INSTITUT FÜR GERMANISTIK

Düsseldorfer Autorinnen - Helga Lippelt

Bildrecht liegt bei der Autorin

Vita

  • 1943 in Insterburg/ Ostpreußen geboren, Flucht mit Mutter und Großmutter bei Kriegsende. Der Vater, der Schriftsteller Max Lippold, starb 1946 in sowjetischer Gefangenschaft. Sie wuchs in der sächsischen Kleinstadt Penig auf, machte Abitur in Rochlitz.
  • Textildruckerlehre und anschließend Ausbildung an einer Ingenieurschule für Textiltechnik; bis 1979 arbeitete sie in Leipzig als Textilingenieurin in einem Projektbüro.
  • Vier Jahre nach der Stellung des Ausreiseantrags wurde sie Ende 1979 aus der DDR-Staatsbürgerschaft „entlassen“.
  • 1980 siedelte sie in die Bundesrepublik über, zog nach Düsseldorf und arbeitete zunächst als Textilingenieurin.
  • 1981 entschied sie sich für eine Existenz als freie Schriftstellerin in Düsseldorf.
  • Ab 1984 wirkte sie als Stadtschreiberin in verschiedenen Städten und Regionen, in Bocholt, Hersfeld-Rotenburg, Ottendorf.
  • Helga Lippelt ist Mitglied des Verbandes Deutscher Schriftsteller, der Künstlergilde Esslingen und der Berliner Autorenvereinigung

Auszeichnungen

  • 1994 Ostpreußischer Kulturpreis für Literatur.
  • 1993 Stipendiatin im Kloster Cismar/ Ostholstein.
  • 1992 Stadtschreiberin in Otterndorf/ Nordsee.
  • 1990 Grenzschreiberin im Kreis Hersfeld-Rotenburg
  • 1989 Literaturstipendium der Landeshauptstadt Stuttgart
  • 1989 Stipendiatin im Künstlerdorf Schöppingen
  • 1989 Würzburger Literaturpreis.
  • 1987 Andreas-Gryphius-Förderpreis der Künstlergilde
  • 1984 Förderpreis für Literatur der Stadt Düsseldorf
  • 1983 Preis beim Erzählwettbewerb des Ostdeutschen Kulturrates
  • 1983 Kulturpreis der Stadt Bocholt mit Berufung zur Stadtliteratin für 1984 bis 1985
  • 1982 Preis beim 2. NRW-Autorentreffen

Publikationen

Prosa

  • Abschied von Popelken oder ein Atemzug der Zeit. (Lizenzausg. der Ausg. v. 1994) Rheda-Wiedenbrück, Gütersloh: RM-Buch-und-Medien-Vertrieb 2011
  • Vom Geheimbund der Assassinen zum Brennpunkt Qumran, Terra X Begleitbuch. Heyne, 2003
  • Fern von Popelken. Roman. Unna: Heiligenwalde, 2003
  • Und ewig lockt der Mann. Roman. München: Herbig, 1998
  • Iß oder liebe. Roman einer lustvollen Verwandlung. München: Herbig, 1996
  • Abschied von Popelken oder Ein Atemzug der Zeit. Roman. München: Herbig, 1994
  • Der Geschmack der Freiheit: ein Liebesfall. Roman. Halle: Mitteldeutscher Verlag, 1991
  • Ansichten, Streifzüge, Anstösse : Erfahrungen im Kreis Borken. Redaktion Hubert Punsmann. Hrsg.: Kreis Borken, Der Oberkreisdirektor: 1991
  • Trabbi, Salz und freies Grün. Buxtehude: Verlag an der Este, 1990
  • Popelken. Roman. Buxtehude: Verlag an der Este, 1988
  • Embryo. Kurzgeschichten. Buxtehude: Verlag an der Este, 1988
  • Jeans für einen Gliedermann. Roman. (Linzausg. der Ausg. v. 1984) Rastatt: Moewig, 1987
  • Ohne Turm und Elfenbein. Erfahrungen einer Stadtschreiberin. Düsseldorf: Erb, 1986
  • Good bye Leipzig. Roman. Düsseldorf: Erb, 1985
  • Jeans für einen Gliedermann. Roman. Düsseldorf: Erb, 1984
  • „Sie werden es schon schaffen“: Ermutigungen aus d. Literaturbüro Düsseldorf. In: Tausend Blumen: Kulturlandschaft Nordrhein-Westfalen.. Wuppertal, 1984, S. 246-251

Pressestimmen

Zu: Fern von Popelken (2003):

Allgegenwärtige Heimat. Helga Lippelt schrieb neuen Ostpreußenroman

Die junge Generation entdeckt die Heimat ihrer Großeltern, jubelten vor nicht allzu langer Zeit die Medien und lobten junge Schriftsteller, die sich der Themen Ostpreußen oder Schlesien auf ihre Art annahmen. So neu ist das nun nicht, mag der eine oder andere einwenden und dabei nicht zuletzt an zwei Romane denken, die Helga Lippelt bereits 1988 und 1994 vorlegte: In „Popelken“ und „Abschied von Popelken“ schrieb sie über eine Heimat, die sie nur vom Kinderwagen aus erlebt hatte. 1943 in Insterburg geboren, kannte sie Ostpreußen, die Heimat der Mutter und Großmutter, nur aus den Erzählungen und Erinnerungen der beiden Frauen. – „Zuhause, das diesen Namen verdient, das war eine andere, eine unwirkliche Welt, die sie zwar noch mit ihren eigenen Augen gesehen hatte, aber ihre Augen erinnerten sich nicht.“ - Einige wenige vergilbte Fotografien, die das Inferno des Krieges und die Wirren der Flucht überstanden hatten, zeigten dem Kind, der heranwachsenden jungen Frau, wie es war, damals in Popelken, Kreis Labiau. In ihren Büchern wird Popelken zur „Weltbühne und überlebt als Dichtung seinen Unter- gang, so wie Jokehnen, Polninken, Suleyken, Kalischken und Maulen“, hört man 1994 bei der Verleihung des Ostpreußischen Kulturpreises für Literatur an Helga Lippelt. „Doch hier meldet sich die nächste Generation zu Wort; es sind nicht mehr die - wie Lenz und Surminski -, die Ostpreußen als Heimat noch als Kinder erlebt haben. Mit Helga Lipppelt machen sich die Jahrgänge nach Ostpreußen auf, für die das Land etwas Unwirkliches an sich hat - um dann doch immer vertrauter zu werden.“

Die Leser haben „Popelken“ und „Abschied von Popelken“ gern aufgenommen. Viele weibliche Leser haben die Geschichte der Frauen angenommen auch als die Ihre, eine Geschichte voller Entsagungen und Entbehrungen. Sicher: ein kleines Glück, das gibt's auch. Aber das Leben ist kein Honigschlecken, vor allem nicht für Lieske, die kleine Fixniedel mit der komischen Mutter, die kujoniert und ausgehunzt wird von der verbitterten Frau. Liesa will weg aus dem kleinen verträumten Popelken, so schnell wie irgend möglich. Dann lernt sie Max kennen, die große Liebe ihres Lebens. Ein Töchterchen ist bald unterwegs - ein kleines Glück? Doch der Krieg zerstört die schönsten Träume. Max muß an die Front, die Frauen bleiben allein und müssen auch allein den beschwerlichen Weg nach Westen gehen. Sie kommen nur bis nach Sachsen. Ihre Sorge um das tägliche Auskommen, aber auch um die nächsten Verwandten, um Huldchen und Agnes, denen die Flucht nicht mehr gelungen ist und die in Litauen dem drohenden Hungertod zu entkommen versuchen, prägt ihr neues Leben in Peinig an der Mulde.

Unaufdringlich und einfühlsam schilderte Helga Lippelt das Leid der Frauen, die nach langer Zeit dann doch zusammenfanden. Wie aber ging es weiter, damals in Peinig und anderswo? Helga Lippelt antwortet nun mit ihrem neuen Roman Fern von Popelken […] Immer noch sind die drei Frauen beieinander, hausen in einer winzigen Wohnung und haben nur das Notwendigste zum Leben. Emmchen Idell ist immer noch verbittert und kujoniert ihre Umwelt. Lieske wartet auf Max (vergeblich) und arbeitet für drei, denn Brittchen, das schreckliche, verfressene Kind, wächst heran. Alltag in der jungen DDR, der Kampf ums Überleben nach dem Krieg, aber auch die Sehnsucht nach einem kleinen Glück, die Situation der Flüchtlinge, die nur geduldet werden und die ihre neue Umgebung nicht als Heimat annehmen („Hier waren sie nur zufällig nach der Flucht gelandet. Der Zug hatte hier gehalten, das war der einzige Grund“), das alles sind Themen, die Helga Lippelt in ihrem neuen Roman meisterhaft behandelt. Wenn auch bald zehn Jahre zwischen dem letzten Popelken-Band und dem neuen Roman liegen, so fällt der Einstieg doch relativ leicht. Das mag nicht zuletzt daran liegen, daß Helga Lippelt es versteht, ihre Leser und vor allem Leserinnen zu fesseln - nicht durch spektakuläres Geschehen, sondern durch die kleinen Kümmernisse des Alltags, durch Gedanken und Gefühle, die jeder so oder ähnlich schon einmal gehegt hat und sich deshalb mindestens einer der drei Frauen nah fühlt.

Fern von Popelken schildert das Schicksal dreier Frauen, ohne Zorn und manches Mal gar mit einer Prise Humor. Schließlich klingt es nicht allzu verbittert, wenn Emmchen boßig in ostpreußischer Mundart zürnt, die im Anhang erläutert wird. Es ist aber auch ein Roman, der die Autorin - und so manchen Leser - zurück zu den Wurzeln führt. „Ich bin im Land der Mütter“, schreibt sie zum Ende. „Und bald werde ich an jenem mystischen Ort sein, der mich mein Leben lang begleitet hat.“ Es hat ihn wirklich gegeben. Und es gibt ihn immer noch ... Das Aussprechen seines Namens war immer von einem verborgenen Singen und Raunen begleitet, von einer sehnsuchtsvollen Ehrfurcht. Er war nie von dieser Welt ... Popelken, diese allgegenwärtige Heimat, hat das Leben der drei Frauen geprägt; auch wenn sie „fern von Popelken“ waren, bestimmte es doch ihr Sinnen, ganz gleich welcher Generation sie angehörten. Popelken war (und ist) Ursprung. „Ich bin in Ostpreußen geboren, habe dieses Land als Erbe mitbekommen, und die Stimmen der Erinnerung, die das einmal Erfahrene in der Geschlechterkette weitergeben. Manchmal vergeht ein halbes Leben, bis man sie hört“, hat Helga Lippelt vor vielen Jahren einmal gesagt. Ihr, der Tochter des Schriftstellers Max Lippold, der sich seinen Lebenstraum, einen Roman zu schreiben, nicht erfüllen konnte (er starb 1946 in sowjetischer Gefangenschaft), liegt das Thema Ostpreußen sehr am Herzen. Und mit ihren Popelken-Romanen gibt sie das Erbe der Väter (und Mütter) weiter an Nachwachsende. „Was meine Mutter an Glück und an Verlusten erlebt hat, steht für sehr viele Frauen ihrer Generation. Ich bin das nächste Glied der Kette. Ich habe zumindest die geistige ostpreußische Welt noch selbst miterlebt, und es ist mir Verpflichtung und Bedürfnis zugleich, das aufzubewahren.“ Hören wir ihr zu.

(Silke Osman in: Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung der Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 20. September 2003; http://www.webarchiv-server.de/pin/archiv)

Zu: Abschied von Popelken (1994):

Die Zeit hielt den Atem an

Popelken ist kein fiktiver Ort; Popelken gibt es. Die Erzählerin wird am 26. September 1943 dort geboren. Da ist es noch ein reiches ostpreußisches Bauerndorf mit 2000 mehr oder weniger zufriedenen Bewohnern. Allerdings hatten Helga Lippelts Landsleute Hitler und seinem Mordgehilfen Gauleiter Koch nie verziehen, daß er 1938 ihre gewachsenen Ortsnamen getilgt hatte. So wurde aus Popelken das nichtssagende Markthausen.

Aus dem wohlklingenden Aulowönen wurde, häßlich und primitiv, Aulendorf. Mehlauken hieß nun Liebenfelde, und Skaisgirren und Skirbst gab es nicht mehr. Es ist der Autorin hoch anzurechnen, daß sie das alte vertraute Verhältnis zu ihrer untergegangenen Heimat wiederhergestellt hat. Wo das weite Land, die sarmatische Ebene, sanft in die Elchniederung und das Große Moosbruch zur Memel hin abfällt, entscheidet sich das schlimme Schicksal der Menschen, deren Leben und Tod die Erzählerin liebevoll nachzeichnet.

Am 20. Januar 1945, als das Trommelfeuer der sowjetischen Armeen bereits Popelken zu erreichen drohte, wurde die Evakuierung der Zivilbevölkerung eingestellt. Hitlers Vernichtungsstratege Koch überließ die Zurückgebliebenen den Siegern. Das bedeutete Vergewaltigung, Zwangsarbeit, Hunger und Tod.

Das Kind Brittchen Grigull und seine mutige, kaum 30jährige Mutter Liesa samt der jammernden und schimpfenden Großmutter Emmchen verlassen mit dem letzten Treck Popelken, bevor es dort zur Katastrophe kommt. Der Transport verschlägt die Flüchtlinge in das sächsische Industrienest Penig.

Das sind autobiographische Fakten. Helga Lippelt nennt diesen Ort, in dem sie Fremde unter Fremden bleiben und als „Pollacken“ abgelehnt werden,  Peinig. Denn es ist eine peinigende Zwischenstation in ihrem aus dem Gleichgewicht geratenen Leben. Liesas Mann, ein junger Schriftsteller, ist schon nach der Hochzeitsnacht zu seiner Truppe an der Ostfront zurückgekehrt und seitdem verschollen. Helga Lippelts Roman handelt im Kern von dem verzweifelten und Kräfte verzehrenden Warten der Mutter auf den geliebten Mann Max Grigull. Aber Brittchen entwickelt sich auch in der Ungeborgenheit Peinigs zu einem munteren Mädchen.

Nur die Großmutter verbreitet Unfrieden. Die Erzählerin zeigt den Zwiespalt im Verhältnis von Tochter Liesa, genannt Lieske, und Mutter Emmchen: „Und kein Ausweg, keine Möglichkeit des Entfliehens. Aneinandergekettet bis zum Ende. Ausgeliefert, bis der Haß zuckende Fische und Schmerzen im Magen gebiert. Wenn sie jetzt tot umfiele, wie groß wäre das Gefühl der Befreiung und wie klein das der Trauer.“

Emmchen erkrankt nach der Baptisten-Taufe an einer schweren Lungenentzündung. Da erkennt Liesa, wie sehr sie diese stets ein unverfälschtes ostpreußisches Platt sprechende Mutter liebt. Und wie ist es den Zurückgebliebenen ergangen? Tante Agnes und Tante Hulda, zwei starke Persönlichkeiten, entkommen der „Hölle von Graulauken“ aus der Zwangsarbeit. Sie fliehen nach Litauen, wo sie freundlich aufgenommen und versorgt werden. Hier erreicht Helga Lippelts Schilderung ihren dramatischen Höhepunkt.

Am Ende gelingt die Wiedervereinigung der Familie in Peinig. Durch ihre einfühlsame Erzählung hat die Autorin den ehemaligen Bewohnern ihr fast vergessenes Land zurückgegeben: „Das Unfaßbare, ein Seufzer, ein Nichts. Die Vergangenheit auf einen Moment verengt, nur ein Atemzug der Zeit. Die Erinnerung, ein anderer Erdteil oder der innerste, abschließbare Raum.“

Die große Stärke dieser Erzählerin und ihres Romans ist die frappierende Tatsache, daß jede Szene und Episode, ja, das ganze tragische Geschehen den Stempel der Wahrheit trägt. Aus der subjektiven Erfahrung und den objektiven Begebenheiten entsteht die historische Wahrheit. Es ist dies die Wahrheit der Kunst. Dieses Phänomen hebt Helga Lippelts Roman, seine kaum überbietbare realistische Handlung von den überkommenen Heimatromanen mit ihrer zu kurz geratenen historischen Decke eindrucksvoll ab.

 (Peter Jokostra in: Rheinische Post, 30.07.1994)

Zu: Good bye Leipzig. Roman (1985):

[…] Schreiben, das ist Aufarbeiten erlittenen und genossenen Lebens. „Godd by Leipzig“ ist die Aufarbeitung der Endphase ihres Lebens in der DDR. Hier spaltet sie sich auf in Anna und Eva. Anna ist diejenige, die den Mut aufbringt, einen Ausreiseantrag zu stellen. Eva ist diejenige, die bleiben will. Helga Lippelt setzt uns hier über DDR-typisches Vokabular ins Bild und hält auch eine inzwischen schon fast historisch gewordene Kunst wie Feuermachen im Ofen fest. Dicht und grau wird das Leben in der DDR sichtbar. Anna lässt sich zum Aktenkeller degradieren. Anna nimmt die immer gleichen Absagen entgegen. Anna formuliert immer wieder neue Ausreiseanträge, sich auf die Schlussakte der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit (KSZE) in Helsinki, Korb drei, berufend. Eva wird Projektleiterin, verhandlungsfähig unter Männern – eine Ausnahmefrau. Privat versucht sie mit ihrer Liebesbeziehung zu Bernd klarzukommen. Bernd, der Mann mit den großen Begabungen, der Versager in Ehe und Beruf. Eva läßt sein Kind abtreiben, ohne ihn zu fragen. Helga Lippelt beleuchtet den Weg zum Entschluß und das Danach. „Sie hatte Sehnsucht nach ihrem Kind und wusste plötzlich, sie würde es ihr Leben lang vor Augen haben, würde seine Jahre und sein Wachstum nachrechnen, ohne je zu erfahren, wie es wirklich gewesen wäre.“

Am Ende stehen zwei Sätze, einer für Anna, einer für Eva, Beide sind voller Hoffnung. Das Buch „Good bye Leipzig“ kennt nur eine Farbe, das ist Grau. Nur gegen Ende, wenn Anna all ihr Geld auf den Kopf haut. kauft sie sich einen gelben Pullover. Am Ende das Licht! […]

(Sigrid Süss Ein Porträt der Schriftstellerin Helga Lippelt in: Düsseldorfer Hefte, Nr. 23, 1.12.1985)

Zu: Jeans für einen Gliedermann. Roman (1984):

Sie erfährt alles sinnlich. Sie schreibt nicht mit Maschine. Es muss ein gespitzter Bleistift sein. Schon das ist sinnliche Erfahrung des Schreibens. Unliniiert, weiß muss das Papier sein. Sie verträgt keine Einengung. Sie benützt DIN-A4-Hefte, die kann man mit sich herumtragen.’

[...] „Jeans für einen Gliedermann“ hat zwei Zeitebenen: die Vergangenheit, die eine Auseinandersetzung mit einem verlorenen Du in direkter Ansprache ist und die Gegenwart, die Leere, die Einsamkeit, die Sehnsucht nach Berührung. Helga Lippelt schreibt sehr taktil und sehr optisch. Die Rohseide kratzt auf der Haut, die Zunge berührt den harten Gaumen des greisen Verehrers, den sie in gepflegter Wohnung auf der linken Rheinseite küsst. Die Zähne schlagen sich in Rosinenquark. Die Augen saugen sich an grauen und schwarzen Haaren fest und an dem sündhaft teueren Kleid in Lila und Grau.

Phyllis ist Verkäuferin in einer Boutique in der Altstadt (man erkennt unschwer Düsseldorf). Im Schaufenster stehen eine weibliche und eine Kinderpuppe. Im Ladenhintergrund ein Gliedermann, noch nicht eingekleidet. „Mr. Sunshine“ nennt sie ihn. Er ist ihre Ersatzliebe geworden. Ihm hängt sie ihren Trenchcoat über, wenn sie morgens kommt, ihn küsst sie zärtlich, wenn sie geht. Sie ist auf der Suche nach seinem Doppelgänger. (Das Doppelgängermotiv hat Helga Lippelt auch in ‚Good bye Leipzig’.)

Schicht um Schicht arbeitet Phyllis Vergangenheit und Gegenwart auf. Auf einer Vernissage sieht sie eine Zeichnung: einen Kopf mit bandagierten Augen. Ihr geht auf, „Der Kopf mit den verbundenen Augen war ihr Kopf, ihr schien, als müsse sie die Binde von ihren Augen nehmen, und sie begann den Mull abzuwickeln, eine Lage nach der anderen, und nach jeder Lage drang etwas mehr Licht hindurch, bis sie schließlich klar und genau sehen konnte, weiter als bisher. Nie mehr mit verbundenen Augen leben.

Schreiben ist für Helga Lippelt kein Job. Schreiben ist für sie ein Zwang, eine Sucht. Schreiben könnte sie überall selbst in der Badewanne. Schreiben ist so, „wie wenn man hochgradig verliebt ist“.

(Sigrid Süss: Ein Porträt der Schriftstellerin Helga Lippelt, in: Düsseldorfer Hefte, Nr. 23, 1.12.1985)