ-persönlich. Bachér mischt historisch-politische Reflexionen mit persönlichen Erinnerungen und Erkenntnissen. Szenen des Todes und Verlustes stehen neben Momenten des Glücks und der Erfüllung. Manche Passagen muten flüchtig an, wie im Vorbeigehen notiert. Dann wieder verweilt die Autorin, Augenblicke genießend, wie in ihrem geliebten Bagnoregio in Apulien, ein wenig länger im Stillstand, als wolle sie die Zeit anhalten. Was verändert sich im Alter?

„Verändern tut sich für mich die Distanz, dass ich gelassener sein kann, dass ich es aus einer etwas weiteren Entfernung schon betrachte, mich nicht immer einmische, recht haben schon gar nicht mehr will, auch Wertung ist nicht wichtig, sondern erkennen und ansehen, ein Wunsch, den ich immer hatte, was zu erkennen, aber jetzt ist noch gesteigert, dass ich die Dinge wirklich ansehe und versuche, Zusammenhänge zu begreifen, und auch der Sinn für Komik wird größer, ich sehe jetzt viel, viel öfter die Komik einer Situation, in der ich früher vielleicht Partei ergriffen hätte. Das heißt nicht, dass ich nicht noch immer meine Haltung zeige und Partei ergreife, wenn ich es für richtig halte, aber es ist eine größere Distanz, es ist keine so große Aufgeregtheit mehr. Ich nehme mich selber gar nicht mehr so wichtig, das ist ein vielleicht großer Vorteil.“

Wenn Ingrid Bachér auf ihr Leben zurückblickt und die Prägungen, die sie erfahren hat, nennt sie zu allererst die Unsicherheit, die Ungewissheit der unmittelbaren Nachkriegszeit.

„Ganz sicher, dass ich im Krieg aufgewachsen bin, Nachkriegszeit, ich war 14, als der Krieg zu Ende war, die Holocaust-Bilder, die vollkommene Unsicherheit, die Ungewissheit, es war nichts sicher, es war weder die Geschichte, die mir erzählt worden ist, sicher, das gab es nicht, es gab keinen Besitz. Besitz war etwas, was da sein konnte oder weg sein konnte, und das ist eine wunderbare Erfahrung gewesen, weil ich dadurch nie mehr das Gefühl hatte, auf festem Boden zu stehen, sondern immer aufstehen kann und weggehen kann.“

Der Literatur und dem Schreiben galt von Anfang an ihr ungeteiltes Interesse. Mit Begeisterung erinnert sie sich an erste Veröffentlichungen übersetzter amerikanischer Prosa und die Rororo-Taschenbuchreihe, die wie eine Verheißung auf dem Buchmarkt der Nachkriegszeit erschien. Eine kurze Zeit über wollte sie Schauspielerin werden. Das Geld für die Schauspielschule verdiente sie, indem sie für Zeitungen schrieb. Mit 18 schrieb sie erste Theaterstücke für Kinder, später dann Hörspiele und Features, zum Beispiel über ihre Reisen mit Frachtschiffen nach Kuba und Südamerika. In jenen frühen Jahren hielt sie sich wenig in Deutschland auf.

„Als ich nach Deutschland wieder kam, bin ich dann nach Rom gegangen, kriegte - Gott sei dank - ein Stipendium und blieb dann einige Jahre, ich wollte eigentlich raus, weil eben, ja es war auch ein bisschen das, was Hannah Arendt mal gesagt hat, dass die Deutschen so einen Widerwillen haben, ihre Situation zu begreifen, das war ja damals dann in der Restaurationsphase in Deutschland so und das war nicht so mein Ding, und so habe ich dann in Rom gelebt, und das war wiederum eine Erfahrung, die mich gefühlsmäßig sehr geprägt hat, wenn das andere politisch vorher war, Gruppe 47 und Krieg und alle diese Dinge, war Rom dann etwas, was mich Norddeutsche sehr erlöst hat, und sehr glücklich gemacht hat.“

Leben und Schreiben sind für Ingrid Bachér untrennbar miteinander verbunden. So hat sie sich auch immer wieder ins politische Geschehen eingemischt. Sie war lange im PEN, bevor sie 1995 in einer extrem schwierigen Phase, als es um die Vereinigung von Ost- und West-PEN ging, zur Vorsitzenden gewählt wurde. Nach dem Scheitern der Verhandlungen traten 40 Mitglieder aus dem West-PEN aus, darunter auch Ingrid Bachér. Als Vorsitzende der Heinrich-Heine-Gesellschaft in Düsseldorf hat sie Diskussionen über die Globalisierung und den islamisch-christlichen Dialog veranstaltet.

„Mich interessiert es sehr. Es gehört dazu, und ich glaube nicht, dass man schreiben kann über seine eigene Zeit, ohne Anteil zu nehmen und ohne Stellung zu nehmen.“

(Cornelia Staudacher in www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarktwww.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt, 1.02.2006)

Erdbeben der Liebe

Ingrid Bachér erzählt von Betrug, Selbstbetrug und der Unmöglichkeit, den Dingen auf den Grund zu gehen

Ließe sich der Lebenslauf der Liebe seismografisch aufzeichnen, sein Verlauf wäre von dem eines Erdbebens kaum unterscheidbar. Silvester 2004: Drei befreundete Paare mittleren Alters feiern in einem entlegenen Gasthof den Jahreswechsel und entstauben ihre Erinnerungen.

Alles wäre wohl wie in all den Jahren zuvor, hätte Bernward nur nicht Judith mitgebracht, seine gefährlich schöne, den Kinderschuhen kaum entwachsene Nichte. Und vielleicht hätten Tanzmusik und Feuerwerk dafür gesorgt, dass die Wahrheit draußen bleibt, außerhalb der eigenen vier Wände. Aber aus Rücksicht auf die Opfer der Tsunami-Katastrophe wird auf diese Stimmungsutensilien verzichtet. Was bleibt einem also anderes übrig, als zu reden?

Ingrid Bachér entwirft in der Erzählung „Der Liebesverrat“ ein atmosphärisch dichtes wie düsteres Panorama aus Betrug und Selbstbetrug und weiß die Vorboten geologischer wie privater Katastrophen auf subtile Art und Weise zu verknüpfen. Schon während der Vorspeise ist allen klar, dass Arno seine Frau mit Judith betrügt. Judith im Blick, sitzt er den gesamten Abend wie ein erregtes körperliches Gehäuse am Tisch, während seine Frau Nina Trost bei Arthur findet, was bei dessen Frau Karla zu Erschütterungen führt, die die gern vergessene Kindheit wieder freilegen. Es wird angestrengt über Liebe, Treue, Glück und Naturkatastrophen philosophiert, bis Judith mitten im Hauptmenü eröffnet, dass Arno und sie bereits verlobt seien, und damit alles ins Wanken bringt. Vorerst legt sich die verheißungsvolle Mitternacht wie ein Pflaster auf die aufgerissenen Wunden. Das Gestern wird in jener Nacht schnell zur rettenden Vergangenheit; alles ist nicht mehr ganz so wahr.

Dieses Buch ist nicht zuletzt ein Lehrstück über die Ausweglosigkeit, den Dingen auf den Grund gehen zu wollen; der, sobald man ihn betritt, sich von neuem auftut.

(Heike Kunert in: DIE ZEIT, Nr.50, 8.12.2005)

Angst vor dem Alter und junge Geliebte

Drei gut situierte Ehepaare in mittleren Jahren verbringen den Silvesterabend im vorzüglichen Restaurant. Das mehrgängige Menü ist vom Feinsten, man kennt und mag sich seit Jugendjahren. Alles scheint wie immer - und ist es doch nicht, denn die Jugend sitzt am Tisch in Gestalt einer schönen jungen Frau, Nichte des einen und Geliebte des anderen. Sie hält sich nicht an die Konventionen, will nicht warten, fordert ein Bekenntnis und verachtet die reife Einsicht ins Unvermeidliche, die mit den Ehejahren über die Anwesenden gekommen ist. Ingrid Bachér, die in Rostock geborene und seit langem in Düsseldorf lebende 75-jährige Schriftstellerin, führt in ihrer neuen Novelle "Der Liebesverrat" die Varianten der Liebesmöglichkeiten vor: programmatische Treue, heimlicher und offener Betrug. Keiner ist mit seiner Version wirklich glücklich, alle reden sich heraus und um die eigentlichen Begehrlichkeiten herum. Und allen sitzt die Angst vorm Alter im Nacken. Dass eine junge Geliebte auf die Dauer dagegen ein schlechtes Rezept ist, will der ewige Frauenverführer ebenso wenig glauben wie sein Objekt der Begierde, das nur die absolute Liebe gelten lässt. Am Ende bleibt alles offen, es wurde zu viel geredet und zu viel gegessen. Ein Blick ins Paarleben kurz vorm Alter: In diesem Gesellschaftsroman bleibt wenig Platz für Hoffnungen auf ein dauerndes zufriedenes Eheglück. Andererseits ist die junge Liebende in ihrem Ungestüm auch nicht überzeugend. Das ist tröstlich.

(Manuela Reichardt in: www.berliner-zeitung.de, 17.11.2005)

Zu: Sarajewo 96 (2001)

Zugeben, dass wir Komplizen sind

„Vernichtung muss sein. Wenn es dies hier gab in Sarajewo, was der Mann gesehen hatte, dann war es der Zustand, der gewollt wurde, der mit Absicht immer wieder hergestellt wurde.“ Zwei ungeheuerliche Sätze, ungeheuer in ihrer unerbittlichen Konsequenz, in ihrer nur ganz schwach, ganz mutlos abzuleugnenden Wahrheit. Zu finden sind sie gegen Ende eines kleinen Buches, das von seiner Autorin, der 70jährigen Schriftstellerin Ingrid Bachér, im Heine-Institut vorgestellt, vorgelesen wurde.

Bittere Wahrheiten sind das, bitter und wahr auch die schwarz-weißen „Bildzeichen“, die Günther Uecker dazu gesetzt hat. Sachlich und meisterhaft eindeutig sind sie wie der Text; ein Kunstschlüssel, genauer gesagt: wohl ein Gedankenschlüssel zum Unbegreiflichen des 11. September und zu vielem, das vielleicht noch kommt? Denn „wir führen fortwährend Krieg, gegen die Natur, gegen das Göttliche, gegen uns selbst“. Und „Terror ist überall, wir müssen es zugeben, müssen zugeben, dass wir Komplizen sind.“

Ein alter Mann und Büchernarr

Die letzten beiden Zitate sind nicht aus dem neuen Buch der Eremiten-Presse „Sarajewo 96“. Die Autorin stellte diese Gedanken ihrer Lesung voran, in der es um das kriegszerstörte Sarajewo geht, in dem sich einmal der Erste Weltkrieg entzündete, das aber auch wegen seiner jüdischen, islamischen und christlichen Bevölkerungsmischung „Klein-Jerusalem“ genannt wurde (eiskalter Schauer beim Gedanken an den fürchterlichen Anschlag wenige Stunden zuvor im großen Jerusalem).

Ein alter Mann und deutscher Bücherwurm schreibt an der Rede zur Eröffnung einer Buchausstellung im Collegium Artisticum. Die Nationalbibliothek mit ihren über 600 000 Büchern ist durch Granaten zerstört worden. Jetzt kommt erste Lesehilfe aus Deutschland, Taschenbücher meist und „einige Titel so sonderbar, dass er dachte, es seien wohl Remittenden.“ Aber ein bosnischer Bücherfreund sieht das anders: „Lange haben wir auf Hilfe gewartet.“ Für ihn war damit eine Hoffnung erfüllt worden. Zwischen dem im Norden (Westen?) bei „events“ üblichen Smalltalk und dem schieren Bücherhunger in den ganz, halb, manchmal auch gar nicht zerstörten Häusern Sarajewos entwickelt sich bei dem alten Mann aus der Bundesrepublik ein neues, ein anderes Bewußtsein. Nebensächliches bekommt scharfe Konturen, Kriegserfahrung aus dem Zweiten Weltkrieg wird wach. Der alte Mann zweifelt daran, die rechten Worte zu finden. Er hofft, dass die etliche Jahre jüngere Ehefrau im Hotelbett erwacht, ihm in seiner Ratlosigkeit wenn schon nicht Rat, so doch menschliche Wärme gibt. Aber sie stellt sich schlafend. „Er ist 17 wieder – der niemals verlorene Sohn des eisigen Vaters: Krieg.“

Wo kein Mensch Sorgen hat?

Wer Ingrid Bachérs Erzählung „Assisi verlassen“ (Eremiten-Presse 1993) kennt, findet sich auf einer Brücke zu „Sarajewo 96“, aber die zwar gesellschaftlich begründete, doch weitgehend private Aussichtslosigkeit der Beziehungen in „Assisi“ wird in „Sarajewo“ zur großen Menschheitsfrage, wie Heinrich Heine das wohl genannt hätte. Aber auch die ist von Ingrid Bachér privat angelegt; letzten Endes ist alles, was der Mensch tut oder unterläßt, in ihm und nur in ihm angelegt – „wir müssen es zugeben.“

(Gerda Kaltwasser in: Rheinische Post, 4.12.2001)

Zu: Schliemanns Zuhörer (1995)

Der wunderbare Kosmos eines Romans. Neue Erzählung von Ingrid Bachér in der Eremiten-Presse

„So engagierte ich einen armen Juden, der für vier Franken pro Woche allabendlich zwei Stunden zu mir kommen und meine russischen Deklamationen anhören mußte, von denen er kein Wort verstand.“ Das Zitat ist Teil der Erzählung „Schliemanns Zuhörer“ von Ingrid Bachér, seit einem halben Jahr Präsidentin des PEN-Clubs West. Das eine darf mit dem anderen nichts zu tun haben; oder doch? Die Manuskript war fertig, bevor die Wahl in ein politisch wie organisatorisch herausforderndes Amt die Schriftstellerin als Schrift-Stellerin weitgehend lahmlegte.

Ein wunderbares Buch, so sparsam formuliert, so dicht verwoben. Aus jeder Zeile dringt die Intensität, mit der Ingrid Bachér den Spuren ihres Lesefunds folgt. Denn es ist alles wirklich und wahr, fast alles, in dieser Erzählung, die den Kosmos eines Romans umfaßt. Heinrich Schliemann, der später Troja ausgrub, kommt als mittelloser Kaufmannsgehilfe aus Mecklenburg nach Amsterdam. Er ist ehrgeizig, will, um seinem Prinzipal beim Osthandel helfen (imponieren?) zu können, russisch lernen; entdeckt als „Lehrbuch“ die russische Übersetzung des „Telemach“ des französischen Dichters Fénelon.

Er engagiert einen büchersüchtigen Amsterdamer Juden, der kein Russisch spricht, als Zuhörer, eine Art lebender „stummer Diener“: „Er verlangt nichts von mir zu wissen, denn das würde ihn stören.“ Das alles ist authentisch, auch die beiläufig erwähnte „Weltgeschichte für Kinder“ von Ludwig Jerres. Auf diesen 63 Seiten ist aber im Grunde nichts beiläufig. Alles ist ein Stück Schliemann-Biographie. Dichtung wird daraus durch die von Ingrid Bachér erfundene Gestalt des Mädchens Martha, das diesen Heinrich liebt, aber nicht seine Gefühle wecken kann. Martha geht daran zugrunde. Der alte Jude erlebt noch einmal die ebenfalls unvollendete Liebe seines Lebens zu Esther, in dem er Martha versteht und zu trösten versucht.

Schliemann hingegen kennt nur sein Ziel, seine Zukunft. Kein Blick, kein Gedanke darf abschweifen. Einer, der ohne Unrechtsbewußtsein über Leichen geht. Nie würde er auf den Gedanken kommen, zu denken, was der alte Jude denkt: „Vielleicht ist es eine Sache des Alterns, alles mehrstimmig zu denken.“ Nur ein unbeirrbar „einstimmiger“ Denker konnte wahrscheinlich die spröden Mauern Trojas finden und ausgraben. Aber darum geht es nicht in Ingrid Bachérs Buch. In ihm werden zarte Beziehungsfäden geknüpft.

(Gerda Kaltwasser in: Rheinische Post, 9.12.1995)

Zu: Assisi verlassen (1993)

Ein Verführer ins Traumland. Ingrid Bachérs Erzählung „Assisi verlassen“ in der Eremiten-Presse

Ein Mann geht durch die Stadt Assisi in der Toscana. Die Stadt ist ihm nicht fremd. Der deutsche Kunsthistoriker Felix Murnau ist auf dem Weg zur alljährlichen Exkursion mit seinen Studenten. Aber diesmal ist alles anders, die Stadt in dumpfer Aufregung. Die Kirche des heiligen Franziskus ist gesperrt, verschlossen. Seine Gebeine, so das nicht dementierte Gerücht, sind abhanden gekommen.

Das Hotel, in dem schon vor langer Zeit für Murnau Unterkunft bestellt worden war, hat kein Zimmer für ihn reserviert. Soll er heimkehren? Murnau läßt sich treiben, gibt sich, wenn auch innerlich zögernd, der bedrohlichen Atmosphäre hin; erlebt junge Männer, die eine Katze steinigen und zertrampeln, sinkt müde und benommen wie ein Verirrter im ewigen Eis gegen eine Hauswand. „Später spürte er, daß man ihm seine Jacke auszog. Er wollte etwas sagen, aber es gelang ihm nicht. Der Raum, zu dem er gehörte, dehnte sich aus. Er nahm etwas wahr und dann noch etwas und dann nichts Bekanntes mehr.“

Dies ist die Geschichte eines Tages, der für einen Menschen mit unausweichlicher Folgerichtigkeit auf den Tod zutreibt. Die Autorin – sie lebt in Düsseldorf und der Illustrator ist ihr Mann – gibt in dichten, dichterischen Worten das Psychogramm eines Lebens voll unbeantworteter Fragen und die poetische Darstellung eines Todes, dessen Schrecken die tote Katze widerspiegelt. Eine Katze, gequält in einer Stadt, die durch einen Heiligen weltberühmt wurde, der mit den Tieren sprach.

Assoziationen sind erlaubt, zu Thomas Manns „Tod in Venedig“ oder Heinrich Heines „Rabbi von Bacherach“. Zum Verständnis nötig sind solche Bezüge nicht. Resignation, das Bewußtsein der Vergeblichkeit durchweht jede Zeile des Textes. Ingrid Bachér scheint mit „Assisi verlassen“ eine Dichtung gelungen, die in der deutschsprachigen Literatur wahrscheinlich noch lange allein dastehen wird. Ein Verführer ins Traumland, das der Leser nur widerwillig verläßt. Dazu trägt die bibliophile Ausstattung durch die Düsseldorfer Eremiten-Presse ebenso bei wie Erbens farbige Graphik, Variationen des Kreuz-Themas von einer Stofflichkeit im Wortsinne, die man mit den Fingerspitzen zu fühlen glaubt.

(Gerda Kaltwasser in: Rheinische Post, 24.07.1993)

(Fridtjof Küchemann in: FAZ, Feuilleton, Netz-Fassung, 30.06.2010)