
Bildrecht liegt bei der Autorin
„Ein- und Ausblicke. Neue Bücher zum linksrheinischen Stadtteil sind erschienen
Stundenlang lag sie sonntags hingegossen auf der Eckbank in der Küche und blickte aus dem Fenster, bei Regen, bei Sonnenschein. Sie blickte auf die Straße, auf Bäume im Wandel der Jahreszeiten, auf schon vertraute Menschen, die längst wußten, daß sie beobachtet wurden. Zuckte die Beobachterin doch nicht mehr zurück, wenn sich die Blicke von innen nach außen durch den winzigen Spalt, den die schräg geschnittene Gardine gelassen hatte, kreuzten. Zeitvertreib oder Unterhaltung in einer noch fernsehlosen Zeit? Zumal Mutter und Großvater der Fensterguckerin schon mal Gesellschaft leisteten, das Fenster öffneten und die Fensterbank mit Kissen abpolsterten. Sehen und Gesehen-Werden waren im Einklang.
Der »Blick aus dem Fenster« - welche Bilder, Gedanken, Gefühle löst er bei den Menschen aus? Alla Pfeffer hat die Frage beflügelt, ein Buch herauszugeben, in dem 60 Autoren ihre Sicht von innen nach außen Lesern öffnen. Darunter einige bekannte linksrheinische Persönlichkeiten, wie Pfarrer Michael Dederichs, Seelsorger der Katholischen St. Antonius-Kirchengemeinde. Er beschreibt den Blick aus dem Fenster seines Arbeitszimmers auf die Friesenstraße, auf seine »gewaltige neuromanische Kirche«. Als kleiner Junge begann er die Welt auf zwei dicken Kissen im geöffneten Fenster neben seiner Großmutter zu entdecken. »Liegt ihr schon wieder in den Fenstern...«, hatte der Großvater gesagt, wenn er die Fenstergucker bemerkte. Von dort spannt Pfarrer Dederichs den Bogen zur St. Antoniuskirche und deren täglich geöffnete Türen, als Einladung, im Alltagsstreß zur Besinnung zu kommen.
»Fenster öffnen, die Perspektiven wechseln, den Fokus verändern zur besseren Durchsicht«, das ist das Credo des evangelischen Kollegen Michael Debrand-Passard. Auch er zeichnet die Perspektiven auf, die ihm der Blick durch das Fenster gewährt und hat sich dazu Wolfgang Borchert als Begleiter gewählt. Er schreibt über kleine und große Fenster in seinem Leben und seine Vision »Leuchtturm zu sein«, als positive ermutigende Wirkung tatsächlich durch das Fenster nach draußen zu blicken und konsequent zu handeln.
Über Ein- und Ausblicke erzählt auch Hans Onkelbach, Lokalchef der Rheinischen Post und Wahl-Löricker. Er nimmt den Leser mit auf Stationen seiner Kindheit, alle gespeichert auf der »Festplatte« wie beim Computer mit »Windows-Betriebssystem«. Die vielfach preisgekrönte Oberkasselerin Astrid Gehlhoff-Claes begegnet dem Thema mit Gedichten über die Platanenallee entlang des Rheins vor ihrem Fenster und beschreibt ihre Gefühle. Margot Schroeder, ebenfalls Oberkasselerin, beginnt auch mit Gedichten und blickt auf New York vor und nach dem 11. September 2001. Und wer glaubt, sich von Trauer und Tod bei der Geschichte »Der Hausherr« erholen zu können, irrt. Bleibt das Lachen doch im Halse stecken, wenn Luise ihren Franz bittet mit Harry, einem Plüschhund auf vier Rädern, Gassi zu gehen.
Das geht nahe, doch das, was die Meerbuscher Autorin Regina Goldlücke sich von der Seele schreibt, trifft bis ins Mark. Ihr Blick aus dem Fenster richtet sich an einem Novembertag 2001 auf einen Polizeiwagen, der langsam an ihrem Haus vorbeischleicht. Die Polizeibeamten verharren, steigen nur zögernd aus dem Auto aus, klingeln an der Tür, um ihr die Nachricht vom tödlichen Autounfall des 21-jährigen Sohnes zu bringen.“
(Heide-Ines Willner in: Rheinische Post, 22. Dezember 2006)
Für den »Abend der Autoren« gab die restaurierte Scheune im Golfpark Meerbusch ein stimmiges Ambiente. Heidi und Esther Ziehm hatten in Rosa und Violett dekoriert - passend zum Werk von David Hockney auf dem Cover des Buches, um das es ging: Die Anthologie »Blick aus dem Fenster« (Grupello-Verlag), herausgegeben von der Düsseldorfer Schriftstellerin Alla Pfeffer. Zwei Drittel der 60 Autoren waren der Einladung zu einem Treffen mit Lesung und gemeinsamem Essen gefolgt. Verleger Bruno Kehrein: »Wer sich so weit öffnet, braucht Mut. Ich bin Alla Pfeffer dankbar für die Rastlosigkeit, mit der sie das Projekt verfolgt und gefördert hat.« Nach zweieinhalb Jahren Arbeit und Einsatz aus vollem Herzen verspürt die Herausgeberin »einen seelischen Glücksrausch«. Sie führte Menschen aus allen Richtungen zusammen, darunter Stadt- Prominenz wie Ehrenbürger Udo van Meeteren, die Professoren Alfons Labisch (Uni-Rektor), Almut Rössler (Organistin, Musikschul- Dozentin) und Joseph Kruse (Heine- Institut), OLG-PräsidentinAnne-Jose Paulsen, Autoren wie Astrid Gehlhoff-Claes und Dieter Forte.
(Rheinische Post, 29. April 2006)
„Die Stadt Düsseldorf ist sehr schön, und wenn man in der Ferne an sie denkt und zufällig dort geboren ist, wird einem wunderlich zumute. Ich bin dort geboren, und es ist mir, als müßte ich gleich nach Hause gehn.“ So wie Heinrich Heine empfinden auch heute noch viele Menschen. Für sie hat Alla Pfeffer, Vorsitzende des Verbandes deutscher Schriftsteller in Nordrhein- Westfalen, Bezirk Düsseldorf, Neuss, dreiundsiebzig Männer und Frauen, die kulturelle Aufgaben in Düsseldorf wahrgenommen haben, autobiographische Berichte schreiben lassen. Die Autoren sollen darin vor allem die persönlichen Umstände schildern, die sie zu ihrem kulturellen Engagement geführt haben.
Die örtlichen Gegebenheiten der Stadt spielen in diesen Berichten eine große Rolle. Der Ortsunkundige wird mit Namen wie Sybelstraße, Quadenhofstraße oder Golzheimer Platz nur wenig anfangen können. Für denjenigen jedoch, der sich jahrelang in dieser wundersamen Stadt aufgehalten hat, werden neue Facetten des vertrauten Gemeinwesens sichtbar. So schildert etwa der Schauspieler, Autor und Regisseur René Heinersdorff, wie er in Köln auf der Suche nach einer Billardausrüstung auf einen Händler am Josefplatz in Düsseldorf verwiesen wurde. Erst jetzt lernte er diesen Flecken in der Nähe des Oberbilker Marktes kennen, der ihn seitdem durch seine erhabene Schlichtheit ("kein Platz um des Platzes willen") begeistert. Wie Heinersdorff zur Schauspielerei gekommen ist, verrät er uns, die Vorgabe der Herausgeberin ignorierend, leider nicht. Im Deutschunterricht hieß es in solchen Fällen: „Thema verfehlt - mangelhaft!“ Doch die Käufer dieses Buches werden vermutlich anders urteilen, weil sie möglicherweise eine Fortsetzung von Alla Pfeffers 1998 herausgegebenem Band „Straßenbilder. Düsseldorfer Schriftsteller über ihr Quartier“ erwarten.
Auch die meisten anderen Autoren bringen uns die Kultur in Düsseldorf näher, indem sie über ihre persönlichen Wahrnehmungen in dieser Stadt an guten und schlechten Tagen berichten. Der Galerist und schwedische Konsul Hans-Georg Paffrath kann das Ende der guten Tage an einem solchen persönlichen Erlebnis aus seiner Jugend festmachen: Der Kolonialwarenhändler in der Feldstraße entgegnete einem Passanten, der ihn mit „guten Tag“ begrüßte: „Es heißt jetzt ,Heil Hitler', die guten Tage sind vorbei.“ Zwei Bilder haben sich den älteren der zu Wort kommenden Zeitzeugen besonders tief eingeprägt: zum einen die Menschen, die am 10. November 1938 die Reste ihrer aus dem Fenster geworfenen Habe bergen wollten und daran gehindert wurden, zum anderen die Bombardierung der Stadt Pfingsten 1943. Der Architekt Aloys Odenthal, einziges noch lebendes Mitglied einer Widerstandsgruppe, schildert, wie er am 16. April 1945 die heranrückenden amerikanischen Truppen aufsuchte und in Verhandlungen mit deren Befehlshabern erreichte, daß die Stadt nicht, wie vorgesehen, von achthundert Bombern sturmreif gemacht wurde. Für diese Tat wird er noch heute gelegentlich unflätig am Telefon angepöbelt.
„O alte Burschenherrlichkeit, wohin bist du entschwunden?“ fiel dem Physiker Pascal Jordan in den Nachkriegsjahren immer wieder ein, wenn er sich in Göttingen oder Düsseldorf aufhielt, berichtet die Physikerin Hilla Schnöring-Peetz, während Gabriele Henkel sich daran erinnert, wie Andy Warhol in der Galerie ihrer Schwester die Worte „It's magic!“ fallen ließ.
Woher diese Magie der Stadt kommt, dafür haben einige der Autoren plausible Erklärungen parat. Der Schauspieler Wolfgang Reinbacher verweist auf eine Studie, nach der gerade Städte mit einer Einwohnerzahl von fünf- bis sechshunderttausend eine besonders angenehme Lebensqualität haben sollen. Während Städte wie Kaarst oder Kuala Lumpur, Holzheim oder Hongkong, in ihrer Extrovertikalität ermutigt, ihre Identität im Bau von Hochhäusern finden, hatte Düsseldorf - so der Architekt Klaus Pfeffer - zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts das Glück, von einer Festungsstadt in eine Gartenstadt verwandelt worden zu sein.
Der Düsseldorfer an sich ist dem Fremden aufgeschlossen. Vorfälle wie die Umbenennung der nach dem Schöpfer der Berliner „Goldelse“ benannten Drakestraße in Hans-Lody-Straße durch Nationalsozialisten, die sich mit einem eingebildeten britischen Amateurkartoffelbauern konfrontiert sahen, blieben die Ausnahme. Wenn heute der Stadtdechant und Pfarrer von St. Lambertus, Rolf Steinhäuser, ein gebürtiger Kölner, auf dem Stiftsplatz einer geführten Touristengruppe begegnet, wird er oft zum Gegenstand eines Vortrages über die Toleranz der Düsseldorfer, die sogar Menschen aus der anderen Stadt am Rhein bei sich leben lassen.
Neben den Berichten aus dem persönlichen Leben der Autoren wird auch auf die Kultur verwiesen. Der Dichter Alexander Nitzberg sieht sich in kafkaesker Manier in eine Spinne verwandelt, die an einer Düsseldorfer Dichterlesung teilnimmt: „Ferdinand Scholz verkündete, er habe ein Gedicht geschrieben, das aus einem einzigen Wort besteht! Zunächst machte er eine kurze Einführung in die persisch-türkische Poetik mit ihren ewigen Rosen (gül) und Nachtigallen (bülbül) und las daraufhin die Überschrift: ,Westöstlicher Wundermaschin'. Dann folgte das Gedicht, und es bestand tatsächlich aus einem einzigen Wort: ,Bülbülgüleisen'.“
Wer die Stadt Düsseldorf liebt, wird von den Autoren zahlreiche Anregungen erhalten, die ihm helfen, diese Liebe zu vertiefen. Vieles davon hat mit Kultur nicht unbedingt zu tun, aber Düsseldorf heißt ja auch Düsseldorf und ist kein Dorf.
(Hartmut Hänsel in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.11.2001, Nr. 261)