INSTITUT FÜR GERMANISTIK

Düsseldorfer Autorinnen - Diana Canetti

Bildrecht: privat


Bildrecht: Europaverlag


Bildrecht: Europaverlag

Vita

  • 1943 in Istanbul geboren, wo sie aufwuchs. Ihre Familie „Kaneti“ hat jüdisch-spaniolische, griechische und türkische Wurzeln. Sie besuchte nach der türkischen Volksschule das renommierte französische Gymnasium Notre Dame de Sion in Istanbul.
  • 1960 folgte im Rahmen eines Jugendaustauschs ein Aufenthalt in Israel.
  • Nach dem Abitur studierte sie in Istanbul Englische Philologie und besuchte gleichzeitig eine Schauspielschule.
  • Während der Studienphase in der Türkei publizierte sie Kurzgeschichten, Theaterberichte und Kritiken in der Zeitschrift „Yeni Insan“. (‚Der neue Mensch’).
  • 1969 erhielt sie ein Sprachstipendium nach Salzburg. Deutsch war die 6. Sprache, die sie erlernte nach Griechisch, Türkisch, Spaniolisch, Französisch und Englisch. Im Winter dieses Jahres ging sie nach Wien und bestand die Aufnahmeprüfung für das Reinhardt-Seminar.
  • Ab Sommersemester 1970 studierte Diana Canetti Theaterwissenschaft an der Wiener Universität. Sie wirkte als Statistin und Tänzerin am Burg- und Akademietheater. Während ihres Studiums begann sie in Deutsch zu schreiben und konnte Beiträge im ORF und im Studio Graz unterbringen.
  • Seit 1972 veröffentlicht sie Prosa im Wiener Europaverlag; Beiträge in Sammelbänden und Anthologien folgen. Aus der Begegnung mit Elias Canetti, mit dem sie nicht verwandt ist, zieht sie die hohen Anforderungen an die eigene literarische Sprache.
  • 1973 dreht sie in Paris den Kurzfilm „Le Pied“, der auf mehreren Festivals gezeigt wurde.
  • 1974 liest Diana Canetti auf den Wiener Festwochen.
  • Im Sommer 1975 promoviert sie in Wien mit der Arbeit: „Das gesellschaftskritische Theater in der Türkei“ bei Professorin Margret Dietrich, Theaterwissenschaftlerin und Andreas Tietze, Professor für Turkologie und Islamwissenschaft.
  • Das DAAD-Stipendium „Artist in Residence“ führt sie im Januar 1976 nach Berlin, wo sie u. a. journalistisch für den Rundfunk Rias Berlin arbeitet. Eines der Themen: Das kulturelle Leben der Türken in Berlin. Der Aufenthalt dauert bis März 1977.
  • Zur P.E.N.-Tagung und -Lesung in Den Haag vom 10. - 13. Mai 1976 ist sie als Vertreterin der Türkei eingeladen und tritt neben Stefan Heym (DDR) und Günter Grass (BRD) auf.
  • Seit Frühjahr 1977 lebt und arbeitet Diana Canetti als freie Autorin und Journalistin in Düsseldorf und Paris. Sie schreibt u. a. am 3. Roman: „Ein Mann von Kultur“.
  • Sie verfasst Essays und Features für WDR 5 und SWR 2 und sie wirkt als Übersetzerin.
  • Diana Canetti bietet freie Theaterarbeit an der Düsseldorfer Realschule in der Ackerstraße an und sie führt Kurse zu deutscher und internationaler Literatur in der VHS Düsseldorf durch, von Saul Bellow bis Virginia Woolf.
  • Ab Winter 1988 hält sie sich zusammen mit ihrer Cousine, der Soziologin und Entwicklungshelferin Susie M. Kaneti Barry in Ghana auf. Im November 1989 nimmt sie in Accra als Beobachterin am Gründungskongress der Pan African Writers Association teil. Thema des Gründungskongresses: „The African Unity: A Liberation of the Mind“. Die Afrika-Erfahrungen verarbeitet sie in journalistischen Artikeln und in der Romancollage „Goldstaub“, der im Selbstverlag erscheint.
  • Im März 1996 unternimmt sie eine Reise nach Sao Paulo, Brasilien, um ihren seit 20 Jahren verschollenen Bruder Vili Kaneti zu suchen; die Geschwister finden sich wieder.
  • Die Autorin setzt sich intensiv mit dem Schreiben zwischen den Kulturen, mit Interkulturalität auseinander. Ende November 1996 nimmt sie an der 1. Migranten-Litera-Tour der Universität Mainz teil: „Drachenflieger der Sprache“ und liest aus der Erzählung „Pygmalion ohne Happy End“ vor.
  • 1997 ist sie an der Gründung des Vereins zur Förderung der Städtepartnerschaft Köln-Istanbul beteiligt.
  • 1998 Diana Canetti engagiert sich im Kontext der Lokalen Agenda 21/ Gruppe Kultur für die „Frauenvernetzung“, die u. a. den Aufbau eines Künstlerinnenhauses und den globalen Künstlerinnenaustausch anzuschieben versucht.
  • In Paris, ihrem Zweitwohnsitz, pflegt sie Kontakte zu Intellektuellen, so etwa zur in Frankreich und Griechenland lebenden Philosophin und Autorin Mimika Cranaki.
  • Im Mai 2002 liest sie als Autorin des Monats am Literaturtelefon Düsseldorf.
  • Krankheitsbedingt schreibt Diana Canetti nicht mehr. Sie lebt weiterhin in Düsseldorf.

Publikationen

Bildrecht: Ina-Maria von Ettingshausen


Bildrecht: Ina-Maria von Ettingshausen

Prosa

  • D’Istanbule en exils. La vie cosmopolite de Diana Canetti. Paris: Editions Petra, 2013
  • Goldstaub: Romancollage aus Afrika in Geschichten und Berichten, Tagebüchern und Briefen. Düsseldorf: Selbstverlag, o. J., 300 Seiten, (Exemplare im Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf und im Frauen-Kultur-Archiv einsehbar)
  • Das gesellschaftskritische Theater in der Türkei. Dissertation Wien 1975 (masch. Fassung, ein Exemplar befindet sich im Frauen-Kultur-Archiv, Düsseldorf)
  • Cercle d' Orient. Roman. Wien: Europaverlag, 1974
  • Eine Art von Verrücktheit. Tagebuch einer Jugend. Wien: Europa Verlag, 1972

Ungedruckt

  • Roman: Ein Mann von Kultur; es gibt mehrere Fassungen;
  • Roman: Das Kulturgespenst; als Fortsetzung von: Ein Mann von Kultur
  • Theaterstück: Die Kimonos
  • Essays und Märchen

Beiträge in Anthologien, Sammelbänden (Auswahl)

  • Disposition für die Fremde. Eine Begegnung mit der Philosophin Mimika Cranaki. In: Deutschland, deine Griechen… Eine Anthologie (zweisprachig. Hrsg. von Costas Gianacacos, Stamatis Gerogiorgakis. Köln: Romiosini Verlag, 1998, S. 336-356
  • Ein altes Haus wird jung. In: Straßenbilder. Düsseldorfer Schriftsteller über ihr Quartier. Hrsg. von Alla Pfeffer. Düsseldorf: Grupello Verlag, 1998, S. 67-75
  • zusammen mit Bahmand Nirumand, Adel Karasholi: Diskussionen: Die Autoren. „Wir sprechen ihre Sprache, doch sie hören uns nicht! Sind wir zu schlecht für den deutschen Literaturbetrieb?“ In: Literatur der Migration, hrsg. von Nasrin Amirsedghi, Thomas Bleicher. Mainz: Donata Kinzelbach Verlag, 1997, S. 115-137
  • „Ich brauche ein geistiges Haus“. Vom Leben in christlicher, jüdischer und griechisch-orthodoxer Tradition zugleich. [Ein Dialog] In: „Leben - einzeln und frei wie ein Baum und geschwisterlich wie ein Wald ist unsere Sehnsucht.“ Türkei, Deutschland, Europa. Impulse für die Gegenwartsliteratur: Das Eigene und das Fremde. Tagung der Evangelischen Akademie Iserlohn vom 12. - 14. Januar 1996. Iserlohn: Evangelische Akademie, 1996; Serie: Tagungsprotokoll / Evangelische Akademie Iserlohn 96,6, S. 77 – 90
  • Pygmalion ohne Happy End. In: ... die Visionen deiner Liebeslust: Liebe und Erotik in der Fremde. 21. Autoren aus 11 Ländern. Hrsg. von Niki Eideneier. Köln: Romiosini, 1995
  • Elias Canetti und ich. In: Ganz schön fremd: Literaturen aus Österreich anderswo: Prosa, Poesie, Programmatisches. Hrsg. von Ruth Aspöck. Edition die Donau Hinunter, 1994, S. 20 -43. Wiederabdruck in gekürzter Form: In „Leben - einzeln und frei wie ein Baum und geschwisterlich wie ein Wald ist unsere Sehnsucht“: Türkei, Deutschland, Europa. Impulse für die Gegenwartsliteratur: Das Eigene und das Fremde. Iserlohn: Evangelische Akademie, 1996; Serie: Tagungsprotokoll 96,6, S. 36 – 53

Radio-Beiträge

Bildrecht: Mehmet Ünal

Für SWR 2

  • Zwanghaft zerstreut. Leben mit einem chaotischen Partner. Bericht. SWR 2, Eckpunkt, 21.02.2001
  • Frau in Hose. Geschichte einer gescheiterten Befreiung. SWR 2, Eckpunkt, 2.02.2000
  • 50 nette Verwandte aus aller Welt. Eine israelische Hochzeit. Bericht. SWR 2, Eckpunkt, 5.10.1999
  • Dein Vater, mein Geliebter. Brief an den Sohn. Lesung. SWR 2, Eckpunkt, 29.07.1999
  • Rote Baskenmütze, schwarzer Hut. Zwei Schriftstellerinnen, zwei Freundinnen: Diana Canetti, Ermine und Sevgi Özdamar. Essay. SWR 2, Eckpunkt, 15.06.1999
  • Sieben Frauen tanzen um sie herum. Ein afrikanisches Fest zu Ehren einer Europäerin. Bericht. SWR 2, Eckpunkt, 17.12.1998
  • Es gibt eine Disposition für die Fremde. Ein Porträt der Philosophin Mimika Cranaki. SWR 2, Eckpunkt, 15.06.1998
  • Mai 1968: Damals stand die Welt Kopf. Feature. SWR 2, Eckpunkt, 19.05.1998
  • Gegen Unrecht muss man sich wehren. Das politische Engagement Bertha von Suttners. Porträt. SWR 2, Eckpunkt, 8.12.1997
  • Auf der Suche nach dem Bruder - Eine brasilianische Reise. Lesung. SWR 2, Eckpunkt, 22.04.1997
  • Die zweite große Chance - Eine Restaurierung. Lesung. SWR 2, Eckpunkt, 10.09.1996
  • Einem Kachelofen gleich - Mimi Zand, die Frau des Dichters. Feature. SWR 2, Eckpunkt, 25.03.1996 (Wiederholung am 5.09.1997)
  • Von Stars, Verlegern und „Lizenztanten“. Als Zaungast auf der Buchmesse. Lesung, SWR 2, Eckpunkt, 7.10.1995
  • Aus Trauer erdacht. Die Versäumnisse einer Hinterbliebenen. Feature, SWR 2, Eckpunkt, 7.08.1995 (Wiederholung am 23.01.1996) 
  • Pygmalion ohne Happy End. Kulturkampf zwischen einem Professor und einer ausländischen Studentin. Feature. SWR2, Eckpunkt, 3.04.1995
  • Verwandt mit einem Großen? Elias Canetti - ein immerwährender Ansporn. Feature. SWR 2, Eckpunkt, 9.01.1995
  • Ich brauche ein geistiges Haus - Vom Leben in christlicher, jüdischer und griechisch- orthodoxer Tradition zugleich. Feature. SWR 2, Eckpunkt, 28.09.1994
  • Das Drama der Sklaven aktuell machen. Ein afrikanischer Fremdenführer als Geschichtsvermittler. Feature. SWR 2, Eckpunkt, 21.02.1994
  • Fremde Sprachen haben viele Fenster. Zu Mehrsprachigkeit. Feature. SWR 2, Eckpunkt, 1.02.1994
  • Wir sind nur Gast auf dieser Erde - In verschiedenen Ländern eine Heimat haben. Feature. SWR 2, Eckpunkt, 26.10.1993
  • Im Gleichgewicht bleiben - Arm wäre das Leben ohne Sport. Feature. SWR 2, Eckpunkt, 15.06.1993

Für WDR 5

Diana Canetti war als Autorin an 38 Sendungen für WDR 5 von 1995 bis 1998 beteiligt. Darüber informiert die folgende Liste.

Selbstaussagen der Autorin

Bildrecht: Ina-Maria von Ettingshausen

Wenn man aus einer doppelten christlich-jüdischen Wurzel stammt, dann fühlt man sich prädestiniert, das Verhältnis zwischen Juden und Christen klären zu helfen, sei es auch um den Preis, daß man hinfällt. Wenn sich aus dieser Anregung jedoch keine sinnvolle Arbeit zu ergeben scheint, was kann dann der Sinn für einen Menschen wie mich sein?

Meine alte Tante hatte mir zum Glück die unabänderlichen religiösen Elemente in salbungsvolle Sprüche gekleidet und mir mit auf meinen Lebensweg gegeben. Sie sind immer wieder Wegweiser gewesen, einfach da, um meine Verzweiflung zu bekämpfen.

An seine „Matratzengruft“ gefesselt, wußte der Dichter Heinrich Heine, was Verzweiflung heißt. „Es ist mehr Verwandtschaft zwischen Opium und Religion, als die meisten Menschen sich träumen lassen“ schrieb er. Wenn Heine seine Schmerzen nicht ertragen konnte, dann nahm er Morphium und andere Betäubungsmittel. Nicht umsonst sagt man, daß man um Hilfe fleht, wenn man zusammenbricht.

Mit zunehmendem Alter merkte ich, daß alle Religionen, Traditionen, Gebote und Gesetze etwas Gemeinsames haben. Sie alle sind Versuche, die Schwierigkeiten und die Schmerzen des Lebens zu verkraften. In der Tat, es ist nicht einfach, einer Welt ausgesetzt zu sein, die stets neue Probleme aufwirft. Herauszufinden, welchen Sinn ich in meinem Leben finde und welchen Sinn ich dem eigenen Leben gebe. Nur Geld zu verdienen kann z. B. nicht die Hauptattraktion des Lebens sein. Ich arbeite nicht für den Tanz um das Goldene Kalb. Und ich möchte nicht, daß Geld und Macht zu unserer Religion werden. Ich gehöre rein formal zu keiner Religion, bewahre aber trotzdem auf meine Art und Weise einen Glauben.

Meine Mutter hat ihr Wort gehalten. Sie war als Griechin geboren und starb als Griechin. Zur Kirche ging sie nicht. Über Gott sprach sie nicht. In den letzten Jahren ihres Lebens trug sie allerdings eine Kette mit einem Kreuz, einen Davidstern und einen Bismillahimrahmanirahim. Drei Zeichen, die für Christentum, Judentum und Islam stehen.

Heute liegen diese religiösen Symbole auf einem chinesischen Teller in meinem Schlafzimmer. Und ich unternehme gern Pilgerfahrten, um Heiligtümer, Kapellen, Moscheen, Synagogen und fernöstliche Tempel zu besuchen. Wohnorte der Geister und Götter. Ganz bestimmt glauben viele Menschen nicht an Seelenwanderung und Wiedergeburt, wünschten sich aber, daß es sie gäbe. Das Herz hat Beweggründe, die in der Vernunft allein nicht begründet sind. Vielleicht ist das große Kennzeichen der Religionen das „Prinzip Hoffnung“. Wenn wir ganz unten sind, bleibt uns die Hoffnung, daß eine Auferstehung in einem heilen Körper und einer heilen Seele folgen wird. Daß eine Phase zu Ende gegangen ist, fertig ist, abgelegt. Und dass wir bei Gott von ganz vorn beginnen können.

„Wozu Kinder in eine Religion zwingen? Sie sollen selber entscheiden, wenn sie alt genug sind, ob sie Christen oder Juden sein wollen“, sagten meine Mutter und mein Vater gemeinsam. Viele denken, ich gehöre weder zu einer Religion noch zu einer anderen, Daß ich nirgends hingehöre, wird gleichgestellt mit dem Bild, dass ich nirgends einen Tempel habe.

Doch so ist es nicht. Wer aus doppelten oder dreifachen Wurzeln wächst, bekommt die Überlieferungen sowohl des einen, als auch der anderen Religion, und kann sein geistiges Haus so schnitzen, wie es aus eigenem Entschluß notwendig ist.

(aus: „Ich brauche ein geistiges Haus“. Vom Leben in christlicher, jüdischer und griechisch-orthodoxer Tradition zugleich. In: „Leben - einzeln und frei wie ein Baum und geschwisterlich wie ein Wald ist unsere Sehnsucht.“ Türkei, Deutschland, Europa. Impulse für die Gegenwartsliteratur: Das Eigene und das Fremde. Tagung der Evangelischen Akademie Iserlohn vom 12. - 14. Januar 1996. S. 88-90).

Es ist mir, als wäre ich nicht, wo ich bin. Als wäre ich an mehreren Orten zugleich. Gern würde ich ein Bild malen, zusammengesetzt aus allen mir besonders vertrauten Orten. Aber sobald ich den Pinsel über die Leinwand bewege, entgleitet es mir. Es ist wie bei Fotos, auf denen ich immer wieder die lieben Gesichter anschaue. Ich kann die Menschen nicht umarmen, denen diese Gesichter gehören. Wie im Traum spüre ich eine dumpfe Angst aufsteigen. Die Angst vor dem Verlust sitzt tief in mir sowie der Glaube, daß etwas dauerhaft sein kann. Aber was soll ich machen? Der Tod und das Werden gehören zum Leben.

(aus: Ein altes Haus wird jung. In: Straßenbilder. Düsseldorfer Schriftsteller über ihr Quartier. Hrsg. von Alla Pfeffer. Düsseldorf: Grupello Verlag, 1998, S. 74)

Zur Autorin

Lore Schaumann: Diana Canetti. Lehr- und Wanderjahre in zwei Kulturen

Stellen wir uns vor, wir sollten ein Buch in türkischer Sprache schreiben, nach einigen Studienjahren, gewiß, und nachdem wir uns in dem fremden Kulturkreis umgetan hätten, ohne aber doch einen Zustand von Anderssein jemals ganz überwinden zu können. Kaum denkbar, meinen wir? Diana Canetti, aus Istanbul kommend und deutsche Romane schreibend, zeigt am umgekehrten Fall, daß es möglich ist.

Sie hat sich allerdings westliche Denkformen nicht erst als Erwachsene aneignen müssen - Kind zweier Minderheiten und mehrerer Sprachtraditionen, lebendes Beispiel für die Brückenfunktion des alten Konstantinopel zwischen Abendland und Morgenland. Die Mutter stammte aus einer jener griechisch-orthodoxen Familien, die 1453 nach der Eroberung durch die Türken in Byzanz geblieben waren. Dort hatten die Vorfahren des Vaters, spanische Juden, von der Inquisition verjagt, im gleichen 15. Jahrhundert Schutz gefunden.

„Mit meinem Vater sprach ich das alte Spanisch, mit meiner Mutter griechisch, in der Volksschule türkisch, im Kloster machte ich das Abitur in französischer Sprache“, schreibt Diana Canetti - damals eine oft verzweifelte Schülerin, denn „ich war ein Kind, das sich in keiner Sprache richtig ausdrücken konnte“. Als einzige Nicht-Mohammedanerin hatte sie sich schon in der Volksschule ans Anderssein gewöhnt, ein Anderssein, das wohl verloren macht, aber auch Widerstandskräfte weckt.

Schwieriger war das äußerlich glanzvolle Elternhaus mit seinem Zank und mit seiner Unvereinbarkeit der Charaktere, die schließlich zu Auflösung und allgemeiner Trennung führte. In ihrem zweiten Roman zeigt Diana Canetti einen Ausschnitt aus dem Leben dieser verwöhnten Bürgerschicht: Den Spielclub „Cercle d’Orient“, in dem die schöne stolze Mutter mit anderen Damen der Gesellschaft ihre Nachmittage und Abende verbringt, während der schwer arbeitende Vater das Geld herbeischafft. Aber auch er zwängt sich abends in den Smoking, lebenstoll, versnobt und auf möglichst genaues Nachahmen westlicher Bräuche bedacht.

Die beiden Kinder werden als Belastung empfunden, es gibt kein Nest, aus dem sie herausfallen könnten. So wandert der Sohn später nach Südamerika aus. Und auch Diana, die manchmal auf dem breiten Autositz schlafend die Eltern erwartet hat, rebelliert früh, entdeckt ihre Härte und Zähigkeit - wenn es denn erlaubt ist, die Leila der Romane mit Diana gleichzusetzen. Aber diese beiden Bücher sind so offenkundig autobiografisch, daß die Abweichungen wahrscheinlich minimal sind.

Etwas, woran wir uns halten können, ist das vorangestellte Freud-Zitat, in dem es heißt: „Es war mir längst klargeworden, daß ein großes Stück der Lust am Reisen in der Erfüllung dieser frühen Wünsche besteht, also in der Unzufriedenheit mit Haus und Familie wurzelt.“ Der Koffer mit den Initialen D. C. auf dem Umschlag des ersten ist ein Symbol für die Unruhe, die beide Bücher erfüllt und sie nachträglich als eines erscheinen läßt, obwohl das frühere spontan und ohne Glätte, das zweite stilistisch ungleich besser ist.

Fort! Ich bin geflohen, ich mußte weg, ich hielt es nicht mehr aus - lauter Aufbrüche, lauter sprachliche Chiffren für Fluchtbewegungen, die schon damals, gewiß aber im Rückblick, als Wege auf der Suche nach sich selbst begriffen werden. Bodenlose Wege zuweilen, sie erinnern an Mutproben, an Absprünge aus den Wolken, bei denen man nicht weiß, ob der Schirm sich entfalten wird. Der Aufbruch ins deutsche Sprachgebiet hat etwas Tollkühnes, absolut Irrationales. Warum ging Diana Canetti nicht nach Frankreich, in ein Land, dessen Sprache sie vorzüglich beherrschte? Das sei sie schon oft gefragt worden. Sie habe aber mit einem Stipendium des Österreichischen Unterrichtsministeriums gerechnet, und sie habe geglaubt, am Reinhardt-Seminar Theaterschriftstellerei lernen zu können.

Als beide Voraussetzungen sich als falsch erweisen, bleibt sie dennoch in Wien, wieder in der Position des Außenseiters, eine junge Türkin, die kein Deutsch kann. Sie nimmt sich vor, „das Lernen sollte für mich nicht ein Nebenzweck meines Lebens, sondern das Leben selbst sein“. In dieser Haltung lebenslangen Lernens stimmt sie exakt mit dem großen, gleichfalls spaniolischen, jedoch nicht mit ihr verwandten Namensvetter Elias Canetti überein.

Die Aufnahmeprüfung am Schauspielseminar besteht sie durch die in Istanbul gelernte Ausdruckskunst. Sie nimmt Unterkünfte und Arbeiten jeglicher Art auf sich, am liebsten im Weichbild der Bühne: „Ich kam jeden Abend um 19 Uhr 30. Schminken, Frisieren und Ankleiden dauerten maximal 20 Minuten. Dann nahm ich einen Bleistift und mein Textbuch, ging hinter die Bühne und saß neben dem Feuerwehrmann. Auf jeder Seite fand ich zwischen zwanzig und fünfzig Wörter, die ich nicht kannte. In meiner Freizeit - zwischen zwei Vorlesungen, während der Mittagspause oder in der Stadtbahn - schlug ich ständig in meinem Wörterbuch nach. Nach zwanzig Vorstellungen kannte ich das Stück fast auswendig.“

Diese wahnsinnige Anstrengung mit der deutschen Sprache hat Diana Canetti schließlich das Studium an der Universität ermöglicht. Dem Abitur auf Französisch folgt die theaterwissenschaftliche Doktorarbeit auf Deutsch - über ein türkisches Thema. Triumph der Zähigkeit, Triumph einer außerordentlichen Begabung. Diana Canetti hat dann für eine türkische Zeitung und für deutsche Rundfunkanstalten gearbeitet, Interviews mit Gastarbeitern und Theaterberichte gemacht und sich an Hörspielen versucht. Ein Theaterstück hat sie nicht geschrieben, doch ist ihr kein Bedauern darüber anzumerken. Warum auch - ihre Prosa drückt aus, was ihr wichtig ist: Die Verlassenheit des ausländischen Studenten in einer der großen Industriestädte, die trotzdem immer wieder durchbrechende Freude, jung und schön zu sein und die freien Beziehungen des Westens auszuprobieren. Ein Freund zeichnet ihr griechisch-minoisches Profil.

Gegen die schon in Istanbul erkannten sozialen Ungerechtigkeiten der Türkei wird leidenschaftlich Partei ergriffen, z. T. mit Hilfe und nach den Instruktionen eines revolutionären Landsmanns, der freilich in der Zweierbeziehung den weiblichen Partner genauso ausbeutet wie der Klassenfeind seine rechtlosen Bauern. Das Kapitel Leila und die Männer, Diana und die Männer steht noch deutlich unter dem Eindruck der neugewonnenen sexuellen Freiheit und hat etwas von einem weiblichen Leporello-Album. Daneben stehen einfühlend gezeichnete Kinderporträts: Nalan, die abgerissen und verängstigt am „Cercle d’Orient“ erscheint, weil ihre Mutter sie über dem Glücksspiel vergessen hat. Gökperi, das scheue, elternlose Kind mit den blonden Zöpfen, das auf einer gemeinsamen Bahnfahrt zutraulich wird.

Immer wieder dieses Thema des einsamen Kindes, aber auch der einsamen, kinderlosen Frau. Diana Canetti hat es in einer (später verfilmten) Schauspielszene gestaltet, die für den qualvollen Geburtsakt ein Stück des eigenen Körpers, den Fuß, zum „Baby“ erhebt.

Der beschreibend anschaulich gemachte Vorgang völliger Entäußerung und die verständnislose Reaktion der Lehrer und Schüler am Reinhardt-Seminar rücken etwaige Vorstellungen über die „kulturell zurückgebliebene Türkei“ sehr wirkungsvoll zurecht: Die bessere Schauspielausbildung brachte Diana von Istanbul mit!

Jetzt wird der Koffer nur noch für Ferienreisen hervorgeholt. Das Gehäuse, das sie mit dem Dramaturgen Jürgen Fischer an der Oberkasseler Hansa-Allee bezogen hat, sieht nach Bleiben aus: Eine große, strahlend hell hergerichtete, nach Farbe duftende Altbauwohnung, ideal zum Arbeiten, Umherwandern, Gästehaben.

Drei Jahre Düsseldorf haben sie mit der Stadt befreundet. Ein interessanter Kreis umgibt sie. Im Schauspielhaus hat sie ein Gefühl der Zugehörigkeit, ohne dort angestellt zu sein. Was sie jedoch tut, und was ihr Freude macht, ist die freie Theaterarbeit mit einer Mädchen-Arbeitsgemeinschaft der Realschule Ackerstraße. Und drei Kurse an der Volkshochschule, über Musil und Saul Bellow - genug „Gruppe“, um gegen die einsame Arbeit am neuen Roman einen Ausgleich zu haben.

Sein Titel „Ein Mann von Kultur“ liegt seit langem fest, ihn fertig zustellen dürfte aber schwieriger sein als bei den Vorgängern, weil Diana Canetti nun nicht mehr einfach ihr Leben „abschreiben“ kann, sondern Erfahrenes und Erfundenes zusammenpassen muß. Sie kam als erste Schriftstellerin mit einer ganz klar umrissenen Detailfrage ins Literaturbüro und forderte Hilfe. Solange sie in Bewegung ist, erscheint sie als morgenländische Fee, die sehr genau weiß, was sie will. Aus ihrem schweigenden Gesicht spricht jahrtausendealte Trauer.

(Lore Schaumann in: Düsseldorf schreibt. 22 Autorenporträts, Düsseldorf: Triltsch Verlag, 1981, S. 30 - 32)

 

Pressestimmen

Zu: Pygmalion ohne Happy End (1995)

Ähnlich wie ein Sonnenstrahl. Diana Canetti las im Café der Johanneskirche

Der oft gestellten Frage nach Sinn und Nutzen von Kunst und Kultur ging auch die Autorin Diana Canetti nach – und bot eine Antwort mit ihrer autobiographischen Erzählung „Pygmalion ohne Happy End“. Im Rahmen der Autorenreihe „Literatur um halb fünf“ im Café der Johanneskirche, das jeweils am letzten Freitag eines Monats Lesungen anbietet, lernte die internationale Zuhörerschaft mit Diana Canetti eine interessante Persönlichkeit kennen.

Die promovierte Theaterwissenschaftlerin, Journalistin und Autorin vereint als Person all das, wovon sie in ihren Geschichten erzählt und was man als „interkulturell“ bezeichnen kann. Aufgewachsen in Istanbul „in einem babylonischen Sprachgewirr“ - zu Hause wurde Griechisch, Türkisch, Spaniolisch und Französisch gesprochen - studierte sie Anglistik und verfaßte Erzählungen für eine türkische Zeitschrift. Ende der 60er ging Canetti nach Wien, um Theaterwissenschaften zu studieren. Heute lebt sie in Düsseldorf und schreibt unter anderem Hörspiele für den WDR und SDR, die immer das Thema „interkulturelle Beziehungen“ beleuchten.

Die Erzählung „Pygmalion ohne Happy End“ reiht sich ebenfalls in diesen Themenkreis ein, hat jedoch noch eine spezielle Note. So persönlich und sprachlich schlicht die literarische Erlebnisreise einer Studentin auf der Suche nach ihrer geistigen Welt anmutet, so hebt sie sich durch philosophisch-kluge Gedanken und kritische Selbstreflexion zugleich als eine Geschichte des allgemein Menschlichen hervor. Die junge Studentin ist nicht nur Türkin griechischer Abstammung mit jüdischem Glauben, im deutschen Sprachgebiet lebend auf der Suche nach ihrer persönlichen Kultur, sie ist auch der „in die Welt geworfene“ Mensch, der nicht nur sein Dasein fristet, sondern mit „unbändiger Neugier eine interessante Welt mit einem vollen Geistesleben“ kennenlernen will.

Dabei wird die begeisterungsfähige Studentin immer wieder mit provokativen Thesen ihres Professors konfrontiert, des Pygmalion, der sich mit ihr sein geistiges Abbild zu schaffen versucht. „Alles, was mit Kunst und Kultur zusammenhängt, ist Luxus“, warnt der lebenserfahrene Mentor. Doch die welterfahrene Studentin entgegnet schlicht: „Kultur streichelt unsere Sinne ähnlich wie ein Sonnenstrahl.“ Am Ende spürt sie, daß sie sich aus dem Bann Pygmalions lösen muß, und erkennt: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern auch von Symbolen.“

(Renja Greis in: Rheinische Post, 27.01.1997)

Zu: Eine Art von Verrücktheit. Tagebuch einer Jugend (1972)

Sensible Verrücktheit. Ein neuer Name: Diana Canetti

„Heute will ich ein weiteres Mal neu beginnen.“ Dieser Satz steht zwar am Ende eines Buches, aber er könnte über jedem Kapitel, jedem Tag, jeder Stunde der Diana Canetti stehen. Ein neues (interessantes und schönes) Gesicht, ein neues, erfrischendes Buch: „Eine Art von Verrücktheit“. Da kommt eine junge Türkin, der Vater türkischer Jude, die Mutter Griechin, aufgewachsen in Istanbul, in einem Gemisch von Judentum, Orthodoxie, Islam und Katholizismus, und schreibt ein Buch über die Emanzipation junger Menschen.

Diana Canetti verbreitet keine Theorien, und selten erwähnt sie ihre marxistische Grundhaltung. Sie schreibt auf, wie sie nach Wien gekommen ist, dort Arbeit, Freunde und Leben gesucht hat. Streiflichter zeigen andere Stückchen Europa, zurückhaltend, erfahrend.

Diese Offenheit zum Leben, die begeisternde Lernbesessenheit und die Fähigkeit, körperlich zu denken und denkend zu handeln, spontan, ohne Rückversicherung, prallen natürlich im blassen Wien, an den blassen, doktrinären Schauspielschülern und -lehrern ab. Momentane Freundlichkeiten, kurze Liebschaften, viel Gerede und Ablehnung - eine eindrücklichere, für uns deprimierende Konfrontation lässt sich gegenwärtig schwer schreiben. Keine lauten Töne und Proteste; D. C. setzt an ihre Stelle den Versuch, ein, mehrere Gegenüber zu finden, darauf einzugehen, nachzudenken über ihre eigene zeitweilige Einsamkeit.

Da sind keine Bindungen, weil es Bindungen gibt. Sondern menschliche Verbindlichkeiten. Solche, die sich verändern, die plötzlich auftauchen und plötzlich sterben. Da ist kein Theoretisieren über die Emanzipation von Geschlechtern, sondern hier wird Emanzipation von Menschen gelebt als Selbstverständlichkeit.

Wenn die Schauspielschülerin D. C. im Wiener Reinhardt-Seminar aus ihrer vitalen Sicht eine Geburt, eine Mutter mit einem toten Kind, den Tod eines Kindes nicht nur zu „spielen“, sondern auf der Bühne ihren Mitschülern vorzuleben sucht, bekommt sie Verweise: ihre Lehrerin findet das obszön, die Mitschüler „würden sich schämen“, und „sowas gehört sich nicht“ usw.

D. C. wird nicht nur von widerlichen oder anziehenden Umständen gefordert. Sie will nicht einfach „ihr Fleisch verkaufen oder verschenken“. Sie sucht Wechselwirkungen, Zärtlichkeit, Liebe, Freundschaft. Uralte Wünsche, die alle unter Bergen von Konventionen, Moden, Religionen, Doktrinen, Trägheit und Machtspielen vergraben sind. Und von denen alle reden. Von jeher.

Diana Canetti schreibt sich, sie denkt sich, sie lebt sich. Das lässt sich einfach sagen. Aber ich finde, sie zeigt zumindest mit ihrem Buch, dass Einsamkeit durchaus schöpferisch, und die Strecke zum andern sehr kurz und unmittelbar sein kann. Diese Art von Verrücktheit löst Komplexe auf. Sie ist viel mehr als ein „Tagebuch einer Jugend“.

(Beat Brechbühl in: Süddeutsche Zeitung, 4.07.1972)