| – Mitmenschen.
Von Leonore Niessen-Deiters. Mit Buchschmuck von
Hans Deiters in Düsseldorf. J. G. Cottasche Buchhandlung Nachfolger,
Stuttgart.
Wie im „Leute mit und ohne Frack“
deutet auch der Titel von Leonore Niessen-Deiters jetzt erschienenem
Novellen- und Skizzenbande „Mitmenschen“ auf ein Element
der Gesellschaftssatire. Und hier wie dort deutet er ferner an,
daß die Schärfe des Spottes von liebevollem Verstehen
des Mitmenschen gemildert ist. Die herzliche Beziehung der Dichterin
zu ihren Gegenständen, die deutlich genug auch aus der knappsten
Linienführung, der schärfsten Pointierung spricht, stellt
Leonore Niessen-Deiters in die Reihe der wahren Humoristen. Freilich
ist ihre besondere Note die knappe Artistik, wie in der Skizze „Die
Welt von der anderen Seite“. Besonders liebevoll und auch
detaillierter ausgemalt sind ihre Frauengestalten, von der gutmütigen,
unglaublich gutmütigen „Mutter Schanettchen, die Konsequente“
– den Lesern der Neuen Hamburger Zeitung aus dem Feuilleton
bekannt – bis zu den schrulligen alten Schachteln, den Piepjunges,
die sich 13 Jahre mit ihrem Pflegesohn quälen, bis er auf die
Universität zieht, ihr jungfräuliches Heim von seiner
männlichen Gegenwart erlösend, um den Entsetzten nach
kurzer Zeit – einen neuen Pflegesohn ins Nest zu legen. Wie
die Piepjunges dies schreckliche Begebnis auf die von ihnen verabsäumte
„Aufklärung“ des jungen Mannes schieben, ist mit
köstlichstem Humor geschildert. Mit derselben Beherrschung
der Form, die in Kunstdingen den Ausschlag gibt, schlägt Leonore
Niessen-Deiters auch tragische Akzente an: „Giovanna Testa“,
„Eine glänzende Partie“. Den Schattenrissen vergleichbar,
mit denen der Bruder der Verfasserin, der Düsseldorfer Maler
Hans Deiters, auch dieses Buch wieder geschmückt und besonders
wertvoll gemacht hat, ihnen vergleichbar an anmutig beweglicher,
subtil hingehauchter Wirkung ist „Eine Begegnung“ im
Walde zwischen einem eben entsprungenen Zuchthäusler und einer
jungen Spaziergängerin. Der hohe künstlerische Wert des
Buches, die warmen Herzenstöne, das aus dem wohlvertrauten
täglichen Leben gewählte Stoffgebiet machen es zu einem
Volks- und Familienbuche in des Wortes edelstem Sinne. Möge
uns die Dichterin deren noch viele schenken.
Hamburg. Oswald Pander
5. 12. 1908
Neue Hamburger Zeitung
¹ Die Rezensionen stammen aus einem Album, in das die Autorin
eigenhändig unzählige Kritiken zu ihren Büchern eingeklebt
hat. Das Album befindet sich im Teilnachlass der Autorin im Frauen-Kultur-Archiv.
Mitmenschen. Von Leonore Niessen Deiters. Mit Buchschmuck
von Hans Deiters in Düsseldorf. Stuttgart, J. G. Cottasche
Buchhandlung Nachfolger. Mk. 2. - .
Bereits die früheren Novellen
der Verfasserin, die „Leute mit und ohne Frack“, zeichneten
sich durch große Natürlichkeit aus, durch frische Beobachtung,
durch herzliche Teilnahme an den tragischen Konflikten des Lebens
und durch wirklichen Humor, in dem auch das heimatliche Erbe der
Rheinländerin nicht zu verkennen war. Alle diese Vorzüge
finden sich in dem neuen Bande wieder. Da ist die „Geschichte
von drei Seiten“, die eines deutschen Malers Erlebnisse in
Sestria mehrfach variiert, je nach den Menschen, die darüber
urteilen, und die stets wieder anders sie erzählen. Die unglückliche
Liebe eines verlorenen Mädchens wird mit seinem Verstehen gestreift.
In „Giovanna Testa“ erhebt sich dieses Gefühl bis
zu packender Dramatik. Auch die „Begegnung“, ein Momentbild
aus der gestörten Empfindungswelt eines Verbrechers, die „Glänzende
Partie“, eine unerbittliche Satire auf die Geldheirat, die
„Welt von der anderen Seite“, eine Abrechnung mit der
Scheinmoral, und „Tant’ Jully“, die Geschichte
vom Sterben einer vernachlässigten alten Jungfer – die
alle zeigen, daß die Autorin die stärksten Stoffe zu
bewältigen imstande ist. Fröhlichen Genrehumor hingegen
und Liebe zum Kleinen offenbaren die Familienstudien von „Mutter
Schanettchen“, der Konsequenten, vom listigen Geizhals „Onkel
Theodor“, von „Piepjunges Pflegesohn“ und seinen
schamhaften Ziehmüttern, „Unsere Zukunft liegt auf dem
Wasser“ ist die drolligste Persiflage des Flottenpatriotismus
der Landratten, die nie ein Schiff betreten haben,. Die „Närrischen
Hühner“ erzählen Seltsamkeiten unseres Hausgeflügels
und meinen die Menschen. Als Ganzes ist das Buch von neuem das Zeichen
eines starken Talents, das niemals in einer Manier stehen bleiben
wird, und von dem noch viel zu erwarten ist. Ein besonderer Reiz
sind die sauberen Silhouetten, die der Gatte der Künstlerin
jeglicher Skizze als Illustration mitgegeben hat.
27.12.1908
Bohemia, Prag
Im J. G. Cottaschen Verlage ist ein neues Buch von Leonore Niessen-Deiters,
betiltet [betitelt] „Mitmenschen“ erschienen. Die Verfasserin
ist bekanntlich eine geborene Düsseldorferin, und das vorstehend
bezeichnete Buch nicht ihre Erstlingsgabe. Die „Leute mit
und ohne Frack“ aus derselben Feder haben bei ihrem Erscheinen
im vorigen Jahre bereits eine überaus günstige Aufnahme
bei Publikum und Presse gefunden. Sie werden an Feinsinnigkeit und
Anmut, in Scherz und Ernst noch übertroffen durch die vorliegenden
Darbietungen, die geeignet sind, den Ruf der Verfasserin als einer
der geistreichsten und graziösesten Schriftstellerinnen unserer
neueren Literatur zu befestigen. Zwölf prächtige Silhouetten
von Hans Deiters, dem Bruder der Dichterin, dienen auch diesem Bande
wieder zum besonderen Schmucke und erhöhen den Reiz der originellen
Geschichten. Das ist viel gesagt, aber die Steigerung in dem neuen
Werke „Mitmenschen“ ist wirklich unverkennbar z.B. in
der Form, die in einzelnen Geschichten geradezu faszinierend wirkt.
Es ist dadurch eine Knappheit der Schilderung erreicht, die auch
keinen Augenblick der Unaufmerksamkeit beim Leser möglich macht.
Wo findet man andererseits einen solchen intimen ursprünglichen
Reiz der Naturschilderung, wie in der kleinen Skizze „Eine
Begegnung“, eine so feine Charakterisierung der Persönlichkeiten
wie in der „Mutter Schanettchen“. Aber die packende
Charakteristik wetteifert mit der warmherzigen tiefen Empfindung
für das Menschenschicksal, wie sie in „Giovanna Testa“
und „Eine glänzende Partie“ zutage tritt. Die einfache
und so tief ergreifende Geschichte von „Tant’ Jully“
ist dabei sehr beherzigenswert für die Mitmenschen. Die humoristischen
Erzählungen sind in ihrer Art wirklich Kabinettstücke,
wie seinerzeit schon in der Presse die „Leute mit und ohne
Frack“ bezeichnet wurden. Was den Buchschmuck von Hans Deiters
angeht, so verblüfft von seiner hohen künstlerischen Qualität
abgesehen, die Unmittelbarkeit des geistigen Zusammenhanges mit
dieser pikanten bildnerischen Darstellungen mit dem dichterischen
Gedanken der Autorin, Diese Silhouetten sind von einem feinen Sarkasmus
beseelt.
11.² 1908
General-Anzeiger, Düsseldorf
(² Die Tagesangabe fehlt)
Ernst und ein feiner besinnlicher Humor
mischen sich auch in dem Geschichtenband „Mitmenschen“
von Leonore Niessen-Deiters (mit köstlichem Silhouetten-Buchschmuck
von Hans Deiters, erschienen bei J.G. Cotta Nchf., Stuttgart und
Berlin. 1908. Geh. 3 M.).
Die Verfasserin ist einer scharfe Beobachterin des Lebens, eine
seelenkundige Betrachterin besonders der sonderlichen und kuriosen
Käuze, die in dieser Welt herumlaufen und die sie besonders
ins Herz geschlossen hat. Zugleich verfügt sie über einen
feinen Spott, eine liebenswürdig-überlegenen Ironie, die
all ihre abgerundeten und sicher pointierten Schilderungen menschlicher
Eigenschaften und gesellschaftlicher Zustände unendlich reizvoll
und anziehend machen. Prächtig weiß sie die bösartige
Klatsch- und Verleumdungssucht ihrer geschätzten Mitmenschen
etwa in der „Geschichte von drei Seiten“ zu verspotten;
sie zeichnet in „Mutter Schanettchen, der Konsequenten“
das schalkhaft lebendige Charakterbild einer unverbesserlich gutmütigen
Frau, deren Verstand einen ständigen Kampf mit ihrem Herzen
führt und ständig darin unterliegt; sie läßt
einen grimmeren Humor spielen, wenn sie in „Onkel Theodor“
die Erbschaftsberechnungen einer Familie an der unverwüstlichen
Lebenskraft eines verkommenen alten Junggesellen zu schanden werden
läßt, dem das grausame Geschick es vergönnt, alle
seine Erbe zu überdauern. Auch tragische Töne stehen ihr
zu Gebot, wie die Liebesnovelle „Giovanna Testa“ und
die „Glänzende Partie“, eine scharfe Kritik der
üblichen Berechnungs- und Geldheiraten, zeigen, aber diese
Arbeiten haben doch nicht die selbständige und eigenartige
Haltung, wie die übrigen, in denen Humor und Ironie in allen
Spielarten vom Uebermut bis zum Lächeln unter Tränen triumphieren.
Da eignen Frau Nießen-Deiters Frische und eine aus Lebenskenntnis
erquellende Liebenswürdigkeit des Verstehend, Originalität
der Einfälle und Knappheit der Ausdrucksmittel. Und selbst,
wo sie ein so altes Thema aufgreift, wie die Verspottung gesellschaftlicher
Torheiten in der Schlußgeschichte „Närrische Hühner“
(die unsern Lesern übrigens aus der Sonntagsbeilage bekannt
ist), weiß sie ein neue, apart eund amüsante Seite aufzudecken.
19. 2. 1909
Allgemeine Zeitung, Königsberg
Niessen-Deiters, Leonore, Mitmenschen. $2.50. Mit
ihrem im vorigen Jahre erschienenen Erstlingswerk „Leute mit
und ohne Frack“ hat sich die junge Verfasserin sofort die
Gunst der Leserwelt erobert, Auch die in ihrem neuen Buche „Mitmenschen“
vereinigten elf Geschichten sind wieder Kabinettstücke eigenartig
reizvoller Erzählungskunst, voll jenes warmen Humors, der unter
Tränen lächelt, und der sich zuweilen zu feiner Ironie
zuspitzt. Das Talent der Verfasserin für kurze, scharf pointierte
Schilderungen gesellschaftlicher und allgemein menschlicher Zustände
offenbart sich in diesem neuen Buche wieder in glänzender Weise.
Der Buchschmuck nach mit der Schere geschnittenen Originalsilhouetten
von Hans Dieters ist eine reizvolle Zugabe.
27. 3. 1909
Deutsche Zeitung, Mexiko
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