SZ 01.10.2008 Die Finanzkrise erschüttert Europa: Nun sind die Feuerlöscher allerorts gefragt. Der Optimist wirbt um Vertrauen. Vergeblich versuchte Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, ein gutes Ende herbeizureden. Jetzt muss er wieder den Krisenmanager geben. Martin Hesse Wirtschaft Bericht BRD Seite 22 Die Finanzkrise erschüttert Europa Die Finanzkrise erschüttert Europa: Nun sind die Feuerlöscher allerorts gefragt. Der Optimist wirbt um Vertrauen. Vergeblich versuchte Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, ein gutes Ende herbeizureden. Jetzt muss er wieder den Krisenmanager geben. Von Martin Hesse. So viel Zeit muss sein. Zwischen Börsenkrach und Bankenpleiten will Josef Ackermann an diesem Mittwoch einen Kurzbesuch im Frankfurter Städel einschieben. Der Chef der Deutschen Bank möchte dem Museum Bilder und Skulpturen junger Künstler übergeben. Der Zeitpunkt ist günstig, da die Zwillingstürme der Bank renoviert werden und die komplette Sammlung raus musste. Ackermann mag solche Termine, wo er die schönen Seiten der Bank hervorkehren und seine Verbundenheit mit Deutschland demonstrieren kann. Diese Verbundenheit hatte Ackermann an den Tagen zuvor in ganz anderer Weise gezeigt, oder besser gesagt, zeigen müssen. Da ging es um die hässlichen Seiten des Bankwesens. Der Immobilienbank Hypo Real Estate drohte der Kollaps, weil ihre Tochter Depfa-Bank von der Kreditversorgung abgeschnitten war. Tief in der Nacht zum Montag klingelte noch einmal Ackermanns Handy. Bundeskanzlerin Angela Merkel wollte mit dem Bankchef die letzte Chance ausloten, die HRE zu retten und einen Kollaps des Bankenmarktes zu verhindern. Für die privaten Banken hatten zuvor Ackermann, Commerzbank-Chef Martin Blessing und Bankenverbandschef Klaus-Peter Müller an aufreibenden Verhandlungen in Frankfurt über eine Rettung teilgenommen, teils direkt, teils per Telefon. Lange wehrten sie sich gegen eine private Rettung, später sollten sich Banken und Politiker gegenseitig vorwerfen, die Zukunft des deutschen Finanzsystems aufs Spiel gesetzt zu haben. Im eigenen Interesse Schließlich aber machte Ackermann den Weg frei. Angeführt von der Deutschen Bank und der Commerzbank werden sich die privaten Banken an der vorwiegend vom Staat getragenen Kreditlinie für die HRE beteiligen. Ackermann sagte am Dienstagabend auf einer Veranstaltung in Frankfurt, keiner wisse, ob diese Maßnahmen reichten. „Aber jeder Schritt ist ein wichtiger Schritt, um wieder Vertrauen an den Finanzmärkten zu schaffen”. Natürlich geht es für Ackermann auch darum, Schaden vom eigenen Haus abzuwenden. Auch die Deutsche Bank hätte eine Pleite der HRE hart getroffen. Trotz der Rettung hat auch ihre Aktie binnen zwei Tagen ein Zehntel ihres Wertes verloren. Ende des ersten Halbjahrs hatte die Deutsche Bank noch fast 45 Milliarden Euro in Wertpapieren, deren Preise im Zuge der Kreditkrise unter Druck geraten sind. Wäre die Hypo Real Estate zusammengebrochen, wäre dieser Druck gestiegen. Schon vergangene Woche kamen die Analysten von J.P. Morgan zu der Einschätzung, die Deutsche Bank müsse im zweiten Halbjahr weitere 4,5 Milliarden Euro abschreiben. Dennoch wird die Deutsche Bank in der Finanzwelt als eines der stabileren Kreditinstitute angesehen. „Das Risikomanagement ist sehr gut”, lobt ein Kreditanalyst. Auch deshalb war Ackermann in den vergangenen 15 Monaten immer wieder als Krisenmanager gefragt. Es begann mit der Rettung der Mittelstandsbank IKB im vergangenen Juli, deren Schieflage Ackermann als Erster erkannt haben soll. Und als im März die Investmentbank Bear Stearns kollabierte, wurde ihm die Investmentbank per Telefon angeboten – Ackermann war da gerade mit seiner Frau zum Shoppingbummel in Manhattan. Als die Krise im September mit dem Kollaps von Lehman Brothers einen neuen Höhepunkt erreichte, suchte die US-Regierung dem Vernehmen nach auch Ackermanns Rat, die Deutsche Bank beteiligte sich an einem 70 Milliarden Dollar schweren Kreditpool, über den sich internationale Banken künftig in schwierigen Situationen gegenseitig mit Geld versorgen wollen. Das ist der eine Ackermann, der Krisenmanager, der sich und seine Bank als Hort der Stabilität vermarktet. „Ich habe Krisen immer auch als Chancen gesehen”, sagte er einmal. Immer wieder hat sich der Schweizer in Krisenphasen persönlich profiliert, manch einer wirft ihm das vor. Der andere Ackermann aber redete diese Krise seit mehr als einem Jahr schön. Er erklärte im Herbst 2007, das Schlimmste sei überstanden, auf die Deutsche Bank kämen voraussichtlich keine Abschreibungen mehr zu. Er fabulierte im Frühjahr vom Anfang des Endes und wiederholte diese Botschaft noch drei Tage vor der Lehman-Pleite. Natürlich versuchen führende Banker wie Ackermann, in diesen Tagen Zuversicht zu verbreiten, um die Panik nicht noch zu schüren. Doch wegen seiner Fehlprognosen hat auch Ackermann in der Krise an Glaubwürdigkeit eingebüßt. In Frankfurt witzelt man schon, wenn Ackermann Entwarnung gebe, müsse man bald mit der nächsten Schieflage rechnen. Als Präsident des Institute of International Finance (IIF) reist Ackermann nun kommende Woche zur Jahrestagung der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds nach Washington. Frohe Botschaften sind von ihm dort nicht zu erwarten. Er wird eher als Krisenmanager gefragt sein. Josef Ackermann habe einen guten Draht zu Angela Merkel, heißt es. In der Nacht zum Montag handelten der Chef der Deutschen Bank und die Bundeskanzlerin die Rettung der Immobilienbank Hypo Real Estate aus. In der Öffentlichkeit hielt Ackermann sich zuletzt jedoch auffallend zurück. Mit seinen optimistischen Prognosen zum Verlauf der Kreditkrise lag er zuletzt zu oft daneben. SZ 01.10.2008 In der Krise liegt die Kunst. Auch wenn er nur retten kann, was noch zu retten ist – Finanzminister Peer Steinbrück wird für sein Management im Banken-Desaster selbst von Gegnern gelobt. Guido Bohsem; Nico Fried Die Seite Drei Reportage BRD Seite 3 kA In der Krise liegt die Kunst. Auch wenn er nur retten kann, was noch zu retten ist – Finanzminister Peer Steinbrück wird für sein Management im Banken-Desaster selbst von Gegnern gelobt. Von Guido Bohsem und Nico Fried. Berlin – Da steht Peer Steinbrück, redet eine Viertelstunde lang frei, und dabei unterlaufen ihm nur zwei sprachliche Ungenauigkeiten. Die Aufarbeitung der Krise brauche „seine Zeit”, sagt der Finanzminister, statt „ihre Zeit”. Und dass die Banken den Vorschlag an ihn „herangetreten” hätten, die Hypo Real Estate einfach zu verstaatlichen. Herangetragen, wollte er wohl sagen. Vielleicht ist das aber nur, was man eine Freud’sche Fehlleistung nennt, und Steinbrück verwendet das Verb treten intuitiv, weil er den Vorstoß der Banken ja tatsächlich als unverschämt empfunden haben muss. Es ist Montag, später Nachmittag, und Peer Steinbrück erläutert im Finanzministerium die größte Rettungsaktion für eine Bank in der Geschichte der Bundesrepublik. Es ist der vorläufige Höhepunkt der Finanzkrise, jedenfalls in Deutschland. Hinter Steinbrück liegt nicht zum ersten Mal eine lange Nacht. Wieder wurde ein Hilfspaket geschnürt. Es geht um sagenhafte 35 Milliarden Euro. Alleine mit dem Anteil des Staates von mehr als 26 Milliarden Euro könnte man alle niedergelassenen Ärzte in Deutschland ein Jahr lang bezahlen. Wenn es schlecht läuft, könnte das Paket genau das Ziel verhageln, für das Steinbrück in dieser großen Koalition steht: 2011 keine neuen Schulden mehr machen zu müssen. Noch weigert er sich, über diese Gefahr offen zu reden. Seinen Sprecher ließ Steinbrück auf die Frage, was schlimmstenfalls passieren könne, antworten: „Wenn der Himmel einstürzt, sind alle Vögel tot.” Außerdem: Was ist diese Gefahr schon gegen den drohenden Zusammenbruch des Finanzsystems? Bleich ist der Mann, bartschattig, einige seiner kurzen Haare stehen wie Zacken vom Kopf ab, als stünden sie unter Strom. Vor ein paar Tagen, nachdem er auch schon eine Nacht lang mit europäischen Kollegen auf die US-Regierung eingeredet hatte, dem Versicherungskonzern AIG zu helfen, sagte er hinterher: „Wir haben in den Abgrund geschaut.” Anders dürfte es Montag früh um kurz vor zwei Uhr auch nicht gewesen sein, bevor die Hypo Real Estate gerettet war. „Was der durchmacht, bleibt nicht einfach in den Kleidern hängen”, sagt ein Vertrauter. Doch am Ende von Steinbrücks Vortrag im Ministerium erliegt man selbst als Laie dem mutmaßlichen Irrglauben, im Prinzip verstanden zu haben, worum es hier geht. Zumindest kann man nachvollziehen, warum die Kanzlerin in einer Telefonschalte mit den Fraktionschefs im Bundestag nur kurz das Wort ergriffen hat. Es sei eine Situation eingetreten, in der man habe handeln müssen, sagte Angela Merkel, wie Teilnehmer später berichten. Den Rest, die Details, überließ sie Steinbrück. Und während sie ihm so zuhörte, mag sie darüber nachgedacht haben, bei wem sonst aus ihrem Kabinett diese Krise so gut aufgehoben wäre. Frank-Walter Steinmeier würde die Zusammenhänge kapieren, aber könnte er auch verständlich darüber reden? Michael Glos? Nun ja. Sigmar Gabriel? Franz-Josef Jung? Wenn Steinbrück referiert, macht er zwischen den Sätzen bisweilen längere Pausen. Entweder bleibt sein Mund dann offen stehen, wodurch der Minister – mit Verlaub – an einen Karpfen erinnert. Oder aber er presst die Lippen fest aneinander. Dabei bildet sich um seinen Mund eine lange Furche in Form einer Sichel. Letzteres ist Steinbrücks Gesichtsausdruck, wenn er mit sich zufrieden ist. Das ist eher die Regel denn die Ausnahme – und bisweilen auch sein Problem. Steinbrücks rechthaberische Art macht ihm zum Beispiel in seiner Partei, der SPD, das Leben schwer. Mal fühlt er sich unverstanden, mal denken das die anderen, meistens beide. Das hat, auch wenn ihn jetzt sogar Parteilinke für seine Coolness in der Krise loben, zu Verletzungen geführt, die nachwirken und auch verhindern, dass Steinbrück jemals mehr werden könnte als Finanzminister, selbst wenn er die Schäden der Krise aus eigener Tasche bezahlen würde. Zugleich ist es genau dieses nüchterne Wesen, das ihm nun Glaubwürdigkeit verschafft. Dabei ist Steinbrück nicht in einer Position, in der er sagt, wo’s langgeht. Noch vor zwei Wochen verbreitete er im Bundestag vorsichtigen Optimismus, der sich als falsch erwies. Das hat auch ihn zurückgeworfen. In Wahrheit gleichen Steinbrück und sein Ministerium seit Wochen einem Besenwagen beim Marathonlauf, der am Ende des Feldes fährt und alle aufsammeln muss, die jede Warnung ignoriert und sich übernommen haben. Steinbrück, der Krisenmanager, ist genau genommen der Mann für die Aufräumarbeiten. Die Krise hat ihn im Griff, wo er doch bisher seine Krisen selbst geschaffen hat. Seine erste Bundestagsrede als Finanzminister hielt Steinbrück am 1. Dezember 2005. Er kämpfte für den Haushalt ohne Schulden, für das Vorhaben, das sein Markenzeichen werden sollte und das die Finanzmarktkrise jetzt gefährdet. Um auch dem letzten Parlamentarier einzubläuen, dass es keine Alternative zum Plan der Koalition, zu seinem Plan gab, warnte er vor einer Währungskrise in der Eurozone und griff damit zu einer Übertreibung, wie es noch manche geben sollte. Währungskrisen sind eine Art Super-Gau der Wirtschaft. Die derzeitige Finanzkrise ist ein Klacks dagegen. Für seinen frischen Ruf als Minister war die saloppe Formulierung eine Katastrophe. „Weiß der Mann, wovon er spricht?”, fragten sich Experten allerorten. Immer wieder passieren Steinbrück solche Entgleisungen. Immer wieder sind es die Lust an der Provokation, der Spaß am Argument, die Freude an der eigenen Bemerkung, mit denen er im Galopp in doofe Situationen reitet. Einmal forderte er die Deutschen auf, Ferienreisen zu unterlassen, um fürs Alter zu sparen. Parteifreunde, die den Untergang der SPD beklagten, nannte er „Heulsusen”. Und wer vor einer schlechteren Wirtschaftslage warnt, pflegt in seinen Augen sado-masochistische Tendenzen. „Steinbrück sucht sich den Fettnapf selber aus, in den er tritt”, spottet ein Parteifreund. Steinbrück ist ein Schnelldenker. Er erfasst Inhalte und Situationen in Sekundenbruchteilen. Solche Blitzgescheite sind bald gelangweilt, wenn sie mit Gesprächspartnern umgehen müssen, deren Hirne von der Natur nicht ganz so begünstigt wurden. In seinem Buch „Die Vermessung der Welt” schildert Daniel Kehlmann dieses Phänomen am Beispiel des hochbegabten Mathematikers Carl Friedrich Gauß. Der wundert sich, warum seine Mitmenschen so unendlich langsam sind, warum sie über Antworten nachdenken müssen, wo doch alles klar sein müsste, und zwar viel schneller. Kehlmann nutzt diese Stelle, um auch über die Arroganz zu schreiben, mit der Gauß seiner Umwelt begegnet. Manche Menschen, die Steinbrück treffen, nehmen einen ähnlichen Eindruck mit. Dabei kann Steinbrück gewinnend sein im privaten Gespräch, geistreich, witzig, charmant. Wie mit kaum einem anderen Politiker kann man mit ihm über Bücher sprechen, Filme, Musik und Fußball. Blitzdenker mit arroganten Zügen sind keine Politiker für normale Zeiten. Geht es ruhig und langsam zu, schaden sie sich selbst. Ihre Stunde schlägt in der Krise, weshalb Steinbrück allem Anschein nach jetzt der richtige Mann am richtigen Platz ist. So wie hinter ihm Staatssekretär Jörg Asmussen, der sich in den Finanzzirkeln auskennt, wie wahrscheinlich kein anderer in der Regierung. Am Montagabend huschte Asmussen, ein schmaler, asketisch wirkender Mann, mal kurz durchs Fernsehbild. Aber eigentlich wirkt er hinter den Kulissen, und Steinbrück verlässt sich zu hundert Prozent auf ihn, was man nicht jedem selbstbewussten Chef im Verhältnis zu seinen Untergebenen nachsagen kann. An jenem Abend im Finanzministerium rutscht Steinbrück wieder so eine verfängliche Bemerkung raus. Plötzlich nennt er die Rettungsaktion eine „Operation Ganymed”. Es ist der Titel eines Science-Fiction-Films. Raumfahrer fliegen zum Jupiter-Mond Ganymed. Als der Funkkontakt abbricht, gelten sie als verschollen. Fünf Jahre später kehren sie doch zurück. So weit kann man die Parallele zur Rettung des Bankensystems verstehen. Im Film aber kommen sie auf eine Erde zurück, in der jedes Leben ausgelöscht zu sein scheint. Als Steinbrück um Erläuterung gebeten wird, sagt er: „Ach, Sie wissen doch, gelegentlich habe ich etwas flapsige Ausreißer. Streichen Sie es wieder aus Ihrem Zitatenschatz.” Mit dieser Antwort kommt er davon. So wie früher in kleinen Krisen. Und so wie jetzt wohl auch in dieser wirklich großen. „Er sucht sich den Fettnapf selber aus, in den er tritt”. „Wenn der Himmel einstürzt, sind alle Vögel tot”: Die Rettung des Dax-Konzerns Hypo Real Estate gefährdet Peer Steinbrücks Ziel, bis 2011 einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen. Angesichts der Finanzmarktkrise aber ist ihm dies nun zweitrangig. AFP SZ 01.10.2008 Außenansicht. Der Markt muss der Gesellschaft dienen. Erkenntnisse aus dem Zusammenbruch der Banken: Nicht die Akteure sind korrupt – das System, in dem sie agieren, ist es. Friedhelm Hengsbach Themen des Tages Zitat BRD Seite 22 kA Außenansicht. Der Markt muss der Gesellschaft dienen. Erkenntnisse aus dem Zusammenbruch der Banken: Nicht die Akteure sind korrupt – das System, in dem sie agieren, ist es. Von Friedhelm Hengsbach. Jeder kehre vor seiner Tür ” – so reagierte der deutsche Wirtschaftsminister Michael Glos auf den Wunsch der amerikanischen Regierung, die wirtschaftlich führenden Nationen möchten das Rettungspaket für notleidende Banken mittragen. Auch der deutsche Finanzminister teilte mit, Deutschland und die Partnerländer in der G 7 hätten diesen Wunsch der Vereinigten Staaten abgelehnt. Denn es handle sich hier vor allem um ein amerikanisches Problem. Im Umgang mit der Immobilien-, Kredit-, Banken- und Finanzkrise zeigen sich bei den Finanzexperten und Politikern seltsame Reaktionsweisen. Die meisten haben zunächst abgewiegelt: Es gehe hier um ein partielles, überschaubares Problem, das man im Griff behalte. In der Folge werden einzelne Händler als gierig geächtet, weil sie ahnungslose Häuslebauer über den Tisch gezogen hätten. Oder man empört sich über die grobe Fahrlässigkeit von Ressortchefs in Investmentgesellschaften, die entweder die Geschäfte der Händler überhaupt nicht durchschaut, durch Wegsehen geduldet oder diese durch Gehaltsanreize gar in eine Profitjagd getrieben hätten, die sie irrational und blind fürs Risiko handeln ließ. Dabei sind doch in erster Linie nicht die einzelnen Akteure als korrupt einzustufen, sondern das Regelsystem selbst. Bemerkenswert ist, dass die Verkettung finanzieller Risiken von vielen Finanzexperten nicht wahrgenommen wurde. Geschäfts- und Kreditrisiken, die ein einzelnes Institut treffen, würden sich eingrenzen lassen, wurde allgemein vermutet; auch solche Risiken, die angrenzende Finanzunternehmen infizieren würden. Dass diese jedoch im gesamten Finanzsystem ein Beben auslösen könnten, dass Unternehmen der Realwirtschaft und insbesondere kleine und mittlere Unternehmen daher keine Investitionskredite mehr bekommen, dass das realwirtschaftliche Wachstum abgesenkt und so der Wohlstand ganzer Bevölkerungsgruppen gefährdet wird, lag außerhalb eines Blickwinkels, der nur auf Ereignisse innerhalb der monetären Sphäre gerichtet ist. Die Kurzatmigkeit und die Tendenz zur Übertreibung in einer Phase des Börsenaufschwungs hängt wohl auch mit dem verbreiteten Aberglauben der Finanzexperten zusammen, dass die Selbstheilungskräfte des Marktes jene Risiken, die in der einen Sparte auftreten, ausgleichen und über diverse Marktsegmente streuen werden. Und dass sich künftige Risiken bereits in den aktuellen Signalen ankündigen, die Aktienkurse geben. Einige hielten die Signale der Kapitalmärkte bereits für ein wirksames Instrument, um nationale Regierungen zu einer „vernünftigen” Wirtschaftspolitik zu nötigen. Sie nannten die Finanzmärkte gar die fünfte Gewalt in der Demokratie. Es könnte sein, dass die heftige Rivalität zweier Finanzstile durch die Krise an Schärfe verliert. Manche sprechen gar von einem Punktsieg des kontinentaleuropäischen über das anglo-amerikanische Finanzsystem, der sich in dem Aus der führenden amerikanischen Investmentbanken äußere. Das eine Finanzsystem gilt als vom Wertpapiermarkt getrieben, das andere als dominiert von Banken. Das anglo-amerikanische System sei dynamischer, kurzatmiger und profitabler, allerdings auch riskanter, meinte man, während das europäische System behäbiger, nachhaltiger und mit geduldigen Aktionären versehen sei. Im Finanzkapitalismus der USA gelte das Unternehmen als Kapitalanlage für institutionelle, offensiv agierende Anteilseigner, das gekauft und verkauft wird, um eine höhere Rendite zu erzielen – während die Unternehmen im korporativen Kapitalismus des Euroraums als ein Verband von Personen angesehen werden, in dem die Interessen aller gewährleistet bleiben, die sich darin engagieren. Das Urteil deutscher Politiker, dass die Finanzkrise ein Problem der USA sei, ist insofern verständlich, als von dort die Immobilien- und Hypothekenkrise, der Handel mit riskanten Krediten sowie die Gründung von Zweckgesellschaften außerhalb der Bankbilanzen ausging. Und weil in Deutschland die Euphorie über das exklusive Investmentbanking abgeklungen ist. Auch das Meinungsbild über die Stärken einer Universalbank ist unter den Finanzexperten wieder positiv. Die Großbanken haben selbst die Reißleine gezogen und sich wieder dem Privatkundengeschäft zugewandt, wenngleich in der Form fragwürdiger Fusionen. Trotzdem: Das politische Urteil bleibt oberflächlich. Denn indirekt werden alle Länder der Welt in eine amerikanische Finanzkrise hineingezogen. Allein aus eigener Kraft stemmen die Vereinigten Staaten die öffentliche Rettungsaktion nicht. Der Wertverlust des Dollar, eine unberechenbare Geld- und Finanzpolitik der USA, wachsende Staatsschulden und Leistungsbilanzdefizite werden das Wachstum in der Welt beeinflussen. Außerdem sieht es so aus, als ob die Episode der unilateralen Hegemonie der USA mehr und mehr durch ein multilaterales Regime der vorhandenen Wirtschafts- und Währungsräume sowie der aufsteigenden Schwellenländer abgelöst wird. Die Bewältigung der Finanzkrise ist eine globale und politische Herausforderung. Erstens sollte das Gespür dafür wieder geweckt werden, dass jeder Markt, also auch die Wertpapiermärkte, ein gesellschaftliches, kulturelles Geschehen sind, das den Normen der Gerechtigkeit und Fairness unterworfen ist. Der frühere Bischof von Limburg, Franz Kamphaus, hat dies einmal auf den Punkt gebracht: Früher war der Dorf- und Marktplatz von Kirche, Rathaus, Schule und Krankenhaus umgeben. Ohne diese gesellschaftlichen Einrichtungen hätte es also keinen Markt gegeben. Dies gilt auch für die globalen Finanzmärkte von heute. Zweitens sind erhebliche mentale und politische Korrekturen bei Finanzakteuren und Politikern zu erwarten. Die Finanzexperten sollten anerkennen, dass die Stabilität der monetären Sphäre sowie das Bankensystem ein öffentliches Gut sind, das mehr ist als die Summe der Renditen der Finanzunternehmen. Auch die internationale Finanzwirtschaft untersteht dem öffentlichen Mandat, die Lebensqualität der Weltbevölkerung, vor allem der Armen, zu mehren. Die Politiker sollten jene Gesetze überprüfen, die den Finanzinvestoren und aggressiven Kurssicherungsfonds eine privilegierte Stellung eingeräumt haben. Drittens sollten politische Interventionen nicht kurzatmig und nicht übertrieben ausfallen. Die öffentliche Aufsicht, Prüfung und Kontrolle sollte sich auf alle Finanzunternehmen, auf alle Finanzplätze und präventiv auf alle angeblich innovativen Finanzdienste erstrecken. Der Jesuit Friedhelm Hengsbach, 71, emeritierter Professor für christliche Gesellschaftsethik, leitete bis 2006 das Oswald-von-Nell-Breuning-Institut in Frankfurt am Main. SZ 01.10.2008 Weltwirtschaft am Abgrund. kA Alexander Hagelüken Meinungsseite Kommentar USA Seite 4 Leitartikel Weltwirtschaft am Abgrund. Von Alexander Hagelüken. Als am 11. September 2001 in New York die Türme zerbarsten, verlor der Aktienindex Dow Jones auf einen Schlag 700 Punkte. Der Absturz war ein Symbol dafür, dass die amerikanische Nation im Innersten getroffen war. Mit der tiefverwurzelten Sicherheit, als Amerikaner vom Angriff fremder Mächte auf die Heimat verschont zu sein, war es auf einmal vorbei. Es folgten Jahre der Unsicherheit, Panik und Hysterie. Als am Montagabend das Rettungspaket für die US-Banken vorläufig scheiterte, fiel der Dow Jones noch ein paar Punkte mehr als am 11. September. Dieser Absturz symbolisiert, wie stark die Finanzkrise inzwischen Menschen auf dem ganzen Erdball erschüttert. Längst geht es nicht mehr allein um Aktienanleger. Weil in den USA und Europa Banken zusammenbrechen, fürchten Sparer um ihre überschaubaren Ersparnisse. Weil die Krise Staaten in die Rezession drückt, fürchten Beschäftigte um ihren Arbeitsplatz. Die Menschen müssen sich auf eine lange Zeit der Unsicherheit einstellen. Fast täglich werden Gewissheiten entwertet, die bisher Sicherheit garantierten. In Konkurs gehen nur wild spekulierende Investmentbanken? Nein, in den USA kollabieren auch normale Geldhäuser. Es trifft nur Amerika? Keineswegs, in ganz Europa straucheln Banken. Deutsche Konzerne sind konservativ und unverwundbar? Von wegen, Hypo Real Estate stand Millimeter vor der Pleite. Wenn die Menschen unsicher werden, bedroht das die Existenz eines Wirtschaftssystems, das zuallererst auf Vertrauen aufgebaut ist. Keine Währung ist heute mehr voll durch Goldbarren abgesichert. Kein Sparkonto ist durch reale Werte wie Autos oder Wohnungen abgedeckt, die einem die Bank im Notfall übergeben würde. Das ganze System basiert auf dem Zutrauen, dass all die virtuellen Billionensummen tatsächlich zur Verfügung stehen. Wenn aber Sparer das Vertrauen verlieren und die Filialen stürmen, bricht das System zusammen. Dann verlieren nicht einfach Banker ihre Millionengagen und Aktionäre ihre Dividenden. Dann bekommen Firmen keinen Kredit mehr, und die Maschinen stehen still. Weil die Menschen derzeit in rasantem Tempo unsicher werden, steht die Weltwirtschaft am Abgrund. Da alles auf Vertrauen gründet, ist es suizidal, dass die Finanzbranche so viel Vertrauen verspielt hat. Wozu sind Banken da? Sie sollen vor allem Firmen und Verbraucher mit Geld versorgen, damit die produzieren und konsumieren können. Von dieser Aufgabe haben sich viele Banken weit entfernt. Nun herrscht überall Argwohn. Die Geldhäuser leihen sich untereinander kein Geld mehr, selbst für üblicherweise sichere Geschäfte wie bei Hypo Real Estate nicht. Weil das Vertrauen fällt, kann nun nur noch der Staat die Weltwirtschaft retten. Politiker haben inzwischen mehr Autorität als Finanzleute. Mit dieser Autorität können sie zum Beispiel versichern, dass es in Deutschland große Finanzhäuser mit viel Kundengeld gibt, die kein Sturm so leicht umbläst. Und Politiker können wackelnde Banken retten. Wenn deren Pleite das ganze System bedroht wie bei Hypo oder Fannie Mae, müssen sie es sogar. Das Scheitern des US-Rettungspakets zeigt aber, welches Legitimationsproblem auch die Politiker im Moment haben. Selbst bei Amerikas Bürgern, nie des Sozialismus verdächtig, ist es unpopulär, die Wall Street rauszuboxen. Denn Investoren und Banker haben in den vergangenen Jahren die Wirtschaft in den USA und Europa auf maximale Rendite getrimmt. Risiken spielten kaum eine Rolle, die Interessen der Arbeitnehmer oft auch nicht. Die Spaltung in Arm und Reich nahm zu. Die Menschen wollen nicht auf ihre Kosten den Finanzkapitalismus wiederhergestellt sehen, damit dieser weiterläuft wie bisher. Wenn die Regierungen den Banken helfen, müssen die Bürger das Gefühl bekommen, dass die Branche und ihre Aktionäre dafür bezahlen. Am besten gleich. Oder, wenn dies wegen der Lage der Institute schwer möglich ist, durch Steuern zu einem späteren Zeitpunkt. Die Politiker sollten noch einen Schritt weitergehen: In den vergangenen Jahren haben sie es Investoren und Banken überlassen, die Wirtschaft umzuformen. Hedgefonds durften von Karibikinseln aus Firmen schlucken, ohne jede Kontrolle. Die Ackermänner in den Chefetagen durften 25 Prozent Rendite als Ziel vorgeben, dem sich alle Arbeitnehmer unterzuordnen hatten. Jetzt muss die Politik wieder Mitbestimmung durchsetzen. Ob die Menschen trotz ihrer Unsicherheit ein gewisses Vertrauen ins Finanzsystem behalten, hängt auch von dieser Frage ab: Gewinnen sie Vertrauen, dass es im Kapitalismus halbwegs gerecht zugeht? Wenn Banker ihre Probleme auf den Steuerzahler abwälzen dürfen und Rendite der einzige Maßstab für die Wirtschaft ist, wird dies niemand glauben. Natürlich kann ein Präsident wie George W. Bush nicht glaubwürdig verkörpern, dass er für einen gerechten Ausgleich steht. Deshalb fällt er als Krisenmanager aus. Abgeordnete und Wähler sollten deshalb jetzt schon die Hoffnung in seinen Nachfolger setzen. Denn so monströs das US-Rettungspaket erscheint: Es ist nötig, um die Vertrauensbaisse des Finanzsystems auszugleichen. Denn es könnte auch durchaus noch schlimmer kommen. SZ 01.10.2008 Blick in die Presse. kA kA Meinungsseite Zitat global Seite 4 kA Blick in die Presse. Die Domino-Banken. Der Züricher Tages-Anzeiger schreibt zum Übergreifen der US-Finanzkrise auf Europa: „Gerade noch war die Bankenkrise in den USA ein Schauspiel in sicherer Distanz. Nun ist alles anders geworden: Plötzlich stehen auch in Europa Finanzinstitute vor dem Abgrund. Noch können einzelne Staaten die taumelnden Finanzinstitute auffangen und mit Steuergeldern vor dem Bankrott retten. Sollten noch mehr Banken wie Dominosteine fallen, reichen Improvisation und Geldmittel nicht mehr. Längerfristig müssen die Mitglieder der Europäischen Union ihre nationalen Egoismen überwinden und die Aufsicht über ihre zersplitterten Finanzmärkte zentralisieren.” Ein zweiter 11. September. Das Scheitern des von US-Präsident Bush vorgeschlagenen 700-Milliarden-Rettungsplans kommentiert La Repubblica (Rom): „Es gibt ein schwarzes Loch im Herzen der Finanz-Katastrophe. Wir alle stehen am Rand des Schlunds, der durch das Versagen der US-Präsidentschaft entstanden ist. Diese ist nicht einmal mehr in der Lage, die eigene Partei hinter sich zu vereinen. Diese Tage scheinen ein zweiter 11. September zu sein.” Die Macht des Abstrakten. Über die Auswirkungen der Finanzkrise auf die Bürger heißt es in der französischen Tageszeitung La Croix: „Die Bürger fragen sich, inwiefern die Finanzkrise sie betrifft. Gewiss sind Kredite schwerer zu bekommen, der Immobilienmarkt verlangsamt sich. Doch die Bilder von US-Familien, die ihre Häuser verlassen müssen, weil sie ihre Kredite nicht zurückzahlen können, scheinen noch weit entfernt. Die Krise ist allgegenwärtig und bleibt trotzdem abstrakt – so wie das globale Finanzsystem, das von der wirklichen Wirtschaft abgekoppelt scheint, aber eine Macht darstellt.” SZ 01.10.2008 „Opfer des Kasinos”. Lateinamerika erlebt die schwersten Kurseinbrüche seit Anfang des Jahrzehnts. Steffen Heinzelmann Geld Bericht Südamerika Seite 27 kA „Opfer des Kasinos”. Lateinamerika erlebt die schwersten Kurseinbrüche seit Anfang des Jahrzehnts. München – Erst eine Notbremse hat den Händlern an der brasilianischen Börse am Montagnachmittag eine Atempause verschafft. Zuvor war der Leitindex Bovespa in São Paulo innerhalb weniger Stunden um mehr als zehn Prozent eingebrochen, der Handel in der Wirtschaftsmetropole wird bei diesem Wert automatisch unterbrochen. Die halbe Stunde Zwangspause nutzte jedoch wenig. Anschließend sackte der Bovespa weiter ab, gezogen von stürzenden Aktienkursen des staatlichen Ölkonzerns Petrobras und des Stahlrohrbauers Tenaris. Nach weiterem Auf und Ab hatten die Händler bei Börsenschluss am wichtigsten Finanzplatz Südamerikas den schlimmsten Kursverlust seit neun Jahren miterlebt: 9,4 Prozent minus an einem Handelstag. Auch andere südamerikanische Staaten erlitten einen lunes negro, einen „schwarzen Montag”. In Mexiko, Argentinien, Chile und Peru fielen die Kurse zwischen Morgengrauen und Abenddämmerung um fünf bis neun Prozent – so stark wie seit Anfang des Jahrzehnts nicht mehr. „Welche Krise?” – mit diesen Worten hatte noch vor einer Woche Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva Fragen von Journalisten nach den Folgen der weltweiten Finanzkrise abgewürgt; sowohl die Schuldigen als auch die Betroffenen des wirtschaftlichen Erdbebens machte er nur auf der Nordhalbkugel der Erde aus, in New York, Washington und London. Nach dem Kurssturz am Montag wirkte Lula angespannter: Die USA und andere reiche Länder müssten Verantwortung für die Finanzkrise übernehmen, forderte er. Die Industrienationen müssten helfen, Schaden von den Entwicklungsländern abzuwenden. Die ärmeren Staaten der Welt dürften nicht zu „Opfern des Kasinos werden, das von der US-Wirtschaft errichtet wurde”, verlangte der linke Präsident. Tatsächlich wächst in fast allen Staaten Südamerikas die Sorge, der verheißungsvolle Aufschwung der vergangenen Monate könnte ein rasches Ende finden: Um neun Prozent war die Wirtschaft vergangenes Jahr in Peru gewachsen, Argentiniens Regierung meldete kaum weniger, Kolumbien immerhin 7,5 Prozent. Die weltweite Nachfrage nach Rohstoffen wie Erdöl und Kupfer, aber auch nach Soja, Weizen und Fleisch hat den Exporthandel auf dem Kontinent angeheizt; gleichzeitig sind Unternehmen wie der brasilianische Bergbaukonzern Vale oder der Zementgroßfabrikant Cemex aus Mexiko zu Weltmarktführern aufgestiegen. Wegen dieser internationalen Verflechtung und weil vielen Anlegern in der Finanzkrise die Freude an den immer noch als risikoreich geltenden Aktien und Landeswährungen Lateinamerikas vergangen ist, blieb der wirtschaftliche Abschwung der vergangenen Monate für die Südamerikaner nicht ohne Folgen. Seit Dezember 2007 sanken die Aktienindizes an den wichtigsten drei Börsen Lateinamerikas: Der IPC in Mexiko verlor innerhalb dieses Zeitraums ein Fünftel an Wert, in Brasilien und Argentinien büßten die Indizes sogar mehr als ein Viertel ein. Besonders bange blicken die Mexikaner auf die Ereignisse beim Nachbarn am Nordufer des Rio Grande. Wenn die USA husten, dann erkrankt Mexiko an Grippe – dieses Sprichwort beschreibt die wirtschaftliche Abhängigkeit zwischen beiden Ländern treffend. Mexiko schickte 82 Prozent seiner Exporte im vergangenen Jahr in die USA, in riesigen Fabriken entlang der Nordgrenze fertigen schlecht bezahlte Arbeiter Waren für die US-Amerikaner. Wegen der schwächelnden Konjunktur in den USA blieb Mexikos Wirtschaftentwicklung deshalb in den vergangenen Monaten hinter der in anderen Staaten Südamerikas zurück. Angesichts des größten Absturzes an der mexikanischen Börse seit dem Jahr 2000 befürchten Ökonomen jetzt keine Grippe mehr, sondern einen Schwächeanfall der Wirtschaft. „Die derzeitige Finanzkrise ist die schlimmste, die ich je in meinem Leben durchgemacht habe”, warnte der Unternehmer Carlos Slim Helú. Der 68-Jährige ist der zweitreichste Mann der Welt. „Sie ist komplizierter als die von 1929.” Die Mexikaner befürchten nicht nur fehlende Exporte und das Ausbleiben von US-Urlaubern. Auch die Überweisungen von Auswanderern in den USA, neben Ölgeschäft und Tourismus die wichtigste Stütze der Wirtschaft, könnten zurückgehen. Er rechne bereits 2008 mit einem Minus von einem Fünftel, warnte Rogelio Ramírez de la O, Wirtschaftswissenschaftler und Leiter des Instituts Ecanal in der Hauptstadt. Eine Million Menschen könnten in diesem Jahr wegen der Krise ihre Arbeit verlieren, 2009 noch einmal 1,5 Millionen, sagte er. Auch das Wachstum könnte erlahmen. Raúl Feliz vom Forschungszentrum Cide erwartet für 2009 nur noch die Hälfte der drei Prozent, auf die die Regierung hofft. Steffen Heinzelmann „Welche Krise?”, hatte Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva noch vor einer Woche gefragt. Inzwischen scheint er weniger gelassen. SZ 01.10.2008 Die Finanzkrise auf Weltreise. kA kA Geld Meldung global Seite 26 kA Die Finanzkrise auf Weltreise. Die Krise könne nicht so dramatisch werden, meinten Experten vor noch nicht allzu langer Zeit. Immerhin seien die Risiken sehr breit gestreut. Nun ist die Krise dramatisch – und weil die Risiken breit gestreut sind, sind sie überall. Nachdem das Finanzbeben in den vergangenen Wochen vor allem die Wall Street erschüttert hatte, reichen die Schockwellen dieser Tage bis nach Lateinamerika, Europa und Asien. Sie treffen zunächst die Finanzbranche. Immer häufiger müssen Regierungen einspringen, um Geldinstitute zu retten. In vielen Ländern ist das politisch durchaus umstritten, denn das Geld fehlt anderswo. Irgendwann müssen die Steuerzahler ran. Dies wird die Wirtschaftsentwicklung vielerorts bremsen. SZ 01.10.2008 Bonjour Tristesse. Düstere Stimmung in Frankreich: Die Arbeitslosigkeit steigt so stark wie seit 15 Jahren nicht. Michael Kläsgen Geldaft Bericht Frankreich Seite 27 kA Bonjour Tristesse. Düstere Stimmung in Frankreich: Die Arbeitslosigkeit steigt so stark wie seit 15 Jahren nicht. Paris – Alle Wirtschaftskennziffern stehen auf Rot. Die jüngste Hiobsbotschaft in Frankreich kam vom Arbeitsmarkt. Die Regierung meldete am Dienstag den stärksten Anstieg der Arbeitslosigkeit seit 15 Jahren. Ursache sei die weltweite Finanzkrise, sagte der für Beschäftigung zuständige Staatssekretär Laurent Wauquiez. Kritiker vom ganz rechten und linken Parteienspektrum hielten dies für ein Ablenken von Fehlern der Regierung und verwiesen auf Länder wie Deutschland. Paris hält gleichwohl am Ziel der Vollbeschäftigung im Jahr 2012 fest. Vorerst stieg die Zahl der Arbeitslosen jedoch auf knapp zwei Millionen Menschen. Als arbeitslos gilt, wer vorher ohne Job war, sofort verfügbar ist und aktiv nach einer unbefristeten Vollzeitstelle sucht. Zuvor war die Arbeitslosigkeit seit 2005 kontinuierlich, wenn auch mit Ausnahmen, zurückgegangen und erreichte Anfang dieses Jahres den niedrigsten Stand seit zwölf Jahren. Jetzt prophezeite Wauquiez: „Die Lage auf dem Arbeitsmarkt wird für mindestens ein Jahr schlecht bleiben.” Besonders betroffen sind Langzeitarbeitslose, Zeitarbeiter und Arbeitnehmer über 55 Jahren. Für die jungen Arbeitslosen will die Regierung staatlich subventionierte Jobs schaffen. Davon abgesehen sind der Regierung weitgehend die Hände gebunden. Es gebe aber weder ein Spar- noch ein Konjunkturprogramm, betonte Staatspräsident Nicolas Sarkozy. Die Franzosen sollten sich dennoch auf schwierige Zeiten einrichten. Das voraussichtliche Wirtschaftswachstum korrigierte die Regierung auf ein Prozent in diesem Jahr und auf ein Prozent plus X 2009. Die steigende Arbeitslosigkeit und das sinkende Wachstum befeuern zudem die Staatsverschuldung. Sie kletterte auf den Negativ-Rekord von 1268 Milliarden Euro. Das Ziel, 2012 einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen, hob Paris auf. Wirtschaftsexperten zweifeln, dass Frankreich das EU-Defizitkriterium von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts in diesem Jahr einhalten kann. Noch geht Paris offiziell davon aus. Um die Finanzen aufzubessern, erhöhte die Regierung hier und da die Steuern, nachdem sie noch vor einem Jahr Steuergeschenke in Milliardenhöhe vor allem an Wohlhabende verteilt hatte. Die Opposition kritisierte beide Maßnahmen als verfehlt. Höhere Steuern belasteten die Kaufkraft, bemängeln Kritiker, die seit langem eines der größten Streitthemen im Land ist. Denn ihr Sinken vergrätzt die Bevölkerung, die ohnehin verunsichert ist, weil die seit einer Dekade gestiegenen Immobilienpreise zu bröckeln beginnen. Noch ist ein Absturz der Preise wie in den USA, Großbritannien oder Spanien aber nicht erfolgt. Auch der Bankensektor blieb bis jetzt weitgehend verschont. Bislang half Frankreich nur der belgischen Bank Dexia, an der die französische Staatsbank CDC beteiligt ist, mit einer Drei-Milliarden-Euro-Spritze. Damit hält Frankreich nun mehr als 25 Prozent an der Bank. Zu ihrer Rettung hatte Sarkozy am Dienstag um fünf Uhr morgens eine Sitzung einberufen, um 10:30 Uhr folgte ein Treffen mit allen Banken- und Versicherungschefs des Landes. Anderthalb Stunden später lobten diese unisono den Sektor in Frankreich als solide und stabil. Es gebe keinen Grund zur Panik. Sarkozy erinnerte sie an ihre Aufgabe, die Wirtschaft und die Privathaushalte mit Krediten zu versorgen. Demnächst will er konkreter werden. Das Treffen diente zudem der Vorbereitung eines Weltwirtschaftsgipfels in Paris. Auf dem will Sarkozy in seiner Eigenschaft als EU-Ratspräsident dafür werben, die Finanzmärkte auf eine neue Grundlage zu stellen. Michael Kläsgen SZ 01.10.2008 Die Allianz der Streithähne. Belgien schnürt ein Rettungspaket von acht Milliarden Euro, um zwei Banken zu schützen. Cornelia Bolesch Geld Bericht Belgien Seite 26 kA Die Allianz der Streithähne. Belgien schnürt ein Rettungspaket von acht Milliarden Euro, um zwei Banken zu schützen. Brüssel – Im Regierungssitz an der Rue de la Loi war es schon die zweite Nacht, in der die Lichter nicht ausgingen. Nach einer stundenlangen Krisensitzung gibt Belgiens Premier Yves Leterme am Dienstagmorgen bekannt, dass sich wieder einmal innerhalb kürzester Zeit mehrere EU-Staaten zusammentun mussten, um grenzüberschreitend eine Bank zu retten. Diesmal ist es der belgisch-französische Immobilienfinanzierer Dexia, den die Regierungen von Belgien, Frankreich und Luxemburg mit insgesamt 6,4 Milliarden Euro Steuergeld stützen. Einen Tag zuvor haben Belgien und Luxemburg zusammen mit den Niederlanden bereits 11,2 Milliarden Euro bereitgestellt, um den europäischen Finanzkonzern Fortis zu retten. Die staatliche Nothilfe kam zwei Geldhäusern zugute, deren Zusammenbruch nicht nur in der Finanzwelt Spuren hinterlassen, sondern die Stabilität ganzer Gemeinwesen bedroht hätte. Fortis ist der größte Arbeitgeber und die größte Bank in Belgien. Fast jeder zweite belgische Haushalt hat dort sein Konto. Dexia wiederum ist der größte Kreditgeber für viele Kommunen in dieser europäischen Region. Das Führungspersonal der beiden Banken hat die staatliche Rettungsaktion nicht überlebt und ist zurückgetreten. Zurückgeblieben sind Politiker, die sich, vor allem in Belgien, noch schwertun werden, ihre „wichtige und komplexe” Hilfsaktion (Leterme) auf Dauer zu bewältigen. Besonders Belgien ist nicht gerade in bester Verfassung, um finanzielle Risiken zu schultern. Das Land ist traditionell hoch verschuldet. Darüber hinaus leistet es sich wegen der Spannungen zwischen seinen Volksgruppen seit eineinhalb Jahren eine politische Dauerkrise. Die hat den Ruf Belgiens als Kreditnehmer weiter beschädigt. Laut einem Bericht der ING Bank muss der belgische Staat wegen seiner internen Instabilität inzwischen einen satten Risikoaufschlag zwischen 15 und 30 Millionen Euro jährlich zahlen, wenn er selbst an Kredite kommen will. Doch die Politiker sehen keine Alternative. Es ging dabei weniger darum, ob die betroffenen Banken tatsächlich unsolide sind, sondern vielmehr darum, ob man sie für unsolide hält. Die Teil-Verstaatlichung soll etwas Flüchtiges und Kostbares wiederherstellen: Vertrauen. Luxemburgs Premier Jean-Claude Juncker rief, fast ein wenig hilflos, die Börsenspekulanten auf, „ihre Kasino-Spiele” mit den Bankaktien einzustellen. Viele Banken seien kerngesund. Um Vertrauen zu produzieren, übernimmt allein das hochverschuldete Belgien jetzt also für 4,7 Milliarden Euro 49 Prozent der Anteile des belgischen Zweigs von Fortis. Und zahlt zusätzlich drei Milliarden Euro in eine Kapitalerhöhung von Dexia. Die Region Flandern zahlt davon 500 Millionen Euro, die Wallonie steuert 350 Millionen bei, und die Region Brüssel haftet für 150 Millionen Euro. Dieses belgische Gemeinschaftswerk kommt der Zeitung Het Nieuwsblad wie ein Lichtblick in der dunklen Finanzkrise vor. „Zum ersten Mal seit einem Jahr funktioniert das belgische System im Interesse der Bevölkerung”, freut sich der Kommentator. Belgien wäre aber nicht Belgien, wenn die politische Harmonie von Dauer wäre. Der Führer der wallonischen Sozialisten, Elio Di Rupo, knöpft sich bereits wieder seinen Lieblingsfeind in der Wallonie, den liberalen Finanzminister Didier Reynders vor. Der habe doch noch vor einer Woche behauptet, es gebe keine Probleme mit den belgischen Banken. Der habe doch immer der „Deregulierung” und den „freien Märkten” das Wort geredet und die wallonischen Sozialisten, die das Kapital kontrollieren wollen, „Sowjets” genannt. Di Rupo sieht jetzt die Zeit der Abrechnung gekommen. Im Juni 2009 finden in Belgien Regionalwahlen statt. Cornelia Bolesch Kunden warten in einer Filiale der Dexia Bank, die mit Steuergeld gestützt werden musste. SZ 01.10.2008 „Keine Region ist immun”. Die Weltwirtschaft leidet unter dem Börsenkrach. Experten sagen: Europa trifft es härter als die USA. Karl-Heinz Büschemann Wirtschaft Bericht global Seite 26 kA „Keine Region ist immun”. Die Weltwirtschaft leidet unter dem Börsenkrach. Experten sagen: Europa trifft es härter als die USA. Von Karl-Heinz Büschemann. München – Manchmal liegt Hannover im Zentrum der Welt. Die internationale Messe für Lastwagen und Busse, die gerade in der niedersächsischen Landeshauptstadt stattfindet, eignet sich gut als Konjunkturbarometer für die ganze Welt. Die Hersteller von Lastwagen spüren früh, wenn irgendwo die Konjunktur in die Knie geht. Sobald die Wirtschaft etwas schlechter läuft, bestellen die Unternehmen weniger Lastwagen. Viele Jahre konnte sich die Branche über wachsenden Absatz freuen. Dieses Jahr allerdings ist die Stimmung in Hannover nicht gut. Der schwedische Lkw-Hersteller Volvo will seine Produktion drosseln. „Die Nachfrage nach Lkws in Europa schwächt sich ab”, erklärt der Hersteller von Marken wie Volvo, Renault oder Nissan Diesel. Dafür sei die Finanzkrise mitverantwortlich, erklärten die Schweden. Viele Kunden bekämen von ihren Banken die nötigen Kredite zum Kauf der Fahrzeuge nicht mehr und sähen skeptisch in die Zukunft. Auch die Lkw-Manager von Daimler haben ihre frühere Zuversicht verloren. „Das wirtschaftliche Umfeld gibt unserer Branche keinen Rückenwind”, sagt der Daimler-Lkw–Chef Andreas Renschler in Hannover. Die Dynamik des Wachstums lasse nach. Für 2009 erwartet er „schwierige Rahmenbedingungen”. Der Absatz in Japan bleibe hinter den Erwartungen zurück, klagt Renschler. Die Lage in den USA sei „angespannt”, auch in Europa werde es „deutliche Rückgänge geben”. Die Gefahr der Rezession. Auch andere Branchen der sogenannten Realwirtschaft beklagen, dass sie von der Wucht der Finanzkrise getroffen werden. So ging der weltweite Flugverkehr im August zum dritten Mal in Folge zurück. Der Frachtverkehr in der Luft habe um 2,7 Prozent abgenommen und der Passagierverkehr habe nur um enttäuschende 1,3 Prozent zugelegt, erklärte die Internationale Flug-Transport-Vereinigung IATA am Dienstag. „Die Abnahme in den drei aufeinanderfolgenden Monaten ist ein deutliches Zeichen, dass der Welthandel sich verlangsamt”, sagte der IATA-Generaldirektor Giovanni Bisignani. Das zeige, wie stark die Weltwirtschaft bereits unter der Finanzkrise leide. Die Fluggesellschaften der Welt würden in diesem Jahr Verluste von 5,2 Milliarden Dollar einfahren. „Die Krise der Luftfahrtindustrie verstärkt sich, und keine Region ist immun”, sagt Bisignani. Der Zusammenbruch des amerikanischen Immobilienmarktes und die folgende Finanzkrise sind in den meisten wichtigen Volkswirtschaften der Welt bereits spürbar. „Die Wachstumsaussichten sind weltweit eingetrübt”, sagt Stefan Bielmeier von der Analyseabteilung der Deutschen Bank, DB Research in Frankfurt. Trotz aller Unkenrufe über den kritischen Zustand der amerikanischen Wirtschaft und die dort bevorstehende Rezession sieht der Frankfurter Wirtschaftsexperte für Europa viel schwärzer als für die Vereinigten Staaten. „Die Rezessionsgefahr ist in Europa am größten”, sagt er. Die amerikanische Wirtschaft sei flexibler, sie habe mehr Möglichkeiten, sich wieder aus der Krise herauszumanövrieren. „Dort wird die Gesundung schneller kommen”, sagt der Konjunkturexperte. Auch Japans Wirtschaft werde unter den Folgen der Finanzkrise noch länger zu leiden haben. China wächst trotzdem. Die Turbulenzen an den Börsen und der Zusammenbruch zahlreicher Banken ändern aber nichts an der bisher üblichen wirtschaftlichen Teilung der Welt. Auch wenn Kredite für Unternehmen nicht mehr so einfach zu haben sind wie in früheren Zeiten, wachsen die Schwellenländer weiterhin kräftig. Die Experten der Deutschen Bank erwarten für China auch im kommenden Jahr ein Wirtschaftswachstum von 8,9 Prozent. In diesem Jahr werden es noch zehn Prozent sein. Russland wird nach der Schätzung der Frankfurter Ökonomen im kommenden Jahr mit 7,6 Prozent aufwarten können. Die anhaltende Dynamik der aufstrebenden Länder werde dafür sorgen, dass das globale Wirtschaftswachstum im kommenden Jahr positiv bleiben werde. Was die Theoretiker sagen, spiegelt sich in der Praxis wider: Der schwedische Möbelhändler Ikea hat diese Teilung der Welt in Wachstums- und Krisenländer in den eigenen Büchern zu spüren bekommen. In den wichtigsten Märkten wie Deutschland, USA oder Großbritannien laufe die Konjunktur „leider besonders schlecht”, sagte der Unternehmenschef Anders Dahlvig. Doch die Öffnung neuer Häuser auch in Russland und China habe dafür gesorgt, dass Ikea im Ende August abgelaufenen Geschäftsjahr einen Rekordumsatz melden konnte. Mitten im allgemeinen Rätselraten über die wirtschaftlichen Aussichten meldete sich am Dienstag der Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise zu Wort. Der sieht die Entwicklung offenbar sehr entspannt. „Die Talsohle ist viel näher, als es derzeit den Anschein hat”, sagte er in Frankfurt. Obwohl sich die Kapitalmärkte derzeit in der schlimmsten Krise seit Ende der 20er Jahre befänden, gebe es bislang kaum Auswirkungen auf die Realwirtschaft. In Deutschland erwartet er für die kommenden Monate eine „Stagnation nach konjunktureller Vollbremsung”, aber keine Rezession. Ja, räumt Heise ein, an den Märkten herrsche gerade Verunsicherung, Irrationalität und teilweise sogar Hysterie. Aber er kommt zu dem Schluss: „Die Entwicklung ist derzeit so übersteigert, dass sie nicht mehr lange anhalten wird”. Auch Klaus Zimmermann, der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin, blickt gelassen auf die Finanzkrise. Die werde die Weltwirtschaft kaum erreichen und aus seiner Sicht auf keinen Fall in eine Rezession treiben. „Ein Abschwung wäre ohnehin gekommen”, sagt Zimmermann. „Es gibt keinen Grund für besondere Nervosität”. Die Mitarbeiter von Lehman Brothers, die mit Sack und Pack gehen mussten, verfolgt von Kameras, wurden zu Sinnbildern der Krise. Foto: Reuters In der Klemme: Die Finanzkrise lähmt die Weltwirtschaft. Aus einer Krise am amerikanischen Immobilienmarkt ist ein globales Problem geworden: Banken in aller Welt wackeln, in den USA, Belgien, Irland oder Deutschland. Längst ist das Krisenvirus auf Industriekonzerne und Mittelständler übergesprungen. Wann wird es für die Weltwirtschaft eng? SZ 01.10.2008 Hedgefonds im Mark getroffen. kA Reuters Geld Meldung global Seite 25 kA Hedgefonds im Mark getroffen. Hongkong – Die massive Vertrauenskrise der Anleger trifft in zunehmendem Maße auch die Hedgefonds. Viele Manager dieser hoch spekulativen Fonds stellen sich zum Quartalsende auf den Abfluss von Milliardensummen ein und horten ungewöhnlich hohe Barmittel, wie Branchenkenner am Dienstag sagten. Einige müssten zusätzlich auch Vermögenswerte unter Wert verkaufen, um die Gelder an die Investoren auszahlen zu können. Gründe für das Misstrauen sind die massiven Verluste vieler Fonds und der generelle Trend in der Finanzkrise zu sicheren Anlageformen. Die Folge: Immer mehr Hedgefonds verschwinden komplett vom Markt. „Ein Großteil der Fonds wird am Ende der Krise nicht mehr da sein”, sagte ein Investmentbanker. „Wir rechnen mit erheblichen Auszahlungsforderungen unserer Investoren bei der nächsten Gelegenheit”, erklärte der in der Schweiz ansässige Hedgefonds-Manager Absolute Capital, der im ersten Halbjahr rote Zahlen schrieb. Anleger können üblicherweise am Ende eines Monats oder Quartals Gelder von Hedgefonds abziehen. Reuters. SZ 01.10.2008 Die Finanzkrise erschüttert Europa: Ein Unternehmen in Not, viele Anleger in Sorge. Hypo Real Estate will sich nicht abwickeln lassen. Immobilienfinanzierer sieht sich als gerettet an: „Geschäft läuft ganz normal weiter”. Bundesbank und Finanzaufsicht Bafin halten dagegen Verwertung für möglich. Daniela Kuhr Geld Bericht BRD Seite 25 Die Finanzkrise erschüttert Europa Die Finanzkrise erschüttert Europa: Ein Unternehmen in Not, viele Anleger in Sorge. Hypo Real Estate will sich nicht abwickeln lassen. Immobilienfinanzierer sieht sich als gerettet an: „Geschäft läuft ganz normal weiter”. Bundesbank und Finanzaufsicht Bafin halten dagegen Verwertung für möglich. Von Daniela Kuhr. Berlin – Der Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate (HRE) sieht seine Zukunft als gesichert an. „Eine Abwicklung ist nicht geplant”, sagte ein Sprecher des Konzerns. „Wir sind ein völlig funktionsfähiges Unternehmen, das weiter Geschäft macht.” Der Konzern mit einer Bilanzsumme von 400 Milliarden Euro gehöre nach wie vor den Aktionären, und nur diese könnten einen Auflösungsbeschluss fassen. Damit widersprach er Bundesfinanzminister Peer Steinbrück. Dieser hatte am Vortag für Unruhe gesorgt, weil er mehrfach von einer „geordneten Abwicklung” gesprochen hatte, die nun anstehe. In der Nacht von Sonntag auf Montag hatten sich die privaten Banken, das Bundesfinanzministerium, die Bundesbank und die Finanzaufsicht Bafin auf ein Rettungspaket für die illiquide HRE geeinigt. Bei den Krisengesprächen war aus dem Kreis der Finanzwirtschaft an den Bund zunächst der Wunsch herangetragen worden, HRE zu verstaatlichen. Doch Steinbrück hatte das abgelehnt, „auch mit Blick auf die Selbstverantwortung der Banken”, wie er betonte. Insgesamt benötigte HRE liquide Mittel von 50 Milliarden Euro. 15 Milliarden Euro davon will sie nun selbst durch den Verkauf von Vermögenswerten aufbringen. 15 Milliarden Euro kommen in Form von Kreditlinien aus dem Bankensektor. Und weitere 20 Milliarden stellt die Europäische Zentralbank zur Verfügung. Das Zusammenschnüren dieses Rettungspakets ist nach Angaben von Steinbrück nur gelungen, weil sich der Bund bereit erklärte, die neu gewährten Kreditlinien mit einer staatlichen Garantie in Höhe von 35 Milliarden Euro abzusichern – „in der praktischen Erwartung, dass dieser Garantiefall vermieden wird”, sagte Steinbrück. „Theoretisch ist er aber nicht auszuschließen.” Sollte er eintreten, würden die privaten Banken allerdings 8,5 Milliarden Euro selbst tragen, sodass der Bund – und damit der Steuerzahler – mit maximal 26,6 Milliarden Euro einspringen müsste. Die staatliche Bürgschaft ist nicht die einzige Sicherheit, die sich die Banken ausbedungen haben. „Sie ist sogar nur nachrangig”, sagte der HRE-Sprecher. In erster Linie dient den Banken ein Forderungspaket der HRE als Sicherheit, das nominal 42 Milliarden Euro wert ist. Nach den strengen Bewertungsmethoden in der Finanzbranche liegt der Beleihungswert damit bei 15 Milliarden Euro. Zudem lassen sich die Kreditgeber sicherheitshalber die Aktien der vier HRE-Töchter abtreten. Technisch funktioniert das, indem sowohl das Forderungspaket als auch die Anteile der Tochtergesellschaften in eine Zweckgesellschaft übertragen werden. „Das geschieht alles nur sicherungshalber”, sagte der HRE-Sprecher. „Die vier Tochtergesellschaften bleiben unter dem Dach der HRE-Holding, und das Geschäft läuft unter der Verantwortung des HRE-Vorstands ganz normal weiter.” Ganz so optimistisch sieht man das außerhalb der HRE allerdings nicht. In einem Schreiben an Steinbrück malen Bafin und Bundesbank den Ernstfall bereits detailliert aus. „Bei einer schonenden Verwertung des Portfolios von 42 Milliarden Euro in einem günstigeren als dem heutigen Marktumfeld dürfte der Verwertungserlös die heute angesetzten 15 Milliarden Euro übersteigen”, heißt es in dem Brief, den Bundesbankpräsident Axel Weber, Bundesbank-Vize Franz-Christoph Zeitler und Bafin-Chef Jochen Sanio unterschrieben haben. Das Rettungspaket sei überzeugend, denn „anders als bei einer sofortigen Insolvenz wird eine geordnete und Substanz schonende Neustrukturierung der HRE-Gruppe durch einen den Wert erhaltenden Verkauf der Bankentöchter oder von deren Vermögenswerten ermöglicht.” Der HRE-Sprecher dagegen erwartet, dass es nicht so weit kommt. Die staatliche Ausfallbürgschaft komme nur unter drei Voraussetzungen zum Einsatz, sagte er. „Erstens müssen wir die neuen Kreditlinien überhaupt in Anspruch nehmen. Zweitens müssen wir in Zahlungsverzug geraten, und drittens müssen die Sicherheiten in der Zweckgesellschaft nicht ausreichen.” Erst dann greife die staatliche Bürgschaft. „Damit geht das Risiko, dass der Staat am Ende tatsächlich einspringt, gegen null.” Steinbrück drückte sich vorsichtiger aus. „Die Auswirkungen auf den Haushalt kann ich Ihnen nicht sagen”, sagte er bei der Vorstellung des Rettungspakets. „Nicht, weil ich geheimniskrämerisch bin, sondern weil keiner weiß, ob und in welcher Höhe die Garantie jemals abgerufen wird.” Im Haushalt ist ein Bürgschaftsrahmen von 95 Milliarden Euro für binnenwirtschaftliche Zwecke vorgesehen. Davon sind jetzt 87,6 Milliarden Euro verteilt. Das Budget ist also fast ausgeschöpft. Ein weiterer Fall Hypo Real Estate ließe sich nicht mehr so schnell erledigen. Es sei denn, Steinbrück würde den Rahmen erhöhen. „Aber damit beschäftige ich mich derzeit nicht”, stellte er klar. „Nicht einmal theoretisch.” SZ 01.10.2008 Imperialer Blues. Die Ära der Vereinigten Staaten ist vorbei. John Gray Feuilleton Zitat global Seite 15 kA Imperialer Blues. Die Ära der Vereinigten Staaten ist vorbei. Von John Gray. Unsere Aufmerksamkeit mag derzeit nur auf die kollabierenden Finanzmärkte gerichtet sein. Doch der Aufruhr, den wir erleben, ist mehr als eine Finanzkrise, egal, wie groß sie auch sein mag. Was gerade geschieht, ist eine historische geopolitische Wende: Das Gleichgewicht der Kräfte verändert sich, und zwar unwiderruflich. Die Ära der amerikanischen Führung ist vorbei. Man erkennt das schon allein daran, wie die Macht der USA in ihrem eigenen Hinterhof untergraben wird. Venezuelas Präsident Hugo Chávez kann die Supermacht necken und verspotten, so viel er will, bestraft wird er dafür nicht. Auf globaler Ebene wird Amerikas Schwäche noch deutlicher. Mit der Verstaatlichung zentraler Teile ihres Finanzwesens haben die Vereinigten Staaten ihr Credo der freien Märkte selbst zerstört. Eine ganze Regierungsform mitsamt ihrer Ökonomie ist kollabiert. Die Folgen werden so weitreichend sein wie beim Untergang der Sowjetunion. Seit dem Ende des Kalten Krieges haben amerikanische Regierungen andere Länder darüber belehrt, wie wichtig solide Finanzen seien. Indonesien, Thailand, Argentinien und verschiedene afrikanische Staaten mussten heftige Konjunkturabschwünge verkraften, um Hilfe vom Internationalen Währungsfonds (IWF) zu erhalten. Der IWF hat die amerikanische Orthodoxie weltweit durchgesetzt. Besonders China wurde pausenlos wegen der Schwäche seines Bankensystems schikaniert. Dabei ist es gerade seine Geringschätzung für Ratschläge aus dem Westen, das dieses Land so erfolgreich gemacht hat – und es sind nicht seine Banken, die gerade pleitegehen. Es war bezeichnend, dass chinesische Astronauten einen Weltraumspaziergang machten, während der amerikanische Finanzminister am Boden kniete. Obwohl die Vereinigten Staaten andere Länder unaufhörlich gedrängt haben, ihr Geschäftsmodell zu übernehmen, haben sie die eigene Wirtschaftspolitik völlig anders ausgerichtet. In all den Jahren, in denen die USA andere Länder bestraft haben, die finanziell unbesonnen auftraten, haben sie selbst riesige Kredite aufgenommen, um Steuerkürzungen und ihre immer gigantischere Ausmaße annehmenden Militäreinsätze zu bezahlen. Jetzt ist das Land auf ausländisches Kapital angewiesen. Und die Länder, die Amerikas Kapitalismusmodell verschmäht haben, bestimmen seine wirtschaftliche Zukunft. Wie US-Finanzminister Henry Paulson und Notenbankchef Ben Bernanke die amerikanischen Finanzinstitutionen zusammenflicken, ist jedoch weniger interessant als die Frage, was diese Rettung für die Stellung des Landes in der Welt bedeutet. Das Geschwätz über gierige Banken, das derzeit im US-Kongress ventiliert, lenkt von den echten Ursachen der Krise nur ab. Der schlimme Zustand der amerikanischen Finanzmärkte ist eine Folge davon, dass die Banken dort völlig frei agieren konnten. Dafür haben dieselben Gesetzgeber gesorgt, die die Krise nun beenden sollen. Amerikas politische Klasse trägt die Schuld am Chaos, weil sie immer auf dieselbe schlichte Ideologie der Deregulierung gesetzt hat. Der beispiellose Eingriff der Politik ist momentan das Einzige, was eine Marktkatastrophe abwenden kann. Als Folge davon wird Amerika aber noch stärker als zuvor von den aufstrebenden Mächten dieser Welt abhängig sein. Die Regierung sammelt noch größere Kredite ein als früher, und die Geldgeber können zu Recht befürchten, dass diese nie zurückgezahlt werden. Es könnte gut sein, dass die USA ihre Schulden mit einem Anstieg der Inflation verringern, was ausländischen Investoren erhebliche Verluste bescheren würde. Werden jene Regierungen, die große Mengen amerikanischer Anleihen gekauft haben – beispielsweise China, die Golfstaaten und Russland – bereit sein, den Dollar unter solchen Umständen noch als Leitwährung zu stützen? Oder werden sie es als Chance begreifen, das ökonomische Machtverhältnis zu ihren Gunsten zu kippen? So oder so: Die Kontrolle liegt nicht mehr in amerikanischen Händen. Das Schicksal von Imperien besiegelt oft eine Wechselwirkung aus Krieg und Schulden. Das galt für das britische Imperium, dessen Finanzlage sich nach dem Ersten Weltkrieg immer weiter verschlechterte, und es galt für die Sowjetunion. Die militärische Niederlage in Afghanistan und die wirtschaftliche Belastung durch den Versuch, mit Reagans technisch mangelhaftem, aber politisch extrem effektivem „Star-Wars”-Programm gleichzuziehen, waren die zentralen Ursachen für den sowjetischen Kollaps. Trotz seiner beharrlich behaupteten Ausnahmestellung wird Amerika keine Ausnahme sein. Der Irak-Krieg und die geplatzte Kreditblase haben seine Vormachtstellung ausgehöhlt. Die USA werden noch eine Zeit lang die größte Wirtschaftsmacht der Welt sein. Aber es werden die neuen, aufstrebenden Mächte sein, die nach der Krise all das aufkaufen, was im Trümmerhaufen des amerikanischen Finanzsystems noch intakt ist. In den vergangenen Wochen ist viel von einem drohenden finanziellen Armageddon geredet worden. In Wahrheit sind wir vom Ende des Kapitalismus weit entfernt. Die Panik in Washington markiert nur das Ende einer seiner Spielarten – die eigenartige und im hohem Maße instabile Variante, die seit 20 Jahren in Amerika existiert. Dieses Experiment des finanziellen Laisser-faire ist implodiert. Die Folgen wird man überall spüren. Doch die Marktwirtschaften, die das amerikanische Deregulierungsmodell nicht übernommen haben, werden den Sturm am besten überstehen. Großbritannien, das sich selbst in einen riesigen Hedgefonds verwandelt hat – aber einen von der Sorte, die von fallenden Kursen nicht profitieren – wird wahrscheinlich besonders böse getroffen werden. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass auf den Untergang des Kommunismus der Aufstieg einer anderen utopischen Ideologie folgte. Vor allem in den USA und in Großbritannien wurde eine Art Marktfundamentalismus zur Staatsphilosophie. Wie der Absturz der UdSSR wird auch der Niedergang der USA gewaltige geopolitische Nachwirkungen haben. Ihre entkräftete Ökonomie kann die Militäreinsätze nicht mehr bezahlen. Der Rückzug ist unausweichlich, und er wird nicht geordnet verlaufen. Kernschmelzen dieser Größenordnung geschehen nie in Zeitlupe. Sie sind schnell und chaotisch, mit sich rapide ausbreitenden Nebeneffekten. Man denke nur an den Irak: Der relative Friede in Teilen des Landes wurde durch die Bestechung der Sunniten erreicht, unter Duldung anhaltender ethnischer Säuberungen. Wie lange wird das so bleiben, wenn Amerika seine Ausgaben für den Krieg zurückfährt? Ein Rückzug aus dem Irak wird Iran als regionalen Sieger zurücklassen. Wie wird Saudi-Arabien darauf reagieren? Wird eine militärische Intervention, die verhindern soll, dass Iran Atomwaffen herstellt, wahrscheinlicher oder nicht? Chinas Führung hat sich bislang bedeckt gehalten. Wird Amerikas Schwäche sie ermutigen, die eigene Macht zur Geltung zu bringen? Oder werden sie ihre vorsichtige Taktik eines „friedlichen Aufstiegs” fortsetzen? Im Moment kann niemand solche Fragen beantworten. Augenscheinlich ist nur, dass die USA immer schneller an Macht verlieren. Der Fall von Georgien hat gezeigt, wie Russland die geopolitische Landkarte neu zeichnet, während Amerika als impotenter Zuschauer danebensteht. Die amerikanischen Politiker, welche die Bedingungen für die größte Wirtschaftsblase aller Zeiten geschaffen haben, scheinen unfähig zu sein, die Gefahren zu sehen, die ihrem Land gerade drohen. Sie führen miteinander ihre erbitterten Kulturkämpfe und merken nicht, wie schnell die Führungsrolle der USA verschwindet. Eine neue Welt entsteht, fast unbemerkt. Und Amerika wird darin nur noch eine von mehreren großen Mächten sein, mit einer ungewissen Zukunft, die es nicht mehr selbst bestimmen kann. John Gray ist emeritierter Professor für Europäische Ideengeschichte an der London School of Economics. Deutsch von Marc Felix Serrao. SZ 01.10.2008 Mehr Aufsicht für die Banker. Wie die EU gegen die Verwerfungen vorgehen will. AFP Geld Meldung EU Seite 23 kA Mehr Aufsicht für die Banker. Wie die EU gegen die Verwerfungen vorgehen will. Brüssel – Mit besserer Risikovorsorge durch die Banken und einer verstärkten Aufsicht will die EU-Kommission weiteren Turbulenzen auf den Finanzmärkten vorbeugen. Entsprechende Gesetzespläne legt die Kommission am Mittwoch in Brüssel vor. Auch Kleinaktionäre können auf einen besseren Schutz hoffen. - Risikoabsicherung: Die EU-Kommission will die Banken zwingen, sich über Eigenkapital gegen Kreditausfälle abzusichern. Das sieht eine Neufassung der seit 2007 geltenden Eigenkapitalrichtlinie von Binnenmarktkommissar Charlie McCreevy vor. Faule Kredite sind die Wurzel der aktuellen Finanzkrise. Ursprünglich wollte Brüssel den Banken vorschreiben, 15 Prozent der Risiken durch Eigenkapital abzusichern. Auf Druck der Banken sind nur noch fünf bis zehn Prozent im Gespräch. Auch für Großkredite, die sich die Banken untereinander leihen, will McCreevy die Vorgaben verschärfen. Künftig sollen sich Banken untereinander nur noch Darlehen vergeben, die maximal einem Viertel ihres Eigenkapitals entsprechen. - Aufsicht: Grenzüberschreitend tätige Kreditinstitute sollen künftig erstmals einer europäischen Gruppenaufsicht unterstehen. Bisher ist jeweils die nationale Bankenaufsicht zuständig. In Deutschland ist das die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin). - Aktionärsschutz: Ende Oktober will die EU-Kommission verschärfte Vorschriften für Ratingagenturen vorlegen. Agenturen wie Moody’s oder Standard & Poor’s bewerten die Kreditwürdigkeit von Unternehmen und geben auch Kleinanlegern wichtige Hinweise. Das EU-Parlament fordert darüber hinaus mehr Transparenz bei hochspekulativen Hedgefonds, an denen zunehmend auch Pensionsfonds Anteile halten. Ein Ausfall würde sich negativ auf Rentenansprüche auswirken, fürchten die Abgeordneten. - Rettungsfonds: Einen europäischen Rettungsfonds für Banken nach US-Vorbild soll es vorerst nicht geben. Weiteres soll der EU-Gipfel Mitte Oktober klären. Der französische Präsident und amtierende EU-Ratsvorsitzende Nicolas Sarkozy plant außerdem ein internationales Spitzentreffen zur Finanzkrise. Dieses Treffen sollen Vertreter von Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien vorbereiten. AFP. SZ 01.10.2008 Die Finanzkrise erschüttert Europa: Warum Kreditinstitute sich nicht mehr vertrauen und was Brüssel vorhat. Gradmesser des Misstrauens. Der Markt für Kredite zwischen den Banken ist mittlerweile fast ausgetrocknet. Das ist einer der Hauptgründe für die Verschärfung der Krise. Nikolaus Piper Geld Bericht USA Seite 23 Die Finanzkrise erschüttert Europa Die Finanzkrise erschüttert Europa: Warum Kreditinstitute sich nicht mehr vertrauen und was Brüssel vorhat. Gradmesser des Misstrauens. Der Markt für Kredite zwischen den Banken ist mittlerweile fast ausgetrocknet. Das ist einer der Hauptgründe für die Verschärfung der Krise. Von Nikolaus Piper. New York – Wie Banken sich untereinander Geld leihen, interessiert in normalen Zeiten nur Fachleute. In der Finanzkrise jedoch ist der Interbanken-Handel zu einem der gefährlichsten und gefährdetsten Bereiche des Geldsektors geworden. Nach dem Scheitern des Rettungspaketes von US-Finanzminister Henry Paulson am Montag brach dieser Markt praktisch zusammen. Das führt zu dramatisch höheren Refinanzierungskosten, die die Banken letztlich an den Rest der Wirtschaft weitergeben. Der Zins, den Kreditinstitute untereinander berechnen, ist ein Gradmesser für das Vertrauen oder Misstrauen, das in der Branche herrscht. Je höher der Preis des Geldes, desto größer die Furcht, eine der Banken könnte zahlungsunfähig werden. Am Dienstag ist in London der Zins für einen Dollar-Kredit über Nacht auf den höchsten Stand aller Zeiten gestiegen. Die British Bankers Association gab die London Interbank Offered Rate (Libor) mit 6,88 Prozent an – 4,31 Punkte höher als am Vortag. Der Libor für Ausleihungen über einen Monat stieg von 3,88 auf 4,05 Prozent. Die Londoner Zinsen werden benutzt, um die Preise von Finanzprodukten im Nominalwert von 360 Billionen Dollar zu kalkulieren. „Die Geldmärkte sind komplett zusammengebrochen. Es findet kein Handel mehr statt”, sagte Christoph Rieger, Handelsstratege bei der Bank Dresdner Kleinwort in Frankfurt gegenüber Bloomberg. Der Anstieg der Zinssätze ist Ausdruck der extremen Risikoscheu, die an den Finanzmärkten herrscht. Um Risiken zu vermeiden, flieht das Kapital in sichere Staatspapiere. Dies führt dort zu historisch niedrigen Zinssätzen: Die Anleger verzichten de facto auf Rendite, nur um ihr Geld zu sichern. Am Montag lasen sich die Renditen dreijähriger US-Schatzanweisungen wie umgekehrte Fieberkurven: Je niedriger die Sätze, desto kränker der Patient. Vormittags brachten die Schatzanweisungen 0,82 Prozent ein, nach dem Scheitern des Paketes stürzte die Rendite auf 0,13 Prozent ab; als am Dienstag die Hoffnung auf ein neues Paket einsetzte, waren es wieder 0,52 Prozent. Noch stärker zeigt sich der Effekt in der Schweiz, die seit jeher als sicherer Hafen für Kapitalanlagen gilt. Für Dreimonatsgeld muss die Schweizer Bundesregierung nur noch 0,004 Prozent Zins zahlen. Eine im Februar fällige Anleihe der Eidgenossen hat sogar einen negativen Zins von -0,12 Prozent. In Deutschland hat die Finanzagentur des Bundes die Renditen für Finanzierungsschätze gesenkt. Die Rendite einjähriger Papiere ging von 4,15 Prozent auf 3,35 Prozent herunter, teilte die Bundesbank mit, die Rendite zweijähriger Papiere von 3,70 auf 3,15 Prozent. Seit Beginn der Finanzkrise versuchen die Notenbanken, der Kreditklemme dadurch entgegenzuwirken, dass sie immer neue Milliardensummen in die Märkte pumpen. Bereits im Frühjahr hatte die Federal Reserve Bank in Washington für Investmentbanken den Zugang zu Notenbankkrediten geöffnet und die Kriterien für Ausleihungen generell gelockert. Nach dem Scheitern des Rettungspaktes im Kongress am Montag half aber auch das Geld der Notenbanken nichts mehr. Die Zinsen stiegen, obwohl die Federal Reserve zuvor ihren Dollar-Kreditrahmen für andere Notenbanken auf 620 Milliarden Dollar verdoppelt hatte. Am Dienstag griff die Europäische Zentralbank (EZB) erneut ein. In einem Schnelltender verlieh die Zentralbank 30 Milliarden Dollar für einen Tag. In der Versteigerung stieg der Zins angesichts hoher Nachfrage auf elf Prozent – am Vortag waren von der EZB in einem vergleichbaren Geschäft 30 Milliarden Dollar für lediglich 3,0 Prozent vergeben worden. Am Nachmittag kündigte die EZB daraufhin an, nochmals 50 Milliarden Dollar bereitzustellen. Die Klemme auf den Kreditmärkten zeigt sich auch darin, dass die Kosten für die Versicherung von Firmenkrediten in die Höhe geschossen sind. Instrument für diese Versicherung sind sogenannte Credit Default Swaps (CDS). Auch der Markt für kurzfristige Wertpapiere, sogenannte Commercial Papers, trocknete praktisch aus. Commercial Papers benutzen die Banken, um sich kurzfristig Geld zu beschaffen. Angesichts der angespannten Lage warnte der New Yorker Wirtschaftsprofessor Nouriel Roubini: „Die nächste Stufe der Panik könnte in die Mutter aller Bankkräche münden. Betroffen wären kurzfristige Kredite des US-Banksystems aus dem Ausland von über einer Billion Dollar, wenn die ausländischen Banken die Sicherheit ihrer Ausleihungen in Amerika in Zweifel ziehen.” Als die Aussichten für einen Erfolg des US-Rettungspaketes am Dienstag stiegen, entspannte sich die Lage etwas. Bei Staatsanleihen ist es wie bei umgekehrten Fieberkurven: Je niedriger der Wert, desto kränker der Patient. Geringes Risiko, hoher Profit: Eine solche Anlage gibt es eigentlich nicht. Die Anleger müssen sich entscheiden. Wegen der anhaltenden Finanzkrise setzen sie derzeit vor allem auf Sicherheit. Sie kaufen verstärkt Staatsanleihen – und nehmen dafür sinkende Renditen in Kauf. SZ 01.10.2008 Häuserpreise in den USA fallen weiter. kA Reuters Geld Meldung USA Seite 24 kA Häuserpreise in den USA fallen weiter. Washington – Der Preisverfall bei US-Wohnimmobilien hat im Juli an Geschwindigkeit gewonnen. Verglichen mit dem Vorjahr brachen die Preise von Einfamilienhäusern in 20 Großräumen im Juli um 16,3 Prozent ein, wie aus dem Standard & Poor’s/Case-Shiller-Hauspreisindex hervorgeht, der am Dienstag veröffentlicht wurde. Damit ist der Rückgang so stark wie nie zuvor. Auf Monatssicht gab der Index 0,9 Prozent nach. Seit dem Gipfel des Immobilienbooms, der im Juli 2006 erreicht worden war, hat der Index 19,5 Prozent verloren. Der Rückgang der Immobilienpreise in den USA ist der wichtigste Auslöser der Finanzkrise vor mehr als einem Jahr. Reuters SZ 01.10.2008 Die Finanzkrise erschüttert Europa: Die Angst der privaten und professionellen Anleger vor dem Risiko. Ansturm auf die Schildkröte. Mit einem Reptil wirbt der Staat für seine Wertpapiere. Nun sind sie gefragt wie nie, weil viele Bundesbürger auf Nummer sicher gehen wollen. Marco Völklein Geld Bericht BRD Seite 24 Die Finanzkrise erschüttert Europa Die Finanzkrise erschüttert Europa: Die Angst der privaten und professionellen Anleger vor dem Risiko. Ansturm auf die Schildkröte. Mit einem Reptil wirbt der Staat für seine Wertpapiere. Nun sind sie gefragt wie nie, weil viele Bundesbürger auf Nummer sicher gehen wollen. Von Marco Völklein. München – Günther Schild lacht derzeit Tausenden Bundesbürgern ins Gesicht. Und er spricht ihnen aus dem Herzen: „Ich komme immer zu meinen Kröten”, sagt Günther Schild in TV-Spots und Werbeanzeigen, „darum bin ich auch immer ganz entspannt.” Günther Schild ist eine Schildkröte. Die Figur wirbt für die Wertpapiere des Bundes. Und die sind in Zeiten wackliger Börsen und ständiger Unruhe in der Finanzbranche gefragter denn je. „Es gibt ein verstärktes Interesse nach besonders sicheren und transparenten Anlagen”, bestätigt ein Sprecher der Finanzagentur des Bundes. Besonders die neue „Tagesanleihe”, die der Bund zum 1. Juli 2008 gestartet hat, kommt äußerst gut an bei den Sparern. Weniger als drei Monate nach dem Start ist bei der Finanzagentur, die die Wertpapiere des deutschen Staates ausgibt, ein Bestandsvolumen von über 600 Millionen Euro aufgelaufen. Weit über 35 000 Kunden hätten mittlerweile das Produkt gekauft, das von seiner Konstruktion her mit den Tagesgeldangeboten der Banken vergleichbar ist. Die Telefonzentrale, die die Finanzagentur extra für die Tagesanleihe eingerichtet hat, muss Tausende Anrufe am Tag abarbeiten. Allein am vergangenen Montag gingen 20 000 Anfragen ein. „Besonders in den Vormittagsstunden kommt es zu Überlastungen”, räumt ein Sprecher ein. Wenn möglich, sollten Interessenten auf die Internetseite der Agentur schauen. Mittelzufluss verdoppelt. Flossen vor der Verschärfung der Finanzkrise rund sechs Millionen Euro pro Tag in die neue Tagesgeldanleihe, so habe sich mittlerweile das tägliche Volumen verdoppelt, sagt der Sprecher. Aber auch die anderen Angebote der Finanzagentur, mit denen sich der Staat an Privatanleger richtet, sind gefragt: Einjährige Finanzierungsschätze und die Bundesschatzbriefe „erfreuen sich in der aktuellen Marktlage einer verstärkten Nachfrage”, heißt es in Frankfurt. Ihren Charme entwickeln die Papiere des Bundes vor allem unter dem Aspekt der Sicherheit. „In Zeiten der Krise greifen die Anleger auf diese Anlagen zurück”, sagt Andrea Hoffmann, Finanzexpertin der Verbraucherzentrale Sachsen. „Als Schuldner hat die Bundesrepublik Deutschland eben eine besonders gute Bonität.” Im Grunde kann der deutsche Staat nicht pleitegehen. Er garantiert mit seinem Vermögen und dem Steueraufkommen für die Rückzahlung des Geldes. Expertin Hoffmann: „Auf diese Sicherheit setzen jetzt die Sparer.” Sie nehmen dabei geringere Renditen in Kauf. Denn im Vergleich zu den Tagesgeldangeboten der Banken schneidet die Tagesanleihe relativ schlecht ab. Während das Tagesgeldangebot des Bundes derzeit etwa vier Prozent Rendite abwirft (der genaue Wert schwankt von Tag zu Tag), bietet zum Beispiel die ING-Diba für Neuanlagen beim Tagesgeld fünf Prozent Zinsen pro Jahr. Die isländische Kaupthing-Bank wirbt sogar mit 5,65 Prozent. Allerdings sind bei den Tagesgeldofferten zwei Angebote zu unterscheiden: die mit der deutschen, 100-prozentigen Absicherung des Ersparten und die mit der europäischen, aber begrenzten Absicherung der Einlagen. So gehören die ING-Diba, die DAB-Bank und die Comdirect-Bank, die alle drei derzeit fünf Prozent oder mehr bieten, dem Einlagensicherungsfonds der deutschen Banken an. Im Falle eines Zusammenbruchs würden die Anleger aus diesem Nottopf entschädigt, in den die privaten Banken Jahr für Jahr Geld einzahlen. Bei der isländischen Kaupthing-Bank dagegen sind die Einlagen der Sparer nur bis zu einem Betrag von 20 887 Euro abgesichert – dafür steht der staatliche Mindestschutz des Inselstaates gerade, den die EU Mitte der neunziger Jahre allen Mitgliedsstaaten verordnet hat. Auch andere ausländische Banken bieten nur diesen Mindestschutz. Verbraucherschützerin Hoffmann rät daher, vor der Anlage nach der Einlagensicherung zu fragen – und dort gegebenenfalls nicht mehr als 20 000 Euro anzulegen. In die Diskussion geraten ist aber auch der deutsche Einlagensicherungsfonds. Klar ist, dass dieser Nottopf den Zusammenbruch einzelner Kreditinstitute auffangen könnte. Das Geld der Sparer wäre sicher. Sollte aber eine ganze Pleitewelle die Branche erschüttern, stieße wohl auch der Sicherungsfonds an seine Grenzen. Der Bankenverband betont allerdings, dass erstens eine solche Pleitewelle nicht drohe und dass zweitens der Feuerwehrfonds auch für größere Verwerfungen gerüstet sei. Wer an den Aussagen der Branchenvertreter allerdings keinen Zweifel hat, der könnte in den nächsten Wochen oder Monaten vielleicht sogar von der derzeitigen Bankenmisere profitieren. Weil sich die Banken misstrauen und gegenseitig kaum mehr Geld leihen, müssen sie sich auf anderem Weg Kapital beschaffen – zum Beispiel über den klassischen Weg der Spareinlagen. So hat der Anbieter Cortal Consors am Montag reagiert und die Zinsen beim Tagesgeld angehoben. Von diesem Mittwoch an zahlt das Nürnberger Geldhaus, das ebenfalls dem Einlagensicherungsfonds der deutschen Banken angehört, fünf Prozent Zinsen für Neuanlagen – allerdings befristet bis zum 31. März 2009. Von 1. April 2009 an gilt dann ein Satz von 3,5 Prozent. Ein weiteres Tier vor der Frankfurter Börse: Im Sommer hatte die Finanzagentur des Bundes ihre bronzene Werbe-Schildkröte „Günther Schild” neben Bulle und Bär aufgestellt. Während der Bulle für steigende und der Bär für fallende Kurse steht, soll die Schildkröte vor allem Sicherheit und eine entspannte Form der Geldanlage symbolisieren. Viele Anleger überzeugt das in Zeiten der Krise: Sie kaufen die Papiere des Bundes. SZ 02.10.2008 Deutsche Börse: Stimmung bleibt gedrückt kA kA Geld Meldung USA Seite 23 kA Deutsche Börse: Stimmung bleibt gedrückt Trotz der Hoffnung auf ein staatliches Rettungspaket für den US-Finanzsektor bleibt die Stimmung am Aktienmarkt gedrückt. Der Leitindex Dax gab zur Wochenmitte um 0,4 Prozent auf 5806 Punkte nach. Der MDax verlor 1,2 Prozent auf 6877 Punkte. Dagegen gewann der TecDax ein Prozent auf 693 Zähler. Die Talfahrt der Commerzbank-Aktien ging am Mittwoch vorerst zu Ende: Die Papiere legten 16,5 Prozent auf 12,12 Euro zu. Auch die Titel der Hypo Real Estate waren mit einem Plus von 13,3 Prozent auf 4,70 Euro auf Erholungskurs. Europäische Autowerte gerieten auf breiter Front unter Druck. Sollten die Banktöchter der Autobauer infolge der Finanzkrise tatsächlich schwerer an Kredite kommen, würde die Branche nach Einschätzung von Experten allmählich ein wichtiges Mittel verlieren, um den Absatz mit günstigen Finanzierungskonditionen anzukurbeln. Auf der Branchenstimmung lasteten zudem die Absatzzahlen von Porsche, dessen Aktien ein Minus von 8,5 Prozent verzeichneten. Der Absatz in der wichtigen Sportwagensparte stagnierte im vergangenen Geschäftsjahr weitgehend. In großem Stil verkauften Anleger zudem Daimler-Aktien, die 8,6 Prozent auf 32,38 Euro verloren. Händler sagten, die Auswirkungen der Finanzkrise könnten vor allem die Hersteller von Luxusautos deutlich belasten. Spekulationen über eine mögliche Gewinnwarnung wies Daimler zurück. Am deutschen Rentenmarkt stiegen die Kurse wieder etwas an. Der Bund-Future lag zum Handelsschluss bei 115,37 (Dienstag: 115,07) Prozent. Die Umlaufrendite festverzinslicher Anleihen notierte mittags noch bei 4,05 (4,01) Prozent. SZ 02.10.2008 Wie bei jungen Autofahrern. US-Ökonom Hyman Minsky sieht Finanzkrisen als natürliche Folge des Kapitalismus. Markus Zydra Geld Bericht global Seite 24 kA Wie bei jungen Autofahrern. US-Ökonom Hyman Minsky sieht Finanzkrisen als natürliche Folge des Kapitalismus. Landwirte sind vernünftige Leute. Haben sie eine gute Ernte eingefahren, sind sie froh. Doch niemals würden sie aus einer Rekordernte auf den Ertrag des folgenden Jahres schließen. Katastrophen sind immer drin, sei es Dürre oder Überschwemmung. Diese Demut vor der ungewissen Zukunft sucht man im Bankensektor vergebens. Die Finanzkrise hat gezeigt, dass im Laufe der Zeit die Spekulationslaune immer mehr wuchs. Je länger es gut ging, desto höhere Risiken wurden eingegangen. Es ist ein zutiefst menschliches Verhaltensmerkmal: Viele junge Autofahrer drücken immer stärker aufs Gaspedal, je länger ihnen nichts passiert. Erst ein Unfall lässt sie zur Besinnung kommen. Sorglose Schuldner Diese Sorglosigkeit im Umgang mit Risiken hat Hyman Minsky schon früh auf die Finanzwirtschaft übertragen. Rückblickend konnte der 1996 verstorbene Ökonom das heutige Elend vortrefflich vorhersehen. Die Schuldner werden immer sorgloser, sie nehmen immer höhere Kredite auf. Die Gläubiger verleihen immer leichtfertiger ihr Geld und verzichten auf Sicherheiten, weil es in den Jahren zuvor immer gut ging. Minskys These: Je länger ein Finanzsystem stabil ist, desto instabiler wird es. Irgendwann kommt dann die plötzliche Verkaufspanik, der „Minsky-Moment”. Seine Analyse trifft den Kern der heutigen Probleme. „Am Ende einer solchen Euphorie locken Banken die Investoren in innovative Kreditprodukte mit wenig Substanz”, schrieb er damals, was sich hervorragend übertragen lässt auf die verpackten US-Häuserkredite schlechter Qualität, die das Finanzsystem nun schon seit über einem Jahr schwer belasten. Minsky war Professor für Ökonomie an der Washington University in St. Louis, studiert hat er bei Joseph Schumpeter. Zu seinen Lebzeiten waren seine Analysen nicht sehr populär. Minsky sprach sich für Regulierung, gegen hohe Verschuldung und für staatliche Interventionen aus. Das wollte zu den Hochzeiten der Liberalisierung in den achtziger Jahren kaum jemand hören. Wirtschaftswissenschaftler waren überzeugt, dass Finanzmärkte effizient sind. In dieser Effizienztheorie bleibt das irrationale Verhalten der Marktteilnehmer ausgeblendet. Wenn etwas funktioniert, dann machen es immer mehr Leute nach – unter immer extremeren Bedingungen – bis es nicht mehr funktioniert. Damit, so Minsky, trage der Kapitalismus die Instabilität systembedingt in sich. Die Lehre seiner Thesen? Gerade in Zeiten von Erfolg, Reichtum und Überschwang ist bäuerliche Skepsis und Vorsicht eine Tugend. Markus Zydra. SZ 02.10.2008 Die Finanzkrise erreicht Europa: Wie deutsche Anleger ihr Geld verlieren und wie es an den Börsen weitergeht. Wenn der Traum von Sicherheit plötzlich platzt. Sie wollten nur eine Anlage ohne Risiko. Doch stattdessen wurden ihnen Zertifikate der Pleite-Bank Lehman verkauft. Tausende Kleinanleger bangen nun um ihr Erspartes. Zwei Fallgeschichten. Marco Völklein; Hannah Wilhelm Geld Bericht BRD Seite 24 Die Finanzkrise erreicht Europa Die Finanzkrise erreicht Europa: Wie deutsche Anleger ihr Geld verlieren und wie es an den Börsen weitergeht. Wenn der Traum von Sicherheit plötzlich platzt. Sie wollten nur eine Anlage ohne Risiko. Doch stattdessen wurden ihnen Zertifikate der Pleite-Bank Lehman verkauft. Tausende Kleinanleger bangen nun um ihr Erspartes. Zwei Fallgeschichten. Von Marco Völklein und Hannah Wilhelm. München – Ein schlechtes Gefühl hatte Manfred Breuker* schon vor dem Zusammenbruch der Bank. Schriftlich bestätigt bekam er seine Sorgen dann ein paar Tage, nachdem Lehman Brothers pleite war. Da ging ein Brief seiner Bank bei ihm ein: Die Lehman-Insolvenz verunsichere „verständlicherweise die Kunden”, schrieb ihm der „Direktor Vermögensberatung” seiner Hausbank. Man wolle Breuker deshalb „über den Stand der Entwicklung informieren”. Und die Entwicklung sieht gar nicht gut aus: „Während der Phase des Gläubigerschutzes wird es nicht zu Rückzahlungen von Lehman-Zertifikaten oder Kupons kommen.” Der Handel von Lehman-Papieren sei ausgesetzt. „Da aktuell keine Kurse festgestellt werden, wird Ihr Zertifikat im Depot bis auf Weiteres als ’unbewertet’ oder mit 0 EUR ausgewiesen.” Von 45 000 Euro auf Null. „Das war ein Schlag”, sagt der 78-Jährige. Breuker hatte seinem Bankberater im Mai 2007 nach seiner Aussage eines ganz klargemacht: „Ich wollte wieder ruhig schlafen.” In den Jahren zuvor hatte der Rentner aus Erlangen sein Vermögen – etwa 150 000 Euro aus einer Lebensversicherung – einem Vermögensverwalter anvertraut. „Der hat einen Teil davon am Neuen Markt heruntergewirtschaftet”, sagt Breuker. „Davon hatte ich die Nase voll.” Breuker und seine 72-jährige Frau wollten ihr Geld sicher anlegen. „Wir wollten Ruhe, Ruhe, Ruhe.” Doch nun hat Breuker das Gegenteil. Denn statt zu einer sicheren Festgeldanlage habe er sich unter anderem dazu überreden lassen, Lehman-Zertifikate zu kaufen. „Das ist bombensicher”, habe der Bankberater gesagt, als Breuker 45 000 Euro in die Anlage steckte. Auf dem Prospekt stand „Express-Bonus”. Welcher Mechanismus genau hinter dem Zertifikat steckte, verstand Breuker nicht. „Wenn sich der Euro Stoxx besser entwickelt als der Dax, dann würde auch das Papier wohl gute Erträge bringen – oder so ähnlich”, beschreibt der Erlanger seine Eindrücke aus dem Gespräch. Dass es sich bei einem Zertifikat um eine Inhaberschuldverschreibung handelt und dass bei einer Pleite des ausgebenden Instituts das Geld weg sein werde – „davon hat keiner etwas gesagt”, behauptet Breuker. Ähnliche Vorwürfe erhebt derzeit die Anwaltskanzlei KWAG gegen die Banken. Konkret steht die Dresdner Bank unter Beschuss: Das Institut hat am 12. September 2008 ein Papier an ihre Kundenberater verschickt – „Nur zur internen Verwendung” steht darauf und darunter „Argumentationsunterstützung im Kundengespräch”. Dort heißt es: „Insgesamt sehen wir aktuell auf Basis der verfügbaren Informationen über die Bonitätseinstufung keinen Handlungsbedarf bei den Emissionen von Lehman Brothers oder anderen von uns aufgelegten Emissionen mit anderen Investmentbanken.” Für Jan-Henning Ahrens, Anwalt bei KWAG, sind die Unterlagen ein Beweis, dass die Dresdner Kundeninteressen hintangestellt hatte, um keine eigenen Einbußen hinnehmen zu müssen. Seiner Meinung nach hätte die Bank auf Grundlage der ihr vorliegenden Informationen die Anleger besser warnen anstatt beruhigen sollen. Wenig tröstlich ist, dass Breuker und seine Frau nicht die einzigen Betroffenen sind. Bei den Anlegerschutzvereinigungen DSW und SdK haben sich hunderte Betroffene gemeldet. „Es dürften Zehntausende Privatanleger betroffen sein”, schätzt Volker Pietsch vom Deutschen Institut für Anlegerschutz (DIAS). Nach seinen Angaben haben unter anderem Sparkassen, Dresdner Bank und die Citibank Lehman-Zertifikate an deutsche Kunden verkauft. Die Anleger müssten „mit einem Totalverlust” ihrer Anlagen rechnen, ist sich der Anlegerschützer sicher. Er berichtet von einer ä;lteren Dame, Kundin der Dresdner Bank, die in ihrem Anlageprofil mit niedriger Risikobereitschaft geführt wurde – deren Geld ein Banker aber aus einem konservativen Fonds in Lehman-Zertifikate umschichtete. Und von einer Citibank-Kundin, die auf Anraten ihres Beraters fast 150 000 Euro aus einem breit gestreuten Aktien-Portfolio nahm und in Lehman-Papiere steckte. Sie erhoffte sich so mehr Sicherheit – ausgerechnet. Auch Annalena Wacker* aus Ludwigsburg wollte eine sichere Anlage. Ende 2007 suchte sie eine Parkmöglichkeit für 12 000 Euro. „Das Geld habe ich über 25 Jahre lang angespart – für meine Tochter”, erzählt die 48-Jährige. Noch ein Jahr sollte es ein paar Prozent Zinsen bringen, dann an ihre Tochter fließen. „Aktien und Fonds wollte ich nicht, das habe ich dem Berater auch gesagt”, erzählt sie. „Die Anlage sollte ganz sicher sein.” Der Berater ihrer Bank präsentierte ihr das Lehman-Zertifikat „Express-Bonus”. Über Lehman sei nur am Rande gesprochen worden, sagt sie. „Wenn die Bank bankrott geht”, habe der Berater gesagt, „dann geht die ganze Welt bankrott.” Nun bangt sie um ihr Erspartes. Die Banken weisen die Vorwürfe zurück. Die Berater würden „ausführlich und bis ins Detail” auf die Risiken hinweisen, so die Citibank. Der Wert „0 EUR” bedeute auch nicht, dass das Papier bereits wertlos sei. Die Dresdner Bank erklärte: „Neben der Darstellung der ökonomischen Risiken ist die Erwähnung des Emittentenrisikos fester Bestandteil der Produktbeschreibung und des Beratungsprozesses.” Den Vorwurf der KWAG, die Dresdner habe ihre Kunden bewusst getäuscht, sei „völlig haltlos”. Man habe kein Interesse daran, dass Kunden Geld verlieren. Annalena Wacker und Manfred Breuker wollen sich wehren. Beide haben Anwälte eingeschaltet. „Das kann man sich doch nicht gefallen lassen”, so Breuker. „Ich bin ein alter Kerl, nicht mehr ganz gesund, muss vielleicht ins Altenheim – dafür benötige ich einen Batzen Geld.” Noch im Sommer, da war die Finanzkrise bereits vorangeschritten und Breukers Lehman-Zertifikate hatten schon ein Drittel an Wert verloren, hätte er noch mit seinem Bankberater gesprochen, erzählt Breuker. Ob man die Papiere nicht vielleicht doch abstoßen solle, habe er gefragt. Doch der Berater habe nur geantwortet, es ergebe keinen Sinn, die Zertifikate zu verkaufen. Die würden sich wieder fangen. „Aus heutiger Sicht wäre es klug gewesen, sie damals loszuwerden”, sagt Breuker leicht resigniert. Er zieht ein bitteres Fazit: „Die Banker”, sagt Breuker, „handeln eh nur im Sinne der Bank. Der Kunde ist denen egal”. * Namen geändert Die ehemalige Zentrale von Lehman Brothers in New York: „Wenn die Bank bankrott geht, geht die ganze Welt bankrott.” Bankberater verkauften Zertifikate des US-Instituts mit fragwürdigen Argumenten an Privatanleger. SZ 02.10.2008 Unternehmen erwarten Entlassungen. Neue Umfrage von PWC: Vier von fünf Firmen rechnen mit Personalabbau in ihrem Umfeld. Harald Schwarz Geld Bericht global Seite 23 kA Unternehmen erwarten Entlassungen. Neue Umfrage von PWC: Vier von fünf Firmen rechnen mit Personalabbau in ihrem Umfeld. Von Harald Schwarz. Frankfurt – „Unsere Leute sind rund um die Uhr bei den Mandanten beschäftigt”, sagt Hans Wagener. Den Vorstandssprecher der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Pricewaterhouse-Coopers (PWC) freut das einerseits, auch wenn er das explizit nicht sagen will. Denn die abkühlende Konjunktur und die Finanzkrise kurbeln das Geschäft der Prüfer und Berater kräftig an, weshalb dieser Zweig zu den Gewinnern der Krise zählen wird. Andererseits sind die Botschaften, die von den PWC-Truppen in die Frankfurter Zentrale geschickt werden, alles andere als erfreulich. Denn der Konjunkturabschwung und die Finanzkrise werden in vielen Industrie- und Dienstleistungsunternehmen zu einer Entlassungswelle führen. PWC hat 105 größere mittelständische Betriebe sowie Unternehmen aus dem Deutschen Aktienindex (Dax) und andere börsennotierte Firmen, die zu den 100 größten deutschen Aktiengesellschaften zählen, zu ihren geschäftlichen und strategischen Perspektiven befragt. Das Ergebnis: Viele Unternehmen planen Restrukturierungen und rechnen mit einem Stellenabbau. „Unsicherheit herrscht vor”, sagt Martin Scholich zur Stimmung in den Unternehmen. Das für die Sparte Consulting zuständige PWC-Vorstandsmitglied fügt hinzu, es gebe oft bereits schon Einstellungsstopps in den Firmen. Mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen plant nach seinen Worten Umstrukturierungen in den nächsten 18 Monaten. Dabei erwarteten mehr als 60 Prozent, dass die notwendigen Umbauten genauso groß oder sogar noch größer sein werden als in vorherigen Krisen. Dabei fällt auf, dass die international aufgestellten Betriebe sich zum Ausmaß der Umstrukturierungen pessimistischer äußern als Firmen, die nur national agieren. Scholich: „Die Betriebe tun etwas, damit sie die Krise nicht so arg trifft.” Treffen wird sie aber wohl viele Arbeiter und Angestellte in Handel, Industrie und im Dienstleistungssektor. Zwar betonten in der Umfrage nur knapp 18 Prozent der interviewten Firmen, selbst Arbeitsplätze abbauen zu wollen. Doch vier von fünf Unternehmen – nämlich rund 82 Prozent – erwarten, dass in ihrem jeweiligen Branchenumfeld Mitarbeiter entlassen werden müssen. Die Ziele der Eingriffe sind klar: Die Unternehmen wollen ihre Kosten senken und ihre Prozesse optimieren. Mehrheitlich wird vermutet, dass die Rede von einem Personalabbau um maximal fünf Prozent sein wird. Entlassungen größeren Umfangs sieht hingegen immerhin jedes vierte Unternehmen kommen. Lediglich noch elf Prozent der Firmen schließen Entlassungen in den nächsten 18 Monaten ausdrücklich aus. Die durch die Finanzkrise und die Schieflagen von Banken angestoßene Debatte über veränderte Vorschriften zur Rechnungslegung und Bewertung von Vermögenswerten verfolgt Vorstandssprecher Wagener derweil mit Argusaugen. Von hektischen Änderungen hält er allerdings nichts, zumal diese in Europa wegen der notwendigen Zustimmung des EU-Parlaments rasch wohl auch kaum möglich wären. Für Wagener steht ohnehin fest: „Die Bilanzierungsvorschriften können diese Krise nicht lösen.” Allerdings bekennt er sich dazu, eher ein Anhänger des früher üblichen Vorsichtsprinzips bei Bewertungen zu sein als ein Verfechter der inzwischen gängigen Mark-to-Market-Methode, bei der jeweils ein aktueller Marktpreis für ein Engagement ermittelt und darauf basierend ein möglicher Gewinn oder Verlust bestimmt wird. Einen willkürlichen Wechsel der Vorschriften angesichts der Krise lehnt er aber ab. Mit einer zuletzt um neun Prozent auf knapp 1,5 Milliarden Euro ausgeweiteten Gesamtleistung sieht sich PWC als führendes Prüf- und Beratungsunternehmen in Deutschland. Die Firma beschäftigt hierzulande 8870 Frauen und Männer. Das sind 470 Mitarbeiter mehr als vor einem Jahr. Weltweit arbeiten für PWC 154 000 Leute. SZ 02.10.2008 Die Finanzkrise erreicht Europa: Wie die Probleme an den Kreditmärkten Firmen beeinträchtigen. Operation „Oktoberfest”. In knapp vier Wochen möchte die Bahn an der Börse sein. Doch schwankende Börsen könnten die größte Neuemission seit Jahren noch gefährden. Martin Hesse. Geld Bericht BRD Seite 23 Die Finanzkrise erreicht Europa Die Finanzkrise erreicht Europa: Wie die Probleme an den Kreditmärkten Firmen beeinträchtigen. Operation „Oktoberfest”. In knapp vier Wochen möchte die Bahn an der Börse sein. Doch schwankende Börsen könnten die größte Neuemission seit Jahren noch gefährden. Von Martin Hesse. Frankfurt – Seit einigen Wochen schwärmen kleine Gruppen von Investmentbankern in alle Winkel der Erde aus. Sie bereisen Russland und China, fliegen nach Abu Dhabi und Kuwait, besuchen London und Mailand. Sie sind auf der Jagd nach Investoren und ihre Waffen sind Präsentationen, Charts und Zahlen. Der Auftraggeber der Banker heißt Hartmut Mehdorn, der Chef der Deutschen Bahn. Im Frühjahr hatte sich die Regierung nach jahrelangem politischem Gezerre auf ein Konzept für die Privatisierung des Logistik-Konzerns geeinigt. Jetzt geht das Projekt in seine heiße Phase. Doch die Krise an den Finanzmärkten könnte den Börsengang auf den letzten Metern noch von der Schiene bringen. Ein Konsortium von 14 Kreditinstituten unter der Führung von Morgan Stanley, der Deutschen Bank, der Schweizer UBS und Goldman Sachs organisiert den Börsengang. In den vergangenen Tagen haben ihre Analysten Studien unter die Investoren gebracht, um ihnen Appetit zu machen. „Oktoberfest”, steht auf der Analyse von Morgan Stanley. Doch ob die Emission für Bahn und Banken zu einem Fest wird, daran herrschen zumindest in Berlin große Zweifel. Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee hatte im Frühjahr einmal die Zahl acht Milliarden Euro genannt, als es darum ging, die möglichen Einnahmen aus dem Börsengang zu beziffern. Privatisiert werden 24,9 Prozent des Transport- und Logistikgeschäfts, das die Bahn in der DB Mobility Logistics (DBML) gebündelt hat. Das Schienennetz bleibt beim Staat. Banker hielten den Wert schon damals für unrealistisch. Aber Tiefensee hat Erwartungen geweckt, die in der Finanzkrise nun erst recht nicht erfüllt werden können. „Der Börsengang der Bahn muss verschoben werden”, fordert daher beispielsweise der Berliner SPD-Landesvorsitzende Michael Müller. In Bankenkreisen heißt es, solche Aussagen seien nur das Gegrummel von Leuten, die schon immer gegen die Privatisierung waren. Es komme darauf an, wie Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu den Plänen stünden. Der Grünen-Verkehrsexperte Winfried Hermann erklärte, er habe den Eindruck, für den Finanzminister sei das letzte Wort in Sachen Börsengang noch nicht gesprochen. Es wird eine Frage des Preises sein, ob die Bahn an die Börse kommt oder nicht. „Natürlich spielt die Finanzkrise eine Rolle”, sagt ein Banker aus dem Konsortium. Doch wo für Steinbrück die Schmerzgrenze liegt, das wissen offenbar selbst seine engsten Berater nicht. Die UBS errechnet für die Bahn in ihrer Studie insgesamt einen Wert von 18 bis 24 Milliarden Euro, kalkuliert aus künftigen Mittelflüssen (Cashflow) und dem Vergleich mit Konkurrenten. Wenn man berücksichtigt, dass Börsenneulinge auch in guten Zeiten einen Abschlag von fünf bis 15 Prozent akzeptieren müssen, kommt man für das Paket, das an der Börse platziert werden soll, auf einen Wert von etwa 4,2 bis 4,5 Milliarden Euro. Ob Investoren bereit sind, in etwa so viel für die Bahn zu zahlen, werden Morgan Stanley und Co. bis zum 10. Oktober bei großen Investoren ausloten. Dann legen sie die Preisspanne fest und gehen vom 13. bis zum 24. Oktober mit dem Management auf die offizielle Werbetour. Als sicher gilt, dass die staatliche russische Bahn etwa fünf Prozent an der DBML kaufen will. Die Konsortialbanken rechnen außerdem damit, dass eine Handvoll Staatsfonds größere Pakete übernimmt. Daneben werden Aktienfonds, Pensionsfonds, Versicherungen und auch Hedgefonds angesprochen. Privatanleger sollen vor allem in Bahn-affinen Ländern wie Deutschland, der Schweiz und Japan gewonnen werden. Um deutsche Kleinanleger wirbt die Investmentbank Dresdner Kleinwort. Allerdings heißt es in Konsortialkreisen, man rechne von dieser Seite nur mit verhaltenem Interesse. Insgesamt dürften die Banken darauf bedacht sein, die Aktien möglichst breit zu streuen, um nicht das Ziel zu gefährden, die Bahn in den Leitindex Dax zu bringen. Die Finanzkrise legt allerdings nahe, möglichst große Pakete bei Kerninvestoren zu platzieren. In Bankenkreisen heißt es, Steinbrück könnte nervös werden, wenn sich abzeichnet, dass der Börsengang weniger als vier Milliarden Euro bringt. Dass er ein kleineres Paket zu einem möglichst hohen Preis verkauft, gilt als unwahrscheinlich. Andererseits böte sich bei einer Verschiebung des Börsengangs vor der Bundestagswahl im kommenden Herbst allenfalls im Frühjahr noch einmal eine Chance für die Neuemission. Ob dann das Börsenumfeld besser ist, bezweifeln Experten mittlerweile. Die Investmentbanker setzen daher voll auf Oktoberfest – und sei es auch verregnet. Fast zwei Jahre lang arbeitete die Bahn – hier ein Zug am Berliner Hauptbahnhof – auf ihren Börsengang hin. Noch im Oktober soll es klappen – trotz Finanzkrise und Aktienbaisse. Doch das letzte Wort scheint nicht gesprochen: Von Finanzminister Steinbrück heißt es, er werde einen Rückzieher erwägen, wenn der erwartete Emissionserlös unter vier Milliarden Euro fällt. SZ 02.10.2008 Die Finanzkrise erreicht Europa: Sichere Anlagen werden unsicher, US-Politiker feilschen um eine Lösung in letzter Minute. Nicht mal dem Pfandbrief trauen Investoren noch. Die Anlage gilt als wenig riskant, so wie die Staatsanleihen in Deutschland. Nun hat ihr Ruf durch den Beinahe-Bankrott der Hypo Real Estate gelitten. Politiker wollen das Image retten. Simone Gröneweg Geld Bericht BRD Seite 21 Die Finanzkrise erreicht Europa Die Finanzkrise erreicht Europa: Sichere Anlagen werden unsicher, US-Politiker feilschen um eine Lösung in letzter Minute. Nicht mal dem Pfandbrief trauen Investoren noch. Die Anlage gilt als wenig riskant, so wie die Staatsanleihen in Deutschland. Nun hat ihr Ruf durch den Beinahe-Bankrott der Hypo Real Estate gelitten. Politiker wollen das Image retten. Von Simone Gröneweg. München – Die Krise hinterlässt ihre Spuren in jedem Bereich der Finanzwelt. Nun ist sie auch im sicheren Hafen der Anleger angekommen: bei den Pfandbriefen. „Wir bewegen uns in einer Welt, in der Fundamentaldaten nicht mehr zählen”, sagt der Pfandbrief-Experte Ralf Burmeister von der Landesbank Baden-Württemberg. Und davon kann sich der Markt für Pfandbriefe nun mal nicht abkoppeln. Seit der schnellen Rettung des Immobilienfinanzierers Hypo Real Estate (HRE) durch den Staat ist er noch einmal stärker in den Fokus gerückt. Denn mit der Hilfsaktion wollten die Politiker ihn vor allem sichern. Der Markt für deutsche Pfandbriefe hat ein Volumen von etwa 900 Milliarden Euro und ist damit der größte der Welt. Banken, Versicherungen und Fonds sind investiert. Etwa 100 bis 150 Milliarden Euro stammen schätzungsweise von privaten Anlegern. Kein geregelter Markt. Die HRE gehört mit einem Anteil von zehn Prozent zu den großen Spielern. Sie hat deutsche Pfandbriefe im Wert von mehr als 90 Milliarden Euro ausgegeben. Über ihre irische Tochter Depfa kommen noch einmal Papiere im Wert von 40 Milliarden Euro dazu. Der Zusammenbruch der Bank ist abgewendet, der Ernstfall nicht eingetreten. Dennoch: Die Umsätze sind gering. An- und Verkaufspreise weichen stark voneinander ab. Ein geregelter Markt ist kaum möglich. „Im Moment geht nicht viel”, sagt Andreas Beck, Chef des Münchner Instituts für Vermögensaufbau. „Wer Pfandbriefe hat, will sie nicht unter Wert verkaufen.” Entscheidend für die Preisgestaltung ist der außerbörsliche Handel zwischen Banken und institutionellen Investoren. Und keiner will derzeit Abschläge in die Bücher aufnehmen. Wenn man Pfandbriefe habe, sollte man sie behalten, rät Beck den Anlegern. Denn: Pfandbriefe gelten als besonders sicher. Es gibt sie seit mehr als hundert Jahren. Es gab noch nie einen Ausfall. Ein Pfandbrief muss großzügig durch Sicherheiten gedeckt sein und ist eine mit Hypotheken-, Schiffs- oder Staatskrediten unterlegte Anleihe. Die Banken müssen bei der Herausgabe strenge Regularien befolgen. Öffentliche Pfandbriefe sind beispielsweise mit Staatsverbindlichkeiten hinterlegt, Hypotheken-Pfandbriefe mit Immobilien. Angesetzt sind dazu 60 Prozent des sogenannten Beleihungswertes. „Der wird aus dem Ertragswert der Substanz und dem Mietwert ermittelt”, erklärt Burmeister. Fällt die Bank, die den Pfandbrief ausgegeben hat, aus, sind also in jedem Fall Werte vorhanden. „Die Zinsen werden weitergezahlt”, sagt Claudia Vortmüller, Analystin bei der Commerzbank. Das Geld dazu stammt aus den Einnahmen der Sicherheiten, etwa den Mieten der Immobilien. „Am Ende der Laufzeit bekommt der Anleger auch den Nominalbetrag zurück”, erklärt die Analystin. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Deckungsmasse ausreichend Wert bietet. Ein Sachverwalter kümmert sich um die Interessen der Gläubiger. Doch das ist alles Theorie, denn bisher ist noch kein Emittent pleite gegangen. Und die Politik will das auch unbedingt verhindern. Sie fürchtet einen Imageverlust des sicheren, deutschen Pfandbriefs. Daher auch der Eingriff bei der HRE. Die deutschen Pfandbriefe spielen bei der Refinanzierung der Banken eine wichtige Rolle. Sie gehören zu den Refinanzierungsmitteln, die noch am günstigsten sind. Das Problem sei nur, wenn man der Bank misstraue, kaufe man auch den Pfandbrief nicht – egal wie sicher der sei, so ein Branchenkenner. In normalen Zeiten sind solche Überlegungen kein Thema, doch diese Zeiten sind nicht normal. „Jeder ist in Panik. Der Blick fürs Wesentliche fehlt”, sagt ein Finanzfachmann. „Jeder kann in eine Krise geredet und geschrieben werden”, sagt ein anderer. Auch der deutsche Pfandbrief. Geld in Ketten: Als so sicher galten Anlagen in Pfandbriefen – bislang. Die Schieflage der Hypo Real Estate brachte die Anlageform in Verruf. SZ 02.10.2008 Zu schlicht für die Krise. Polens Banken haben sich von riskanten Papieren ferngehalten. Thomas Urban Geld Bericht Polen Seite 22 kA Zu schlicht für die Krise. Polens Banken haben sich von riskanten Papieren ferngehalten. Von Thomas Urban. Warschau – Die linksliberale Gazeta Wyborcza, die größte Tageszeitung im ehemaligen Ostblock, hat am Mittwoch der globalen Finanzkrise die ersten zehn Seiten gewidmet, ein Beleg dafür, wie sehr das Thema auch Polen beschäftigt. Der frühere Finanzminister und Präsident der Nationalbank, Leszek Balcerowicz, der mit seiner 1990 in Kraft getretenen Schocktherapie zum Vater des polnischen Wirtschaftswunders wurde, sagt in einem Interview des Blatts seinen Landsleuten „schwierigere Zeiten” voraus. Doch insgesamt liest er sich eher optimistisch: Ein großer Krach wie nach 1929 werde dieses Mal nicht den Globus erschüttern. Vielmehr korrigiere der Kapitalismus sich selbst, indem er Auswüchse beseitige. Balcerowicz sieht die polnische Wirtschaft heute eher stabil aufgestellt, aus einem simplen Grund: „Zum Glück sind unsere Banken noch nicht so raffiniert und in Details versiert, dass sie es gewagt hätten, in amerikanische Risikopapiere zu investieren.” Auch hätte die polnische Finanzaufsicht überaus strenge Maßstäbe angelegt. Traditionell strukturiert Ganz anderer Ansicht ist dagegen Staatspräsident Lech Kaczynski, ein Wirtschaftslaie, der vor zweieinhalb Jahren mit Erfolg die Ablösung des international renommierten Balcerowicz als Präsident der Nationalbank (NBP) betrieben hatte: Ohne nähere Erläuterungen forderte er die Regierung zu unverzüglicher Intervention auf. Ihm schloss sich Slawomir Skrzypek an, der Balcerowiczs Nachfolger an der NBP-Spitze wurde und zuvor Berater Kaczynskis war. Skrzypek sieht auf Polen einen Rückgang der Exporte in die anderen EU-Staaten zukommen, der die gesamte Wirtschaft in Mitleidenschaft ziehen könnte. Finanzminister Jacek Rostowski aber versicherte in zahlreichen Interviews, dass die Polen „ruhig schlafen” könnten. Nach Rostowskis Worten gehört Polen neben Finnland und der Slowakei zu den Ländern, die am besten auf eine derartige globale Krise vorbereitet seien. Die polnische Wirtschaft sei überwiegend traditionell strukturiert, der virtuelle Geldmarkt spiele nur eine geringe Rolle. Auch der frühere Vizefinanzminister Stanislaw Gomulka, der heute als Berater tätig ist, verweist darauf, dass die Krise die Realwirtschaft bislang kaum tangiert habe. Deshalb seien auch für Polen keine großen Turbulenzen zu erwarten. Rostowski erklärte, dass die Ersparnisse der Polen nicht gefährdet seien, da keine einzige der polnischen Kundenbanken unmittelbar an den Problemen des amerikanischen Finanzsektors beteiligt sei. Allerdings weisen Kommentatoren darauf hin, dass zwar der polnische Staat an der größten Sparkasse, der PKO-Bank, 51 Prozent der Anteile halte. Doch befindet sich bei allen anderen großen Geldinstituten die Mehrheit in ausländischem Besitz. Doch auch deren Vertreter versuchten unisono mit dem Hinweis die Sparer zu beruhigen, dass die polnischen Tochterfirmen sowohl wirtschaftlich als auch rechtlich eigenständige Gesellschaften sind. Kommentatoren der Gazeta Wyborcza vertreten hingegen die Ansicht, dass die polnischen Sparer im Falle des Bankrotts einer ausländischen Muttergesellschaft einen Teil ihrer Einlagen verlieren könnten. Die Gesamteinlagen aller polnischen Kundenbanken belaufen sich auf rund 277 Milliarden Zloty (85 Milliarden Euro), rund 15 Prozent dieser Summe sind erst in diesem Jahr eingezahlt worden. Nach Angaben der Zeitung halten sich die Summen aller Ersparnisse sowie aller Kundenkredite die Waage. Der frühere NBP-Vizepräsident Krzysztof Rybinski, der heute Partner von Ernst & Young ist, sagte voraus, dass Firmenkredite in Zukunft nicht mehr so leicht vergeben würden, was zweifelsohne Einfluss auf die Wirtschaftsentwicklung haben werde. Auch haben mehrere polnische Banken in den letzten Tagen die Bedingungen für die Vergabe von Hypothekenkrediten verschärft. SZ 02.10.2008 Störung im Märchenland. Im Höhenrausch am Persischen Golf finden sich erste Zweifler. Steffen Heinzelmann Geld Bericht Persischer Golf Seite 22 kA Störung im Märchenland. Im Höhenrausch am Persischen Golf finden sich erste Zweifler. Von Steffen Heinzelmann, München – Die Finanzkrise weckt auch die Herrscher in den Emiraten am Persischen Golf aus dem jahrelangen Höhenrausch. Monarchen und Bauherren in den Vereinigten Arabischen Emiraten schienen lange in den Wettkampf um den höchsten Turm und die fantastischste künstliche Insel vertieft, der vor allem in Dubai und Abu Dhabi aus der Schatulle mit Ölmilliarden bezahlt wurde. Ein Märchenland, jedoch eines auf Pump – denn viele Bauten wurden mit Krediten errichtet. Deshalb sorgen die Einbrüche an den Börsen für Zweifel im Schatten schwindelerregender Bauten wie dem berühmten segelförmigen Sieben-Sterne-Hotel Burj al-Arab. Die Herrscher in den kleinen Königreichen fürchten um den Bauboom, der den VAE 2007 ein Wirtschaftswachstum von 7,5 Prozent beschert hat. Am Dubai Financial Market brach der Leitindex in diesem Jahr um ein Drittel ein, in Abu Dhabi verloren die Kurse mehr als zehn Prozent – die Zentralbank musste die Wirtschaft bereits mit mehreren Milliarden Dollar stützen. Der Index für die VAE, den Morgan Stanley Capital International erstellt, hat seit Jahresbeginn sogar 35 Prozent verloren. Offen bleibt, ob daran neben dem sinkenden Ölpreis und gefallenen Grundstückspreisen nicht auch der Abzug von ausländischem Kapital Schuld hat. Bisher glaubten die Machthaber in den Emiraten und Saudi-Arabien, die Wirtschaft in der Region bliebe von den Erschütterungen der Finanzsysteme verschont. Grund dafür war auch das unterentwickelte Bankensystem: Stark war der Einfluss von millionenschweren Sprösslingen der weitverzweigten Sippen wie der Familie Maktum in Dubai. Schwach schien dagegen die Bedeutung von ausländischen Investoren. Dabei ist die internationale Vernetzung der Emirate stärker, als es scheint: Die internationale Börse Dubai International Financial Exchange wurde vor drei Jahren feierlich als Bindeglied zwischen den Handelsplätzen in Europa und Asien eröffnet, Schätzungen zufolge sind mehr als ein Drittel des arabischen Vermögens im Ausland investiert. Trotzdem bleiben die Gründe und Folgen der Kursstürze auch im Orient oft unklar. Saudi-Arabien, wichtigste regionale Börse im Orient, öffnete sich erst vor wenigen Monaten für ausländische Investoren; Iran, die zweite Wirtschaftsmacht der Region, ist wegen internationaler Sanktionen mit Teilen des Welthandels nur über Umwege verbunden; der Börsenplatz Beirut liegt im Krisengebiet Libanon. Hoffnung verbreiten kleine Aufsteiger wie Katar, Bahrain und Jordanien. Der jordanischen Wirtschaft nutzt der Modernisierungskurs von König Abdullah II., sie wächst jedes Jahr um fünf Prozent und mehr. Ein Grund dafür ist auch der Aufbau in einem kriegsgeplagten Nachbarland: Jordanien ist die Drehscheibe für den Handel mit und Investitionen in Irak. SZ 02.10.2008 Aktionäre rügen „Bankraub”. Verstaatlichung des Geldinstituts Glitnir stößt in Island auf Kritik. Gunnar Herrmann. Geld Bericht Island Seite 22 kA Aktionäre rügen „Bankraub”. Verstaatlichung des Geldinstituts Glitnir stößt in Island auf Kritik. Von Gunnar Herrmann. Stockholm – Die Verstaatlichung der Bank Glitnir hat bei den Aktionären für Verärgerung gesorgt. Die isländische Regierung hatte am Montag 75 Prozent der Anteile an dem Geldinstitut übernommen, um es vor der Pleite zu bewahren. Jón Ásgeir Jóhannesson, ein bekannter Geschäftsmann und bis Montag Hauptaktionär des krisengeschüttelten Geldinstituts, bezeichnet die Rettungsaktion als „größten Bankraub in der Geschichte Islands”. Islands Banken sind nach Jahren der Expansion im Ausland durch die internationale Finanzkrise besonders stark unter Druck geraten, was die gesamte Volkswirtschaft der Insel ins Wanken gebracht hat. Glitnir ist die drittgrößte Bank des Landes. Nun geriet das Unternehmen in akute Zahlungsschwierigkeiten. Glitnir ersuchte darum beim Staat um ein kurzfristiges Darlehen in Höhe von 600 Millionen Euro. Die Regierung hatte zwar seit Monaten angekündigt, sie würde den angeschlagenen Banken notfalls helfen. Aber Glitnirs Anliegen wurde zunächst abgelehnt, weil das Unternehmen keine ausreichenden Sicherheiten bieten konnte. Stattdessen unterbreiteten Regierung und Zentralbank ein Gegenangebot: 600 Millionen Euro im Austausch für 75 Prozent der Bank. Vorstand und Aktionäre hatten offenbar keine andere Wahl als zuzustimmen, denn die Pleite stand kurz bevor. Vorstandschef Lárus Welding sagte, Glitnirs Situation habe sich damit deutlich verbessert. Der Eingriff habe aber „leider negative Auswirkungen auf die bisherigen Aktionäre”. Für die war die Übernahme ein Verlustgeschäft, der Wert ihrer Aktien sank um 1,4 Milliarden Euro. Jóhannessons Investmentgesellschaft Stodir etwa verlor durch die Rettungsaktion 415 Millionen Euro, und das Unternehmen beantragte noch am Montag bei einem Gericht in Reykjavik ein Moratorium für alle seine Zahlungen. Jóhannesson nannte es „unverständlich und erschreckend”, dass die Zentralbank den Wunsch nach einem Kredit abgelehnt hatte. Zentralbankchef David Oddson verteidigte den Eingriff. Ohne die Hilfe hätte das Geldinstitut nicht überlebt „und der Wert der Bankaktien wäre dann gleich null”. Die Regierung will ihre Glitnir-Anteile verkaufen, sobald die Lage sich stabilisiert hat. SZ 02.10.2008 Die Finanzkrise auf Weltreise: Wer heute noch Zuschauer ist, könnte morgen Geschädigter sein. Prügelknabe Profumo. Chef der Mailänder Bank Unicredit dementiert Rücktrittsgerüchte. Noch wiegelt Staatschef Berlusconi ab: Italien ist kein Finanzland. Ulrike Sauer Geld Bericht global Seite 24 Die Finanzkrise auf Weltreise Die Finanzkrise auf Weltreise: Wer heute noch Zuschauer ist, könnte morgen Geschädigter sein. Prügelknabe Profumo. Chef der Mailänder Bank Unicredit dementiert Rücktrittsgerüchte. Noch wiegelt Staatschef Berlusconi ab: Italien ist kein Finanzland. Von Ulrike Sauer. Rom – Den aufsehenerregendsten Sturz registrierte man auf den Mailänder Laufstegen bei der Modeschau von Prada. Doch auch bei der Konkurrenz wankten in der vergangenen Woche die Models auf 18 Zentimeter hohen Schuhen über die Planken. Kein Zufall: In Krisenzeiten verkürzen sich die Rocksäume, und die Absätze gehen hoch. Das war immer so und ist auch in der Weltfinanzkrise 2008 nicht anders. „Die Höhe der Absätze ist ein einzigartiges Thermometer unserer Zeit”, kommentierte der italienische Modekenner Quirino Conti. Hohe Schuhe zwingen nun einmal zum bedachten Gang und passen damit perfekt in eine höchst instabile Zeit. Der Sommer 2009 verspricht Modebewussten keinen festen Tritt. Dafür aber Weitsicht. Überhaupt war die Modewoche in Mailand alles andere als eine maßvolle Veranstaltung. Während das Finanzbeben immer bedrohlichere Züge annahm, zeigte die Fashionszene keine Spur von Genügsamkeit. Auf den Laufstegen und im Parterre ging es pompöser zu denn je. Auf den mehr als 100 Kollektionspräsentationen sparten die Designer nicht an extravaganten Reizen. Kleider, Taschen, Schuhe, Brillen, Schmuck und Frisuren fielen durch ein Höchstmaß an Raffinesse auf. Die Luxusbranche, an der in Italien Hunderttausende Arbeitsplätze hängen, gab sich krisenfest. Die internationale Modekarawane ist in der Zwischenzeit nach Paris weitergezogen. Dort lud der römische Edeljuwelier Bulgari zum Cocktail in die Avenue George V. Konzernchef Francesco Trapani eröffnete in der Luxusmetropole sein größtes Geschäft in Europa. „Wir geben hier für Italien eine gute Figur ab”, sagte Trapani. Auch Regierungschef Silvio Berlusconi zeigte sich mitten im Sturm gelassen. Am „Schwarzen Montag” kletterte er bester Laune vor seiner neuesten Villa am Lago Maggiore aus dem Hubschrauber. „Italien ist kein Land der Finanz, sondern der Industriefertigung par excellence. Wir sind gleich hinter Deutschland die Ersten und haben eine Solidität des Tuns und des Produzierens, die andere große Länder nicht kennen”, sagte der Premier. Die vorangegangenen fünf Tage hatte Berlusconi sich in einer Beautyfarm in Umbrien verwöhnen lassen. Im Regierungsamt in Rom war von seinem Krisenmanager Gianni Letta derweil das kollektive Psychodrama Alitalia mit einem Happy End abgeschlossen worden. Die Schockwellen, die von Amerika aus durch die Welt ziehen, spürt seit Montag vor allem die Unicredit. Dass die italienische Mutter der Hypo-Vereinsbank die Ängste der Investoren anzieht, ist nicht überraschend. Der von Alessandro Profumo geführte Geldkonzern gilt seit Jahren mit Abstand als die dynamischste Bank südlich der Alpen. Nun wurde der gefeierte Chef zum Prügelknaben – „Kanonenschüsse gegen Profumo”, titelte das Finanzblatt MF am Mittwoch.Die von Profumo zur Schau gestellte Ruhe bewirkte ebenso wenig wie eine E-Mail, in der er seinen Mitarbeitern in halb Europa versicherte, es gebe keinen Grund zur Sorge. Am Wochenanfang verlor die Aktie an zwei Handelstagen 23 Prozent an Wert. Niemand stellt offenbar die Solidität von Unicredit in Frage. Nervös macht die Investoren die starke Position der Bank in Deutschland, wo die Mailänder von der Krise von Hypo Real Estate betroffen sind. Und in die Brüche gegangen ist das traditionell gute Gefühl zwischen Profumo und institutionellen Anlegern. Vor allem die stark bei Unicredit engagierten Hedgefonds verlassen die Bank. Am Mittwoch musste Unicredit schließlich Gerüchte eines Rücktritts von Profumo dementieren. Nun war es auch in Italien mit der Gelassenheit vorbei. An der Mailänder Börse setzte man wegen hoher Kursverluste eine Reihe erster Bank- und Industrieadressen vom Handel aus. Unicredit kündigte Initiativen an, um die Kernkapitalquote zum Jahresende auf 6,2 Prozent nach oben zu trimmen. Berlusconi wiegelte erstmals nicht mehr ab. „Ich lasse spekulative Angriffe auf unsere Banken nicht zu und werde nicht akzeptieren, dass die Italiener auch nur einen Euro ihrer Bankeinlagen verlieren,” sagte er. Eine Filiale der italienischen Unicredit: Am Wochenanfang verlor die Aktie der Großbank 23 Prozent an Wert. Jetzt steht ihr Chef unter Druck. SZ 02.10.2008 Streit über Reaktion auf Finanzkrise. EU sucht gemeinsamen Rettungsplan. Bundesregierung will weiterhin auf nationale Lösungen setzen / Spekulationen über französischen Vorschlag. Cornelia Bolesch Wirtschaft Bericht EU Seite 19 kA Streit über Reaktion auf Finanzkrise. EU sucht gemeinsamen Rettungsplan. Bundesregierung will weiterhin auf nationale Lösungen setzen / Spekulationen über französischen Vorschlag. Von Cornelia Bolesch. Brüssel – In Europa steigt der Druck auf die Regierungen, nationale Alleingänge aufzugeben und die Finanzkrise stattdessen gemeinsam zu bekämpfen. „Was wir jetzt brauchen, ist ein kraftvolles Agieren der Mitgliedsstaaten”, forderte Kommissionspräsident José Manuel Barroso die Regierungschefs auf. Ein erstes Spitzentreffen europäischer Staaten zur Finanzkrise wird am Samstag in Paris stattfinden. Am Mittwoch machten Gerüchte die Runde, Frankreich plane angeblich ein europaweites Rettungspaket für die angeschlagene Finanzbranche im Wert von 300 Milliarden Euro. Kurze Zeit später dementierte Frankreichs Finanzministerin Christine Lagarde die Berichte. Den Berichten zufolge solle jedes EU-Land jeweils drei Prozent seines Bruttoinlandsprodukts hergeben, um den Fonds zu finanzieren. Das Bundesfinanzministerium hatte die Idee noch am Abend abgelehnt. „Davon hält die Bundesregierung gar nichts”, hieß es in Berlin. Der Streit über die richtige Reaktion Europas ist in vollem Gang. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann bringt als erster Banker ein staatliches Hilfsprogramm für europäische Geldhäuser nach dem Vorbild der USA ins Gespräch. „Europa sollte bereit sein, vergleichbare Lösungen zu finden”, sagte Ackermann. Wenig begeistert zeigt man sich darüber in Berlin. Die Bundesregierung setze weiter auf „maßgeschneiderte nationale Einzelfalllösungen”, erklärte Regierungssprecher Thomas Steg. Doch nicht nur Luxemburgs Regierungschef Jean-Claude Juncker, der im Fall der Banken Fortis und Dexia selbst an solchen Rettungsmanövern beteiligt war, beschleichen Zweifel. „Dass mal der eine, mal der andere Staat eine Bank unter seine Fittiche nimmt, das kann es nicht sein”, meint der Präsident der Euro-Gruppe. Auch der Chef des Internationalen Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn, warnte die Europäer vor weiteren nationalen Alleingängen. Gegen eine drohende Verschärfung der Krise könnten sie sich nur gemeinsam wappnen. „Sie müssen sich organisieren. Das ist dringend nötig auf europäischer Ebene.” Nach Ansicht des ehemaligen französischen Wirtschaftsministers macht es sich jetzt schmerzlich bemerkbar, dass es keine pan-europäische Aufsichtsbehörde über die Finanzmärkte gibt. „Für die EU ist es sehr viel schwieriger als für die USA, grenzüberschreitend zu handeln.” Wie problematisch nationale Alleingänge in Europa sein können, zeigt das Beispiel Irland. Die irische Regierung hat, um ihre Investoren und Kunden zu schützen, zwei Jahre lang eine unbegrenzte Staatsbürgschaft für die Einlagen der sechs größten Banken des Landes übernommen. Es geht um bis zu 400 Milliarden Euro an Steuergeldern. Nun fühlen sich vor allem Banken in Großbritannien benachteiligt. Sie fürchten Nachteile, weil irische Geldinstitute über Nacht viel attraktiver für Investoren und Kunden geworden sind. In Brüssel weicht Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes der Frage aus, ob der spektakuläre irische Rettungsplan im Einklang mit den europäischen Vorschriften für Staatsbeihilfen steht. „Wir stehen in engem Kontakt mit Dublin”, sagt sie. Die Kommission ist allerdings stolz auf ihre bisherige Rolle in den Nothilfen für angeschlagene europäische Banken. „Das Wettbewerbsrecht ist nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung”, bekräftigt Kroes. Brüssel achte in jedem einzelnen Fall darauf, dass die Finanzspritzen oder Bürgschaften ihren Zweck erfüllen. Gehe es um Hilfe für Banken in akuter Not, so könne jede Regierung auf die Hilfe und Unterstützung der Kommission bauen. Nötig sei jedoch eine „enge und vertrauensvolle” Abstimmung. Brüssel fehlt der Biss. Im Fall der angeschlagenen britischen Hypothekenbank Bradford & Bingley kam die Antwort aus Brüssel schnell. Bereits 24 Stunden nach der offiziellen Unterrichtung durch die britische Regierung gab die Kommission ihr Okay für das Rettungspaket in Höhe von umgerechnet 63 Milliarden Euro. Auch die Bundesregierung rechne mit der Zustimmung der Kommission zu der bis zu 35 Milliarden Euro teuren Finanzhilfe für die Münchner Hypo Real Estate. Als Hüterin des Wettbewerbs handelt die Kommission souverän. Was die Aufsicht über Europas Banken angeht, so fehlt ihr allerdings der Biss. „Wir haben da noch keine Kompetenzen”, räumte Kommissionspräsident Barroso ein. Neue Vorschläge, die Binnenmarktkommissar Charlie McCreevy am Mittwoch vorlegte, sind nur ein erster Schritt für eine bessere Aufsicht und Steuerung der europäischen Bankenwelt. Sie müssen noch von den EU-Mitgliedstaaten und dem EU-Parlament gebilligt werden. Geht es nach der Kommission, sollen sich die Banken künftig stärker absichern. Fünf Prozent des Risikos eines Kredits, den sie weiterverkaufen, müssen sie in ihren Büchern ausweisen und dafür auch haften. Weiter schlägt McCreevy vor, die Höhe eines Kredits, den eine Bank vergeben kann, auf ein Viertel ihres Kapitals zu begrenzen. Für kleinere Banken soll ein Deckel von 150 Millionen Euro gelten. Außerdem sollen 50 europäische Banken international beaufsichtigt werden. SZ 02.10.2008 Blick in die Presse, kA kA Meinungsseite Zitat USA Seite 4 kA Blick in die Presse, Gerechte Verstaatlichung. Die Zeitung Libération in Paris reagiert auf den Rettungsplan für den Konzern Dexia. Frankreich, Belgien und Luxemburg stellten dafür insgesamt 6,4 Milliarden Euro bereit: „Einige Exzellenzen versuchen zu beruhigen, indem sie die Sicherheit des französischen Finanzsystems preisen. Wenn unsere Banken so solide sind, warum weigern sie sich dann, sich gegenseitig Kredite zu gewähren? Die Wahrheit ist, dass die Unverantwortlichkeit der Finanziers deren wichtigstes Gut zerstört hat: das Vertrauen. Der Brand muss nun mit öffentlichem Geld gelöscht werden. Da die Hilfe unerlässlich ist, wenn nicht die gesamte Wirtschaft bedroht werden soll, sollte sie zumindest so wenig ungerecht wie möglich sein. Verstaatlichungen sind noch die gerechteste Lösung.” Die Rezession beginnt Die Finanzkrise in den USA kommentiert die Mailänder Zeitung Corriere della Sera: „In den USA hat der Giga-Kapitalismus versagt, nicht der Markt. Der Markt hat im Übrigen die gleiche DNS wie der unsere, er ist ein wesentlicher Teil der Kultur im Westen. Die Finanzkrise ist noch nicht vorüber, sie wird sich auf andere Gebiete ausdehnen. Die wahre Rezession beginnt erst jetzt.” Der Bürger zahlt. Die Steuerzahler sollen nicht für alle Fehler der Konzerne aufkommen müssen, meint die niederländische Zeitung De Telegraaf: „Die peinliche Bankenkrise muss einträchtig von der Politik, den Aufsichtsbehörden und dem Kapitalmarkt selbst bekämpft werden. Mit wichtigen Signalen durch europäische Regierungschefs muss – ungeachtet der brenzligen Lage einiger Finanzinstitute – das Vertrauen in die Banken wiederhergestellt werden. Es kann aber nicht so sein, dass der Steuerzahler unbegrenzt für Fehler der Finanzwirtschaft aufkommen muss.” Verunsichertes Imperium. Die Landeszeitung in Lüneburg schreibt zu den Turbulenzen auf dem Finanzmarkt: „Entsetzt erlebt der Westen, dass der real ungebändigte Kapitalismus angelsächsischer Prägung den real existierenden Sozialismus nicht lange zu überleben scheint. Die Gier der Spekulanten verringerte die Strahlkraft des angelsächsischen Modells, die Unfähigkeit der Politiker, die in Urlaub fuhren, nachdem sie das Rettungspaket torpediert hatten, diskreditiert es. Der Rückzug auf den eigenen Kontinent wird in den USA populär. Grund zur Schadenfreude besteht nicht. Ein verunsichertes Imperium, das sich verweigert, kann die Welt stärker destabilisieren als ein selbstbewusstes Imperium, das die Welt gestaltet.” SZ 02.10.2008 „Rettungsplan für Europa nötig”. Ackermann fordert Staatshilfe nach amerikanischem Vorbild. SZ Politik Meldung BRD Seite 1 kA „Rettungsplan für Europa nötig”. Ackermann fordert Staatshilfe nach amerikanischem Vorbild. Frankfurt – Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann hat ein staatliches Hilfsprogramm für europäische Geldhäuser nach dem Vorbild der USA ins Spiel gebracht. „Wenn die USA ein solches Paket verabschieden, sollte Europa bereit sein, vergleichbare Lösungen zu finden”, sagte der Schweizer in Frankfurt. Am Wochenende wollen Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien offenbar über Antworten auf die Finanzkrise beraten. In den USA haben führende Kongressmitglieder den Rettungsplan für die Banken nachgebessert. Das 700 Milliarden Dollar umfassende Paket war vom Repräsentantenhaus abgelehnt worden. Die Fraktionschefs von Demokraten und Republikanern im Senat verständigten sich auf Ergänzungen: Sparanlagen der Bürger sollen besser geschützt werden. (Seite 7 und Wirtschaft) SZ SZ 04.10.2008 Immobilien-Finanzierung. Auf Distanz. Geldhäuser verweigern Mittelständlern häufig den Kredit. Heinz-Josef Simons Beilage Bericht global Seite 24 kA Immobilien-Finanzierung. Auf Distanz. Geldhäuser verweigern Mittelständlern häufig den Kredit. Paradox, aber wahr: Die internationale Finanzkrise hat die Hypothekenzinsen in Deutschland um einige Zehntel Prozentpunkte preiswerter gemacht. Aber nur für Schuldner mit mindestens guter Kreditwürdigkeit. Genau dies ist das Problem für viele Mittelständler, die eine Gewerbeimmobilie finanzieren wollen. „Unruhige oder gar turbulente Kapitalmärkte und zutiefst verunsicherte Investoren – das bewirkt meist leicht fallende Hypothekenzinsen”, hat Max Herbst, Gründer und Chef der FMH-Finanzberatung in Frankfurt, beobachtet. Das ist plausibel, denn sobald die Börsen Achterbahn fahren, ziehen Anleger vermehrt in die vielzitierten sicheren Häfen. Und dazu zählen neben erstklassigen Staatsanleihen auch Pfandbriefe deutscher Hypothekenbanken. Mehr Nachfrage nach solchen Festzinspapieren lässt deren Börsenkurse steigen. Da sich der Preis von Baugeld hauptsächlich an der Gesamtverzinsung länger laufender Pfandbriefe orientiert, zahlen Bauherren zum Teil spürbar weniger als noch vor einigen Monaten. So gab es Hypotheken-Darlehen mit zehnjähriger Zinsbindung zeitweilig für deutlich weniger als fünf Prozent effektiv. Vom circa 700 Milliarden Dollar schweren Rettungsplan des US-Finanzministeriums und der amerikanischen Notenbank erhoffen sich Investoren eine Bereinigung der Finanzbranche und das baldige Ende der weltweiten Finanzkrise. Auch wenn bis dahin wohl noch einige Monate ins Land gehen, die Anleger werden zur Normalität zurückkehren. Einiges spricht dann für erneut steigende Zinsen an den Kapital- und auch an den Geldmärkten. Zumal der Ölpreis in jüngster Zeit wieder kräftig zugelegt hat, was neue Inflationsängste heraufbeschwört. Die Geldentwertung ist in der Eurozone mit nahezu vier Prozent historisch hoch und liegt deutlich über der Zielmarke der Europäischen Zentralbank (EZB) von knapp zwei Prozent. Eine andauernd hohe Inflationsrate könnte weitere Leitzinserhöhungen zur Folge haben, die Anleihenrenditen könnten steigen, Baugeld wieder deutlich teurer werden als heute. Handwerker und andere Mittelständler beobachten diese Entwicklung mit einigem Stirnrunzeln. „Viele Banken lehnen Kreditverträge mit Selbständigen ab, weil die Geldhäuser nicht genügend Personal haben, das professionell Bilanzen auswerten kann”, glaubt FMH-Chef Herbst. Momentan, aufgrund der Verwerfungen an den Kapitalmärkten, kommt erschwerend hinzu, dass Banken und Sparkassen recht ungern größere Darlehen an Mittelständler weiterreichen. „Der erste Weg sollte zur Hausbank führen”, empfiehlt Max Herbst. Sollte sie ablehnen, sei ein offenes Gespräch mit einer neuen Bank ganz wichtig. „Vielleicht gibt es auch einen Grund für die Ablehnung, dem die neue Bank wiederum weniger Tragweite beimisst”, meint der Kölner Rechtsanwalt Günter Reinert, der Kreditnehmer bei Auseinandersetzungen mit ihren Geldhäusern vertritt. Aber auch das nützt bisweilen nicht viel. Viele große PSD-Banken etwa und auch Sparda-Banken, die ansonsten Immobilienkredite mit vergleichsweise günstigen Konditionen bieten, haben sich auf Privatkunden spezialisiert. Mittelständler, Gewerbetreibende und Handwerksbetriebe beispielsweise werden als Darlehenskunden nicht gern gesehen. Ein Vorteil für Selbständige, die derzeit ein Darlehen zur Finanzierung einer Gewerbeimmobilie benötigen, ist das recht große Angebot an flexiblen Rückzahlungsvereinbarungen. Bei Darlehen gibt es zurzeit viele Wahlmöglichkeiten für die Rückzahlung. Fünf Prozent Sondertilgung je Kalenderjahr hat mittlerweile fast jeder Kreditgeber im Programm. Manche Anbieter tun das allerdings nicht kostenlos, sie verlangen dafür Aufschläge von 0,1 bis 0,2 Prozentpunkten auf den Basiszins. Das kann sich aber lohnen, sofern beispielsweise zehn Prozent Sondertilgung jährlich erlaubt sind. Grundsätzlich gilt: „Selbständige müssen stets liquide sein. Deshalb ist es nicht grundsätzlich sinnvoll, jeden Euro als Eigenkapital oder zur Tilgung zu verwenden”, rät FMH-Stratege Herbst. Stattdessen sei der richtige Mix aus Darlehenstilgung und freien Mitteln die beste Lösung. Er empfiehlt, lieber einen kleinen Zinsaufschlag bei Immobilien-Darlehen zu bezahlen als Eigenmittel wie Fonds, Rückkaufswerte von Lebensversicherungen, Schatzbriefe oder andere Investments abzutreten. Heinz-Josef Simons. SZ 04.10.2008 Die Branche im Überblick: Märkte unter Strom. Die internationale Finanzkrise hat die Transaktionen in Europa gebremst, doch sie hält auch neue Chancen für Investoren bereit. Die Unsicherheiten sind auch in Deutschland spürbar. Hans-Willy Bein Beilage Bericht Europa Seite V2/25 kA Die Branche im Überblick: Märkte unter Strom. Die internationale Finanzkrise hat die Transaktionen in Europa gebremst, doch sie hält auch neue Chancen für Investoren bereit. Die Unsicherheiten sind auch in Deutschland spürbar. Von Hans-Willy Bein. London läuft als Finanzplatz allen anderen Hochburgen in Europa den Rang ab. Wegen der hohen Dichte der Banken leidet die Londoner City deswegen aber auch besonders stark unter der aktuellen Finanzkrise. Erstmals seit längerem wird weniger Bürofläche benötigt. Britische Banken kämpfen um Milliarden-Abschreibungen und streichen Stellen. Als Folge kehren auch Investoren der Finanzmeile den Rücken. Das Transaktionsvolumen sank im vergangenen Jahr um 15 Prozent, in den ersten sechs Monaten 2008 sogar um mehr als 40 Prozent. Die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers und der Verkauf von Merrill Lynch in den USA hat die Verunsicherung stark gesteigert. Mehr als 100 000 Bank-Jobs sollen in den nächsten Jahren in den Finanzmeilen auf dem Spiel stehen. Allein durch die Fusion des Baufinanzierers HBOS mit dem Rivalen Lloyds TSB dürften mehrere zehntausend Stellen gestrichen werden. Die zweifelhafte Ehre, weltweit teuerste Stadt für Luxusimmobilien zu sein, hat London ohnehin schon an Monaco abgegeben, ermittelten die Branchenexperten von Knight Frank. Erstmals seit langem wird das Investitionsrisiko in der britischen Metropole höher eingeschätzt als im europäischen Durchschnitt. Die Experten der HSH Nordbank in Hamburg vergeben London nur noch ein Ranking von „mittel”. Die Anlagegesellschaft Deka Immobilien prognostizierte der City schon vor der jüngsten Zuspitzung der Krise für 2008 und 2009 eine deutliche Zunahme unvermieteter Objekte und sinkende Spitzenmieten. Aber das eröffnet Investoren auch Chancen. „Großbritannien bietet inzwischen wieder vielversprechende Investitionsbedingungen, heißt es bei Commerz Real. So erwarb die Commerzbank-Tochter in diesen Tagen für 104 Millionen Euro die im West End gelegene Büroimmobilie „180 Great Portland Street” für ihren Fonds Hausinvest Europa. Während Miethöhe und Leerstand die Bestimmungsfaktoren für das Risiko auf dem Vermietungsmarkt darstellen, sind Markt- und Verkehrswert einer Immobilie Parameter auf dem Investmentmarkt. Für London fällt der Anstieg des Investitionsrisikos besonders auf, ein Einzelfall ist die britische Metropole aber nicht. Finanzexperten schätzen die Risiken auch für andere Bürohochburgen höher ein. „Die gestiegenen Zinsen und Risikoprämien als Folge der Finanzkrise wirken sich stark auf das aktuelle Investitionsverhalten aus”, sagt Peter Axmann. Der Leiter Unternehmensbereich Immobilienkunden der HSH Nordbank spricht von einer „Lähmung”. Verkäufer und Investoren hielten sich mit Abschlüssen zurück. Die Direktinvestitionen in europäische Gewerbeimmobilien waren nach Marktanalysen von Jones Lang LaSalle im vergangenen Jahr schon um vier Prozent auf 244 Milliarden Euro rückläufig. Im ersten Halbjahr 2008 brach das Transaktionsvolumen richtig ein. Die Geldumsätze waren mit annähernd 69 Milliarden Euro im Einjahresvergleich etwa 44 Prozent geringer. Tony Horrell, Leiter Capital Markets Europe bei dem Immobiliendienstleister, geht auch für das Gesamtjahr von einem entsprechenden Rückgang aus. In vielen Ländern sei die Konjunkturstimmung gegenüber ihrem Höhepunkt vor einem Jahr inzwischen deutlich gedämpft. Neben Großbritannien seien bisher vor allem die irischen und spanischen Volkswirtschaften am stärksten von den Auswirkungen der Kreditkrise in Mitleidenschaft gezogen. Horrell sieht aber nicht nur schwarz. „Mit unterschiedlichem Tempo werden sich in den einzelnen Märkten wieder Kaufgelegenheiten ergeben, weil Investoren ihre Investments refinanzieren oder Eigenkapital nachschießen müssen”, sagte er bei den im Juli präsentierten Halbjahreszahlen. Das werde in den kommenden Monaten an verschiedenen Standorten auch wieder zu lebhafterem Geschäft führen. Wegen der eingeschränkten Liquidität auf den Märkten für Fremdkapital werde die Zahl großer Transaktionen indessen gering bleiben. Finanzierungsgespräche mit Banken sind komplizierter geworden und dauern länger als vor der aktuellen Krise, heißt es in der Branche. Das gilt auch für die Verlängerung von Krediten. Auch die Commerz Real sieht Anlass zu vorsichtigem Optimismus. „Mit dem Nachfragerückgang sind vielerorts auch die Immobilienpreise deutlich gesunken, sodass sich im gegenwärtigen Umfeld für eigenkapitalstarke Investoren neue Akquisitionschancen ergeben”, sagt Commerz-Real-Vorstandssprecher Hubert Spechtenhauser. Dies gelte insbesondere für Großbritannien. Besonders im Großraum London, dem liquidesten Immobilienmarkt Europas, eröffneten die heute erzielbaren Anfangsrenditen interessante Perspektiven. Commerz Real selbst plant laut Vorstand Hans-Joachim Kühl weitere Akquisitionen in London und anderen Städten Großbritanniens. Die Gesellschaft hatte in den vergangenen zwei Monaten im Großraum London insgesamt drei Akquisitionen mit einem Investitionsvolumen von insgesamt circa 280 Millionen Euro realisiert. Weitere interessante Märkte sind nach Einschätzung von Firmenchef Spechtenhauser in Skandinavien zu finden, wo aufgrund eines stabilen Wirtschaftswachstums und geringer Neubauaktivitäten mit sinkenden Leerständen und teils steigenden Mieten zu rechnen sei. Immobilieninvestoren hatten sich in den vergangenen Jahren verstärkt den Märkten in Mittel- und Osteuropa zugewandt. Getrieben vom Bauboom in Russland und kräftigen Wachstumsraten der Volkswirtschaften war das Immobiliengeschäft auch in vielen anderen Ländern Osteuropas angesprungen. „Auch mittelfristig ist Zentraleuropa ein interessanter Investitionsstandort”, sagt Spechtenhauser. Das Angebot erstklassiger Immobilien sei derzeit aber sehr begrenzt. In Zentraleuropa ist der Bestand nach Darstellung der Deka Immobilien an Büroflächen in Warschau mit 2,6 Millionen Quadratmeter inzwischen am größten. Es folgen Prag und Budapest mit jeweils knapp zwei Millionen Quadratmetern. Die Leerstandsquote lag bei 3,4 Prozent. Durch den kräftigen Zubau an Büroflächen rechnen die Deka-Experten schon in diesem Jahr mit zunehmenden Leerständen. Das gilt speziell für Warschau, allerdings auch für Prag und Budapest. An anderen Standorten sieht Commerz Real aber noch Mangel an modernen Bürostandorten. Im Einzelhandel hätten hohe Umsatzzuwächse zu einer Ausweitung von Verkaufsflächen geführt. In einigen Märkten berge dies die Gefahr der Überversorgung. Angesichts dessen rückten bei Ankaufsentscheidungen Risikoaspekte zunehmend in den Fokus der Investoren. Insgesamt würden sich die Immobilienpreise in Richtung eines dieser Region angemessenen Chance-Risiko-Niveaus entwickeln, glaubt Vorstandssprecher Spechtenhauser. Dies eröffne Investitionsmöglichkeiten. Der deutsche Immobilienmarkt konnte sich naturgemäß den Turbulenzen der internationalen Finanzkrise nicht entziehen. Allerdings werden die Auswirkungen von vielen Akteuren als weniger gravierend eingeschätzt als in anderen Märkten. Das gilt besonders für das Vermietungsgeschäft in den Bürohochburgen Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, Köln, München und Stuttgart. Die Risiken auf den Investitionsmärkten seien konstant geblieben, stellt die HSH Nordbank fest. Das Investmentgeschäft erlitt indessen einen deutlichen Rückschlag. Die Immobilienberater CB Richard Ellis (CBRE) sprechen aber immer noch von einem zufriedenstellenden Investitionsvolumen. Auch seien die Preise stabil geblieben, meint die HSH. Nach CBRE-Erhebungen nahm das Transaktionsvolumen von Januar bis Juni um mehr als 50 Prozent auf gut zwö;lf Milliarden Euro ab. „Auf den ersten Blick ist das ein markanter Einschnitt, aber im Vergleich zu der Zeit vor den beiden Rekordjahren 2006 und 2007 ein Trend zur Normalität”, sagt CBRE-Investment-Chef Fabian Klein. Begründen lasse sich die verminderte Dynamität mit dem Zinsanstieg und dem unverändert schwierigen Finanzierungsumfeld für Gewerbeimmobilien. Banken gingen deutlich selektiver und restriktiver vor, stellt Klein fest. „So war das Investmentmarktgeschehen des ersten Halbjahres maßgeblich durch mit Eigenkapital unterlegte Transaktionen geprägt.” Im ersten Quartal summierten sich Transaktionen von Arcandor, Deutsche Post und dem Sony Center, die noch im Jahr 2007 verhandelt worden waren, allein auf ein Volumen von vier Milliarden Euro. Vergleichbare großvolumige Transaktionen finden nach Einschätzung von CBRE unter den derzeitigen Finanzierungsbedingungen keine Abnehmer. Dagegen registriert der Dienstleister wieder vermehrt Einzeldeals in der Größenordnung zwischen 20 und 150 Millionen Euro. Dass Deutschland vergleichsweise glimpflich wegkommt, liegt nach Experten-Meinung auch an den unterschiedlichen Modellen. Während in Deutschland stärker mit Eigenkapital operiert wird, neigen die Käufer in anderen Ländern zur Fremdfinanzierung. „Deutschland bleibt für uns ein interessanter Investitionsstandort”, heißt es bei Commerz Real. Die Wirtschaft entwickelt sich zwar weniger dynamisch als in den beiden Vorjahren. Dennoch halte man den deutschen Markt für die kommenden Jahre für „gut aufgestellt”. Die Nachfrage nach Flächen ist weiterhin hoch und gerade der Mangel an erstklassigen und zentralen Flächen wird sich in den kommenden Jahren als stabilisierender Faktor bei der Mietpreisentwicklung erweisen. Im Vermietungsgeschäft gelten die Preise für erstklassige Bürogebäude in den Innenstädten weiter als stabil. Allerdings sind die Preise in Randlagen oder an B- und C-Standorten unter Druck gekommen. Die HSH-Bank geht in ihrer jüngsten Analyse für die nächsten drei Jahre von einer Zunahme der Büroarbeitnehmer in Deutschland von 1,1 Prozent bis 2011 aus. Auf Basis dieser Beschäftigungsprognosen werde der Bedarf an Büroflächen in den wichtigsten deutschen Bürostandorten pro Jahr um annähernd 800 000 Quadratmeter zunehmen. Gleichzeitig rechnen die HSH-Experten mit Fertigstellungen von durchschnittlich 950 000 Quadratmeter pro Jahr. Ab dem kommenden Jahr könnte es daher zu höheren Leerstandsraten kommen. Großbritannien, Irland und Spanien sind besonders betroffen Längst sind Gewerbeimmobilien nicht mehr nur eintönige Klötze. Futuristisch mutet der Selfridges Department Store in Birminghams riesigem Shoppingcenter Bullring an: Seine Außenhaut bedecken 15 000 Aluminiumscheiben. Kürzlich wurde der Komplex komplett umgestaltet. SZ 06.10.2008 Die Finanzkrise und ihre Folgen: Warum Hausbesitzer noch gut schlafen können. Die Häuser halten noch. Zehn Jahre Flaute haben deutsche Immobilien vor einem Preisabsturz bisher bewahrt, aber Baugeld wird teuer. Simone Gröneweg Geld Bericht BRD Seite 22 Die Finanzkrise und ihre Folgen Die Finanzkrise und ihre Folgen: Warum Hausbesitzer noch gut schlafen können. Die Häuser halten noch. Zehn Jahre Flaute haben deutsche Immobilien vor einem Preisabsturz bisher bewahrt, aber Baugeld wird teuer. Von Simone Gröneweg. München – Die Preise für Häuser und Wohnungen in den USA, England, Dänemark und Spanien fallen. Deutsche Hausbesitzer fragen sich, ob der Werteverfall mit der Finanzkrise auch ihre vier Wände erreicht. Leiden die Preise für deutsche Immobilien durch die Finanzkrise? Bisher nicht. Bei der Bundesgeschäftsstelle der Landesbausparkassen (LBS) heißt es: Die Preise sind hierzulande stabil. Um 1,5 Prozent ging es 2007 nach oben, haben die Analysten der DZ Bank ausgerechnet. Allerdings legten die Verbraucherpreise um 2,3 Prozent zu. Der deutsche Markt falle aus dem Rahmen, heißt es in der Bankstudie. Während die Preise für Häuser in Amerika, England und Spanien in den vergangenen Jahren extrem stiegen, dümpelten sie in Deutschland vor sich hin. Das bewahrt den Immobilienmarkt nun vor einem Absturz. Allerdings ist der Markt gespalten. Städte wie München oder Frankfurt sind teuer, während man in einigen ostdeutschen Dörfern kaum Käufer findet. So gab es schon Berichte über Preiseinbrüche von 30 oder 50 Prozent in Berlin. „Das ist aber Marktschreierei”, sagt Immobilienanalyst Tobias Just von der Deutschen Bank. Das seien allenfalls individuelle Fälle, die es immer geben könnte. Die meisten Experten glauben nicht, dass es in Deutschland einen Preissturz gibt. Haben sich in Deutschland viele fürs eigene Haus verschuldet? Deutschland ist ein Mieterland. Zumindest statistisch: Die Eigentümerquote liegt bei nur 43 Prozent. In Spanien beträgt sie fast 90 Prozent, in Großbritannien mehr als 70 Prozent. „Viele wünschen sich Wohneigentum, aber die Deutschen sind vorsichtig”, sagt Yvonn Kappel von der Bundesgeschäftsstelle LBS. Während man sich in Großbritannien etwa als junger Mensch eine Einzimmerwohnung kaufe und später veräußere für ein größeres Apartment, sei das in Deutschland unüblich. Wem gehören die deutschen Wohnungen und Häuser? Nur 15,1 Millionen Wohnungen und Häuser werden von den Eigentümern selbst bewohnt. Fast 24 Millionen werden gemietet. 60 Prozent dieser gemieteten Einheiten gehören wiederum Privatleuten. Zehn Prozent sind in öffentlicher Hand oder bei Genossenschaften, 17 Prozent haben große Wohnunternehmen inne. Weitere Besitzer sind etwa Kirchen oder Finanzinvestoren. Wie viel Geld steckt in Immobilien? Etwa sieben Billionen Euro sind in Deutschland insgesamt in Immobilien investiert, also auch Gewerbeimmobilien. Gibt es auch in Deutschland eine Kreditkrise? Nein, sagen die Experten. Die Deutschen haben konservativ finanziert. Während es im Ausland häufig Hundert-Prozent-Finanzierungen gab, war das in Deutschland unüblich. Ein Bauherr oder Hauskäufer musste in der Regel 20 Prozent der Kosten schon gespart haben, den Rest bekam er dann von der Bank. In den Vereinigten Staaten oder in England hat man auch potentielle Preissteigerungen einer Immobilie in die Finanzierung eingerechnet. „So etwas hat es in Deutschland nicht gegeben”, sagt Ulrich Geis, Analyst bei der DZ Bank. Auch variable Zinsen sind hierzulande sehr selten. In der Regel werden die Zinsen für ein Darlehen für zehn Jahre festgelegt. Was ist mit den Bauzinsen? Die Konditionen für Baufinanzierungen orientieren sich an den Renditen von Pfandbriefen. Ein Pfandbrief ist eine Schuldverschreibung einer Hypothekenbank oder eines öffentlich-rechtlichen Kreditinstitutes. Bei diesen Wertpapieren gab es Risikoaufschläge. Am Freitag hieß es bereits, dass Baugeld-Zinsen gestiegen seien. „Für Baufinanzierungskunden bleibt es empfehlenswert, nicht auf sinkende Zinsen zu spekulieren”, schreibt etwa Robert Haselsteiner vom Finanzvermittler Interhyp. Vielmehr solle man die aktuellen Zinsen nutzen. Derzeit zahlt man für ein Darlehen mit zehn Jahren Laufzeit etwa fünf Prozent. Kommt man in Zukunft schwerer an ein Darlehen? Einige Experten glauben, dass Banken in Zukunft genauer hinschauen, wenn sie einen Kredit vergeben. Die werden sich eventuelle Risiken höher bezahlen lassen, vermutet Experte Geis. Wer keine ausreichenden Sicherheiten bietet, wird es wahrscheinlich schwerer haben, ein Immobiliendarlehen zu bekommen. Werden bereits weniger Immobilienkredite vergeben? Im ersten Quartal dieses Jahres wurden tatsächlich weniger Wohnungsbaukredite vergeben. Da weist die Statistik der Deutschen Bundesbank ein Minus von 3,5 Milliarden Euro im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf. Im zweiten Quartal waren es aber schon wieder 171 Millionen Euro mehr als im Jahr zuvor. Wie viel wird in Deutschland gebaut? Im Moment wenig. Zwar ging es 2006 bei den Bauten aufwärts. Das lag aber daran, dass die Eigenheimzulage auslief. Ein Sondereffekt. Ansonsten wird deutlich weniger gebaut als noch vor zehn Jahren. 1998 gab es etwa 500 000 Fertigstellungen pro Jahr, 2008 waren es unter 200 000. Bei der DZ Bank geht man davon aus, dass die Bauinvestitionen in Wohnungen auch 2008 um ein Prozent zurückgegangen sind. Auffallend: Die Leute haben hierzulande starkes Interesse an gebrauchten Immobilien, sagt Kappel von der LBS. Sie seien einfach preisbewusster. Reihenhaus-Siedlung in München- Feldmoching: Anders als in anderen Industrieländern sind die Immobilienpreise in Deutschland stabil geblieben. Der Markt ist allerdings gespalten: Städte wie München oder Frankfurt sind teuer, während man in einigen ostdeutschen Dörfern kaum Käufer findet. SZ 06.10.2008 Bollwerk in der Krise. Deutsche Stahlkonzerne Thyssen-Krupp und Salzgitter sehen kein abruptes Ende des Booms. Hans-Willy Bein Wirtschaft Bericht global Seite 23 kA Bollwerk in der Krise. Deutsche Stahlkonzerne Thyssen-Krupp und Salzgitter sehen kein abruptes Ende des Booms. Von Hans-Willy Bein. Washington – Entgegen der Befürchtungen ihrer internationalen Konkurrenten erwarten die großen deutschen Stahlkonzerne kein abruptes Ende des seit mehr als fünf Jahren andauernden Booms. „Die Perspektiven für den Weltstahlmarkt werden weiterhin günstig beurteilt”, sagte Karl-Ulrich Köhler, der Vorstandschef der Stahltochter des Thyssen-Krupp-Konzerns im Vorfeld der Weltstahlkonferenz, die an diesem Montag in Washington beginnt. „Es wird keinen Absturz geben”, sagt auch Wolfgang Leese, der Chef des Salzgitter-Konzerns. Das zweitgrößte deutsche Stahlunternehmen spürt ebenso wie Branchenführer Thyssen-Krupp keine Abschwächung der Nachfrage. Die Werke seien voll ausgelastet. Daran werde sich auch in absehbarer Zukunft nichts ändern, heißt es bei Thyssen-Krupp und Salzgitter. „Wir fahren volles Rohr. Mehr geht nicht”, sagt Leese. Anders als die deutschen Stahlproduzenten mit ihren Spezialitäten kommen die Konzerne in den USA und Japan unter Druck, weil große Kundengruppen wie die Bauwirtschaft und die Autoindustrie deutlich weniger Stahl nachfragen und die hohen Preise nicht länger akzeptieren wollen. USA drosseln Importe. „Hier kippt der Markt ab”, sagte Köhler von Thyssen-Krupp. Spüren werden das aber auch die europäischen Konzerne, weil die USA zunächst ihre Importe drosseln dürften. Amerika deckt mehr als ein Viertel seines Bedarfs mit Hilfe von Einfuhren. Auch beim bisherigen Wachstumstreiber China lässt die Inlandsnachfrage nach und China-Stahl drängt stark auf die Auslandsmärkte. In Europa, Amerika und Japan werde die trübere Gesamtkonjunktur das Stahlgeschäft beeinflussen, schätzt Köhler. Er warnte aber davor, die Folgen der Finanzkrise zu negativ einzuschätzen. Die Nachfrage aus Asien, Lateinamerika, dem Nahen Osten und Russland nach Stahl werde in den nächsten Jahren weiter überdurchschnittlich wachsen. Für dieses Jahr wird weltweit mit einer Steigerung der Rohstahlproduktion um sechs Prozent auf gut 1,4 Milliarden Tonnen gerechnet. Die Produktion der deutschen Hütten wird auf unverändert 48 Millionen Tonnen geschätzt. Auch in Deutschland werde in der Automobilindustrie zwar von einer Abschwächung gesprochen, außerdem laufe das Geschäft mit Baumaschinen „etwas schwächer”. Bisher hätten diese wichtigen Kundenbranchen ihre Abnahmekontingente aber nicht gekürzt, heißt es bei Thyssen-Krupp und Salzgitter. Beide Konzerne hatten zum 1. Oktober nochmals die Preise für Flachprodukte im Schnitt zwischen 20 und 30 Euro die Tonne erhöht. Er sei davon überzeugt, dass der Markt die höhere Preise auch in der derzeitigen Phase hergebe, sagt Leese. Im Geschäft mit Großrohren sei der Auftragsbestand seines Unternehmens ohnehin „riesig”. Für das kommende Jahr stellt sich das Geschäft für Salzgitter nicht anders dar als 2008. Auftragsbestand „riesig”. Auch Köhler sprach von einer „robusten Lage”. Bei Thyssen-Krupp ist das Geschäftsjahr 2007/2008 am 30. September zu Ende gegangen. Köhler hielt sich mit Angaben zu Bilanzzahlen noch zurück. Klar ist aber, dass die Stahltochter den Rekordgewinn des Vorjahres wegen der hohen Anlaufkosten für die neuen Werke in Brasilien und den USA nicht wieder erreichen wird. Steigende Preise im Anlagengeschäft treiben die Kosten für die Projekte kräftig hoch. Das bisher auf 2,9 Milliarden Dollar veranschlagte Investitionsvolumen für das Werk in Alabama wird um zehn Prozent überschritten. Das benachbarte Edelstahlwerk wird 20 bis 25 Prozent teurer. Für die Hütte in Brasilien ist das Investitionsbudget auf 4,5 Milliarden Euro angehoben worden. Damit würde das Projekt allerdings auch wegen Abweichungen von der Planung 50 Prozent teurer als zunächst gedacht. Wegen der Modernisierung eines Hochofens in Duisburg blieb die Rohstahlproduktion bei Thyssen-Krupp mit 14,2 Millionen Tonnen 2007/2008 leicht hinter dem Vorjahr zurück. Der Versand an Walzstahlprodukten erreichte mit 14,3 Millionen Tonnen (plus 1,5 Prozent) ein Rekordniveau. Durch den internationalen Wachstumskurs soll das Liefervolumen auf 20 Millionen Tonnen steigen. Der Thyssen-Krupp-Konzern setzte 2007/2008 über 53 Milliarden Euro um. Das zweitgrößte deutsche Stahlunternehmen, Salzgitter, spürt trotz der weltweiten Finanzkrise bislang keine Abschwächung der Nachfrage. Im Bild eine Pfanne mit flüssigem Roheisen in einer Halle von Salzgitter. SZ 06.10.2008 Lieber auf der Matratze schlafen. Anleger können weiter Bares zur Bank tragen. Im Notfall hilft die Einlagensicherung, das Ersparte zu retten. Simone Boehringer Geld Bericht BRD Seite 20 kA Lieber auf der Matratze schlafen. Anleger können weiter Bares zur Bank tragen. Im Notfall hilft die Einlagensicherung, das Ersparte zu retten. Von Simone Boehringer. München – Alle reden über die Finanzkrise: Ob beim Joggen, im Schwimmbad oder auf dem Weg zum Oktoberfest, die Menschen fragen sich, wie sicher ihr Geld noch ist. Nachdem sich nun herausstellte, dass das 35-Milliarden-Paket zur Rettung der Immobilienbank Hypo Real Estate nicht ausreicht, hat sich die Lage noch einmal zugespitzt. Wichtige Fragen und Antworten im Überblick: Soll ich mein Geld unter die Matratze legen? Es ist immer ratsam, eine kleine Bargeld-Reserve zu Hause zu haben, schon weil kleinere Geschäfte und Restaurants in Krisenzeiten gerne dazu übergehen, nur Bargeld zu akzeptieren. Es ist jedoch nicht nötig und sinnvoll, sehr viel Geld abzuheben. Im Gegenteil: Ein solches Misstrauensvotum gegenüber der eigenen Bank kann auch kerngesunde Geldhäuser in die Bredouille bringen, wenn viele Menschen in eine solche Panik verfallen. Die Banken haben nämlich oft nicht so viel Bargeld auf Lager, dass alle Kunden gleichzeitig ihr ganzes Geld abheben können. Und sollte tatsächlich eine weitere Bank in Deutschland ernsthafte Probleme bekommen, greift das Einlagensicherungssystem in Deutschland. Alle Kundeneinlagen, also Giro- Tagesgeld-, Termingeld sowie Sparkonten werden im Insolvenzfall bis in hohe Milliardensummen voll entschädigt. Zusätzlich garantiert seit Sonntag der Staat (Artikel rechts). Sparer mit Privatbankverbindung können im Internet unter www.bankenverband.de/einlagensicherung nachsehen, bis zu welcher Höchstsumme die Einlagensicherung für den einzelnen Sparer eintritt. Was ist, wenn die Einlagenfonds womöglich überfordert sind? Ökonomen, Politiker und Bankchefs halten dieses Szenario für undenkbar. Sollte tatsächlich ein Rettungstopf einmal leer sein, sind die beteiligten Institute verpflichtet, Geld nachzuschießen. Wer trotz dieser Sicherungsmaßnahmen einen Ausfall der Einlagensicherung für möglich hält, sollte sein Geld breit streuen, am besten nicht mehr als 20 000 Euro Einlage einem Institut anvertrauen. Dies ist die Grenze, bis zu der Geldeinlagen in Deutschland gesetzlich zu 100 Prozent garantiert sind, also entschädigt werden, wenn alle Stricke reißen. Für weitere 20 000 Euro gilt gesetzlich ein 90-prozentiger Schutz. Wer also 40 000 Euro gespart hat, erhält im Konkursfall 38 000 vom Staat ersetzt, sollte die Einlagensicherung, dem das jeweilige Institut angehört, nicht mehr helfen können. Wer darüber hinaus ein Konto bei einer Genossenschaftsbank (Volks- und Raiffeisenbanken), eines bei einer öffentlichen Bank (Sparkassen) und eines bei einem privaten Geldhaus unterhält, hat im Zweifel die Einlagensicherungssysteme aller Säulen im dreigliedrigen Bankensystem Deutschlands hinter sich. Soll ich mein Depot bei bestimmten Banken auflösen? Nach Angaben der Bankenaufsicht Bafin lassen sich Wertpapierdepots auch nach einer Insolvenz jederzeit zu einem anderen Institut hin übertragen. Dies gelte auch während eines üblicherweise sechswöchigen Moratoriums, nachdem ein Pleite-Institut von der Aufsicht geschlossen worden ist. Aktienfonds etwa sind ohnehin Sondervermögen. Sie gehören den Kunden, fallen also nicht in die Konkursmasse einer Bank. Auch über Bundesanleihen und andere Schuldtitel von Unternehmen, denen es gut geht, können Anleger im Depot frei verfügen. Sollte ich den Bankberater treffen? Viele Kunden werden derzeit im Hinblick auf die ab Januar 2009 geltende Abgeltungsteuerregelung von ihren Beratern zum Gespräch gebeten, um eventuelle Änderungen im Depot vorzunehmen.Hier gilt: Umschichtungen können sinnvoll sein, um Steuern zu sparen. Oberste Priorität sollte je nach Risikoklasse des Einzelnen eine möglichst sichere Anlagestrategie sein, und das ist nicht immer die steuerlich optimale. Soll ich Edelmetalle kaufen? Die Anlage in Gold und Silber gilt als traditioneller Schutz gegen Inflation wie etwa in Zeiten von Kriegen und/oder hoher Staatsverschuldung. Edelmetalle werden dabei als Alternative zu Staatsanleihen gesehen, die derzeit ebenfalls als sicherer Hafen sehr gefragt sind. Zu beachten ist allerdings: Edelmetalle bringen im Unterschied zu Anleihen keine Zinsen. Sie dienen damit in erster Linie dem Werterhalt, wenn etwa die eigene Währung an Wert einbüßt. Für den Fall des Zusammenbruchs eines bestehenden Finanzsystems nahmen Edelmetalle in der Vergangenheit oft den Rang einer Ersatzwährung ein. Dies rührt daher, dass beide Metalle jahrtausendelang Geldcharakter hatten. Außerdem lassen sie sich – anders als Papiergeld – nicht beliebig vermehren. Die weltweiten Goldbestände etwa wachsen im langjährigen Schnitt um etwa ein Prozent pro Jahr. Mehr wird schlicht nicht gefunden. Wer Geld unter der Matratze deponiert, verschenkt Zinsen. SZ 06.10.2008 Rohstoffpreise stürzen ab. kA Dieter Claassen Geld Bericht global Seite 21 kA Rohstoffpreise stürzen ab. Von Dieter Claassen. London – Die Finanzkrise hinterlässt auch tiefe Spuren im Rohstoffmarkt. Der Reuters/Jeffries CRB Index, der die Preise von 19 Rohstoffen erfasst, verzeichnete am Freitag erhebliche Kursverluste. Am empfindlichsten reagieren derzeit die Industriemetalle auf die rapide Verschlechterung der Weltwirtschaftslage. So stürzte der Preis für Kupfer zur Lieferung in drei Monaten an der Londoner Metallbörse (LME) um 13 Prozent auf nur noch 5935 Dollar je Tonne ab. Das war der größte wöchentliche Verlust seit über 20 Jahren. Auch bei den übrigen Industriemetallen sehen Analysten trotz der bereits extrem gesunkenen Preise vorläufig noch kein „Einstiegssignal” für Anleger. Die Notierungen für Aluminium, Nickel, Zinn und Zink verloren zwischen sieben bis zehn Prozent, der für Blei sogar fast 14 Prozent an der LME. Dieses Metall leidet gemeinsam mit dem Edelmetall Platin, das im Wochenverlauf ebenfalls etwa 14 Prozent an Wert einbüßte, ganz besonders unter dem Einbruch der weltweiten Automobilkonjunktur. Beim Gold mehren sich die Berichte über eine beispiellose Nachfrage der Anleger, vor allem nach Münzen und Barren. „Die Leute trauen den Banken nicht mehr und tauschen ihre Einlagen in Gold um”, sagt ein Londoner Händler. Er verkaufe derzeit ein Mehrfaches dessen, was vor dem Ausbruch der Finanzkrise üblich war. Über ein boomendes Geschäft freut sich auch die ATS Bullion Boutique im Londoner Savoy Hotel. Kunden, manche mit Tragetaschen oder Rucksäcken, verließen das Geschäft „mit zufriedenen Gesichtern”, hieß es. Dennoch fiel der Goldpreis im Wochenverlauf um fast 80 Dollar auf nur noch 828 Dollar je Feinunze in London. Händler begründeten dies mit den starken Kursgewinnen des Dollar gegenüber dem Euro. Spekulationen über eine baldige Zinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) hatten die Einheitswährung geschwächt. Der Ölpreis geriet wegen der zunehmenden weltweiten Rezessionsängste ebenfalls unter starken Druck und fiel in New York um zwölf Prozent – das ist der größte Wochen-Verlust seit 2004 – auf nur noch 93 Dollar je Fass. Dazu trugen auch der siebenprozentige Rückgang des Verbrauchs von Ölprodukten in den USA im September und hohe US-Arbeitslosenzahlen bei. SZ 06.10.2008 Kalifornien in Not. Der bevölkerungsreichste Bundesstaat der Vereinigten Staaten steht am Rande der Zahlungsunfähigkeit. Nikolaus Piper. Geld Bericht USA Seite 21 kA Kalifornien in Not. Der bevölkerungsreichste Bundesstaat der Vereinigten Staaten steht am Rande der Zahlungsunfähigkeit. Von Nikolaus Piper. New York – Die Nachricht platzte mitten in die Schlussabstimmung über das 700-Milliarden-Dollar-Rettungspaket für die Banken im US-Repräsentantenhaus: Kalifornien, der bevölkerungsreichste Bundesstaat und – für sich genommen – die sechstgrößte Volkswirtschaft der Welt, steht am Rande der Zahlungsunfähigkeit. Der republikanische Gouverneur Arnold Schwarzenegger kündigte in einem Brandbrief an Finanzminister Henry Paulson an, er werde Washington vermutlich um einen Notkredit von sieben Milliarden Dollar bitten müssen, „um die Arbeit der Regierung aufrechterhalten zu können”. Nun war der Brief Schwarzeneggers vermutlich auch ein Stück politische Taktik. Der Gouverneur wollte den unwilligen Abgeordneten seiner eigenen Partei klar machen, wie ernst die Lage ist und dass sie eigentlich gar keine Alternative haben, als dem Rettungsplan zuzustimmen. Insofern hatte das Schreiben einen ersten Erfolg. Das ungeliebte Gesetzespaket wurde mit einer Mehrheit von 263 zu 171 Stimmen beschlossen. Das Problem, das hinter der Aktion Schwarzeneggers steht, ist allerdings sehr real und sehr ernst. Die Finanzkrise hat sich zuletzt auf beunruhigende Weise ausgedehnt. Der Markt für neue Kredite ist praktisch ausgetrocknet, mittlerweile auch für öffentliche Körperschaften in den Vereinigten Staaten. Städte, Gemeinden, Schulbezirke und Bundesstaaten sind in Amerika, genauso wie in Deutschland und in anderen föderalistischen Staaten, immer wieder auf Kassenkredite angewiesen, um ihre laufenden Ausgaben decken zu können. So müssen zum Beispiel Gehälter jeden Monat gezahlt werden, bestimmte Steuern gehen jedoch erst zum Quartalsende ein. Normalerweise ist die Aufnahme solcher Kredite eine Routineangelegenheit, nicht mehr jedoch heute: Die Risikoscheu in den Märkten ist so groß, dass nicht nur Firmen, sondern auch staatliche Einrichtungen unterhalb der Bundesregierung in Washington als unsichere Kantonisten gelten. Lehrer warten aufs Gehalt. Der Fall Kalifornien sieht so aus: Die Geldreserven der Staatsregierung in Sacramento reichen noch bis zum 28. Oktober. Dann entsteht eine Milliardenlücke, so lange, bis im Frühjahr eine neue Welle von Steuereinnahmen in die Kassen fließt. Diese Lücke muss der Gouverneur mit Krediten überbrücken. Zum 1. November etwa werden drei Millionen Dollar Lehrergehälter für über 1000 Schulbezirke fällig. Sollte die Regierung das Geld auf dem Kapitalmarkt nicht auftreiben können, muss sie sich definitiv an Washington wenden. Nachdem das Rettungspaket am Freitag den Kongress passiert hatte, zeigten sich Vertreter Kaliforniens zwar erst einmal erleichtert. Gouverneur Schwarzenegger warnte jedoch gleichzeitig, der Staat sei „noch nicht in Sicherheit”. Sollte Kalifornien tatsächlich einen Sieben-Milliarden-Dollar-Kredit aus Washington bekommen, wäre dies die größte derartige Rettungsaktion in der Geschichte der USA. 1975 hatte die Bundesregierung die Stadt New York mit einem Darlehen von 2, 5 Milliarden Dollar vor dem Konkurs gerettet. Neben Kalifornien sind auch andere Bundesstaaten von der Kreditkrise betroffen. Massachusetts zog eine geplante Anleihe über 750 Millionen Dollar zurück und stoppte die Emission kurzfristiger Kreditpapiere (Commercial Papers). Zuvor hatte die Staatsregierung bei einer Auktion nur 232 statt der gewünschten 400 Millionen Dollar Kredit einsammeln können. Auch Florida und New Mexico verschoben die geplante Emission von Anleihen. Kalifornien ist dabei ein Sonderfall. Der Bundesstaat leidet, besonders in einem südlichen Teil, besonders unter dem Zusammenbruch der Immobilienpreise. Das Steueraufkommen geht dramatisch zurück. Für Städte und Gemeinden ist die Grundsteuer die wichtigste Einnahmequelle. Zudem sind Budgetprobleme in Kalifornien chronisch. Schon im Sommer 2003 ging der Regierung plötzlich das Geld aus und sie musste bei einem Bankenkonsortium einen sehr teuren Notkredit aufnehmen. Damals trat Schwarzenegger als neuer Gouverneur mit dem Versprechen an, die Staatsfinanzen zu sanieren. Seine Bilanz ist allerdings ernüchternd. Für dieses Haushaltsjahr, es hat am 1. Juli begonnen, kalkulierte er ein Budgetdefizit von mehr als 15 Milliarden Dollar ein, was vermutlich nicht reichen wird. Auch der Stadt New York stehen harte Zeiten bevor. Im vergangenen Jahr kamen 35,9 Prozent aller Steuereinnahmen der Stadt aus dem Bankensektor. Zwar hat Bürgermeister Michael Bloomberg Reserven gebildet, doch jetzt muss er Investitionen kürzen und die Grundsteuer erhöhen. Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger geht das Geld aus, weil auch der bevölkerungsreichste Bundesstaat der USA in der Finanzkrise nicht mehr so ohne weiteres an Kredite kommt. Sollte Kalifornien tatsächlich deswegen einen Sieben-Milliarden-Dollar-Kredit aus Washington bekommen, wäre dies die größte derartige Rettungsaktion in der Geschichte der USA. SZ 06.10.2008 Ohne Yuppies wächst der Hunger. Bei karitativen Einrichtungen in New York fließt der Spendenfluss spärlicher. Moritz Koch Geld Bericht USA Seite 21 kA Ohne Yuppies wächst der Hunger. Bei karitativen Einrichtungen in New York fließt der Spendenfluss spärlicher. Von Moritz Koch. New York – Kistenweise Toastbrot, Salat und Orangen. Der Koch strahlt über sein ganzes kugelrundes Gesicht. Fast bizarr wirkt seine Freude, so trostlos ist die Umgebung. Das Seniorenzentrum Jackie Robinson befindet sich im ersten Geschoss eines heruntergekommenen Klinkerbaus in Harlem. Wer hier zum Essen herkommt, hat kaum mehr als das, was er am Leib trägt – und bis auf wenige Ausnahmen: dunkle Haut. Die Rentner stützen sich auf Sperrholztische und starren auf einen alten Fernseher. Godfrey Peters schaufelt Nudeln auf ein Backblech. „Ich wäre aufgeschmissen ohne diese Typen”, sagt er. Peters ist der Koch und mit „Typen” meint er die Lieferanten, die ihm die Nahrungsmittel bringen. Sie arbeiten für City Harvest, ein Hilfswerk, das mit seinen weißen Lastern in der ganzen Stadt unterwegs ist. Sie sammeln ein, was übrig bleibt in Supermärkten und Restaurants und bringen es den Alten, den Obdachlosen und den Armen. Ohne fremde Hilfe würden viele New Yorker nicht richtig satt. Vor drei Jahren kamen täglich 60 Senioren in seine Kantine, erinnert sich Peters. Heute kommen fast doppelt so viele. Und Peters glaubt: Jetzt, da die Wall Street kollabiert ist, wird die soziale Not noch größer. Nicht, dass bald die gefeuerten Banker Schlange stünden für sein Ein-Dollar-Mittagessen oder das 75-Cent-Frühstück. Aber mit jeder gescheiterten Bank schwinden Steuereinnahmen, die Stadt muss ihre Sozialausgaben stutzen. Und vor allem: mit jedem Milliardenverlust in der Finanzwelt gibt es weniger Spenden für Organisationen wie City Harvest. Es wird dieser Tage viel gelästert über die Verschwendungssucht der Spesenritter der Wall Street. Viele Amerikaner gönnen den Yuppies ihren Absturz. Und lebten sie nicht tatsächlich in Saus und Braus und verprassten ihre horrenden Bonuszahlungen mit 10 000-Dollar-Cocktails, deren Eiswürfel Diamanten enthielten? Sicher: Bescheidenheit gehörte nicht zum Wertekanon der Wall Street. Aber es stimmt auch, dass kaum eine andere Branche in den vergangenen Jahren so großzügig war wie die Finanzindustrie. Museen, Konzertsäle und Sozialprojekte konnten darauf zählen, dass Banken und Banker ihnen hochdotierte Schecks ausstellten. Nun, da der Geldrausch zu Ende ist, bangen karitative Einrichtungen um ihre Budgets. Eric Kessler, Gründer von Arabella Philanthropic Investment Advisors, einer Beratungsfirma für spendable Reiche, warnt: „Die schlechten Omen kündigen einen perfekten Sturm an.” Seine Klienten sähen den Wert ihrer Aktiendepots schrumpfen, sorgten sich um ihre Firmen und hielten ihr Geld zusammen. Lehman-Pleite trifft Arme. Die neue Sparsamkeit bekommt Jilly Stephens bereits zu spüren. Die Leiterin von City Harvest sorgt sich um die Zukunft: „Wir steuern ungewissen Zeiten entgegen. Die Zahl der Bedürftigen steigt und gleichzeitig versiegen wichtige Einnahmequellen.” City Harvest hat sich vorgenommen, in diesem Jahr 15 Millionen Dollar einzusammeln, deutlich mehr als im Jahr zuvor, um die steigenden Benzin- und Lebensmittelpreise auszugleichen. Aber 2007 zählte Lehman Brothers zu den fünf wichtigsten Spendern, inzwischen ist die Investmentbank pleite und zahlt selbst ihre Schulden nicht zurück. Zu einem ungünstigeren Zeitpunkt hätte die Krise kaum kommen können. Fast 40 Prozent ihres Jahresbudgets nimmt die Organisation zwischen November und Januar ein. Anderen Einrichtungen geht es nicht besser. Vom Heim für obdachlose Jugendliche in der Bronx bis zum Roten Kreuz im vornehmen Midtown: Das Problem ist immer das gleiche: Der Wall Street ist das Geld ausgegangen, und jetzt weiß niemand, wie sich die Finanzlücken stopfen lassen. Schon bereiten die New Yorker Hilfswerke einen Gipfel vor, bei dem sie nach Auswegen aus der Spendenkrise suchen wollen. In der Harlemer Seniorenküche bleibt Peters voller Zuversicht. „Wir werden da schon durchkommen”, sagt er. „Es geht immer irgendwie.” Doch während er die Nudeln in den Ofen schiebt, fügt er hinzu: „Es wird noch viel schlimmer, bevor es wieder besser wird.” Suppenküchen wie hier in Marshalltown, Iowa, sind in Amerika in Zeiten der Finanzkrise mehr denn je auf Spenden angewiesen. SZ 06.10.2008 Kommentare. Starker Staat gefragt. Finanzmärkte brauchen strenge Regeln, keinen nachsorgenden Retter. Andreas Oldag Wirtschaft Kommentar EU Seite 17 kA Kommentare. Starker Staat gefragt. Finanzmärkte brauchen strenge Regeln, keinen nachsorgenden Retter. Von Andreas Oldag. Während die Herren des Geldes nicht mehr weiterwissen, wird der Ruf nach dem Staat immer lauter. Die Politiker sollen die Trümmer eines Finanzsystems beseitigen, das unfähig ist, den selbst angerichteten Schaden zu reparieren. Immer neue Vorschläge zur Bankenrettung kursieren in Europa. Die EU zeigt sich indes hilflos: Irlands einsamer Entschluss, Spareinlagen unbegrenzt zu garantieren, hat die anderen Mitglieder vergrätzt. Frankreichs Plan eines milliardenschweren Rettungsfonds zerstob schon im Vorfeld des EU-Krisengipfels am Wochenende in Paris. Deutsche und Briten winkten mit dem Hinweis auf die Kosten ab. Eines hat der EU-Gipfel deutlich gemacht: Die Finanzkrise kann noch teuer werden. Mehr Banken werden straucheln. Und wie dramatisch die Lage ist, zeigt sich mit dem Scheitern des Hilfspakets für die deutsche Hypo Real Estate. Nun muss die Bundesregierung wieder einspringen. Es trifft also nicht Brüssel, sondern den steuerfinanzierten Nationalstaat. Dies erklärt auch, warum die Regierungen Europas so zögerlich sind, finanzielle Solidarität in der größten Bankenkrise seit 80 Jahren zu üben. Berlin, Paris und London stehen unter Druck ihrer verängstigten Bürger, die aber zugleich auch Steuerzahler sind. Sie wollen sehen, wo ihr Geld bleibt. Da ist das eigene Haus wichtiger als das des Nachbarn. Das große Vertrauen vieler Bürger in die Allmacht des Staates, der sie aus jedem Schlamassel notfalls „heraushaut”, unterliegt allerdings einem Trugschluss: Erstens hat die Finanzkrise internationale Ausmaße. Die starke Vernetzung der Märkte wirkt krisenverschärfend. Zweitens hat sich der Staat im Zuge des Siegeszugs des angelsächsischen Kapitalismus nach dem Zweiten Weltkrieg sukzessive aus der Wirtschaft in vielen westlichen Industriestaaten zurückgezogen. Gerade die britische Deregulierung der Finanzmärkte wurde zum Vorbild in Europa. Smarte Börsenhändler handelten in London schon am Computer rund um die Uhr, als in Frankfurt und Paris verschwiegene Herren noch umständlich in Kurszetteln blätterten. Britische Banken gingen in den vergangenen Jahren weltweit auf Einkaufstour. Londoner Investmentfirmen und Kapitalbeteiligungs-Gesellschaften rüttelten lahme Unternehmen auf dem europäischen Kontinent wach. Nur: Die Deregulierung, der auch Deutschland nacheiferte, hatte einen Kardinalfehler: Sie zog keine rote Linie zwischen freien und verwilderten Märkten. Dabei geht es weniger um unmoralische Gier der Beteiligten. Vielmehr steht ein System im Mittelpunkt, in dem, durch üppige Bonuszahlungen angefacht, immer kompliziertere Finanzprodukte kreiert werden. Wirtschaftpolitiker, Notenbanker und Börsen-Aufsichtsbehörden haben dieses Gesetz des Dschungels viel zu lange geduldet. Nun stehen sie vor einem Problem: Mit teuren, nationalen Rettungsaktionen bis hin zur kompletten Verstaatlichung von Banken lassen sich nur die Symptome der Krise angehen, nicht aber die Ursachen. So zeigt das Beispiel der britischen Bank Northern Rock, welche wirtschaftlichen Schäden drohen, wenn der Staat wie eine Super-Nanny Privatfirmen in Obhut nimmt: Kunden strömen jetzt massenhaft zu dem Institut, weil es als sicherer Hafen für ihr Geld erscheint. Das heißt: Schlecht geführte Banken werden für ihre Fehler belohnt, die guten aber, die sich am Markt behaupten, dafür bestraft. Wer die Ursachen der Finanzkrise bekämpfen will, muss die staatliche Aufsicht verstärken. Das aber nicht rückwärts gerichtet im Sinne der Wiedereinführung eines allumsorgenden Nanny-Kapitalismus, sondern auf Basis eines vorausschauenden Finanzmarkt-Regelwerks. Dazu zählen strengere Kriterien für Bonuszahlungen ebenso wie schärfere Bilanzierungs- und Eigenkapitalvorschriften. Starke Eingriffe also, die wie Leitplanken wirken. Dabei kommt durchaus auch die EU ins Spiel: Die Regeln lassen sich nur dann effizient durchsetzen, wenn sich die EU-Mitglieder endlich für eine europäische Finanzmarkt-Aufsicht entscheiden. Eine solche Institution wäre auch für die Steuerzahler eine vergleichsweise günstige Lösung. SZ 06.10.2008 Mehr Geld für Krankenkassen. Koalition erhöht Beitrag auf 15,5 Prozent – dafür wird Arbeitslosenversicherung billiger. Susanne Höll Politik Bericht BRD Seite 6 kA Mehr Geld für Krankenkassen. Koalition erhöht Beitrag auf 15,5 Prozent – dafür wird Arbeitslosenversicherung billiger. Von Susanne Höll. Berlin – Inmitten der heftigen Finanzkrise hat die Große Koalition die Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung erhöht, zugleich aber auch Entlastungen für Arbeitnehmer, Unternehmer und Familien beschlossen. Die Spitzen von SPD, CDU und CSU legten am Sonntagabend bei einem Treffen bei der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel im Bundeskanzleramt in Berlin den Einheitssatz für den umstrittenen Gesundheitsfonds wie angekündigt auf 15,5 Prozent des Bruttogehalts fest. Dies gilt vom kommenden Jahr an. Damit müssen etwa 90 Prozent der gesetzlich Versicherten ab 2009 durchschnittlich gut 100 Euro jährlich mehr für ihre Versicherung zahlen. Um die Arbeitnehmer und Arbeitgeber nicht über Gebühr zusätzliche Kosten aufzubürden, wurde zugleich die Senkung des Beitrags zur Arbeitslosenversicherung von derzeit 3,3 Prozent vereinbart. Von 2009 bis Mitte 2010 soll sie auf 2,8 Prozent sinken, dann wieder auf 3,0 Prozent erhöht werden. Damit fanden Union und SPD einen Kompromiss. CDU und CSU hatten für 2,8 Prozent plädiert. Die SPD wollte mit Blick auf sinkende Wachstumsraten die Bundesagentur für Arbeit für steigende Arbeitslosigkeit wappnen und befürwortete einen Satz von 3,0 Prozent. Für zahlreiche Arbeitnehmer werden die Abgaben zur Sozialversicherung auf jeden Fall steigen. Mitglieder einiger bislang günstiger Ersatzkassen müssen sich auf Mehrausgaben von einigen hundert Euro einstellen. Solche Beträge aber werden durch den geringeren Beitrag zur Arbeitslosenversicherung nicht ausgeglichen: Eine Absenkung auf 2,8 Prozent bedeutet für Arbeitnehmer und Arbeitgeber zusammen eine Entlastung von monatlich 13 Euro. Auch profitieren Rentner nicht von dem niedrigeren Beitrag zur Arbeitslosenversicherung. Die Spitzen der Koalition einigten sich auch auf zusätzliche Hilfen für Familien und Kinder. Das Kindergeld für das erste und zweite Kind soll von 2009 an um zehn Euro je Monat steigen, für das dritte und jedes weitere Kind sollen es 16 Euro sein. Derzeit beträgt das Kindergeld monatlich 154 Euro für das erste, zweite und dritte Kind. Für jedes weitere Kind erhalten Familien bislang 179 Euro. Der Kinderfreibetrag wird von 5808 auf 6000 Euro angehoben. Familien, die von Hartz IV leben, sollen zudem 100 Euro Finanzhilfe bei der Einschulung ihrer Kinder bekommen. Auch wird die Wohngeldnovelle zur Entlastung bei Energiekosten vom 1. Januar auf den 1. Oktober vorgezogen. Handlungsfähig in der Krise. Die Fraktionsvorsitzenden von SPD und Union, Peter Struck und Volker Kauder, sowie Noch-CSU-Chef Erwin Huber zeigten sich zufrieden mit diesen Übereinkünften, sprachen von Stabilität bei den Lohnnebenkosten und einer Entlastung der Bürger im Bundestagswahljahr von insgesamt bis zu zwölf Milliarden Euro. Darin eingerechnet sind die für 2010 vom Verfassungsgericht verlangten Steuervorteile für die Beiträge zur Krankenversicherung. Sie sollen voll absetzbar werden, sodass die Bürger nach Koalitionsangaben letztlich bis zu neun Milliarden Euro weniger Steuer zahlen. Die Spitzen der Koalition – neben Merkel und Kauder auch Kanzleramtsminister Thomas de Maizière für die CDU, Huber und Landesgruppenchef Peter Ramsauer für die CSU und Struck sowie der amtierende Parteivorsitzende Frank-Walther Steinmeier und Finanzminister Peer Steinbrück für die SPD – waren nach Parteiangaben vor dem Treffen fest entschlossen gewesen, ohne lange Debatten und Streitereien Entscheidungen zu fällen. „Wir wollen ein Signal setzen, dass wir auch und gerade in schwierigen Zeiten handlungsfähig sind”, hatte es geheißen. Das Schicksal der Erbschaftsteuerreform blieb zunächst ungeklärt. Ob es bei den Verhandlungen von Experten von Union und SPD an diesem Montag ein Ergebnis gebe, sei angesichts des Widerstandes der CSU offen, hieß es von SPD-Seite. Die CSU verlangt Verbesserungen für Firmenerben und mehr Rechte der Bundesländer bei der Bewertung von Verkehrswerten. Die SPD ist zu Zugeständnissen bereit. Misslingt eine Einigung, entfällt die den Bundesländern zustehende Steuer von 2009 an, und die Länder müssten mit großen Lücken in ihren Etats rechnen. Aus der SPD verlautete, die im Koalitionsvertrag vereinbarte Erbschaftsteuerreform sei eine „Nagelprobe” für die Koalition und die Führungsfähigkeit der Kanzlerin sei nun gefragt. Für das erste und zweite Kind erhalten Eltern von 2009 an monatlich je zehn Euro mehr vom Staat. SZ 06.10.2008 Demokratiealarm. kA Heribert Prantl Meinungsseite Kommentar global Seite 4 Leitartikel Demokratiealarm. Von Heribert Prantl. Wenn die Familie Huber schlecht wirtschaftet, kommt der Gerichtsvollzieher. Wenn die Firma Maier schlecht wirtschaftet, kommt der Konkursrichter. Wenn eine Großbank katastrophal wirtschaftet – dann kommen die Spitzenpolitiker mit dem Milliarden-Geldsack. Ist das die Belohnung für Zocker? Muss ein Schädiger nur dreist genug und der Schaden nur groß genug sein, damit der Staat das Desaster nobilitiert? Sind die Hilfsfonds Fässer ohne Boden? Wird das gute Geld dem schlechten hinterhergeworfen? Sind das dumme Fragen? Sie sind so wenig dumm wie die konsternierte Feststellung, dass der Kapitalismus gerade dabei ist, private Verluste zu sozialisieren. Die Bundeskanzlerin spürt, dass es in der Finanzkrise keine dummen Fragen gibt, sondern allenfalls dumme Antworten. Dumm sind die politischen Antworten, die das Vertrauen der Bürger in das demokratische System noch weiter gefährden und zerstören. Deswegen agieren Angela Merkel und ihr Finanzminister Peer Steinbrück bei Garantien für die Banken so vorsichtig und bei Garantien für die Sparer so großzügig. In der globalen Finanzkrise geht es ja nicht nur um das Vertrauen in den Geldmarkt. Es geht auch um das Vertrauen in die Souveränität und die Gestaltungskraft der Demokratie. In den vergangenen Wochen sind auf den Finanzmärkten viele Milliarden Dollar und Euro verbrannt. Noch viel schlimmer wäre es, wenn in dem Feuer auch noch das demokratische Grundvertrauen verbrennen würde. Es geht nicht nur darum, gigantische Geldlöcher zu stopfen, sondern auch darum, dass aus der Krise des globalen Kapitalismus nicht eine globale Krise der Demokratie wird. Die Dirigenten des internationalen Geldmarkts haben viel dafür getan, dass es so kommt. Sie haben erfolgreich versucht, die Politik demokratisch gewählter Regierungen ihrer Disziplin zu unterwerfen. Sie haben Regierungen genötigt, sie haben den Abbau von Kontrollen erzwungen – und sind gleichwohl mit eigens gegründeten Zweckgesellschaften in die Nischen der Welt geflohen, in denen sie ihre riskanten Geschäfte noch besser verstecken konnten. Die Großmanager des Geldmarkts taten so, als sei die Demokratie eine Spielwiese für Kleinbürger, und als hätten Wahlkämpfe und Wahlen nur eine Funktion ähnlich der, wie sie „Brot und Spiele” im alten Rom hatten – weil die wahren Wahlakte der Überzeugung der Großmanager nach auf dem Börsenmarkt stattfanden. Die Börsen als fünfte Macht im Staat: Das ist keine Übertreibung eines Globalisierungskritikers von Attac. Das ist die Beschreibung eines früheren Vorstandschefs der Deutschen Bank. Rolf Breuer legte einst dar, warum sich Regierungen nach den Wünschen der Anleger richten müssten: „Die autonomen Entscheidungen, die Hunderttausende von Anlegern auf den Finanzmärkten treffen, werden im Gegensatz zu den Wahlentscheidungen nicht alle vier oder fünf Jahre, sondern täglich gefällt.” Die Interessen der Kapitalverwertung wurden der Demokratie untergeordnet mit der Behauptung, dass die Finanzmärkte sich viel mehr an Wohlstand und Wachstum orientieren als die Wähler. Die demokratische Kontrolle der Regierungen durch die Bürger wurde so überflüssig, weil nach dieser Philosophie die freien Finanzmärkte die Politik wirkungsvoller kontrollieren konnten. Das war leider auch wahr. Genau das gehört zu den Ursachen der Finanzkrise. Demokratie ist eine Gemeinschaft, die ihre Zukunft miteinander gestaltet. Die Dirigenten der Finanzmärkte haben sich aus diesem Miteinander ausgekoppelt. Kraft und Zukunft demokratischer Politik hängen nun davon ab, diese Entwicklung zu revidieren und Regularien für die Märkte durchzusetzen. Dies ist die eigentliche Aufgabe bei den Treffen der Politiker der Industrienationen. Die gewaltigen Geldmittel, welche die Demokratien zur Stabilisierung der Finanzsysteme zur Verfügung stellen sollen, sind also an Kautelen zu knüpfen, die zur Stabilisierung der Demokratie beitragen und das Vertrauen in demokratische Gestaltungskraft herstellen. Der regulierte Finanzmarkt ist eine Satansmühle. Die Demokratien können dort nicht ihr Geld hineinwerfen und dann zuschauen, wie sie sich auf die alte Weise weiterdreht. Das Urbild des Markplatzes kennt jeder: Er ist umrahmt von Kirche, Krankenhaus, Rathaus, Wirtshaus und Schule. Ohne diese regelnden Institutionen hätte es nie einen Marktplatz gegeben. Man kann dieses simple Bild auf den Markt von heute übertragen. Und dann kann man sich fragen, was auf diesem Markt wieder Vertrauen schafft. Da wären auch ein paar symbolträchtige Handlungen deutscher Großmanager nicht schlecht. Der US-Milliardär Warren Buffett spendet und spendet. Solche Spendabilität ist in Deutschland nicht bekannt geworden. Auch die Kultur des Rücktritts ist in der hiesigen Wirtschaft wenig ausgebildet. Der Chef von Hypo Real Estate tut, als ob nichts wäre. In den USA hat der Chef des US-Versicherers AIG auf seine 22-Millionen-Abfindung verzichtet, als sein Sanierungsplan zusammenbrach. Er verzichtete, obwohl er erst drei Monate im Amt war und für die Krise nichts konnte. Deutsche Banker und Großmanager verzichten auf nichts. Ohne Verzicht wird ihnen Vertrauen nicht mehr zuwachsen. Sie stehen unter demokratischer Bewährungsaufsicht. SZ 06.10.2008 Tasche zu, Tasche auf kA nif Meinungsseite Kommentar BRD Seite 4 kA Tasche zu, Tasche auf. An diesem Sonntag hat das Regieren wieder begonnen. Nach der monatelangen Lähmung durch den Landtagswahlkampf in Bayern trafen sich die Spitzen von Union und SPD erstmals wieder zum Koalitionsausschuss. Von vorneherein war klar, dass manches anders sein würde: Zwei von drei Parteien, die SPD und die CSU, stehen ohne einen voll geschäftsfähigen Vorsitzenden da. Franz Müntefering wie auch Horst Seehofer, die beiden designierten, aber noch nicht gewählten Parteichefs, blieben zu Hause. Nun aber war nicht allein manches anders, sondern eigentlich alles. Die Finanzkrise, das drohende Ende der Hypo Real Estate und die Verhandlungen zur Rettung der Bank überlagerten die Sitzung keineswegs nur terminlich. Vielmehr findet Politik in diesen Tagen in einem neuen Umfeld statt, um nicht zu sagen: in einer neuen Dimension. Was ist schon der Unterschied zwischen 2,8 und 2,9 Prozent Beitrag zur Arbeitslosenversicherung gegen Bürgschaften in Milliardenhöhe für eine kaputte Bank? Die Union hat sich nun durchgesetzt, der Beitrag zur Arbeitslosenversicherung sinkt in dem von ihr gewünschten Maß. Diese Einigung dürfte nicht schwer gewesen sein, soll sie doch signalisieren, dass die Bürger nicht jetzt schon draufzahlen müssen. Um eine Entlastung handelt es sich nicht, weil gleichzeitig die Krankenversicherung teurer wird. Den Widerspruch aber zwischen Tasche zu und Tasche auf, zwischen Bürgern und Banken, wird die Koalition in den nächsten Wochen zu erklären haben. Sie muss verständlich machen, was eigentlich nicht mehr zu verstehen ist. Der Streit um 2,8 oder 2,9 Prozent wirkt da wie das Festhalten an einer koalitionären Normalität, die es nicht mehr gibt. nif SZ 06.10.2008 Blick in die Presse kA kA Meinungsseite Zitat global Seite 4 kA Blick in die Presse. Europa am Abgrund. Die Züricher SonntagsZeitung bewertet die Rettungsversuche in der Finanzkrise: „In nur drei Tagen mussten sieben europäische Staaten fünf Banken vor dem Konkurs retten. In England, Spanien und Irland ist die Immobilienblase geplatzt, Europas Banken sind höher verschuldet als jene der USA. Frankreich befindet sich bereits in einer Rezession, die Konjunktur im Euroraum stürzt ab. Aber die Regierungen glauben immer noch, sie kämen ohne koordiniertes Vorgehen durch die Krise. Jeder schaut für sich. Die Schadenfreude über die Probleme der USA trübt die Sicht auf den Abgrund, der sich vor Europa auftut. Die Gefahr geht neu von Europa aus.” Resignation statt Revolution. Die Tageszeitung Le Monde schreibt über Abfindungen für gescheiterte Manager: „Die Finanzkrise bringt einen eindrucksvollen Kontrast mit sich: Einerseits taumeln mächtige Flugzeuge im Sturzflug, andererseits werden die Piloten dafür großzügig belohnt. Das muss aufhören! Das System ist schon vor Jahrzehnten aus dem Ruder gelaufen. Jeder kennt sich, es ist eine Kaste für sich. Kleine Absprachen zwischen Freunden, bis hin zum Gehaltskomitee, wo es letztlich um persönliche und nicht um soziale Interessen geht. Erstaunlich bleibt, dass es nicht mehr Reaktionen der Gewerkschaften und Angestellten gibt. Bislang herrscht Resignation statt Revolution.” SZ 06.10.2008 Einlagen in Höhe von 568 Milliarden Euro gesichert. Bund garantiert für alle privaten Sparguthaben. Kanzlerin Merkel will Panik unter Anlegern verhindern. Rettung der Hypo Real Estate noch nicht sicher. nif; gwb; thf; mhs Politik Bericht BRD Seite 1 kA Einlagen in Höhe von 568 Milliarden Euro gesichert. Bund garantiert für alle privaten Sparguthaben. Kanzlerin Merkel will Panik unter Anlegern verhindern. Rettung der Hypo Real Estate noch nicht sicher. Berlin – Die Bundesregierung hat eine Garantie für alle privaten Einlagen auf Sparguthaben und Girokonten abgegeben. Kanzlerin Merkel sagte am Sonntag, die Einlagen der Sparer seien sicher. „Dafür steht die Bundesregierung ein.” Damit soll angesichts der Finanzkrise und der neuen Schwierigkeiten der Hypo Real Estate (HRE) panikartigen Reaktionen vorgebeugt werden. Nachdem der erste Rettungsplan für die HRE gescheitert war, wurde über weitere Hilfen verhandelt. Merkel sagte, die Regierung werde nicht zulassen, dass „die Schieflage eines Finanzinstituts zur Schieflage des gesamten Systems” werde. Die Regierung werde auch dafür sorgen, dass diejenigen, die „unverantwortliche Geschäfte” gemacht hätten, zur Verantwortung gezogen würden. Steinbrück nannte die Garantie für die Spareinlagen „ein wichtiges Signal, damit es zu einer Beruhigung kommt und nicht zu Reaktionen, die unverhältnismäßig wären”. Laut Regierungskreisen beläuft sich die Summe der von der Garantie betroffenen privaten Spareinlagen bei Banken auf 568 Milliarden Euro. Nach einer Statistik der Bundesbank betrugen die Guthaben der Privathaushalte 2007 jedoch etwa 1,6 Billionen Euro. Wie diese Abweichung zu erklären ist, war am Sonntagabend unklar. Bei Privatbanken sind Einlagen bis zu einer Höhe von maximal 20 000 Euro durch eine gesetzliche vorgeschriebene Entschädigungseinrichtung abgesichert. Darüber hinaus haftet bis zu einem bestimmten Maß der freiwillige Einlagensicherungsfonds. Am Samstag war bekannt geworden, dass der erste Rettungsplan für die HRE geplatzt war. Er sah Bürgschaften des Bundes in Höhe von 26,5 Milliarden sowie der Banken in Höhe von 8,5 Milliarden Euro vor. Grund waren Erkenntnisse über einen erhöhten Liquiditätsbedarf der HRE. Dieser wurde in Bankenkreisen auf zusätzlich 15 Milliarden Euro für 2008 taxiert. Bislang waren schon 35 Milliarden Euro veranschlagt worden. Für 2009 sollen mindestens weitere zehn Milliarden Euro nötig sein, bisher war mit 50 Milliarden Euro gerechnet worden. Über die Verantwortung für dieses neue Milliardenloch kam es zum Streit zwischen Banken und Regierung. Die Finanznot der HRE habe sich verschärft, weil Steinbrück von einer Abwicklung des Instituts gesprochen habe, hieß es in Bankenkreisen. Dadurch sei der Marktzugang für die HRE weiter erschwert worden. Der Minister wies diesen Vorwurf indirekt zurück. Die Bundesregierung lehne es ab, in „eine Art Mitverantwortung gezogen zu werden”, sagte er. An dem Krisengipfel in Berlin waren neben Bundesbank-Präsident Axel Weber und dem Chef der Finanzaufsicht Jochen Sanio der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, Commerzbankchef Martin Blessing und Bankenverbandspräsident Klaus-Peter Müller beteiligt. Steinbrück sprach von der Suche nach einer „institutsspezifischen Lösung” für die HRE, über die neben Regierung und Banken auch die Versicherungen verhandelten. Als wahrscheinlich galt in Bankenkreisen, dass der Bund weitere Garantien gibt und die Banken im Gegenzug ihre Kreditlinien ausdehnen. Die FDP forderte die Bundesregierung auf, die HRE nicht zu stützen. „Der Pfandbriefmarkt wird dies überleben”, sagte der FDP-Finanzpolitiker Frank Schäffler der Süddeutschen Zeitung. Die Grünen forderten im Falle einer erhöhten Bundesbürgschaft eine „intelligente Form der Verstaatlichung von HRE”. Die Branche könne nicht „die Trümmer ihrer Zockereien dem Bund vor die Füße” werfen, aber künftige Gewinne für sich reklamieren, erklärte der Grünen-Fraktionsvorsitzende Fritz Kuhn. nif/gwb/thf/mhs Gemeinsamer Auftritt: Angela Merkel und Peer Steinbrück versuchen am Sonntag, die deutschen Anleger zu beruhigen. SZ 06.10.2008 Und täglich grüßt die Hypo Real Estate. Zwei Sonntage, viele Parallelen und das große Bangen: Die Münchner Immobilienbank am Abgrund. Thomas Fromm Themen des Tages Kommentar BRD Seite 2 kA Und täglich grüßt die Hypo Real Estate. Zwei Sonntage, viele Parallelen und das große Bangen: Die Münchner Immobilienbank am Abgrund. Von Thomas Fromm. Vor 15 Jahren gab Bill Murray in dem Film „Und täglich das grüßt das Murmeltier” den zynischen Wetteransager Phil Connors, der für eine Reportage über ein Murmeltier in das Provinznest Punxsutawney fährt. Jedes Jahr im Februar wird hier ein Nagetier aus seiner Höhle gezerrt, damit es das Wetter voraussagt. Connors berichtet – und erlebt fortan denselben Tag immer wieder. Er ist gefangen in einer Endlos-Zeitschleife. Wer am Sonntagmorgen aufstand und das Radio einschaltete, fühlte sich wie Phil Connor. Er hatte das Gefühl, diesen Tag schon mal erlebt zu haben. Und zwar vor einer Woche. Statt um ein begabtes Murmeltier geht es um den im Leitindex Dax notierten Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate, der seltsame Déjà-vus auslöst. Da sind die immer wiederkehrenden Meldungen, wonach das Unternehmen um seine Existenz kämpft. Da berufen Vertreter aus der Finanzwirtschaft und der Politik eiligst Krisensitzungen ein und beraten, wie sich ein Zusammenbruch des Münchner Konzerns – und damit im schlimmsten Fall des gesamten deutschen Finanzsystems – noch in letzter Minute stoppen lässt. Es gibt die Mahner, die warnen, dass Zeit und Geld der Hypo Real Estate nur noch bis in die frühen Morgenstunden reichen. Und da ist dieses beklemmende Gefühl, dass man am Montag aufwachen könnte – und alles dahin ist. Dabei galt die Hypo Real Estate bereits als gerettet. Vor einer Woche, es war am Montagmorgen um 1.30 Uhr, einigten sich Vertreter von Bundesregierung und einer Gruppe von Banken auf ein 35 Milliarden Euro schweres Rettungspaket für den Konzern, der wegen akuter Liquiditätsprobleme seiner irischen Tochter Depfa Bank am Abgrund taumelte. Teil des Deals, so hieß es nach der Einigung: Die Hypo Real Estate muss als Pfand für die Bürgschaft ihre Tochtergesellschaften und Wertpapiere hergeben. Eine Zerschlagung – oder „Abwicklung”, wie es in Berlin hieß – konnte also nicht ausgeschlossen werden. Es war eine Rettung in letzter Minute: Hätte man in jener Nacht noch einige Stunden weiterdiskutiert, wäre die Bank wohl geschlossen worden, noch bevor am Morgen die Börsen in Asien eröffneten. Die Rollen waren klar verteilt: Der Staat sollte Ausfallgarantien in Höhe von 26,5 Milliarden Euro übernehmen, die Banken und Versicherungen den Rest. Am Samstagabend dann erklärte der angeschlagene Immobilienfinanzierer die Rettungsaktion für geplatzt, da die Banken ihre Kreditzusage zurückgenommen hätten. Alles ging wieder von vorne los. Zwei Sonntage, viele Parallelen, und doch gibt es einen entscheidenden Unterschied: Eine Prüfung der Deutschen Bank soll in der Zwischenzeit ergeben haben, dass der Finanzbedarf bei der Hypo Real Estate noch um einiges größer ist, als zunächst veranschlagt worden war, und bis Ende 2009 auf 70 bis 100 Milliarden Euro ansteigen könnte. Mit anderen Worten: Selbst die astronomisch hohe Summe von 35 Milliarden Euro hätte Hypo Real Estate wohl nur kurzfristig vor dem Aus gerettet. Die Stimmung kippt. Und noch etwas ist anders als vor einer Woche: Die Stimmung unter den Beteiligten ist gekippt, das Vertrauen dahin. Hinter vorgehaltenen Händen werden unangenehme Fragen gestellt. Hat die Führung der Hypo Real Estate die an dem Rettungspaket beteiligten Banken in den vergangenen Tagen unvollständig informiert? Nicht wenige halten so etwas für möglich. Ohnehin ist das Vertrauen in Hypo-Real-Estate-Chef Georg Funke zerstört, seit er den Markt Mitte Januar mit einer Mitteilung über Millionenbelastungen aus der Finanzkrise überraschte. Kurz zuvor hatte er noch erklärt, sein Finanzunternehmen gehe gestärkt aus der Krise hervor. Viele haben das nicht vergessen und sagen heute, dass der Rücktritt des Konzernvorstandes längst überfällig ist. Funke aber will im Amt bleiben – und lässt ausrichten, dass seine Aktionäre weiterhin hinter ihm stehen. Andere behaupten, dass die Banken ihren Anteil an der Rettung lediglich auf den Bund und damit auf den Steuerzahler abwälzen wollen und daher neue, verheerende Zahlen zur Lage des Konzerns aus dem Ärmel gezogen haben. Aus Kreisen der Hypo Real Estate heißt es zumindest, die Zahlen über den tatsächlichen Finanzbedarf seien „abwegig”. Für die sich zuspitzende finanzielle Lage des Konzerns wird nun indirekt die Bundesregierung verantwortlich gemacht, die Gerüchte über eine bevorstehende Abwicklung geschürt und damit den Konzern endgültig von der Geldversorgung abgeschnitten habe. „Der Liquiditätsbedarf der Depfa hat sich wegen der Spekulationen um die Abwicklung drastisch verschlechtert”, heißt es im Konzern. Phil Connors, der Wettermann aus „Und täglich grüßt das Murmeltier”, nutzt die Zeit übrigens für sich: Nach vielen Tagen in der Endlosschleife wird aus dem bekennenden Soziopathen ein guter Mensch. So ein Happyend wird es bei der Hypo Real Estate wohl kaum geben. Jetzt aber schnell: Die Zukunft des Immobilienfinanzierers HRE war am Sonntag ungewiss. SZ 06.10.2008 Geschlossene Veranstaltung. Europas große Vier zeigen sich bei ihrem Gipfeltreffen in Paris einiger, als sie tatsächlich sind. Michael Kläsgen Themen des Tages Reportage EU Seite 2 kA Geschlossene Veranstaltung. Europas große Vier zeigen sich bei ihrem Gipfeltreffen in Paris einiger, als sie tatsächlich sind. Von Michael Kläsgen. Halb schob er sie, halb zog sie ihn. Die Szene am Eingang zum Elysée-Palast war beispielhaft. In welche Richtung sollte es denn gehen? Angela Merkel war als Erste in einer schwarzen Limousine zum Mini-Gipfel gekommen. Kurzes Winkewinke im Arm von Nicolas Sarkozy in Richtung Kameras. Dann verschluckte der Protzbau Kanzlerin und Präsident, aber nur für wenige Sekunden. Plötzlich staksten beide, Merkel vorneweg, über die Kieselsteine in die entgegen gesetzte Richtung zum Pulk der Journalisten hinter der Absperrung. Die Kanzlerin forderte einen Beitrag der Verursacher der Finanzkrise. Aber sie hätte auch über Kohlsuppe reden können, Sarkozys Replik wäre die gleiche geblieben: „Was Angela Merkel sagt, übersetzten Sie ins Französische, dann wissen Sie, was ich denke.” Es galt, allen Richtungskämpfen zum Trotz, Geschlossenheit zu demonstrieren, Bürgern und Börsen Vertrauen einzuhauchen. Drei Stunden später, die „G4”, die großen Vier Europas, hatten inzwischen konferiert, stellte sich dann bei der nächsten Begegnung mit der Presse um kurz vor acht am Samstagabend heraus, dass es zu einem supranationalen Vorgehen in der Finanzkrise nicht kommen würde. Italien, Großbritannien, Frankreich und Deutschland einigten sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner: Ja, die „G4” wollen den Banken helfen, aber ihnen keinen Blankoscheck ausstellen. Ein EU-Rettungsfonds nach US-Vorbild, wie ihn Frankreich angeregt hatte, aber Sarkozy nie wirklich vorgeschlagen haben will, gibt es nicht. Stattdessen soll jedes Land jeden Fall selber regeln, in Abstimmung mit den anderen. Hier punktete Merkel. „Angela darf wieder nach Hause, ohne das Geld der Deutschen vergeudet zu haben”, konstatierte die französische Sonntagszeitung Journal du Dimanche. Sarkozy seinerseits darf mehr Schulden machen. Man sei übereingekommen, die Regeln des EU-Stabilitätspakts „flexibler” zu gestalten, jubilierte er. Jean-Claude Juncker, der Vorsitzende der Finanzminister der Euroländer, sah sich zu der Bemerkung veranlasst, der Pakt sei einzuhalten, erlaube aber Ausnahmen in „außergewöhnlichen Situationen” wie einer Rezession. In die droht Frankreich gerade zu schlittern. Überhaupt warf das Gerede über den Pakt die Frage auf, wer hier was beschließen darf. Offiziell galt das eilig von Sarkozy einberufene Treffen der Vorbereitung des Treffens der acht wichtigsten Industriestaaten (G8). Diesen Gipfel ebenso wie die Tagung des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank Ende dieser Woche will Sarkozy dazu nutzen, ein „neues Bretton Woods” zu schaffen, ein neues Weltfinanzsystem. Dazu will er andere große Wirtschaftsnationen wie China, Indien, Brasilien und Südafrika einbeziehen. Jener erweitere G8-Gipfel soll noch vor Ende des Jahres stattfinden. Zumindest die „G4”, die vier europäischen G8-Staaten also, wissen, worum es dabei gehen soll: Sie wollen keinen Kasinokapitalismus, wie Juncker es nannte, sondern einen Kapitalismus, in dem das Unternehmertum gedeiht. Deswegen wollen sie Rating-Agenturen, Hedge-Fonds und Investmentbanken strenger kontrollieren. Wichtiger als die Realität. Doch die Ankündigung Sarkozys, den Stabilitätspakt zu lockern, irritierte, vor allem diejenigen, die nicht zum Mini-Gipfel geladen waren, darunter Spanier und Polen. Das Treffen der EU-Finanzminister am Dienstag verspricht schon allein deshalb interessant zu werden. EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, der wie der Präsident der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, am Gipfel teilnehmen durfte, erklärte denn auch, nur die EU-Finanzminister könnten über eine „Anpassung” des Paktes entscheiden. Die eigentliche Antwort auf die Finanzkrise obliegt aber den Regierungschefs der 27 EU-Länder, die sich Mitte Oktober treffen wollen. Die Vereinbarungen der „G4” sind deshalb nicht viel wert. Sie können den legitimierten Gremien und deren Fachleuten nur als Arbeitsgrundlage dienen. Die Experten müssen nun zum Beispiel bis Ende des Monats den Vorschlag prüfen, die Bilanzierungsregeln nach US-Vorbild zu vereinfachen. Nach den Vorstellungen der „G4” sollen Banken wertlos gewordene Anlagen nach deren Anschaffungspreis in den Büchern führen dürfen. Arbeit wird den Experten darüber hinaus machen, die Summe der staatlich garantierten Bankeinlagen in Europa zu vereinheitlichen und die Bankaufsichten zu vernetzten. Rätselhaft ist hingegen, wie die „G4” es schaffen wollen, dass Manager künftig nicht mehr auf kurzfristige Gewinne schielen, keine übermäßigen Risiken eingehen, wie sie deren Bezüge kontrollieren und die Aktionäre an den Kosten von Rettungsaktionen beteiligen wollen. Offensichtlich waren ihnen die Ankündigung und der Anschein von Geschlossenheit wichtiger als der Realitätsbezug. Beratungen in Paris: Bundeskanzlerin Merkel am Tisch mit Frankreichs Präsident Sarkozy und Großbritanniens Premier Brown (von links). SZ 07.10.2008 Autoindustrie will Hilfe aus Brüssel kA dpa Geld Meldung EU Seite2 4 kA Autoindustrie will Hilfe aus Brüssel. Brüssel– Die europäische Autoindustrie bittet die EU angesichts der Finanzkrise um Hilfe. Die Hersteller ersuchten die EU-Politiker, Unterstützungsmaßnahmen zu prüfen. Es gehe um ein niedrig verzinstes Kreditpaket über 40 Milliarden Euro zur Entwicklung sparsamerer Fahrzeuge sowie Anreize für Kunden, Autos auszutauschen, die älter als acht Jahre seien. Solche Anreize könnten 36 Monate lang gelten. Die europäische Autobranche sieht sich durch ein 25 Milliarden Dollar schweres US-Kreditprogramm benachteiligt, mit dem die Entwicklung umweltfreundlicherer Autos in den USA unterstützt werden soll. Die Umsetzung des US-Programms kann aber noch Monate dauern. dpa SZ 07.10.2008 Volcker und die Geschichte. Frühere Notenbanker fordern verbesserte Finanzaufsicht. Nikolaus Piper Geld Bericht global Seite 24 kA Volcker und die Geschichte. Frühere Notenbanker fordern verbesserte Finanzaufsicht. Von Nikolaus Piper. New York – Mit dem Titel wird heute oft Schindluder getrieben, aber Paul Volcker ist wirklich der große alte Mann der amerikanischen Geldpolitik. Dem heute 81-jährigen Exchef der US-Notenbank gelang es nach 1979, die Inflation zu brechen. Das war eine Voraussetzung für die spätere Revitalisierung der Wirtschaft in den Vereinigten Staaten. Obwohl Volcker schon seit zwanzig Jahren kein Amt mehr hat, ist sein Einfluss in Washington und New York nicht zu unterschätzen. Im April äußerte er vor dem Economic Club von New York eine ungewöhnlich deutliche, wenn auch höflich verpackte Kritik an dem jetzigen Chef der Federal Reserve, Ben Bernanke. Mit Blick auf dessen Rolle bei der Rettung der Investmentbank Bear Stearns sagte Volcker: „Aus einer empfundenen Notwendigkeit heraus wurden umfassende Vollmachten ausgeübt, die weder natürlich noch angemessen für eine Notenbank sind.” Auf Deutsch: Ben, mach das nie wieder. Aber die Krise entwickelte sich dramatischer, als sich dies damals wohl auch Volcker vorstellen konnte. Daher griff er am 17. September nochmals in die Debatte ein. Diesmal bereitet er die Öffentlichkeit darauf vor, dass zur Bekämpfung der Krise viel grundsätzlichere Maßnahmen notwendig seien. In einem Meinungsbeitrag für das Wall Street Journal empfahl er die Einrichtung staatlicher Rettungsfonds für die Banken nach dem Vorbild der dreißiger und der achtziger Jahren. Zwei Tage später kam das 700 Milliarden Dollar schwere Rettungspaket von Finanzminister Henry Paulson. An diesem Montag nahm Volcker wieder zur Finanzkrise Stellung, diesmal als Mitglied der sogenannten Gruppe der 30. Die Gruppe ist ein informeller, aber einflussreicher Klub ehemaliger und aktiver Notenbankchefs und prominenter Ökonomen. Vorsitzender ist Jacob Frenkel, der frühere Chef der israelischen Notenbank, aus Europa gehört ihr Jean-Claude Trichet an, der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB). Volcker legte im Auftrag der G 30 einen 250 Seiten dicken Bericht zu den Konsequenzen der Finanzmarktkrise vor. Der Bericht ist für Außenstehende schwer zu lesen: Er besteht im Wesentlichen aus den Ergebnissen einer Umfrage unter Regulierungsexperten in aller Welt und vermeidet klare Forderungen. Trotzdem lassen sich zwei klare und weitreichende Schlüsse aus dem Bericht herauslesen: Erstens müssen die einzelnen Staaten ihre Finanzmarktaufsicht grundlegend reformieren. Dies gilt besonders für die Vereinigten Staaten, die als einzige unter den relevanten Wirtschaftsnationen keinen systematischen Ansatz in der Regulierung ihrer Finanzinstitutionen haben. Zweitens ist eine globale Koordinierung nicht nur der Finanzmarktregulierung, sondern auch der Buchführungsregeln notwendig. Die bisherige informelle Zusammenarbeit der Notenbanken von Fall zu Fall reicht nicht mehr aus. Besonders der letzte Punkt ist international umstritten. Dass er überhaupt aufgenommen wurde, deutet aber auf einen grundlegenden Meinungswandel unter den Vordenkern der internationalen Geldpolitik hin. Noch vor kurzem wollten die USA über alles, was nach einer globalen Bankenaufsicht aussah, nicht einmal diskutieren, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel feststellen konnte, als sie das Thema 2007 ansprach. Jetzt erklärte Paul Volcker in New York: „Wir haben gesehen, wie regulatorische Ansätze und Methoden, die unter günstigen finanziellen Bedingungen gut funktioniert haben mögen, bei großen Marktstörungen zusammenbrechen können.” In Volckers Bericht werden viele Fragen gestellt, die ohne Antwort bleiben. Müssen auch Hedgefonds und Private-Equity-Firmen von der Bankenaufsicht kontrolliert werden? Sind neue internationale Institutionen notwendig? Entscheidend ist, dass die Fragen überhaupt vorkommen. Sie galten lange als Tabu. SZ 07.10.2008 Mittelstand spürt Finanzkrise kaum. kA Reuters Geld Meldung BRD Seite 23 kA Mittelstand spürt Finanzkrise kaum. München – Die Finanzkrise macht sich der Wirtschaftsauskunftei Creditreform zufolge beim deutschen Mittelstand bislang nicht gravierend bemerkbar. „Die Eintrübung ist längst nicht so stark, wie aufgrund der verbreiteten Nachrichten zu erwarten war”, sagte Creditreform-Vorstand Helmut Rödl am Montag in München. Die Zahl der Firmenpleiten sei im ersten Halbjahr 2008 weiter zurückgegangen. Für das Gesamtjahr erwartet die Creditreform allerdings nach wie vor 28 000 bis 30 000 Zusammenbrüchen. „Für 2009 befürchten wir einen erneuten Anstieg der Unternehmensinsolvenzen”, sagte Rödl. Trotz der Bankenturbulenzen kämpften Unternehmen mit einem Jahresumsatz von bis 50 Millionen Euro in der Regel nicht mit Refinanzierungsschwierigkeiten. Zwar sei es binnen Jahresfrist für jedes dritte Unternehmen schwieriger geworden, Kredite zu bekommen, allerdings hätten lediglich zwei Prozent der 4000 Unternehmen in der jüngsten Umfrage im September angegeben, mit Kreditwünschen bei den Banken gescheitert zu sein. Firmen mit guter Bonität hätten es tendenziell sogar leichter, an Darlehen zu gelangen. Die Banken würden angesichts des Misstrauens innerhalb der eigenen Branche eher zur normalen Praxis der Kreditvergabe an Unternehmen zurückkehren, zumal sich die Eigenkapitalausstattung der Firmen weiter verbessert habe. Auch die Auswirkung auf das Geschäft der Betriebe sei begrenzt. „Es gibt keinen Absturz bei der Beurteilung der Geschäftslage bei den deutschen Mittelständlern, sagte Rödl. Reuters SZ 07.10.2008 Devisen und Rohstoffe: Goldpreis zieht an. kA SZ; Reuters; dpa Geld Meldung global Seite 23 kA Devisen und Rohstoffe: Goldpreis zieht an. Das Übergreifen der Finanzkrise auf den europäischen Bankensektor hat den Kurs des Euro am Montag stark belastet. Zeitweise fiel die Gemeinschaftswährung auf 1,3472 Dollar zurück, das ist der tiefste Stand seit circa einem Jahr. Bis 22 Uhr zog der Euro wieder leicht an, auf 1,3503 (Freitag: 1,3805) Dollar. Am Rohstoffmarkt schickte die Angst vor einer ausgeprägten Rezession die Notierungen auf Talfahrt. „Die weitere Verschärfung der Finanzkrise in Europa dürfte die Befürchtung vor einer weiteren Abschwächung der Nachfrage verstärken”, sagte ein Analyst. Der Preis für ein Fass Öl der US-Sorte WTI sackte zeitweise um über 5,9 Prozent auf 87,56 Dollar ab. Lediglich der Preis für Gold – Fluchtburg der Anleger in Krisenzeiten – zog kräftig an. Beim Nachmittagsfixing in London kostete die Feinunze 875,50 (Freitag: 828) Dollar. SZ/Reuters/dpa SZ 07.10.2008 Tag eins nach der größten deutschen Bankenrettung: Wie es mit der Konjunktur weitergeht. „Ich fürchte eine Rückkehr zum Staatsdenken” Bau-Präsident Hans-Peter Keitel über die Folgen der Finanzkrise sowie die Vor- und Nachteile öffentlicher Hilfsaktionen. Marc Beise; Elisabeth Dostert; Simone Gröneweg; Sibylle Haas Geld Interview BRD Seite 22 kA Tag eins nach der größten deutschen Bankenrettung: Wie es mit der Konjunktur weitergeht. „Ich fürchte eine Rückkehr zum Staatsdenken” Bau-Präsident Hans-Peter Keitel über die Folgen der Finanzkrise sowie die Vor- und Nachteile öffentlicher Hilfsaktionen. Es kommt Arbeit auf Hans-Peter Keitel, 61, zu. Noch führt er den Hauptverband der deutschen Bauindustrie. Aber schon zum Jahreswechsel soll er, wenn die Mitglieder Ende November zustimmen, Jürgen Thumann als Präsident des Bundesverbandes der deutschen Industrie (BDI) ablösen. Bis zur Bundestagswahl im Herbst 2009 bleiben dem Neuen nur wenige Monate, um den Belangen der Industrie in der Politik wieder stärker Gehör zu verschaffen. Am Bau sind Keitel zufolge noch keine Auswirkungen der Finanzkrise zu spüren. Gleichwohl glaubt er, dass sich die Lage verschlechtern wird. Die staatliche Bürgschaft für den angeschlagenen Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate hält der ehemalige Vorstandschef und jetzige Aufsichtsrat des Baukonzerns Hochtief für gerechtfertigt. SZ: Herr Keitel, in Deutschland geht die Angst um, dass die Finanzkrise in einen schweren Abschwung mündet. Für wie groß halten Sie diese Gefahr? Keitel: Für die Baubranche, die ich noch vertrete, kann ich sagen: Die Konjunkturdaten lassen noch keine Auswirkungen erkennen. In diesem Jahr rechnen wir mit einem Umsatzplus von real einem Prozent, die Preissteigerungen bereits abgezogen. Im nächsten Jahr könnte es noch ein halbes Prozent Zuwachs geben. SZ: Und dann? Keitel: Eine seriöse Prognose kann niemand wagen. Ich habe aber das Gefühl, dass die Lage sich weiter verschlechtern wird. Dass die Finanzkrise eine solche Größenordnung und eine solche Ausbreitung nehmen würde, hatte niemand erwartet, auch ich nicht. SZ: Mit der Hypo Real Estate wankt einer der größten gewerblichen Immobilienfinanzierer. Halten Sie es für richtig, dass der Staat sich mit Steuergeld an der Rettung beteiligt? Keitel: In dieser Situation schon, so sehr man in Anbetracht solcher Summen auch die Luft anhalten muss. Ich bin überzeugt, keiner tut das leichten Herzens – auch kein Politiker. Ich zitiere Bundesfinanzminister Peer Steinbrück: Wenn jemand auf der Intensivstation liegt, hat es keinen Sinn, über Rehabilitation zu reden, da muss notoperiert werden. Dem schließe ich mich an. Die Bundesregierung handelt auf jeden Fall verantwortungsbewusster als der amerikanische Gesetzgeber, wo das Ganze zum Wahlkampfthema verkommt. Entweder man macht so etwas schnell, oder es ist zu spät. SZ: Aber einen souveränen Eindruck machen die deutschen Politiker und Manager, wie gerade das Hin und Her um die Rettung der Hypo Real Estate zeigt, auch nicht. Ist das Führungsstärke? Keitel: Sicherlich ist es nur schwer verständlich, warum die Manager der Hypo Real Estate die „Karten” nicht von vornherein auf den Tisch gelegt haben. Vielleicht hat es hier an der notwendigen Transparenz im eigenen Konzern gefehlt. Der Politik und der Kreditwirtschaft als Ganzes daraus aber einen Vorwurf zu machen, wäre sicher nicht fair. Immerhin ist innerhalb von wenigen Stunden eine neue Auffanglösung gefunden worden. Denn schaut man sich die Rolle der Hypo Real Estate im Bereich der Gewerbeimmobilienfinanzierung, der Finanzierung staatlicher Investitionen und auf dem Pfandbriefmarkt an, hat es zur Rettung dieser Bank wohl keine Alternative gegeben. SZ: Aber die Summen rauben einem doch den Atem. Da feilscht die Koalition Monate und Jahre um ein, zwei oder drei Milliarden Euro mehr für eine Investition in soziale Projekte oder die Infrastruktur. Und dann werden binnen weniger Tage insgesamt 50 Milliarden Euro für eine Bank zur Verfügung gestellt, davon sind 35 Milliarden Euro verbürgt. Keitel: Die Brandmauer, die da gezogen wurde, ist schon gewaltig. Sehr viele davon kann man nicht ziehen. Immerhin: Die 35 Milliarden Euro sind keine Investition, sondern eine Bürgschaft, und der Staat bürgt dabei für gut 26 Milliarden Euro. SZ: Im Notfall muss der Bürge zahlen! Keitel: Ich gehe davon aus, dass man sehr genau darüber nachgedacht hat, mit welcher Wahrscheinlichkeit die Ausfallbürgschaft behaftet ist und welche Vermögenswerte vorhanden sind. Diese Lösung ist allemal besser als eine Verstaatlichung. Es behauptet ja niemand, dass es auf ein paar Milliarden Euro mehr oder weniger nicht mehr ankäme. Aber es handelte sich um eine Notlage, da war die Notoperation gerechtfertigt. Der Alltag bleibt deshalb immer noch gleich schwierig, und da muss ich nach wie vor sorgfältig prüfen, dass jede Million und jeder Euro vernünftig ausgegeben ist. SZ: Die Banken müssen jetzt sparen. Gibt es in der Bauindustrie schon Engpässe bei der Finanzierung? Keitel: Es sieht nicht so aus, als würden Kreditströme versiegen. Wir wissen aus Umfragen und Nachfragen bei Kreditinstituten und Unternehmen, dass bei den Mittelständlern die Kreditvergabe nicht anders oder schwieriger läuft als vorher. Die Kreditvolumina der Sparkassen, aber auch der privaten Banken sind im vergangenen halben Jahr sogar gestiegen. SZ: Also alles bestens. Keitel: Nein. Bei den steuerlich und rechtlich sehr komplexen strukturierten Finanzierungen, an denen ja meist mehrere Geldgeber beteiligt sind, wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit Probleme geben. Da geht es um viel größere Beträge. Bei solchen Finanzierungen werden die Geldgeber künftig genauer hinschauen. Das ist ein normales Wettbewerbsverhalten. Wenn ich etwas auf die Finger gekriegt habe, ist mein Risikocontrolling einfach ein wenig schärfer. Die Finanzkrise wird dazu führen, dass öffentlich-private Projekte künftig anders finanziert werden als bisher. SZ: Müssen wir in den nächsten Wochen mit weiteren Wertberichtigungen in den Bilanzen von Banken und Unternehmen rechnen? Keitel: Das ist reine Kaffeesatzleserei. Vielleicht ist die eine oder andere Abschreibung notwendig, wie das immer der Fall ist, wenn Privatkredite in den Sand gesetzt werden. Ich habe eine ganz andere Sorge. SZ: Welche? Keitel: Ich fürchte, dass der Staat künftig wieder mehr Projekte an sich reißen will. Ich fürchte generell eine Rückkehr zum Staatsdenken. Das ist das Signal, das wir gerade bekommen. Die Abkehr vom Staat als Heilsbringer war lang und mühsam. Und jetzt wird er wieder zum Heilsbringer. SZ: Ganz ohne Fremdkapital kommen die Investoren bei der Finanzierung ihrer Projekte auch nicht aus. Ist die Masse der Banken überhaupt noch in der Verfassung, Geld zu verleihen? Keitel: Ja, absolut. Wir haben genügend Banken, die das Geld bei ihren Sparern vernünftig einwerben und deshalb keine Probleme haben. SZ: In Deutschland wird derzeit viel über höhere Löhne diskutiert, in einigen Branchen stehen Tarifverhandlungen an. Dabei kommt es immer auch auf den Produktivitätsfortschritt an, also das effizientere Produzieren zum selben Preis. Mit welchem Produktivitätsfortschritt rechnen Sie in diesem Jahr in der Bauindustrie? Auch bei Ihnen beginnt im kommenden Frühjahr die Tarifrunde. Keitel: Der Produktivitätsfortschritt ist bei uns schwer zu messen, denn wir stellen Prototypen her, keine Serienprodukte. Da versagen die üblichen Messmethoden. Der Fortschritt passiert in großem Maß auch außerhalb der Baustelle. So sind einige Unternehmen heute in der Lage, die Produktion sehr komplexer Bauwerke vollständig am Computer zu simulieren – ein Verfahren, das bei der Entwicklung von Automobilen gang und gäbe ist. SZ: Welches Signal geht von der achtprozentigen Forderung der Gewerkschaft IG Metall aus? Keitel: In meinen kühnsten Träumen könnte ich mir das nicht als Forderung für die Bauwirtschaft vorstellen. Unsere Branche hat eher das Problem, dass an manchen Stellen in Deutschland die Tariflöhne nicht gezahlt werden. Es ist für uns ein Drama, dass an einzelnen Baustellen immer wieder Leute unter Tariflohn beschäftigt werden. Das zehrt am Image der ganzen Branche. Das Wichtigste ist, dass wir in die Tariflandschaft größere Ordnung bringen. Wir müssen eine Lösung für die neuen Bundesländer finden. Dort gibt es kleine Firmen, die können einfach keine Westlöhne zahlen. Dafür brauchen wir Mechanismen im Tarifvertrag. SZ: Die Gewerkschaft IG Bau fordert aber eine Angleichung der Arbeitsbedingungen und Löhne in Ost und West. Keitel: Ich denke, dass es nicht so schnell dazu kommen wird. Unser Ziel sind einheitliche Arbeitsbedingungen am Bau in ganz Deutschland. Der Weg dahin darf aber niemanden überfordern. SZ: Einige kleine Verbände des Baugewerbes im Osten haben das letzte Tarifergebnis erst nach langem Zaudern akzeptiert. Was muss geschehen, damit die Tarifbindung nicht bröckelt? Keitel: Zunächst ist klar: Wir sind für einen Flächentarif. Es gibt einen Teil der Bauwirtschaft, der sich eine stärkere Differenzierung innerhalb der Tarifverträge vorstellen kann. Der Diskussionsprozess darüber beginnt gerade. SZ: Stimmt unser Eindruck, dass Sie ein gutes Verhältnis zu den Gewerkschaften haben? Das ist ja nicht bei jedem Unternehmer und Verbandspräsidenten so. Keitel: Wir haben ein konstruktives Verhältnis. In der deutschen Bauindustrie hat sich die Zahl der Beschäftigten binnen zehn Jahren auf rund 700 000 halbiert. Das ist schmerzhaft für alle. Das fördert aber auch das Verständnis füreinander. Der Bundesvorsitzende der IG Bau, Klaus Wiesehügel, und ich wissen, was wir uns gegenseitig zumuten können. SZ: Die IG Metall begründet die Hälfte ihrer Forderung mit einem Gerechtigkeitszuschlag. Können Sie so etwas auch in ihrer Branche vorstellen? Keitel: Wir hatten beim Bau Zeiten, als es Nachholbedarf gab, und den haben wir befriedigt. Wir hatten andere Zeiten mit relativ geringen Zuwächsen und haben auch dies von beiden Seiten mitgetragen. Das ist es, was ich meine: Der eine weiß, was er dem anderen zumuten kann. Wir müssen viele Betriebe, auch kleine Handwerksbetriebe, im Blick haben und uns fragen, ob sie einen bestimmten Lohnabschluss mittragen können oder ob sie dann Leute entlassen müssen. Ich bin froh, dass wir selten unsere Tarifdiskussionen auf eine Zahl verengt haben. In Tarifverhandlungen sollte die Phantasie über die reine Lohnzahl hinausreichen. SZ: Nochmal: Ist das Thema Gerechtigkeit ein Thema, dem sich auch die Tarifpolitik annehmen sollte? Keitel: Gerechtigkeit beschäftigt die Menschen, das lässt sich nicht bestreiten. Es ist eine berechtigte Frage, ob vom Aufschwung genügend bei denen ankommt, die ihn tragen. Man muss in diesem Zusammenhang aber auch über die Steuer- und Abgabenlast sprechen, die einen Großteil einer Lohnerhöhung aufzehrt. Allerdings sollte ein Manager nur dann Augenmaß bei Lohnforderungen predigen, wenn er bereit ist, auch bei sich das Augenmaß anzulegen. SZ: Sie kritisieren die teilweise exorbitanten Managementgehälter? Keitel: Deutschland befindet sich bei diesem Thema wohltuend im Mittelfeld. In Frankreich oder England verdienen Topmanager wesentlich mehr. Von daher übe ich keine Generalkritik. Aber ja: Es gibt Exzesse bei den Gehältern – insbesondere wenn sie in einem Missverhältnis zur Leistung und zum Erfolg stehen. Das kritisiere ich. SZ: Seit Jahren haftet dem Bau ein Schmuddelimage an. Wieso mangelt es bei Ihnen so an Disziplin? Keitel: Weil unsere Branche so unübersichtlich ist. Versuchen Sie mal mit allen Mitteln, die der Staat bietet, die Schwarzarbeit einzudämmen. Schwarzarbeit passiert nicht an einer Großbaustelle, wo 1200 Leute arbeiten. Da gehen die Arbeiter durchs Werkstor rein und werden kontrolliert. Schwarzarbeit findet man vor allem auf den kleinen Baustellen. Dort wird auch weniger stark kontrolliert. Die Bauwirtschaft ist unglaublich vielfältig. Das hat Vor- und Nachteile. Interview: Marc Beise, Elisabeth Dostert, Simone Gröneweg, Sibylle Haas „Die Brandmauer, die da gezogen wurde, ist schon gewaltig.” Die Langfassung im Internet: www.sueddeutsche.de/wirtschaft Bald BDI-Präsident: Der Bau-Manager Hans-Peter Keitel soll zum Jahreswechsel Jürgen Thumann als Präsident des Bundesverbandes der deutschen Industrie ablösen. Nominiert ist der ehemalige Chef des Hochtief-Konzerns bereits, am 24. November wählen die BDI-Mitglieder. SZ 07.10.2008 Tag eins nach der größten deutschen Bankenrettung: Wie die Kunden reagieren. Cool bleiben und weiterlächeln. Szenen vom Bankschalter: Viele Deutsche geben sich gelassen, obwohl die Börsen abstürzen wie selten zuvor. Sandra Stricker; Stefan Schweiger Geld Reportage BRD Seite 21 kA Tag eins nach der größten deutschen Bankenrettung: Wie die Kunden reagieren. Cool bleiben und weiterlächeln. Szenen vom Bankschalter: Viele Deutsche geben sich gelassen, obwohl die Börsen abstürzen wie selten zuvor. Von Sandra Stricker und Stefan Schweiger. München – Der Geldautomat der Deutsche-Bank-Filiale am Münchner Marienplatz ist einer der am häufigsten genutzten in der ganzen Stadt. Wer hier für den Stadtbummel Geld abheben will, muss meistens anstehen. An diesem Morgen drückt sich eine besonders lange Schlange an die Wand. Etwa 15 Japaner warten geduldig – worauf? Um während des Urlaubs ihre Sparbücher wegen der Finanzkrise zu plündern? Ganz so schlimm ist es noch nicht. In Wirklichkeit handelt es sich um Touristen, die andächtig auf den Beginn einer der größten Sensationen warten, die München Fremden zu bieten hat: das Glockenspiel am Rathaus, das vom Automaten der Deutschen Bank aus gut zu beobachten ist. Am Sonntag hat die Bundesregierung für die gesamten Spareinlagen der Deutschen eine Garantie abgegeben, 800 bis 1200 Milliarden Euro. Wie ist die Stimmung in den Banken am Morgen danach? Geldknappheit ist bei der Deutschen Bank nicht zu befürchten. Niemand hebt panikartig sein Erspartes ab. Eigentlich steht um zehn vor elf überhaupt niemand am Geldautomaten vor der Bank an. In der Filiale selbst gibt es vier Automaten, vor denen sich nur wenige Kunden bewegen. Vermutlich kann Matias Zekic, Angestellter der Deutschen Bank, deshalb nur lachen über die Frage, ob das Bare langsam knapp werde. „Sie sehen doch, der Geldtransporter steht vor der Tür”, sagt der junge Mann im dunklen Anzug und deutet mit einer lässigen Handbewegung nach draußen. Dort hat sich André Mrak, Anfang 30 und Kunde der Deutschen Bank, gerade zwei 50-Euro-Scheine aus dem Automaten gezogen. Kurzurlaub mit der Freundin, ein Einkaufsbummel in der Fußgängerzone. „Ich habe mein Geld noch auf der Bank liegen. Klar bin ich auch etwas beunruhigt. Aber vor allem bin ich einfach zu bequem, um etwas zu ändern.” Die Freundin nickt dazu: „Stimmt!” Sie zieht ihn weiter in Richtung Fußgängerzone, auf die Frauenkirche zu. Am Platz vor dem Münchner Dom liegt etwas versteckt hinter hohen Bäumen die Münchner Bank, ein genossenschaftliches Institut, das Mitglied im Bundesverband der Deutschen Volks- und Raiffeisenbanken (BVR) ist. Der Schalterbereich wirkt etwas düster mit der dunklen Holzvertäfelung an den Wänden. Wirkt sich die globale Finanzkrise auf die Münchner Bank aus? „Oh ja, die Panik hat auch die Leute hier voll erwischt”, sagt Filialleiterin Mirka Friedrich. „Vor allem ältere Leute erinnern sich an die Zeit vor der Währungsreform und fürchten um ihr Geld.” Friedrich hat gerade noch einen Kunden beraten, der 120 000 Euro von der Hypo-Vereinsbank an die Genossenschaftsbank überwiesen hat. „Die Leute fühlen sich anscheinend bei einer kleinen Bank wie unserer sicherer, sie haben zu uns noch Vertrauen”, sagt sie. Mit ihrem regionalen Geschäftsprinzip scheinen die Genossenschaftsbanken von der Finanzkrise nicht ganz so stark belastet zu sein wie die großen Geschäftsbanken. Ihr Kreditgeschäft finanzieren sie vor allem über Einlagen aus der Region, und so teilte der Bundesverband kürzlich mit, die Belastungen seien insgesamt moderat und brächten keines der 1230 genossenschaftlichen Geldhäuser in Finanznöte. Die Verunsicherung bei den Kunden bemerkt Mirka Friedrich vor allem an der extrem starken Nachfrage nach Gold. „Unser Lieferant hat inzwischen Lieferschwierigkeiten. Gold gilt anscheinend als krisensicherer Rettungsanker in diesen turbulenten Zeiten. Und freie Schließfächer haben wir auch kaum mehr.” Friedrich lächelt „Das Wichtigste, was wir unseren Kunden mitgeben können, ist die Ruhe zu bewahren und locker zu bleiben”, sagt sie. Ihre Kunden bleiben entsprechend gelassen. „Als ich erstmals von der Finanzkrise in Amerika gehört habe, war ich natürlich beunruhigt. Aber dass wir so stark betroffen sein würden, hätte ich damals nicht gedacht”, sagt der Rentner Herbert Fuchs. „Sonst vertraue ich der Politik ja nicht so sehr. Aber hier wird Frau Merkel schon recht haben. Auf was soll man denn sonst noch vertrauen?” Die Münchner Bank hat auf die Finanzkrise reagiert. „Ihr Geld ist bei uns sicher – und zwar in voller Höhe”, steht auf einem Flyer, den Mirka Friedrich über Nacht in Auftrag gegeben hat. Auf der Vorderseite stehen in fetten Lettern Adjektive wie „selbständig”, „flächendeckend” und „vertrauensvoll”. Auf der Rückseite sind Auszüge aus einem Brief über die Sicherheitseinrichtung des BVR zu lesen. Bei der ältesten Genossenschaftsbank Bayerns setzt gegen die Sorgen der deutschen Sparer auf Aufklärung. „Cool bleiben” sollten die Leute, wenn es um ihre Anlagen geht, rät Filialleiterin Friedrich. Ein anderer Schauplatz in der Münchner Innenstadt: Die Studentin Ulrike Haupt hat sich am Geldautomaten der Stadtsparkasse gerade 60 Euro abgehoben – „zum Shoppen”, sagt sie. Sorgen mache sie sich zwar schon. „Aber ich habe eh nicht viel Geld auf dem Konto. Und vor allem verstehe ich gar nicht, was gerade passiert. Mir bleibt also gar nichts anderes übrig, als auf die Banken zu vertrauen.” Auch bei der Deutschen Bank finden mehr Beratungsgespräche statt als sonst. Für die Berater hat das Unternehmen Fakten zusammengetragen, damit sie auf besorgte Bankkunden vorbereitet sind und eine Argumentationshilfe haben. „Bei all den Tumulten an den Börsen und Finanzmärkten ist es unsere erste Aufgabe, Ruhe zu bewahren und an unsere Kunden weiterzugeben”, sagt eine Sprecherin der Bank. „Schließlich sind unsere Berater immer noch Berater und keine Kriseninterventionsteams.” „Die Lage ist sicherlich ernst, aber der einzelne Sparer ist durch Einlagesicherungsfonds absolut auf der sicheren Seite”, sagt eine Angestellte der Deutschen Bank. „Die Sparguthaben der Bürger sind sicher – so sicher, wie eben der deutsche Staat derzeit ist.” Ein Kunde hat 120 000 Euro von einer großen zu einer kleinen Bank überwiesen. Eine Studentin hebt 60 Euro ab. Sie sagt: „Ich habe eh nicht viel Geld auf dem Konto.” Kundin am Geldautomaten: Um einen Ansturm auf die Banken zu verhindern, garantiert die Regierung nun für alle Spareinlagen. SZ 07.10.2008 Zwischen Wut und Erschöpfung. Bundesbankpräsident Axel Weber gibt sich gern sachlich, doch im Fall Hypo Real Estate zeigte er Nerven. Helga Einecke Wirtschaft Reportage BRD Seite 20 kA Zwischen Wut und Erschöpfung. Bundesbankpräsident Axel Weber gibt sich gern sachlich, doch im Fall Hypo Real Estate zeigte er Nerven. Von Helga Einecke. Etwas Schlaf hätte sich Bundesbankpräsident Axel Weber, 51, am Montagmorgen gern noch gegönnt. Daraus wurde nichts. Er ließ sich in die Zentrale fahren, telefonierte, sondierte, informierte seine Leute. Es fiel ihm ohnehin schwer abzuschalten. In der Nacht zum Montag war er um drei Uhr ins Bett gekommen, in Berlin. Um 6.45 Uhr ging sein Flugzeug zurück nach Frankfurt. So geht das schon eine Weile. Seit mehr als einer Woche reist Weber zwischen Bonn, Frankfurt und Berlin hin und her. Dort sitzen Finanzaufsicht, Notenbank und Regierung. Die Finanzklemme von Hypo Real Estate erfordert viele Informationen und Gespräche, nicht nur am Telefon, auch per Mail, SMS, auf Zuruf und in eiligst einberufenen Sitzungen. Webers Rolle als Krisenmanager wechselt. Mal ist er Vermittler, mal Berater der Regierung, selten nur Beobachter. Den Namen Hypo Real Estate hatten viele Bürger und Politiker vorher noch nie gehört, geschweige denn gewusst, dass diese Bank sich auf die Finanzierung von Immobilien spezialisiert hat und in Irland ein großes Rad dreht. Ihr fehlen Milliarden. Ihre Pleite könnte andere deutsche Banken mitreißen, aber auch Versorgungswerke, Berufsgenossenschaften, Länder und Gemeinden hart treffen und das Geld vieler Bürger gefährden. So steht es in einem Brandbrief, den Weber mit Stellvertreter Franz-Christoph Zeitler und mit Jochen Sanio, dem Chef der Finanzaufsicht Bafin, unterzeichnet und an Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) adressiert hat. Auf fünf Seiten steht nachzulesen, warum es zur Rettung von Hypo Real Estate keine Alternative gibt und sogar der komplette Zahlungsverkehr in Europa hätte zusammenbrechen können. Der Gute und der Böse Schwarzmalerei gehört eigentlich nicht in den Instrumentenkasten einer Notenbank. In der Vergangenheit wurde die Krise eher mit Beschwichtigungen kleingeredet. Doch dieses Mal fand Weber es offenbar angemessen, Druck auszuüben. Acht Stunden versuchte er im Schlepptau von Steinbrück, den Politikern in Berlin klarzumachen, dass die staatlichen Garantien und die tatsächlichen Milliarden Euro für Hypo Real Estate helfen, Schlimmeres zu verhindern. Steinbrück und Weber können gut miteinander. Beide wissen, wie die Finanzwelt tickt, sprechen flüssig englisch und geben auf internationalen Konferenzen ein überzeugendes Gespann ab. Die Harmonie hat Gründe. „Beide können sehr viel reißen”, erklärt einer die Gemeinsamkeiten. Steinbrücks heutiger Staatssekretär Jörg Asmussen holte Weber 2004 als Bundesbankpräsidenten, weil er ihn als Professor und Wirtschaftsweisen mit Ambitionen kennengelernt hatte. „Ich spüre Tatendrang”, sagte Weber im Interview der Süddeutschen Zeitung. Diesen Tatendrang braucht er. Zahlungsunfähige Banken sind der Albtraum der Bankenaufseher, sie müssen abwägen, ob sie andere Banken gefährden. Systemisches Risiko nennen die Fachleute diese Gefahr. Im Sommer 2007 war es die Kreditbank IKB, die als Erste vor dem Aus stand. Damals setzten sich vor allem Weber und Sanio, die sich die Bankenaufsicht in Deutschland teilen, für deren Rettung ein, auch des Systems wegen. Sie zogen aber keineswegs an einem Strang. Sanio warnte vor der größten Krise seit den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, Weber beschwichtigte und redete die Gefahr klein. Unter Banken ist Sanio seines rabiaten Verhandlungsstils wegen gefürchtet. Er soll in Krisensitzungen erregt ausgerufen haben: „Ich mache alles platt”. Dann kommt Weber gerne daher und erklärt in sachlichem Stil und mit Hilfe von Charts die Lage. Nach Einschätzung enger Vertrauter haben sich Weber und Sanio im Laufe der Finanzkrise schätzen und respektieren gelernt. Mit widerspenstigen Banken, die nur zögerlich bei den Rettungsaktionen mitmachen wollen, gehen sie wie die Polizisten um, die man aus amerikanischen Serien kennt. Einer prügelt im Verhör auf den Verdächtigen ein, der andere gibt den Bankenversteher. So könnte es auch am Sonntag gewesen sein, als Hypo Real Estate plötzlich weit mehr Geld brauchte, als eine Woche lang ausgehandelt. Abends um acht Uhr – pünktlich zur Tagesschau-Zeit – war das zweite Rettungspaket fertig geschnürt, dann tauchten neue Zahlen und erneut Unstimmigkeiten auf. Steinbrück machte in Fernsehinterviews keinen Hehl aus seiner Verärgerung. Weber soll hinter geschlossenen Türen getobt haben. In der Öffentlichkeit zeigt sich der Bundesbankpräsident betont nüchtern und kühl, Emotionen scheinen ihm fern. Für ihn stand am Sonntagabend einiges auf dem Spiel. Schließlich garantiert die Bundesbank in einer Art Zwischenfinanzierung für das Rettungspaket, gewährt befristet Liquidität. Dafür musste zu später Stunde das Einverständnis der Europäischen Zentralbank eingeholt werden. Die Bundesbank kann nur mit Einverständnis des EZB-Rates ins Obligo gehen. In diesem Rat hat sich Weber im Laufe der letzten vier Jahre Gehör verschafft, auch weil er als Wissenschaftler manche Thesen wortgewaltig verteidigt. Seine Neigung zur Forschung ist geblieben. Er lässt inzwischen mehr als früher in der Bundesbank forschen, um den Einfluss der Geldpolitik auf die reale Wirtschaft besser zu erklären. In der Bundesbank gilt Weber unangefochten als Nummer eins. Kritik erntet Weber für seinen strengen geldpolitischen Kurs. Er machte sich für höhere Leitzinsen in Europa bis in diesen Sommer hinein stark, um die Inflation zu bekämpfen. Einige Volkswirte halten das für falsch, weil sich ein Nachlassen der wirtschaftlichen Erholung durch die Finanzkrise bereits abzeichnete. Auch die Rettungsaktion der IKB bleibt umstritten. Eine kleine Mittelstandsbank könne nicht systemrelevant sein, sagte ein Fachmann, der dem Bundesbankpräsidenten zu geringe Erfahrung im Bankgeschäft unterstellt. Weber dagegen kämpft seit einem Jahr für alle deutschen Banken. „Zu Beginn der Turbulenzen im August 2007 konzentrierte sich das Misstrauen der internationalen Finanzmärkte auf das deutsche Bankensystem”, analysierte er vor kurzem in der Universität Duisburg-Essen. Bundesbankpräsident. Axel Weber hat Stehvermögen, zum Beispiel auf den vielen Empfängen, die er als Bundesbankpräsident absolvieren muss. Er läuft gerne und ist stolz darauf, wenn er einen Marathon unter vier Stunden schafft. Für diese Vergnügungen und Leistungen bleibt ihm seit dem Ausbruch der Finanzkrise keine Zeit mehr. Auch am Wochenende, das ihm früher heilig und für die Familie reserviert war, wird nun gearbeitet. Durchhalten, Disziplin und Fleiß kennzeichnen Webers Lebenslauf. Er stammt aus dem kleinen Ort Kusel in der Pfalz, studierte in Siegen und Konstanz Volkswirtschaft, spezialisierte sich auf Geldpolitik und brachte sich in viele internationale Gremien und Forschungen ein. Er lehrte in Bonn, Frankfurt und Köln, beriet die Regierung als Wirtschaftsweiser und wurde im April 2004 zum Bundesbankpräsidenten berufen. In vier Jahren richtete der Wissensschaftler mit Staatsamt die deutsche Notenbank neu aus, die seit der Euro-Einführung nur noch eine von mehreren Währungsinstituten im gemeinsamen Währungsraum ist. Unantastbar ist für ihn der Goldschatz der Bundesbank, den Politiker gern für eigene Projekte verplanen. he Bundesbankpräsident Axel Weber gilt als nüchtern. Für gewöhnlich lässt er andere brüllen, holt dann ein Chart hervor und erklärt sachlich die Lage. Er harmoniert dennoch gut mit Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, mit dem er nach Einschätzung von Teilnehmern auf internationalen Konferenzen ein durchaus überzeugendes Gespann abgibt. SZ 07.10.2008 Nach dem Hilfspaket für Hypo Real Estate. Alle Banken wollen gerettet werden. Während der Bundesfinanzminister einen nationalen Alleingang anstrebt, drängen viele Kreditinstitute auf eine europäische Lösung. Martin Hesse Wirtschaft Bericht BRD Seite 19 kA Nach dem Hilfspaket für Hypo Real Estate. Alle Banken wollen gerettet werden. Während der Bundesfinanzminister einen nationalen Alleingang anstrebt, drängen viele Kreditinstitute auf eine europäische Lösung. Von Martin Hesse. Frankfurt – Nach der Rettung der Immobilienbank Hypo Real Estate drängen Banken und Ökonomen auf ein Hilfspaket für die gesamte Kreditwirtschaft. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück zeigte sich offen für eine Branchenlösung. Umstritten ist aber in Politik und Wirtschaft, wie ein solcher Notfallplan aussehen soll. „Wir müssen jetzt versuchen, in Deutschland insgesamt einen Schirm zu spannen, damit wir nicht von dem einen Fall zu dem anderen Fall geraten”, sagte SPD-Finanzminister Steinbrück am Montag. Mit singulären Lösungen komme man irgendwann nicht mehr weiter. Steinbrück sprach von einem Plan B. Am Sonntagabend hatten Bund und Banken mit einem erweiterten Rettungspaket einen Zusammenbruch der Hypo Real Estate (HRE) verhindert. Vertreter der privaten, öffentlichen und genossenschaftlichen Banken drängen angesichts der neuerlichen Zuspitzung der Finanzkrise auf eine umfassende Lösung in Deutschland. „Wir halten es für wichtig, von Einzelfalllösungen wegzukommen”, sagte ein Sprecher des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes. „Diese führen dazu, dass für die Retter die Wellen immer höher werden.” Auch von den Genossenschaftsbanken kam Zustimmung zu einem umfassenden Risikoschutz. Der Präsident des Bankenverbandes, Klaus-Peter Müller, hatte bereits vergangene Woche Staatsgarantien für Verbindlichkeiten der Institute angeregt. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann hatte gefordert, man müsse in Europa ähnlich umfassende Maßnahmen vorbereiten wie sie die USA ergriffen haben. Die privaten Banken drängen weiter auf eine Lösung auf europäischer Ebene, um Wettbewerbsnachteile gegenüber Instituten anderer Länder zu vermeiden. Die Bundesregierung hatte diese Herangehensweise am Wochenende abgelehnt. In Bankenkreisen heißt es, die Regierung habe vor allem verhindern wollen, dass Deutschland als größtes EU-Mitglied die Rettung von Banken kleinerer Staaten überproportional mittragen müsse. Grundsätzlich sei man in Berlin aber nach wie vor offen für einen europäischen Plan. Einig ist man sich in Brüssel und Berlin, dass auch in Europa die Bilanzierungsvorschriften für Banken gelockert werden sollen, nachdem die USA ihren Kreditinstituten vergangene Wochen neuen Spielraum bei der Bewertung von Wertpapieren gegeben hatte. Offenbar hat es zwischen Finanzministerium, Bundesbank, der Finanzaufsicht Bafin und führenden Vertretern der Kreditwirtschaft bereits erste Gespräche über einen deutschen Notfallplan gegeben. Die Überlegungen befinden sich jedoch in einem frühen Stadium. In Bankenkreisen hieß es, bis ein Plan stehe, könnten noch einige Wochen vergehen. „Eine Möglichkeit wäre es, dass der Staat den Banken nach amerikanischem Vorbild Kredite abkauft”, sagte Bankenprofessor Martin Faust von der Frankfurt School of Finance. Jan-Pieter Krahnen von der Universität Frankfurt weist darauf hin, dass die Schwierigkeiten der deutschen Banken anders als in den USA nicht in erster Linie in einem hohen Abschreibungsbedarf für faule Kredite lägen. Es gebe vielmehr Refinanzierungsprobleme, weil viele deutsche Kreditinstitute stark auf den Interbankenmarkt angewiesen seien, der jetzt praktisch zum Erliegen gekommen ist. Der Kollaps des Interbankenmarktes hatte auch die Hypo Real Estate zu Fall gebracht. Am Sonntagabend hatten Bund und Banken aller Lager sich auf ein neues Rettungspaket geeinigt. Demnach weiten die Banken ihre Kreditlinie für die HRE von 15 auf 30 Milliarden Euro aus. Mit einem Kunstgriff verhindern Bund und Banken, dass einer von beiden die ursprünglich vereinbarte Ausfallbürgschaft erhöhen muss. Es bleibt bei einem Bürgschaftsrahmen von 35 Milliarden Euro, wovon Banken und Versicherungen 8,5 Milliarden Euro tragen. Dennoch konnten die Banken ihren Kreditrahmen erweitern, weil die Europäische Zentralbank indirekt eine Garantie übernimmt. Sie akzeptiert in größerem Umfang Vermögenswerte der HRE als Sicherheit, so dass diese stärker beliehen werden können. „Es ist eine gesichtswahrende Lösung für alle”, sagte ein Bankenvertreter. „Wer sein Leben nur auf materielle Dinge wie Geld aufbaut, der baut auf Sand.” Papst Benedikt XVI. am Montag in Rom. SZ 07.10.2008 Absturz allerorten. kA SZ Wirtschaft Meldung global Seite 19 kA Absturz allerorten. Mit Milliarden-Programmen wollen Politiker weltweit eine weitere Zuspitzung der Finanzkrise verhindern. Doch die teuren Hilfspakete scheinen zu verpuffen, allerorten mangelte es Anlegern und Händlern an Vertrauen: In Japan, Europa, Süd- und Nordamerika sackten die Aktienkurse am Montag in die Tiefe. Der deutsche Leitindex Dax brach um 7,07 Prozent auf 5387 Punkte ein und rutschte auf den tiefsten Stand seit Sommer 2006. Der Tagesverlust war hoch – und erinnerte an historische Talfahrten des Dax. Auch in den Vereinigten Staaten stürzte der Dow Jones Index zeitweise um mehr als 800 Punkte ab und erholte sich erst im späten Handelsverlauf wieder. SZ. SZ 07.10.2008 Quelle versiegt. Börsengänge sind wegen der Finanzkrise kaum noch möglich Martin Hesse Wirtschaft Kommentar BRD Seite 19 kA Quelle versiegt. Börsengänge sind wegen der Finanzkrise kaum noch möglich. Von Martin Hesse. Lange Zeit haben Ökonomen geleugnet, dass die Kreditkrise die reale Wirtschaft beeinträchtigen könnte. Dieser kühne Optimismus hat sich längst als realitätsfremd erwiesen. Es zeigt sich, dass Unternehmen unter der Krise der Banken leiden, weil die Kreditinstitute weniger Geld zu schlechteren Konditionen verleihen. Doch den Firmen droht nicht nur eine Kreditklemme, auch der Zugang zu Eigenkapital wird zunehmend schwieriger. Seit fünf Jahren gab es weltweit nicht mehr so wenige Neuemissionen wie im dritten Quartal. Die Börse als Kapitalquelle ist praktisch versiegt. Die Flaute bei Börsengängen ist nicht nur für die Deutsche Bahn eine schlechte Nachricht. Zwar sind Bund und Konsortialbanken wild entschlossen, die Teilprivatisierung des Konzerns durchzuziehen. Doch die Krise wird zumindest dazu führen, dass dem Unternehmen und dem Eigentümer aus dem Börsengang deutlich weniger Geld zufließt, als einst erhofft. Dieses Geld wird der Bahn für Investitionen und dem Bund im Haushalt fehlen. Noch schlimmer wäre es aber, wenn der Börsengang nach Jahren der politischen Diskussion wegen der Krise ganz scheitern würde. Es ist fraglich, ob ein neuer Anlauf noch vor der Bundestagswahl im nächsten Jahr gelänge. Was für die Bahn gilt, trifft für andere Unternehmen erst recht zu, die stärker auf Wachstumskapital angewiesen sind. Ohnehin herrscht in Deutschland ein Mangel an Risikokapital. Die Bankenkrise, die mehr und mehr auch eine Börsenkrise ist, verknappt den Zugang zu Wachstumsmitteln weiter. Auch Firmen, die bereits am Aktienmarkt sind, werden sich bis auf weiteres schwer tun, frisches Geld aufzunehmen. Fatalerweise trifft dies vor allem die Banken. SZ 07.10.2008 Kommentare. Ohne Konzept. Europa fehlt ein gemeinsamer Plan, um das Desaster zu bewältigen. Cerstin Gammelin Wirtschaft Kommentar EU Seite 19 kA Kommentare. Ohne Konzept. Europa fehlt ein gemeinsamer Plan, um das Desaster zu bewältigen. Von Cerstin Gammelin. Bringt ein Schüler nicht die erforderliche Leistung, hat das für ihn gravierende Auswirkungen. Er muss ein schlechtes Zeugnis in Kauf nehmen oder sogar die Schule verlassen. Hat die Europäische Kommission dagegen 15 Monate nach dem Ausbruch der globalen Finanzkrise noch keine Idee, wie fast 500 Millionen Europäer vor dem drohenden Verlust vieler Arbeitsplätze, ihrer Sparguthaben oder ihrer Existenzen geschützt werden können, bleibt das ohne Auswirkungen für die Verantwortlichen. In der Europäischen Union existiert noch immer kein gemeinsamer Plan, mit dem die für alle Verbraucher bedrohliche Krise bewältigt und Geschäfte künftig sicherer gemacht werden können. Seit einem Jahr analysieren EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und seine Kommissare die globale Krise. Gewappnet gegen deren Auswirkungen ist die Gemeinschaft jedoch nicht. Schlimmer noch: Die europäischen Staats- und Regierungschefs agieren unkoordiniert. Das vom amtierenden EU-Ratspräsidenten Nicolas Sarkozy eilig nach Paris einberufene Treffen der Regierungschefs der vier mächtigsten Wirtschaftsnationen Europas hat daran nichts geändert. Die öffentlich zur Schau getragene Geschlossenheit blieb ohne Substanz. Ein gemeinsames europäisches Notfallpaket, mit dem zahlungsunfähige Banken vor dem Konkurs gerettet werden sollten, blieb ungeschnürt. Stattdessen verärgerte das Treffen der vier bloß 23 andere Regierungschefs. Weil sie nämlich zu Hause bleiben mussten, obwohl die Finanzkrise auch in deren Staaten spürbar ist. Wenn sich die EU-Finanzminister an diesem Dienstag in Luxemburg zu Beratungen treffen, wird es zunächst einiger innereuropäischer Aufklärung bedürfen, um weitere atmosphärische Verstimmungen zu vermeiden. Dass die Idee des europäischen Rettungsfonds so schnell verschwand, wie sie geboren wurde, ist allerdings zu verschmerzen. Dem nationalen Steuerzahler wäre ohnehin kaum vermittelbar gewesen, viele Euro in einen unübersichtlichen Finanztopf einzuzahlen, der im Zweifel zunächst ausländische Banken vor dem Untergang rettet, während heimische Kreditinstitute leer ausgehen und eigene Sparguthaben gefährdet sein könnten. Wichtig ist jetzt eine ganz andere Herausforderung. Die europäischen Staats- und Regierungschefs müssen sicherstellen, dass die Krise keinen Dauerschaden im Binnenmarkt zurücklässt. Das heißt, sie müssen jetzt einheitliche Regeln für künftige Finanzgeschäfte in der EU entwickeln und schleunigst in Kraft setzen. Sie sollten die Krise nutzen, das nachzuholen, was ihnen unter normalen Wirtschaftsbedingungen bisher nie gelang: sich darauf zu einigen, Kredit- und Finanzinstitute an die lange Leine zu legen. Und dem internationalen Finanzmarkt endlich europäische Regeln zu diktieren, statt wie bisher den Vorgaben der Amerikaner zu folgen. Bisher verdient die Krisenbilanz der europäischen Finanz- und Wirtschaftspolitiker das Prädikat ungenügend. Länger als ein Jahr haben sie beobachtet, wie sich die Finanzmarktkrise aus den USA langsam nach Europa ausbreitet. Ebenso lange haben sie alle Rufe ignoriert, Ratingagenturen, Banken und andere Kreditinstitute endlich schärfer zu beaufsichtigen. Inzwischen hat EU-Binnenmarktkommissar Charlie McCreevy zwar einen Vorschlag vorgelegt. Dieser ist jedoch weder eine echte Reaktion auf die akute Finanzkrise noch beendet er die aufsichtspolitische Kleinstaaterei in Europa. Dass die Finanzinstitute künftig fünf Prozent der Risiken aus Kreditgeschäften selbst tragen und als Gruppe überwacht werden sollen, ist nicht mehr als eine Geste. Zudem soll das entsprechende Gesetz frühestens in zwei Jahren in Kraft treten. Statt ungenügende Gesetzesvorschläge zu beraten oder symbolische Gipfel zu veranstalten, sollten die EU-Staats- und Regierungschefs endlich die EU-Kommission in die Pflicht nehmen. Werden einige Brüsseler Kommissare ihrer Verantwortung weiterhin nicht gerecht, müssen sie Konsequenzen ziehen. SZ 07.10.2008 Halt geben in der Schieflage. Warum Staaten die besseren Schuldner sind und dabei helfen können, wieder Vertrauen zu schaffen. Simone Boehringer Themen des Tages Bericht global Seite 2 kA Halt geben in der Schieflage. Warum Staaten die besseren Schuldner sind und dabei helfen können, wieder Vertrauen zu schaffen. Von Simone Boehringer. Was die Bundesregierung macht, „ist die größte Garantie in der Weltgeschichte”, sagte am Montag Bankenexperte Hans-Peter Burghof im Bayerischen Rundfunk. Damit folgt die Bundesregierung dem Beispiel viel kleinerer Volkswirtschaften wie Irland und Griechenland, die jüngst zu ähnlichen Maßnahmen griffen, um ihr Banksystem zu stützen. Das Bundesfinanzministerium bezifferte das garantierte Volumen an Giro-, Termin- und Spargeldern nach ersten Schätzungen am Montag auf 800 Milliarden bis 1200 Milliarden Euro. Die Summe entspricht dem drei- bis viereinhalbfachen des Bundeshaushalts eines Jahres und wenigstens einem knappen Drittel der Wirtschaftsleistung eines Jahres – wenn sie voll in Anspruch genommen würde. Aber das ist nicht geplant und wäre auch nicht ohne gravierende Umbrüche der gesamten Finanzordnung umsetzbar. Die Garantie dient der Beruhigung der Bevölkerung. Die privaten Sparer können sich darauf verlassen, dass der potenteste Kreditnehmer im Land, der Staat, einspringt, wenn kleinen Sparern aufgrund der Schieflage einzelner Banken der Verlust ihrer Guthaben droht. Dies wäre dann der Fall, wenn das bisherige Notfallsytem (siehe oben) zur Entschädigung der Bankkunden nicht ausreichen würde. Die Bundesregierung hat zu dieser historisch einzigartigen Maßnahme gegriffen, weil in einer Finanzkrise wie derzeit der Staat der einzige Schuldner ist, der zur Not auch sehr hohe Milliardenbeträge aufbringen könnte. Anders als herkömmliche Schuldner wie Firmen oder Privatleute kann der Staat nämlich auch Kredite aufnehmen, die erst Generationen später abbezahlt werden. Technisch funktioniert Staatsverschuldung, indem die Regierung Bundesanleihen ausgibt. Dies kann sie theoretisch unendlich oft machen, solange Investoren, meist internationale Banken oder andere Staaten, der Bundesrepublik die Anleihen abkaufen. Mit steigender Verschuldung muss der Staat immer höhere Zinsen zahlen, um noch Käufer zu finden. Als weitere Möglichkeit kann eine Regierung sich auch bei der Notenbank verschulden. Gibt etwa die Europäische Zentralbank im Gegenzug für Anleihen zusätzliches Geld aus, kann dies je nach Umfang allerdings sehr preistreibend wirken. Das bedeutet: höhere Inflation. Mit dem Grad der Verschuldung eines Staats steigt auch seine Zinslast, was den Spielraum der jeweiligen Regierung für andere wichtige Staatsausgaben – etwa für Bildung, Verteidigung oder Straßenbau – einschränkt. Wird die Zinslast über die Jahre zu hoch, erhöht der Staat üblicherweise die Steuern. Für die in Deutschland seit den 1970er Jahren aufgehäuften Schulden von gut 900 Milliarden Euro gibt der Bund mittlerweile fast jeden sechsten Euro aus, also rund 16 Prozent. In den USA, wo der Staat gerade durch ein 700-Milliarden-Paket seine Kreditlast ausgeweitet hat, war die Zinslast mit acht Prozent des Haushaltsbudgets bislang deutlich geringer. Beiden Staaten gemein ist, dass sie zu den zuverlässigsten Schuldnern der Welt gehören. Hauptgrund dafür ist die Wirtschaftskraft beider Länder. Potentielle Gläubiger können damit rechnen, dass Deutschland und die Vereinigten Staaten ihre Schulden zurückzahlen können, wenn die Konjunktur wieder anzieht und sich entsprechend die Steuereinnahmen erhöhen. In Deutschland war das nicht immer so. Ähnlich wie in einigen Ländern Südamerikas in den 1980er Jahren oder auch Russland in den späten 1990er Jahren konnte das Land in den Anfängen der Weimarer Republik seine Schulden nicht mehr bedienen. „Von 1918 und bis zur Währungsreform 1923 hatte der deutsche Staat Kriegsanleihen ausstehen, die fast das Dreifache der Wirtschaftsleistung ausmachten. Unter diesen Umständen gewährte praktisch niemand mehr der Regierung Kredit, folglich kaufte keiner mehr neue Anleihen”, erklärt Christian Kreiß, Wirtschaftshistoriker an der Hochschule Aalen. Die Ausgabe neuer Papiere wäre aber nötig gewesen, um die alten Schulden abzulösen – ein Mechanismus, ohne den heute auch zahlungskräftige Staaten nicht mehr auskommen. Nur in wenigen Ländern wie China, Indien oder heute auch Russland hat der Staat Guthaben statt Schulden zu verwalten. Ein Grund für die hohe Verschuldung vieler Länder liegt im bestehenden Geldsystem. Früher waren es die Schätze der Könige, später die Goldvorräte der Zentralbanken, die den Wert einer Währung oder auch des Staates garantierten. Seit dem Ende der Goldbindung des Dollar 1971 ist das Weltfinanzsystem jedoch rein auf Vertrauen aufgebaut, eben dem Vertrauen in die künftige Wirtschaftskraft und in das Gesellschaftsmodell eines Landes. Je größer dieses Vertrauen, desto größer ist folglich die Kreditwürdigkeit eines Staats. Bei der Ausgabe von Staatsanleihen müssen Regierungen nicht berücksichtigen, welchen Gegenwert an Gold, Silber oder sonstigen Sachwerten sie in den Tresoren haben. Davon profitierten seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs insbesondere die Vereinigten Staaten. Ihr stark kapitalistisch geprägtes und auf Eigenverantwortung basierendes Gesellschaftsmodell war lange fast uneingeschränktes Vorbild für die Welt. Ein vergleichsweise hohes Wirtschaftswachstum gab den Amerikanern Recht. Erst die jüngste Verstaatlichungswelle und die riesigen Finanzspritzen für die Banken sorgen bei Investoren zunehmend für Misstrauen. Die Kurse an den Börsen fallen. Mittelfristig kann das auch die Kreditwürdigkeit der führenden Industriestaaten negativ beeinflussen. Der Staat lässt keinen im Regen stehen: Die Bundesregierung garantiert den Sparern, dass sie ihr Geld zurückbekommen. SZ 07.10.2008 „Massive Eingriffe sind nötig”. Ein Volkswirt über weitere Gefahren. Simone Boehringer Themen des Tages Interview global Seite 2 kA „Massive Eingriffe sind nötig”. Ein Volkswirt über weitere Gefahren. Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank, hält weitere Bankenpleiten für möglich, sofern der Staat nicht noch umfänglicher eingreift. SZ: Herr Hellmeyer, Angela Merkel hat den Bürgern versichert, sie müssen sich um ihr Erspartes keine Sorgen machen. Ist die Krise schon so schlimm, dass eine Staatsgarantie nötig war? Folker Hellmeyer: Die Situation ist prekär. Insofern ist die Staatsgarantie für die Spareinlagen absolut notwendig, um ein Zeichen zu setzen. Ansonsten wären die Menschen womöglich bald Schlange gestanden vor den Geldautomaten, und den Unternehmen im Land würde eine Kreditklemme drohen, welche die anstehende Rezession massiv verschärft. SZ: War es das jetzt? Oder müssen wir weiterhin jedes Wochenende mit einer weiteren Bankenrettung rechnen? Hellmeyer: Sofern es nicht noch einen großen Wurf des Staats gibt, ist das Risiko sehr hoch, dass immer wieder teure Einzellösungen für in Not geratene Geldhäuser gefunden werden müssen. SZ: Wie soll der große Wurf aussehen? Hellmeyer: Die Billionen-Garantie für private Einlagen ist ein erster richtiger Schritt, um den Geldmarkt positiv zu beinflussen. Darüber hinaus ist eine zeitlich begrenzte, umfassende Garantie für alle Geldgeschäfte von Kunden mit der Bank nötig, nach dem Vorbild Irlands oder auch Schwedens in der Währungskrise 1992. Es geht nicht mehr nur darum, die Banken zu retten, sondern die Realwirtschaft nicht noch mehr für die Fehler der Banken zu bestrafen. SZ: Es drängt sich der Verdacht auf, dass der Staat gute Steuergelder schlechtem Geld hinterher schmeißt. Hellmeyer: Nein, so ist es nicht. Die Staatsgarantie ist klug, weil sie da ansetzt, worum es geht: Das Vertrauen der Menschen in die Finanzordnung zurü;;ckzugewinnen. Anders als das 700-Milliarden-Rettungspaket in Amerika fließt hier kein Cent, die Kapitalmärkte werden also nicht belastet. Aber ohne die Staatsgarantie würde sich die Kreditklemme massiv verschärfen und nicht nur eine Rezession, sondern wahrscheinlich eine Depression auslösen wie wir sie zuletzt 1929 hatten. SZ: Ist außerhalb Deutschlands mit weiteren Bankenpleiten zu rechnen? Hellmeyer: Ja, denn die Finanzkrise verschärft sich noch trotz massiver Eingriffe von Staaten, Notenbanken und den Finanzaufsichten. Entsprechend sind überall dort, wo es keine umfassende Staatsgarantie gibt, weitere Banken gefährdet. SZ: Über den Tag hinaus gedacht: Trägt unser Finanzsystem noch? Hellmeyer: Unser Finanzsystem hat im Zuge der Krise die Chance, sich zu reformieren, wenn es stärker reguliert wird. Banken müssen sich wieder vorwiegend an den Kundeninteressen orientieren und nicht primär am Eigeninteresse wie in weiten Teilen der Branche geschehen. Interview: Simone Boehringer Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank. Oh. SZ 07.10.2008 Die Erpressten. kA Ulrich Schäfer Meinungsseite Kommentar BRD Seite 4 Leitartikel Die Erpressten. Von Ulrich Schäfer. Es sollte ein Akt der Stärke sein – doch es war ein Zeichen der Schwäche, ja der Verzweiflung: Angela Merkel und Peer Steinbrück verkündeten am Sonntag, dass der Bund die Guthaben aller Sparer garantiert. Die Bundesregierung steht dafür gerade, dass niemand sein Geld verliert – selbst dann nicht, wenn die Welt untergeht. So wie Merkel und Steinbrück dabei dreinblickten, so hilflos, wie sie in dieser Krise agieren, könnte man den Eindruck haben, als ob der Untergang unmittelbar bevorstünde. Die Kanzlerin wirkte fahl, der Finanzminister fahrig. Die historische Nachricht, die sie überbrachten, die höchste Garantie, die ein Staat je übernommen hat, erklärten sie so schlecht, dass die Weltöffentlichkeit erst gar nicht begriff: Eineinhalb Stunden lang sendeten die Nachrichtenagenturen nur, was die beiden zur Rettung der Hypo Real Estate zu sagen hatten. Merkels Satz, dass die Einlagen aller Sparer sicher seien, hatten die Journalisten nicht verstanden. Und Steinbrücks Erläuterungen dazu auch nicht. Die Kanzlerin und ihr Finanzminister sind Getriebene. Sie wirken wie die Opfer einer beispiellosen Erpressung, in der die Finanzmärkte eine ganze Regierung, eine ganze Nation als Geisel genommen haben. Sie versuchen eine Krise zu bewältigen, die in keinem Koalitionsvertrag stand, in keinem Lehrbuch über Politik, ja nicht einmal in theoretischen Papieren, die die Beamten der Regierung eigentlich für alles vorbereitet haben. So einen Notfall wie die Finanzkrise hat niemand für möglich gehalten. Merkel und Steinbrück werden in diesen Tagen von den Ereignissen überrollt. Was sie als Politiker erleben, ist ähnlich unkalkulierbar wie im „Deutschen Herbst” des Jahres 1977. Damals wurde die Regierung Helmut Schmidt von den Terroristen der RAF erpresst. In solch einer Ausnahmesituation machen Politiker auch Fehler. Historiker werden irgendwann darüber entscheiden, wie die Bundesregierung diese Krise gemanagt hat. Sie werden darüber richten, ob es Merkel und Steinbrück gelungen ist, das Desaster teilweise abzuwenden – oder ob sie dazu beigetragen haben, es noch zu verstärken. Am Ende wird dabei alles auf eine Frage hinauslaufen: Hat die Regierung in einer Zeit, da alle nur noch dem Staat vertrauen, Führungsstärke gezeigt? Hat sie leadership bewiesen, wie die Amerikaner es nennen und wie es Finanzminister Henry Paulson derzeit eindrucksvoll demonstriert? Die vorläufige Antwort lautet: Nein. Nicht wirklich. Merkel hat sich treiben lassen: Von den Banken, die dem Staat im Prinzip keine Wahl gelassen haben; vom Finanzminister, der im Bundestag redet, während die Kanzlerin sich in der Bild-Zeitung zu Wort meldet; und von den anderen Europäern. Es ist verwirrend: Erst kritisiert Merkel beim EU-Gipfel, dass die Iren mit einer Staatsgarantie alle Bankeinlagen sichern; dann ordnet sie die gleiche Maßnahme für Deutschland an. Steinbrück wiederum hat den Deutschen erst am Donnerstag vorletzter Woche erklärt, dass ihre Ersparnisse sicher seien – ohne staatliche Garantie. Und ihnen am Sonntag dann erklärt, nun müsse aber der Staat bürgen. Mit der Garantie holt er eine Arznei aus dem Medikamentenkasten, die eigentlich erst kurz vor dem Exitus verabreicht werden sollte. Doch steht Deutschlands Finanzsystem tatsächlich vor dem Exitus? Würden die Kunden die Banken stürmen, wenn ein großes Geldhaus zusammenbricht? Niemand weiß das. Es ist verständlich, dass Steinbrück und Merkel es nicht darauf ankommen lassen wollen. Doch ein wenig mehr Zuwarten hätte nicht geschadet. Schließlich wurde die Pleite, die den Run auf die Banken hätte auslösen können, am Sonntag erst mal abgewendet. Möglicherweise aber wissen Merkel und Steinbrück auch Dinge über den Zustand des deutschen Finanzsystems, die derart fürchterlich sind, dass sie diese nicht der Öffentlichkeit erzählen können. Dann allerdings hätten sie die Rettung der Hypo Real Estate anders angehen müssen. Sie hätten sich nicht in die Hände der Banken begeben dürfen, die seither darüber streiten, wer eigentlich wie viel Geld für das Krisen-Institut hergeben soll. Stattdessen hätte Steinbrück die Hypo unter staatliche Kontrolle stellen und den Vorstand postwendend absetzen sollen – so wie die Amerikaner es beim Versicherungsriesen AIG getan haben. Dann hätte sein Satz, die Bank werde abgewickelt, nicht für derart viel Aufregung an den Finanzmärkten gesorgt. Er war inhaltlich richtig, aber in dieser labilen Situation für die Bank gefährlich. Im Falle einer Verstaatlichung hätte auch niemand die Regierung über den wahren Zustand der Hypo belügen können. So aber musste die Regierung eilig ein zweites Rettungspaket schnüren. Merkel und Steinbrück sind nun vollends erpressbar geworden. Der eigentliche Fehler allerdings ist den beiden – und ihren Vorgängern – bereits in den Jahren zuvor unterlaufen: Sie haben geglaubt, dass die Herren der Finanzindustrie wohlmeinende Menschen seien, dem Allgemeinwohl verpflichtet, nicht bloß ihrem eigenen Vorteil, und sie haben ihnen deshalb keine strengeren Regeln auferlegt. Die eigentlichen Übeltäter, dies sollte nicht vergessen werden, sitzen in den Geldhäusern. Die Politiker sollten ihnen künftig weniger vertrauen. SZ 07.10.2008 Blick in die Presse kA kA Meinungsseite Zitat BRD Seite 4 kA Blick in die Presse. Das kleinere Übel. Mit der Finanzkrise befassen sich die ausländischen und deutschen Zeitungen. DIE PRESSE (Wien): „Angeschlagene Banken zu retten ist natürlich ein schwerer Sündenfall gegen die Marktwirtschaft, aber aktuell das kleinere Übel. EL MUNDO (Madrid): „Wenn schon in Deutschland eine große Bank zusammenbricht, wäre es gewagt zu behaupten, andere Länder wie Spanien seien vor der Krise sicher.” TAGES–ANZEIGER (Zürich): „Der Minigipfel von Paris hat ein paar gute Absichten zu Papier gebracht. Das ,politische Europa‘ ist in Paris keinen Schritt näher gerückt.” DE VOLKSKRANT (Amsterdam): „Die internationale Kreditkrise, die nun auch Deutschland in vollem Umfang erreicht hat, nutzen viele für eine späte Rechtfertigung der DDR. Und gar als ultimative Bestätigung für die Ansicht, dass längst nicht alles in der DDR schlecht war.” HANDELSBLATT (Düsseldorf): „Als Feuerwehr kommt im Moment nur noch Vater Staat infrage. Diese Erkenntnis verlangt von Bund und Banken, über den eigenen Schatten zu springen.” FRANKFURTER RUNDSCHAU: „Die Spekulation auf Bankenzusammenbrüche schwappt von Amerika nach Europa. Deshalb bleiben Deutschland und der EU gar nichts anderes übrig, als alle verfügbaren Waffen zu zücken, um die Banken zu stabilisieren, ja letztlich den Wohlstand der Bürger zu verteidigen.” NÜRNBERGER NACHRICHTEN: „Wenn man schon jetzt über Lehren aus der Finanzmarktkrise und deren Ursachen sprechen will, dann gehört das Thema Kontrolle und Aufsicht bei großen Konzernen in Deutschland – und das nicht nur bei Finanzhäusern – mit Sicherheit an vorderster Stelle mit dazu.” LEIPZIGER VOLKSZEITUNG: „Die Krise hat längst gezeigt, dass es sich um ein global vernetztes Finanzsystem handelt, welches sich so leicht nicht zügeln lässt. Das bisherige Krisenmanagement ist ein hektisches Reagieren, kein Agieren.” BRAUNSCHWEIGER ZEITUNG: „Wenn der Albtraum erst vorbei ist, darf man nicht mehr zur Tagesordnung zurückkehren. Kapital darf nicht verantwortungslos und unethisch sein. Notfalls muss der Staat dafür sorgen.” SZ 07.10.2008 Für ein paar Milliarden mehr. Zwei Männer, zwei Systeme, zwei Rettungsversuche: Finanzminister Peer Steinbrück und Hypo-Real-Estate-Chef Georg Funke stehen im Zentrum des Dramas um den Dax-Konzern. Ihr gemeinsames Ziel hat sie zu erbitterten Gegnern gemacht . Guido Bohsem; Nico Fried; Thomas Fromm Die Seite Drei Reportage BRD Seite 3 kA Für ein paar Milliarden mehr. Zwei Männer, zwei Systeme, zwei Rettungsversuche: Finanzminister Peer Steinbrück und Hypo-Real-Estate-Chef Georg Funke stehen im Zentrum des Dramas um den Dax-Konzern. Ihr gemeinsames Ziel hat sie zu erbitterten Gegnern gemacht . Von Guido Bohsem, Nico Fried und Thomas Fromm. Berlin/München – Es ist früh am Morgen, und am Abend zuvor war es ziemlich spät geworden. Nach einer so kurzen Nacht überrascht es nicht, dass Peer Steinbrück leicht erregbar ist. Wie in einem Schraubstock, so sagt es der Finanzminister selbst, erlebe die Politik diese Tage der großen Krise. Einerseits müsse sie Geld zur Rettung von Banken ranschaffen, andererseits dafür die Zustimmung der Bürger gewinnen. Und dann würden die handelnden Politiker auch noch „als Idioten dargestellt, die mit der Situation nicht fertig werden”. Dass die ganze Legitimation für das, was zu tun sei, bei der Politik abgeladen werde, „das berührt einen schon”, sagt Steinbrück. „Da kriegt man auch mal einen dicken Hals.” Nicht, dass er wehleidig wäre. Die Aussage des FDP-Politikers Rainer Brüderle zum Beispiel, das Finanzministerium habe schlampig gearbeitet und Steinbrück habe den Bundestagsfraktionen in der vergangenen Woche falsche Zahlen über die Lage der Hypo Real Estate-Bank genannt, findet der Minister zwar unsäglich. „Das geht mir aber auch an einem bestimmten Körperteil vorbei.” Die Schuldzuweisungen allerdings, die er am Wochenende in den Zeitungen gelesen habe, die finde er einfach „ungeheuerlich”. Dass er verantwortlich sein solle für neue Milliardenlöcher, „weise ich klar zurück”. Man muss an dieser Stelle kurz innehalten und sich ein paar Dinge vergegenwärtigen. Da ist in der Nacht zum Montag eine Bank zum zweiten Mal vor der Pleite bewahrt worden. Eine Pleite, die gewaltige Folgen für das ganze Land und seinen Zahlungsverkehr hätte haben können. Wie schon beim ersten Mal vor einer Woche war es eine schwierige Operation, an deren Ende eine komplizierte Einigung stand. Aber doch eine Einigung. Trotzdem ist die Stimmung, mal ganz allgemein gesprochen, ziemlich mies. Und bei Peer Steinbrück auch ganz speziell. Sein Zorn richtet sich vor allem gegen die Verantwortlichen der Hypo Real Estate. Und damit, so behauptet er, stehe er nicht alleine. Das Management der anderen Banken, die Bundeskanzlerin und er seien entsetzt gewesen, als am Samstag die neuen Löcher bekannt wurden. Am Sonntagabend nach der eigentlichen Verhandlung habe man dann noch im Finanzministerium beisammengesessen. Und nun drängten alle Beteiligten auf die Ablösung des Managements und des Aufsichtsrates der Hypo Real Estate, sagt Steinbrück. Und er ganz besonders, das ist ihm leicht anzumerken. Der Mann, den Steinbrück im Visier hat, heißt Georg Funke. Er ist Vorstandsvorsitzender der Hypo Real Estate. Von ihm und seinem Aufsichtsratschef Kurt Viermetz fühlt er sich hintergangen. „Zu optimistisch” seien die Annahmen der Hypo Real Estate gewesen, als vergangene Woche das erste Mal verhandelt wurde, sagt Steinbrück. Was er wohl wirklich sagen will: Diese Männer haben das Vertrauen der Bundesregierung missbraucht. Sein Vertrauen. Dieser Affront soll Konsequenzen haben. Die Chefs der Hypo Real Estate werden vielleicht noch ein paar Tage gebraucht, um den Rettungsdeal unter Dach und Fach zu bringen, doch danach müssen sie gehen. Das ist für Steinbrück die logische, die zwingende Konsequenz. In der Politik, in seiner Welt, würde das vielleicht nicht ohne weiteres, aber letztlich doch sehr schnell gehen. Das sieht man an Kurt Beck, an Erwin Huber und an Günther Beckstein. Doch in der Welt der Wirtschaft läuft das anders, hier braucht es das Einverständnis des Aufsichtsrates und der großen Aktionäre, um einen Vorstand rauszuschmeißen. Es muss über Abfindungen gesprochen werden, über goldene Handschläge, Optionen, Altersvorsorgen. Was in der Politik ruckzuck geht, dauert in der Wirtschaft seine Zeit. Diese Unterschiede existieren seit eh und je, doch die Finanzkrise bringt sie um so deutlicher hervor. Der Konflikt zwischen Steinbrück und Funke ist auch ein Beispiel dafür, wie fremd sich Politik und Wirtschaft oftmals sind, wie unterschiedlich die Akteure denken, wie ihre Interessen voneinander abweichen, ihre Sozialisation, ihr Maßstab für Erfolg, die Sprache. Und das in einer Zeit, in der Politik und Finanzdienstleister „in symbiotischer Beziehung” miteinander stehen, wie es Steinbrück formuliert. „Beide brauchen einander.” Steinbrück und auch der Kanzlerin ist klar, dass der Staat die Hypo Real Estate retten muss, weil der Finanzmarkt in Deutschland sonst zusammenbrechen würde, mit unabsehbaren Folgen für die gesamte Wirtschaft, für Arbeitsplätze und Wohlstand. Die Politik aber muss das Vorhaben vermitteln, den Fraktionen im Bundestag, den Parteien, den Wählern, den Steuerzahlern. Merkel und Steinbrück müssen eine Antwort haben auf die Frage, warum der Staat eine Bürgschaft von 26,5 Milliarden Euro übernimmt und gleichzeitig das Kindergeld nur zögerlich erhöht oder an der Kürzung der Pendlerpauschale festhält. Das alles dauert sehr lange und viel länger als in einem Unternehmen. Sechs Stunden zog Steinbrück zusammen mit Bundesbankpräsident Axel Weber am Montag vergangener Woche durch die Fraktionen im Bundestag. Sie mussten reden, reden, reden. Georg Funke, den Chef der Hypo Real Estate, zeichnet dieser Tage vor allem eines aus: Schweigen. Mit Beginn der Krise vor mehr als einer Woche war er untergetaucht. Der ansonsten gar nicht so maulfaule Manager ließ fortan nur noch seinen Pressesprecher und seine Berater für sich reden. Er selbst tat so, als ob nichts wäre. Und arbeitete lieber. In diesen Tagen, berichten enge Mitarbeiter, sei er nie vor ein oder zwei Uhr nachts nach Hause gegangen. In der Nacht zum Montagblieb er bis halb vier morgens, um kurz vor acht war er schon wieder da. Das passt zu ihm. Die halbe Welt fordert seinen Rücktritt, und er stürzt sich in die Arbeit. „Funke klebt nicht an seinem Job, aber er kämpft wie ein Löwe”, heißt es aus seinem Umfeld. Gleichzeitig ist klar, dass er bald gehen muss. „Funke weiß auch, dass seine Zeit vorüber ist.” Wer ihn kennt, weiß, dass es ihm schwerfällt loszulassen. Vor allem, weil er zu denen gehört, die nicht nur sagen, dass sie alles richtig gemacht haben. Sie glauben es auch selbst. Das war schon im Januar dieses Jahres so. Da ging Funke hin und erklärte öffentlich, dass sein Hypothekenfinanzierer Millionenabschreibungen aus der Finanzkrise schultern müsse. An solche Mitteilungen hatte man sich in der Finanzbranche zwar längst gewöhnt. Nur dass sich eben jener Funke noch wenige Wochen zuvor hingestellt und erklärt hatte, dass sein Unternehmen gestärkt aus der Finanzkrise hervorgehe. Die Aktie fiel um fast 40 Prozent, dem Management wurde ein laxer Umgang mit der Wahrheit vorgeworfen. Und was tat Funke? Der schimpfte auf alle und jeden – nur nicht auf sich selbst. Selbstkritik ist seine Sache nicht. Die Kursreaktion an der Börse? Überzogen. Vertrauensverlust? Nicht gerechtfertigt. Der Konzern an sich? „Super geschlagen.” Niemand hätte ahnen können, dass es an den Finanzmärkten so weit kommen würde. Warum ausgerechnet er? Wenn Funke sich aufregt, rutscht seine Brille auf die Nasenspitze und er schaut mit großen Augen über sie hinweg. Er ist Gelsenkirchener, und das hört man besonders, wenn er richtig aufgeregt ist. Dann werden die Vokale lang und länger, und aus einem s wird dann schnell mal ein t. „Dat ist doch alles Quatsch.” Für einen Moment lang glaubt man dann, den bodenständigen Ruhrpottler vor sich zu haben. Aber dann fällt der Manager wieder in den gewohnten Banker-Slang zurück und erklärt, wie komplizierte Wertpapiere funktionieren oder benutzt technische Abkürzungen wie „CDOs” und „CDS” und „SIV”. Und dann weiß man: Funke lebt vor allem in einer Welt – in seiner. Damals im Januar, da war Funke schon fast abgemeldet. Viele Aktionäre konnten sich nicht vorstellen, dass der 53-Jährige die Vertrauenskrise überleben würde. Doch er konnte. „Wir werden weiterhin belegen, dass wir in unserem Kerngeschäft erfolgreich und solide sind”, sagte er damals. „Dass wir eine stabile und vielleicht langweilige Bank sind.” Das Bild der langweiligen Bank und ihres langweiligen Chefs, das war ein Bild, mit dem Funke immer gerne kokettierte. Lange Zeit konnte er es auch bedienen. Funkes Aufstieg vom einfachen Azubi bei der Westdeutsche Wohnhäuser AG in Essen zum Hypo-Real-Estate-Chef war gradlinig und unspektakulär. Sein Privatleben bürgerlich, verheiratet mit einer Irin, drei Kinder, keine Partys, keine illustren Freunde. Mögen andere Dax-Chefs in Fernseh-Talkshows ihre Weisheiten zum Besten geben oder mit ihren Damen auf Gala-Abenden Walzer tanzen. Funke ist der Typ, der lieber zu Hause bleibt. Für Small-Talk-Einsätze bietet er sich nicht an. Was soll er auch groß sagen? Er verkauft keine schnellen Autos, sondern gewerbliche Immobilienfinanzierungen. Da ist der Glamour-Faktor beschränkt. Am vergangenen Samstag prallten diese beiden Welten aufeinander, die Welt der Politik und Funkes Welt. Da platzte das erste Rettungspaket. Die Mitteilung der Hypo Real Estate überraschte sowohl Merkel als auch Steinbrück. Der Finanzminister erfuhr davon per SMS. Seine Antwort: „Warum haben die uns das nicht gesagt?” Für Merkel war die Situation noch schwieriger. Die Kanzlerin hatte gerade beim Treffen der vier europäischen Länder im Club der sieben führenden Industrienationen (G7) den deutschen Rettungsplan verteidigt. Sie hatte die Wünsche der Franzosen nach einem europäischen Sicherungsfonds abgelehnt und dafür plädiert, dass jedes Land für seine Banken sorgen solle, so wie Deutschland es mit der Hypo Real Estate demonstriert hatte. Vorbildlich, sozusagen. Die Mitteilung der Bank machte alles zunichte. Fast mehr noch als Steinbrück muss Merkel das als Affront verstanden haben. Als Mann der anderen Welt, als Mann der Wirtschaft dürfte Funke nur schwer verstehen, in welche Lage er die Kanzlerin und den Minister gebracht hat. Für ein börsennotiertes Unternehmen sind solche sogenannten Ad-Hoc-Mitteilungen Tagesgeschäft. Mit ihnen stellen die Firmen sicher, dass sie alle Aktionäre, Händler und Geldgeber gleichzeitig informieren. So sichern sie sich gegen Klagen ab und verhindern Insider-Geschäfte. Hätte er die Politik vorher informieren sollen, diesen geschwätzigen Berliner Haufen, in dem kein Geheimnis lange geheim bleibt? Funke gehört seit Jahren zu den Top-Leuten der deutschen Wirtschaft. Von 1989 bis 1998 leitete er die Londoner Niederlassung der damaligen Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank. Gut vernetzt soll er daher in Londoner Finanzkreisen sein. Besser womöglich als in der alten Deutschland AG. Vielleicht, sagen Insider, hätten ihm in den vergangenen Tagen wichtige Drähte zu wichtigen Leuten in der Branche gefehlt. Das bekommt er jetzt zu spüren. Dieselben Leute, mit denen Funke über die milliardenschwere Rettungsaktion verhandelt hat, fordern heute seinen Rücktritt. Andere, die auch mit dabei waren, stellen sich jedenfalls nicht schützend vor ihn. Das ist ein schlechtes Zeichen. Viele glauben, dass Funke nicht das ganze Ausmaß der Krise der Hypo Real Estate auf den Tisch gelegt hat. Bisher hat er zu den Vorwürfen geschwiegen. Würde Funke etwas sagen, könnte es so klingen: „So’n Quatsch”. Paradoxerweise ist er in diesem Punkt Peer Steinbrück so unähnlich nicht. Der poltert auch gerne, nicht selten gerade dann, wenn ihm Fehlverhalten vorgeworfen wird. Vergangene Woche hatte er wiederholt davon gesprochen, die Bank werde „abgewickelt”. Ein Sprecher der Hypo Real Estate hatte diese Äußerung am Samstag für die neue Liquiditätslücke verantwortlich gemacht. Das war so zu verstehen, dass nun andere Banken noch weniger bereit seien, mit Krediten zu helfen. Offensichtlich hat die Hypo Real Estate sogar rechtliche Schritte gegen den Minister erwogen: „Dass eine Bank, die wir stützen, anschließend in einen anwaltlichen Briefverkehr mit uns tritt”, schimpft Steinbrück, „das prägt.” Mit dem Begriff der Abwicklung sei er von seinen Fachleuten „gefüttert” worden, sagt der Minister. Aber er habe „davon nichts zurückzunehmen”. Aus seiner Sicht soll ihm nun ein Strick daraus gedreht werden, dass er die Dinge beim Namen genannt und nicht technokratisch rumgeschwallt hat, wie er es hasst und als Politiker für grundfalsch hält. Doch Steinbrück ist lange genug dabei, um zu wissen, dass solche Vorwürfe in seiner Welt der Politik irgendwo fruchtbaren Boden finden. Und das nicht nur in der Opposition. In einer Zeitung kann er am Montag lesen, die Kanzlerin gehe bereits auf Distanz zu ihm, sei unzufrieden mit seinem Krisenmanagement. Im engeren Umfeld Angela Merkels wird das zurückgewiesen. Aber es gibt eben immer auch ein weiteres Umfeld, dass eher parteitaktisch denkt. Es ist nicht schwer herauszufinden, dass der Minister zum Beispiel manchem Abgeordneten der Unions-Fraktion auf die Nerven geht mit seiner selbstbewussten Art, die manche vor allem als selbstgefällig wahrnehmen. Einstweilen aber wollen sich Merkel und Steinbrück nicht auseinanderdividieren lassen. Richtig ist offenbar, dass die SPD am Sonntag darauf bestand, Steinbrück mit Merkel vor die Kameras zu schicken, um die beruhigende Botschaft von der staatlichen Garantie für alle Spareinlagen zu verkünden. Von anderen Verspannungen aber will niemand von denen etwas wissen, die es wissen müssten. Im Gegenteil: Die Abstimmung zwischen Kanzleramt und Finanzministerium laufe gut, heißt es, Steinbrücks Staatssekretär Jörg Asmussen und Merkels wirtschaftspolitischer Berater Jörg Weidmann seien mittlerweile zu Duzfreunden geworden. Und Merkel habe Asmussen auch mit zum Finanzgipfel nach Paris genommen. Auf dem Rückflug sprachen die Kanzlerin, Weidmann und Steinbrücks Staatssekretär über die Konsequenzen des geplatzten Rettungspakets. Alles in Butter. Und wenn alles noch einmal passiert? Wer kann schon garantieren, dass diesmal alle Zahlen stimmen. Ob es nicht sein könne, dass man am nächsten Wochenende wieder zusammensitze, um über ein neues Rettungspaket zu beraten, wird Steinbrück an diesem Montagmorgen gefragt? Er stutzt kurz und antwortet dann: „Da bin ich nicht da.” Dem folgt ein hartes, ein etwas angestrengtes Lachen. Was in der Politik schnell geht, dauert in der Wirtschaft lange. Alle fordern seinen Rücktritt, und er stürzt sich in die Arbeit. Eine einzige Mitteilung macht alles zunichte Und was ist, wenn alles noch einmal passiert? „Da kriegt man auch mal einen dicken Hals”: Finanzminister Peer Steinbrück (unten) will, dass der Chef der Hypo Real Estate, Georg Funke, als Konsequenz aus dem Desaster abgelöst wird. SZ 07.10.2008 Trotz Hilfsprogrammen in Milliardenhöhe. Börsen stürzen weltweit ab. Dax und Dow Jones auf neuen Tiefständen / Minister Steinbrück kündigt „Plan B” zur Rettung der Finanzmärkte an. Markus Zydra Politik Bericht global Seite 1 kA Trotz Hilfsprogrammen in Milliardenhöhe. Börsen stürzen weltweit ab. Dax und Dow Jones auf neuen Tiefständen / Minister Steinbrück kündigt „Plan B” zur Rettung der Finanzmärkte an. Von Markus Zydra. Frankfurt – An den Aktienmärkten ist es weltweit zu starken Kursverlusten gekommen. Der Dax verlor zeitweise acht Prozent. Der US-Index Dow Jones fiel erstmals seit vier Jahren wieder unter 10 000 Punkte. Finanzminister Peer Steinbrück kündigte einen „Plan B” zur Rettung der Finanzmärkte an. „Wir kommen mit singulären Lösungen nicht mehr weiter”, sagte er mit Blick auf die Rettungsaktion für die Hypo Real Estate. Jetzt gehe es darum, einen „Schirm für ganz Deutschland zu spannen”. In Steinbrücks Umfeld hieß es am Montag, der Minister wolle mit der Finanzindustrie eine Systematik erarbeiten, wie in weiteren Krisenfällen vorgegangen werde. So könne es beispielsweise eine Grundsatzvereinbarung darüber geben, welche Anteile an einer Rettung Banken und Versicherer zu tragen hätten und welche der Bund. Die globale Finanzkrise spitzte sich weiter zu, obwohl Bundesregierung und Finanzbranche am Sonntag das Rettungspaket für den angeschlagenen Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate (HRE) auf 50 Milliarden Euro aufgestockt haben. An den globalen Aktienmärkten kam es zu heftigen Turbulenzen. Der deutsche Leitindex Dax baute seine Verluste am Nachmittag deutlich aus. Der Dow Jones fiel nach Handelsbeginn auf unter 10 000 Punkte, so tief wie seit Oktober 2004 nicht mehr. Das staatliche Rettungspaket für die HRE ist somit an den Börsen verpufft. Der Marktwert des Immobilienfinanzierers sank um weitere 40 Prozent. Es gilt in Finanzkreisen als sicher, dass HRE-Vorstandschef Georg Funke abgelöst wird. Aktien der Commerzbank verloren 17 Prozent, die Deutsche Bank büßte neun Prozent ein. „Wir haben unsere Wachstumsprognosen in Europa nach unten revidiert”, sagte Andreas Utermann, Chef-Investmentstratege von Allianz Global Investors, der SZ. „Die Stabilisierung der Märkte dürfte noch dauern.” Der europäische Aktienindex Eurostoxx 50 verlor 6,8 Prozent und notierte auf dem Stand von März 2005. Asiens Leitbörse in Tokio schloss auf dem tiefsten Stand seit fünf Jahren. „Es gibt nichts, das Investoren zum Aktienkauf reizt”, sagte ein Analyst. Aktien der belgischen Bank Fortis verlieren im Börsenhandel rund ein Drittel, die größte französische Bank BNP Paribas übernimmt nun große Teile des Konzerns. Die Panik ist auch an den Rohstoffmärkten ablesbar. Die Krisenwährung Gold stieg um fünf Prozent auf 873 Dollar je Feinunze. Der Ölpreis für die US-Sorte WTI rutschte unter 90 Dollar je Barrel. Es wächst die Furcht, dass sich das Finanzdesaster zu einer globalen Krise mit verheerenden Folgen für die reale Wirtschaft auswächst. „Die Banken verleihen weniger Geld an die Unternehmen, und zwar weltweit. Das wird die Konjunktur stark belasten”, sagte Gustav Horn, Leiter des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung. Nach Einschätzung des Bundesfinanzministeriums handelt es sich bei der HRE um ein grundsolides Unternehmen. Das Problem sei allein der zusammengebrochene Interbanken-Markt, über den die Bank ihre Kredite refinanziere. Auch am Montag stiegen die Zinssätze im Interbankenmarkt deutlich an. Banken horten ihr Geld statt es zu verleihen, weil sie befürchten, weitere Kreditinstitute könnten bankrott gehen, was eine Rückzahlung des Kredits gefährdet. Die EU-Kommission hält die deutsche Staatsgarantie für Spareinlagen grundsätzlich mit EU-Recht für vereinbar. Laut Finanzministerium betrifft die Garantie alle Termin-, Spar- und Girokonten von Privatpersonen. SZ 07.10.2008 Erfolge für stille Genießer. SPD und CDU/CSU präsentieren sich in der Krise so geschlossen wie selten. Stefan Braun; Susanne Höll Politik Bericht BRD Seite 5 kA Erfolge für stille Genießer. SPD und CDU/CSU präsentieren sich in der Krise so geschlossen wie selten. Von Stefan Braun und Susanne Höll. Berlin – Verglichen mit früheren Treffen haben die Spitzen der großen Koalition bei ihrer Zusammenkunft am Sonntagabend in Berlin erstaunlich viele Entscheidungen in erstaunlich schneller Zeit gefällt. Das hat, wenn man den Beteiligten aller Seiten glaubt, vor allem einen Grund: die weltweite Finanzkrise, die selbst den Regierungspolitikern aus der ersten und zweiten Reihe den Atem raubt. Und vielleicht spielte auch noch der Zustand der arg gerupften CSU eine Rolle, jedenfalls ein wenig. Zwar waren die neuerlichen Bemühungen der Bundesregierung zur Rettung des Münchner Immobilenfinanziers Hypo Real Estate kein offizielles, sondern ein informelles Thema des Treffens. Doch ein SPD-Vertreter beschrieb die Lage am Tag darauf so: In Zeiten, in denen kein Mensch wisse, wie lange die Krise dauere und welche Folgen sie noch haben werde, könne man sich in der Koalition nicht über vergleichbar Nebensächliches streiten. Deshalb gab es, wie zu hören ist, auch keinen Streit, wenngleich die Debatten über die Familienförderung doch recht lange gedauert haben sollen. Dass der Krankenkassenbeitrag auf 15,5 Prozent steigen sollte, hatte man in der Regierungsspitze schon vergangene Woche vereinbart. Offen war noch die Senkung des Beitrags zur Arbeitslosenversicherung. Die SPD wollte 3,0, die Union 2,8 Prozent. Von den 3,0 Prozent, die von Juli 2010 an wieder gelten sollen, erfuhren die meisten Menschen erst am Montag. Am Sonntag hatte die Union stolz nur die von ihr verlangten 2,8 Prozent verkündet, übrigens ohne Widerspruch der SPD. Aber das war Teil der Vereinbarung: Jede Seite durfte Erfolge verbuchen. Die SPD erhielt die von ihr geforderten Kurse, in denen Arbeitslose einen Hauptschulabschluss nachholen dürfen. Und auch die Schulstarter-Programme für Kinder aus Familien, die vom Arbeitslosengeld II leben. Gegen Letzteres, so jedenfalls berichten SPD-Unterhändler, habe sich auch Kanzlerin Angela Merkel länger gewehrt – um dann doch nachzugeben. Die Union erhielt dafür die Kindergelderhöhung und den – wenn auch sehr beschränkten – Einsatz der Bundeswehr im Innern. Als ausgesprochen erbaulich empfanden Sozialdemokraten auch das, wie sie sagen, moderate Auftreten der beiden Christsozialen. Der Noch-Vorsitzende Erwin Huber sei gut gelaunt gewesen, und wie Landesgruppenchef Peter Ramsauer „nicht besonders lautstark”. Nun weiß man natürlich nicht genau, was da jeden einzelnen so bewegt hat an diesem Abend. Auf CSU-Seite aber wird am Tag danach festgehalten, wie viel angenehmer der neue mächtige Mann in der SPD, Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier, gesprochen und gehandelt habe. Insbesondere sein Verweis, er halte eine stärkere Förderung der Betreuung von Kindern auch zu Hause in der Familie für richtig, löste bei den Christsozialen aus Bayern erst Erstaunen aus und dann leise Zufriedenheit. So was, heißt es, wäre bei Kurt Beck unmöglich gewesen. Genugtuung machte sich zudem insbesondere bei demjenigen breit, der in der vergangenen Woche seine wohl schwärzesten Tage erlebt hat: Noch-CSU-Chef Erwin Huber. Er präsentierte sich am Montag nach seinem vielleicht letzten Koalitionsausschuss erschöpft, aber wie ein später Sieger. Mit dem „großen Paket”, einer Entlastung der Bürger in Höhe von bald zwölf Milliarden Euro, sei gekommen, was er stets gefordert habe: Mehr netto vom brutto. Dass da auch eine gehörige Portion Selbstbetrug mit dabei war, störte ihn wenig. „Sie werden verstehen, dass ich das Beschlossene mit Befriedigung zur Kenntnis nehme.” Gemeint ist vor allem die steuerliche Absetzbarkeit von Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträgen. Allein das, so Huber, bringe den Menschen vom 1. Januar 2010 an neun Milliarden Entlastung, für ihn laute das Ergebnis: „Ein Anstoß, den wir gegeben haben, hat in etwas anderer Form jetzt gegriffen.” So kann man das auch sagen. Aber nur, wenn man quasi verschluckt, dass diese Entscheidung nicht der Ideenkraft der Koalition geschuldet ist, sondern vom Bundesverfassungsgericht vorgeschrieben wurde. Andere in der Union gehörten am Montag eher zu den stillen Genießern, Fraktionschef Volker Kauder zum Beispiel oder auch Kanzleramtschef Thomas de Maizière. Tatsächlich konnte vor allem letzterer diesmal viele Dinge geräuschlos vorbereiten. Insbesondere mit Arbeitsminister Olaf Scholz wurde die lange Liste der geplanten Beschlüsse still und leise abgestimmt, während die Medien über CSU-Debakel und Finanzkrise berichteten. „Nicht, dass wir uns über die Krisen gefreut hätten”, sagt einer der Arbeiter im Hintergrund, „aber es hat uns schon geholfen, dass die öffentliche Aufmerksamkeit auf anderes gelenkt war.” „Angesichts der Finanzkrise kann die Koalition nicht über Nebensächliches streiten.” Ein Teilnehmer der Koalitionsrunde. SZ 08.10.2008 Gemeinsame Sache. Sparkassen und Volksbanken in Frankreich vor Fusion. Michael Kläsgen Geld Bericht Frankreich Seite 30 kA Gemeinsame Sache. Sparkassen und Volksbanken in Frankreich vor Fusion. Von Michael Kläsgen. Paris – Nicolas Sarkozy hatte sämtliche Banken- und Versicherungschefs am Montagabend noch einmal einberufen, das zweite Mal innerhalb von sieben Tagen. Frankreichs Präsident sprudelt in der Finanzkrise vor Aktionismus. Nun dürfte alles rasch gehen. Schon an diesem Mittwoch werden, so melden übereinstimmend verschiedene Quellen, die beiden größten Vermögensverwalter des Landes, die Sparkassen und Volksbanken, ihre Fusion verkünden. Schon vor zwei Jahren hatten die Caisses d’Epargne und die Banques Populaires gemeinsame Sache gemacht, doch das wurde ihnen zum Verhängnis. Die vermeintlichen Langweilerbanken wollten auch mal ein großes Rad drehen und gründeten die gemeinsame Investmentgesellschaft Natixis. Die verzockte sich aufs Schwindelerregendste am amerikanischen Hypothekenmarkt und deckte sich fleißig mit faulen Krediten ein. Ganz so schlimm wie bei der „dümmsten Bank Deutschlands” IKB ist es aber auch wieder nicht gelaufen. Trotzdem musste der Staat Milliarden nachschießen, um einen Bankrott zu verhindern. Der Kurs der Natixis-Aktie fiel ungeachtet dessen seit Anfang des Jahres um 80 Prozent. An den „Schwarzen Montagen” wurde er besonders hart abgestraft. Das gleiche Debakel erlebte die Immobiliengesellschaft der Gruppe, Nexity: minus 80 Prozent. Wenig überraschend sollen nun Köpfe rollen bei Natixis. Sarkozy wird vermutlich Vertraute einsetzen. Das hat er auch bei Dexia so getan, der belgischen Bank, die Frankreich nun zu 25 Prozent gehört. Und noch weniger überrascht, dass die Strategie geändert wird. Leider etwas spät. An diesem Mittwoch jedenfalls treffen sich die Geschäftsführungen der Banken. Direkt danach soll Frankreichs Notenbankchef Christian Noyer die Fusion abnicken. Anvisiert wird eine Doppelstruktur mit gemeinsamer Holding wie bei PSA Peugeot Citroën. Beschleunigt hat die Fusion ein ganz anderes Ereignis: der Kauf von Fortis durch den französischen Branchenprimus BNP Paribas am Sonntagabend. BNP will sich in der Vermögensverwaltung ausbreiten und darf wie andere Privatbanken vom kommenden Jahr an des Franzosen liebste Geldanlage vertreiben: ein bis 16 300 Euro mit vier Prozent steuerfrei verzinstes Sparbuch. Das war bisher den Genossenschaftsbanken vorbehalten. Die sollen jetzt fusionieren, um gestärkt aus der Krise hervorzugehen. SZ 08.10.2008 Autobauer drosseln die Produktion Kunden halten sich aus Angst vor dem Abschwung zurück. Auch SAP leidet unter der Finanzkrise. Karl-Heinz Büschemann Wirtschaft Bericht global Seite 25 kA Autobauer drosseln die Produktion Kunden halten sich aus Angst vor dem Abschwung zurück. Auch SAP leidet unter der Finanzkrise. Von Karl-Heinz Büschemann. München – Die globale Finanzkrise hat inzwischen gravierende Auswirkungen auf die reale Wirtschaft in Deutschland und Europa. Einige Autohersteller setzen weniger ab und drosseln deswegen die Produktion. „Die Finanzkrise führt dazu, dass die Menschen in Europa sich beim Autokauf zurückhalten”, sagte ein Sprecher von Opel. Der Walldorfer Software-Hersteller SAP, der weltweit große Unternehmen mit seinen Computerprogrammen versorgt, erlebte in den zurückliegenden Wochen einen drastischen Nachfragerückgang. Die Entwicklung an den Finanzmärkten habe im September zu einer „schlagartigen Verschlechterung des Marktes” geführt, teilte Unternehmenschef Henning Kagermann mit. Der Kurs der SAP-Aktie brach daraufhin ein. Besonders drastisch bekommt die Autoindustrie die Krise zu spüren. Opel, die deutsche Tochter des US-Autokonzerns General Motors (GM), will das Werk in Bochum mit 5000 Beschäftigten und die Fabrik in Eisenach, in der 1800 Menschen arbeiten, für zwei bis drei Wochen stilllegen. Damit soll die Jahresproduktion um etwa 40 000 Fahrzeuge gesenkt werden. Auch in GM-Werken in Polen, England, Spanien und Belgien soll zeitweise die Arbeit eingestellt werden. Ford will in Deutschland die Fertigung „leicht” reduzieren. Innovationen zurückgestellt. BMW will seine Produktion in Leipzig Ende Oktober für vier Tage einstellen. Auch in anderen Fabriken soll die Produktion zeitweilig ruhen. Nach Angaben eines Konzernsprechers will BMW in diesem Jahr etwa 20 000 bis 25 000 Autos weniger produzieren. Dazu sagt Unternehmenschef Norbert Reithofer: „2009 wird für die Industrie schwierig. Vor Mitte des Jahres wird es keine Erholung geben.” VW bremst angesichts der unsicheren Lage auf den Finanzmärkten die Pläne zum Bau neuer Fabriken. „Weitere Ausbaustufen werden wir hinten anstellen, bis wir eine Verbesserung der Lage haben”, sagte der Finanzchef des Konzerns. Die Rahmenbedingungen hätten sich „erheblich verschlechtert”. Die tschechisch VW-Tochter Skoda will die Produktion einschränken und in diesem Jahr 13 000 Fahrzeuge weniger bauen als geplant. Der Sportwagenhersteller Porsche bekommt die Finanzkrise ebenfalls zu spüren. „Auch wir können uns nicht gegen die Weltwirtschaft stemmen”, räumt der Porsche-Chef Wendelin Wiedeking ein. Bei Mercedes greifen die Käufer bevorzugt zu kleineren Modellen. Das Stuttgarter Unternehmen teilte mit, der Absatz der Marken Mercedes, Smart, AMG und Maybach sei im September um zwei Prozent gefallen. Allgemein sieht die Industrie harten Zeiten entgegen. „Die Aussichten für die Industrieproduktion bleiben in den kommenden Monaten gedämpft”, hieß es im Bundeswirtschaftsministerium. SZ 08.10.2008 Im Sog der Krise. Stahlkonzerne stehen seit Monaten an den Börsen unter Druck. Hans-Willy Bein Wirtschaft Bericht global Seite 27 kA Im Sog der Krise. Stahlkonzerne stehen seit Monaten an den Börsen unter Druck. Von Hans-Willy Bein. Washington – Die Finanzkrise erfasst inzwischen auch die Stahlindustrie. Nach der Talfahrt der Stahlaktien zum Wochenbeginn haben sich die Börsenwerte der Konzerne seit dem Frühsommer mehr als halbiert. Die Börse macht dabei keinen Unterschied zwischen einzelnen Unternehmen. Betroffen sind Aktien des Weltmarktführers Arcelor-Mittal ebenso wie die der größten deutschen Branchenkonzerne Thyssen-Krupp und Salzgitter. Einen Grund für die Panikverkäufe gibt es nicht. „Die Fundamentaldaten der Stahlbranche wie Auftragseingänge, Auslastung und Stahlbedarf sind nach wie vor intakt”, sagt Hans-Jürgen Kerkhoff, der Präsident der deutschen Wirtschaftsvereinigung Stahl. Trotzdem nehme die Unsicherheit in der Branche rasant zu, räumte Arcelor-Mittal-Chef Lakshmi Mittal bei der Weltstahlkonferenz in Washington ein. Die große Verunsicherung zeigt sich schon daran, dass der Weltstahlverband unter seinem neu gewählten Vorsitzenden Mittal erstmals keine Zukunftsprognose für die Geschäftsentwicklung im kommenden Jahr abgibt. Zu unterschiedlich waren die Meinungen der 15 Vorstände der größten Stahlkonzerne der Welt über den Einfluss der Finanzkrise auf die Konjunktur. Im Frühsommer waren die Konzernchefs noch von einer Zunahme des weltweiten Stahlbedarfs im kommenden Jahr von 5,2 Prozent ausgegangen. Das gilt vielen heute als zu optimistisch. Einen globalen Einbruch der Nachfrage erwartet aber auch niemand. Die Branche werde 2009 und in den nächsten Jahren weiter expandieren, sagte Guillermo Vogel, der Vizepräsident der mexikanischen Tenaris als Sprecher des Weltstahlverbandes. Die Zuwachsraten der Stahlnachfrage würden dabei das allgemeine Wirtschaftswachstum übertreffen. Im historischen Vergleich dürfte die Weltstahlnachfrage hoch bleiben, meint auch der deutsche Verbandspräsident Kerkhoff. In Deutschland hätten die Werke ihre Walzstahllieferungen in den ersten sechs Monaten 2008 nochmals um sechs Prozent gesteigert. Gleichzeitig seien in dieser Zeit um zwölf Prozent mehr Aufträge hereingeholt worden. Hütten und Werke seien damit bis weit in das Jahr 2009 hinein gut ausgelastet. Die deutschen und europäischen Stahlkonzerne haben den Boom der vergangenen Jahre nach den Worten von Kerkhoff dazu genutzt, um sich „wetterfest” zu machen gegen ein Branchentief. Trotz der Vollauslastung von Hütten und Werken wurde kaum zusätzliches Personal eingestellt, Produktionsabläufe wurden straffer und effizienter organisiert. Anders als in Europa „kippt” der Stahlmarkt nach Einschätzung von Thyssen-Krupp-Chef Karl-Ulrich Köhler in den USA und anderen Regionen aber ab. Von den USA sei die Finanzkrise ausgegangen und so sei auch die Realwirtschaft hier schneller vom Abschwung erfasst worden als in anderen Regionen, räumte John Surma ein, der Chef des größten amerikanischen Stahlproduzenten US Steel. Falls nötig, werde sein Unternehmen aber mit einer Kürzung der Produktion gegensteuern. Arcelor-Mittal hatte bereits erklärt, lieber die Produktion zurückzufahren, als Preiseinbrüche hinzunehmen. Der größte russische Stahlkonzern Severstal bekräftigte in Washington aber seine Wachstumsstrategie für den US-Markt. Dabei lasse man sich von kurzfristigen „Aufs und Abs” nicht beeinflussen, sagte Severstal-Chef Alexey Mordashov. Man werde innerhalb des 2004 gestarteten Investitionsplans sechs Milliarden Dollar für die Expansion in Amerika ausgeben. Unabhängig von der Finanzkrise werden nach Einschätzung der Experten für die Infrastruktur in Schwellenländern oder der Befriedigung des Energiehungers etwa für Öl- und Gaspipelines weiterhin gewaltige Mengen Stahl benötigt. Allein der zusätzliche Bedarf für den Aufbau der Erdbebenregion im chinesischen Sichuan wird von der Bank Credit Suisse auf 37 Millionen Tonnen geschätzt, annähernd drei Viertel der gesamten deutschen Rohstahlproduktion. Gleichwohl drängt China gerade in den vergangenen beiden Monaten mit großen Mengen Stahl auf die Auslandsmärkte und sorgt damit für wachsenden Preisdruck und zusätzliche Unsicherheit. Trotz guter Auftragslage nimmt die Unsicherheit in der Stahlbranche zu. Im Bild ein Werk von Arcelor-Mittal in Brasilien. SZ 08.10.2008 Finanzkrise ohne Ende: Wie es bei verschiedenen Geldanlagen weitergeht. Immer wieder sonntags. Die neue Angst der Anleger vor dem Wochenende. Börsen bleiben auch in nächster Zeit unberechenbar. Markus Zydra Geld Bericht BRD Seite 24 Finanzkrise ohne Ende Finanzkrise ohne Ende: Wie es bei verschiedenen Geldanlagen weitergeht. Immer wieder sonntags. Die neue Angst der Anleger vor dem Wochenende. Börsen bleiben auch in nächster Zeit unberechenbar. Von Markus Zydra. Frankfurt – Soweit ist es schon gekommen. An den Börsen herrscht Panik vor dem nächsten Wochenende. Samstag und Sonntag sind in Verruf geraten. Genau an diesen beiden börsenfreien Tagen hat sich im letzten Monat immer wieder Dramatisches ereignet: Banken gingen pleite, Rettungspläne wurden geschmiedet und besorgte Bürger mit Staatsgarantien beruhigt. Die Aktienmärkte hatten dann immer fünf Tage Zeit, um neue Hiobsbotschaften zu verdauen. Wir leben in außergewöhnlichen Zeiten, und in drei Tagen ist wieder Samstag. Prognosen zur Aktienmarktentwicklung sind in diesem Umfeld mehr als gewagt. Mancher beweist den dafür nötigen Mut. „Viele Aktien sind mittlerweile sehr günstig geworden”, sagt John Carey, Manager des US-Pioneer-Fonds. „Wer langfristig denkt und Geduld hat, der kann gutes Geld verdienen, wenn er jetzt kauft”, sagt Carey, der diesen Fonds seit über 20 Jahren verantwortet und in seiner langen Karriere schon einige Krisen erlebt hat. Man ist geneigt, gerade solchen erfahrenen Investoren wie Carey zu glauben, dennoch wirkt es intuitiv bizarr, gerade jetzt, in der größten Panik, Aktien zu kaufen und sie geduldig zu halten – auch wenn es zu weiteren Kursverlusten kommt. Solche Geduld setzt starke Nerven beim Anleger voraus, und die sind schwer zu behalten. Jeder Tag bringt neues Ungemach: Am Dienstag benötigten in Großbritannien und Island angeschlagene Banken erneut Hilfe. Die EU-Finanzminister erklärten unterdessen in Brüssel, dass die EU alle „systemrelevanten Finanzinstitute” stützen werde. Doch auch diese Erklärung löste keine Erleichterung aus. Die Aktienkurse von Commerzbank und Deutsche Bank fielen auch am Dienstag – die Krise scheint noch längst nicht ausgestanden. Der Finanzsektor, so prophezeit Carey, steht erst noch vor einer gewaltigen Neuordnung und Konsolidierung. Somit gilt es als sicher, dass die nächsten Wochen weiter unruhig bleiben. Die Frage ist, wieviel vom Börsenabschwung der Markt hinter sich hat, der nun seit 15 Monaten abwärts geht. „Der Deutsche Aktienindex Dax ist schon von 8000 auf 5300 Punkte gefallen”, sagt Martin Weber, Professor für Finanzwirtschaft an den Universität Mannheim. Zudem seien die staatlichen Rettungsmaßnahmen massiv. „Auch wenn es eine Phase voller Leid ist, ich würde meine Aktienfonds jetzt nicht verkaufen, vorausgesetzt der Anleger denkt langfristig”, sagt Weber. Der Begriff langfristig ist nicht klar definiert, man geht von einem Investmenthorizont von mindestens fünf Jahren aus. Wer sein Geld deutlich früher braucht, der sollte allerdings verkaufen. „Ein älterer Anleger, der 80 000 Euro in einem Aktienfonds hält und sich mit dem Betrag im nächsten Monat einen Platz im Seniorenheim sichern will, der sollte natürlich verkaufen”, empfiehlt Weber. Ansonsten ginge der Anleger für diesen kurzen Zeitraum ein viel zu hohes Marktrisiko ein. Allerdings gibt es auch Experten, die einen völligen Rückzug aus dem Aktienmarkt empfehlen, weil sie einen weiteren starken Einbruch an den Börsen erwarten. „Im Moment rate ich, alles Vermögen in Form von Bargeld abzusichern”, sagt der Frankfurter Börsenhändler Dirk Müller. Anleger sollten sich folgende Frage stellen: „Würde ich meine Aktien heute wieder kaufen oder nicht?” Laute die Antwort ja, so Müller, dann könne man die Papiere halten, ansonsten aber verkaufen und das Bargeld horten. Tages- oder Festgeldkonten gelten nunmehr als sichere Angelegenheit, schließlich hat die deutsche Bundesregierung am Sonntag eine Staatsgarantie für private Spareinlagen in unbegrenzter Höhe gegeben. Analysten der US-Bank Morgan Stanley gehen davon aus, dass die staatlichen Interventionen noch aggressiver ausfallen werden. Das würde den Kreditmarkt stabilisieren und gehandelte Bankanleihen attraktiver machen. In der Folge sei mit deutlichen Kurssteigerungen von Anleihen guter Bonität zu rechnen. Diese unterschiedlichen Tipps der Experten zeigen, wie schwer es ist, derzeit die richtige Entscheidung zu treffen. Pauschale Antworten gibt’s nicht – nach dem nächsten Wochenende wissen wir mehr. Dienstag, 10.23 Uhr in der Frankfurter Börse: Der Deutsche Aktienindex (Dax) erreicht den tiefsten Stand des Tages, der gleichzeitig der tiefste Stand seit zwei Jahren ist. Später erholte sich das Börsenbarometer leicht. SZ 08.10.2008 „Wenn der Staat hilft, muss es sehr weh tun”. Der ehemalige schwedische Minister Bo Lundgren über die Bankenkrise des Landes Anfang der neunziger Jahres und ihre Lösung. Gunnar Herrmann Geld Interview Schweden; USA Seite 22 kA „Wenn der Staat hilft, muss es sehr weh tun”. Der ehemalige schwedische Minister Bo Lundgren über die Bankenkrise des Landes Anfang der neunziger Jahres und ihre Lösung. Bo Lundgren, 61, war Anfang der 90er Jahre Steuerminister der liberalkonservativen Regierung Schwedens unter Ministerpräsident Carl Bildt. Die Banken des Landes befanden sich damals in einer tiefen Krise, Pleiten drohten. Lundgrens erste Aufgabe war die Sanierung der maroden Geldinstitute. Die Rettungsaktion der Regierung Bildt gilt als Beispiel für einen gelungenen staatlichen Eingriff ins Finanzsystem und wird derzeit auch in den Vereinigten Staaten immer wieder als Vorbild genannt. Lundgren ist heute Chef der Behörde Riksgälden, sie verwaltet Schwedens Staatsschulden. SZ: Herr Lundgren, wie kam es zu der Finanzkrise Anfang der 90er Jahre? Lundgren: Wir hatten früher in Schweden strenge Regeln für die Kreditvergabe. Die wurden 1985 aufgehoben, und die Banken verliehen sehr viel Geld, besonders für den Kauf von Immobilien. Als die Spekulationsblase platzte, fielen die Preise für Häuser und Grundstücke mancherorts um 50 Prozent. Da die Banken Immobilien als Sicherheiten für ihre Kredite genommen hatten, machten sie bald große Verluste. Als Erste war die staatliche Nordbank betroffen. SZ: Wann erkannten Sie, dass die Krise die gesamte Branche betrifft? Lundgren: Wir gewannen im Herbst 1991 die Wahl. Mein erster Arbeitstag als Minister war ein Freitag, am Montag wurde mir mitgeteilt, dass Första Föreningssparbanken, eine Art Sparkasse, vor dem Konkurs steht. Diese Bank durfte nicht fallen. Zum einen wegen der vielen Kunden. Zum anderen, weil sie viel Geld im Ausland geliehen hatte. Bei einem Konkurs hätten ausländische Investoren Angst vor Schweden bekommen. Mit Hilfe anderer Sparkassen konnten wir das Problem zunächst lösen. Im Sommer verschärfte dann eine Währungskrise die Situation, und im September 1992 kamen die Eigentümer der privaten Gotabank zu uns und sagten: „Die Gotabank ist keine Bank mehr.” Die hatten mehr als ein Drittel ihrer Kredite verloren. Völlig bizarr, eigentlich. SZ: Retteten Sie die Gotabank? Lundgren: Wir garantierten allen Gläubigern, dass ihr Geld sicher ist. Aber die Sache begann, das System zu destabilisieren. Keiner wagte mehr, Kredite zu geben – ähnlich wie heute. Die Regierung sprach darum auch eine Garantie für alle anderen Banken aus. Wir schützten das Kapital der Gläubiger und Kunden, aber nicht das der Bankaktionäre. Wir boten an, bei vorübergehenden Engpässen mit staatlichen Garantien zu helfen. Für die berechneten wir eine Gebühr. Aber wenn eine Bank Geld von uns brauchte, sagten wir den Aktionären: Wenn ihr vom Staat Kapital bekommt, wird er dafür den entsprechenden Einfluss im Unternehmen verlangen. Bei der Gotabank machten wir das so. SZ: Der Staat verhielt sich ... Lundgren: ... wie jeder andere Kapitalist. Aber er war eben der einzige Kapitalist, der es überhaupt noch wagte, in die Bank zu investieren. Die Übernahme war unsere einzige Möglichkeit, die Kosten für den Steuerzahler auf lange Sicht möglichst niedrig zu halten. SZ: Was machten Sie mit den Banken? Lundgren: Sowohl für die Nordbank als auch für Gotabank bildeten wir eigene Abwicklungsunternehmen. Die hießen Securum und Retriva. Diese Unternehmen bekamen die schlechten Kredite, ein Startkapital und einige Jahre Zeit, um so viel von den Krediten zurückzuholen wie möglich. Die waren geschickt – am Ende bekam der Staat sogar etwas Geld raus. Die gesunden Teile der Gotabank und der Nordbank wurden fusioniert und heißen heute Nordea, 20 Prozent gehören immer noch dem Staat. SZ: Andere benötigten keine Hilfe? Lundgren: Es baten einige um Unterstützung. Die Föreningssparbank – Vorläufer der Swedbank – bekam eine Garantie, die sie aber nie benötigte. Die interessantesten Verhandlungen hatten wir mit den Eigentümern der SEB. Die dachten, dass der Staat ihnen einfach so mit Geld hilft – ohne Einfluss zu verlangen. SZ: Wie reagierten Sie? Lundgren: Wir haben schnell ein Gesetz erlassen, das es dem Staat erlaubte, eine Bank auch gegen den Willen der Aktionäre zu übernehmen, wenn sie nicht mehr über die vorgeschriebene Kapitaldeckung verfügt. SZ: Heißt Zwangsübernahme? Lundgren: Ich bin zwar Marktliberaler, aber ich meine: Wenn der Staat eingreift, dann hart und gerecht. Das Gesetz führte jedenfalls dazu, dass die SEB-Spitze begriff, wie ernst wir es meinten. Zum Glück ging es wirtschaftlich zu diesem Zeitpunkt gerade wieder aufwärts. Und den Aktionären – vor allem der Familie Wallenberg – gelang es aus eigener Kraft, das nötige Kapital zu beschaffen, um die Bank zu retten. Wären wir bei der SEB eingestiegen, hätten wir das Gleiche mit ihr gemacht wie mit den beiden anderen Banken. SZ: Wenn der Staat hilft, muss es also ein bisschen weh tun? Lundgren: Es muss sogar sehr weh tun! In der Gotabank und der Nordbank feuerten wir die gesamte Führungsriege. Die hatten gute Fallschirme, aber letztlich haben sie nur zwei Jahresgehälter Entlassungsprämie bekommen statt der eigentlich vorgesehenen fünf. Denn wir haben uns das Geld später als Schadenersatz zurückgeholt. SZ: Was halten Sie von der Rettungsaktion der US-Regierung? Lundgren: In der ersten Version des Rettungspaketes hieß es, der Staat kann Vermögenswerte übernehmen, die stark an Wert verloren haben, etwa faule Kredite. Das bedeutet doch: Wenn etwas vor der Krise 100 wert war und jetzt nur noch 20, dann muss der Staat immer noch 60 bis 70 dafür bezahlen, damit sein Eingreifen etwas nützt. SZ: Was haben die Aktionäre davon? Lundgren: Nun, es geht ihnen sicher schlechter als vor der Krise. Aber es geht ihnen viel besser, als wenn der Staat die Bank übernommen hätte. Besser hätte ich gefunden, wenn der Staat sagt: Wir helfen euch, aber wir wollen dafür entsprechende Anteile an eurer Bank. In dem neuen Paket der US-Regierung gibt es nun zumindest die Möglichkeit, so etwas zu tun. Das ist eine Verbesserung. SZ: Kann man das Schweden damals mit den heutigen USA vergleichen? Lundgren: Die Probleme in den USA sind komplexer und größer. Aber es gibt grundlegende Gemeinsamkeiten. In jeder Finanzkrise sind zwei Dinge wichtig, um sie zu meistern. Erstens: das Vertrauen in die Banken muss wieder hergestellt werden. Zweitens muss man sicherstellen, dass verlorenes Kapital ersetzt wird, damit Unternehmen und Haushalte wieder Kredite bekommen können. Nach meiner Erfahrung ist es unerhört wichtig, dass die Aktionäre zuerst bezahlen, dass es kein leichtes Geld gibt. Dann muss der Staat nicht so stark eingreifen, denn man setzt den privaten Sektor unter Druck, damit er sich selbst hilft. Interview: Gunnar Herrmann Bo Lundgren weiß, wie man eine Bankenkrise löst. SZ 08.10.2008 Finanzkrise ohne Ende: Neue Institute in Not, eine alte Lösung aus Schweden und ein lang erwarteter Abgang. Britische Regierung schnürt Rettungspaket. Sorgen um die Royal Bank of Scotland und andere Geldhäuser. Deutsche Bank weist Gerüchte über Kapitalerhöhung zurück. Martin Hesse; Andreas Oldag Geld Bericht GB Seite 22 Finanzkrise ohne Ende Finanzkrise ohne Ende: Neue Institute in Not, eine alte Lösung aus Schweden und ein lang erwarteter Abgang. Britische Regierung schnürt Rettungspaket. Sorgen um die Royal Bank of Scotland und andere Geldhäuser. Deutsche Bank weist Gerüchte über Kapitalerhöhung zurück. Von Martin Hesse und Andreas Oldag. Frankfurt/London – Angesichts der dramatischen Entwicklung der internationalen Finanzmarktkrise hat der britische Finanzminister Alistair Darling ein Rettungspaket für die Banken des Landes angekündigt. Er werde vor Börseneröffnung an diesem Mittwoch Einzelheiten mitteilen, sagte Darling am Dienstagabend nach einem Krisentreffen in der Downing Street mit Premierminister Gordon Brown, dem Notenbankchef Mervyn King und dem Vorsitzenden der Finanzaufsichtsbehörde, Adair Turner. Es gehe darum, „das Bankensystem langfristig auf eine gesunde Grundlage zu stellen”, sagte Darling dem britischen Sender BBC. Nach BBC-Informationen soll zunächst eine sofortige Finanzspritze in Höhe von etwa 50 Milliarden Pfund (64,2 Milliarden Euro) zur Stabilisierung des Bankensystems beitragen. Außerdem sollen die größten Banken des Landes Zugriff auf einen Beistandsfonds haben, um den normalen Ablauf ihrer Tagesgeschäfte zu sichern. Kreditwürdigkeit schwindet. Die britische Regierung war in den vergangenen Tagen immer mehr unter Druck geraten nachdem die Aktien britischer Großbanken stark an Wert eingebüßt hatten. Der Kurs der Royal Bank of Scotland (RBS), eines der größten Kreditinstitute Europas, brach am Dienstag um fast 40 Prozent auf 90 Pence ein auf den niedrigsten Stand seit 13 Jahren. Zuvor hatte die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) die Kreditwürdigkeit der Bank herabgestuft und gewarnt, ihre finanzielle Situation könne sich weiter verschlechtern. In Frankfurter und Londoner Finanzkreisen heißt es, RBS könne wegen der angespannten Situation am Interbankenmarkt Probleme bekommen, sich zu refinanzieren. RBS gilt im Vergleich zu den Konkurrenten Barclays, HSBC sowie dem neuen Bankenduo Lloyds TSB/HBOS als schwächstes Glied in der Kette. Neben der Finanzmarktkrise macht RBS die 71 Milliarden Euro teure Übernahme der niederländischen Bank ABN Amro zu schaffen. Die belgische Bank Fortis, die ABN gemeinsam mit RBS und der spanischen Santander übernommen hatte, war vergangene Woche zunächst teilweise verstaatlicht worden, ehe dann die französischen BNP Paribas große Teile des angeschlagenen Instituts übernahm. RBS gehört zu den größten Kreditgebern für Firmenübernahmen. Bis zum Ausbruch der Kreditkrise reichten die Banken solche Darlehen an Investoren weiter. Jetzt sitzen sie jedoch auf hohen Krediten, die sie zum Teil abschreiben müssen, weil sie am Markt weniger wert sind. Noch im Juli hatte RBS federführend die Übernahme des Autozulieferers Continental durch die Schaeffler-Gruppe finanziert. In Bankenkreisen heißt es jedoch, RBS habe Ende September sehr gezögert, neue Kredite für den Kaufhauskonzern Arcandor zur Verfügung zu stellen. Seitdem mehren sich Spekulationen um die Zukunft der Bank. Der Kurssturz von RBS riss am Dienstag auch andere Großbanken in ganz Europa mit. Barclays dementierte, die Regierung um Finanzhilfen gebeten zu haben, Konkurrent HBOS tat dies Kreisen zufolge ebenso. RBS-Chef Fred Goodwin ließ wissen, die Aussichten für das kommende Jahr seien zwar eine Herausforderung. Die Bank habe aber die operative Stärke, um diesen entgegen zu treten. Die Deutsche Bank wurde zudem von Gerüchten belastet, sie arbeite an einer Kapitalerhöhung. Der Konzern dementierte dies umgehend und verwies darauf, die Bank habe Ende des Quartals eine Kernkapitalquote von etwa zehn Prozent. Das ist mehr als die eigene Zielspanne von acht bis neun Prozent. Dennoch verlor die Aktie zeitweise 15 Prozent, halbierte den Verlust aber im Handelsverlauf. Vor zwei Wochen hatte die Deutsche Bank ihr Kapital erhöht, um damit die Übernahme von knapp 30 Prozent an der Postbank zu finanzieren. Kunden an einem Geldautomaten der Royal Bank of Scotland in London. Ihr Aktienkurs brach am Dienstag ein und setzte auch andere Banktitel unter Druck. RBS braucht staatliche Hilfe. Es ist nicht das einzige Kreditinstitut auf der Insel, das in der Klemme steckt. SZ 08.10.2008 Bank of America im Strudel der Krise. kA Reuters Geld Meldung USA Seite 23 kA Bank of America im Strudel der Krise. New York – Die Kreditkrise hat nun auch eine der als unumstößlich geltenden Säulen der Finanzbranche mit sich gerissen: Die Geschäfte der Bank of America sind von der Zuspitzung der Turbulenzen stärker in Mitleidenschaft gezogen als befürchtet. Die größte US-Bank teilte zwei Wochen früher als erwartet mit, dass ihr Gewinn aufgrund „rezessionärer Bedingungen” im dritten Quartal um 68 Prozent auf 1,18 Milliarden Dollar geschrumpft ist. „Dies ist die schwierigste Zeit für Finanzinstitute, die ich während meiner 39 Jahre im Bankgeschäft erlebt habe”, sagte Bankchef Kenneth Lewis. Vor allem die Kreditkosten für die Übernahme von Countrywide Financial, des einst größten unabhängigen Hypothekengebers des Landes, und der Chicagoer LaSalle-Bank schmälerten den Gewinn. Die Finanzkrise hätte zu einer Belastung im Quartal von 1,8 Milliarden Dollar geführt, darunter auch 320 Millionen Dollar Abschreibungen für Aktien von Fannie Mae und Freddie Mac. Ein Ende sei nicht in Sicht, warnte das Institut. Die Lage auf den Kreditmärkten verschärfe sich weiter. „Dies war ein Quartal wie ein Sturm”, sagte Lewis. Mit einem Gewinn je Aktie von 15 Cent bleibt die Bank of America weit hinter den Erwartungen von Experten zurück, die um Sonderposten bereinigt mit 60 Cent je Aktie gerechnet hatten. Reuters. SZ 08.10.2008 Zahlen zählen nicht. Der deutsche Immobilienmarkt ist gesund – doch das Geld fehlt. Simone Gröneweg Geld Reportage BRD Seite 23 kA Zahlen zählen nicht. Der deutsche Immobilienmarkt ist gesund – doch das Geld fehlt. Von Simone Gröneweg. München – Diese Finanzkrise zieht weite Kreise. „Im schlimmsten Fall verliere ich meinen Job und einen Teil meines Vermögens”, sagt Andreas Quint. „Aber auch damit könnte ich leben”, ergänzt er. Heftige Worte von einem, der so viel erreicht hat. Der 48-Jährige ist Partner bei Catella in Deutschland, einem internationalen Immobilienberater. Gerade kümmert er sich um Kunden und Kontakte bei der Expo Real – einer der größten Messen für Gewerbeimmobilien in Europa. 1800 Aussteller aus 46 Ländern präsentieren sich in den Münchner Messehallen. Es ist die elfte Expo Real, doch diesmal ist die Stimmung anders als sonst. Zwar schieben sich wie in den Jahren zuvor die Massen an schicken Ständen vorbei. Es wird geplaudert, getrunken, diskutiert. Doch wer genauer hinhört, merkt: Die Krise ist allgegenwärtig. „Momentan werden kaum Immobilien gekauft. Die Banken geben kein Geld mehr”, erklärt Quint. 2007 war das anders. Der deutsche Immobilienmarkt boomte. Die Stimmung war grandios. Immobilien im Wert von etwa 60 Milliarden Euro wechselten die Besitzer. Und nun das: Der Markt ist gelähmt. Die Banken misstrauen sich gegenseitig. Und das Gestammel der Politiker beruhige auch nicht gerade, sagt Quint. Man müsse die Nerven bewahren. „Diese Krise dauert vielleicht länger als andere, aber sie wird auch zu Ende gehen.” Dabei könnte es bei den deutschen Büros gerade richtig schön laufen. „Wir haben hier keine Immobilienblase”, sagt Jürgen Michael Schick, Vizepräsident beim Immobilienverband Deutschland (IVD). Demonstrativ schiebt er die Mappe mit den Zahlen auf den Tisch, blättert, tippt mit dem Finger auf ein Papier: „Sehen Sie, hier. Die Nettokaltmieten sind um bis zu 4,5 Prozent gestiegen. Die Fundamentaldaten sind intakt. Der deutsche Immobilienmarkt ist gesund.” Es werde bloß nicht mehr finanziert, klagt er. In den Vorjahren schien alles prima zu laufen. Es gab Geld im Überfluss. „Wir haben gestaunt, und es nicht richtig verstanden. Es wurden Kredite verbrieft und weiter verkauft. Irgendwann hatte man den Überblick verloren”, sagt Peter Rösler, Deutschland-Chef des Immobilienberaters Atisreal. Ein anderer Messebesucher staunt noch heute: „Manche haben drei Gebäude besichtigt und insgesamt zehn gekauft. Einfach so.” Und wer trägt die Schuld an dem Desaster? Der frühere Notenbankchef der USA hätte mit jahrelangen Zinssenkungen für den Schlamassel gesorgt, meint Schick. Nun stecken einige mittendrin – zum Beispiel die Hypo Real Estate (HRE). Auch sie hat einen Stand auf der Expo Real. Am Montagmorgen war man gegenüber – dort sitzen die Angestellten der LEG, eine der größten Immobilienfirmen Deutschlands – gespannt, ob überhaupt jemand kommt. „Nun sind sie da”, sagt LEG-Sprecher Jens Schönhorst. Er zeigt mit dem Kopf zur HRE. Über Nacht war der klamme Konzern gerettet worden. Etwa 50 Milliarden Euro streckten der deutsche Staat und andere Banken vor. Nun tummeln sich vor allem neugierige Journalisten am Stand des Pleite-Kandidaten. Kellner und Kellnerinnen im weißen Dress lächeln und bieten Getränke an, als sei nichts geschehen. Das normale Geschäft soll die Angst vorm Absturz überdecken. Keiner mag jedoch ausschließen, dass weitere Firmen ins Trudeln kommen. „Wer weiß, wer im nächsten Jahr noch dabei ist?”, sagt einer. Der LEG-Sprecher Schönhorst zeigt auf einen Platz ein paar Meter entfernt von ihm: „Sehen Sie die Lücke? Das ist eine total begehrte Halle hier.” Wer da wohl hin wollte, überlegt er. Es gibt aber auch Lichtblicke – oder besser gesagt Profiteure: die offenen Immobilienfonds. Vor drei Jahren bezweifelten manche ihre Daseinsberechtigung. Anleger hatten ihr Erspartes massenweise abgezogen. Die Deutsche Bank ließ einen Fonds zeitweise sperren. Das Geld der Sparer steckte fest, das Geschrei war groß. Und heute: Fast sechs Milliarden Euro haben die Sparer in diesem Jahr an die Fonds überwiesen. Rösler betont: „Sie sind die einzigen, die noch im großen Stil Immobilien kaufen können. Denn Sie haben ja nun viel Eigenkapital.” Schick vom IVD kommentiert das Ganze so: „Freud und Leid liegen nun mal nahe beieinander.” Besucher der Immobilienmesse Expo Real in München. Wer genauer hinhört, merkt: Auch hier geht es um die Finanzkrise. Obwohl es dem deutschen Immobilienmarkt eigentlich gut geht. Foto: Rumpf SZ 08.10.2008 Finanzkrise ohne Ende: Wie teuer es für die Kreditinstitute noch wird. IWF: Banken haben 1,4 Billionen Dollar Verluste. Internationaler Währungsfonds fordert umfassende Rettungsmaßnahmen. Abschwung der Weltwirtschaft beschleunigt sich. Nikolaus Piper Geld Bericht global Seite 5 Finanzkrise ohne Ende Finanzkrise ohne Ende: Wie teuer es für die Kreditinstitute noch wird. IWF: Banken haben 1,4 Billionen Dollar Verluste. Internationaler Währungsfonds fordert umfassende Rettungsmaßnahmen. Abschwung der Weltwirtschaft beschleunigt sich. Von Nikolaus Piper. New York – Die Finanzkrise wird nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) zu Verlusten von weltweit 1,4 Billionen Dollar führen. Der IWF fordert von den Regierungen umfassende und systematische Rettungsaktionen für den Kreditsektor. Am Wochenende versammeln sich Finanzminister und Notenbankchefs aus der ganzen Welt zur IWF-Jahrestagung in Washington. In seinem neuesten Bericht zur globalen Finanzmarktstabilität hat der Fonds damit seine Verlustschätzung drastisch nach oben revidiert. Im April hatten die Experten in Washington noch mit 945 Milliarden Dollar gerechnet, was damals als Sensation galt. Von den nunmehr geschätzten 1,4 Billionen Dollar seien 55 Prozent bereits in den Büchern der Banken registriert, heißt es in dem Bericht. 640 Milliarden Dollar müssen vom Kreditsektor demnach noch verkraftet werden. Das Risiko bestehe, dass „unter Stressbedingungen” die Verluste noch höher ausfallen, schreibt der Fonds. Grund für die pessimistischeren Berechnungen der Experten in Washington ist die Beobachtung, dass sich die Krise weit über den Bereich der ursprünglich betroffenen zweitklassigen Hypotheken aus den Vereinigten Staaten („Subprime Loans”) ausgedehnt hat. So wird es nach den Schätzungen bei erstklassigen amerikanischen Hypotheken, bei Gewerbeimmobilien und bei normalen Firmenkrediten doppelt so hohe Ausfälle geben, wie noch vor einem Jahr erwartet. Die Finanzkrise wird, so der IWF, den Abschwung in der Weltwirtschaft verschärfen und deren Erholung verzögern. „Mehr noch: das Risiko einer noch ausgeprägteren negativen Rückkoppelung zwischen dem Finanzsektor und der übrigen Wirtschaft bleibt eine ernste Bedrohung”, heißt es. Die Krise könne sich jetzt auch verstärkt auf die Schwellenländer auswirken, die bisher von der Kreditklemme noch weitgehend verschont geblieben sind. Von den Regierungen verlangt der Fonds „international abgestimmte und entschlossene Maßnahmen, um das Vertrauen im globalen Finanzsystem wiederherzustellen”. Unter anderem sollten öffentliche Einrichtungen Kapital in bedrängte Kreditinstitute stecken, zweifelhafte Wertpapiere kaufen und die Versicherung von Spareinlagen ausdehnen. Indirekt stellt sich der IWF damit hinter das 700 Milliarden Dollar schwere Rettungspaket der amerikanischen Regierung und hinter die Notmaßnahmen, die die deutsche Bundesregierung im Zuge der Krise um die Hypo Real Estate ergriffen hat. Um die nötigen Kapitalreserven aufzubauen und mehr Kredite an die Privatwirtschaft vergeben zu können, benötigten die globalen Banken „in den nächsten Jahren” 675 Milliarden Dollar. Dabei müssten ihnen die Regierungen helfen. Wie viel die Krise die Steuerzahler weltweit kosten werde, hänge von den Maßnahmen ab, die die Politiker ergreifen. Wegen der anhaltenden Unsicherheit über die finanzielle Lage großer Banken in Europa und des drohenden Staatsbankrotts von Island blieb die Lage auf den Kreditmärkten extrem angespannt. Der Zinssatz, zu dem sich Banken in London gegenseitig über Nacht Geld leihen, stieg am Dienstag um 1,57 Punkte auf 3,94 Prozent, für Euro-Kredite lag der Satz bei 4,27 Prozent. Die im historischen Vergleich beispiellos hohen Zinsen sind Ausdruck des Misstrauens zwischen den Banken und der Zweifel, ob die Notmaßnahmen der Regierungen wirklich helfen. Die Kreditversorgung verteuert sich dadurch empfindlich. An den Weltbörsen beruhigte sich die Lage wieder etwas. Am Montag war es in Europa zum schwersten Einbruch der Aktienkurse seit 1987 gekommen. In New York stand der Dow-Jones-Index zeitweise mit 800 Punkten im Minus und schloss mit einem Verlust von 369 Punkten. Am Dienstag spekulierten die Börsenhändler auf weitere Notmaßnahmen der Regierungen. In New York rechneten einige Analysten mit einer koordinierten Zinssenkung durch die Europäische Zentralbank und die Federal Reserve in Washington. Bereits am Montag hatte die Fed ihren Kreditrahmen für den Bankensektor auf 900 Milliarden Dollar verdoppelt. Außerdem kündigte sie an, künftig Zinsen auf die Mindestreserven der Banken zu zahlen. Die australische Notenbank senkte am Dienstag ihren Leitzins. Notenbankchefs und Finanzminister aus aller Welt treffen sich am Wochenende zur Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds (IWF). Im Bild Flaggen im Foyer des Hauptgebäudes des IWF in Washington. SZ 08.10.2008 Finanzkrise ohne Ende: Der Aufstieg der alten Werte und der jungen Männer. Die Nichtigkeit irdischer Güter. „Wer nur auf Geld baut, der baut auf Sand”: Papst Benedikt XVI. wirbt in der Finanzkrise für Gott - und verdammt den Mammon. Stefan Ulrich Wirtschaft Reportage global Seite 20 kA Finanzkrise ohne Ende: Der Aufstieg der alten Werte und der jungen Männer. Die Nichtigkeit irdischer Güter. „Wer nur auf Geld baut, der baut auf Sand”: Papst Benedikt XVI. wirbt in der Finanzkrise für Gott - und verdammt den Mammon. Von Stefan Ulrich. Sein Reich ist auch von dieser Welt – in Gestalt des 44 Hektar großen Vatikanstaates. Dennoch pocht Papst Benedikt XVI. jetzt, im Angesicht der Finanzkrise, auf die Nichtigkeit irdischer Güter, insbesondere des maroden Mammons. „Wir sehen nun, beim Zusammenbruch der großen Banken, dass das Geld verschwindet, dass es nichts ist”, sagte der Pontifex am Sonntag bei der Eröffnung der Weltbischofssynode in Rom. „Wer nur auf die sichtbaren und fassbaren Dinge baut, auf den Erfolg, seine Karriere, sein Geld, der baut auf Sand.” Dies alles wirke so real, werde aber eines Tages verschwinden. Ein wahrer Realist sei daher, wer auf das Wort Gottes baue. Geld ist nichts wert – das klingt provokativ und radikal für das Oberhaupt einer Kirche, die in ihrer Geschichte so viel Geld verbrauchte, so viele Paläste erbauen und irdische Schätze anhäufen ließ. Benedikt aber kann sich direkt auf viele Stellen in der Bibel berufen, die sich mit Geld und Besitz beschäftigen. „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon”, sagt Jesus etwa, und: „Leichter kommt ein Kamel durch ein Nadelöhr hindurch als ein Reicher in das Reich Gottes hinein.” An anderer Stelle warnt er: „Auch mitten im Überfluss ist das Leben eines Menschen nicht durch seine Güter gesichert.” Das klingt, als habe Jesus an die Investmentbanker dieser Tage gedacht. Rothschild rettet die Kirche Diejenigen aber, die sich als seine Stellvertreter auf Erden fühlten, schlugen diese Worte oft in den Wind. Dass Rom heute so prachtvoll dasteht, mit seinen Kirchen und Palästen der Renaissance und des Barock, ist ein Beweis dafür. Andere Beweise liefern die prachtvollen Villen, die die Päpste oder ihre Kardinäle im Umland errichteten. Um das Geld für den Bau des Petersdoms aufzutreiben, ließen Päpste Ablassbriefe verkaufen und in Europa wie Wertpapiere handeln. „Seit der Barockzeit war die päpstliche Schuldenlast ins Unbezahlbare angewachsen, und in den Krisenzeiten des 19. Jahrhunderts hatte man sich nur durch Rothschild-Kredite über Wasser halten können”, schreibt der römische Kirchengeschichtler Fabrizio Rossi. Gleichzeitig gab es immer wieder Gegenbewegungen, aus dem Mönchstum etwa, die dem Götzen Geld den Rücken kehrten und Armut nicht nur predigten, sondern auch lebten. Moderne Päpste wie Johannes Paul II. und Benedikt XVI. ergriffen häufig die Gelegenheit, einen ungebremsten Kapitalismus zu geißeln. So kritisierte Johannes Paul einst in Havanna den „kapitalistischen Neoliberalismus” und eine Globalisierung, die den Menschen „blinden Marktgesetzen” unterwirft. Benedikt forderte beim Brasilienbesuch, die Globalisierung müsse von ethischen Prinzipien geleitet werden, und Profit dürfe nicht als oberster Wert gelten. Andererseits verloren die Päpste noch in der Moderne viel Geld durch fragwürdige Finanzgeschäfte ihrer Mitarbeiter. Der amerikanische Erzbischof Paul Casimir Marcinkus, von 1971 bis 1989 Chef der Vatikanbank IOR, vertraute bei Spekulationen auf zwei fragwürdige, später unter mysteriösen Umständen gestorbene Bankiers namens Michele Sindona und Roberto Calvi. Die Staatsanwaltschaft Mailand erließ 1987 Haftbefehl gegen den Erzbischof wegen „Beihilfe zum betrügerischen Bankrott”. Der Heilige Stuhl aber lieferte ihn nicht aus. Das Verhältnis der katholischen Kirche zum Geld, es wirkt also ambivalent. „Ohne Geld wäre das päpstliche Amt nicht zu bewerkstelligen”, schreibt etwa der Jesuit Thomas J. Reese in seinem Bestseller „Im Inneren des Vatikan”. Er verweist auf den Unterhalt der Kurie und des Kirchenstaates, auf päpstliche Hilfswerke und die Unterstützung für arme Ortskirchen. Die Einnahmequellen der Päpste aber sind begrenzt. Gewiss, es gibt einen Fundus aus den Lateran-Verträgen mit Italien aus dem Jahr 1929, als die Päpste für den Verlust ganz Mittelitaliens an den italienischen Nationalstaat eine Abfindung erhielten. Hinzu kommen heute Spenden wie der „Peterspfennig”, Zuwendungen reicher Diözesen oder die Einnahmen aus dem Verkauf von Münzen, also von Geld. Allein, es reicht nicht. Vergangenes Jahr gab der Vatikan 246 Millionen Euro aus, nahm aber nur 237 Millionen Euro ein – ein päpstliches Haushaltsloch. Auch dieses Jahr soll es nicht gut aussehen. Unbezahlbare Münzen „Als Petrus die Tempelsteuer nicht zahlen konnte, half Jesus mit einem Wunder nach. Seither beteten alle Päpste um ein Wunder, damit sie mit ihren Einkünften auskommen konnten”, meint der Jesuit Reese. In diesem Sinne dürfte auch für Benedikt Geld mehr bedeuten als nichts. Seine Kritik sollte also nicht wörtlich genommen werden. Nicht das Geld ist kritisierenswert, sondern eine Haltung, die im Geld Selbstzweck oder gar den höchsten Wert sieht. Als Mittel zum Zweck, zur Weiterentwicklung der Gesellschaft und für wohltätige Werke, erkennen die Päpste den Wert des Geldes. Benedikt dürfte die Finanzkrise nun als eine Möglichkeit sehen, sein Hauptthema wieder aufzugreifen: die Kritik an der leeren Gier und am Konsumismus in westlichen Gesellschaften. „Der Pontifex erinnert daran, dass die Ursache der Finanzkrise in der Scheidung zwischen Wirtschaft und Gemeinwohl liegt”, erläutert Stefano Zamagni von der Päpstlichen Akademie für Sozialwissenschaften. Nunmehr müssten sich Ethik und Wirtschaft dringend wieder vereinen. Die Realität beweise soeben, dass manche neoliberalen Lehren falsch seien. Ein Trost zum Schluss: Wenigstens das Geld der Päpste behauptet seinen Wert. Die ersten Euromünzen etwa, die der Vatikan im Jahr 2002 herausgab, sind heute fast unbezahlbar. Papst Benedikt XVI. bei der Eröffnung der Weltbischofssynode am Sonntag. SZ 08.10.2008 Bosse, Banken und Idioten. kA Kurt Kister Meinungsseite Kommentar BRD Seite 4 kA Bosse, Banken und Idioten. Von Kurt Kister. Für Politiker jedweder Couleur hat die Finanzkrise zumindest ein Gutes: Sie gelten nicht mehr als Deutschlands gierigste, ahnungsloseste und intriganteste Berufsgruppe. Jetzt haben sich, dank der Kollegen aus dem Bank- und Kreditgewerbe, endgültig die Spitzenmanager als jene Kaste etabliert, die von den Menschen hierzulande am meisten verhöhnt und abgelehnt wird. Es ist nicht so, dass „die” Politiker im Ansehen der Bevölkerung gestiegen wären. Sie wurden aber von der Wirtschaftselite auf deren Weg nach unten überholt. Die Reputation der Bosse ist seit Jahren kontinuierlich gefallen. Nun hat sie einen Tiefpunkt erreicht. Die Gründe dafür sind tausendfach beschrieben worden. Sie reichen weiter zurück als bis zum jüngsten Einsturz des auf Kreditspekulationen beruhenden Finanzsystems. Sie haben mit der als Religion empfundenen Gewinnmaximierung ohne Rücksicht auf die sozialen Verluste zu tun, aber auch mit dem Verhalten etlicher Angehöriger der Erbengeneration, die das Lebenswerk ihrer Großeltern gegen möglichst wenig Steuern zu möglichst viel Kohle machen wollen. Auch das Bonus-Denken der Geschäftsführer gehört dazu, zumal wenn die Herren bei milliardenteurem Versagen noch mit einer Abfindung belohnt werden. Überzeichnet ist das? Nein, es ist nur sehr deutlich ausgedrückt. Man denke vielleicht noch an die liechtensteinischen Millionen des braven Herrn Zumwinkel, an die hauseigene Stasi der Telekom, an die Schmiergeld-Fürsten von Siemens. Sicher, es gibt jede Menge ehrlicher Unternehmer und viele kompetente, gewissenhafte Spitzenmanager. Gerade sie tragen dazu bei, dass es vielen Menschen in Deutschland immer noch gutgeht und den meisten sogar relativ besser, als dies die politischen Krisengewinnler auf der Linken und der Rechten insinuieren. Allerdings bestimmen nicht die Anständigen das Bild von Wirtschaft und Banken in der Öffentlichkeit, sondern Kreditjongleure und Renditemaximierer. Die Menschen sind misstrauisch geworden, was die Politik spät, aber immerhin noch erkannt hat. Zwar gibt es keinen Grund, Spar- oder Girokonten bei deutschen Geschäftsbanken oder Sparkassen leerzuräumen. Trotzdem erwägen dies offenbar etliche, wobei auch die Medien eine Rolle spielen. Journalisten gefallen sich in der Pose des raunenden Warners, der manchmal berechtigt, manchmal aber zu schrill Alarm schlägt. Damit liegt man als Gebrauchsprophet für den Alltag stets richtig: Kommt die Krise, hat man es schon immer gesagt; bleibt sie aus, kann sie noch kommen. In diesem Sinne ist Merkels Das-Geld-ist- sicher-Versprechen keine ökonomische Maßnahme, sondern der richtige Versuch, wieder mehr Vertrauen zu schaffen – in die Politik, aber auch in die Wirtschaft. Jene, die es schon immer gewusst haben, halten diesen Versuch natürlich für zu spät und zu zaghaft. Erstaunlich ist, dass zur Zeit der Ruf nach dem Staat, gar hie und da nach Verstaatlichung, oft gerade von jenen ausgestoßen wird, die sonst nicht genug Misstrauen gegenüber dem Staat zeigen können. Wenn der Staat Soldaten nach Afghanistan schickt, Daten sammelt oder die KfW nur ungenügend kontrolliert, gilt er als überfordert, fahrlässig oder gar als böswillig. Nun ist es aber genau derselbe Staat, dessen Repräsentanten plötzlich komplizierte Regelwerke für den entfesselten Kapitalismus entwerfen und durchsetzen sollen. Und dieser weise Regulierungsstaat soll mit genau denselben Politikern und der gleichen Beamtenschaft eine Bank wie die Hypo Real Estate sanieren, kontrollieren, gar profitabel führen? Nein, nicht in dieser Welt. Politiker und Manager aus den oberen Hierarchiesphären ihrer jeweiligen Kaste haben ein gebrochenes Verhältnis zueinander. Man begegnet sich oft mit einer seltsamen Mischung aus Liebedienerei und unterdrückter Arroganz. Viele Wirtschaftsbosse glauben nicht, dass jener Minister oder dieser Fraktionschef bei ihnen in der Firma mehr als Abteilungsleiter werden würde. Politiker wiederum verweisen gerne paternalistisch lächelnd auf die Reihe erfolgloser Wirtschaftsleute in oder am Rande der Politik. Keiner traut dem anderen das zu, was man selbst zu können glaubt. Wenn Konzernchefs mit der Kanzlerin oder einem Minister reisen, erklären sie gerne abends vertraulich an der Bar, wie man dieses oder jenes politische Problem lösen sollte, ja müsste. Sie schwadronieren von Analyse, Durchgriff und Abschaffen. Sie blicken von einem Gipfel ihrer Welt auf eine Welt, in der sie sich kaum auskennen, die sie aber trotzdem für beherrschbar halten. Allerdings wissen sie nicht, wie es ist, wenn jede Entscheidung im Licht der Kameras seziert wird; sie haben nie die Praxis einer Koalitionsregierung erlebt; sie sind meist umgeben von einer Korona beanzugter Hofschranzen, die ihnen auch den Gang auf die Toilette noch mit einer powerpoint presentation vorbereiten würden. Der Finanzminister Steinbrück, der in beiden Welten leben könnte, hat der Spannung zwischen den beiden unbeliebten Kasten Ausdruck gegeben. Er habe es satt, dass Banker Politiker als „Idioten” darstellten. Recht hat er, zumal beide Kasten daran arbeiten sollten, dass sie vom Volk endlich anders gesehen werden, als sie sich gegenseitig sehen. SZ 08.10.2008 Investition ins Image. Russland könnte Islands Staatsbankrott abwenden, weil es auf einen Sympathie-Bonus hofft. Sonja Zekri Meinungsseite Kommentar Island; Russland Seite 4 kA Investition ins Image. Russland könnte Islands Staatsbankrott abwenden, weil es auf einen Sympathie-Bonus hofft. Von Sonja Zekri. Island droht der Staatsbankrott, nun hofft es auf Rettung aus Russland. Einen Kredit über vier Milliarden Euro wolle Moskau bereitstellen, erklärte die Zentralbank in Reykjavik am Dienstagmittag. Ein paar Stunden und ein russisches Dementi später musste sie sich kleinlaut korrigieren. Noch führe man erst Gespräche, wolle zügig Experten nach Moskau schicken und hoffe generell aufs Beste. Den Kreml bringt die Bitte aus Reykjavik in eine sehr angenehme Situation. Nach Monaten europäischer und amerikanischer Vorwürfe wegen der Demütigung und Zerstückelung Georgiens soll ausgerechnet Russland nun zum Retter für die kleine isländische Demokratie werden. Und andere Länder stehen auch schon Schlange. Das hätte kein Kreml-Drehbuch schöner inszenieren können, und es passte wunderbar ins Bild, dass Dmitrij Medwedjew in der ersten Internet-Botschaft eines russischen Präsidenten vor einem High-Tech-Wald aus Bildschirmen und Telefonen zum „gemeinsamen Handeln” angesichts der weltweiten Krise aufrief. Russland hilft doch gern. Skeptiker vermuten, dass Moskau sich seine Kredite politisch vergelten lassen wolle, durch Einfluss in der Wirtschaft oder die Unterstützung in strittigen Fragen, wie der Georgien-Politik. So würde sich Moskau aus der Defensive sozusagen wieder ins diplomatische Geschäft zurückkaufen. Aber der Kreml hat sehr viel naheliegendere Gründe, seine Solvenz zu demonstrieren. Die Finanzkrise hat die Moskauer Börse nämlich härter getroffen als andere Märkte. Am Montag erlebte sie den schlimmsten Crash ihrer Geschichte, über Stunden wurde der Handel ausgesetzt. Seit Mai hat sich der Wert des russischen Aktienmarktes halbiert. Selbst ein Gigant wie Gazprom hat ein Viertel seines Wertes eingebüßt. Russlands Milliardäre, die ihre Geschäfte angesichts eines dürftig entwickelten Bankensektors vor allem im Ausland finanzieren, müssen sich von großen Projekten verabschieden, wie beispielsweise Oleg Deripaska vom kanadischen Autozulieferer Magma. Die Oligarchen sind nicht mehr liquide. Russland verfügt zwar über einen Stabilitätsfonds von 500 Milliarden Dollar und damit nach China und Japan über die drittgrößten Währungsreserven der Welt. Aber inzwischen muss der Kreml die taumelnden Märkte fast wöchentlich mit Summen stützen, die dem Bruttosozialprodukt kleiner Länder entsprechen. Und da werden selbst 500 Milliarden zu einer überschaubaren Größe. Russlands Börsen werden nicht nur durch die übliche Angst vor der Angst und das gegenseitige Misstrauen der Banker gebeutelt. Alles Unbehagen, alle Unsicherheiten der vergangenen Monate entladen sich jetzt: der Alleingang in Georgien, der halbherzige Kampf gegen die Korruption, der machiavellistische Umgang mit Recht und Eigentum. Wo es ohnehin nur um Psychologie und Image geht, wären vier Milliarden Euro für das kleine Island deshalb klug angelegtes Geld. SZ 08.10.2008 Blick in die Presse. Perverse Entwicklung. Die weltweite Finanzkrise ist weiter das beherrschende Thema in der internationalen Presse. kA Meinungsseite Zitat global Seite 4 kA Blick in die Presse. Perverse Entwicklung. Die weltweite Finanzkrise ist weiter das beherrschende Thema in der internationalen Presse: NEPSZABADSAG (Budapest): „Die Hilfsaktionen der westeuropäischen Regierungen werden nicht ohne Wirkung auf das Budget dieser Staaten bleiben. Wenn wir den Gedanken zu Ende führen, dass man jene Garantie eines schönen Tages in Geld verwandeln muss – dann können Budgetdefizite zu Bergen anwachsen.” EL PAÍS (Madrid): „Die Bankkrise hat große Nervosität unter den Bürgern ausgelöst. Deshalb traten mehrere europäische Regierungen auf den Plan und ergriffen drastische Maßnahmen. Damit konnten sie eine Panik zunächst einmal verhindern. Aber nun besteht die Gefahr, dass große Kapitalmengen sich in Länder flüchten, die eine bessere Garantie bieten als andere. Dies ist eine perverse Entwicklung, denn damit vergrößert sich die Gefahr einer wirtschaftlichen Depression in Europa.” DIE PRESSE (Wien): „Die jetzt einsetzende Garantiewut der Regierungen ist eine Wahnsinnsaktion: Möglicherweise teurer, als es sich selbst reiche Länder leisten können, außerdem ein Angriff auf die Effizienz der Finanzmärkte – mit negativen Langfristfolgen für alle. Es gibt nur eine Strategie, die noch leichtsinniger wäre: die Spareinlagen nicht zu garantieren. Das Weltfinanzsystem ist derzeit ein Patient, für den es keine etablierte Therapie gibt. Es spräche viel dafür, die natürlichen Heilkräfte seines Körpers wirken zu lassen. Aber niemand weiß, ob der Patient das auch überleben würde.” LA REPUBBLICA (Rom): „Die globale Panik und die massive Zerstörung von Reichtum werden verstärkt durch dieses Bild der Ohnmacht, das die Regierungen und die Zentralbanken gegenwärtig abgeben. Diese Krise nimmt mittlerweile Dimensionen an, die niemand mehr in den Griff zu bekommen scheint. Die traditionellen Instrumente der Wirtschafts- und Währungspolitik schaffen das nicht mehr und sind überholt.” DE VOLKSKRANT (Amsterdam): „Die Kreditkrise ist die schwerste Prüfung für das europäische Zusammenwirken seit der Einführung des Euro. Dabei wird eine der größten Schwächen Europas bloßgelegt: Es gibt kein Pendant zur Währungsunion in Form einer echten politischen Union. Während die Volkswirtschaften sich immer stärker verflechten, mangelt es an grenzüberschreitender Aufsicht für den Kapitalmarkt.” SZ 08.10.2008 Rätselraten über Steinbrücks „Plan B”. Bundesregierung setzt in der weltweiten Finanzkrise unbeirrt auf nationale Lösungen, weiß aber noch nicht, wie diese genau aussehen sollen. Guido Bohsem; Martin Hesse; Susanne Höll Politik Bericht BRD Seite 5 kA Rätselraten über Steinbrücks „Plan B”. Bundesregierung setzt in der weltweiten Finanzkrise unbeirrt auf nationale Lösungen, weiß aber noch nicht, wie diese genau aussehen sollen. Von Guido Bohsem, Martin Hesse und Susanne Höll. Berlin – Trotz Kritik setzt die Bundesregierung zur Bewältigung der Finanzkrise auf nationale Lösungen. Darauf habe sich das Kabinett am Dienstag verständigt, sagte ein Sprecher von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin. Jedes Land werde in nationaler Verantwortung mit den zur Verfügung stehenden Mitteln reagieren. Die Regierung lehnte damit erneut einen Vorschlag Frankreichs ab, einen Auffangfonds einzurichten, mit dem den bedrohten Banken geholfen werden soll. Das Kabinett habe zudem zustimmend zur Kenntnis genommen, dass Merkel und Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) am Wochenende eine Garantie des Bundes für alle Guthaben privater Sparer auf Sparbüchern und Girokonten ausgesprochen hatten. Dies sei zur Beruhigung der Anleger notwendig gewesen. Unklar blieb, wie der von Finanzminister Peer Steinbrück angekündigte nationale Rettungsschirm für die deutschen Finanzinstitute aussehen soll. Steinbrück hatte am Montag nach der Rettung der Hypo Real Estate (HRE) davon gesprochen, an einem „Plan B” zu arbeiten. Dieser gehe über das bisher praktizierte Krisenmanagement im Einzelfall hinaus. Tatsächlich hatte Steinbrück mit den Vertretern der Banken und Versicherer bereits am Sonntagabend über das weitere Vorgehen gesprochen. Das wurde sowohl in der Regierung als auch in der Kreditwirtschaft bestätigt. Eine konkrete Vereinbarung gibt es aber noch nicht. In Bankenkreisen heißt es, Steinbrück sei viel zu früh mit den Überlegungen an die Öffentlichkeit gegangen. Das werfe nun viele Fragen auf, die derzeit niemand beantworten könne. In der Gesprächsrunde nach der Rettung der HRE habe es keinerlei konkrete Ergebnisse gegeben. „Es gibt keinen Plan B”, sagte ein über die Gespräche informierter Banker. Man habe lediglich darüber beraten, ein geordneteres Verfahren für den Fall weiterer Rettungsaktionen auszuarbeiten. In Steinbrücks Umgebung hieß es, erwogen werde beispielsweise eine grundsätzliche Aufteilung der Risiken zwischen Staat und Finanzinstituten. Auf eine solche Vereinbarung könne dann immer wieder zurückgegriffen werden. Sie bilde die Basis für das Krisenmanagement. Auch in der SPD, in der Steinbrück ansonsten breite Unterstützung findet, zeigte man sich verwundert über dessen Äußerungen zu weitergehenden Rettungsplänen. Man könne zwar die Beweggründe des Ministers verstehen, es gebe aber noch keinen solchen Plan, nach dem nun alle fragten. Kritik an Steinbrück kam auch vom Koalitionspartner Union. „Ein solcher „Plan B” ist kein Luftballon und nicht zum Spielen geeignet. Entweder man hat einen solchen Plan oder nicht. „So etwas muss mit harten Fakten unterlegt sein”, sagte der CDU-Finanzexperte Steffen Kampeter am Dienstag der Nachrichtenagentur Reuters. Auch die Opposition zeigte sich skeptisch über manches Vorgehen der Bundesregierung. Nach einem Treffen der Fraktionsvorsitzenden aller fünf im Bundestag vertretenen Parteien am Montagabend bei Merkel hatten die Vertreter der Opposition von FDP, Grünen und Linkspartei gesagt, es gebe noch zahlreiche offene Fragen. Das Finanzministerium wies Berichte zurück, wonach der Bund seine Bürgschaft für die Banken im Rahmen des zweiten Rettungspakets aufgestockt habe. „Das ist falsch”, sagte Steinbrücks Sprecher Torsten Albig. Tatsächlich beläuft sich die von der Regierung zugesagte Garantie unverändert auf 35 Milliarden Euro. Erst wenn diese Bürgschaft fällig wird, kann der Bund einen Anteil der Finanzwirtschaft in Höhe von 8,5 Milliarden Euro einfordern. Das Risiko für den Steuerzahler beträgt also insgesamt 26,5 Milliarden Euro. Das geht aus einem Schreiben der Präsidenten von Bundesbank und der Finanzaufsicht Bafin, Axel Weber und Jochen Sanio, aus der vorigen Woche hervor. Die dort fixierte Vereinbarung über die Bürgschaft entspricht der Regelung im Ergebnisprotokoll über die zweite Rettung der Hypo Real Estate vom vergangenen Sonntag. Die Bürgschaft dient dazu, Kredite in Höhe von 35 Milliarden Euro abzusichern, die zunächst die Bundesbank der HRE gewährt. Bis Ende Oktober sollen private, öffentliche und genossenschaftliche Banken sowie Versicherungen eine Gesellschaft gegründet haben, die zunächst 15 Milliarden Euro an Krediten stellt, der Bundesbank-Anteil sinkt dadurch auf 20 Milliarden Euro. Sollten diese Darlehen nicht reichen, erweitern die Banken ihre Linien um weitere 15 Milliarden Euro. In Bankenkreisen gilt als wahrscheinlich, dass die Kreditwirtschaft das Geld problemlos zusammenbekommt, allein die Deutsche Bank gibt mindestens zehn Milliarden Euro. Finanzminister Peer Steinbrück kann auch dem Wirtschaftskollegen Michael Glos „Pan B” nicht skizzieren. Foto: dpa SZ 08.10.2008 Die Firmen zahlen sogar die Prämien für die Missmanagement-Versicherung. Mit Hurra in die Pleite Warum viele Chefs trotz Versagens profitieren. Daniela Kuhr Themen des Tages Bericht global Seite 2 kA Die Firmen zahlen sogar die Prämien für die Missmanagement-Versicherung. Mit Hurra in die Pleite Warum viele Chefs trotz Versagens profitieren. Von Daniela Kuhr. Die Finanzkrise nimmt jeden Tag größere Ausmaße an – und die Rufe werden lauter, die Verursacher zur Verantwortung zu ziehen. Wieso sind so viele Manager und Investmentbanker nach wie vor im Amt? Müssen sie wenigstens den Schaden ersetzen, den sie mit ihrer verantwortungslosen Kreditvergabe und dem Vertrieb von riskanten neuen Produkten angerichtet haben? „Einen Vorstand loszuwerden, ist gar nicht so einfach”, sagt Frank Achilles, Arbeitsrechtsexperte bei der Kanzlei Heisse Kursawe Eversheds in München. „Zwar gelten Vorstände nicht als Arbeitnehmer und genießen daher auch keinen Kündigungsschutz. Doch genau aus dem Grund werden mit ihnen regelmäßig befristete Anstellungsverträge geschlossen, die nur im absoluten Ausnahmefall fristlos kündbar sind.” Ein bloßer geschäftlicher Misserfolg genüge dafür sicher nicht. Es müsse schon eine „grobe Verletzung der Pflichten” vorliegen oder auch „die Unfähigkeit zur ordnungsgemäßen Geschäftsführung”, um einen Vorstand fristlos und ohne Abfindung zu verabschieden. Weil es so schwer ist, Vorstandsverträge vorzeitig aufzulösen, hat sich der „goldene Handschlag” durchgesetzt. „Dabei erhalten Vorstände, die vorzeitig aus ihrem Vertrag ausscheiden, die offene Restlaufzeit ganz oder zumindest teilweise als Abfindung ausbezahlt”, sagt Achilles. In der Öffentlichkeit stößt das häufig auf Unverständnis, schließlich muss der Manager ja gehen, weil er die Erwartungen nicht erfüllt hat – und trotzdem erhält er ein Abschiedsgeschenk in Millionenhöhe. „In diesen Fällen stellt die Abfindung keine Belohnung für vergangenes Verhalten dar, sondern ist eher ein Abkaufen der restlichen Vertragslaufzeit”, sagt Achilles. „Natürlich wäre es möglich, im Vertrag von vornherein festzulegen, dass er bei vorzeitiger Beendigung nur begrenzt ausbezahlt wird.” Solche Vereinbarungen seien bislang jedoch eher unüblich. Im Ausnahmefall können Manager, die schlechte Leistungen erbringen, sogar zur Kasse gebeten werden. Im Aktiengesetz heißt es, dass Vorstandsmitglieder, „die ihre Pflichten verletzen”, dem Unternehmen den daraus resultierenden Schaden ersetzen müssen. Ob sie tatsächlich ihre Pflichten verletzt haben, ist naturgemäß immer wieder Anlass für Streit. So verlangt beispielsweise Siemens von den früheren Mitgliedern des Vorstands Schadensersatz wegen der Schmiergeldaffäre. Und EM Sport Media, das einstige Skandalunternehmen EM.TV, verklagt die frühere Führungsmannschaft auf mehr als 200 Millionen Euro, weil sie Verträge abgeschlossen hat, die das Unternehmen später an den Rand der Pleite brachten. Ein Urteil steht noch aus. Im Zweifelsfall müssen Vorstände beweisen, dass sie die Sorgfalt eines ordentlichen und gewissenhaften Geschäftsleiters angewandt haben. Gelingt ihnen das nicht, müssen sie zahlen – in aller Regel aber nicht persönlich. Auch das ist vielen ein Dorn im Auge. „Es ist mittlerweile absolut üblich, für Vorstände sogenannte D&O-Versicherungen abzuschließen”, sagt Achilles. D&O steht für Directors & Officers. Die Prämien dafür übernimmt normalerweise das Unternehmen, da es ein ureigenes Interesse daran hat, dass der Vorstand im Fall der Fälle auch zahlen kann. Schließlich geht es bei solchen Klagen oft um extrem hohe Summen. „Vielfach gibt es allerdings Haftungsausschlüsse für grob fahrlässiges Verhalten”, sagt Achilles. Dann müsse der Vorstand doch persönlich zahlen. „Gleiches gilt, wenn der Schaden die Höhe der versicherten Summe übersteigt.” SZ 08.10.2008 Aktuelles Lexikon. Staatsbankrott. sec Themen des Tages Maldung Island; Russland Seite 2 kA Aktuelles Lexikon. Staatsbankrott. Ausgerechnet die 300 000-Einwohner-Insel Island hat es erwischt. Als erster Staat steht das Land im Zuge der Finanzkrise vor dem Bankrott. Sollte ein kurzfristig verhandeltes Milliarden-Kreditpaket aus Russland nicht zustande kommen und der Internationale Währungsfonds nicht schnell einspringen, können die im Ausland bereits hochverschuldeten Nordeuropäer ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen. Noch am Montag hatte die Regierung in Reykjavik eine umfassende Garantie für alle Spareinlagen übernommen. Das ist ihr zum Verhängnis geworden. Schon einen Tag danach sah sie sich gezwungen, die Kontrolle über das Bankensystem des Landes zu übernehmen. Die Schuldenlast der drei größten isländischen Banken beträgt das Neunfache der Wirtschaftsleistung eines Jahres – eine Summe, die auch der isländische Staat allein nicht schultern kann. Bankrott oder insolvent ist ein Land dann, wenn es fällige Forderungen nicht mehr oder nur teilweise erfüllen kann. Dies ist meist dann der Fall, wenn der Staat keine weiteren Anleihen mehr herausgeben kann, um anstehende Kosten wie Zinsen und Gehälter zu decken. Die Gläubiger kaufen die Papiere dann schlicht nicht mehr oder nur zu ungeheuer hohen Zinsen. Ursache für einen Staatsbankrott ist meist jahrelang schlechtes Wirtschaften. Im Vorfeld kommt es meist zu einer Abwertung der Währung und hohen Inflationsraten. sec SZ 08.10.2008 Krise erfasst die Industrie. Deutsche Autobauer drosseln ihre Produktion. bü Politik Meldung BRD Seite 1 kA Krise erfasst die Industrie. Deutsche Autobauer drosseln ihre Produktion. München – Die globale Finanzkrise hat inzwischen gravierende Auswirkungen auf die reale Wirtschaft in Deutschland und Europa. Die Autobauer Opel, Ford, und BMW kündigten an, die Produktion zu drosseln. VW will angesichts der unsicheren Lage die Pläne zum Bau neuer Fabriken vertagen. Porsche klagt über schwachen Absatz. Auch der Walldorfer Software-Hersteller SAP, der weltweit große Unternehmen mit seinen Computerprogrammen versorgt, hat in den zurückliegenden Wochen einen drastischen Nachfragerückgang erlebt. Allgemein rechnet die Industrie mit einem schlechten Wirtschaftsjahr 2009. „Wir sind für die Zukunft eher skeptisch”, sagte ein Konjunkturexperte des Bundesverbands der Deutschen Industrie. (Wirtschaft) bü SZ 08.10.2008 Wegen der weltweiten Finanzkrise. Erstes Land kurz vor dem Bankrott. Island muss Banken verstaatlichen, Moskau soll mit Milliarden helfen. EU gibt ihren Bürgern Schutz bis 50000 Euro. SZ Politik Bericht Island; Russland Seite 1 kA Wegen der weltweiten Finanzkrise. Erstes Land kurz vor dem Bankrott. Island muss Banken verstaatlichen, Moskau soll mit Milliarden helfen. EU gibt ihren Bürgern Schutz bis 50000 Euro. München– Als erster Staat steht Island infolge der internationalen Finanzkrise vor dem Bankrott und musste massiv in sein Bankensystem eingreifen. Reykjavik übernahm am Dienstag die Kontrolle über das zweitgrößte Finanzinstitut des Landes und bat Russland um einen Milliardenkredit. Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet inzwischen mit einer Ausweitung der weltweiten Verluste auf 1,4 Billionen Dollar. Ein Notfallplan der EU soll das Überleben aller wichtigen Banken sowie Spareinlagen in Höhe von 50 000 Euro garantieren. Zur Abwendung des Kollapses in Island hatte das Parlament am Montag der Regierung per Notgesetz erlaubt, Finanzinstitute zu übernehmen, zu fusionieren oder für bankrott zu erklären. Nach der Verstaatlichung der drittgrößten Bank Glitnir vergangene Woche übernahm der Staat nun auch die Kontrolle über die Nummer zwei, Landsbanki. Zudem ersuchte das Land um russische Hilfe. Um ein vier Milliarden Dollar schweres Darlehen aus Moskau gab es jedoch Verwirrung. Der russische Vize-Finanzminister Dmitrij Pankin dementierte die Meldung der isländischen Zentralbank, das Geschäft sei perfekt. Islands Ministerpräsident Geir Haarde erklärte, Regierungsvertreter würden nach Russland reisen, um die Angelegenheit zu klären. „Nichts ist sicher”, sagte er. Seit den neunziger Jahren hatte der 320 000 Einwohner zählende Inselstaat seine Stellung als internationaler Finanzplatz stark ausgebaut. Zahlreiche Investoren ließen sich von hohen Renditen locken. Viele Isländer kauften Immobilien und Luxusgüter auf Kredit. Immobilienpreise und Auslandsschulden schnellten in die Höhe. Die Landeswährung Krone verlor seit Juli 2007 45,9 Prozent ihres Werts gegenüber dem Euro. Die Inflationsrate stieg auf 14,5 Prozent. Die Banken des Landes hatten Zukäufe im Ausland größtenteils über hohe Schulden finanziert und gelten nun international nicht mehr als kreditwürdig. Als Folge stuften Agenturen auch die Bonität des gesamten Landes herunter. „Es besteht die Gefahr, dass unsere Volkswirtschaft dem Abwärtstrend der globalen Bankenkrise nicht entkommt und unsere Nation am Ende bankrottgeht”, warnte Haarde Montagnacht in einer dramatischen Fernsehansprache zur Lage der Nation. „Viele Menschen werden sehr viel Geld verlieren”, sagte er. Die EU-Finanzminister bekräftigten bei einem Treffen in Luxemburg, dass sie alle Schritte unternehmen wollten, um das Bankensystem zu stabilisieren. Staatliche Eingriffe sollten zwar weiter auf nationaler Ebene stattfinden, jedoch unter europäischer Koordinierung. Die Minister gaben die Garantie ab, das Überleben der „systemrelevanten” Banken in ihren Staaten abzusichern. Zudem will die EU ein Übergreifen der Panik auf die Sparer verhindern. Sie einigten sich, die Mindestsumme für Sparguthaben von Privatkunden, die alle Länder garantieren müssen, von 20 000 auf 50 000 Euro zu erhöhen, in einigen Fällen auf bis zu 100000 Euro. Spanien erklärte, den Finanzsektor des Landes mit 30 Milliarden Euro zu unterstützen. Auch am Dienstag erlitten Bankaktien kräftige Verluste. Commerzbank verlor zeitweise zweistellig. In London büßte die Royal Bank of Scotland phasenweise 25 Prozent ein. Der IWF rechnet mit 1,4 Billionen Dollar Verlusten, nachdem er im April noch von 945 Milliarden Dollar ausgegangen war. In seiner vierteljährlichen Studie warnte der IWF vor einem verschärften weltweiten Abschwung. SZ. SZ 08.10.2008 Das Streiflicht kA SZ Politik Kommentar global Seite 1 kA Das Streiflicht. (SZ) Je wilder die Finanzkrise tobt, desto leichter gerät in Vergessenheit, wie sie entstanden ist. Darum hier noch mal in Kürze der Hintergrund. Die Amerikaner, die noch keine Häuser hatten, wollten welche bauen. Da sie indessen nicht nur keine Häuser hatten, sondern auch kein Geld für deren Bau, gingen sie zu denen, die Geld hatten, und liehen sich welches. Als die Häuser fertig waren und die Geldleute ihr Geld zurückhaben wollten, war dieses aber weg, weswegen die Geldleute zu wiederum anderen Geldleuten gingen und sie fragten, ob denn vielleicht nicht sie das verschwundene Geld haben wollten. Au fein, sagten die, Subprime Loans, und ob wir die wollen! Sie nahmen den Plunder, mischten alles neu und gaben das Zeug ihrerseits weiter, und so kam es, wie es kommen musste. Und warum musste es so kommen? Weil die Leute ihre Bibel nicht mehr lesen, beispielsweise das Buch Jesus Sirach. Wer sein Haus mit fremdem Geld baut, sammelt Steine für sein Grab, heißt es da, und mit diesem Wort zum Hypothekenwesen geben wir ab nach Rom. Ob auch die päpstlichen Finanzen von der Krise betroffen sind, wissen nur die Insider. Doch selbst wenn der Vatikan auf das eine oder andere faule Zertifikat hereingefallen sein sollte, hätte Papst Benedikt XVI. recht mit dem, was er jetzt sagte: Dass auf Gottes Wort mehr Verlass sei als auf Geld und dass, wer auf Materielles setze, auf Sand baue. In den Ohren derer, die gerade ihr gutes Geld auf- und davonfliegen sehen, hört sich das wahrscheinlich als billiges Gerede an, möglicherweise sogar als Hohn. Benedikt steht mit seinem aktuellen Hirtenwort aber in erprobter geldkritischer Tradition; als Mann der Wissenschaft könnte er dabei an den schlauen Salomon gedacht haben, der in seinen Sprüchen die Frage stellt, wozu ein Narr Geld brauche, da er sich Weisheit eh nicht kaufen könne. Um mir wenigstens ein Haus zu kaufen, wird der Narr darauf antworten, und bei diesem Stand der Dinge übernimmt Claudio Maria Celli, lange Jahre der Verwaltungschef des Vatikans. Celli zufolge hat die Kirche keine Antwort auf die Krise, rät jedoch den Bankern, christlich zu handeln. Der Narr aber steht da und denkt über ein anderes Schriftwort nach: Was hat der Weise mehr als der Narr? Es ist jetzt höchste Zeit, den Mammon aufzurufen. Der Papst hat es wohlweislich unterlassen, denn die entsprechende Bibelstelle ist nicht nur für Christen verwirrend. Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, heißt es bei Lukas, und das wird üblicherweise in dem Sinn ausgelegt, dass man mit Hilfe des sogenannten schnöden Geldes viel Gutes tun kann und dass der Christ auf diesem Gebiet von den Kindern der Welt allemal lernen kann. Das gilt weiterhin, mit der Einschränkung freilich, dass dubiose Derivate fürs Erste nicht mehr unter dem Ehrentitel schnöder Mammon laufen. SZ 09.10.2008 Finanzkrise in Kürze. kA kA Wirtschaft Meldung global Seite 17 kA Finanzkrise in Kürze. Weltweit erlebten die Börsen am Dienstag einen Kursrutsch. Der Dax brach zeitweise um über acht Prozent ein. Händler in Frankfurt rechnen nicht damit, dass die Unsicherheit bald verschwinden wird. Brasiliens Präsident Lula forderte den Internationalen Währungsfonds auf, in die Krise einzugreifen. Unternehmensberater Roland Berger dagegen warnt im SZ-Interview vor Panik. Die Krise sei 2010 vorbei. Vor allem Bankaktien gerieten erneut unter Druck. Experten gehen davon aus, dass Deutsche Bank, Commerzbank und Dresdner Bank – anders als die britischen Banken – noch über genug Geld verfügen. Härter betroffen ist Unicredit. Das italienische Institut wird ein Fünftel seiner Investmentbanker entlassen, auch bei der deutschen Tochter, der Hypo-Vereinsbank. Die Krise trifft auch auf deutsche Sparer und Geldanleger. So dürften Lebensversicherungen nach Angaben von Experten nur noch eine Rendite von 4,25 statt 4,39 Prozent abwerfen. Goldman Sachs kündigte über Nacht ein Zertifikat auf Volkswagen-Aktien. Verbraucheranwälte fürchten, dass auch andere Banken ihre Zertifikate kündigen könnten. Schott Solar sagt seinen Börsengang ab. SZ 09.10.2008 Fremdbeteiligungen. Wissen ist Macht. Private Equity stellt eine Alternative zu Krediten dar – noch wichtiger ist aber der Wissenstransfer. Peter Seiffert Beilage Bericht BRD Seite 32 kA Fremdbeteiligungen. Wissen ist Macht. Private Equity stellt eine Alternative zu Krediten dar – noch wichtiger ist aber der Wissenstransfer. Die Kapitalmarktkrise ist da – daran gibt es nichts zu rütteln. Noch sehen die Kreditinstitute für kleine und mittlere Unternehmen keine Verschärfungen der Kreditstandards. Die KfW Bankengruppe gibt sich in ihrem Kreditmarktausblick allerdings skeptisch: Die zunehmenden Konjunkturrisiken könnten zu einer Verschärfung führen, heißt es. Die Zeiten überdurchschnittlich hoher Kreditmarktaktivitäten und -wachstumsraten seien vorbei, der Trend nach unten gerichtet. Und so könnten sich mit der Finanzkrise auch die Bedingungen für die Mittelstandsfinanzierung ändern. Private Equity-Gesellschaften verfügen nach wie vor über die nötige Finanzierungs-Liquidität und sind damit eine Alternative. Per Definition sammeln die Kapital von verschiedenen Investoren ein und beteiligen sich renditeorientiert an nicht börsennotierten Firmen. „Ein Unternehmer muss sich diese Beteiligung aber wünschen und sich über die Ziele bewusst werden”, sagt Stephanie Schraml von der Technischen Universität München (TUM). Sie ist neben Ann-Kristin Achleitner und Florian Tappeiner Verfasserin einer Studie über Private Equity im Mittelstand. Entscheidend ist demnach nicht die Kapitalerhöhung, sondern der Wissenstransfer. „Dieser Mehrwert muss da sein, sonst lohnen sich die höheren Kosten nicht”, sagt Tappeiner. Weil immer mehr Gesellschaften bereit seien, nur als Minderheit beteiligt zu werden, behalte etwa ein Familienunternehmen weiterhin die Kontrolle – profitiere aber durch die Professionalisierung, zum Beispiel in Form eines neuen Beirats oder Hilfe bei Srategieentscheidungen. „Das muss sich gar nicht auf operative Entscheidungen auswirken, wir haben in der Studie, die in diesem Jahr erschien, oft keinen Kulturwandel in den Unternehmen feststellen können.” Dennoch gibt im Mittelstandspanel des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) nur ein Bruchteil der befragten Unternehmen an, dass fremdes Beteiligungskapital eine Bedeutung für Investitionsentscheidungen in diesem Jahr habe. Die TUM-Wissenschaftler haben Monate nach Mittelständlern mit Private Equity-Beteiligungen gesucht. Am Ende haben sie in ganz Deutschland 87 davon gefunden. „Dabei ist dieses Modell eine sehr vernünftige Alternative”, sagt Peter Hammermann, Co-Head Private Equity von Barclays Private Equity. Entscheidend sei, die richtige Beteiligungsgesellschaft zu finden und bei der Entscheidung auch den Faktor Mensch zu berücksichtigen: Man müsse nicht gleich zum selben Stammtisch gehen. „Aber ein gemeinsames Verständnis für ein Geschäftsmodell und notwendige strategische Schritte zur Weiterentwicklung des Unternehmens sind für eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwingend notwendig.” So entwickelten sich konstruktive Verhältnisse. „Die zwischenmenschliche Ebene ist die wichtigste”, bestätigt Schraml. Unabdingbar sei, sich vor der Entscheidung beraten zu lassen. Denn Private Equity ist nicht sinnvoll für alle Mittelständler Sinn. Problematisch wird es bei Mehrheitsbeteiligungen etwa dann, wenn Kennzahlen oder Renditeerwartungen nicht erreicht werden, warnt Jan Tänzler von der Uni Mannheim. Zudem verfügten viele Unternehmen über Eigenkapital – und seien damit kreditwürdig, sagt Frank Wallau, Geschäftsführer des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn. Er ist überzeugt: „Diejenigen mit gutem Konzept werden weiterhin Kredite erhalten.” Trotz Krise könnten Banken schließlich nicht einfach aus einem Geschäft aussteigen, das Gewinne verspreche: „Man investiert nicht ins Geschäft, sondern in Ideen und kluge Köpfe”, sagt Wallau. Deswegen sollte die Entscheidung möglichst unabhängig von einem akuten Finanzbedarf getroffen werden, raten Schraml und Tappeiner.„Meist sind damit auch keine Änderungen in der Außenwahrnehmung verbunden”, sagt Schraml. Und wenn, hätten sich diese – so das Ergebnis der Studie – entgegen der Erwartungen durchweg positiv dargestellt, fährt sie fort: „Die Anwesenheit einer Private Equity-Gesellschaft ist schließlich ein Zeichen, dass es dem Unternehmen auch in Zukunft gut gehen soll.” Häufig würden entsprechende Verträge übrigens mit dem Ziel abgeschlossen, die Anteile später weiterzukaufen – und zwar nicht an einen Investor, sondern zurück an das dann liquide Familienunternehmen selbst. Peter Seiffert Passende Partnerschaft: Drum prüfe sich, wer sich auch nur zeitweise binde Geldgeber auf Zeit: Private Equity Firmen füttern Unternehmen mit Geld, beim Ausstieg wollen sie satte Gewinne sehen SZ 09.10.2008 Interview. „Eine tote Kuh gibt keine Milch mehr”. Der Präsident des Bundesverbandes der Mittelständischen Wirtschaft, Mario Ohoven, fordert bessere Rahmenbedingungen. Friederike Nagel Beilage Interview BRD Seite 32 kA Interview. „Eine tote Kuh gibt keine Milch mehr”. Der Präsident des Bundesverbandes der Mittelständischen Wirtschaft, Mario Ohoven, fordert bessere Rahmenbedingungen. Als Wanderprediger in Sachen Mittelstand bezeichnet sich Mario Ohoven gerne selbst. Der Präsident des Bundesverbandes der Mittelständischen Wirtschaft (BVMW) sieht die Anliegen der kleineren und mittleren Unternehmen oft von der Politik verkannt. Er fürchtet die Folgen der globalen Finanzkrise in Deutschland. SZ: Herr Ohoven, Krisenstimmung aller Orten – wie geht es dem deutschen Mittelstand derzeit? Ohoven: Das Ende der Sorglosigkeit beginnt nun. Die Finanzkrise lässt nicht nur Vermögen schwinden, sondern auch das Vertrauen in die Soziale Marktwirtschaft und die Reformfähigkeit Deutschlands. Der alte Gesellschaftsvertrag wird brüchig, für einen neuen fehlt die Kraft. Und das alles ist das Werk von Spielern. Für uns stellt sich die Frage, ob die Krise die kleineren und mittleren Unternehmen in den Ruin treibt. SZ: Haben Sie schon eine Antwort? Ohoven: Für den Mittelstand gibt es derzeit drei Warnzeichen: Die Exporte in die USA sinken, die Binnennachfrage ist nicht gut angesprungen und das Ausmaß der US-Krise kann keiner überblicken. Wir haben es hierbei mit den Folgen eines entfesselten Raubtierkapitalismus zu tun. Diejenigen, die bedenkenlos Milliardengewinne eingesteckt haben, wollen diese Verluste nun vergesellschaften. Das ist ein Skandal. Die kleineren Unternehmen rutschen somit schneller in die Krise. SZ: Merken das alle gleich stark? Ohoven: Massiv schlägt sich die Krise bereits im Handwerk nieder. Jeder dritte Handwerksbetrieb meldet Probleme mit immer misstrauischer werdenden Banken, fast ebenso viele klagen über steigende Zinsen. Und mehr als die Hälfte der Handwerksbetriebe müssen bei Kreditanträgen erhebliche höhere Sicherheiten leisten. Die Rettung der Landesbanken alleine könnte die Sparkassen zwingen, ihre Mittelstandsfinanzierung enger zu zurren. Die Kreditinstitute müssen ihre Mittelstandsfinanzierungen kürzen, um ihre Ausfälle zu kompensieren. Die Refinanzierungskosten der Banken sind angestiegen, der Kredit wird teuerer. Bonitätsschwache Kleinunternehmer werden noch größere Probleme bekommen. SZ: Wer wachsen will, braucht aber Geld. Woher kommt das momentan? Ohoven: Ich befürchte eine kommende Kreditklemme. Das schließe ich aus konkreten Rückmeldungen unserer Mitglieder. Alternative Finanzierungsmodelle werden deshalb einen Boom erleben, da bin ich mir sicher. Factoring und Leasing haben schon stark an Bedeutung gewonnen. Private Equity ist definitiv unterrepräsentiert. SZ: Warum? Ohoven: Das hängt unter anderem mit der Mentalität im Mittelstand zusammen. Da ist man gerne Herr im eigenen Haus. Allerdings sehen wir da schon ansatzweise ein Umdenken. Früher war der Mittelständler eher ein Einzelgänger, ließ sich höchstens von seinem Steuerberater in die Karten gucken. Das hat sich vor allem durch Basel II, die neuen Richtlinien zur Kreditvergabe, geändert. Das war nicht ganz unvernünftig. Der neue Mentalitätswandel sollte nun genutzt werden für den Einsatz von kreativer Intelligenz. Jeder Unternehmer sollte über die Zukunft seines Betriebes nachdenken und diese anderen auch vermittlen können. Dann kann er auf diesem Wege eventuell auch leichter einen Kapitalgeber überzeugen. Besonders bei einem Private Equity-Investor müssen die Philosophien zusammenpassen. SZ: Wie meinen Sie das? Ohoven: Das traditionelle Patriarchat in Unternehmen hat ausgedient. Aber es ist einfach so, dass 80 Prozent der Entscheidungen aus emotionalen Gründen getroffen werden, nur bei 20 Prozent spielt die Ratio mit. Der Faktor Mensch ist auch bei Gelddingen wichtig. Hinzu kommt, dass heute nicht das Produktmanagement maßgeblich ist, sondern das Beziehungsmanagement. SZ: Ist das ein Plädoyer für alternative Finanzierungsformen? Ohoven: Im Prinzip ja. Leasing und Factoring boomen gegenwärtig trotz der Bankenkrise. Die Nachfrage in diesem Bereich soll in diesem Jahr erstmals die 100 Milliarden Euro übersteigen. 1991 war es gerade mal ein Zehntel davon. Insgesamt hat Deutschland gegenüber anderen europäischen Staaten einen erheblichen Nachholbedarf. Wir werden bestimmt einen weiteren Einstellungswandel gegenüber Beteiligungskapital erleben. Das liegt auf der Hand. In einer Blitzumfrage haben uns 83 Prozent der Mittelständler gesagt, dass sie eine drastische Verschlechterung der Kreditlage befürchten. Private Equity und anderen Formen wird das wiederum zu Gute kommen. SZ: Welche anderen Themen haben Unternehmer gerade auf dem Herzen? Ohoven: Noch sind die Auftragsbücher gefüllt, aber es fehlt an Folgeaufträgen. Ganz allgemein leidet der Mittelstand an der steigenden Abgaben- und Steuerlast. Reichensteuer, höhere Mehrwertsteuer und Versicherungssteuer, Abschaffung der Eigenheimzulage, steigende Zinskosten, und so weiter – die Liste ist sehr lang. Ein Unternehmer mit null Euro Gewinn zahlt in Deutschland wegen der Neuregelung Gewerbeertragssteuern immer noch Steuern. Das ist doch Wahnsinn. Diese ganze Bürokratie kostet uns in Deutschland außerdem Milliardensummen. Dazu kommen die explodierenden Energiepreise, der Fachkräftemangel und ganz aktuell die Diskussion um die Erbschaftsteuer. SZ: Stichwort Erbschaftsteuer. Was sind Ihre Befürchtungen genau? Ohoven: Wenn das Gesetz in der jetzigen Form in Kraft tritt, dann gefährdet es zigtausende Unternehmen und sicher viele Arbeitsplätze. Teile der SPD wollen, in Tateinheit mit der Linken, dem Mittelstand die Daumenschrauben noch enger drehen. Das ist schlimm, weil das alles in Verkennung der wirtschaftlichen Realität passiert. Die Politiker müssten mal folgende Realitäten wahrnehmen: Wir, die kleineren und mittleren Unternehmen schaffen drei Viertel aller Arbeitsplätze in Deutschland. Wir erhalten sie auch und wir zahlen die Steuern brav und verlässlich hier in Deutschland. Steueroasen kennt der Mittelstand nicht. Multinationalen Konzernen ist mit der Steuerkeule eh nicht mehr beizukommen. Der österreichische Finanzminister bekam in den vergangenen Monaten 160 Prozent mehr Anfragen von deutschen Unternehmen, wie sie sich in Österreich niederlassen können. SZ: Was genau ist der Haken bei der Erbschaftsteuer für Sie? Ohoven: Die Erbschaftsteuer ist nicht mehr zeitgemäß. Österreich beispielsweise, viele Kantone in der Schweiz und einige EU-Oststaaten haben sie abgeschafft. Nur in Deutschland hängt man da einer Art Ideologie nach. Die Politiker sagen immer: Eigentlich würde die Erbschaftsteuer ohnehin 80 Prozent der Unternehmer gar nicht belasten, wegen der Freigrenzen. Aber ich kann das nicht mehr hören. Es ist doch immer so, dass Sie mit 20 Prozent der Verkäufer 75 Prozent des Umsatzes generieren. Wenn diese Top 20 aber ins Ausland gehen, z. B. die inhabergeführten Unternehmen, dann stehen wir vor dem Chaos. SZ: Ein weiterhin schwieriges Thema ist der Fachkräftemangel. Wie will der Mittelstand hier punkten? Ohoven: Da müssen wir kräftig aktiv werden. Schon jetzt fehlen 400 000 Fachkräfte für die gesamte Wirtschaft - und der Mittelstand beschäftigt ja 70 Prozent aller Arbeitnehmer. Unser Problem ist, dass die großen Konzerne zum Beispiel die Ingenieure und Naturwissenschaftler ködern. Hier müssen wir klar mit unseren Pfunden wuchern, denn wir bieten Jobsicherheit, kurze Entscheidungswege, ein familiäres Arbeitsklima und die Chance, schnell Karriere zu machen. Die kleinen und mittleren Unternehmen können auch durch Weiterbildung punkten, und natürlich durch Mitarbeiterbeteiligungen. Da liegen wir leider derzeit noch unter 10 Prozent. SZ: Was halten Sie von Boni? Ohoven: Da bin ich sehr dafür. Vor allem bei innovativen Vorschlägen der Mitarbeiter. Für ihre Ideen sollten sie einen Bonus bekommen. Im vergangenen Jahr wurden bereits 150 Millionen Euro an Mitarbeiter für ihre Verbesserungsvorschläge bezahlt. Gespart wurden dadurch 1,4 Milliarden. Die Mittelständler sollten auch ältere Arbeitnehmer stärker fördern: Wir nutzen deren Know-how nur bei 30 Prozent der Stellen. In der OECD sind dagegen mehr als 50 Prozent der Stellen mit über 53-Jährigen besetzt. SZ: Herr Ohoven, wenn Sie sich etwas wünschen dürften für den Mittelstand – was wäre das? Ohoven: Dass sich die Rahmenbedingungen für den deutschen Mittelstand ändern – und zwar zum positiven. Außerdem, dass mancher Politiker endlich begreifen möge: Eine geschlachtete Kuh kann niemand mehr melken. Interview: Friederike Nagel Mario Ohoven kämpft an vielen Fronten – am stärksten an der mit der Politik. Dort wird er nicht müde, auf die Bedürfnisse seiner Mitglieder aufmerksam zu machen und für eine mittelstandsfreundliche Gesetzgebung zu werben SZ 09.10.2008 Schönheit hat ihren Preis. Die Städte, eben noch von der sprudelnden Gewerbesteuer verwöhnt, lernen die Finanzkrise zu fürchten: Beispiel München. Joachim Käppner Wirtschaft Bericht BRD Seite 27 kA Schönheit hat ihren Preis. Die Städte, eben noch von der sprudelnden Gewerbesteuer verwöhnt, lernen die Finanzkrise zu fürchten: Beispiel München. Von Joachim Käppner. München – Auch Oberbürgermeister brauchen Erholung, und Christian Ude, München, fährt dann gern mit dem Fahrrad herum. Zum Beispiel nach Grünwald: Der Vorort ist bekannt aus Derrick-Krimis, in denen sich hinter Villenfenstern die Abgründe eines Lebens in Reichtum auftun; er besitzt eine schöne Burg, teure Wohnstraßen und Autohändler für gehobene Limousinen. Was der radelnde OB Christian Ude auch reichlich sieht, sind die Schilder der Leasingfirmen. Sie zahlen nämlich deutlich weniger Gewerbesteuer als in München, und da sie wenig Personal- und Sachaufwand haben, spielt der Unterschied eine Rolle. München verlangt mit einem Hebesatz von 490 die höchste Gewerbesteuer im ganzen Land – Grünwald gerade die Hälfte. Den Sozialdemokraten Ude ficht das nicht an. Wenn die geschrumpfte CSU im rot-grün beherrschten Stadtrat wieder mal die Senkung der Gewerbesteuer fordert, lächelt er milde. Er kann es sich leisten: Die Stadt boomt, es gibt fast keine leerstehenden Büroräume. Auf der Münchner Immobilienmesse Expo Real gibt man sich mit Peanuts wie Gewerbesteuerhebesätzen gar nicht ab. Tausende Interessenten füllen die Neue Messe, am Abend ist die Nobeldisko P 1 ebenso ausgebucht wie das Gros angesagter Locations der Stadt. München hat die wichtigste Gewerbeimmobilienmesse in Europa. Auf einem Podium wettert Ude gegen die Finanzspekulanten. Wer aber, sagt er, „statt in dubiose Papiere Geld in Münchner Immobilien investiert, kann seit Jahren mit ständiger Wertsteigerung rechnen”. Krise? Hat jemand etwas von Krise gesagt? Und doch ist sie da, selbst auf der Expo Real. Überall ist, meist eher verlegen, von Investoren und Gründern zu hören, die keinen Kredit mehr bekommen, von Kaufwilligen, denen keine Bank helfen mag. Ude, gleichzeitig Präsident des Deutschen Städtetages, sieht die Finanzkrise mit Sorge. Ein goldenes Jahr wie 2007, in dem die Städte einen Überschuss von 8,6 Milliarden Euro erzielten – was den Gewerbesteuereinnahmen von 40,1 Milliarden zu verdanken ist –, wird sich vor dem dunklen Horizont der Finanzkrise gewiss nicht wiederholen. „Im schlimmsten Fall kommt es wieder zu einem so massiven Einbruch der städtischen Einnahmen wie vor fünf oder sechs Jahren”, sagt Ude, „dann ist die nächste Krise der Kommunen da.” Sicher sei jedenfalls, dass die Prognose des Arbeitskreises Steuerschätzungen, man werde auch in den Rathäusern „auf relativ hohem Einnahmeniveau bleiben, überhaupt nicht haltbar ist.” Der städtische Etat, sagte Ude am Mittwoch bei der Vorstellung des neuen Haushalts, „steht auf schwankendem Boden”. Jeder weiß: Die Krise kann die Stadt dreistellige Millionensummen kosten. Und käme es wirklich so schlimm, sagt Ude, „dann würden wir als erstes die Rückzahlung der städtischen Schulden beenden – und zweitens Konsolidierungsprogramme starten”, sprich: die Schere da ansetzen, wo es wehtut – Sozialgelder, Zuschüsse, Kulturförderung. Fiskalisch, sagt Münchens Stadtkämmerer Ernst Wolowicz daher, sei eine Senkung der Gewerbesteuer „derzeit absolut unverantwortlich”. Ude verweist auf das Beispiel der Stadt Frankfurt, die ihren Hebesatz als „Signal an die Wirtschaft” geringfügig gesenkt hatte: „Und was hat es ihr genutzt? Die Deutsche Börse ist nach Eschborn gezogen.” Das war in der Tat ein schockierendes Erlebnis für die Bankenstadt am Main: Sie schraubte den Hebesatz mit Mühe von 490 auf 460 hinunter. Kein Problem für Eschborn, den reichen Ort draußen vor den Toren: Er lockte mit 280, da war die Sache entschieden. München würde eine solche Senkung 80 Millionen Euro kosten. Mit einem Wort, so Ude: „Großstädte können mit den Niedrigangeboten des Umlandes meist nicht konkurrieren – und sie sollten es, wenn möglich, auch gar nicht erst versuchen.” Der Sog nach draußen ist aber durchaus ein Problem. München hat an sein aufstrebendes Umland auf diese Weise die Elektronikfirma ESG verloren – und tut sich doch leicht. Die Konzerne drängen geradezu in die innere Stadt, bald wird mit der Linde-AG beim Jakobsplatz ein prächtiger neuer Firmensitz fertig sein – Udes Lieblingsbeispiel dafür, dass der Standort München nicht davon abhängt, „wie hoch der Hebesatz ist, sondern was er bietet und sich leisten kann”. Die Infrastruktur will ja bezahlt sein, zum Beispiel ein 100-Millionen-Euro-Anbau des Stararchitekten Sir Norman Foster für das Lenbachhaus und seine Kunstsammlungen. „Die Höhe der Gewerbesteuer war für unsere Entscheidung kein wesentlicher Faktor”, sagt Unternehmenssprecher Uwe Wolfinger. Linde, ein Dax-Konzern und führend im Anlagenbau und bei Industriegasen, ist natürlich nicht nur nach München gekommen, weil der Himmel so blau, die Wirtschaftsförderung so unvergleichlich und Linde–Chef Wolfgang Reitzle München-Fan ist. Man hat Standorte in Mainz und Aschaffenburg geschlossen, die Zentrale zog auch deshalb von Wiesbaden nach München, weil in Pullach ein Werk mit Tausenden Arbeitsplätzen steht. Außerdem erwirtschaftet Linde nur ein Zehntel des Umsatzes in Deutschland, noch dazu führt die „Gewerbesteuerzerlegung” – ein Begriff aus dem verbalen Höllenarsenal des Steuerrechts – dazu, dass nur ein kleiner Teil dieser deutschen Gewinne in München, dem Sitz der Zentrale, versteuert wird. Vor diesem Hintergrund ist es für einen Global Player wie Linde unerheblich, ob in München ein Gewerbesteuersatz von 490 oder 460 Punkten besteht. Aber das ist ja genau der Vorteil Münchens. Es ist attraktiv, es hat ein reiches Reservoir an Fachkräften, und ein Firmensitz in der Münchner City, an einem der schönsten Plätze der Stadt, ist natürlich ein Imagefaktor ersten Ranges. Linde Group Munich, das wirkt anders als Linde Group Pullach. München kann es sich leisten, die höchste Gewerbesteuer zu verlangen. Gelsenkirchen oder Wuppertal müssen hohe Sätze nehmen, sonst liefe in den strukturschwachen Städten gar nichts mehr. Andererseits ist der Reiz für Investoren, sich dort niederzulassen, deutlich geringer – ein Teufelskreis. Nun heißt das nicht, dass Münchens Mittelstand freudig Gewerbesteuer zahlt. Die Stadt ist teuer, die Kostenlast hoch, die Krise bedrohlich nah. Zu den Traditionsbetrieben gehört der Löwenbräukeller, frisch gepachtet vom jungen Gastronomen Christian Schottenhamel aus der berühmten Wirtsfamilie, in deren Zelt durch den anzapfenden Oberbürgermeister das Oktoberfest eröffnet wird. Schottenhamel sieht mit Unwillen dem Gewerbesteuerbescheid 2008 entgegen: Die von Ude in dessen Eigenschaft als Städtetagspräsident gefeierte „Ausweitung der Bemessungsgrundlage” bei der Gewerbesteuer durch die Unternehmensteuerreform sieht auch die Besteuerung von Zinsen, Pachten und Leasingraten vor, und das könnte für den Großpächter Schottenhamel teuer werden. Er wünscht sich, „dass die Stadt unseren unternehmerischen Einsatz auch mit einer finanziellen Geste würdigt und den Hebesatz senkt”. Dabei gehe es „weniger um die Summe als mehr um einen Anreiz und ein Zeichen gegenüber Investoren: Wir freuen uns, wenn ihr herkommt!” Wirtskollege „Wiggerl” Hagn sieht das genauso, auch wenn er mit bayerischer Selbstironie sagt: „Jede Steuer ist zu hoch, genauso wie der Preis für die Maß Bier.” Da er sein Wiesn-Zelt von der Brauerei pachtet, muss er dafür Gewerbesteuer zahlen, und zwar 18 400 Euro zusätzlich nur für die 16 Festtage. Wer ein eigenes Zelt hat, zahlt das nicht. „Das tut weh”, sagt Hagn, „aber mei: Dafür leben wir halt in München, der schönsten Stadt der Welt.” (München) Das Expertenforum Mittelstand ist eine Initiative der Hypo-Vereinsbank und der Süddeutschen Zeitung. Alle Beiträge dieser Reihe unter www.expertenforum-mittelstand.de Familienunternehmen: Gewerbesteuer Wer als Firmeninhaber nicht emotional an seinen Standort gebunden ist, für den entscheidet oft die Gewerbesteuer. Großstädte mit teurer Infrastruktur verlangen naturgemäß mehr davon als kleine Orte – folglich verlegen viele Unternehmer ihre Betriebe aus der City hinaus auf die grüne Wiese. Frankfurt hat so beispielsweise die Deutsche Börse an Eschborn verloren, nur ein paar Kilometer außerhalb gelegen. München, die Stadt mit dem höchsten Hebesatz im ganzen Lande, müsste eigentlich besonders von dieser ganz legalen Steuerflucht betroffen sein – doch das Gegenteil ist der Fall. 7. Staffel: Mittelstand trifft Politik. Heute: Stadtflucht wegen der Abgaben E-Mail:familienunternehmen@sueddeutsche.de Internet:www.sueddeutsche.de/familienunternehmen Wiesnwirt Christian Schottenhamel (rechts, mit Ehefrau Nika und Löwenbräu-Vorstand Karl-Heinz Knoll) will „unternehmerischen Einsatz auch mit einer finanziellen Geste” gewürdigt wissen – mit niedrigeren Abgaben. SZ 09.10.2008 Bundesagentur erwartet ein Milliarden-Minus. kA dku Wirtschaft Meldung BRD Seite 26 kA Bundesagentur erwartet ein Milliarden-Minus. Berlin – Der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Frank-Jürgen Weise, erwartet im kommenden Jahr ein Minus von fünf Milliarden Euro im operativen Geschäft. Das sagte er der Passauer Neuen Presse. Allein die Belastungen aus der Senkung des Arbeitslosenbeitrags würden vier Milliarden Euro kosten. Weise betonte, dass das Minus noch erheblich höher sein könne, denn die Berechnung beruhe „auf den geltenden Prognosen für die wirtschaftliche Entwicklung, also 1,2 Prozent Wachstum 2009”. Mitte Oktober sollen die neuen Schätzungen vorliegen, die im Zuge der Finanzkrise deutlich pessimistischer ausfallen werden. Weise betonte aber, dass Arbeit und Leistungen der Bundesagentur nicht gefährdet seien. Eine Sprecherin erläuterte, die BA verfüge dank der guten Konjunktur der vergangenen beiden Jahre über eine Reserve von insgesamt 18 Milliarden Euro. Die frei verfügbaren Mittel daraus würden bis 2012 reichen. Am Wochenende hatte die große Koalition beschlossen, von Januar an den Arbeitslosenbeitrag um 0,5 Prozentpunkte auf 2,8 Prozent zu senken. Das Vorhaben ist aber befristet. Mitte 2010 soll der Beitrag auf 3,0 Prozent steigen. dku SZ 09.10.2008 Studie: Deutsche haben Angst. kA Hannah Wilhelm Geld Meldung BRD Seite 24 kA Studie: Deutsche haben Angst. München – Die Mehrheit der Deutschen sieht die staatliche Hilfe für Banken kritisch. In einer repräsentativen Studie des Marktforschungsunternehmens Psychonomics, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt, erteilten 73 Prozent der Befragten Aktionen wie der Rettung des Immobilienfinanzierers Hypo Real Estate (HRE) eine Absage. Am Sonntag hatten Banken und die Bundesregierung mit insgesamt 35 Milliarden Euro bei der HRE gebürgt und sie so vor der Pleite gerettet. Laut der Umfrage rechnen nun 66 Prozent in Folge der Finanzkrise mit Steuererhöhungen. Gut die Hälfte geht davon aus, dass es zu einem wirtschaftlichen Abschwung kommt. Über 80 Prozent der Befragten halten die Ereignisse für gefährlich für den Finanzplatz Deutschland. Die Finanzkrise ist somit in den Köpfen der Deutschen angekommen. Über die Hälfte rechnen damit, dass die Krise auch für sie persönlich Auswirkungen haben wird. 27 Prozent fürchten um ihre Spareinlagen. Die Ängste um die private Rentenversicherung sind dabei noch wesentlich größer: Hier äußern 33 Prozent ihre Besorgnis. So groß die Angst vor konjunkturellen Auswirkungen auch ist, die Deutschen beziehen dies anscheinend noch nicht auf ihre eigene Situation. So fürchten nur 15 Prozent um ihren Job. Fast alle Befragten (94 Prozent) sehen nach zahlreichen Nachrichten über in Schieflage geratene Institute für das Image der Finanzdienstleister rot. 77 Prozent vertrauen dagegen ihrer Hausbank. Hannah Wilhelm. SZ 09.10.2008 Wie es ist, wenn die eigene Bank pleite geht. Im April meldete die Weserbank Involvenz an. Ein Kunde erzählt, wie er trotzdem ans Ersparte kam. Hannah Wilhelm Geld Bericht BRD Seite 24 kA Wie es ist, wenn die eigene Bank pleite geht. Im April meldete die Weserbank Involvenz an. Ein Kunde erzählt, wie er trotzdem ans Ersparte kam. Von Hannah Wilhelm. München – Derzeit bangen Bankkunden um ihr Erspartes – die Finanzkrise hat das Vertrauen der Menschen in ihre Hausbank getrübt. Und wohl selten ist so viel über die Einlagensicherung der Banken geschrieben worden wie in den vergangenen Tagen. Tobias Schucht weiß, wie es ist, entschädigt zu werden. Der 34-Jährige war Kunde der Weserbank, die die Bankenaufsicht Bafin im April dieses Jahres wegen Überschuldung geschlossen hatte. Insgesamt lagen 26 Millionen Euro von 2800 Kunden bei dem Bremerhavener Kreditinstitut. Tobias Schucht hatte 10 300 Euro von seinem Onkel überschrieben bekommen – ein Zuschuss für ein Haus, auf das der Vater zweier Kinder sparte. Weil er auf Nummer sicher gehen wollte, teilte er das Geld auf: 5150 Euro legte er auf ein bestehendes Tagesgeldkonto, die anderen Hälfte auf ein neu eröffnetes bei der Weserbank. 3,6 Prozent Zinsen sollte es dort geben. „Ich habe bei der Entscheidung extra darauf geachtet, das Geld bei einer deutschen Bank abzulegen – wegen der Einlagensicherung”, sagt Schucht, der als Pressereferent arbeitet. „Ich wollte ganz besonders schlau sein.” Rückblickend muss er darüber lachen. Am Nachmittag des 8. April 2008 war ihm dagegen gar nicht zum Lachen zumute. Da erfuhrt er aus dem Internet, dass die Finanzaufsicht Bafin die Weserbank geschlossen hatte. Da machte er sich doch plötzlich Sorgen um sein Geld – Einlagensicherung hin oder her. An sein Konto kam er nun nicht mehr, alles war gesperrt. Er rief bei der Bank an und landete in einem Callcenter der Bafin. Dort beruhigte man ihn: Mit der Einlagensicherung sei alles in Ordnung, er werde über das weitere Vorgehen informiert. Und so war es dann auch: Schucht bekam Post von der Bafin. „Ich musste – relativ formlos – angeben, wie viel Geld ich bei der Weserbank investiert hatte und auf welches Konto ich den Betrag erstattet bekommen möchte. Das war wirklich überraschend unkompliziert.” Merkwürdige Auszüge. Ein bisschen verwirrt war er, weil ab und zu merkwürdige Kontoauszüge von der Weserbank ins Haus trudelten. Mal stand da -5150 Euro, mal +5150 Euro darauf – aber „naja”, dachte er sich, „so eine Bank abwickeln, das machen die ja auch nicht jeden Tag”. Es ging dann auch alles gut. Rund zwei Monate nach der Pleite der Weserbank, kam eine Überweisung auf Schuchts Girokonto: 5250,19 Euro – also 5150 Euro plus Zinsen. Im Betreff stand: „Bundesverband deutscher Banken Einlegerentschädigung”. Das Geld kam aus zwei verschiedenen Quellen – so ist es bei der deutschen Einlagensicherung geregelt. 90 Prozent der Summe waren gedeckt durch die gesetzliche Entschädigungseinrichtung, den Rest übernahm der Einlagensicherungsfonds des Bundesverbandes deutscher Banken, bei dem die Weserbank Mitglied war. Davon bekam der junge Mann aber nichts mit. „Ich habe die Summe mit einem Mal erhalten”, erklärt er. Wirklich schlimm fand er den Vorfall nicht – „Hauptsache ist doch, ich habe mein Geld wieder.” Blöd wäre es nur gewesen, falls er das Geld in der Zeit zufällig gebraucht hätte. Hat er aber zum Glück nicht. Sein Vertrauen in das System hat nicht gelitten – und das Geld liegt wieder auf einem Tagesgeldkonto. Bei einem Institut mit deutscher Einlagensicherung. Eine Szene aus dem April 2008: Ein Sparer steht in Bremerhaven vor einer geschlossenen Filiale der Weserbank. Die Einlagensicherung der Banken musste für die Sparguthaben der Kunden haften. SZ 09.10.2008 Zinsen für Schätze und Baugeld sinken. kA tö Geld Meldung BRD Seite 24 kA Zinsen für Schätze und Baugeld sinken. München – Die Finanzkrise hat einen dramatischen Zinsrutsch ausgelöst. In den vergangenen zwei Monaten sind die kurzfristigen Zinsen erheblich gesunken. In dieser Woche wurden Hypothekenkredite billiger. Profiteure sind Bankkunden, die sich Baugeld für den Kauf einer Immobilie leihen. Wer dem Staat Geld leiht und sein Erspartes in sichere Bundeswertpapiere steckt, muss sich dagegen mit niedrigeren Renditen begnügen. Am Mittwoch gab die Finanzagentur der Bundesrepublik bekannt, dass die Zinsen für Finanzierungsschätze des Bundes von 3,35 auf 2,55 Prozent (ein Jahr Laufzeit) und von 3,15 auf 2,85 Prozent (zwei Jahre Laufzeit) sinken. Am 11. August, also vor knapp acht Wochen, warfen die bei Privatanlegern beliebten Papiere noch 4,45 beziehungsweise 4,4 Prozent ab. Nicht ganz so dramatisch ist der Zinsrutsch bei den Bundesschatzbriefen. Seit 11. August sank die Rendite für den Typ A (mit jährlicher Zinsauszahlung) von 4,44 auf 3,39 Prozent und für Typ B (mit Zinsansammlung) von 4,50 auf 3,5 Prozent. „Wir geben die Bewegungen am Markt unmittelbar an die Kunden weiter”, sagte ein Sprecher der Finanzagentur zur jüngsten Zinssenkung. Auch die an der Börse gehandelte Bundesanleihe mit zehnjähriger Laufzeit bringt nur noch 3,77 Prozent. Vor zwei Monaten waren es noch deutlich über vier Prozent. Am attraktivsten unter den Bundespapieren ist derzeit die Tagesanleihe mit einer Rendite von 4,26 Prozent. Hier können Kunden Geld anlegen, das täglich verfügbar sein soll. Wer bauen will, kann sich dagegen freuen. Allein in dieser Woche haben nach Angaben des Verbraucherportals biallo.de 14 Banken und Versicherungen ihre Hypothekenzinsen gesenkt. Der Biallo-Index, ein Durchschnittswert von 169 Anbietern, liegt für zehnjährige Darlehen mittlerweile bei 5,03 Prozent. Tö. SZ 09.10.2008 Neue Spielregeln für den Finanzmarkt. Industrienationen beraten über Konsequenzen. Steinbrück stellt Acht-Punkte-Plan vor. Guido Bohsem Wirtschaft Bericht global Seite 17 kA Neue Spielregeln für den Finanzmarkt. Industrienationen beraten über Konsequenzen. Steinbrück stellt Acht-Punkte-Plan vor. Von Guido Bohsem. Berlin – Die Finanzminister der sieben führenden Industrienationen der Welt (G 7) wollen am Wochenende über neue Spielregeln für die internationalen Finanzmärkte verhandeln. Der deutsche Ressortchef Peer Steinbrück (SPD) schlug in einem Brief an seine Amtskollegen insgesamt acht, zum Teil erhebliche Änderungen vor, mit denen das System reformiert und stabilisiert werden soll. Nach Angaben seines Staatssekretärs Jörg Asmussen soll es zudem noch im laufenden Jahr ein Sondertreffen der G-7-Regierungschefs zur Finanzkrise geben. Die G 7 bestehen aus den USA, Kanada, Italien, Großbritannien, Frankreich, Japan und Deutschland. Steinbrück zeichnet in seinem Schreiben ein düsteres Bild der Entwicklung. „Derzeit gibt es noch keinerlei Anzeichen für ein Ende der Krise”, heißt es in dem Brief. Die jüngste Verschärfung der Turbulenzen zeige überdeutlich, dass das Gröbste noch lange nicht überwunden sei. Die größte Herausforderung für die Industrienationen sei es nun, das Vertrauen in die internationalen Finanzmärkte wiederherzustellen. Nach seiner Auffassung ist dazu auch eine stärkere Haftung von Managern notwendig. Überall fragten sich die Menschen, welche Lasten sie infolge der Krise noch zu tragen hätten, schreibt er. „In einer solchen Situation ist es der Öffentlichkeit nicht zu vermitteln, warum die Verantwortlichen in den Unternehmen nicht für ihre Fehlentscheidungen verantwortlich gemacht werden und stattdessen teilweise mit stattlichen Abfindungen – sogenannten goldenen Handschlägen – in Millionenhöhe davonkommen.” Diese Entwicklung gefährde die Zustimmung zur Marktwirtschaft. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte zuvor ähnliche Forderungen erhoben und angekündigt, die deutschen Manager und Aufsichtsräte mit den bestehenden Gesetzen schärfer zur Rechenschaft zu ziehen. Wenn dies nicht gelinge, würden die Gesetze von der Regierung entsprechend geändert. Der Minister plädierte zudem dafür, die Bonus- und Anreizsysteme der Banken zu reformieren. So könne vermieden werden, dass Manager und Händler ungewöhnlich hohe Risiken eingingen, um mehr Geld zu verdienen. Es müsse Schluss sein mit dem „wahnsinnigen Streben” nach immer höheren Renditen. Steinbrück will sich zudem im Kreis seiner Ministerkollegen dafür einsetzen, dass Banken und Finanzinstitute nicht länger riskante Geschäfte wagen dürfen, ohne sie in ihre Bilanzen einzustellen. „Das muss in Zukunft verhindert werden”, betonte der Minister. Immerhin sei dieses Geschäftsverhalten eine der zentralen Ursachen für die Finanzkrise. Steinbrück plädiert zudem für eine bessere Zusammenarbeit der Aufsichtsbehörden. Zudem müssten die Finanzinstitute künftig einen höheren Anteil an Eigenkapital in ihren Bilanzen vorhalten. Auch sollen der Internationale Währungsfonds und das Forum für Finanzstabilität enger kooperieren und eine Frühwarnfunktion vor Krisen auf den Kapitalmärkten übernehmen. Nach Asmussens Worten will Steinbrück sich zudem dafür einsetzen, dass es zu einer Angleichung der europäischen an die amerikanischen Bilanzierungsregeln kommt. Hier gebe es durch jüngste Änderungen der amerikanischen Aufsichtsbehörde SEC eine Benachteiligung der europäischen Banken. Zentraler Ansatz sei es, eine Methode zu entwickeln, mit der auch Finanzanlagen bewertet werden könnten, für die es in Krisensituationen keinen Markt gebe. Derzeit sind die hiesigen Banken gezwungen, solche Papiere deutlich niedriger zu bilanzieren als die US-Konkurrenten. SZ 09.10.2008 Finanzkrise in Kürze. kA kA Wirtschaft Meldung BRD Seite 17 kA Finanzkrise in Kürze. Weltweit erlebten die Börsen am Dienstag einen Kursrutsch. Der Dax brach zeitweise um über acht Prozent ein. Händler in Frankfurt rechnen nicht damit, dass die Unsicherheit bald verschwinden wird. Brasiliens Präsident Lula forderte den Internationalen Währungsfonds auf, in die Krise einzugreifen. Unternehmensberater Roland Berger dagegen warnt im SZ-Interview vor Panik. Die Krise sei 2010 vorbei. Vor allem Bankaktien gerieten erneut unter Druck. Experten gehen davon aus, dass Deutsche Bank, Commerzbank und Dresdner Bank – anders als die britischen Banken – noch über genug Geld verfügen. Härter betroffen ist Unicredit. Das italienische Institut wird ein Fünftel seiner Investmentbanker entlassen, auch bei der deutschen Tochter, der Hypo-Vereinsbank. Die Krise trifft auch auf deutsche Sparer und Geldanleger. So dürften Lebensversicherungen nach Angaben von Experten nur noch eine Rendite von 4,25 statt 4,39 Prozent abwerfen. Goldman Sachs kündigte über Nacht ein Zertifikat auf Volkswagen-Aktien. Verbraucheranwälte fürchten, dass auch andere Banken ihre Zertifikate kündigen könnten. Schott Solar sagt seinen Börsengang ab. SZ 09.10.2008 Licht im Tunnel. Trotz Finanzkrise sinken die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung. Daniela Kuhr Wirtschaft Meldung BRD Seite 17 kA Licht im Tunnel. Trotz Finanzkrise sinken die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung. Von Daniela Kuhr. In diesen turbulenten Zeiten wirkt manches, was in Berlin beschlossen wird, geradezu skurril. Zum Beispiel die Senkung des Beitrags zur Arbeitslosenversicherung von 3,3 Prozent auf 2,8 Prozent, auf die sich die große Koalition am Wochenende geeinigt hat. Der Beschluss fiel ziemlich genau in dem Moment, in dem die Finanzkrise mit Wucht über Deutschland hereinkrachte. Inzwischen dürften selbst Bürger, die noch nie in den Wirtschaftsteil einer Zeitung geblickt haben, spüren, dass die Lage ernst ist. Ausgerechnet da kommt aus Berlin das Signal, dass wegen des zurückliegenden Booms Erleichterungen bei der Arbeitslosenversicherung angebracht sind. Das erinnert an einen Autofahrer, der nach der Ausfahrt aus dem Tunnel die Scheinwerfer ausknipst, obwohl der nächste Tunnel unmittelbar bevorsteht. Noch lautet die Prognose zwar, dass Deutschlands Wirtschaft im kommenden Jahr um 1,2 Prozent wächst. Doch jeder weiß, dass diese Zahl nicht zu halten ist. Die Auswirkungen der Finanzkrise werden vor keiner Branche haltmachen. Wenn Banken weniger Kredite vergeben, bekommen das alle zu spüren – irgendwann auch die Bundesagentur für Arbeit. Die Arbeitslosigkeit wird wieder zunehmen. Und weil auch die Koalition das weiß, soll der Beitrag von Mitte 2010 an wieder auf 3,0 Prozent steigen. Über diesen Zickzackkurs kann man den Kopf schütteln. Man kann aber auch den Standpunkt vertreten: Ein paar Monate Entlastung sind besser als nichts. Das gilt zumindest, solange die Bundesagentur versichert, sie könne es sich leisten. Schließlich kann auch der Autofahrer sein Licht ausknipsen, so oft er will. Hauptsache, er macht es im Tunnel wieder an. SZ 09.10.2008 Die tiefen Spuren der Krise. Unicredit streicht Investmentbanking-Geschäft zusammen. Thomas Fromm Geld Bericht BRD Seite 19 kA Die tiefen Spuren der Krise. Unicredit streicht Investmentbanking-Geschäft zusammen. Von Thomas Fromm. München – Der italienische Bankenkonzern Unicredit zieht die Konsequenzen aus der Finanzkrise und streicht sein internationales Investmentbanking-Geschäft zusammen. Demnach sollen 700 der insgesamt 3500 Arbeitsplätze in diesem Bereich im Laufe des nächsten Jahres wegfallen, sagte Unicredit-Chef Alessandro Profumo. Noch sei nicht geklärt, wo die Stellen gestrichen werden, heißt es in Mailand. Von dem Abbau betroffen sein wird in jedem Fall der Standort der Unicredit-Tochter Hypo-Vereinsbank (HVB) in München. Hier sind rund 1500 der insgesamt 3500 Stellen im Kapitalmarktgeschäft angesiedelt. München ist damit der größte Standort für das Investmentbankinggeschäft der Gruppe. Weitere Standorte sind London, Österreich, Italien und Osteuropa. Die italienische Großbank hatte ihr Investmentbanking-Geschäft Anfang 2007 auf die HVB übertragen und hier gebündelt. Seitdem sind 80 Prozent der Investmentbanking-Stellen der Unicredit bei der HVB aufgehängt. Aus Münchner Bankkreisen hieß es am Mittwoch, man plane im Kapitalmarktgeschäft „keinen Kahlschlag”. Ziel sei es vielmehr, den Abbau über eine „natürliche Fluktuation” zu erreichen. Es gehe darum, „rechtzeitig auf die Krise zu reagieren.” Wie stark der Standort München betroffen sei, könne man zurzeit noch nicht sagen. Die Kürzungen kommen nicht überraschend: Zuvor musste Profumo wegen der Finanzkrise seine Gewinnprognose nach unten korrigieren und 700 Millionen Euro an Wertberichtigungen ankündigen. Zu dem Abschreibungsbedarf kam es vor allem bei der Hypo-Vereinsbank. Außerdem plant Profumo wegen der internationalen Finanzkrise eine Kapitalerhöhung von bis zu drei Milliarden Euro. Insgesamt soll das Kapital der Bank mit bis zu 6,6 Milliarden Euro gestärkt werden. Profumos Kehrtwende Mit der Ankündigung, vor allem im Investmentbanking Hunderte von Stellen zu streichen, vollzieht der Manager eine Kehrtwende. Bislang hatte Profumo erklärt, sein Haus habe die Krise bislang gut verdaut. Der Stellenabbau ist zudem eine zusätzliche Maßnahme zu dem schon im Juni von Unicredit im Zuge der milliardenschweren Übernahme des heimischen Rivalen Capitalia angekündigten Arbeitsplatzabbaus. Damals hieß es, man wolle in Westeuropa 9000 der insgesamt 180 000 Stellen streichen. Davon sollen dann mindestens 2500 Stellen bei der Münchner HVB wegfallen. Flankierend will die HVB ihr ertrags- und wachstumsschwaches Privatkundengeschäft auf Vordermann bringen. Dafür will sie ihr Filialnetz umbauen und dabei vor allem defizitäre Geschäftsstellen ins Visier nehmen. Die Bank will einfache Dienstleistungen teilweise oder ganz automatisieren, hieß es vor einigen Wochen. Nicht zufällig ist Unicredit von allen italienischen Banken bislang am meisten von der Kreditkrise betroffen. Das Institut erwirtschaftet einen Großteil seiner Einnahmen außerhalb Italiens. Der bislang als Branchenstar gefeierte Profumo hatte am Montag erstmals erklärt, dass er die Dramatik der Finanzmarktkrise falsch eingeschätzt hatte. Am Mittwoch räumte er vor Analysten in London ein, dass er die geplante Kapitalaufstockung bereits zu Jahresanfang hätte einleiten sollen. „Hätten wir die Kapitalerhöhung Anfang des Jahres beschlossen, hätte die Bank jetzt eine andere Kapitalstärke”, sagte er. Profumo will die Kosten der Bank nun stark herunterfahren und eine Milliarde Euro einsparen. Manager des Instituts sprächen zurzeit mit möglichen Investoren für den Verkauf eines Unicredit-Anteils an dem Versicherungskonzern Generali. Mit einem Anteil von 4,67 Prozent ist Unicredit hier der zweitgrößte Aktionär. Unterdessen hat die Ratingagentur Moody’s ihre Bewertung für Unicredit um eine Stufe zurückgenommen, den Ausblick hingegen auf „stabil” von zuvor „negativ” angehoben. Die Ratings der Tochterbanken HVB und Bank Austria wurden bestätigt. Im Detail wurde das Rating für Einlagen und hochrangige Verbindlichkeiten auf Aa3 von zuvor Aa2 gesenkt, und das Finanzstärke-Rating auf C+ von zuvor B- zurückgestuft. Moody’s begründet die Entscheidung mit der Verschlechterung der Profitabilität von Unicredit und den schwierigen Marktbedingungen, denen sich die Investmentbanking-Sparte ausgesetzt sieht. Profumo musste in der vergangenen Woche mehrmals Rücktrittsgerüchte dementieren; außerdem wurde die Aktie seines Finanzkonzerns mehrmals vom Handel ausgesetzt. Allein in der vergangenen Woche war die Aktie in nur drei Tagen um 24 Prozent abgesackt. SZ 09.10.2008 Angst an den Aktienmärkten: Schlechte Nachrichten und Spekulationen um weitere Geldhäuser. Vom Glauben verlassen. Vieles spricht dafür, dass deutsche Banken besser dastehen als Institute in anderen Ländern. Doch Investoren zweifeln daran. Caspar Dohmen; Martin Hesse Geld Bericht BRD Seite 19 kA Angst an den Aktienmärkten: Schlechte Nachrichten und Spekulationen um weitere Geldhäuser. Vom Glauben verlassen. Vieles spricht dafür, dass deutsche Banken besser dastehen als Institute in anderen Ländern. Doch Investoren zweifeln daran. Von Caspar Dohmen und Martin Hesse. Düsseldorf/Frankfurt – Einen solchen Kurssturz hat die Deutsche Bank selten erlebt. Um mehr als 14 Prozent brach die Aktie der größten deutschen Bank am Mittwoch zeitweise ein und ist jetzt so billig wie auf dem Tiefpunkt der letzten Börsenbaisse Anfang 2003. Auch die Aktien der Commerzbank und der Postbank kamen zeitweise erneut unter Druck, wenn auch nicht so stark wie die der Deutschen Bank. „Das reflektiert das Misstrauen der Investoren in die Überlebensfähigkeit der Banken”, sagte Konrad Becker, Analyst bei Merck Finck. Seit die Kreditkrise in Island ein ganzes Land in den Bankrott zu reißen droht und Großbritannien gleich acht der größten Institute zum Teil verstaatlicht, halten Anleger in der Bankenwelt nichts mehr für ausgeschlossen. „Das Undenkbare ist denkbar geworden”, sagt Becker. Es gehe nicht mehr um die Gewinnentwicklung, sondern darum, ob die Banken in ein paar Monaten noch ihre Geschäfte finanzieren könnten. Woher Geld nehmen? Der Grund: Mehrere der klassischen Refinanzierungswege der Banken sind ausgetrocknet. Der Interbankenmarkt, über den sich Kreditinstitute über Nacht Geld leihen, liegt fast völlig darnieder. Hier springt die EZB seit Monaten ein. Doch den langfristigen Finanzierungsbedarf kann sie nicht decken. Banken refinanzieren sich teils durch Einlagen, bei der Postbank macht diese Finanzierung den größten Anteil aus. Auch die Deutsche Bank, schwerpunktmäßig eine Investmentbank, dehnt angesichts der Krise ihr Privatkundengeschäft massiv aus, um die Finanzierungsbasis zu stärken. Die Deutsche Bank hatte deshalb vor wenigen Wochen angekündigt, zunächst 30 Prozent an der Postbank zu erwerben. Am Mittwoch kündigte Vorstandschef Josef Ackermann zudem in London ein Wachstums- und Effizienzprogramm für das Filialgeschäft an. Bis 2012 will das Geldhaus den Gewinn in dem Segment auf zwei Milliarden Euro verdoppeln. Bei dieser zum ersten Mal genannten Zielmarke für das Privatkundengeschäft sind Zukäufe noch nicht berücksichtigt. Doch die Kundeneinlagen allein reichen zur Refinanzierung nicht. Banken holen sich Geld über Schuldverschreibungen sowie besicherte und unbesicherte Anleihen. Seit aber selbst der deutsche Pfandbriefmarkt fast eingefroren ist, der als besonders sicher gilt, greift die Angst vor Finanzierungslücken um sich. Angesichts der extremen Situation scheuen Experten die Beurteilung einzelner Banken. Einerseits gilt die Deutsche Bank als besonders anfällig, weil sie die größte Bilanzsumme hat und regelmäßig die höchsten Summen am Kapitalmarkt aufnehmen muss. Andererseits gilt ihr Risiko- und Liquiditätsmanagement als sehr gut. Im Bankenkreisen heißt es, zuletzt sei der Deutschen Bank sogar Geld von Kunden anderer Banken zugeflossen, die sichere Häfen suchten. Doch genaue Prognosen wagt niemand. Keiner will zur weiteren Verunsicherung beitragen. Gleichzeitig halten es Bankmanager aber für ausgeschlossen, dass die Branche bei einer erneuten Schieflage eines großen Instituts nochmals ein Paket in der Größenordnung wie für die Hypo Real Estate (HRE) schnüren könnte; der Immobilienfinanzierer hatte Garantien und Kredite in Höhe von 50 Milliarden Euro erhalten. „Ein HRE II für eine andere deutsche Bank wird es nicht mehr geben”, sagt ein Bankmanager. „Wir haben alles Pulver bei der HRE verschossen”, sagt ein Bankexperte. Bei einer erneuten Schieflage werde der Bundesregierung keine andere Wahl bleiben, als Banken zu verstaatlichen, heißt es in Finanzkreisen. Zu diesem Instrument mussten bereits die englische und die isländische Regierung greifen. Allerdings steht das deutsche Bankensystem aus einer Reihe von Gründen stabiler da. Lange wurde der deutsche Bankenmarkt mit seinen drei Säulen der privaten Geschäftsbanken, Genossenschaftsbanken und Sparkassen wegen seiner Zersplitterung kritisiert. Doch in der Krise ist es ein Vorteil. So gibt es nur wenige unter den Spekulationen besonders leidende börsennotierte Banken, von denen ein Risiko für das gesamte Bankensystem ausgeht – neben der Deutschen Bank sind dies vor allem noch die Dresdner Bank und die Commerzbank. Und glaubt man den Experten, dann verfügt das Trio über ausreichend Liquidität in diesem Jahr. Problematisch werden könnte es allerdings, wenn die Finanzkrise auch noch weit bis in das kommende Jahr anhält; dann müssen Banken sich nämlich wieder neues Geld leihen. Besonders unter Druck sind Institute, die langfristige Geschäfte wie die HRE mit kurzfristigen Geldern finanziert haben. „Das ist wie ein Pfropfen in der Blutbahn”, sagt ein hochrangiger Sparkassenfunktionär. Notwendig sei jetzt, dass mit dem IWF-Treffen neues Vertrauen entstehe. Keinen Einfluss hat die Bankenkrise bislang auf die Übernahmevorhaben unter großen Banken: So gibt es für die Deutsche Bank bei der Postbank kein Zurück. „Eine solche Möglichkeit geben die Verträge nicht her”, heißt es in Postkreisen. Zudem hatte die Deutsche Bank für den Einstieg bei der Postbank bereits eine Kapitalerhöhung durchgeführt. Auch die Commerzbank werde sich nur dann von der Übernahme der Dresdner Bank abbringen lassen, heißt es in Frankfurt, wenn sie in ihrer Existenz bedroht sei. Bisher läuft alles nach Plan, signalisiert die Bank. „Und die Allianz wird die Dresdner Bank selbst dann nicht zurückhaben wollen, wenn sie am Ende von der Commerzbank weniger dafür bekommt”, sagt ein Beobachter. Schließlich könne sie das Institut derzeit woanders überhaupt nicht loswerden. Ein Ausflugsschiff vor dem Frankfurter Bankenviertel: So manches Geldinstitut sucht derzeit einen sicheren Hafen. SZ 09.10.2008 Startschuss ins Unheil. Die asiatischen Handelsplätze waren am Mittwoch Vorreiter. Christoph Neidhart Geld Bericht Asien Seite 20 kA Startschuss ins Unheil. Die asiatischen Handelsplätze waren am Mittwoch Vorreiter. Von Christoph Neidhart. Tokio – Im Osten geht die Sonne auf, deshalb nahm das Unheil am Mittwoch in Japan seinen Lauf. Der Leitindex Nikkei 225 brach dort um 9,4 Prozent ein. Er schloss bei 9203 Punkten, so niedrig wie seit Juni 2003 nicht mehr. Zuletzt ist der Nikkei am Schwarzen Montag im Oktober 1987 so deutlich gefallen. Mit dem massiven Einbruch reagierte die Tokioter Börse auf den Kursverfall an der Wall Street vom Dienstag. Es gab vor allem keine Käufer, während viele Investoren in Panik verkaufen. Einige Fonds mussten Aktien abstoßen, weil sie geschlossen werden. Besonders betroffen waren die großen japanischen Exportfirmen; sie rutschten alle deutlich ab, angeführt von Toyota mit einem Verlust von fast 12 Prozent. Nissan verlor 9,9 Prozent. Sony fiel um 12,3 Prozent und Toshiba um 7,2 Prozent. Investoren erwarten, dass wegen der weltweiten Finanzkrise Japans Exporte in den Westen zurückgehen. Sie dürften von den wachsenden Wirtschaften der Schwellenländer, vor allem Chinas und Indiens, nur zum Teil wettgemacht werden. Die Bank of Japan schoss auch am Mittwoch, wie regelmäßig in den letzten Wochen, Liquidität in den Markt. Am Mittwoch waren es 2,1 Billionen Yen, etwa 14 Milliarden Euro. Zentralbank-Chef Masaaki Shirakawa lehnte eine Senkung der Leitzinsen am Mittwoch ab. Der Zins müsse den Zustand der Binnenwirtschaft reflektieren. Und diese sei stabil. Finanzminister Shoichi Nakagawa betonte, die japanischen Banken seien vergleichsweise gesund. Sie sehen in der Finanzkrise eher eine Chance, ausländische Institute billig zu übernehmen. Die Finanzkrise selbst hat Japan bisher wenig getroffen. Die japanische Zentralbank hätte allerdings gar keine Möglichkeit, ihren Leitzins markant zu senken. Er steht bei einem halben Prozent. Auch die Politik vermag die Investoren nicht optimistischer zu stimmen, zumal kein baldiges Ende des politischen Patts zwischen der regierenden liberaldemokratischen LDP und der Opposition abzusehen ist. Beim Treffen der G-7-Finanzminister am Freitag will Japan die Partnerstaaten auffordern, aus den Fehlern Tokios in den 90er Jahren zu lernen und den Banken rasch und großzügig öffentliche Gelder zur Verfügung zu stellen. Auch die anderen Börsen Ostasiens sackten ab, Seoul und Taipeh um 5,8 Prozent. Die indonesische Börse in Jakarta musste den Handel vorübergehend stoppen, weil der Index um mehr als zehn Prozent gefallen war. In Taipeh stürzte der Börsenindex auf das Niveau vom Sommer 2003. In Hongkong brach der Hang Seng um 8,2 Prozent ein, die Monetary Authority, de facto die Zentralbank von Hongkong, kündigte nach Börsenschluss überraschend eine Zinssenkung um einen ganzen Punkt auf 2,5 Prozent an. Manche Analysten versprachen sich davon wenig: Angesichts der weltweiten Unsicherheit hielten die Hongkonger Banken lieber Bargeld. SZ 09.10.2008 Tsunami und Pearl Harbour. An der Wall Street schlagen die Kurse heftig aus – aber die Zinssenkung verhindert Schlimmeres. Moritz Koch Geld Bericht USA Seite 20 kA Tsunami und Pearl Harbour. An der Wall Street schlagen die Kurse heftig aus – aber die Zinssenkung verhindert Schlimmeres. Von Moritz Koch. New York – Es ist ein kühler Herbsttag in New York. Die Spitzen der Hochhäuser an der Wall Street leuchten im Glanz der Morgensonne, die Straßenschluchten darunter liegen noch im tiefen Schatten, als die Händler aus den U-Bahn-Schächten strömen. Es sind Männer mit blauen Jacken und bleichen Gesichtern, gezeichnet vom Stress der vergangenen Wochen. Das Fernsehen erwartet die Broker bereits. „Sind Sie nervös, wird es heute weiter abwärtsgehen”, wollen die Reporter wissen. Sie haben eine Live-Schaltung fürs Frühstücksprogramm vorbereitet vom Krisenschauplatz im Herzens Manhattens. Doch sie bekommen keine Antwort. Stumm gehen die Händler auf die Sicherheitsschleuse vor der New Yorker Börse zu. Unter dem riesigen Sternenbanner an der Fassade rauchen sie hastig noch eine Zigarette oder schütten einen Kaffee im Pappbecher hinunter. Nur Rick will reden. Er macht an einem Bagel-Imbissstand Halt und kramt nach Geld in seinen Taschen. „Ja, ja”, sagt er, „die Zentralbanken haben die Zinsen gesenkt, aber das reicht nicht, um das Vertrauen an den Märkten wieder aufzubauen. Es wird ein langer Weg zurück in die Normalität, wir können ja auch den Kampf gegen den Klimawandel nicht über Nacht gewinnen.” Auch beim Frühstück im „Mangia” gibt es kein anderes Thema als die Finanzkrise. Keine 100 Meter ist das Café von der Börse entfernt. Es gibt Rührei, Speck und dicke Würstchen. Ein Mann im dunklen Nadelstreifen sagt seinen Kollegen: „Es herrscht nackte Angst am Markt. Es gibt keine andere Erklärung mehr für das, was hier geschieht.” Seit dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehmann Brothers haben sich in den USA die Ereignisse überschlagen. Der weltweit größte Versicherer AIG wurde quasi verstaatlicht, die Banken Merrill Lynch, Washington Mutual und Wachovia notverkauft. Von einem Tsunami an den Märkten sprechen die Amerikaner inzwischen oder von einem finanziellen Pearl Harbour, einem Angriff auf den Wohlstand des Landes. Nur dass dieser Angriff nicht von Fremden ausging, sondern von der eigenen Gier, die die Wall Street jahrzehntelang regierte und nun in die Katastrophe führte. Die Aktienkurse schlagen heftig aus an diesem Handelstag. Der Dow-Jones-Index verliert zu Handelsbeginn eineinhalb Prozent, schießt dann nach oben, um kurz darauf wieder abzustürzen. Rick hat recht. Die Notoperation der Zentralbanken hat die Märkte nicht beruhigt. Noch bevor die Börse in New York öffnete, hatten Notenbanken in Europa, Asien und Amerika die Zinsen fast gleichzeitig gesenkt. Zuletzt hat es eine solche koordinierte Aktion am 11. September 2001 gegeben. Vielleicht wurde am Mittwoch auf diese Weise ein globaler Crash verhindert, der Zusammenbruch des Weltfinanzsystems. Die Furcht, die Sorgen und das Misstrauen der Investoren haben die Notenbanken aber noch lange nicht aus der Welt geschafft. Die Hoffnung der Händler in New York ruht jetzt auf dem 700 Milliarden Dollar schweren Rettungsprogramm, das der Kongress in Washington am vergangenen Freitag beschlossen hat. Das US-Finanzministerium kann nun den Banken die faulen hypothekengedeckten Wertpapiere abkaufen, die der Auslöser der globalen Finanzepidemie waren. Doch es wird noch Wochen dauern, bis der Plan in die Tat umgesetzt wird. Und niemand weiß, ob die vorgesehene Summe ausreicht. Die Panik an den Märkten könnte also noch weiter wachsen, das Schlimmste noch bevorstehen. Illustration: h1-daxl.de Die Hand geschockt vorm Mund: Börsenhändler an der Wall Street. SZ 09.10.2008 „Wir werden die Krise bis 2010 überstanden haben”. Unternehmensberater Roland Berger über die Probleme der Banken, den Ruf nach mehr Staat, die Ethik der Manager und die wachsende Ungleichheit in Deutschland. Marc Beise; Carsten Matthäus Wirtschaft Bericht BRD Seite 18 kA „Wir werden die Krise bis 2010 überstanden haben”. Unternehmensberater Roland Berger über die Probleme der Banken, den Ruf nach mehr Staat, die Ethik der Manager und die wachsende Ungleichheit in Deutschland. Roland Berger, 70, ist Deutschlands bekanntester Unternehmensberater. Der Wahlmünchner hält engen Kontakt zu Konzernchefs und Spitzenpolitikern. In der Aufregung um die Finanzkrise warnt er vor Dramatisierung. Die Probleme seien groß, aber zu überwinden. Notfalls müsse der Staat Banken zeitweise verstaatlichen. SZ: Herr Berger, gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Krise wird in Deutschland über Gerechtigkeit diskutiert. Sehen Sie eine Gerechtigkeitslücke zwischen bildungsnahen und bildungsfernen Schichten? Berger: Ja, und das verletzt meinen Gerechtigkeitssinn und bereitet mir Sorgen. Denn die Stabilität unserer Gesellschaft hängt wesentlich davon ab, dass sich alle Mitglieder in ihr aufgehoben fühlen. Diese Ordnung gerät aber in Gefahr, wenn die Realeinkommen der Mehrheit der Bevölkerung stagnieren oder ganz sinken, wie es seit 1990 der Fall ist, und die Verteilungsspielräume aufgrund der Globalisierung immer enger werden. Dann wird es natürlich als zunehmend ungerecht empfunden, wenn Führungskräfte ihre Einkommen weit überproportional steigern können – auch wenn ihre Leistungen dies objektiv rechtfertigen. SZ: Sind Manager zu gierig? Sollten sie auf Teile ihres exorbitanten Einkommens verzichten? Erst recht auf Abfindungen im Falle des Scheiterns? Berger: Da muss man unterscheiden. Wenn der Markt es erfordert, ist es in Ordnung, wenn für herausragende Leistung hohe Einkommen gezahlt werden. Wenn ein Manager Arbeitsplätze schafft, sein Unternehmen durch Krisen manövriert oder hohe Gewinne erwirtschaftet, dann soll er dafür überdurchschnittlich entlohnt werden. Inakzeptabel wird es, wenn er seine Firma in den Ruin treibt und trotzdem mit Millionensummen abgefunden wird. SZ: Wie es in den USA ständig geschieht, aber auch in Deutschland. Berger: Vor allem in den USA. Andererseits sind die Strafen dort gnadenlos, wie wir es bei Enron, Tyco oder Worldcom beobachten konnten. Ein Manager, der veruntreut, landet dort schnell im Gefängnis, in Armut und sozialer Ächtung. SZ: Können die USA für Deutschland als Wirtschaftsmodell überhaupt noch als Vorbild gelten? Berger: Nicht als Gesamtsystem, dafür sind die Kulturen zu unterschiedlich. Wenn dort ein Warren Buffett oder Bill Gates riesige Vermögen anhäufen, verstehen Amerikaner das als Ansporn, es ihnen nachzutun, und nicht als Grund, neidisch zu sein. Selbst ein einfacher Arbeiter hofft darauf, dass sein Kind der nächste Gates oder Buffett werden könnte. Und das ist keine Utopie. Sollte Barack Obama wirklich Präsident der Vereinigten Staaten werden, wäre das eine neue fabelhafte Erfolgsgeschichte amerikanischer Prägung. Entsprechend tönt in den USA der Ruf nach staatlichen Eingriffen weniger laut als in vielen europäischen Ländern. SZ: In Deutschland wird der Ruf nach dem Staat immer lauter. Die Finanzkrise zeige doch, sagen manche, dass die Marktwirtschaft nicht funktioniere. Berger: Der Markt funktioniert: Unser gesamter Wohlstand beruht darauf. In einem Teilbereich allerdings, dem Finanzsystem, gibt es derzeit eine Strukturkrise, die gravierende Schäden in der Realwirtschaft nach sich ziehen kann. Hier kann staatliche Intervention helfen, Schlimmeres zu verhindern. SZ: Was heißt staatliche Intervention? Berger: Der Staat muss konsequent sein und die Banken anteilig oder gar komplett übernehmen - so wie das gerade in Großbritannien geschieht. Damit würden die bisherigen Aktionäre ihr Geld und die Manager ihren Job verlieren, was beides in ihrem unternehmerischen Risiko liegt. Ist die Krise vorbei, wird das Unternehmen wieder privatisiert, und der Staat hat als Treuhänder des Steuerzahlers womöglich kein Geld verloren oder jedenfalls weniger als erwartet. Er fungiert in diesem Fall eher als Brückenbauer und verletzt das marktwirtschaftliche Ordnungssystem nicht nachhaltig. SZ: Wie konnte es zur Finanzkrise kommen? Berger: Zum einen muss man wohl sagen, dass der frühere Finanzguru, Ex-Notenbankchef Alan Greenspan, das Finanzsystem über viele Jahre mit überreichlich Liquidität zu niedrigen Zinsen versorgt hat. So ist ein Überfluss an Gewinnmöglichkeiten entstanden, der Menschen dazu verleitet hat, zu hohe Risiken zu niedrigen Preisen einzugehen. Zum anderen haben laxe Regulierungen ermöglicht, kreative Finanzinnovationen mit hohen Gewinnchancen auf den Markt zu bringen. Das wiederum hat offenbar einen ungesunden Spieltrieb geweckt. Die Krise zeigt zudem einmal mehr, dass die Wirtschaft Zyklen unterliegt. Immer wieder entstehen große Spekulationsblasen, die schließlich platzen: heute in den USA, zuvor in Russland, Asien und Südamerika, heute bei Finanzinvestitionen, gestern bei Immobilien und morgen vielleicht bei Rohstoffen. SZ: Also lauten die beiden Lehren aus der Krise: Wir brauchen weniger Liquidität und mehr Regulierung . . . Berger: So einfach ist es nicht. In einer funktionierenden Wirtschaft geschieht Innovation. Das können neue Produkte sein, neue Dienstleistungen, aber eben auch neue Finanzprodukte. Wie reale Produkte auch können sie dem Kunden nützen, aber gefährliche Nebenwirkungen haben – wie ein Arzneimittel. Erst erlebt man den Nutzen, dann erfährt man die Nebenwirkungen, was den Staat zur Regulierung veranlasst. Deshalb wird aber niemand Innovationen, die uns nutzen, a priori regulieren oder gar verbieten wollen. Das sieht man etwa bei Private Equity: Meistens steigern die Investoren zunächst Wachstum und Produktivität der Unternehmen. Überschreiten dann aber die Zinsen durch zu hohe Verschuldung der Unternehmen den Margenzuwachs, entsteht wirtschaftlicher Schaden. Der Staat sollte dann in Kenntnis dieser Finanzinnovation regulieren, etwa indem er die Verschuldungshöhen begrenzt und eine Transparenz wie am Kapitalmarkt verordnet. SZ: Hat die Krise nicht das Vertrauen in das Bankwesen zerstört? Berger: Das würde ich so nicht stehen lassen. Denken Sie an Goldman Sachs in den USA, die von der Krise relativ unberührt geblieben sind. Oder an Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann. Beider Ruf ist heute ja vorbildlich. Die bisher teuerste deutsche Krise ist die der staatlichen IKB und damit verbunden die der staatlichen KfW und Landesbanken. Sogar die private Hypo Real Estate hat sich erst durch die Übernahme der Depfa-Bank an einer ehemals staatlichen Tochter verhoben. Derzeit gelten in Deutschland die privaten Großbanken neben Sparkassen und Genossenschaftsbanken eher als Garanten für Stabilität. SZ: Also alles nicht so schlimm? Berger: Natürlich müssen wir damit rechnen, dass diese Finanzkrise auf die Realwirtschaft durchschlägt – das war ja bei Krisen in Asien, Südamerika oder Russland nicht anders. Und offenbar macht uns die steigende Nachfrage der Schwellenländer nicht so unabhängig vom Rest der Weltwirtschaft, wie ich das schon gehofft hatte. Klar ist jedenfalls, dass wir im kommenden Jahr deutlich zu wenig Wachstum haben werden, um neue Beschäftigung zu generieren. Wir werden also bezahlen müssen. Dennoch denke ich, wir werden die Krise bis 2010 überstanden haben. SZ: Und dann einfach weitermachen wie bisher? Berger: Nein, jede Krise bringt ja Chancen mit sich. Wir können jetzt mehr Ordnung ins internationale Finanzsystem bringen. Wenn der Staat durch Rettungsaktionen wirklich Geld verlieren sollte, dann ist das deutlich zu kommunizieren und muss Folgen haben für die Akteure, d.h. private Aktionäre und Manager. In einer Krise werden die Marktteilnehmer wieder an ihre eigentliche Verantwortung erinnert, zusammen für das Gemeinwohl zu sorgen. In Deutschland können wir uns überdies auf unsere Stärken zurückbesinnen. Wir haben ja gerade außerhalb des Finanzsektors eine starke Wirtschaft mit unseren stärksten Unternehmen. Deshalb sind wir immer noch Exportweltmeister. SZ: Zurück zur Bodenständigkeit? Berger: Das habe ich damit gemeint. Aber das wird wieder nur zeitweise beruhigen. Das nächste Rauschmittel, das zur Euphorie hinreißt, kommt bestimmt. Unsere freiheitliche Wirtschaftsordnung wird sich immer auf und ab bewegen und Übertreibungen provozieren. Es kommt nur darauf an, aus den Fehlern schnell zu lernen. SZ: Sind Sie wirklich so optimistisch? Berger: Was die Selbstregulierungskräfte in einer sozialen Marktwirtschaft mit einer ordnungspolitisch klaren Arbeitsteilung zwischen Privatwirtschaft und Staat angeht, ja. Mehr Sorgen bereiten mir politische Fragen. Angesichts des stärker werdenden Fundamentalismus – auf beiden Seiten – und immer vehementerer nationaler und internationaler Verteilungskämpfe können wir 60 Jahre Frieden in Europa wohl nicht einfach so fortschreiben: Bewährte Mittel gegen den Terrorismus haben wir nicht. Interview: Marc Beise, Carsten Matthäus „Das nächste Rauschmittel kommt bestimmt.” Die Langfassung mit Video im Internet: www.sueddeutsche.de/wirtschaft Roland Berger ist Urgestein unter den Unternehmensberatern. Die von ihm 1967 gegründete „Roland Berger Strategy Consultants” mit 36 Büros in 25 Ländern ist die einzige Strategieberatung europäischen Ursprungs unter den Top-Fünf der Welt. SZ 09.10.2008 Aus allen Wolken gefallen. kA elju Meinungsseite Kommentar Island Seite 4 kA Aus allen Wolken gefallen. Island stand einmal ganz oben. Das Land gehörte zu den wohlhabendsten der Welt, die Währung war stabil, das Einkommensniveau hoch. Nichts konnte scheinbar diese Insel der Glückseligkeit aus der Ruhe bringen. Arrogant blickte die konservative Regierung in Reykjavik stets auf die Europäische Union herab. Brüssel galt als Bremsklotz, der dem rasanten Aufstieg des Landes bloß im Wege stehen würde. Europa – nein, danke! Man war sich selbst genug. Dabei wäre das Ersuchen um einen EU-Beitritt genau das politische Zeichen, welches das Land jetzt im Zuge der internationalen Finanzkrise dringend benötigen würde. Denn derzeit steht Island nicht nur kurz vor dem Staatsbankrott, es steht auch ziemlich alleine da. Während die EU zur Beruhigung ihrer 500 Millionen Bürger ihren größten Banken eine Überlebensgarantie gibt, wartet man in Reykjavik auf ein zweifelhaftes, weil politisch motiviertes Darlehen aus Russland, das in der bisher genannten Höhe von vier Milliarden Euro auch noch wirkungslos verpuffen dürfte. Islands Blick aber sollte sich nicht nach Osten, sondern auf die westlichen Industriestaaten richten. Viel zu lange hat die Regierung von Premier Geir Haarde die Rufe nach einem EU-Beitritt missachtet, obwohl schon seit Monaten abzusehen war, dass Island mit seiner kleinen, frei handelbaren Währung und den aufgeblähten Banken ins Zentrum der Finanzkrise rücken würde. Stattdessen wollte Haarde den Euro einführen, jedoch ohne EU-Beitritt. Halbe Sachen kann es aber nicht geben, auch für Island nicht. So wäre es an der Zeit, dass die Insel sich endlich aus der politischen Isolation befreit.Denn der EU die kalte Schulter zu zeigen, kann sich das Land schlicht nicht mehr leisten. elju SZ 09.10.2008 Blick in die Presse. Schwerste Krise seit 80 Jahren. kA Meinungsseite Zitat BRD Seite 4 kA Blick in die Presse. Schwerste Krise seit 80 Jahren. Die Pariser Zeitung Le Monde kritisiert das Nein der Bundesrepublik zu einem gemeinsamen Plan der EU in der Bankenkrise: „Der Widerstand Berlins ist umso weniger verständlich, als auch das deutsche Bankensystem wankt. Dessen unerwartete Schwäche gefährdet das gesamte Finanzsystem auf dem Alten Kontinent. Als ob die Welt nicht die schwerste Finanzkrise seit 80 Jahren erlebte.” Hüter des Gemeinwohls. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt zur Wiederentdeckung des Staates: „In der Finanzkrise schlüpft nun der Staat wieder in seine altbekannte Rolle als Hüter des Gemeinwohls. Nicht nur Sozialisten erinnern sich an gar nicht so entlegene Vorschriften des Grundgesetzes: Es gewährleistet das Eigentum, erlegt aber auch die Pflicht auf, ,sein Gebrauch soll zugleich dem Wohl der Allgemeinheit dienen‘. Kein Recht ohne Pflicht. Der Markt selbst kann womöglich manches, aber offenbar kein Vertrauen herstellen.” Es lebe die große Koalition! Die Bild-Zeitung kommentiert die möglichen politischen Folgen der Krise: „Es geht abwärts: Börsenkurse fallen wie Bleikugeln, Banken kollabieren. Nur eine Aktie steigt: der Wert der Großen Koalition in Berlin! Große Probleme brauchen große Mehrheiten. Sollte sich die Weltwirtschaft nicht rasch fangen, steigt die Lust der Wähler, Union und SPD 2009 zum gemeinsamen Weiterregieren zu verurteilen. Ob sie wollen oder nicht.” SZ 09.10.2008 Rückwärtsfahren im Leerlauf. Besonders bei den teuren Autos bricht weltweit der Absatz ein. Karl-Heinz Büschemann. Themen des Tages Kommentar BRD Seite 2 kA Rückwärtsfahren im Leerlauf. Besonders bei den teuren Autos bricht weltweit der Absatz ein. Von Karl-Heinz Büschemann. Im Büro des Porsche-Managers in Stuttgart-Zuffenhausen läuft an diesem Mittwochvormittag das Programm von ntv. Eine Katastrophenmeldung über stürzende Aktienkurse nach der anderen flimmert über den Bildschirm. Als dann die Meldung läuft, die russischen Börsen seien wegen der Panikverkäufe der Aktionäre geschlossen worden, tut der Mann einen tiefen Seufzer. „Solche Nachrichten sind Gift für unseren Absatz.” Bislang galt Russland für den kleinen Sportwagenhersteller als eine sichere Bank. Wenn irgendwo ein Markt nachgab, glich Russland den Schwund locker aus. Die Stuttgarter fanden bis zuletzt genügend Reiche, die ihnen ihre 100 000 im Jahr produzierten Gelände- und Sportwagen abkauften. Das scheint vorbei zu sein. „Auch wir können uns nicht gegen die Weltwirtschaft stemmen”, räumt Porsche-Chef Wendelin Wiedeking ein. Die globale Finanzkrise, die lange ein Problem von Bankkonzernen und Versicherungen zu sein schien, ist in der realen Wirtschaft angekommen. In Deutschland erwischt sie die Autoindustrie als eine der wichtigsten Branchen zuerst. Alle heimischen Hersteller spüren die Flaute auf dem Markt. Einige müssen Fabriken zeitweilig schließen. Andere korrigieren ihre Verkaufsprognosen nach unten. „Die Finanzkrise führt dazu, dass die Menschen in Europa sich beim Autokauf zurückhalten”, sagte ein Sprecher von Opel in Rüsselsheim. Auf dem gesamten Kontinent fährt die Branche rückwärts. Der zum Ford-Konzern gehörende schwedische Autohersteller Volvo gab am Mittwoch wegen sinkender Nachfrage die Entlassung von weiteren 3000 Mitarbeitern bekannt und erhöht damit die Stellenstreichungen auf insgesamt 6000. Der Grund sei die „schnell einbrechende Marktlage der weltweiten Autoindustrie”, wie es Unternehmenschef Stephen Odell ausdrückt. Opel, die deutsche Tochter des US-Autokonzerns General Motors (GM), will das Werk in Bochum mit 5000 Beschäftigten und die Fabrik in Eisenach, in der 1800 Menschen arbeiten, für zwei bis drei Wochen stilllegen. Damit soll die Jahresproduktion um etwa 40 000 Fahrzeuge gesenkt werden. Auch in GM-Werken in Polen, England, Spanien und Belgien soll zeitweise die Arbeit eingestellt werden. Ford will in Deutschland die Fertigung „leicht” reduzieren. Der lange vom Erfolg verwöhnte Münchner Autohersteller BMW erlitt im September einen ungewöhnlich hohen Nachfrageeinbruch von 14 Prozent im Vergleich zum selben Monat 2007. In Amerika ging der Absatz im September sogar um ein Viertel zurück. In Westeuropa betrug das Absatzminus 16 Prozent. Das sind Zahlen, auf die BMW mit einer viertägigen Einstellung der Produktion im Werk Leipzig Ende Oktober reagiert. Auch in anderen Fabriken soll die Produktion zeitweilig ruhen. BMW will in diesem Jahr etwa 20 000 bis 25 000 Autos weniger produzieren als im Vorjahr, und Konzernchef Norbert Reithofer ist auch für die nähere Zukunft zurückhaltend: „2009 wird für die Industrie schwierig.” VW bremst angesichts der unsicheren Lage auf den Finanzmärkten die Pläne zum Bau neuer Fabriken. „Weitere Ausbaustufen werden wir hinten anstellen, bis wir eine Verbesserung der Lage haben”, sagte Hans Dieter Pötsch, der Finanzchef des Konzerns. Die Rahmenbedingungen hätten sich „erheblich verschlechtert”. Die tschechische VW-Tochter Skoda will die Produktion einschränken und in diesem Jahr 13 000 Fahrzeuge weniger bauen als geplant. Bei Mercedes greifen die Käufer bevorzugt zu kleineren Modellen wie dem Smart. Das Stuttgarter Unternehmen teilte mit, sein Absatz sei im September insgesamt um zwei Prozent gefallen. „Die Weltautomobilmärkte bewegen sich in Richtung Rezession trotz der Wachstumsmärkte in Asien und Osteuropa”, erklärt dazu das CAR-Center Automotive Research der Fachhochschule in Gelsenkirchen. Da die Branche inzwischen selbst in Wachstumsländern wie China, Indien und Brasilien viel zu hohe Fertigungskapazitäten aufgebaut habe, die jetzt nur noch schwer ausgelastet werden könnten, sei die Lage „besonders brisant”. Aus allen Unternehmen ist zu hören, dass die von der Finanz- und Bankenkrise verunsicherten Kunden einfach warten und den Neukauf eines Autos verschieben. Auch bei den einst bestens verdienenden Investmentbankern in London oder New York, die lange zur Stammkundschaft von Porsche gehörten, sitzen Dollar und Pfund nicht mehr so locker wie früher. Viele von ihnen wurden entlassen. „Die haben wir als Kunden wohl verloren”, meint ein Porsche-Mann. Aber auch der Normalkunde wartet ab. Entweder sorgt er sich um die Zukunft und spart, oder er bekommt keine Finanzierung, weil die Banken nicht mehr so leicht wie früher die Kredite gewähren. Damit ist der Automarkt derzeit mehr oder weniger am Ende. „Bei den Händlern herrscht gähnende Leere”, berichtet Ferdinand Dudenhöffer vom CAR Institut in Gelsenkirchen. Der deutsche Automarkt wird nach den CAR-Schätzungen in diesem Jahr wahrscheinlich um ein bis zwei Prozent zurückgehen. Aber andere Länder sind noch viel schlimmer dran, weil in diesen Ländern die Immobilienkrise besonders heftig ist. Der Autoabsatz auf dem spanischen Markt liegt im Moment 44 Prozent unter dem Vorjahreswert. Nach den Schätzungen von CAR wird der italienische Markt in diesem Jahr um mindestens 14 Prozent einbrechen. Die USA werden wahrscheinlich 13 Prozent einbüßen, England wird mit fünf bis sechs Prozent unter dem Vorjahreswert liegen. Kein Wunder, dass sich die Autohersteller derzeit nur zurückhaltend über ihre Geschäfte äußern. „Wir bewegen uns weiterhin in einem sehr schwierigen Marktumfeld in Westeuropa”, heißt es in einer Erklärung von Daimler. Für BMW sagt der Vertriebschef Ian Anderson: „Die Situation bleibt angespannt.” Die Zuspitzung der Finanzkrise führe in jüngster Zeit auch im Premiumsegment „zu einer Kaufzurückhaltung”. Er erwarte aber, „dass die Nachfrageschwäche nur vorübergehender Natur ist”. Bald steht hier das Fließband still: Der lange vom Erfolg verwöhnte Automobilhersteller BMW wird das Werk in Leipzig für ein paar Tage schließen. SZ 09.10.2008 Die Krise der Autoindustrie. kA kA Themen des Tages Meldung BRD Seite 2 kA Die Krise der Autoindustrie. Produktionskürzungen, Absatzprobleme, Fabriken, die vorübergehend geschlossen werden: Die globale Finanzkrise ist in der realen Wirtschaft angekommen. Erstes Opfer: die Autoindustrie. Alle großen Marken leiden unter schwacher Nachfrage, in Amerika wie in Europa. Der starke Motor, der vor Monaten noch den Export in ungeahnte Höhen getrieben hat, ist ins Stottern geraten. Das hat Auswirkungen auf die Situation weltweit: Experten rechnen für das Jahr 2009 nur noch damit, dass es kein Wirtschaftswachstum mehr geben wird. SZ 09.10.2008 Sarkozy will europäische Antwort auf Finanzkrise. Frankreichs Präsident verlangt „koordiniertes Vorgehen”, Russland möchte sogar die Schwellenländer einbeziehen. Gerd Kröncke; Stefan Braun Politik Bericht Europa Seite 8 kA Sarkozy will europäische Antwort auf Finanzkrise. Frankreichs Präsident verlangt „koordiniertes Vorgehen”, Russland möchte sogar die Schwellenländer einbeziehen. Von Gerd Kröncke und Stefan Braun. Paris/Berlin – Die EU-Staaten bereiten nach Worten des französischen Staatschefs Nicolas Sarkozy ein koordiniertes Vorgehen gegen die Finanzkrise vor. „Frankreich und die europäische Präsidentschaft arbeiten an dieser globalen, koordinierten Antwort”, sagte EU-Ratspräsident Sarkozy am Mittwoch im französischen Evian kurz nach der Zinssenkung der führenden Notenbanken. „In den kommenden Stunden werden wir konkrete Ergebnisse haben.” Der russische Präsident Dmitrij Medwedjew sprach sich in Evian für einen erweiterten Gipfel der G-8-Staaten aus. Große Schwellenländer wie China, Indien und Brasilien müssten einbezogen werden. Als die private World Policy Conference in Evian vorbereitet wurde, hatten die Veranstalter gewiss nicht geglaubt, dass ihre Tagung so brisant werden würde. Medwedjew begrüßte dort Sarkozys Idee, ein multinationales Treffen zur Lösung der Finanzkrise zu organisieren. Für den russischen Präsidenten ist es „völlig klar, dass die Zeit für neue Lösungen gekommen ist”. Zuvor hatte Großbritanniens Premierminister Gordon Brown erklärt, er habe den Partnern ein „europäisches Finanzierungsprogramm” vorgeschlagen. Eine Initiative für einen EU-weiten Rettungsfonds war am vorigen Wochenende beim Minigipfel im Elysée-Palast zunächst von Frankreich und Italien vorgeschlagen, aber von Deutschland ebenso wie von Großbritannien zurückgewiesen worden. Brown scheint sich unterdessen eines anderen besonnen zu haben. Die Elysée-Konferenz hatte das Verhältnis zwischen Merkel und Sarkozy getrübt. Die Zeitschrift Canard enchaîné berichtete, Sarkozy sei „stinksauer” auf die deutsche Kanzlerin, weil sie einen gemeinsamen EU-Fonds abgelehnt habe. „Vielleicht war das ein Fehlschlag”, soll Sarkozy am Montag gesagt haben, „aber nicht meiner. Es ist der von Merkel”. Geradezu schadenfroh habe Sarkozy reagiert, als die deutsche Kanzlerin vom drohenden Scheitern der Rettungspläne für die angeschlagene Bank Hypo Real Estate überrascht wurde. Inzwischen allerdings hat es zwischen dem Elysée und dem Berliner Kanzleramt Gespräche gegeben. Darin sei von Missstimmungen keine Rede gewesen. „Wir haben beruhigende Signale bekommen, dass es keine Verstimmung gibt zwischen Paris und Berlin”, sagte ein Regierungssprecher der Süddeutschen Zeitung. Für Mittwochabend war zudem ein Telefonat zwischen Merkel und Sarkozy vorgesehen. In Berlin weist man darauf hin, dass es auf beiden Seiten des Rheins das Bestreben gebe, eng zusammenzuarbeiten. Nur in der Frage, ob man einen gemeinsamen Fonds direkt mit Steuergeldern aus EU-Staaten fülle, würden die Meinungen auseinandergehen. Berlin hält das für einen falschen Weg und sieht für einen solchen Schritt auch keine Mehrheit im Bundestag. Zu heftigen Verstimmungen war es gekommen, nachdem die französische Finanzministerin Christine Lagarde in einem Interview mit dem Handelsblatt für eine Art Rettungsfonds nach amerikanischen Vorbild geworben hatte. Merkel soll sogar gedroht haben, sie werde nicht nach Paris kommen, sollte das Interview unwidersprochen stehen bleiben. Daraufhin setzte Sarkozy seine Ministerin unter Druck, ihre eigenen Worte zu dementieren. Vor diesem Hintergrund haben „Nicolas” und „Angela”, wie sie einander anreden, einiges auszuräumen, wenn sie sich an diesem Freitag in Colombey-les-Deux-Églises treffen. Das Treffen findet an einem symbolträchtigen Ort statt, um an die deutsch-französische Versöhnung zu erinnern, die Charles de Gaulle und Konrad Adenauer in die Wege geleitet hatten. Der erste deutsche Bundeskanzler war der einzige Staatsmann, den Charles de Gaulle in seinem Privathaus in Colombey empfangen hat. SZ 09.10.2008 Einmal Privatisierung und zurück Island übernimmt auch die Kontrolle über seine drittgrößte Bank und bringt damit fast die gesamte Finanzbranche unter Staatsverwaltung Gunnar Herrmann; Elmar Jung Politik Bericht Island Seite 8 kA Einmal Privatisierung und zurück Island übernimmt auch die Kontrolle über seine drittgrößte Bank und bringt damit fast die gesamte Finanzbranche unter Staatsverwaltung Von Gunnar Herrmann und Elmar Jung Reykjavik/München – Islands Regierung hat am Mittwoch angesichts der akuten Finanzkrise die zweite große Bank binnen nur einer Woche unter staatliche Zwangsverwaltung gestellt. Die Behörden übernahmen die vollständige Kontrolle über die landesweit drittgrößte Bank Glitnir, wie die Finanzaufsicht in Reykjavik mitteilte. Die Lage der Bank sei „schlimmer, als noch am Vortag angenommen”. Die zweitgrößte Bank Landsbankinn war am Dienstag verstaatlicht worden. Die isländische Nationalbank gab zugleich nach nur einem Tag den Versuch wieder auf , den Kurs der Landeswährung Krone zu fixieren. Die vergangenen Tage in Reykjavik waren dramatisch. Nachdem Geir Haarde in einer Ansprache an die Bevölkerung vor einem Staatsbankrott gewarnt hatte, verabschiedete das Parlament am Montagabend ein Eilgesetz, das die Verstaatlichung der Banken ermöglicht. Bereits wenige Stunden später übernahm die Finanzaufsicht die Landsbankinn. Der Aufsichtsrat wurde umgehend entlassen. Damit befindet sich ein Großteil der Finanzbranche unter Staatsverwaltung. Kaupthing, die größte Bank, bekam einen Notkredit in Höhe von 500 Millionen Euro und darf vorerst selbständig bleiben. Sie hatte auch in Deutschland Anleger mit Hochzins-Konten angelockt. Die Gefahr ist damit aber nicht gebannt. Laut Experten ist es fraglich, ob die Regierung über die Mittel verfügt, die angeschlagenen Unternehmen zu retten. Das Bilanzvolumen der drei größten Banken ist zehnmal so groß wie das Bruttoinlandsprodukt, das etwa zehn Milliarden Euro beträgt. Nicht nur die Banken, ganz Island braucht Geld. Derzeit verhandelt Reykjavik mit Russland über ein Darlehen in Höhe von vier Milliarden Euro. In Moskau will man jedoch von einer Offerte an die Isländer nichts gehört haben. Auch herrschte am Mittwoch Verwirrung darüber, ob überhaupt eine Delegation der Nordatlantikinsel zu Verhandlungen auf dem Weg nach Moskau war. Zumindest die schwedische Nationalbank in Stockholm bestätigte am Mittwoch einen Kredit über 516 Millionen Euro an Kaupthing und gab bekannt, dass der schwedische Ableger der Bank zum Verkauf stehe. Der Aktienkurs von Kaupthing war zuvor in Stockholm um 34 Prozent abgesackt, ehe die Wertpapiere vom Handel ausgesetzt wurden. Die Isländer erleben das spektakuläre Ende einer geradezu sagenhaften Erfolgsgeschichte. In einigen Jahrezehnten war die Insel vom ärmsten Land Europas zu einem der reichsten der Welt geworden. Getrieben wurde der Aufschwung von waghalsigen Geschäften einer aufstrebenden Finanzbranche. Die Banken waren nach ihrer Privatisierung 2003 sehr schnell gewachsen. Isländische Investoren kauften mit geliehenem Geld Immobilien und Firmen in ganz Europa, in Branchenzeitungen wurden ihre Einkaufstouren mit den Raubzügen der Wikinger verglichen. Nun drohen die strauchelnden Banken, die gesamte Volkswirtschaft in den Abgrund zu reißen. Die Folgen der Krise zeigen sich längst auch im täglichen Leben. Die Krone verlor binnen Monaten mehr als 70 Prozent ihres Wertes. Da die Insel, die früher von Schafzucht und Fischfang lebte, fast alles vom Auto bis zur Zahnbürste importieren muss, sind die Preise in den Geschäften drastisch gestiegen. Im Sommer kam es zu Protesten der Lkw-Fahrer gegen die Spritkosten. Und vergangene Woche warnte eine der beiden großen Lebensmittelketten, sie könne bald ihre Regale nicht mehr füllen, sollte der Kursverfall nicht gestoppt werden. Viele Haushalte sind durch Kredite belastet – nicht nur die Finanzbranche lebte auf Pump. Nach Jahren des Überflusses müssen die Isländer nun sparen. Geir Haarde kündigte für die Zukunft tiefgreifende Veränderungen im Bankensektor an. Nach dem Wunsch des Regierungschefs sollen zunächst vor allem die ausländischen Teile der Finanzimperien veräußert werden. Das könnte auch im Rest Europas Folgen zeitigen. Am Dienstag verkaufte der isländische Investor Exista seine Anteile an Finnlands größtem Versicherer Sampo, bei dem die Isländer mit 20 Prozent Haupteigentümer sind. An der Börse in Helsinki stürzte die Sampo-Aktie daraufhin ab. Die Liste der europäischen Firmen mit isländischen Großaktionären ist noch lang. Auch besitzen Investoren von der Atlantikinsel viele Immobilien, insbesondere in den nordischen Ländern. (Seite 4 und Wirtschaft) Hält der Kursverfall der Krone an, könnten sich die Regale in den Supermärkten schon bald leeren. Früher lebte Island von Schafzucht und Fischfang. Der Wohlstand kam mit dem Aufstieg der Banken. Ihr Niedergang im Zuge der internationalen Finanzkrise könnte nun die Volkswirtschaft in den Abgrund reißen. SZ 09.10.2008 IWF legt düsteres Gutachten vor. Europa und USA rutschen in die Rezession. In Deutschland wird es 2009 kein Wachstum geben / Notenbanken senken weltweit die Leitzinsen. M. Hesse; S. Höll; N. Piper Politik Bericht global Seite 1 kA IWF legt düsteres Gutachten vor. Europa und USA rutschen in die Rezession. In Deutschland wird es 2009 kein Wachstum geben / Notenbanken senken weltweit die Leitzinsen. Von M. Hesse, S. Höll und N. Piper. Washington/Frankfurt – Die Bankenkrise wird das Wachstum der Industrienationen zum Stillstand bringen, erwartet der Internationale Währungsfonds. An den Weltbörsen löste die Angst vor einer Rezession einen Kurssturz aus. Nach einer koordinierten Zinssenkung der Notenbanken erholten sich die Kurse. Acht britische Banken werden zum Teil verstaatlicht. Der Internationale Währungsfonds IWF reduzierte seine Wachstumsprognosen für das kommende Jahr drastisch. Laut dem neuesten Weltwirtschaftsausblick, der am Mittwoch in Washington veröffentlicht wurde, wird in Deutschland die Wirtschaftsleistung 2009 sogar stagnieren. „Mehrere Industrieländer sind nahe an einer oder auf dem Wege in eine Rezession, auch in den Schwellenländern schwächt sich das Wachstum ab”, heißt es. Überdies sei das Risiko groß, dass die Entwicklung noch schlechter wird als prognostiziert. Nach den Erwartungen des IWF wird die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr noch um 1,8 Prozent wachsen, 2009 jedoch überhaupt nicht mehr. Die USA werden gegen Ende dieses Jahres in eine Rezession rutschen und 2009 ein Wachstum von 0,1 Prozent erreichen. In mehreren europäischen Ländern, darunter Italien, Spanien und Großbritannien, schrumpft die Wirtschaftsleistung. Deutlich weniger bekommen die Entwicklungs- und Schwellenländer die Folgen der Finanzkrise zu spüren. Laut IWF wird die Wirtschaft in Afrika kommendes Jahr um 6,0 Prozent wachsen, die in China um 9,3 Prozent. Die Experten gehen in ihren Prognosen davon aus, dass es den Regierungen und Notenbanken gelingt, die Lage auf den Kreditmärkten zu stabilisieren. Am Mittwoch unternahmen Notenbanken und Regierungen neue, drastische Schritte. Großbritannien stützt seine Banken mit 500 Milliarden Pfund (640 Milliarden Euro). Für 50 Milliarden Pfund beteiligt sich der Staat direkt an acht großen Banken. 200 Milliarden Pfund will die Bank von England zusätzlich für die kurzfristige Finanzierung bereitstellen. Außerdem garantiert die Regierung für mögliche Ausfälle von Anleihen im Wert von 250 Milliarden Pfund. An den Börsen verpufften diese Maßnahmen zunächst. Am Morgen brachen die Kurse dramatisch ein, der Dax verlor zeitweise acht Prozent und fiel erstmals seit drei Jahren unter 5000 Punkte. In Paris wurde der Börsenhandel zeitweise ausgesetzt, nachdem der Leitindex den größten Verlust seiner Geschichte erlitten hatte. Auch in Russland wurde der Handel unterbrochen. Die Kurse erholten sich etwas, nachdem mittags die Notenbanken der USA, der Eurozone und Großbritanniens die Leitzinsen um jeweils einen halben Prozentpunkt gesenkt hatten. Auch China, Schweden und die Schweiz senkten ihre Zinsen. Eine solche konzertierte Aktion hatte es zuletzt nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 gegeben. „Es galt, entschlossen zu handeln angesichts der jüngsten Zuspitzung der Turbulenzen an den Finanzmärkten”, sagte Bundesbankpräsident Axel Weber. Die Bundesregierung versuchte die Lage zu beruhigen. Es gebe, abgesehen von möglichen Problemen bei einigen Landesbanken, keine Hinweise auf Schwierigkeiten bedeutsamer privater Finanzinstitute, seien es Banken oder Versicherungen, hieß es in Regierungskreisen. Doch es gebe in allen europäischen Ländern die Sorge, dass ein gesundes Finanzhaus wegen der Liquiditätsengpässe in Schwierigkeiten geraten und damit die Lage deutlich verschlimmern könnte. SZ 10.10.2008 Dramatischer Spar-Appell an Mitarbeiter. Softwarekonzern SAP ruft wegen Finanzkrise dazu auf, Dienstreisen zu stornieren und freiwillig auf Urlaubstage zu verzichten. Dagmar Deckstein. Wirtschaft Bericht BRD Seite 26 kA Dramatischer Spar-Appell an Mitarbeiter. Softwarekonzern SAP ruft wegen Finanzkrise dazu auf, Dienstreisen zu stornieren und freiwillig auf Urlaubstage zu verzichten. Von Dagmar Deckstein. Stuttgart – Der Text in der Mitarbeitermail vom Mittwoch liest sich, als ob Europas größter Softwarekonzern SAP kurz vor dem Exitus stünde: „Unternehmensweit gilt ein kompletter Einstellungsstopp . . .ist jegliche Zusammenarbeit mit externen Personalvermittlern ab sofort einzustellen . . . Bis auf Weiteres sind alle externen Schulungen zu stornieren . . . ALLE internen Reisen, die keinen Kundenbesuch zum Anlass haben, dürfen nicht mehr stattfinden.” In diesem Duktus geht es weiter in jener Brandpost mit der Überschrift: „Sofort gültige Kostensparmaßnahmen”. Unterzeichnet war sie mit „Henning Léo” – Henning steht in diesem Fall für Henning Kagermann und Leó für Léo Apotheker, die Vorstandssprecher des Konzerns. Verschickt wurde die Nachricht weltweit an die 51 400 Mitarbeiter des Softwarekonzerns. Über den Anlass des dramatischen Appells müssen die SAP-Beschäftigten nicht lange rätseln: „Was als Finanzkrise begann, hat sich in den letzten Wochen zu einer weltweiten Wirtschaftskrise ausgedehnt.” Erst am Montag hatte SAP überraschend mitgeteilt, dass die Geschäftszahlen für das dritte Quartal unter den Erwartungen geblieben seien, weil sich die Kunden insbesondere in den USA wegen der Finanzmarktkrise mit Aufträgen sehr zurückhielten. So erfuhren die Mitarbeiter am Mittwoch zunächst auf einer Betriebsversammlung und danach per E-Mail, welche Ad-hoc-Sparmaßnahmen der Vorstand „unternehmensweit ohne Ausnahme” verfügt hat. So dürfen zum Beispiel für die noch zulässigen Dienstreisen zu Kunden nur noch Economy- oder 2. Bahnklasse gebucht werden – das gilt auch für Vorstände. Bereits gebuchte Reisen, die keinen Kundenbezug haben, müssen storniert werden, auch wenn Stornogebühren anfallen. Alle zehn SAP-Vorstände spendieren je zehn Urlaubstage, „um die Höhe der für Urlaubstage gebildeten Rückstellungen zu verringern”. Mitarbeiter, die ebenfalls Urlaubstage spenden möchten, könnten das in Absprache mit ihren Führungskräften tun, heißt es weiter. Außerdem will der Softwarekonzern auch die Beschäftigung von Managementberatern beenden und prüfen, ob sich an Drittanbieter ausgelagerte Entwicklungsaufgaben in das Jahr 2009 verschieben lassen. Auch sind alle externen Schulungen zu stornieren und interne Meetings in SAP-Gebäuden abzuhalten. Nicht zuletzt sollen alle geplanten Investitionen in Hardware, Software, Betriebsanlagen und Firmenwagen kritisch geprüft werden: „Bestellen Sie in der Zwischenzeit kein weiteres Equipment.” Schließlich wird der Konzern die gesamte Budgetplanung für 2009 bis auf weiteres zurückstellen. Einer SAP-Sprecherin zufolge handele es sich um eine „reine Vorsichtsmaßnahme”, da man ja nicht wisse, wie lange die Finanzkrise anhalten werde. SAP wolle nicht in eine Lage geraten, in der dann einschneidendere Maßnahmen erwogen werden müssten. Der Appell des Vorstands an die Mitarbeiter sei zugegebenermaßen etwas „dringlich formuliert”, aber damit wolle man keineswegs Krisenstimmung in der Belegschaft auslösen, sondern die Ernsthaftigkeit der Sparmaßnahmen betonen. Eine konkrete Summe, die eingespart werden soll, stünde nicht zur Debatte. „Je mehr Geld eingespart wird, desto besser”, hieß es. Der komplette Einstellungsstopp betreffe 1400 Stellen. Ursprünglich hatte SAP in diesem Jahr weltweit 3500 neue Jobs in Aussicht gestellt, von denen bisher 2100 geschaffen worden seien. Dass die Stimmung der Softwareunternehmen und verwandter IT-Dienstleister im dritten Quartal in den Keller gerauscht ist, dokumentierte das Mannheimer Zentrum für Wirtschaftsforschung (ZEW) am vergangenen Dienstag. Der vom ZEW seit 2003 regelmäßig erhobene Stimmungsindikator rutschte mit 46,9 Punkten auf ein historisches Tief. Es war ein „unvorhersehbarer Rückgang” der Geschäfte, der den SAP-Vorstand zur Brand-Mail an alle Mitarbeiter veranlasst. Jetzt wird gespart, was das Zeug hält: Stellen, Reisen, Schulungen, Berater, Urlaub. Auch Top-Manager – hier Aufsichtsratschef Hasso Plattner – reisen nur noch 2. Klasse. SZ 10.10.2008 Finanzkrise ohne Ende: Wirbel um isländisches Institut. Wie sicher sind die deutschen Banken? Sparer von Kaupthing zittern um ihr Geld. Das isländische Kreditinstitut warb mit hohen Zinsen um deutsche Kunden. Doch nun ist der Geschäftsbetrieb eingestellt. Thomas Öchsner Geld Bericht Island; BRD Seite 28 Finanzkrise ohne Ende Finanzkrise ohne Ende: Wirbel um isländisches Institut. Wie sicher sind die deutschen Banken? Sparer von Kaupthing zittern um ihr Geld. Das isländische Kreditinstitut warb mit hohen Zinsen um deutsche Kunden. Doch nun ist der Geschäftsbetrieb eingestellt. Von Thomas Öchsner. München – Es klingt so, als wolle die isländische Kaupthing Bank ihre Kunden auf den Arm nehmen. „Jetzt ein Tagesgeldkonto eröffnen und von den hohen Zinsen profitieren”, heißt es immer noch auf der Homepage des Instituts. Dabei ist seit Donnerstag mit den hohen Zinsen Schluss: Das Geldhaus, das die isländische Regierung am Donnerstag unter Aufsicht stellte, hat seinen Geschäftsbetrieb eingestellt. Mehr als 30 000 Sparer müssen nun um ihr Geld zittern. Zum ersten Mal in der Finanzkrise sind nun auch Einlagen von Anlegern aus der Bundesrepublik konkret bedroht. Der Niedergang des größten isländischen Bankhauses hatte sich bereits in den vergangenen Tagen angekündigt. Nach negativen Berichten über einen drohenden Staatskollaps des nordeuropäischen Landes zogen Anleger massenhaft Geld bei dem deutschen Ableger der Bank ab. Das Callcenter war am Mittwoch ständig belegt. Trotzdem warb das Institut weiter mit großformatigen Werbeanzeigen um neue Kunden – mit einem Slogan, der heute wie blanker Hohn klingt: „Zinsen auf hohem Niveau, Vertrauen auf lange Sicht.” Nun heißt es, direkt neben der Werbung für das Tagesgeldkonto, auf der Homepage der Bank: „Sehr geehrte Kaupthing Edge Kunden, die Kaupthing Bank wurde heute unter die Aufsicht der isländischen Bankenaufsicht gestellt. Derzeit ist der Zugriff auf die Online-Konten nicht möglich. Sie erhalten schnellstmöglich weitere Informationen.” Bekannt ist, dass die Bank nicht der deutschen, sondern nur der isländischen Einlagensicherung angehört. Demnach sind Ersparnisse der Kunden von bis zu 20 887 Euro zu 100 Prozent garantiert. Zwar hatte Island vor kurzem eine Staatsgarantie in unbegrenzter Höhe erteilt. Diese gelte aber für deutsche Privateinlagen nicht, hatte Kaupthing noch am Mittwoch auf der Internetseite erklärt. Die von Kanzlerin Angela Merkel ausgesprochene Garantie für Einlagen deutscher Bürger gilt für die Kaupthing-Kunden hierzulande ebenfalls nicht. Die Frage ist deshalb, ob die isländische Einlagensicherung mit einem Volumen von etwa 100 Millionen Euro genug Substanz hat, um auch das riesige Auslandsgeschäft der Bank aufzufangen. Arno Gottschalk, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Bremen, hat zumindest große Zweifel, dass die Anleger „kurzfristig an ihr Geld kommen werden”. Es bestehe aber zumindest die Hoffnung, dass die Einlagensicherung funktioniert, weil ja nun einiges getan werde, um einen Staatsbankrott in Island zu verhindern. Das Geldhaus warb seit März 2008 um deutsche Kunden. Zuletzt bot Kaupthing 5,65 Prozent für Tagesgeld und 6,10 Prozent für eine zwölfmonatige Festgeldanlage. Keine andere Bank in Deutschland zahlte so hohe Zinsen. Nach Angaben der Finanzaufsicht Bafin hat das Institut derzeit noch 30 800 Sparer mit Einlagen in Höhe von 308 Millionen Euro. Die Zahl ist damit deutlich geringer worden, viele haben ihr Geld noch rechtzeitig abgehoben. Am Montag hatte das Institut noch 50 000 Sparer mit einem Einlagevolumen von 500 Millionen Euro. Die Sparer der Bank diskutieren am Donnerstag im Internet, wie sie doch noch an ihr Geld gelangen könnten. Auf der Homepage des Anlegermagazins Börse Online berichteten einige, dass der Link für die direkte Online-Maske funktioniere und sie noch am Vormittag Geld auf ihr Girokonto überwiesen hätten. Auch dieser Zugang wurde aber gesperrt. Die Bafin verhängte ein Auszahlungsverbot. Um 15.55 Uhr schrieb ein Anleger: „Der Link ist tot, mal sehen, ob die heutigen Überweisungen noch ankommen.” SZ 10.10.2008 Düstere Prognose für die Boomtown. „Die Lage ist besorgniserregend”: IHK befürchtet massive wirtschaftliche Einbrüche durch die Finanzkrise. Otto Fritscher München/Bayern Bericht BRD Seite 38 kA Düstere Prognose für die Boomtown. „Die Lage ist besorgniserregend”: IHK befürchtet massive wirtschaftliche Einbrüche durch die Finanzkrise. Von Otto Fritscher. München – Die Münchner Unternehmen fahren ihre Investitionen zurück, bei den Beschäftigten geht die Angst vor Arbeitslosigkeit um, die Verbraucher schränken ihre Konsumausgaben ein und sparen für schlechtere Zeiten – in der Folge kippt die gesamte Münchner Wirtschaft in die Rezession. Dieses düstere Szenario ergibt sich aus der neuen Konjunkturprognose der Münchner Industrie- und Handelskammer (IHK). Deren Hauptgeschäftsführer Peter Driessen stuft die Lage als „besorgniserregend” ein. Denn nahezu alle Indikatoren, zu denen die Unternehmen befragt wurden, weisen nach unten. „Und das in fast allen Branchen”, sagt Robert Obermeier, der Konjunktur-Experte der IHK. Als Beleg dient auch der Konjunkturindex für München, der von 124 Punkten im Sommer auf aktuell 112 Punkte abgestürzt ist. Nicht nur die Geschäftserwartungen sind deutlich gesunken, auch die aktuelle Lage wird von deutlich mehr Unternehmen schlechter eingeschätzt als noch im Sommer dieses Jahres: Als „gut” bezeichnen sie nur noch 35 Prozent, bei der vorangegangenen Erhebung waren es noch 40 Prozent. Dafür hat die Zahl der Pessimisten, die eine schlechtere Geschäftsentwicklung in den kommenden zwölf Monaten erwarten, deutlich zugenommen: von acht auf 15 Prozent. „Besonders die Industrie hat wegen ihrer Exportabhängigkeit die Erwartungen drastisch zurückgeschraubt”, erklärt Obermeier. Die Münchner Wirtschaft hänge mit einer Exportquote von mehr als 55 Prozent deutlich stärker von Aufträgen aus dem Ausland ab als der Rest Bayerns, wo die Exportquote nur 48 Prozent betrage. Auch auf den Arbeitsmarkt dürfte die erlahmende Wirtschaft Auswirkungen haben: Driessen rechnet für das kommende Jahr mit deutlich steigenden Arbeitslosenzahlen. Ein Grund dafür sei die zurückgehende Einstellungsbereitschaft der Unternehmen. Nur 19 Prozent wollen in den nächsten zwölf Monaten neue Mitarbeiter einstellen, bei der letzten Umfrage waren es noch 25 Prozent. Es gibt aber auch Lichtblicke: „Wegen der großen Bandbreite seiner Wirtschaft ist München besser auf die Krise vorbereitet als der Rest Bayerns”, sagt Konjunkturexperte Obermeier. Kaffeesatzleserei. Wie lange die Krise dauern und wie heftig sie ausfallen wird – darauf wollen sich die IHK-Experten nicht festlegen. „Das wäre Kaffeesatzleserei”, sagt Peter Driessen und begründet seine Zurückhaltung mit der internationalen Finanzkrise, „die so noch nicht dagewesen ist”. Gesichert sind aber die Zahlen aus der Konjunkturumfrage: „Der Abschwung hat sich seit dem Sommer 2007 abgezeichnet”, sagt Driessen. Und: Die Geschwindigkeit, mit der die Unternehmen jetzt ihre Erwartungen zurückfahren, sei nur mit dem Platzen der Internet-Blase in den Jahren 2000 und 2001 vergleichbar. „Damals”, erinnert sich Obermeier, „hat die Krise zwei Jahre gedauert.” Alle Kurven weisen nach unten: Die Konjunktur-Prognose der Industrie- und Handelskammer zeigt, dass schwere Zeiten auf die Münchner Wirtschaft zukommen. SZ 10.10.2008 Gruppentherapie für Banken. Die Kreditinstitute leihen sich gegenseitig kein Geld, sie vertrauen sich nicht mehr. Ein Fall für den Eheberater. Johannes Pennekamp Geld Bericht BRD Seite 34 kA Gruppentherapie für Banken. Die Kreditinstitute leihen sich gegenseitig kein Geld, sie vertrauen sich nicht mehr. Ein Fall für den Eheberater. Von Johannes Pennekamp. Berlin - Finanzexperten wissen nicht weiter. Komplizierte Zusammenhänge können sie erklären, aber für ein triviales und noch dazu höchst menschliches Phänomen fehlen ihnen die Worte: verlorenes Vertrauen. Vielleicht sollten sie zu Elmar Basse gehen. Der Hamburger Eheberater ist Experte für derartige zwischenmenschlichen Krisen. Er hält Vertrauen in jeder Beziehung für unverzichtbar: „Das gilt für Paarbeziehungen genauso wie für Bankenmanager, die sich gegenseitig kein Geld mehr ausleihen.” Vertrauen ermögliche auch in komplizierten Lagen schnelle Entscheidungen. Misstrauen koste dagegen Zeit und Energie. „Wer in einer Beziehung beispielsweise ständig befürchtet, von seinem Partner betrogen zu werden, wird ihn kontrollieren”, so Basse. Das führe in einen kraftraubenden Teufelskreis. Der einzige Ausweg: „Aus der verfahrenen Situation flüchten und das Problem von einem neuen Standpunkt aus betrachten.” Nur so könne es einen Neuanfang geben. Die panischen Banker also einfach in den Urlaub schicken und hoffen, dass sie nach der Rückkehr wieder zusammenarbeiten? Ganz so einfach sei das nicht, sagt der Therapeut. Im Fall der Bankenkrise rät er zu Teambuilding-Maßnahmen. „Man müsste die Entscheidungspersonen in einen Raum sperren und ganz offen miteinander reden lassen.” Vertrauen sei nämlich nur gegenüber Personen möglich, deren Handeln man durchschauen könne. Bei der Finanzkrise seien die Strukturen zwar komplexer als bei einer Paar-Beziehung, im Großen und Ganzen würden aber die gleichen Regeln gelten. Deshalb hält Basse es für wichtig, dass sich die G8-Regierungschefs zu Gesprächen treffen, auch wenn sie sich dabei auf keine konkreten Maßnahmen einigen könnten. „Psychologisch ist es extrem wichtig, im Gespräch zu sein und möglichst viel Transparenz zu schaffen”, sagt Basse. Weniger hilfreich sei es, wenn Manager und Politiker in der Öffentlichkeit über „Abgründe und Horroszenarien” sprächen, ohne gleichzeitig Lösungswege aufzuzeigen. Auch Bettina Werum sitzt in ihrer Praxis täglich Menschen gegenüber, die sich nicht trauen: „Jemanden zu vertrauen, ist immer ein Vorschuss. Je mehr ich es tue, desto größer ist das Risiko, enttäuscht zu werden.” Um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen, müsse man bereit sein, eigene Bedürfnisse einzuschränken, sagt die Paartherapeutin. Ein verantwortungsvoller Manager müsse sich wie ein treuer Ehepartner verhalten: „Er darf sich nicht durch kurzfristige Anreize in Versuchung bringen lassen.” Wie wichtig Vertrauen ist, weiß auch die Wissenschaft. Matthias Sutter, Professor für experimentelle Wirtschaftsforschung in Innsbruck, hat die Bedeutung von Vertrauen für ökonomisches Handeln untersucht. Vor einem Jahr simulierte er mit Probanden eine Situation, die der realen Vertrauenskrise der Bankenmanager ähnelt. Sein Experiment: Eine Person bekommt zehn Euro. Sie kann das Geld entweder selbst behalten oder einen Betrag ihrer Wahl an einen Partner verleihen. Die Person weiß, dass der Partner das Geliehene vermehren wird. Was sie nicht weiß, ist, ob der Mitspieler ihr einen Anteil zurückzahlen wird oder alles für sich behält. Die Person steht also – genau wie die Bankmanager – vor der Entscheidung, dem Gegenüber zu vertrauen und dabei das Risiko einzugehen, das Geld nicht wiederzusehen. Die Alternative ist, nur sich selbst zu trauen und das Geld ohne Gewinnaussichten zu horten. „Am besten erging es den Probanden, wenn sie der anderen Person die gesamten zehn Euro ausgeliehen haben”, fand Sutter heraus. Diese Strategie werde von dem Mitspieler als Vertrauensbeweis aufgefasst und im Nachhinein angemessen vergütet. In der realen Situation geht es nicht um Spielgeld, sondern um Milliarden. Zwar sichern sich Banken die Rückzahlung ihres Geldes vertraglich zu. Weil einige Institute aber marode seien, sei die Gefahr, Geld zu verleihen, um ein Vielfaches höher als im Experiment, so Sutter. „Ich fürchte in dieser Situation ist es rational, nichts zu verleihen”, folgert der Wissenschaftler. Die fehlenden Milliardenbeträge bei den Banken seien also durchaus eine logische Folge. Eine Lösung des Dilemmas sieht Sutter nicht. „Die Banken werden die große Konsolidierung über sich ergehen lassen müssen”, vermutet der Forscher. Einige überleben, andere sterben. Mehr Hoffnung machen dagegen die Erfahrungen, die Eheberater Elmar Basse in seiner Hamburger Praxis gemacht hat. „Manchmal kehrt das Vertrauen ganz schlagartig zurück”, sagt er. Dazu brauche es allerdings eine gewisse Basis. Und die zu schaffen, sei schwierig. Der Rat eines Paartherapeuten in der Finanzkrise: „Man müsste die Entscheidungspersonen in einen Raum sperren und ganz offen miteinander reden lassen.” SZ 10.10.2008 WHO befürchtet mehr Selbstmorde. kA kA Geld Meldung global Seite 34 kA WHO befürchtet mehr Selbstmorde. Genf – Die Finanzkrise bereitet Börsenmaklern und Anlegern in aller Welt nicht nur schlaflose Nächte, sondern dürfte laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) auch die Zahl der Selbstmorde ansteigen lassen. „Wir sollten nicht überrascht sein oder die Turbulenzen und wahrscheinlichen Folgen der Finanzkrise unterschätzen”, sagte WHO-Chefin Margaret Chan am Donnerstag. So würden wegen der schlechten Nachrichten in nächster Zeit wohl mehr Menschen psychisch krank werden oder sich sogar das Leben nehmen. Wie sehr Bankenpleiten und Kursstürze in die Verzweiflung treiben können, hatte sich vergangene Woche gezeigt, als ein 45-jähriger Finanzinvestor in Los Angeles seine Frau, seine Mutter und seine drei Kinder erschoss und sich danach selbst tötete. In einem Abschiedsbrief begründete er seine Tat mit seiner aussichtslosen wirtschaftlichen Lage, in die er zuletzt geraten sei. Wenige Tage zuvor hatte sich eine 90-Jährige im US-Staat Ohio erschossen. Sie war zur Räumung des Hauses aufgefordert worden, in dem sie seit 38 Jahren gelebt hatte. AFP. SZ 10.10.2008 Millionenprämien in Gefahr. Die Finanzkrise mindert auch das Vermögen der Nobel-Stiftung. Hannah Wilhelm Themen des Tages Meldung BRD Seite 2 kA Millionenprämien in Gefahr. Die Finanzkrise mindert auch das Vermögen der Nobel-Stiftung. Von Hannah Wilhelm. München – So ein Nobelpreis ist teuer. Jedes Jahr wieder. Geschätzte 1,6 Millionen Euro kosten die Festivitäten der Preisverleihung in Stockholm und Oslo – nicht zu vergessen die hohen Preisgelder, die ausgezahlt werden. Etwas mehr als eine Million Euro bekommt jeder Gewinner, sechs Preise gibt es – den Wirtschaftspreis finanziert die Schwedische Reichsbank, – also muss die Stiftung jährlich fünf Millionen Euro ausschütten. Eine ganze Menge Geld. Vielleicht müssen sich die Nobelpreis-Gewinner in den kommenden Jahren mit etwas weniger zufrieden geben, und eventuell wird die Preisverleihung künftig etwas weniger prunkvoll ausfallen. Sollte es so kommen, dann ist der Grund dafür die Finanzkrise. Denn das Vermögen der Nobel-Stiftung, aus dem sich die Ausschüttungen alljährlich speisen, ist zu großen Teilen in Aktien und Fonds investiert – und die dürften dank dem Börsenkrach der vergangenen Monate beträchtlich an Wert verloren haben. 240 Millionen Euro in Aktien 31,6 Millionen Schwedische Kronen hatte der Dynamit-Erfinder Alfred Nobel bei seinem Tod 1896 hinterlassen – nach heutigem Geldwert wären das fast 150 Millionen Euro. Nobel verfügte, dass der Zinsertrag denjenigen zugute kommen solle, die im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen gebracht haben. Die 31,6 Millionen Kronen bildeten den Grundstock für die Nobel-Stiftung. Sie wurden investiert, und heute verwaltet die Stiftung 3,6 Milliarden Kronen, das sind umgerechnet 372 Millionen Euro. Wie die Summe genau investiert ist, bleibt geheim. Da gibt sich der weißhaarige Finanzchef Ake Altéus nordisch-verschwiegen. Nur einmal im Jahr, immer im April, werden wenigstens ein paar Zahlen vorgelegt. Nach dem aktuellen Bericht steckten zur Jahreswende 2007/08 fast 240 Millionen Euro in Aktien und Fonds. Das könnte Schlimmes verheißen. „Finanzkrise bringt Einbußen für Nobelpreis-Stiftung”, schreibt die Dagens Nyheter, eine große schwedische Tageszeitung, an diesem Donnerstag. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber die Dagens Nyheter überschlägt mal kurz, legt die durchschnittliche Börsenentwicklung seit Jahresbeginn zugrunde und kommt auf einen möglichen Wertverlust von 30 Prozent. Alles Spekulation natürlich. Da wäre Alfred Nobel wohl wenig begeistert. Hatte er doch extra in seinem Testament festgelegt, dass sein Erbe in „völlig sichere Wertpapiere” angelegt werden solle. Zunächst kauften die Verwalter deshalb brav Staatsanleihen und Zinspapiere. Dass das keine gute Idee war, zeigte sich in den zwanziger Jahren, als die Inflation galoppierte und das Vermögen beständig an Wert verlor. Heute ist deshalb alles anders. Seit 50 Jahren darf das Geld auch in Immobilien und Aktien fließen. Doch Bedingung ist bis heute: Die Verwalter müssen mindestens ein Zehntel des Erwirtschafteten zurücklegen, damit das Grundkapital nicht von der Inflation aufgezehrt wird. In den vergangenen Jahren ist es für Finanzchef Altéus sehr gut gelaufen, er konnte mit Renditen von 20 Prozent und mehr glänzen. Er genießt einen hervorragenden Ruf. Sein Konzept: Er streut das Geld sehr breit und vertraut verschiedenen Vermögensverwaltern Teile des Geldes an, mit dem die dann frei investieren können. Das hat funktioniert, ist aber etwas intransparent. So dürfte selbst Altéus aktuell nicht ganz genau wissen, wie es um das gesamte Vermögen steht. Vor einigen Jahren wurde die Satzung der Stiftung erneut geändert. Nun erlaubt sie sogar alternative Investments wie Hedgefonds. Ob das so eine gute Idee war, wird man wohl erst im April 2009 wissen, wenn die Stiftung Zahlen vorlegt. Falls es der Stiftung finanziell mal nicht so gut geht, darf sie theoretisch die Preisgelder senken. Die diesjährigen Gewinner können sich also ganz besonders freuen – 2008 war finanziell wohl gerade noch der richtige Zeitpunkt für einen Nobelpreis. Alfred Nobel erfand das Dynamit. Sein Vermögen hinterließ er 1896 einer Stiftung: fast 32 Millionen Kronen. So viel Geld, dass der Nachlassverwalter es mit geladener Pistole durch Paris kutschieren musste. SZ 10.10.2008 Finanzkrise ohne Ende: Streit um ein deutsches Institut, Unruhe in der Schweiz. Stark abweichende Zahlen. Die Finanzaufsicht Bafin wirft der Hypo Real Estate vor, ihre Lage vor der ersten Rettungsaktion geschönt zu haben. Guido Bohsem Geld Bericht BRD Seite 29 kA Finanzkrise ohne Ende: Streit um ein deutsches Institut, Unruhe in der Schweiz. Stark abweichende Zahlen. Die Finanzaufsicht Bafin wirft der Hypo Real Estate vor, ihre Lage vor der ersten Rettungsaktion geschönt zu haben. Von Guido Bohsem. Berlin – Die Finanzaufsicht Bafin hat schwere Vorwürfe gegen das Management der Hypo Real Estate (HRE) erhoben. Die Bank soll vor der ersten Rettungsaktion wesentliche Informationen über den tatsächlichen Geldbedarf ihrer irischen Tochter Depfa zurückgehalten haben. Das geht aus einem Bericht der Behörde an das Bundesfinanzministerium hervor. Ein Sprecher des Instituts bestritt die Darstellung. Die Einschätzung der Bafin stärkt die Position des Bundesfinanzministeriums. Glaubt man ihr, war nicht Ressortchef Peer Steinbrück (SPD) für die weiteren Schwierigkeiten bei der Depfa und damit für die Notwendigkeit einer zweiten Rettungsaktion verantwortlich, sondern die HRE selbst. In Bankenkreisen war Steinbrück angegriffen worden, weil er mehrfach von einer Abwicklung der HRE gesprochen hatte, die im Rahmen der Rettungsaktion anstehe. Er habe damit die Lage des Instituts deutlich verschlechtert, lautete die Kritik. Bundesbank, Banken und Versicherer hatten dem Institut in der ersten Rettungsaktion insgesamt 35 Milliarden Euro zugesagt. Diese werden durch eine Bürgschaft des Bundes in gleicher Höhe abgesichert. Im zweiten Paket stockten die Finanzinstitute ihre Hilfen um weitere 15 Milliarden auf 50 Milliarden Euro auf. Nach dem Bericht der Bafin informierte HRE-Chef Georg Funke die Aufsicht am Donnerstag vergangener Woche – also nach dem ersten Rettungspaket – darüber, dass sich die Liquiditätslage der Depfa dramatisch verschlechtert habe. Eine Refinanzierung der Bank sei nicht möglich, die Bank finde keine Geschäftspartner mehr, heißt es in der Aufzeichnung, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Der Manager und sein Vorstandskollege Markus Fell trugen demnach vor, dass die Depfa seit Wochenbeginn mehrere Milliarden Euro an Liquidität verloren habe, durch eine niedrigere Bewertung am Finanzmarkt und schlechtere Refinanzierungsbedingungen. Die im ersten Rettungspaket gewährte Notfallliquidität der Bundesbank in Höhe von 7,5 Milliarden Euro werde nur noch bis Freitag reichen. Zuvor habe die HRE gegenüber der Bafin, der Bundesbank und dem Bankenkonsortium mit anderen Zahlen operiert, heißt es in dem Schreiben weiter. Diese seien „als worst case bezeichnet” worden, also als größter anzunehmender Bedarf. „Ich habe unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass diese Fehlinformationspolitik Konsequenzen nach sich ziehen wird”, schreibt der namentlich nicht genannte Bafin-Mitarbeiter an das Finanzministerium. Nach der Darstellung der Aufsicht informierte die Deutsche Bank Bafin–Chef Jochen Sanio etwa eine Stunde später über den Stand der Prüfungen, die das Institut bei der Depfa in Irland anstellte. Die Bank hatte den Auftrag erhalten, die Bücher der HRE-Tochter in Dublin genauer zu prüfen, als dies in der Eile der ersten Rettungsaktion möglich gewesen war. Nach dem Eindruck der Banker habe die HRE „wesentliche Informationen zurückgehalten”, heißt es in dem Bafin-Bericht. Es handele sich um ein Commercial-Paper-Programm im Umfang von 20 Milliarden Euro, aus dem die Depfa Bank plc. nun Liquiditätsabflüsse zu verzeichnen habe. Dies sei „ursächlich für die derzeit nochmals verschärfte Liquiditätssituation.” Insgesamt seien die Prüfer der Deutschen Bank zu der Auffassung gekommen, „dass sowohl die zum kurz- als auch längerfristigen Liquiditätsbedarf ermittelten Zahlen stark von den seitens der HRE bisher mitgeteilten Zahlen abweichen”, schreibt die Bafin weiter. Bis Ende des Jahres bestehe ein Liquiditätsbedarf von 51 Milliarden Euro, um das Überleben der HRE zu sichern. Rechne man den Bedarf aus dem kommenden Jahr hinzu, benötige das Institut bis Ende 2009 über 70 Milliarden Euro. Die Zukunft der Hypo Real Estate soll mit einem Rettungspaket in Milliardenhöhe gesichert werden. SZ 10.10.2008 Finanzkrise trifft Industrie. Firmen sparen an allen Ecken. Die Exporte gehen so stark zurück wie seit fünf Jahren nicht mehr. Erste Unternehmen haben Schwierigkeiten, Kredite zu bekommen. Sibylle Haas; Caspar Dohmen Wirtschaft Bericht BRD Seite 23 kA Finanzkrise trifft Industrie. Firmen sparen an allen Ecken. Die Exporte gehen so stark zurück wie seit fünf Jahren nicht mehr. Erste Unternehmen haben Schwierigkeiten, Kredite zu bekommen. Von Sibylle Haas und Caspar Dohmen. München – Die deutsche Exportwirtschaft gerät in den Sog der Finanzkrise. Im August gab es nach Angaben des Statistischen Bundesamts den stärksten Ausfuhrrückgang seit fünf Jahren. Unternehmen drosseln ihre Produktion und verschärfen ihre Sparmaßnahmen. Wirtschaftsverbände sind besorgt. „Die Folgen der Finanzmarktkrise und der weltweiten Konjunkturabschwächung hinterlassen erste Bremsspuren beim deutschen Außenhandel”, sagte der Präsident des Außenhandelsverbandes BGA, Anton Börner, am Donnerstag in Berlin. Deutsche Firmen lieferten im August Waren im Wert von 75,7 Milliarden Euro ins Ausland, 2,5 Prozent weniger als vor einem Jahr, zeigen vorläufige Ergebnisse des Statistischen Bundesamtes. Dies ist nach Angaben der Statistiker der stärkste Rückgang seit fünf Jahren. Wirtschaftsverbände sehen zwar noch keine Kreditklemme, betonen aber die Unsicherheiten an den Finanzmärkten. „Es ist entscheidend, dass alle Hebel in Gang gesetzt werden, um die Finanzmärkte zu beruhigen”, sagte Börner mit Blick auf die koordinierten Zinssenkungen einiger Notenbanken am Vortag. Für einige Firmen haben sich die Konditionen der Kreditvergabe bereits verschlechtert, zeigt eine Firmenumfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). „Banken verlangen jetzt mehr Sicherheiten oder Risikozuschläge”, erklärte der DIHK. Dies treffe auf etwa ein Viertel der Betriebe zu. Auch in der exportorientierten Metall- und Elektroindustrie sind erste Auswirkungen der Krise spürbar. Der Präsident des Branchenverbands Gesamtmetall, Martin Kannegiesser sagte, es werde für mittelständische Firmen trotz der verbesserten Eigenkapitalausstattung immer schwieriger, an Kredite zu kommen. „Das hat aber noch nicht zum Dammbruch geführt. Das Thema bekommt jedoch wachsende Bedeutung in unserer Industrie”, sagte Kannegiesser. Einzelne Zweige der Branche steuerten bereits in eine massive Krise. Vor allem die Autozulieferer litten unter einem enormen Preisdruck und hohen Kostensteigerungen. Der Opel-Mutterkonzern General Motors (GM) meldet eine Absatzkrise. In den ersten neun Monaten 2008 seien in Europa deutlich weniger Autos als im Vorjahr verkauft worden. Vor allem die Hauptmarke Opel und die schwedische Schwestermarke Saab schwächelten. Grund für den Rückgang sind laut GM die weltweite Finanzkrise, die Kreditklemme und die hohe Inflation. GM werde seine Produktion und Kosten anpassen. Opel hatte vor wenigen Tagen einen Produktionsstopp in nahezu allen europäischen Werken bekanntgegeben. Auch Zulieferfirmen sind betroffen. Am Donnerstag hat der Lkw-Zulieferer SAF-Holland wegen der Finanzkrise seine Umsatzprognose für 2008 kräftig nach unten gefahren. Der Kolbenspezialist Mahle rechnet dieses Jahr mit einem Gewinnrückgang wegen der Finanzkrise. Weniger Geschäftsreisen. Der Softwarekonzern SAP, bei dem die Nachfrage deutlich zurückgeht, hat umfassende Sparmaßnahmen beschlossen. Offene Stellen würden vorerst nicht besetzt, Reisen zwischen den Standorten reduziert, Dienstwagen überprüft, teilte SAP am Donnerstag mit. Außerdem würden Dienstreisen nur noch in der Economy-Klasse genehmigt und Mitarbeiter aufgerufen, auf Urlaubstage zu verzichten. Auch der Konsumgüterhersteller Henkel tritt auf die Kostenbremse. Alle Aktivitäten, die nicht direkt für das Geschäft wichtig seien, würden im vierten Quartal gestrichen oder zumindest verschoben, schreibt der Henkel-Vorstand in einer E-Mail an seine weltweit 55 000 Beschäftigten. Investitionen für IT-Projekte sollen so weit wie möglich eingefroren werden. „Es geht um eine Sensibilisierung der Mitarbeiter für die Kosten”, sagte ein Sprecher. Angesichts der aktuellen Entwicklung müssten alle Unternehmen darauf achten. Betroffen sind auch interne Weiterbildungsprogramme, ebenso wie Reisen ohne Kundenbesuche, Weihnachtsessen oder Beratungsausgaben. Schon seit Februar läuft bei Henkel ein Kostensenkungsprogramm. Die größte deutsche Fluggesellschaft Lufthansa bleibt von den Folgen der Finanzkrise und dem Sparkurs vieler Unternehmen ebenfalls nicht unberührt. „Die Vorausbuchungen bei Geschäftsreisen sind rückläufig. Es handelt sich aber nicht um einen Einbruch”, sagte eine Lufthansa-Sprecherin. Eine staatliche Beteiligung an deutschen Banken nach britischem Vorbild darf nach Ansicht des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) kein Tabu sein. „Derzeit ist das noch kein Thema, weil unsere Banken vergleichsweise gut dastehen”, sagte DGB-Chefökonom Dierk Hirschel der Nachrichtenagentur Reuters. Die Situation sei aber kritisch. Der Staat müsse einschreiten, wenn die Banken die Wirtschaft nicht mehr hinreichend mit Geld versorgen könnten. „Wenn staatliche Nothilfen für Kreditinstitute notwendig werden, dann nur gegen eine Eigentumsübertragung und Kontrolle über die Geschäftspolitik”, sagte Hirschel. SZ 10.10.2008 Finanzkrise in Kürze. kA kA Wirtschaft Meldung BRD Seite 23 kA Finanzkrise in Kürze. Deutsche Sparer kommen erstmals nicht an ihr Geld heran: Die isländische Kaupthing Bank, die seit Monaten mit den höchsten in Deutschland angebotenen Zinsen wirbt, hat den Zugang zu den Online-Konten gesperrt. Die Garantie der Bundesregierung würde für sie nicht gelten – und die sorgt für Unmut in der Branche. Banken, die seit langem in den Einlagensicherungsfonds einzahlen, ärgern sich über Konkurrenten, deren Kunden nun zum Nulltarif geschützt sind. Im Ausland werden weitere Banken verstaatlicht. In Deutschland wird der Bahn-Börsengang verschoben. In Italien musste der Unicredit-Chef, der „große” Alessandro Profumo, der lange Zeit vor Selbstbewusstsein strotzte, Fehler beim Krisenmanagement zugeben. Jetzt werden Hohn und Spott über ihn ausgeschüttet. In Deutschland gibt es Streit um den abgestürzten Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate: Die Finanzaufsicht Bafin wirft ihm vor, seine Lage geschönt zu haben. Und selbst in der Schweiz, über Jahrzehnte in Sachen Geld ein Hort der Sicherheit, ist die alpenländische Ruhe jetzt gestört. SZ 10.10.2008 Der Staat haftet ja. Die „Merkel-Garantie” entlässt die Banken aus der Verantwortung. Marco Völklein Wirtschaft Kommentar BRD Seite 23 kA Der Staat haftet ja. Die „Merkel-Garantie” entlässt die Banken aus der Verantwortung. Von Marco Völklein. Wirtschaftsverbände, Ökonomen, Verbraucherschützer, Bankenvertreter sowieso – sie alle loben Angela Merkel. Mit ihrer Staatsgarantie für alle Spareinlagen habe die Kanzlerin das Vertrauen in das Finanzsystem gestärkt. Nun ist alles wieder gut. Doch ist es das tatsächlich? Auf konkrete Fragen jedenfalls erhält man in Berlin unkonkrete Antworten. Gilt die Zusage der Regierung nur für die Banken, die den freiwilligen Einlagensicherungssystemen angehören? Oder auch für die Institute, die sich die Beiträge für solche Feuerwehrfonds sparen? Klar, die „Merkel-Garantie” ist eine politische Zusage, mehr nicht. Etwas konkreter hätte es aber schon sein dürfen. Denn für so manchen Anleger war die Frage nach der Einlagensicherung auch bislang schon sehr wohl ein Argument für oder gegen eine Bank. Das wussten die Banken – und warben damit. Doch mit der generellen Zusicherung der Regierung können sich nun auch all jene Institute gemütlich zurücklehnen, für die die Sicherheit der Kundengelder bislang nicht so wichtig war. Sie können ihren Sparern jetzt glaubhaft zusagen: „Ihr Geld ist sicher.” Der Staat haftet ja. Das kann schlimme Folgen haben. So manche Bank könnte sich fragen, warum sie sich eigentlich die hohen Kosten für den Feuerwehrfonds noch leisten soll, wenn ihr der Wettbewerbsvorteil durch die Merkel-Garantie genommen wurde. Die Verantwortung der Banken, zunächst selbst für die Sicherheit der Sparbeträge zu sorgen, würde so unterhöhlt. Es wird eine Zeit danach kommen; eine Zeit nach der Finanzkrise. Dann ist es an Merkel, aus ihrem hektisch abgegebenen Versprechen eine wirkliche Garantie zu machen. Mit festen Regeln und klaren Zusagen. Am besten in Gesetzesform. SZ 10.10.2008 Tschechien kritisiert EU-Intervention. kA kA Wirtschaft Meldung EU; Tschechien Seite 23 kA Tschechien kritisiert EU-Intervention. Prag – Tschechiens Ministerpräsident Mirek Topolanek hat das Verhalten der EU in der Finanzkrise scharf kritisiert. „Was während der letzten paar Tage passiert ist, beschädigt das Vertrauen in die EU mehr als alles andere vorher”, sagte Topolanek während einer Türkei-Reise in Ankara. Der konservative Regierungschef bezog sich auf die EU-Staaten, die per Staatsgarantie Bankeinlagen vollständig absichern. Dieser „unverschämte Schritt” führe dazu, dass Guthaben verlagert und die Liquidität in einem Land auf Kosten eines anderen gestärkt wird. Das untergrabe den Stabilitätspakt der EU. Topolanek kündigte für EU-Gipfel sein Veto gegen Vorschläge an, die die Gemeinschaftsidee verletzen. In Tschechien wie den anderen ost- und mitteleuropäischen EU-Ländern haben sich die Bankensysteme als stabil erwiesen. dpa SZ 10.10.2008 Schmidt fordert eine Bundes-AOK. kA kA Politik Bericht BRD Seite 6 kA Schmidt fordert eine Bundes-AOK. Berlin – Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) hat die Allgemeinen Ortskrankenkassen aufgefordert, sich langfristig zu einer Bundes-AOK zusammenzuschließen. Bis es zu einer Bundes-AOK komme, dauere es noch lange, erläuterte Schmidt in der Passauer Neuen Presse. „Das wäre aber der richtige Schritt, um die regionale Risikoverteilung zu verbessern.” Eine solche Großfusion spare Verwaltungskosten. „Bessere Risikoverteilung und eine größere Verhandlungsmacht gegenüber Krankenhäusern, Pharmaindustrie und Ärzten sind die positiven Folgen von Zusammenschlüssen”, sagte Schmidt. Die Ministerin hatte wiederholt betont, 30 bis 50 Kassen reichten für den Wettbewerb aus. Heute gibt es etwa 215 Kassen. Viele der knapp 25 Millionen Versicherten bei den heute noch 15 AOKs müssen sich auf weitere Fusionen einstellen. Dieser Prozess werde weitergehen, teilte der Vorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Hans Jürgen Ahrens, am Donnerstag in Berlin mit. Er versicherte: „Die AOK-Gemeinschaft passt ihre Organisationsstrukturen laufend an die sich wandelnden Marktbedingungen an.” Ahrens verwies auf die zurückliegenden Fusionen der AOK-Rheinland und der AOK-Hamburg zur AOK-Rheinland/Hamburg sowie der AOK in Sachsen und Thüringen zur AOK Plus. Nach Ansicht des Ökonomen Jürgen Wasem kann die aktuelle Finanzkrise 2009 auf die Finanzen der gesetzlichen Kassen durchschlagen. Schmidt betonte dagegen, dass sie nach Einführung des Einheitsbeitragssatzes von 15,5 Prozent für die Kassen keinen Anlass sehe, Zusatzbeiträge zu erheben, da „100 Prozent der Ausgaben abgedeckt sind”. AOK, Barmer, die Techniker Krankenkasse und andere große Kassen hätten gesagt, dass sie keine Zusatzbeiträge benötigten. Geld von der Knappschaft. Die Bundesknappschaft kündigte an, ihren Mitgliedern nach dem Start des Gesundheitsfonds 2009 eine Prämie ausschütten zu wollen. Ein solcher Schritt müsse jedoch vom Bundesversicherungsamt genehmigt werden, teilte die Kasse am Donnerstag in Bochum mit. Die Höhe einer möglichen Prämie müsse noch berechnet werden, sagte eine Sprecherin. Die Knappschaft hat 1,6 Millionen Versicherte. Derzeit liegt ihr Beitragssatz bei 13,6 Prozent. Die Bundesregierung will den Einheitssatz für den Fonds auf 15,5 Prozent festlegen. Kassen, die die Zuweisung aus dem Fonds nicht in voller Höhe brauchen, können Prämien an ihre Mitglieder zahlen. Im gegenteiligen Fall können sie Zusatzbeiträge erheben. dpa SZ 10.10.2008 Reparaturwerkstatt des Kapitalismus. Warum vielerorts die Verstaatlichung maroder Geldinstitute als Allheilmittel gesehen wird, obwohl überall Gefahren lauern. Alexander Hagelüken Themen des Tages Bericht global Seite 2 kA Reparaturwerkstatt des Kapitalismus. Warum vielerorts die Verstaatlichung maroder Geldinstitute als Allheilmittel gesehen wird, obwohl überall Gefahren lauern. Von Alexander Hagelüken. In der schlimmsten Wirtschaftskrise seit 1929 gibt es doch noch Überraschungen: Der Ex-Chef der Deutschen Bank fordert den Staat auf, Geldhäuser zu übernehmen. „Man sollte angeschlagene Banken verstaatlichen”, wird Hilmar Kopper dieser Tage zitiert. Der einstige oberste Geldmanager der Republik ruft die Regierung auf, marode Kreditinstitute unter ihre Kontrolle zu bringen, flottzumachen und dann wieder zu verkaufen. Der 71-Jährige lenkt damit den Blick darauf, dass Deutschland in der Bankenkrise ganz anders vorgeht als übrige Nationen. Vielerorts findet eine zumindest teilweise Verstaatlichung statt: Der Staat wird vorübergehend Miteigentümer an Banken, um seine Anteile später hoffentlich mit Gewinn wieder zu verkaufen. Die Briten tun es, die Isländer und Belgier tun es, die Amerikaner haben es längst getan – und sie denken über weitere Schritte nach. Nach dem Aufkauf der Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac und des weltgrößten Versicherers AIG will Finanzminister Henry Paulson womöglich weitere Bankaktien beim Staat parken. Die Bundesregierung dagegen hat die Rettung von Hypo Real Estate (HRE) ganz anders organisiert. Sie springt mit einer Bürgschaft ein, für die es Sicherheiten gibt. Für den Steuerzahler bedeutet das, er haftet im schlimmsten Fall mit 26,5 Milliarden Euro. Aber Eigentümer, der Vorstände feuern und später womöglich Gewinne einstreichen kann, wird er nicht. Finanzminister Peer Steinbrück argumentiert, es gebe bisher keinen Bedarf für staatliche Übernahmen, weil die Bankenbranche weniger von der Finanzkrise betroffen sei als in anderen Ländern. Der Frankfurter Finanzprofessor Martin Faust hält die Garantielösung im Fall Hypo Real Estate für in Ordnung: „Die Regierung geht davon aus, dass HRE vor allem frisches Geld braucht. Wenn diese Liquidität gesichert ist, werden die Kredite zurückgezahlt und der Steuerzahler wird nicht belastet.” Wenn das Problem eher kurzfristig sei und die Banken nicht wie derzeit in Großbritannien längerfristig Eigenkapital brauchten, könne man auf eine Verstaatlichung verzichten. „Die Bundesregierung hatte wohl die Sorge, dass ein so drastischer Schritt den Bürgern signalisiert, dass die Lage viel schlimmer ist als bisher gedacht.” Die Freunde der Verstaatlichung sehen das anders. Sie argumentieren, dass die Regierung als Miteigentümer einfach mehr Kontrolle ausüben kann. „Die Bundesregierung muss sicherstellen, dass mit meinem Geld kein Schindluder getrieben wird”, sagt der Berliner Wirtschaftsprofessor Henrik Enderlein. „Das kann sie nur als Anteilseigner. Wer garantiert, dass die HRE in zwei Wochen nicht noch mehr Geld fordert?” Die Freunde der Verstaatlichung sind inzwischen eine bunte Koalition. Zum Linken-Parteichef Oskar Lafontaine gesellt sich der Deutschbanker Kopper, der argumentiert, für den Steuerzahler könne sich das Ganze sogar lohnen: „Er kauft in der Krise und verkauft, wenn es wieder besser geht.” Damit ist nat rlich klar, dass Kopper kein Freund dauerhafter Verstaatlichung ist, sondern den Staat nur als Reparaturbetrieb des Kapitalismus sieht. Befürworter solcher Lösungen verweisen gerne auf Schweden. Dort wurde die Regierung in einer Krise Anfang der neunziger Jahre Eigentümer zweier Banken. Sie drückte die Abfindung gefeuerter Vorstände – und nahm nach einer neuen Studie sogar einen kleinen Gewinn mit. Doch ob es wirklich immer so glatt läuft, wenn die Regierung Eigentümerin wird, statt Bürgschaften oder Krediten zu vergeben, das ist sehr die Frage. Vor einem Jahr verstaatlichte die britische Regierung schon einmal eine Bank – der Baufinanzierer Northern Rock war eines der ersten Opfer der Finanzkrise. Seitdem lief es nicht besonders gut. Die Bank verzeichnete im ersten Halbjahr dieses Jahres einen höheren Verlust als geplant. Der Staat musste noch einmal drei Milliarden Pfund frisches Kapital nachschießen, insgesamt schuldet Northern Rock dem Staat jetzt 15 Milliarden Pfund. Ähnlich wacklig ist die Lage bei den US-Baufinanzierern Fannie und Freddie, die jeden zweiten Hausbau in Amerika garantieren. Die Regierung pumpt 200 Milliarden Dollar in die maroden Geschwister. Nach Zeitungsberichten rechnet sie selbst damit, dass ihr Ausflug ins Aktionärsleben sie mindestens 25 Milliarden Dollar kosten wird – Geld der Steuerzahler. In Deutschland hat der Staat als Eigentümer von Banken nicht immer besonders glücklich agiert. Der staatliche Großaktionär KfW verhinderte nicht, dass sich die Mittelstandsbank IKB mit US-Papieren verzockte – und mit acht Milliarden Euro Steuergeld gerettet wurde. Und die staatlichen Landesbanken sind alle mehr oder weniger angeschlagen, weil sie ebenfalls mit hochriskanten Geschäften gestolpert sind. Die große Spardose: Wer sein Geld in eine Bank steckt, der investiert nicht immer mit Gewinn, manchmal hilft er einfach nur, das Institut zu retten – so handeln zurzeit Regierungen auf der ganzen Welt. Sie geben den maroden Bankhäusern Kredite und Zuschüsse. Oder sie übernehmen in der Hoffnung, so die Lage zu stabilisieren. SZ 10.10.2008 USA wollen Banken notfalls verstaatlichen. Kapitalmangel der Kreditinstitute wird existenzbedrohend / Washington regt Weltkonferenz zur Finanzkrise an. Moritz Koch Politik Bericht USA Seite 1 kA USA wollen Banken notfalls verstaatlichen. Kapitalmangel der Kreditinstitute wird existenzbedrohend / Washington regt Weltkonferenz zur Finanzkrise an. Von Moritz Koch. New York – Die amerikanische Regierung erwägt, Banken vorübergehend in Staatsbesitz zu nehmen. Damit will sie die wachsende Furcht vor neuen Pleiten eindämmen. Viele Banken haben nicht mehr genügend Kapital, um die Krise aus eigener Kraft zu überstehen. Weitere Schritte wollen die USA auf einer Weltfinanzkonferenz verabreden, an der Industrienationen und Schwellenländer teilnehmen sollen. Bundeskanzlerin Angela Merkel befürwortet eine engere internationale Kooperation. Nach dem Zusammenbruch mehrerer Konkurrenten finden US-Banken auf dem freien Markt kaum noch Geldgeber. Investoren wollen Aktien nur noch zu Billigpreisen kaufen, und Gläubiger fordern hohe Risikoaufschläge für Kredite. Nach amerikanischen Medienberichten will die Regierung nun selbst Bankaktien kaufen, um die dünne Kapitaldecke der Institute zu stärken. Die Teilnahme an dem Programm soll für die Banken freiwillig sein. US-Finanzminister Henry Paulson sagte, die Regierung werde alle Möglichkeiten ausschöpfen, um das Vertrauen der Märkte wiederherzustellen. Staatssekretär David McCormick fügte hinzu, es sei nur noch eine Frage von Tagen, bis das Programm ausführlich vorgestellt werden könne. Der Regierung stehen bis zu 700 Milliarden Dollar zur Verfügung, um den Finanzsektor zu stützen. Bisher wollte sie das Geld nicht in Aktien, sondern in komplexe Wertpapiere investieren, für die die Banken keine anderen Käufer mehr finden. Da es aber noch Wochen dauern wird, bis das Finanzministerium den angemessenen Preis dieser Papiere ermittelt hat, sucht Paulson nach Alternativen. Die Situation an den Kreditmärkten hat sich in den vergangenen Tagen weiter verschlechtert, weltweit sind die Aktienmärkte abgestürzt. Banken horten ihr verbliebenes Kapital, anstatt es zu verleihen. Dadurch geraten in den USA Konsumenten, Industriekonzerne und sogar Bundesstaaten in Zahlungsschwierigkeiten. Es droht eine schwere Rezession. Alle Versuche von Regierung und Notenbank, den Kreditstrom wieder in Gang zu setzen, haben bisher keine Wirkung gezeigt. So musste sich der erst vor drei Wochen mit einem Notkredit gerettete Versicherer AIG am Mittwoch weitere 38 Milliarden Dollar bei der Zentralbank leihen. Mit dem Aktienkauf würde der Staat zum Miteigentümer der Banken. Er könnte in die Unternehmenspolitik eingreifen und etwa Gehälter und Abfindungen von Managern begrenzen. Die Vollmachten dafür hat der Kongress dem Finanzministerium am vergangenen Freitag erteilt. Sobald die Krise überwunden ist, könnte die Regierung ihre Aktien wieder verkaufen, vielleicht sogar mit Gewinn. Der Plan ähnelt dem des britischen Premiers Gordon Brown, der am Mittwoch angekündigt hatte, die acht größten Banken des Landes teilweise zu verstaatlichen. Nach den Vorstellungen der USA sollen die Staaten ihr Vorgehen in der Krise künftig besser koordinieren. Die Amerikaner schlagen daher einen Weltfinanzgipfel von Schwellen- und Industrieländern vor, der noch in diesem Jahr stattfinden solle. Präsident George W. Bush telefonierte am Mittwoch mit Kanzlerin Angela Merkel. Er habe sie über die Schritte der USA in der Finanzkrise informiert, sagte eine Sprecherin des Weißen Hauses. Die beiden seien sich einig, dass alle Länder zusammenarbeiten müssten. SZ 11.10.2008 Feinde in der Not . Finanzkrise vergiftet Klima zwischen Island und Großbritannien. Janek Schmidt Politik Bericht Island; GB Seite 1 kA Feinde in der Not . Finanzkrise vergiftet Klima zwischen Island und Großbritannien. Für die friedliebende Nation Island war der Angriff ein Schock. Was die Politiker in Reykjavik machten, sei „vollkommen inakzeptabel und illegal”, polterte der britische Premierminister Gordon Brown, nachdem Island Ersparnisse in seinen kriselnden Banken eingefroren hatte und britische Sparer um ihr Geld auf isländischen Konten bangten. „Wir sind bereit, jegliche Art des Vorgehens zu erwägen”, drohte Brown in martialischem Ton und zog für den Vergeltungsschlag tatsächlich einen großen Hammer aus dem Arsenal: Um den Besitz der isländischen Landsbanki in Großbritannien einzufrieren, nutzte er ein Antiterrorgesetz aus dem Jahr 2001. Damit sind die Finanzturbulenzen heftiger denn je von den Handelsplätzen auf das diplomatische Parkett vorgedrungen und die erste zwischenstaatliche Krise ist perfekt. Zu seinem kämpferischen Einsatz war Brown durch Notrufe seiner Landsleute getrieben worden. Denn nicht nur Londoner Privatanleger waren in der Vergangenheit von den hohen Zinssätzen nach Island gelockt worden. Auch britische Polizeibehörden, Feuerwehren und Stadtverwaltungen sollen nach Medienberichten fast eine Milliarde Pfund (1,3 Milliarden Euro) an öffentlichem Geld in Islands Banken investiert haben. Nach isländischem Recht müsste die Regierung mit 2,8 Milliarden Euro für die Einlagen haften und Sparern jeweils bis zu 20 000 Euro zurückzahlen. Doch je länger Brown auf eine Zusage für diese Zahlungen aus Reykjavik wartete, desto aggressiver wurde sein Ton und gipfelte schließlich in der Drohung: „Wir frieren den Besitz von isländischen Firmen in Großbritannien ein, wo wir können.” Die Replik aus Reykjavik kam umgehend. „Es war nicht besonders angenehm, als ich heute früh mitbekam, dass Terrorgesetze gegen uns angewandt werden”, sagte Islands Premier Geir Haarde, dessen Land sonst dafür bekannt ist, dass es keine Armee hat. Seine Regierung wertete das britische Vorgehen als „völlig unfreundlichen Akt”, eine Einschätzung, die an kriegerische Scharmützel erinnert und unter Nato-Partnern eher ungewöhnlich ist. Haarde klagte zudem, dass Großbritannien mitschuldig sei an Islands Not. Damit spielte er auf Probleme der größten isländischen Bank, Kaupthing, an. Sie war von der isländischen Regierung unter Staatsaufsicht gestellt worden, nachdem britische Kunden ihre Konten bei der Londoner Tochter Kaupthing Singer & Friedlander geplündert hatten und die Restaktivitäten der Bank unter Kontrolle der britischen Finanzaufsicht gestellt worden waren. Deutsche Kunden von isländischen Banken stehen vor ähnlichen Problemen wie ihre britischen Leidensgenossen. Doch während hierzulande 30 000 Kontoinhaber um ihre Einlagen bei Kaupthing bangen, sind in Großbritannien etwa zehnmal mehr Sparer betroffen. Im liberalisierten britischen Banksektor hatte Kaupthing Konkurrenten kaufen und deutlich schneller expandieren können. Nun rächt sich die Politik der wirtschaftlichen Freiheiten, die der heutige Premier Brown als langjähriger Schatzkanzler maßgeblich mitgestaltet hatte. Auch deshalb bemüht er sich nun um Schadensbegrenzung und entsandte Experten des Finanzministeriums nach Island, um die Probleme der Banken vor Ort zu prüfen. Dabei hoffen die Briten, dass sie freundlicher empfangen werden als bei der letzten diplomatischen Krise. Im sogenannten Kabeljaukrieg in den siebziger Jahren zerstörten isländische Fischer einfach die Boote ihrer angelsächsischen Konkurrenten. Janek Schmidt SZ 11.10.2008 Weltweit drastische Kurseinbrüche. Die Börsen spielen verrückt. Dax verliert zeitweise mehr als zehn Prozent. Auch Bundesregierung erwägt Teilverstaatlichung von Banken. Martin Hesse; Nikolaus Piper Wirtschaft Bericht global Seite 1 kA Weltweit drastische Kurseinbrüche. Die Börsen spielen verrückt. Dax verliert zeitweise mehr als zehn Prozent. Auch Bundesregierung erwägt Teilverstaatlichung von Banken. Von Martin Hesse und Nikolaus Piper. Washington – An den Weltbörsen ist es am Freitag zu heftigen Kursschwankungen gekommen. Der Dax rutschte zeitweise um mehr als zehn Prozent ab. Der Dow-Jones-Index in New York verlor zu Handelsbeginn sieben Prozent und fiel zum ersten Mal seit fünf Jahren unter die Marke von 8000 Punkten. Nach den schweren Kurseinbrüchen schließt die Bundesregierung einen Einstieg des Staates bei deutschen Banken nicht mehr aus. Eine „umfassende” Lösung für den Finanzsektor sei nötig, sagte Bundesfinanzminister Peer Steinbrück. Er und Bundesbankpräsident Axel Weber äußerten sich vor einer Krisensitzung der Gruppe der großen Industrieländer (G7) nicht zu Details eines möglichen Rettungspakets, verwiesen jedoch auf Maßnahmen, die andere von der Krise betroffene Staaten ergriffen hatten: Liquiditätshilfen, Garantien und Kapitalbeteiligungen des Staates. Zuletzt hatte Großbritannien die Teilverstaatlichung einiger Banken angekündigt. Bei einem möglichen Einstieg des Staates dürften nicht neue Risiken entstehen, sagte Steinbrück. Außerdem müssten die Banken klare Anreize erhalten, um ihr Geschäft zu restrukturieren. „Wir haben eine sehr gute Chance, die Finanzkrise einzudämmen”, sagte der Finanzminister. An den Börsen kam es zu einem drastischen Auf und Ab der Kurse. Am Morgen hatte in Tokio ein beispielloser Ausverkauf eingesetzt. Dort fiel der Leitindex Nikkei um mehr als zehn Prozent, nachdem ein Versicherungsunternehmen Konkurs angemeldet hatte. Der Kurs der Deutschen Bank brach in Frankfurt um 16 Prozent ein. Der Dax schloss mit sieben Prozent im Minus. Die US-Börsen verloren zur Eröffnung fast acht Prozent. An den Börsen in Wien, Bangkok und Jakarta wurde der Handel sogar vorübergehend ausgesetzt. Der Chef der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, appellierte an die Marktteilnehmer, Ruhe zu bewahren. US-Präsident George W. Bush sagte, er wolle durch internationale Zusammenarbeit die Finanzkrise in den Griff bekommen. In einer Ansprache im Rosengarten des Weißen Hauses betonte er, die USA seien „eine wohlhabende Nation mit immensen wirtschaftlichen Möglichkeiten”, der eine Vielzahl von Werkzeugen zur Verfügung stünden. Am Rande des G-7-Treffens hieß es, die Runde werde nicht dem Beispiel Großbritanniens folgen und keine konkrete Maßnahmen wie etwa Garantien für Bankkredite beschließen. Die Europäische Union werde an diesem Sonntag zu einem Krisengipfel in Paris zusammenkommen. Die Bundesregierung strebt international abgestimmte, in der Substanz aber nationale Lösungen an. Die US-Regierung erwägt, ähnlich wie die Bundesregierung, Einlagen der Bürger bei Banken abzusichern. Bundesbankpräsident Weber sagte, er halte ein Krisenmanagement nach britischem Vorbild nicht für sinnvoll: „Alle Staaten müssen ihren Banken Hilfe zur Selbsthilfe geben.” Maßnahmen, wie den Banken frisches Kapital zuzufügen, seien geeignet. Der Staat solle aber keine Mehrheit erwerben. Panik auf dem Parkett: Fassungslos reagieren Aktienhändler auf die neuen Verluste. Der Dax stürzte am Freitag an der Börse in Frankfurt zeitweise drastisch ab und verlor mehr als zehn Prozent. Weltweit brachen die Kurse ein. Volkswirte sprachen von „Ausverkauf” und „Käuferstreik”. SZ 11.10.2008 Finanzkrise in Kürze. kA kA Wirtschaft Meldung global Seite 23 kA Finanzkrise in Kürze. Am Freitag gab es den zweiten Aktiencrash der Woche. Bis zum Schluss verlor der Deutsche Aktienindex Dax 7 Prozent. Damit war es in Deutschland die schlimmste Börsenwoche aller Zeiten mit einem Minus von 21,6 Prozent. Nicht einmal nach dem 11. September verlor der Dax soviel an Wert. An der Frankfurter Börse herrscht Ratlosigkeit. „Keiner versteht die Börse, und wer behauptet, sie zu verstehen, der lügt”, sagte ein Händler. Der Verfall der Aktienkurse setzt auch Industrieunternehmen zu, denn sie haben bislang viel mit Geldgeschäften verdient. Beim Siemens-Konkurrenten, dem US-Mischkonzern General Electric, führte die Finanzkrise zu einem Gewinneinbruch. Die europäischen Fluggesellschaften, darunter die Deutsche Lufthansa und British Airways melden Buchungsrückgänge vor allem bei Geschäftsreisen. In Japan geht die Lebensversicherung Yamato pleite und in Russland können viele Oligarchen ihre Firmenkäufe nicht mehr bezahlen. Die japanische Notenbank bietet derweil an, ihre Währungsreserven auf den Markt zu werfen und so den Geldmarkt zu stützen. SZ 11.10.2008 Sparkassen und Genossenschaftsbanken profitieren von der Krise. Sparer zahlen Milliarden ein. Kundenansturm auf öffentlich-rechtliche Institute nimmt nach Garantie der Bundesregierung zu. Harald Freiberger; Thomas Öchsner; Sandra Stricker Wirtschaft Bericht BRD Seite 23 kA Sparkassen und Genossenschaftsbanken profitieren von der Krise. Sparer zahlen Milliarden ein. Kundenansturm auf öffentlich-rechtliche Institute nimmt nach Garantie der Bundesregierung zu. Von Harald Freiberger, Thomas Öchsner und Sandra Stricker. München – Die internationale Finanzkrise beschert den Sparkassen und Genossenschaftsbanken in Deutschland einen Kundenansturm. Seit Ende September dürften die Spareinlagen der Institute um mehrere Milliarden Euro gestiegen sein. Das ergab eine Umfrage der Süddeutschen Zeitung. Das Geschäftsmodell von Sparkassen und Genossenschaftsbanken, Einlagen von Kunden in der Region anzunehmen und dann dort wieder an private Häuserbauer und mittelständische Unternehmen auszureichen, scheint bei den deutschen Sparern wieder an Ansehen zu gewinnen. Bundesweit melden diese Institute, dass Kunden Erspartes von Privatbanken, Autobanken oder Direktbanken abziehen und zu ihnen umschichten. Eine Sprecherin des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV) sagte, „vor einiger Zeit konnte man ja als Kreditinstitut nicht international genug sein, und modern war nur derjenige, der wirklich an internationalen Finanzplätzen aktiv war”. Nun finde „offensichtlich ein Bewusstseinswandel” statt. Allein die bayerischen Volks- und Raiffeisenbanken verzeichneten seit 1. Oktober einen Geldzufluss von 1,8 Milliarden Euro netto, also nach Abzug der Abflüsse. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage bei etwa einem Drittel der 318 Genossenschaftsbanken in Bayern hervor, die der SZ vorliegt. Unter den Anlegern, die Geld umschichten, sind auch viele vermögende Kunden. Manfred Geyer, Chef der Ansbacher Raiffeisen-Volksbank, sagte, die Summen bewegten sich zwischen 50 000 und 300 000 Euro. „Es ist schon eine Tatsache, dass wir in gewisser Weise Krisengewinner sind.” Auch andere genossenschaftliche Institute berichteten von einem Kundenansturm. Eine Sprecherin der Nassauischen Sparkasse in Wiesbaden sprach von „signifikanten Zuwächsen, besonders in den vergangenen zwei Wochen. Und sie steigen von Tag zu Tag.” Auch die Frankfurter und die Berliner Volksbank, die zu den größten deutschen Genossenschaftsbanken gehören, meldeten Zuwächse bei den Einlagen. In Bayern transferierten die Kunden am Montag allein 500 Millionen Euro zu den Genossenschaftsbanken, so der Genossenschaftsverband Bayern. Der Montag war der Tag, nachdem Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Garantie für alle Einlagen der Banken abgegeben hatte. Anfragen aus dem Ausland. Ein ähnliches Bild zeichnet sich bei den Sparkassen ab. Allein die Hamburger Sparkasse, die größte Sparkasse Deutschlands, verzeichnete seit 15. September Zuwächse in Höhe von 500 Millionen Euro. Die Stadtsparkasse Köln-Bonn berichtete von Kundenzugängen aus dem Ausland, auch von außerhalb Europas. Die Kunden erkundigten sich dabei explizit nach den Sicherheiten einer Sparkasse und überwiesen dann höhere Millionenbeträge. Die Münchner Stadtsparkasse verbuchte seit 1. Oktober Zuflüsse an Termingeld in Höhe von 170 Millionen Euro. „Wir können uns vor Verlagerungen von Einlagen zu uns kaum retten”, sagte Harald Strötgen, Vorstandschef des Instituts. Insgesamt dürften die Einlagen bei den vier von der SZ befragten Sparkassen um mehr als eine Milliarde Euro gestiegen sein. Auch alternative Banken gewannen Kunden hinzu. Die Nürnberger Umweltbank meldete ein Kundenplus von 15 Prozent in diesem Jahr. Das Institut finanziert vor allem ökologische Projekte. Die Sparkassen und Genossenschaftsbanken haben in Deutschland bei den Spareinlagen einen Marktanteil von etwa 75 Prozent. Sie haben jeweils eigene Einlagensicherungssysteme. Diese sind darauf ausgelegt, dass sich die Institute gegenseitig unterstützen. Anders ist das System bei den Privatbanken, zu denen etwa die Deutsche Bank, Postbank oder Citibank zählt. Hier springt zunächst die gesetzliche Sicherung ein, der alle privaten Banken in Deutschland angehören müssen. Als zweite Stufe gibt es die freiwillige Sicherung. Die Banken zahlen in einen Fonds ein, der für die Einlagen der Sparer im Falle einer Bankenpleite haftet. Anleger, die jetzt Geld von den Privatbanken abziehen, haben offenbar Zweifel, ob der Fonds bei einer Pleitewelle mehrerer Institute genug Mittel hat. SZ 11.10.2008 „Sammle meine Tränen in deinen Krug”. Not lehrt beten: Wie die Kirchen mit der Finanzkrise umgehen – von der einige selbst betroffen sind. Matthias Drobinski Wirtschaft Bericht BRD Seite 23 kA „Sammle meine Tränen in deinen Krug”. Not lehrt beten: Wie die Kirchen mit der Finanzkrise umgehen – von der einige selbst betroffen sind. Von Matthias Drobinski. München – Fast einen Meter hoch ist der Krug, den Pfarrer Jeffery Myers in der Frankfurter Alten Nikolaikirche aufgestellt hat. „Banker, Anleger und andere Besucher” sollen ihre Sorgen auf einen Zettel schreiben und in das Gefäß werfen, weil es schon in den Psalmen heißt: „Gott, sammle meine Tränen in deinen Krug”. Die Alte Nikolaikirche am Römerberg liegt in Laufweite des Bankenviertels, viele Banker kommen morgens oder mittags kurz dort vorbei. Die Gottesdienste hält das Pfarrer-Ehepaar Myers auf Deutsch und Englisch, Myers hat sich, bevor er in den USA Pfarrer wurde, in seiner Heimatstadt Kansas als Banker versucht. So sind ihm die Sorgen der Beter nahe, die nun um ihr Geld und um ihren Job fürchten. Not lehrt beten, das ist eine Grunderfahrung der Kirchen und ihrer Seelsorger, wobei es in Deutschland noch ungewöhnlich ist, den Herrn anzurufen, damit er die Talfahrt des Dax beende und dem Dow Jones neues Leben einhauche. In England und in den USA sind die Kirchen da lockerer. Auf der Homepage der anglikanischen Church of England kann man den Link „Prayers for Today” anklicken und stößt auf ein Gebet für die gegenwärtige Finanzkrise: „Gott, wir leben in verstörenden Tagen. Banken brechen zusammen, Jobs werden gestrichen, die ohnehin anfällige Sicherheit ist bedroht. Sei ein Turm der Stärke im Treibsand und ein Licht in der Dunkelheit.” Tausendfach werde das Gebet aufgerufen, heißt es auf der Homepage. Auch der Pfarrer der Trinity-Kirche in der Nähe der New Yorker Börse berichtet, dass die Zahl der Beter gestiegen sei, seit die Börsenkurse nach unten trudelten. Die Kirchen wollen aber nicht nur besorgten Börsianern Trost und verarmten Anlegern Beistand spenden – viele Vertreter sehen sich in ihrer Skepsis gegenüber dem globalen Finanzsystem bestätigt. Papst Benedikt XVI. hat gesagt, dass auf Sand baut, wer „nur auf sichtbare und materielle Dinge aufbaut”, und auch beim Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) in Genf heißt es: „Die Finanzkrise zeigt, dass ein zügelloser Egoismus und eine schrankenlose Gier nach Profit ins Verderben führen kann.” Der Münchner Erzbischof Reinhard Marx hat die Regierungen aufgerufen, die Opfer der Finanzkrise nicht im Stich zu lassen. Am 29. Oktober wird Marx sein Buch mit dem programmatischen Titel „Das Kapital” vorstellen. Der Sozialexperte plädiert schon seit längerem für freie, aber dem Sozialen verpflichtete Märkte – die traditionelle Position der katholischen Soziallehre. Häufig wurden die Kirchen für diese Haltung belächelt, nun dürfen sie sich mit ihrer – gemäßigten – Kapitalismuskritik an der Spitze einer breiten Bewegung sehen. Wobei die Kritik auch dadurch gebremst wird, dass die Kirchen selber Akteure am Finanzmarkt sind. In den USA haben viele Gemeinden viel Geld verloren. In Deutschland hatte ausgerechnet das von Finanznot gebeutelte Bistum Aachen Geld beim Frankfurter Ableger des insolventen Bankhauses Lehman Brothers angelegt. Es bestehe aber kein Verlustrisiko, betont ein Sprecher. Und wenn doch, dann bleibt die Weisheit eines Besuchers in der Nikolaikirche: „Mit weniger komme ich auch zurecht”, schrieb er auf seinen Zettel. Die Alte Nikolaikirche am Frankfurter Römerberg: Viele Banker suchen in diesen Tagen dort Trost. SZ 11.10.2008 Kommentare. Lektion für alle. Manager und Politiker sind für die Finanzkrise gleich verantwortlich. Karl-Heinz Büschemann Wirtschaft Kommentar BRD Seite 23 kA Kommentare. Lektion für alle. Manager und Politiker sind für die Finanzkrise gleich verantwortlich. Von Karl-Heinz Büschemann. In der Weltwirtschaft geht eine Panik um wie kaum jemals zuvor. Die Aktienkurse fallen ins Bodenlose, Banken gehen reihenweise pleite und müssen von Regierungen gerettet werden. Ganze Nationen werden zahlungsunfähig, und die Menschen sind in Sorge. Sie fürchten um ihr Erspartes, um ihren Arbeitsplatz, und sie zweifeln an der Marktwirtschaft sowie an denen, die in Politik und Unternehmen die Verantwortung tragen. In solchen Zeiten sind Schuldige schnell gefunden: Es sind offenbar „unverantwortliche Banker” (Kanzlerin Merkel), die die Welt mit kaum durchschaubaren Finanzgeschäften aus den Fugen brachten, die sich persönlich bereicherten und dem Rest der Welt ein beispielloses Chaos hinterließen. Für manchen ist der Grund das angelsächsische Wirtschaftsdenken, das schnelle Gewinne für die Aktionäre in den Vordergrund schob, das soziale Bedürfnisse der Menschen hintanstellte und das in Westeuropa erst nach dem Zusammenbruch des Sozialismus breit akzeptiert wurde. Daher wird diese Finanzkrise das wirtschaftspolitische Denken verändern. Die aus Amerika übernommenen Prinzipien des freischwebenden, weitgehend unkontrollierten Handelns werden wenigstens in Europa keine Zukunft haben. Schon sehr bald werden sich die Manager, die zuletzt durch Gehältergier und Massenentlassungen das Ansehen ihrer Kaste verspielten, auf härtere Zeiten und verschärfte Kontrollen ihrer Arbeit einstellen müssen und hoffentlich auch auf geringere Einkommen. Eloquente Schwätzer bei Banken, Börsen und Beratern, die den Menschen scheinbar neue Gesetze der Marktwirtschaft predigen, werden hoffentlich lange einen schweren Stand haben. Die angelsächsische Ideologie der staatsfernen Wirtschaft hat es besonders schwer, wenn der Staat die Banken vor dem Kollaps retten muss. Pragmatische USA Aus diesem Grund gefallen sich in Deutschland jetzt die Politiker aller Schattierungen in der Rolle derjenigen, die es schon immer gewusst haben. Sie scheinen eine Genugtuung darüber zu verspüren, dass Bankmanager nach Vater Staat rufen und die Politiker wieder eine große Bühne bekommen, auf der sie sich als Retter präsentieren können. Für solche Art der Selbstzufriedenheit gibt es aber nicht den geringsten Anlass. In dieser Krise haben sich die Politiker genauso blamiert wie Manager und Banker. Alle Beteiligten stehen den Folgen dieser Krise mit der gleichen bedauernswerten Hilflosigkeit gegenüber. Es stimmt ja, dass ins Kriminelle hineinreichende Geschäfte von Finanzjongleuren die Weltwirtschaft aus den Fugen gebracht haben. Aber es ist ebenso richtig, dass auch die Politiker der verschiedenen Regierungen für diese Krise die gleiche Verantwortung tragen. An der pragmatischen Art, wie die Regierungen in Amerika oder Großbritannien die Sache anpacken, lässt sich erkennen, dass sie sich dieser Aufgabe auch bewusst sind. Die deutschen Politiker haben dagegen lange versucht, sich aus der Affäre zu ziehen und den schwarzen Peter erst einmal den unfähigen Managern zuschieben. Dabei sind sie selbst ein Teil des Problems. Der Verwaltungsrat der staatlichen KfW-Bank, die an der zusammengebrochenen IKB-Bank beteiligt war, sitzt voller Bundespolitiker. Finanzminister Peer Steinbrück, der sich heute als tüchtiger Krisenmanager feiern lässt, ist sogar stellvertretender Vorsitzender. Mangelhafte Aufsicht Die Bundesregierung wirkt in ihrem Krisenmanagement trotz mancher Kraftmeierei regelrecht hilflos. Erst vermittelt sie den Eindruck, mit der Finanzkrise nichts zu tun zu haben. Die sei Sache der Amerikaner. Dann verweigert sie sich einem geordneten gemeinsamen Vorgehen in Europa, um plötzlich eine gigantische nationale Garantie für alle Sparguthaben zu geben, ohne zu sagen, was sie genau plant. Inzwischen hat sie sich noch einmal gedreht und gewinnt sogar Gefallen an der britisch-amerikanischen Idee, Banken zu verstaatlichen. Man kann nur hoffen, dass die Bundesregierung auf dem G-7-Treffen in Washington an diesem Wochenende ihre merkwürdige Solistenposition aufgibt. Sie muss Teil eines geordneten weltweiten Vorgehens werden, ohne das diese globale Finanzkrise nicht zu bewältigen ist. Auch die Regeln der Bankenaufsicht sind in Deutschland mangelhaft. Die sind Sache der Politik. Es geht ja nicht nur um superkomplizierte Finanzgeschäfte, mit denen clevere Jongleure die Kontrollbehörden austricksten. Der Knall bei der Hypo Real Estate geht auf klassische Banker-Fehler zurück, die die Bundesbank oder die Finanzaufsichtsbehörde Bafin hätte abstellen müssen. Doch langwieriges politisches Gerangel um die Kontrollkompetenzen ließ der Katastrophe freien Lauf. Diese Krise ist besonders komplex. Banker und Politiker in aller Welt sind auf ihre Bewältigung schlecht vorbereitet. Das ist keine Schande. Man kann niemandem vorwerfen, mit einer Situation nicht fertig zu werden, die es zuvor nie gab. Aber eine Lehre aus der Krise ist, dass Politiker und Manager die gleiche Pflicht haben, an der Lösung zu arbeiten, egal wer sie verbockt hat, und ohne ideologische Scheuklappen. Es gibt keine staatsfreie Wirtschaft, auch wenn sich Unternehmer das oft wünschen. Staat wie Wirtschaft haben dem Wohl der Menschen und der Nationen zu dienen, sonst werden sie nicht akzeptiert. Das gilt auch, wenn sie sich gegenseitig zum Teufel wünschen. Es wäre viel erreicht, wenn am Ende dieser Krise die Erkenntnis übrigbliebe, dass beide enger verbunden sind, als sie glauben. SZ 11.10.2008 Was die Not lehrt. kA Heribert Prantl Meinungsseite Kommentare global Seite 4 Leitartikel Was die Not lehrt. Von Heribert Prantl. Bis vor kurzem gab es Leute, die einen höchst merkwürdigen Traum träumten. Sie wollten den Staat ganz klein schrumpfen – so klein, dass sie ihn „ins Badezimmer schleppen und in der Badewanne ersäufen” können. Diesen Traum vom staatsbefreiten Markt, es war ein amerikanischer Traum, erzählten sie feixend in den Talkshows und ließen anschließend schon einmal das Wasser einlaufen. Von Leuten dieses Schlages, von Radikal-Neoliberalen und Radikal-Steuersenkern, hat sich US-Präsident George W. Bush beraten lassen. Der Präsident hatte auch deswegen ein Ohr für sie, weil eine entfesselte und mit Ramschkrediten gedopte Immobilien-Industrie die horrenden Kosten seiner Außenpolitik innenpolitisch erträglich machte. Nun ist der Wasserhahn abgedreht, das Badezimmer zugesperrt. In der globalen Finanzkrise träumen die einstigen Badewannen-Mörder und ihre vielen Gehilfen, die es auch in Europa gab, nicht mehr vom schrumpfenden, sondern vom wachsenden Staat, sie träumen von einem starken und hilfreichen Gemeinwesen, das sie und die maroden Banken in die Arme nimmt und ihren Bankrott abwendet. Aus der Staatsverspottung von gestern ist über Nacht eine neue Staatsvergottung geworden. Selbst Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank, macht sich zum Ministranten dieses neuen lieben Gottes, der doch bitte schnell seine guten Gaben ausschütten solle. Die neue Lust am starken Staat. Sind die Groß-Manager konvertiert? Haben sie abgeschworen? Haben sie endlich eingesehen, dass der Neoliberalismus etwas ganz Entscheidendes verdrängt hatte: dass auch der Liberalismus von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht schaffen kann. Ohne einen starken Staat gibt es nämlich keinen Rechtsstaat, keine funktionierende Marktwirtschaft, keine Demokratie und keinen Sozialstaat, der für inneren Frieden sorgt. Womöglich ist es aber mit dieser Einsicht nicht so weit her; womöglich ist der starke Staat von der moribunden Finanzwirtschaft in Wahrheit nur als nützlicher Idiot gefragt: Der Staat soll zunächst die angeschlagenen Flaggschiffe der Finanzwirtschaft in seine Docks schleppen und dort mit viel Geld reparieren, sie aber dann anschließend wieder in den kapitalistischen Ozean auslaufen lassen. Dann hätten die kleinen Steuerzahler die Reparatur bezahlt, und die alte Besatzung und die alten Passagiere könnten wieder auf den alten Kurs gehen. Das wird so nicht funktionieren. Es wird nicht funktionieren, weil nicht nur das Geld, sondern auch das Vertrauen zur Finanzwirtschaft und zu ihren Protagonisten geschwunden sind. Es sind also nicht nur die Schiffe leck, es trocknet auch der Ozean aus, den diese befahren. Wenn die Bundeskanzlerin und viele andere davon reden, dass es zuallererst gelte, das Vertrauen wiederherzustellen – es kann nicht das Vertrauen in das alte gierige System sein. Im alten Turbokapitalismus gab es tatsächlich eine Zeit, in der fast jeder jedem traute, weil man miteinander an die „unsichtbare Hand” des Marktes glaubte, die alles zum Besten und zum Lukrativsten wenden würde. Dieses Vertrauen war auch ein Mechanismus der Reduktion wirtschaftlicher Komplexität: Die Politik traute also der Wirtschaft, die Banken trauten einander, die Großmanager spielten sich ohnehin die Bälle zu, und auch ein großer Teil der Bürger traute diesem System, das ewiges Wachstum, billiges Geld und immer steigende Renditen versprach. Indes: Der Krug geht nur so lange zum Brunnen, bis er bricht. Aus einem börsenboomgestützten Grundvertrauen ist nun ein börsensturzgestützes Grundmisstrauen geworden. Die Gesellschaft steht vor dem Problem, das Friedrich Hebbel in seinem Trauerspiel „Demetrius” so beschrieben hat: „Wer damit anfängt, dass er allen traut, wird damit enden, dass er jeden für einen Schurken hält.” Deshalb ruft nun alle Welt nach strenger Kontrolle und nach strengen Regeln. Deshalb folgt jetzt jeder dem Lehrsatz, der Lenin zugeschrieben wird: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.” Das ist ein heikler, ja ein bedrohlich totalitärer Spruch. Wenn er derzeit trotzdem richtig ist, dann indiziert das die Gefährlichkeit der Lage. Verträgliche Zustände werden erst dann wieder einkehren, wenn wieder das Umgekehrte gilt: Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser. Vertrauen, nicht Kontrolle ist nämlich das Band der Gesellschaft. Dieses Band ist zerrissen – und die Spitzenpolitiker der Welt halten in ihren G-7- und sonstigen Konferenzen die einzelnen Stücke in der Hand und überlegen, was sie jetzt damit anfangen sollen. Not lehrt beten, hieß es früher. In den Zeiten größter Not waren deshalb stets die Kirchen voll. Die Not von heute lässt erst einmal den Glauben an den Staat, an die Gemeinschaft der Staaten und ihre Bündnisse und Organisationen wieder wachsen; der Staat und die Staaten werden wieder zum Vertrauensanker – weil sie es sind, die Regeln setzen, aussetzen, neu machen und hoffentlich auch durchsetzen können. Es ist dies kein irrationales Vertrauen. Der staatliche Anker ist ja nicht Fiktion, sondern vorhanden. Der Staat hat ihn aber oft genug in den Sand geworfen in den vergangenen Jahren. Er hat sich in bisweilen unverantwortlicher Weise an die Wirtschaft ausgeliefert. Bund, Länder und Gemeinden haben sich verkauft, und dies mit dem Begriff „Public Private Partnership” getarnt. Die Großstädte haben ihre Unternehmungen, darunter Straßenbahnen, Wasserversorgung und Kanalnetze, an Investoren ausgeliefert, von denen etliche zu den globalen Groß-Pleitiers der Finanzkrise zählen. Die Kommunen haben sich hier mit seltsamen Leasing-Verträgen einem Markt ausgeliefert, den sie nicht überblicken konnten und können. Dutzende Stadtkämmerer wissen daher nicht, was im Gefolge der Finanzkrise auf sie und ihre Bürger zukommt. Die Not lehrt die Politik nun, dem Staat wieder zu geben, was des Staates ist – und die ehemals städtischen Versorgungsbetriebe wieder der demokratischen Mitbestimmung zuzuführen. Die Entstaatlichung der Daseinsvorsorge war eine Gefahr für die Demokratie, weil niemand mehr mit seiner Stimme Einfluss darauf nehmen konnte, was dort passiert; das entschied im schlimmsten Fall eine Briefkastenfirma auf den Kaimaninseln. Das kann nicht länger so sein. Ein kleines Lob der großen Krise. Die große Krise öffnet also die Augen dafür, was falsch gemacht worden ist und auch dafür, wie man sich in Deutschland hat ins Bockshorn jagen lassen – zum Beispiel von der EU-Kommission, die am liebsten das System der Sparkassen schon längst zerschlagen hätte, weil es angeblich nicht in das EU-Bild vom freien Wettbewerb passt; jetzt gelten die beschmunzelten Sparkassen als Hort der Stabilität in der Großkrise. Es ist Zeit für die Abkehr von dem kapitalen Fehldenken, das zur Finanzkrise geführt hat. Es gibt Symbolhandlungen, mit denen man das deutlich machen kann: Die Fernsehsender zum Beispiel könnten die elektronischen Laufbänder abschalten, die in Endlosschleife auf dem Bildschirm die Börsenkurse einblenden. Das Ende der Börsenticker wäre ein Zeichen für das Ende des Börsenticks. SZ 11.10.2008 Blick in die Presse kA kA Meinungsseite Zitat global Seite 4 kA Blick in die Presse. Das Ende der amerikanischen Ära. Der Mailänder Corriere della Sera wirft einen Blick auf die Zeit nach der Finanzkrise: „Wenn die Finanzkrise vorbei ist, dann wird der Kapitalismus nicht zusammengebrochen sein. Wahrscheinlich stehen wir dann aber vor dem Ende des ,amerikanischen Jahrhunderts‘. Die USA werden noch für eine gewisse Zeit die führende Militärmacht des Planeten sein, doch das Gefälle zu den anderen großen Mächten wird geringer werden. Wird aber eine derartige Welt dann auch friedlicher und freier sein? Wohl nicht. Es wird sich wohl vielmehr um eine Welt handeln, die noch gefährlicher sein wird als die uns bekannte.” Geldadel und Demokratie. Die Pariser Zeitung Le Monde schreibt über die Haltung der Politiker in der Finanzkrise: „Einige Politiker haben heute ein schweres Problem der Glaubwürdigkeit. Seit Jahren haben sie in Washington oder London erklärt, dass die Märkte sich selbst regulieren können – während sie heute in der Not genau das Gegenteil dessen tun, was sie damals behauptet haben. Die Politik muss zu ihrem zentralen Anliegen zurückkehren: Wozu dient der Reichtum der Nationen? Soll er das Los der Völker verbessern, oder sollen damit winzige Aristokratien bereichert werden, die früher zum Geburtsadel und heute zum Geldadel gehören? Die Antwort ist wohl klar.” Die Aufgaben der Bahn. Zum verschobenen Bahn-Börsengang meint die Frankfurter Rundschau: „Die Finanzkrise und der nun verschobene Börsengang der Deutschen Bahn bergen eine Chance zur Rückbesinnung auf die banale Frage: Was verlangt die Gesellschaft von der Bahn? Und nicht: Wie scheffle ich den größten Gewinn? Auf diese Frage hat die Politik keine Antwort, die meisten Politiker haben sie sich nicht einmal gestellt. Sie haben den Bahnmanager einfach machen und sich von schönen Bilanzen einlullen lassen.” SZ 11.10.2008 Das Beben an den Märkten: Der Historiker Harold James zieht Vergleiche zur Weltwirtschaftskrise. „Die Rettung muss aus China kommen”. Nikolaus Piper Geld Interview USA; China Seite 26 kA Das Beben an den Märkten: Der Historiker Harold James zieht Vergleiche zur Weltwirtschaftskrise. „Die Rettung muss aus China kommen”. Der britische Historiker Harold James über die Kernschmelze des Finanzsystems, die Parallelen zur großen Krise 1929/31 und die Abkehr vom Markt Harold James, 53, ist einer der angesehensten Experten für die Geschichte der Weltwirtschaftskrise und für die deutsche Wirtschaftsgeschichte. Er vergleicht die heutige Lage mit jener der Jahre 1929/31, sieht die Welt aber besser gerüstet als damals. Chinesisches Geld habe zu den Problemen beigetragen, es werde sie auch lösen helfen. SZ: Herr Professor James, viele Menschen haben Angst, dass sich die Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre wiederholt. Wie groß ist die Gefahr wirklich? James: Wir haben die schlimmste Finanzkrise seit der Großen Depression. Das bedeutet aber nicht, dass wir dieselben Phänomene bekommen werden wie damals. Das Risiko von Arbeitslosenquoten von 25 Prozent ist sehr gering. Es wird eine Rezession geben, aber nicht mehr. SZ: Wo liegen die Parallelen zwischen 1929/1931 und heute? James: Die Ähnlichkeit liegt in der Kernschmelze im Finanzsektor. Der Unterschied besteht zum Beispiel darin, dass wir keine festen Wechselkurse mehr haben und keinen Goldstandard. Deshalb sind die Währungsbehörden flexibler als damals. SZ: Was hat aus dem Börsenkrach von 1929/31 die größte Wirtschaftskrise der Geschichte gemacht? James: Das politische System stand nach dem Ersten Weltkrieg unter enormem Druck: Es gab die hohen Reparationszahlungen Deutschlands an die früheren Kriegsgegner einerseits und die Kriegsschulden von Briten und Franzosen in den Vereinigten Staaten andererseits. Die Amerikaner begriffen nicht, dass es einen Zusammenhang gab und verweigerten sich einer Lösung. SZ: Und heute? James: Heute ist das internationale System wesentlich kooperativer. Allerdings fallen die Regierungen heute wieder auf nationale Lösungen zurück, vor allem, wenn es um eine so komplizierte Sache wie die Rettung von Banken geht. Sie sind, aus verständlichen Gründen, nicht bereit, die Bevölkerung eines anderen Landes zu subventionieren. Aber diese Haltung ist falsch, besonders für Europa. Das amerikanische Bankensystem kann man sich vielleicht noch als eine nationale Einheit denken, das europäische jedoch nicht. Wenn Sie versuchen, isolierte Lösungen für Irland, Deutschland oder Italien zu finden, dann laufen Sie in sehr viele Probleme hinein. SZ: Die Politiker sollten also gar nicht nach nationalen Lösungen suchen? James: Wenn das Bankensystem so integriert ist wie in Europa, können nationale Lösungen nicht funktionieren. Ich finde es erstaunlich, dass darüber so wenig gesprochen wird. Schon in den siebziger Jahren, als man damit begann, über die Zusammenführung der Währungen in Europa zu sprechen, war allen Beteiligten klar, dass monetäre Integration zu integrierten Kapitalmärkten führt und dass dies Fragen der Bankenaufsicht aufwirft. Seit 30 Jahren weiß man, dass da ein Problem lauert, und niemand hat etwas getan. Der Vorschlag des französischen Präsidenten Nicholas Sarkozy für eine europäische Lösung war absolut richtig. Nur ist es dafür jetzt zu spät. SZ: Brauchen wir eine einheitliche europäische Bankenaufsicht? James: Ja, aber da gibt es ein Koordinierungsproblem. Die Bankenaufsicht müsste einheitlich sein, während über Staatsausgaben nur national entschieden werden kann. SZ: Im Moment liegt der Herd der Krise in Amerika. Sind die Rettungsversuche von Finanzminister Henry Paulson und Notenbankchef Ben Bernanke richtig? James: Die amerikanische Regierung versucht ist, die Psychologie der Märkte dadurch zu drehen, dass sie einen Preis für Wertpapiere definiert, die zuvor nicht mehr handelbar waren. Ich denke, sie hat an der richtigen Stelle angesetzt. Aber es ist gut möglich, dass dies nicht ausreicht. Es ist wie in der holländischen Geschichte von dem kleinen Jungen, der versucht, einen Deichbruch zu verhindern, indem er Finger in die Löcher steckt. Man fragt sich, ob der Junge genug Finger hat. SZ: War es ein Fehler, die Investmentbank Lehman Brothers nicht zu retten? James: Ja, aus heutiger Sicht bin ich fest davon überzeugt, dass dies eine große Fehlentscheidung war. Alle haben die Pleite von Lehman kommen sehen, vielleicht mit Ausnahme der KfW in Deutschland. Paulson wollte die Botschaft vermitteln: Das amerikanische Finanzsystem ist widerstandsfähig genug, um den Zusammenbruch einer großen Investmentbank auszuhalten. Das war offensichtlich eine Fehlkalkulation. Es hätte Alternativen gegeben. Lehman hätte schon im Sommer an einen chinesischen Staatsfonds verkauft werden können, und der Markt hätte sich stabilisiert. SZ: Warum betonen Sie die chinesische Lösung, es hätte ja auch noch andere gegeben, eine koreanische zum Beispiel oder eine rein amerikanische? James: China ist ein wichtiger Faktor beim Entstehen der Krise ebenso wie bei deren Lösung. In Asien insgesamt und in China im Besonderen werden momentan riesige Ersparnisse gebildet. Es ist klar, dass das Geld für die Rekapitalisierung des Finanzsektors hierher kommen muss. SZ: Gibt es für diese Art der globalen Kapitalströme überhaupt ein Vorbild? James: Die historische Analogie ist klar: Beim Ausbruch der Weltwirtschaftskrise war Großbritannien das Herz des Weltfinanzsystems. Aber die Briten waren ausgelaugt durch die Folgen des Ersten Weltkrieges und konnten nichts tun, um das System zu stabilisieren. Die Amerikaner wären dazu in der Lage gewesen, aber sie waren dazu noch nicht bereit. Was damals Amerika war, ist heute China. Die Chinesen haben ein Interesse an einer offenen und prosperierenden Weltwirtschaft. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen sie heute Verluste hinnehmen und unter Umständen auch gutes Geld dem schlechten hinterherwerfen. SZ: Ist China denn bereit, diese Verluste hinzunehmen? James: Was mich ermutigt, ist die Tatsache, dass die chinesische Führung viel stärker informiert, international ausgerichtet und reifer ist, als es die Amerikaner zu Beginn der dreißiger Jahre waren. Es gibt klare Hinweise darauf, dass chinesische Institutionen ihre großen Chancen in der gegenwärtigen Krise sehen, indem sie zum Beispiel die Reste von AIG und anderen Finanzinstituten aufkaufen. SZ: Sie sagen mehr oder weniger deutlich, dass es Aufgabe der Chinesen ist, die Welt zu retten. Das hat doch enorme politische Implikationen. James: Sie müssen den Gesamtzusammenhang sehen: Die asiatischen Volkswirtschaften haben riesige Ersparnisse angesammelt, und diese wurden in das amerikanische System recycelt. Man kann durchaus sagen, dass diese Schwemme zur Politik des leichten Geldes geführt hat, zur exzessiven Risikobereitschaft und zu den Überinvestitionen im Immobilien- und Finanzsektor. Jetzt müssen sich die Chinesen wirklich in der Wirtschaft engagieren. Bis jetzt haben sie ihr Geld hauptsächlich in amerikanischen Staatspapieren angelegt. SZ: Also sind die Chinesen schuld an der Spekulationsblase und nicht, wie viele meinen, der frühere Notenbankchef Alan Greenspan? James: Diese Frage wird noch lange diskutiert werden, weil es darauf keine einfache Antwort gibt. Klar ist, dass es in den Jahren des Booms keine inflationären Tendenzen in den USA gab, zeitweise machte man sich sogar wegen einer Deflation Sorgen. Im Lichte dessen ist die These schwer aufrechtzuerhalten, dass die Politik Greenspans hauptverantwortlich für die Spekulationsblase war. Diese Politik war eher eine Reaktion auf globale Ungleichgewichte. Hätte sich Greenspan anders verhalten, hätten wir vermutlich viel früher eine Weltrezession bekommen. SZ: Sind die Vereinigten Staaten als Folge der Krise eine Nation im Niedergang, so wie England in der Weltwirtschaftskrise? James: Es ist voreilig, jetzt schon das Ende des amerikanischen Zeitalters auszurufen. Amerika wird ein dynamisches Land bleiben. Mit einigen Aspekten der Krise ist hier leichter umzugehen als anderswo. Es würde mich wundern, wenn die anstehende Rezession nicht in den USA milder ausfallen würde als in Europa, in Russland oder Brasilien. SZ: Das ist überraschend. Warum ist die Lage für Amerika einfacher? James: Die Schwellenländer sind besonders gefährdet durch die neue Risikoscheu auf den Kapitalmärkten. Viele Investitionen dort waren zuvor das Ergebnis exzessiver Risikobereitschaft. SZ: Und was ist mit Europa? James: Osteuropa gehört zu den Gegenden, die Schwierigkeiten haben werden, neues Kapital anzuziehen. In Westeuropa ist das Wirtschaftswachstum seit Jahren suboptimal. Außerdem gibt es die bereits erwähnten Probleme mit der Bankenaufsicht. SZ: Aber das Gegenstück zu den Ersparnissen und den Handelsüberschüssen in Asien ist doch das Handelsdefizit der USA. Ist das nicht das Zeichen für eine fundamentale ökonomische Schwäche? James: Einer der wichtigsten Gründe für die beständigen Defizite der USA seit den siebziger Jahren ist der Optimismus der Amerikaner. Sie dachten, dass es in der Zukunft noch besser wird und haben deshalb weniger gespart. Sie haben es damit zweifellos übertrieben. Das eigentliche Thema heute ist aber nicht übertriebener privater Konsum, sondern etwas ganz anderes: Die Amerikaner geben immer mehr für ihre Gesundheit aus, und man muss sich fragen, ob das alles immer vernünftig ist, die Amerikaner sind ja nicht gesünder als andere. SZ: Die politische Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise war damals in Amerika der New Deal von Präsident Franklin Roosevelt und die massive Ausdehnung des Staatseinflusses auf die Wirtschaft. Ist etwas Ähnliches in der heutigen Zeit zu erwarten? James: Das geschieht ja jetzt schon. In der historischen Rückschau werden wir sagen, dass die Präsidentschaft von George W. Bush die Trendwende zu einer mehr staatsorientierten Wirtschaft markiert. Das hat nicht erst mit der Krise begonnen. Die enorme Ausdehnung der öffentlichen Ausgaben für die Krankenversorgung der Rentner begann schon in der ersten Amtszeit Bushs. Und die Intervention des Staates ins Finanzsystem wird sich nicht so schnell rückgängig machen lassen. Das Pendel schwingt vom Markt zum Staat zurück, wie in der Weltwirtschaftskrise. SZ: Ist das nötig? James: In jeder großen Krise müssen Politiker zu kurzfristigen Lösungen greifen, die oft suboptimal sind. Diese Lösungen wird man dann nicht mehr los. Die USA werden sicher auf Jahre hinaus ein weniger unternehmerisches Land werden als bisher. SZ: In den dreißiger Jahren gab es auch eine Welle des Protektionismus, also der Abschottung der Märkte, der den Welthandel zum Erliegen brachte. Wird sich dies wiederholen? James: Vorerst geht es nur um nationale Protektion für die Banken. Ich fürchte aber schon lange, dass es einen Rückschlag für die Globalisierung geben könnte. Im amerikanischen Wahlkampf zwischen Barack Obama und John McCain ist dies ein großes Thema. SZ: Haben die Politiker die Lehren aus der Krise gelernt? James: Was die Geldpolitik betrifft: ja. Aber es gibt eine neue Kategorie von Problemen, die mit den ganzen strukturierten Finanzprodukten zusammenhängt, und für die gibt es kein historisches Vorbild vorbild, von dem man lernen kann. Andererseits haben wir mit China eine aufsteigende Supermacht, die viel verantwortungsbewusster ist, als es die Amerikaner damals waren. SZ: Müssen wir uns wegen des Aufstiegs Chinas Sorgen machen? James: Sorgen müssten wir uns machen, wenn sich China von der Welt abwenden würde. Aber das sehe ich momentan nicht. Interview: Nikolaus Piper „Es war ein großer Fehler, Lehman Brothers nicht zu retten.” „Unter Präsident Bush schwingt das Pendel zurück zum Staat.” Harold James ist Professor für Internationale Politik und lehrt Geschichte an der Universität Princeton. 2004 wurde er mit dem angesehenen Helmut-Schmidt-Preis für Wirtschaftsgeschichte ausgezeichnet. Auf Deutsch sind von ihm unter anderem die Bücher erschienen: Verbandspolitik im Nationalsozialismus, Die Deutsche Bank im Dritten Reich, Der Rückfall, Geschichte Europas im 20. Jahrhundert und Familienunternehmen in Europa . SZ 11.10.2008 Werbebranche von Finanzkrise bedroht. kA AP Geld Meldung BRD Seite 26 kA Werbebranche von Finanzkrise bedroht. Berlin – Die Werbebranche sieht sich von der Finanzkrise bedroht. Der Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft (ZAW) warnte am Freitag in Berlin vor den Folgen des „ausufernden Alarmismus”. Die Verunsicherung der Konsumenten wirke sich negativ auf Werbeunternehmen aus, wie erste Meldungen über Kürzungen von Werbeetats zeigten. „Wenn das Weihnachtsgeschäft nicht die vor der Finanzkrise erwarteten Impulse für die Werbeeinnahmen der Medien bringt, würden die Werbeausgaben knapp an die Grenze von 300 Milliarden Euro rutschen”, sagte ein ZAW-Sprecher. Dies entspreche einem Verlust von rund 600 Millionen Euro. AP. SZ 11.10.2008 Finanzkrise hinterlässt Bremsspuren in Asien. kA Reuters Geld Meldung Asien Seite 26 kA Finanzkrise hinterlässt Bremsspuren in Asien. Shanghai – Der weltweite Abschwung hinterlässt nun auch im boomenden China deutliche Spuren. Auf dem zweitgrößten Automobilmarkt der Welt wurden im September den zweiten Monat in Folge weniger Fahrzeuge abgesetzt, wie der chinesische Autoherstellerverband am Freitag mitteilte. Wegen der gesunkenen Nachfrage wurden 1,44 Prozent weniger Fahrzeuge verkauft als im Vorjahr. Bereits zuvor hatten Ford und VW schlechte Absatzzahlen vorgelegt. Die Marktforscher von JD Power sagen für das Gesamtjahr ein Absatzplus von knapp zehn Prozent auf dem chinesischen Automarkt voraus. Im Vorjahr waren es noch 24,1 Prozent. Die chinesische Notenbank erklärte, das Land werde alle Anstrengungen unternehmen, die Binnennachfrage anzukurbeln. Reuters. SZ 11.10.2008 Nachfrage nach Tresoren steigt. kA AFP Geld Meldung BRD Seite 26 kA Nachfrage nach Tresoren steigt. Frankfurt – Viele Deutschen wollen angesichts der Finanzkrise offensichtlich ihr Vermögen in einem Tresor schützen. Safe-Hersteller berichten jedenfalls von einer deutlich steigenden Nachfrage. „Etwa seit einer Woche merken wir einen deutlichen Anstieg”, sagte der Geschäftsführer Vertrieb der Firma Burg-Wächter, Diethard Schmale, am Freitag. Der Zuwachs dürfte nach seiner Einschätzung bei etwa 20 Prozent im Vergleich zum normalen Geschäft liegen. Er rechne auch damit, dass sich diese Entwicklung in den nächsten zwei bis drei Wochen noch erheblich verstärke. Gekauft werden Tresore laut Schmale derzeit vor allem von älteren Kunden. Den Trend bestätigt auch der Geldschrank-Hersteller Pohlschröder. AFP SZ 11.10.2008 Kein Wachstum in Deutschland. Regierung und Institute wollen Prognosen für 2009 senken. Guido Bohsem Geld Meldung BRD Seite 25 kA Kein Wachstum in Deutschland. Regierung und Institute wollen Prognosen für 2009 senken. Berlin – Die acht führenden Wirtschaftsforschungsinstitute und die Bundesregierung werden ihre Wachtumsprognosen für 2009 in der kommenden Woche drastisch senken. Die Finanzmarktkrise und die Wirtschaftslage in den USA haben die Erwartungen deutlich verschlechtert. Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung gehen sowohl die Ökonomen als auch die Regierung davon aus, dass die deutsche Wirtschaftsleistung im kommenden Jahr stagnieren wird. Die Finanzkrise und die Einbrüche an den Börsen machen die Berechnungen für die Ökonomen extrem schwierig. Immer noch sei unklar, wie stark die Realwirtschaft von den Entwicklungen getroffen werde, hieß es. Die Institute waren am Freitag noch nicht zu einem endgültigen Ergebnis gekommen. An mehreren Stellen in der Regierung verlautete, es werde ein Wert erwartet, der bei 0 Prozent oder nur knapp darüber liege. Im Frühjahr hatten die Forscher noch mit 1,4 Prozent für 2009 gerechnet. Die Regierung wird sich erst kurz vor Veröffentlichung ihres Wirtschaftsberichts am kommenden Donnerstag auf eine Prognose festlegen. Auch dort gehe man derzeit von einer stagnierenden Wirtschaftsleistung aus. Die zwischenzeitliche Erwartung von 0,5 Prozent sei zu hoch, hieß es. „Die Entscheidung über die Wachstumsannahme hat eine hohe politische Brisanz”, hieß es aus Regierungskreisen. Bei einer Stagnation der Wirtschaft im kommenden Jahr kann die Koalition ihr Ziel wohl nicht mehr erreichen, im Jahr 2011 einen Bundeshaushalt ohne neue Schulden vorzulegen. Finanzminister Peer Steinbrück hatte deshalb zuletzt lediglich bekräftigt, einen ausgeglichenen Etat anzustreben. Ein Datum nannte er nicht mehr. Das wird an mehreren Stellen in der Regierung und in der großen Koalition als deutliches Zeichen dafür gewertet, dass Steinbrück das Konsolidierungsziel spätestens mit der Bekanntgabe der Wachstumsprognose relativieren und auf unbestimmte Zeit verschieben wird. „Das ist ein ganz klarer Anhaltspunkt”, betonte ein hochrangiger Regierungsvertreter. Ein Sprecher Steinbrücks sagte, die Auswirkungen der Finanzkrise auf den Etat seien derzeit noch unklar. Zunächst müsse die Steuerschätzung im November abgewartet werden. Guido Bohsem. SZ 11.10.2008 Das Beben an den Märkten: Die Verlierer und ihre Rettungsversuche. Zehn Gründe, warum der Crash jeden trifft. Verbraucher kommen in Zukunft schwerer an Kredite und Einkommen werden kaum noch steigen. Dafür könnten aber die Preise fallen. Marc Steinhäuser Geld Bericht BRD Seite 25 kA Das Beben an den Märkten: Die Verlierer und ihre Rettungsversuche. Zehn Gründe, warum der Crash jeden trifft. Verbraucher kommen in Zukunft schwerer an Kredite und Einkommen werden kaum noch steigen. Dafür könnten aber die Preise fallen. Von Marc Steinhäuser. München – Seit Jahresbeginn hat sich der deutsche Leitindex fast halbiert: Im Januar lag der Dax knapp über 8000 Zählern, am Freitag rutschte er unter 4400 Punkte – der tiefste Stand seit drei Jahren. Davon sind längst nicht mehr nur Aktienbesitzer und Börsenspekulanten betroffen. Hier einige Gründe, warum die Talfahrt an der Börse jetzt jeden treffen kann. 1 Die deutschen Unternehmen verlieren an Wert und Kapital. Das macht Übernahmen durch die Konkurrenz einfacher. Zuletzt sicherte sich der Automobilzulieferer Schaeffler große Anteile an Continental. Der Reifenhersteller war an der Börse nur noch knapp 8,7 Milliarden Euro wert, als die Schaeffler-Gruppe zugriff. Andere Dax-Schwergewichte sind ebenfalls bedroht und für ausländische Investoren zu Schnäppchen geworden. Seit Ausbruch der Finanzkrise hat etwa der Autobauer Daimler mehr als 65 Prozent seines Börsenwertes eingebüßt. Auch die Aktien der Deutschen Bank und der Postbank verloren fast zwei Drittel ihres Wertes. 2 Kredite könnten knapp werden. „Die Banken haben nicht mehr so viel Geld, um große Kredite zu vergeben”, sagt Martin Hüfner, ehemaliger Leiter des Wirtschafts- und Währungsausschusses der Chefvolkswirte der Europäischen Bankenvereinigung. Denn schon jetzt machen einige deutsche Banken weniger Gewinn: Landesbanken wie die Sachsen LB oder die Bayern LB haben sich im US-Immobilienmarkt verspekuliert und mussten gerettet werden. Sogar die Deutsche Bank verzeichnete einen Gewinneinbruch. Der Gewinn nach Steuern rutschte im zweiten Quartal auf 645 Millionen Euro. Im Vorjahreszeitraum standen noch 1,8 Milliarden Euro in den Büchern. Die Banken schreiben Millionen ab. In Zukunft dürfte der Risikozuschlag steigen. Die Bonität der Kunden wird daher eine viel größere Rolle spielen. 3 Unternehmen können weniger investieren , wenn das Kapital knapper und die Kredite teurer werden. „Die Finanzierungsmöglichkeiten der Unternehmen sind von der Aktienmarktkrise direkt betroffen”, sagt Klaus Abberger, Volkswirt für Konjunktur und Geschäftsklima beim vom Münchner Institut für Wirtschaftsforschung (Ifo). Stattdessen wird nun gespart, vor allem in der Industrie: Die Autohersteller Opel, Daimler, BMW, Ford sowie die VW-Töchter Seat und Skoda kündigten Produktionsstopps in mehreren Werken an. Der Chemiekonzern Henkel hat Investitionen in IT-Projekte gestrichen. 4 Andere Firmen verlieren Aufträge , wenn Projekte gekürzt oder gestrichen werden. Vor allem die IT-Branche leidet unter einem Nachfrageeinbruch. So hat der Softwarekonzern SAP einen Einstellungsstopp verkündet und seine Mitarbeiter dazu aufgefordert, auf einen Teil ihres Urlaubs zu verzichten. „Vor allem im Auslandsgeschäft werden deutsche Unternehmer die Krise zu spüren bekommen”, sagt Konjunkturexperte Abberger. 5 Die Konditionen für Privatkunden und Verbraucher werden schlechter, in Zukunft Geld geliehen zu bekommen. „Die Bereitschaft der Banken, Geld zu verleihen, sinkt. Dadurch steigen die Kreditzinsen - für Autos, Immobilien, Kontoüberziehungen und Kreditkarten”, sagte Willi Semmler, Ökonom an der New School for Social Research in New York der Wochenzeitung Die Zeit. Was die Verbraucher auf Pump kaufen, wird sie also teuer zu stehen kommen. Weil die Aktienkurse nach unten zeigen, sinken zudem in vielen Fällen die Anlagen von Sparern. Auch Lebensversicherung, Fondssparplan und Riester-Rente sind von sinkenden Erträgen betroffen. Im nächsten Jahr könnten Zinssenkungen für Tages- und Festgeld folgen. „Die Zinsen für Sparer werden 2009 sicher zurückgehen”, schätzt Andreas Rees, Chefvolkswirt von Unicredit. 6 Die Löhne in Deutschland werden stagnieren. Zwar geht zum Beispiel die IG Metall mit ihrer Rekordforderung von acht Prozent mehr Lohn für die insgesamt 3,6 Millionen Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie in die Verhandlungen mit den Arbeitgebern. Doch schon jetzt halten viele den Vorstoß für überzogen. Die Krise an den Aktienmärkten wird als Argument für Lohnzurückhaltung verwendet: „Die Tarifparteien gehen jetzt mit ganz anderen wirtschaftlichen Daten in die Verhandlungen”, sagt Ökonom Hüfner. Andere werden noch deutlicher: Metall-NRW-Chef Horst-Werner Maier-Hunke findet die Lohnforderung schon jetzt „schwer nachvollziehbar”. Da die Rückwirkungen der Finanzkrise auf die Realwirtschaft nun nicht mehr zu leugnen seien, gehöre sie „fast schon ins Absurditätenkabinett”. 7 Der Konsum sinkt. Dafür sorgen teure Kredite, sinkende Erträge und stagnierende Löhne. „Die Kaufkraft wird im nächsten Jahr stark zurück gehen”, glaubt Wirtschaftsexperte Rees. Aus Angst vor weiteren Verlusten werden die Verbraucher vermutlich noch mehr sparen. „Die Verbraucher werden in Zukunft sicher nicht mehr Geld abheben und es verjubeln”, sagt Klaus Abberger vom Ifo-Institut. Schon im ersten Halbjahr des Jahres 2008 sparten die Deutschen 11,3 Prozent ihres verfügbaren Einkommens. „Ein erneuter Anstieg der Sparquote ist nicht auszuschließen”, sagt Abberger. 8 Die Preise für einige Produkte könnten allerdings sinken und die fallende Kaufkraft ein wenig abdämpfen – zu Lasten der Industrie. Denn die geringere Nachfrage nach Autos und Software-Produkten könnte die Hersteller zu Preisnachlässen zwingen. „Die Inflation wird demnächst nachlassen”, ist sich Volkswirt Rees sicher. Derzeit liegt die Teuerungsrate in Deutschland bei 3,1 Prozent. Der zuletzt gefallene Ölpreis verstärke diesen Trend. Mit einer Deflation – also rückläufigen Preisen – rechnet Rees aber nicht. Denn die Energiepreise werden auf mittlere Sicht ansteigen. 9 Auch die deutschen Arbeitsplätze sind am Ende der Abwärtsspirale betroffen. Zwar ist die Arbeitslosigkeit zuletzt trotz der Finanzkrise weiter gesunken und liegt nun nur noch knapp über drei Millionen Erwerbslosen. Gleichzeitig verkündet Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD), dass der Arbeitsmarkt „auch einer raueren Konjunktur trotzt.” Doch Experten sind da weniger optimistisch: „Es ist mit einem Anstieg der Arbeitslosigkeit im nächsten Jahr zu rechnen”, meint Volkswirt Rees von Unicredit. 10 Deutschland schlittert insgesamt in eine Rezession. Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet für dieses Jahr noch mit einem Plus von 1,8 Prozent, im Jahr 2009 allerdings insgesamt mit einem Nullwachstum. Auch der Export lässt nach. So verbuchte der Baltic Dry Index im September einen Rekordverlust von 53 Prozent. Dieser verzeichnet die Frachtraten der Standardrouten für das Verschiffen von Trockengütern und gilt als wichtiger Frühindikator für den Außenhandel. Damit gerät der Haushalt der Bundesregierung unter Druck – und die Ausgaben für Bildung, Forschung, Kinder und Familien. Der Absturz an den Börsen ist zunächst nur eine Zahl – doch früher oder später spürt ihn jeder Bürger im Geldbeutel. SZ 11.10.2008 Gedämpfte Konsumlaune. kA ssch; str; urit Geld Meldung BRD Seite 25 kA Gedämpfte Konsumlaune. Dramatische Kursverluste mussten in den vergangenen Wochen fast alle 30 im Dax gelisteten Unternehmen hinnehmen. Entsprechend drastische Sparpläne, wie sie SAP in dieser Woche mit einem Einstellungs- und Urlaubsstopp angekündigt hat, sind bei den anderen Unternehmen aber vorerst nicht zu erwarten. „Bei uns sind derzeit keine Sparmaßnahmen geplant”, sagt ein Sprecher der Fresenius AG. „Wir haben das Glück, dass wir in einem vergleichsweise krisenresistenten Geschäft tätig sind. Unsere Dialysegeräte sind überlebensnotwendig und werden auch während einer Finanzkrise benötigt.” Ähnlich sieht es auch der Düngemittel-Hersteller K+S, der erst seit Ende September im Dax gelistet ist. Das Unternehmen leide zwar zum Teil unter der negativen Preisentwicklung auf dem Agrarmarkt und spüre die „Abwartehaltung” beim Endverbraucher, einen Sparplan werde man aber in naher Zukunft nicht fahren müssen, versicherte ein Unternehmenssprecher. Adidas beklagt ebenfalls die schlechte Verbraucherstimmung und rechnet damit, dass diese auch die Konsumlaune bei Sportartikeln dämpfen wird. Man verfüge aber über eine hohe Finanzkraft, so eine Sprecherin. Eine langfristig angelegte Reduzierung der Fixkosten bezeichnet BASF als Daueraufgabe, die aber in keinem direkten Zusammenhang mit der Finanzkrise stehe. In den vergangenen Jahren waren das bei dem Chemiekonzern bereits 500 Millionen Euro. ssch/str/urit SZ 11.10.2008 Mit Macht in der Bewährungsprobe. Angela Merkel muss die größte Krise ihrer Kanzlerschaft bewältigen – noch nie konnte sie so ungehindert regieren. Nico Fried Politik Bericht BRD Seite 7 kA Mit Macht in der Bewährungsprobe. Angela Merkel muss die größte Krise ihrer Kanzlerschaft bewältigen – noch nie konnte sie so ungehindert regieren. Von Nico Fried. Es war nur eine kurze Pressekonferenz am Donnerstagabend, aber Angela Merkel hat darin achtmal das Wort „natürlich” untergebracht. Natürlich habe sie mit dem polnischen Premierminister Donald Tusk über dies und das gesprochen, natürlich koordiniere man sich mit den europäischen Partnern in der Finanzkrise, natürlich dürfe sich der Staat jetzt nicht entziehen, natürlich dürfe man keine Maßnahme ausschließen. Dieses Wort aus dem Mund der Kanzlerin klingt eigentlich beruhigend. Es suggeriert Umsicht und Kontrolle. Nichts wird vergessen. Das Natürliche ist das Normale. Es ist, vermutlich sogar unbewusst, das in einen Begriff zusammengeschrumpfte Gegenprogramm zu dem, was sich draußen abspielt, auf den Finanzmärkten, wo nichts mehr natürlich ist, nicht mal unnatürlich, sondern nur noch abnormal. Das beruhigende Wort steht für das, was Merkel seit zwei Wochen versucht: Vertrauen schaffen – bislang mit sehr begrenztem Erfolg, was freilich nicht nur für die Kanzlerin gilt, sondern für alle, die dasselbe versuchen. Die Krise der Kapitalmärkte ist für Angela Merkel nach drei Jahren Kanzlerschaft die größte Bewährungsprobe. Es ist die Krise, von der nicht nur ihre Kritiker immer gesagt haben, wenn sie eines Tages einträte, müsse sich zeigen, ob Merkel mehr sei als eine Schönwetter-Kanzlerin. Jetzt ist es so weit. Die Börsen brechen ein, Banken müssen vor der Pleite gerettet werden, die Bürger haben Angst um ihr Erspartes, der Wirtschaft droht eine Rezession. Und? Wie macht sie’s? Schwer zu sagen. Merkel kannte bislang kleine, vergleichsweise läppische Krisen, zum Beispiel in der großen Koalition. Sie hatte schwierige internationale Konflikte mit zu bewältigen, zum Beispiel während des Libanon- oder des Georgien-Krieges. Die große Krise jetzt aber ist etwas völlig anderes: Sie folgt keinem klassischen Muster. Das, wogegen man ankämpft, ist virtuell. Merkel, der Finanzminister, ihre Kollegen im Ausland, die Zentralbanker, alle gegen – ja, gegen wen eigentlich? Wie Merkels Handeln in der Krise wirklich zu beurteilen ist, wird man wohl erst nach der Krise wissen. So oder so. Dann wird sich zeigen, ob die Kanzlerin mit ihrer staatlichen Garantie für die Spareinlagen mehr Schaden angerichtet als Nutzen erzielt hat. Dann kann man einschätzen, ob Merkel zu lange der Vorstellung anhing, manche der Probleme auf nationalem Weg zu lösen. Dann lässt sich sagen, ob es besser gewesen wäre, die Bundesregierung hätte gleich einen Teil der Banken verstaatlicht, wie es die Briten gemacht haben. Was man sagen kann: Sie macht viel. Die Tage sind lang, die Nächte auch. Natürlich. Unter der Woche telefonierte die Kanzlerin fast ununterbrochen, mit George W. Bush, mit Gordon Brown, mit Nicolas Sarkozy, mit José Manuel Barroso, mit Silvio Berlusconi, mit Jean-Claude Trichet und immer wieder mit Peer Steinbrück. Der Kontakt zum Finanzminister ist eng, zwischenzeitliches Murren aus der Unions-Fraktion am SPD-Mann wurde abgestellt. Merkel verlässt sich auf ihren wirtschaftspolitischen Berater Jens Weidmann und auf Steinbrücks Staatssekretär Jörg Asmussen. Sie verhandelte mit, als es um die Rettung der Hypo Real Estate ging, leierte den Finanzbossen beim ersten Mal in einem nächtlichen Telefonat mit Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann zusätzlich 1,5 Milliarden Euro aus dem Kreuz. Als „gusseisern” beschreibt sie, wenig überraschend, ein Vertrauter und meint damit nicht nur ihre Kondition. „Die macht das o.k.”, sagt aber auch ein Sozialdemokrat, der schon ganz anders über Merkel gesprochen hat. Die große Koalition rückt zusammen, abgesehen von der CSU, die sich sortieren muss, bei der Erbschaftsteuer aufbegehrt und in Michael Glos einen Wirtschaftsminister stellt, der im schlechtesten Sinne des Wortes die Ruhe selbst ist. Union und SPD freuen sich darüber, dass viele meinen, es sei ein Glücksfall, in dieser Krise von einer großen Koalition regiert zu werden – eine allerdings unbewiesene These, wenn man bedenkt, dass die rot-grüne Regierung mit hauchdünner Mehrheit sogar zweimal die Kraft hatte, deutsche Soldaten in einen Krieg zu schicken. Der frühere Vizekanzler Franz Müntefering hat kürzlich beklagt, Merkel sei vor einem Jahr in einem innenpolitischen Streit CDU-Parteivorsitzende geblieben, wo sie Kanzlerin hätte sein müssen. Egal, ob diese Analyse stimmt, dürfte sich Merkel das jetzt auf keinen Fall erlauben. Und das kann zum Problem werden für eine Politikerin, die in weniger als einem Jahr wiedergewählt werden will. Denn was vielleicht richtig ist, um die Krise zu bekämpfen, kann dennoch ihrem Ansehen schaden. Was aber populär ist, könnte in der Sache falsch sein. Es mag zum Beispiel gute Gründe gegeben haben, die Hypo Real Estate zu retten – aber glauben auch ausreichend Wähler, dass es nötig ist, 26,5 Milliarden Euro an Steuergeldern in eine Bürgschaft zu stecken, um Missmanagement von Bankern zu kurieren? Umgekehrt verweigerte sich Merkel ruckzuck französischen Gedankenspielen für einen europäischen Rettungsfonds. Dahinter stand auch die Überlegung, dass die Deutschen gar nicht begeistert wären, wenn die Bundesregierung 75 Milliarden Euro in einen großen Topf gäbe, faktisch aber kaum mitentscheiden könnte, wer das Geld bekommt. Innenpolitisch ist das nachvollziehbar. Aber war es auch richtig? Die Kanzlerin Merkel jedenfalls ist der CDU-Vorsitzenden Merkel derzeit eine große Hilfe. Wahlniederlagen in Serie, Rufe nach mehr Profil in der Unions-Fraktion, in Berlin und Brandenburg zwei Landesverbände in katastrophalem Zustand, in Hessen ein dritter vor dem Machtverlust, schwache Umfragewerte im Bund, die Schwesterpartei CSU: siehe oben – die CDU-Chefin erlebt seit Wochen eine Situation wie Kurt Beck in der SPD fast drei Jahre lang. Doch die Aufmerksamkeit für die Kanzlerin als Managerin der Finanzkrise überlagert alles. Der Ruf nach dem Staat macht Merkel sogar noch mächtiger. Die Regierung handelt, das Parlament, dessen ureigenes Recht die Etathoheit ist, folgt in seiner großen Mehrheit. Die Kanzlerin und ihr Finanzminister bürgen mit Milliarden für eine Bank, der Haushaltsausschuss und die Fraktionen nicken das ab. Die Regierung garantiert die Spareinlagen, auch die FDP findet das gut. Zum ersten Mal darf die Kanzlerin, was sie einst versprochen hat: durchregieren. Nix mehr Politik der kleinen Schritte. Die Staatsgarantie für die Sparer war der bisherige Höhepunkt. Mit einer materiell überaus diffusen Ankündigung beabsichtigte die Kanzlerin eine konkrete politische Wirkung. Durch ihr Eine-Billion-Euro–Versprechen wollte Merkel mit der Absicherung eines Zustands zugleich genau diesen Zustand verhindern. Doch was als Beruhigungspille gedacht war, ist zu einem Knochen geworden, an dem sich die Experten in den Talkshows die Zähne ausbeißen: Was wäre, wenn . . . ? Natürlich ist dieser Fall trotz allem noch sehr unwahrscheinlich. Aber das Wort natürlich verdeckt in diesen Tagen auch eine große Ungewissheit. Die Kanzlerin Merkel ist der CDU-Chefin Merkel derzeit eine große Hilfe. SZ 11.10.2008 Selbst Pater Anselm hat sich verzockt. Wenn nur noch Beten hilft. Die Finanzkrise trifft Klöster und Kommunen, vor alle die Innovativsten unter ihnen stehen nun dumm da. Max Hägler; Mike Szymanski; Olaf Przybilla München/Bayern Bericht BRD Seite 38 kA Selbst Pater Anselm hat sich verzockt. Wenn nur noch Beten hilft. Die Finanzkrise trifft Klöster und Kommunen, vor alle die Innovativsten unter ihnen stehen nun dumm da. Von Max Hägler, Mike Szymanski und Olaf Przybilla. Nürnberg/Augsburg – Selbst Pater Anselm Grün hat momentan ein ziemlich flaues Gefühl. Der Buchautor und Finanzchef im Kloster Münsterschwarzach will zwar nicht beziffern, wieviel Geld das fränkische Kloster der weltweiten Finanzmarktkrise wegen verloren haben könnte. Aber dass er und seine Mitbrüder von dieser Krise betroffen sind, könne er beileibe „nicht ausschließen”. Mehr sagen will Pater Anselm in diesen Tagen nicht. Denn als er im Februar in einem Interview der Süddeutschen Zeitung bekannte, er habe als Klosterfinanzchef „in letzter Zeit viel mit Bonuszertifikaten gemacht”, weil da „Renditen von 10 bis 15 Prozent” winkten, da erlebte der Pater einen Sturm der Entrüstung. Damals hatte er auch erzählt, dass er mit „argentinischen Staatsanleihen” einmal binnen kürzester Zeit „drei Millionen Euro Miese” gemacht habe. Der Pater gestand, er habe wegen dieses Verlustes damals das erste Mal in seinem Leben „nicht gut geschlafen”. Sein Schlaf dürfte sich angesichts der Krise auf den Finanzmärkten nicht gebessert haben. Die Krise tritt nun Anleger, von denen man nie angenommen hätte, dass sie auf dem internationalen Finanzmärkten spekulieren. Und gerade die, die bisher als besonders fortschrittlich galten, stehen nun dumm da. So ist seit ein paar Jahren das so genannte Cross-Border-Leasing sehr modern unter den Kommunen. Die Stadt Nürnberg zum Beispiel hat in den vergangenen zehn Jahren ihre Straßenbahnen, U-Bahnen, Kläranlagen und sogar die Kanalisation per Cross-Border-Leasing an amerikanische Firmen verkauft – und zurückgemietet. Insgesamt 30 Millionen Euro Gewinn aus eingesparten Steuern gaben die US-Firmen an die Stadt Nürnberg weiter. Doch jetzt ist einer der langjährigen Verträge gefährdet und muss nachversichert werden. Mit bis zu 150 000 Euro jährlichen Kosten ist laut Stadtkämmerer Harald Riedl zu rechnen. Anderen, die nicht so innovativ waren, geht es nun ein wenig besser. In Fürth hatte man einmal solch ein Leasing-Geschäft geplant, es aber abgeblasen. Die 8,7 Millionen Euro Neuverschuldung dieses Haushaltsjahres seien über ganz klassische Kredite gedeckt, sagt Stadtkämmerer Rudolf Becker. „Wir können deshalb zum Glück wirklich beruhigt schlafen.” Allerdings befürchtet er Gewinneinbrüche bei der Sparkasse angesichts der Beteiligung an der kriselnden Bayerischen Landesbank. Und er hat, wie fast alle bayerischen Stadtkämmerer, „ein mulmiges Gefühl” angesichts der möglichen Einbußen bei der Gewerbesteuer. Der Ausfall bei der Gewerbesteuer ist überall in Bayern das große Thema. Eine Umfrage des Bayerischen Industrie- und Handelskammertags unter 3000 bayerischen Unternehmen hat ergeben, dass erstmals seit drei Jahren wieder mehr Unternehmen ihre Budgets kürzen wollen. Das Ergebnis: weniger Arbeitsplätze und weniger Gewerbesteuern für die Kommunen. In der Stadt Augsburg muss nun neu kalkuliert werden: „Wir gehen davon aus, dass die Zuwachsraten bei den Steuereinnahmen von bisher zehn Prozent nicht mehr zu halten sind”, sagt Kämmerer Hermann Weber (CSU). Die Finanzlage der Stadt bezeichnete er als „angespannt, aber nicht hoffnungslos”. Zuletzt lag der Schuldenstand bei 261 Millionen Euro, dies entspricht einer vergleichsweise niedrigen Pro-Kopf-Verschuldung von weniger als 1000 Euro. Mit spürbaren Rückgängen bei den Gewerbesteuern rechnet Weber bereits in den kommenden Monaten. Augsburg gilt wegen seiner vielen produzierenden Firmen als Werkbank des Freistaats. Nach Angaben des Augsburger IG-Metall-Bevollmächtigten Jürgen Kerner sei in den Managementzentralen große Verunsicherung zu spüren. „Dort fragt man sich, ob die Kunden noch ihre Aufträge finanzieren können”, so Kerner. Weber bereitet die Bürger auf harte Zeiten vor. Seit 2004 hatte die Stadt immer großzügiger investiert. Das Budget stieg von 40 Millionen Euro im Jahr 2004 auf 108 Millionen Euro in diesem Jahr. Im Haushaltsentwurf 2009 sind nur noch knapp 100 Millionen Euro vorgesehen. Auch viele kleinere Städte sind von den Auswirkungen der Finanzmarktkrise betroffen. Ulrich Netzer, der Oberbürgermeister von Kempten, sagt: „Ich gehe davon aus, dass wir unsere Steuerschätzung nach unten korrigieren werden müssen.” Womöglich könne die Stadt nicht mehr wie geplant im kommenden Jahr Schulden in Höhe von fünf Millionen Euro tilgen. Das Schul-Entwicklungsprogramm, das Sanierungen und Neubauten vorsieht, will er dagegen nicht aufgeben. Notfalls könne die Stadt auf Reserven zurückgreifen – Kempten konnte in den vergangenen Jahren Rücklagen von 30 Millionen Euro aufbauen. Doch die Krise greift um sich. Durch den Bankrott des Staates Islands sind nun auch Projekte in Bayern gefährdet - vor allem die Bohrung nach heißem Wasser in Geretsried. Der Investor, die isländische Firma Geysir Green, ist bis auf weiteres zahlungsunfähig. Ganz besonders zittern müssen die Kreispolitiker im Ostallgäu und der Stadtrat von Kaufbeuren. Sie hatten im Sommer erfahren, dass der Chef ihrer Kreiskliniken spekulative Zinsgeschäfte abgeschlossen hatte. Er hatte auf die Entwicklung der Zinsen gewettet und sich dabei verzockt. Seither steht in den Büchern ein drohender Verlust von etwa 900 000 Euro. Die Finanzmarktkrise verschärft die Situation weiter: „Die Krise wirkt sich ungünstig auf das Geschäft aus”, teilt die Finanzverwaltung in Kaufbeuren mit. Der Klinikmanager ist bereits abgesetzt. Die Kommunen versuchen vor Gericht, das Zinsgeschäft nun für nichtig erklären zu lassen. Vielleicht sollten Pater Anselm und die Allgäuer jetzt gemeinsam beten. Die Krise macht vor keinem Halt: Die Benediktinerabtei Münsterschwarzach in Franken hat Geld verloren und in Oberbayern stocken die Geothermieprojekte – der isländische Investor ist nicht mehr flüssig. SZ 11.10.2008 Wer bloß die Banken rettet, erreicht nichts. Der Staat muss die Konjunktur stützen, und zwar jetzt. Andernfalls verpuffen die billionenschweren Bürgschaften für die Finanzindustrie - und es droht eine Depression in der realen Wirtschaft. Heiner Flassbeck Wirtschaft Zitat BRD Seite 24 kA Wer bloß die Banken rettet, erreicht nichts. Der Staat muss die Konjunktur stützen, und zwar jetzt. Andernfalls verpuffen die billionenschweren Bürgschaften für die Finanzindustrie - und es droht eine Depression in der realen Wirtschaft. Von Heiner Flassbeck. Es wird eng. Die bisherigen Maßnahmen zur Stabilisierung der Finanzmärkte haben nicht gereicht. Jetzt gilt es, Vertrauen auf den Finanzmärkten, bei Unternehmern, Arbeitnehmern und Konsumenten zugleich zu schaffen. Dazu muss neben den Finanzmärkten die Konjunktur stabilisiert werden. Niemand wird Vertrauen fassen und Nachfrage entfalten, dessen Einlagen zwar gesichert sind, der aber seine Kunden oder seinen Arbeitsplatz verliert. Die schnelle Stabilisierung der Realwirtschaft ist auch unabdingbar für die Stabilisierung der Finanzmärkte auf längere Frist. Nur wenn die vielfältigen „Wechsel auf die Zukunft” zur Stabilisierung der Finanzmärkte von einer prosperierenden realwirtschaftlichen Entwicklung gedeckt sind, werden die billionenschweren Bürgschaften nicht fällig werden. Andernfalls wird sich die Finanzkrise perpetuieren; man wird fiskalpolitisch Löcher stopfen nur um den Preis, an anderer Stelle immer größere aufzureißen und die Munition zu verschießen, die zur konjunkturellen Stabilisierung dringend gebraucht wird. Die Geschichte hält ausreichend Lehren bereit – die Politik muss sie allerdings beherzigen. Im Gefolge seiner Immobilienkrise Ende der achtziger Jahre hat Japan die Zinsen und Steuern angehoben, die Löhne wurden gesenkt, der Wechselkurs stieg auf Rekordniveau. Das Ergebnis war eine langanhaltende Deflation mit depressiven Zügen. Viel zu spät stellte Japan die Signale auf Expansion um. Maßnahmen, die die Rezession hätten verhindern können, entfalteten in der Dauerstagnation keine Wirkung mehr. „Unkonventionelle” Maßnahmen, die zuvor undenkbar schienen, mussten ergriffen werden, um einen völligen Absturz zu verhindern. So hat die Notenbank die Staatsausgaben finanziert oder Aktien gekauft. Selbst dies hat Japan nicht auf einen stabilen Wachstumspfad zurückgeführt. Ganz anders haben – wie schon mehrfach zuvor – die USA reagiert. Die Zinsen wurden in wenigen Schritten drastisch gesenkt. Die monetäre Expansion wurde ergänzt um eine fiskalische. Beides war wichtig: Der monetäre Impuls stärkt den fiskalischen und umgekehrt. Keiner kann den anderen ersetzen, jeder ist aber zur Entfaltung seiner vollen Wirkung auf den anderen angewiesen. Ob die Dosis für eine Trendwende der US-Konjunktur ausgereicht hat, ist derzeit eher fraglich. Dass aber nur der Staat und die Notenbank das reale und das finanzielle System stabilisieren können, bestreitet niemand mehr. Ohne Eingriffe gibt es kein Ende der Abwärtsspirale. Die Eurozone hat bisher eher nach dem japanischen Vorbild gehandelt: Im Sommer wurden sogar gegen jede Logik die Zinsen angehoben, und der Stabilitäts- und Wachstumspakt wird auch jetzt noch zur Abwehr expansiver Haushaltspolitik instrumentalisiert. Was nicht klar genug gesehen wird: Die Konjunktur zu stützen kommt deutlich billiger als Bürgschaften und andere Finanzmarktmaßnahmen, denen die realwirtschaftliche Fundierung fehlt. Um die Finanzmärkte wiederzubeleben, ist die Vergabe neuer Kredite entscheidend. Neue Kredite werden aber nur nachgefragt, wenn die Absatz- und Rentabilitätserwartungen der Unternehmen günstig sind. Das Gleiche gilt für das Angebot von Krediten. Da die Jongleure an den Finanzmärkten als Nachfrager für Kredite auf Jahre hinaus „verbrannt” sind, wird jede Bank froh sein, Investoren zu finden, die etwas Reales wagen wollen. Es ist keine Fülle von Einzelmaßnahmen erforderlich, um die positiven Erwartungen und die konjunkturelle Dynamik wiederzubeleben. Es reicht im Wesentlichen, bei den wichtigsten makroökonomischen Instrumenten wachstums- und stabilitätsgerecht umzusteuern. Das heißt: Die EZB sollte die Zinsen sofort weiter auf mindestens zwei Prozent oder niedriger senken. Außerdem sollten Wachstumsprogramme im Bereich Infrastruktur, Bildung und Umweltschutz in der Größenordnung von mindestens einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts pro Jahr aufgelegt werden, was für Deutschland 25 bis 30 Milliarden Euro wären. Die Programme sollten mehrere Jahre laufen und über Kredite finanziert werden. Die automatischen Stabilisatoren, auf die in Brüssel verwiesen wird, reichen auf keinen Fall. Sie können eine Rezession eventuell abmildern und verzögern, jedoch niemals eine schnelle Talfahrt beenden. In eine solche Strategie müssen die Tarifparteien eingebunden werden, um die Binnennachfrage nicht durch Lohnkürzungen zu destabilisieren. Auch hier, wie bei allen anderen Maßnahmen, ist eine EU-weite Abstimmung nationalen Programmen vorzuziehen. Nur schnelles Handeln hilft. Jede Verzögerung vermindert, dass diese Maßnahmen wirken. Wenn sich die Gewinnerwartungen der Unternehmen massiv eintrüben, wird die Geldpolitik völlig wirkungslos. Die gesamte Last läge dann auf der Fiskalpolitik. Plan, Inhalt und Umsetzung eines solchen Programms zur Stützung von Finanzmärkten und Konjunktur muss allen Betroffenen – Finanzakteuren, Unternehmen, Arbeitnehmern und Konsumenten – schnell, klar und überzeugend mitgeteilt werden. Je rascher positive Signale gegeben werden, umso schneller können Vertrauen und konjunkturelle Dynamik wiedergewonnen werden. Zumindest die Ankündigung des Programms muss unverzüglich erfolgen, um einen weiteren Absturz der Finanzmärkte und eine Depression in der Realwirtschaft zu vermeiden. Metallarbeiter demonstrieren für acht Prozent mehr Lohn. Die Binnennachfrage müsse durch angemessene Löhne gestärkt werden, findet Wirtschaftswissenschaftler Heiner Flassbeck . SZ 11.10.2008 EU-Parlamentarier greifen Kommissare an. kA gam Wirtschaft Meldung EU Seite 24 kA EU-Parlamentarier greifen Kommissare an. Spitzenpolitiker des Europäischen Parlaments haben die EU-Kommission zu personellen Konsequenzen aus der Finanzkrise aufgefordert. „Die Mitverantwortung der Kommission an den Turbulenzen auf dem europäischen Finanzmarkt liegt an deren Nichtstun”, sagte der Fraktionsvorsitzende der Sozialisten, Martin Schulz (SPD). Der für die Aufsichtsregeln zuständige Binnenmarktkommissar Charlie McCreevy habe bisher „ausschließlich auf den Markt vertraut” und Forderungen des Parlaments nach Aufsichtsregeln ignoriert. José Manuel Barroso, Präsident der EU-Kommission, müsse daraus Konsequenzen ziehen und dem Iren McCreevy „ein anderes Ressort zuweisen”, forderte Schulz. Auch CDU/CSU-Fraktionschef Werner Langen nennt McCreevys Ablösung „längst überfällig”. Wirtschafts- und Währungskommissar Joaquin Almunia solle das Ressort übernehmen. Die deutschen Konservativen werfen dem Iren vor, keine Vorschläge für die Regulierung von Hedgefonds vorgelegt zu haben, was das Parlament seit zweieinhalb Jahren fordere. Eine Kommissionssprecherin sagte, Barroso habe „volles Vertrauen in den Kommissar McCreevy”. In Kommissionskreisen hieß es, vor allem europäische Regierungen hätten verhindert, dass Banken stärker reguliert würden. Auch Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes wird heftig kritisiert. Es sei nicht nachvollziehbar, dass Barroso die neoliberale Holländerin in das Team berufen habe, das die Folgen der Finanzkrise bewältigen solle, sagte Schulz. „Kroes ist dort fehl am Platz.” Ihr wird vorgehalten, zu hart gegen öffentlich-rechtliche Banken in Deutschland vorzugehen. Die EU–Parlamentarier wollen, dass die Regierungschefs nächste Woche auf ihrem Gipfel über das Personal beraten. gam SZ 11.10.2008 Wenn die Bank ruft. Russlands Oligarchen können viele Übernahmen nicht mehr bezahlen. Sonja Zekri Geld Bericht Russland Seite 27 kA Wenn die Bank ruft. Russlands Oligarchen können viele Übernahmen nicht mehr bezahlen. Von Sonja Zekri. Moskau – Russlands Fernsehsender beschreiben die Finanzkrise zwar noch immer, als mache sie um Moskau einen großen Bogen und treffe vor allem Amerika. Russlands Unternehmer aber wissen es besser. Oleg Deripaska, der reichste Mann des Landes, hat sich nicht nur von seinen Anteilen bei dem kanadischen Autozulieferer Magna trennen müssen. Auch seine Aktien der deutschen Hochtief ist er los. Die Zeitung Wedomosti zitiert Vertreter von Deripaskas Basic Element, Hochtief und der Commerzbank, die bestätigen, dass Deripaskas 9, 9 Prozent Hochtief-Anteile zurück an die Commerzbank gefallen sind. Die Bank hatte den Kauf mit einem Kredit finanziert, den Deripaska offenbar nicht mehr bedienen kann. Seine Verluste durch die Transaktion belaufen sich nach Schätzung des Blattes auf 340 Millionen Euro. Dennoch sagt Basic-Element-Vizegeneraldirektor Konstantin Pankin, angesichts der fallender Kurse sei es eine „vernünftige” Entscheidung gewesen. Im vergangenen Jahr hatte die Zahl der Milliardäre in Russland um ein Drittel zugenommen – nun dürfte sich der Trend umkehren. Am härtesten betroffen, so schrieb die Zeitung RBK daily vor kurzem, seien Wladimir Lisin (NLMK), Dmitrij Rybolowljew (Uralkali) und Wagit Alekperow (Lukoil). Und da war der jüngste Crash noch gar nicht eingepreist. Die wenigsten reden so offen über ihre Verluste wie Alexander Lebedjew, der für die Mittelstandsbank IKB bot und bei Öger-Tours einsteigen will. Über die Hälfte seines Vermögens habe er durch die Krise verloren, sagte er in einem Interview und begrüßte die Aussicht, dass auch andere weniger Bentleys kaufen, dass weniger Beamte in millionenteuren Jets um die Welt fliegen und Immobilien billiger werden. „Die Stunde hat geschlagen”, dräute er. Der russische Aktienmarkt hat seit Mai 590 Milliarden Euro verloren, über 70 Prozent. Beobachter geben zu bedenken, dass in der Panik auch solide Unternehmen unter die Räder kommen. Viele Papiere seien unterbewertet. Doch den Trend stoppt das nicht. Die russischen Börsen, die am Montag den tiefsten Absturz ihrer Geschichte erlebten, wurden am Donnerstag wieder geöffnet, aber am Freitag erneut geschlossen. Die Duma hat am Freitag einem Rettungspaket von 63 Milliarden Euro für die größten Banken zugestimmt, Ministerpräsident Wladimir Putin hat milliardenschwere Stützungskäufe für Aktien russischer Unternehmen angekündigt. Wiktor Wechselberg käme das gerade recht. Seine „Renova”-Gruppe führe gerade Gespräche über die „Restrukturierung” seiner Kredite, sagte er laut Wedomosti am Donnerstag in Moskau. Betroffen sind nach Informationen des Blattes vor allem Wechselbergs Anteile bei den Schweizer Unternehmen Oerlikon und Sulzer. Wie viele russische Unternehmer hatte auch Wechselberg als Sicherheit für seine großzügigen Einkäufe im Ausland Aktien hinterlegt. Angesichts dramatisch gefallener Kurse aber sind die Kredite nicht mehr gedeckt. Die Gespräche mit den Geldhäusern liefen „konstruktiv”, sagte Wechselberg, dessen Auslandsschulden sich nach Angaben von Standard & Poor’s im September auf 2,9 Milliarden Dollar beliefen. Die Ratingagentur hat am Freitag bestätigt, dass die Existenz der Firma nicht gefährdet sei. Wechselberg hält am High-Tech-Konzern Oerlikon 39 Prozent, am Maschinenbau-Unternehmen Sulzer 31,4 Prozent. Reiche Russinnen: Viele Oligarchen haben ihre Firmenkäufe im Ausland mit Aktien als Sicherheit hinterlegt. Jetzt wollen die Banken mehr davon. SZ 11.10.2008 Japans Beitrag. Asiaten wollen über IWF Währungsreserven anbieten. Helga Einecke Geld Bericht Japan Seite 27 kA Japans Beitrag. Asiaten wollen über IWF Währungsreserven anbieten. Von Helga Einecke. Frankfurt – Der Vorschlag aus Japan, einen Teil der Währungsreserven des Landes für die Linderung der Finanzkrise zur Verfügung zu stellen, stößt auf verhaltene Zustimmung. Holger Schmieding, Volkswirt der Bank of America, sprach von einer politischen Stütze, die dem Währungsfonds neue Finanzmittel beschere. Nur eine globale Organisation wie der Internationale Währungsfonds (IWF) könne einzelnen Staaten, zum Beispiel Island, wirksam aus finanziellen Schwierigkeiten helfen. Japans Finanzminister Shoichi Nakagawa hatte vor dem Jahrestreffen des IWF in Washington gesagt, sein Land wolle anderen Ländern Finanzmittel geben. Die sollten über den IWF zur Verfügung gestellt werden. Japan hält 995 Milliarden Dollar an ausländischen Devisen. China hat sogar mehr als das Doppelte angehäuft. Indien, Südkorea, Taiwan, Singapur und Hongkong haben jeweils 150 bis 300 Milliarden Dollar. Auch Russland und andere Ölländer verfügen über sehr hohe Währungsreserven, weil sie ihre Rohstoffe zu Spitzenpreisen absetzen konnten. Die asiatischen Länder sammelten Devisen ein, weil sie über Jahre mehr Güter an die USA oder Europa verkauften als abnahmen. Sie legten die Dollars überwiegend in amerikanische Staatsanleihen an und finanzierten so das US-Haushaltsdefizit. Andere Experten halten die japanische Offerte für einen Ausdruck sonstiger Hilflosigkeit. Jürgen Michels von der Citigroup wies darauf hin, dass die Bank von Japan bei der konzertierten Zinssenkung nicht dabei war. Sie verlangt seit langem nur 0,5 Prozent Zinsen für die Geldleihe und hat daher wenig Handlungsspielraum. Sechs führende Notenbanken hatten am Mittwoch ihre Leitzinsen um jeweils einen halben Prozentpunkt zurückgenommen, ohne dadurch die Kursstürze an den Aktienmärkten aufhalten zu können. Michels erwartet, dass es in der nächsten Woche zu einer zweiten Aktion dieser Art kommen wird, weil die Notenbanken die Märkte rigoros stabilisieren wollten. Einige Ökonomen halten es für den besseren Weg, das Finanzsystem über eine internationale Organisation zu stabilisieren. Nach Einschätzung von Ulrich Kater, Volkswirt der Deka-Bank, zeigt der japanische Vorschlag, dass es sich um ein internationales Thema handelt. Geraten Staaten in Schwierigkeiten, gehört es zum normalen Programm des IWF, mit Krediten auszuhelfen, wie in der Vergangenheit Argentinien, Brasilien oder der Türkei. Allerdings waren diese Kredite mit Auflagen verbunden. In den zurückliegenden Jahren ging es vielen Ländern durch den weltweiten Aufschwung und den Rohstoff-Boom so gut, dass sie den Währungsfonds nicht mehr brauchten. Dadurch verlor der IWF Einnahmequellen und könnte nun auf andere Finanzierungen angewiesen sein. Akut in Schwierigkeiten ist der Staat Island. Sollte sich die Finanzkrise ausweiten, rechnen die Fachleute mit noch mehr Ländern, die ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen können. IWF-Hilfen fließen nur für einzelne Länder, nicht jedoch für Bankengruppen oder einzelne Banken. Bisher versuchen Staaten in Eigenregie und auf unterschiedliche Weise, ihre Kreditgewerbe zu stabilisieren. Großbritannien bietet seinen Banken Garantien und Eigenkapital, ähnliches erwägen die Amerikaner. Die europäischen Länder sind sich nicht einig, ob eine vorübergehende Verstaatlichung der richtige Weg ist. Der japanische Notenbankchef Masaaki Shirakawa. SZ 11.10.2008 Mythischer Glanz. In der Krise wird Roosevelts „New Deal” verklärt. Stephan Speicher Feuilleton Bericht USA Seite 13 kA Mythischer Glanz. In der Krise wird Roosevelts „New Deal” verklärt. Mit der Finanzkrise ist dem Staat eine neue Rolle zugewachsen. Wo wirtschaftlich alles bebt, scheint allein er noch Sicherheit zu geben. Man kann sich fragen, ob dies nicht ein stark kontinentaleuropäischer, speziell auch deutscher Eindruck ist, vorgeprägt durch die Bedeutung, die der Staat im Leben dieser Gesellschaften und speziell auch ihrem Wirtschaftsleben immer hatte. Aber in den USA ist die Lage ähnlich. Schon einmal wuchs dort mit der Weltwirtschaftskrise der Staat zu einer neuen Größe heran, unter allgemeiner Zustimmung, aber auch sehr scharfer Kritik. Herbert Hoover, im März 1929 zum amerikanischen Präsidenten gewählt, hatte dem Börsenkrach und der bald daruf einsetzenden Depression nicht mit staatlichen Mitteln entgegentreten wollen. Allen sozialpolitischen Maßnahmen, zu denen der Kongress sich entschloss oder entschließen wollte, trat er entgegen, weil er darin den Keim moralischer Destabilisierung sah und die Gefährdung spezifisch amerikanischer Tugenden. Als er im Herbst 1932 zur Wiederwahl antrat, verlor er mit verheerendem Ergebnis gegen Franklin D. Roosevelt. Handelskammerfaschismus. Mit Roosevelt begann eine völlig neue Politik, der New Deal. Der Staat gewann einen Einfluss auf Wirtschaft und Gesellschaft wie nie zuvor, und innerhalb des Staates war es die Exekutive, das heißt der Präsident, der nach vorn drängte. Das verdankte er zunächst sich selbst und seinem Charisma. Aber zu solchem persönlichen Geschick kamen bald die Machtmittel des Staates. Die Regierung baute einen neuen Propaganda-Apparat auf, organisierte unablässig patriotische Paraden und entwickelte die Presseabteilungen der Ministerien. Damit nahm sie in ungekannter Weise auf die Medien Einfluss, die Grenze zwischen Staat und Gesellschaft verschwamm. 1934 wurde das Rundfunkgesetz geändert. Lizenzen wurden nur noch auf sechs Monate vergeben, Leiter der Lizenzierungsbehörde war ein ausgesprochener Parteimann Roosevelts. Und Roosevelt, der in seiner Antrittsrede die Gewalt der ökonomischen Depression mit der Invasion einer feindlichen Macht verglichen hatte, ließ sich vom Kongress weitgehende legislative Vollmachten zur Bekämpfung der Depression erteilen. In der verfassungsrechtlichen Debatte ist diese „Delegation of Powers” als „Enabling Act” bezeichnet worden. Mit diesem Begriff übersetzt man das deutsche Wort Ermächtigungsgesetz. Wolfgang Schivelbusch hat in einem gedankenreichen Buch vor einigen Jahren die Ähnlichkeiten zwischen New Deal, Faschismus und Nationalsozialismus beschrieben: „Entfernte Verwandtschaft” (Hanser Verlag 2005, auch als Fischer Taschenbuch). Über die moralischen Unterschiede braucht man nicht zu reden, sie verstehen sich von selbst. Aber interessant sind Ähnlichkeiten, die die Tiefe der Krise des liberalen Weltbildes zeigen. Schon die Zeitgenossen haben es so gesehen. Gegner wie Parteigänger Roosevelts sahen in der Zunahme staatlicher Macht und präsidialer Prärogative eine Verwandtschaft zum Faschismus (Vergleiche mit dem Nationalsozialismus waren selten und immer polemisch). Und ästhetisch gab es gewiss Gemeinsamkeiten: In Washington wurden zu dieser Zeit eine Fülle klassizistischer Monumentalbauten errichtet, deren Zweck offen zu Tage liegt: Die zwingende Autorität des Staates zu predigen. Ein kräftiger Nationalismus wurde nun gefördert, dazu gehörten Zollschranken. Dass der Freihandel allen nütze, das wusste die Volkswirtschaft, aber im Moment der Krise wuchsen die Zweifel, ob auf Fairness und Zuverlässigkeit der Handelspartner Verlass ist. Der amerikanische Adler wurde ab 1933 überall plakatiert. Zu besonderer Bedeutung kam er im Wiederaufbauprogramm NIRA der National Industry Recovery Adminstration. Das Gesetz dazu wollte Arbeitgeber, Gewerkschaften und Regierung zusammenbringen, um unfairen Wettbewerb zu beenden und Absprachen zu treffen über Preise, Löhne und Arbeitsbedingungen. Wer mitmachte, konnte seinen Betrieb mit Plaketten oder Plakaten zieren, die den Adler zeigten und die Devise „We do our part”. Wer nicht mitmachte, bekam keine Regierungsaufträge und musste mit Boykott rechnen. Es waren eine Art staatlicher Kartelle für alle Branchen, die da aufgebaut wurden, Gegner sprachen von „Handelskammerfaschismus”, und wirklich entsprachen sie mehr korporativem als wettbewerblichem Geist. Das Oberste Bundesgericht erklärte die NIRA schon 1935 für verfassungswidrig; sie hatte auch nie funktioniert. Der New Deal brachte eine Reihe ähnlicher Organisationen hervor, mit klingenden Abkürzungen, vitalem Innenleben, doch vergleichsweise geringer Wirkung. Viel wurde versucht, in der Sozialversicherung, der Ordnung der Landwirtschaft, doch das drückendste Problem, die Arbeitslosigkeit wollte nicht weichen. Erst der Kriegseintritt 1941 führte zum Umschwung. Dass die Wirtschaftspolitik Roosevelts durchweg erfolgreich gewesen wäre, kann man kaum sagen. 1939 nahm der Kongress eine Reihe der Reformmaßnahmen wieder zurück. Der New Deal im engeren Sinne dauerte nur etwa fünf Jahre, auch wenn einzelne Gesetze wie der Glass-Steagall Banking Act noch länger in Kraft blieben. Was aber blieb aus dem Versuch, der Wirtschaftskrise mit staatlichen Mitteln Herr zu werden, das war die Stärkung der präsidialen Gewalt, der „Übergang vom legislativen zum exekutiven Staat”, wie der Münchener Amerikanist Gert Raeithel schreibt. Und auch eine wirksamer eingreifende Sozialpolitik hielt sich noch für eine gute Weile. Das Land mobilisiert Den mythischen Glanz, den die Zeit des New Deal ausstrahlt, verdankt sie sicher der Person Roosevelts als Gegner Hitlers. Aber es kommt dazu der Wille, das Wirtschaftsleben völlig neu anzugehen. Dabei waren viele der reformerischen Ideen alt, Träume der letzten Jahre vor dem Ersten Weltkrieg, wie sie überall in der westlichen Welt geträumt wurden. Der Hochkapitalismus erschien reich, aber billig. Die Sehnsucht ging auf ein unentfremdetes Leben, ein Leben in der Natur, mit Bindung an den Boden, der Sicherheit verleiht, und an die Landschaft. Der Überdruss an der bürgerlichen Welt, die Empörung über die krassen Unterschiede von Arm und Reich waren weit verbreitet. In Amerika war es das „Progressive Movement”, wo sich Anhänger solcher Gedanken und Empfindungen trafen. Doch der Erste Weltkrieg und der darauf folgende Boom drängten sie beiseite. 1933 war der Moment, sich daran zu erinnern. Jetzt sollte eine Landwirtschaft bäuerlicher Familien gefördert werden, Ansiedlungsprojekte wurden erörtert, überhaupt standen Land und Landwirtschaft hoch in Kurs, wie alles, was man „organisch” nannte. Big Business und Wallstreet hatten abgewirtschaftet, der kleine, seiner Nachbarschaft verantwortliche Betrieb war das Ziel. Dem diente auch das berühmteste aller Projekte, das Tennessee-Projekt. Mit günstigem Strom aus seinen Wasserkraftwerken sollte kleinindustrielle Produktion möglich werden. Ein starker Staat wollte eine Gesellschaft kleiner Einheiten. In vieler Hinsicht liefen die Entwicklungen auf das Gegenteil solcher Ideale hinaus. Die Agrarpolitik etwa förderte auch den Einsatz von Großgeräten. Aber das idealistische Moment des New Deal war nicht gering. Ob es die richtige Wirtschaftspolitik war, die mit solchen Ideen begonnen wurde, bleibt umstritten. Aber in einer Phase der Depression haben solche Ideen, auch wenn sie oft angegriffen wurden, das Land mobilisiert und erst eine ausgreifende Politik ermöglicht. STEPHAN SPEICHER. SZ 11.10.2008 Absturz aus dem Paradies. In Dublin konnten Banken spekulieren, Steuern sparen und Risiken auslagern, nun ist die Party zu Ende – und Irland gerät als erster Euro-Staat in eine Rezession. Eckhard Behrens Leserbriefe Leserbrief BRD Seite 42 kA Absturz aus dem Paradies. In Dublin konnten Banken spekulieren, Steuern sparen und Risiken auslagern, nun ist die Party zu Ende – und Irland gerät als erster Euro-Staat in eine Rezession. Von Andreas Oldag. Dublin – Mit leisem Summen gleitet der Fahrstuhl nach oben. Im oberen Stock-werk der Depfa Bank an der Dubliner Commons Street betritt der Besucher einen kühl gestylten Empfangsraum. Ro-te Ledersessel gruppieren sich um einen Glastisch. Von draußen ist der gedämpfte Autolärm vom Custom House Quay zu hören – eine große Verkehrsader, die am Fluss Liffey entlang durchs Dubliner Finanzviertel führt. Depfa-Besucher lesen im Geschäftsbericht 2007: Das Institut habe einen „starken unternehmerischen Geist”, heißt es in dem 188 Seiten dicken Wälzer. So war sie, die schöne, heile Bankenwelt, die in diesen Tagen untergegangen ist. Die strauchelnde Bank steht im Mit-telpunkt eines Sturms, den die Münch-ner Muttergesellschaft Hypo Real Esta-te (HRE) in eine Schieflage brachte und die Bundesregierung zu einer beispiellosen Rettungsaktion veranlasste. Zum Verhängnis wurde dem Dubliner Finanzierungsspezialisten für Schulen, Krankenhäusern und Straßen ein kapitaler Fehler: Depfa hatte in großem Stil langfristige Kredite mit solchen finanziert, die nur wenige Wochen laufen. Das ging so lange gut, wie andere Banken ausreichend Geld gaben. Doch angesichts der Finanzkrise behalten die Institute lieber die Mittel im eigenen Haus. Erklärungen für das Desaster hat man in der Dubliner Depfa-Zentrale nicht. Eine deutsche Mitarbeiterin eilt aus den hinteren Fluren herbei. Ihren Namen nennt sie nicht. Sie rudert mit den Armen. „Sie sehen doch. Wir arbeiten noch”, sagt die blonde junge Frau und blickt dem Besucher treuherzig in die Augen. Dies klingt fast so wie auf der Titanic. Das auf der Belfaster Werft Harland & Wolff vom Stapel gelassene Traumschiff versank 1912 in den Fluten des Nordatlantiks – mit Pauken und Trompeten: Die Musikkapelle auf dem Oberdeck spielte bis zuletzt. „Hier versinken die Banken jetzt im Fluss Liffey”, meint ein irischer Banker mit ironischen Grinsen. Der junge Mann im dunkelgestreiften Anzug verschwindet im pompösen Glaspalast der amerikanischen Citybank-Filiale, wenige hundert Meter vom Sitz der Depfa Bank entfernt. Dublin ist ein Tummelplatz für ausländische Finanzdienstleister. In den Dublin Docklands, dem alten Hafengebiet entlang des Liffey, in dem einst Arbeiter dreckige Kohlendampfer entluden, glitzern heute die Fassaden von 300 Banken und Investmentfirmen. 25 000 Menschen arbeiten in der Branche. Zu den Spezialitäten des Dubliner Fi-nanzplatzes gehören so genannte Investment-Vehikel und Zweckgesellschaften von großen internationalen Bankkonzernen, die auf diese Art risikoreiche Geschäfte aus ihren Bilanzen auslagern. So jonglierte die Sachsen LB über die Gesellschaft Ormond Quay mit Milliarden auf dem amerikanischen Immobilienmarkt – eine kolossale Fehlspekulation. Auch bei der Pleite des italienischen Lebensmittelkonzerns Parmalat waren irische Fi-nanzkonstruktionen beteiligt. Dublin sei der „Wilde Westen der europäischen Finanzindustrie”, mokierte sich daraufhin die New York Times. Bislang ließen sich die pragmatischen Iren durch solche Kritik allerdings nicht beeindrucken. Für sie geht es um ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: Investoren genießen konkurrenzlos günstige Unternehmenssteuern von 12,5 Prozent auf der Insel und außerdem eine sehr liberale Börsen- und Finanzmarktaufsicht. Dafür hat das Land Tausende von Jobs für ihre in Europa überdurchschnittlich junge Bevölkerung erhalten. Kein Zufall, dass die Finanzindustrie zum Motor des irischen Wirtschaftswunders wurde. Dies katapultierte das einstige Armenhaus Europas mit seinen 4,2 Millionen Einwohnern an die Einkommensspitzengruppe in der EU – deutlich vor Deutschland. In den Dublin Docklands erreicht die Luxuswagen-Dichte vorwiegend deutscher Fabrikation mittlerweile das Niveau des Londoner Finanzviertels. Fast die Hälfte des irischen Bruttoinlandsprodukts entfällt auf das Dienstleistungsgewerbe. „Wir hatten eine Menge, junger fleißiger Leute, aber kein Geld. So nahmen wir gerne das Geld deutscher Banken”, sagt der junge irische Bestseller-Autor David McWilliams, der ein Buch mit dem Titel „Die Kinder des Papstes” über den beinahe sagenhaften ökonomischen und sozialen Aufstieg seines Landes in den vergangenen zwei Jahrzehnten geschrieben hat. Doch nun, im Zeichen der weltweiten Finanzkrise, macht sich unter den Bankern und Brokern Katerstimmung breit. Die Party auf der grünen Insel ist zu Ende. Mehr noch: Die Finanzgiftküche, die in den Docklands angerührt wurde, hat die gesamte Wirtschaft in Mitleidenschaft gezogen. Hinzu kommen drastisch fallende Immobilienpreise und eine Abschwächung des Baubooms. So ist der „keltische Tiger” als erstes Land in der Eurozone in eine Rezession gestürzt – die erste seit 25 Jahren. Die Aussichten sind alles andere als rosig. Das irische Wirtschaftsforschungsinstitut Economic and Social Research Institute (ESRI) schätzt, dass die Arbeitslosigkeit im nächsten Jahr auf acht Prozent steigen wird. Alles das könnte zudem den Gegnern des EU-Vertrags weiteren Auftrieb geben, fürchten die Experten. Der Wahlslogan zum EU-Referendum über den Vertrag von Lissabon lautete eingängig: „No to Lisbon”. Viele Iren wenden sich gegen eine als zu stark empfundene Bevormundung durch Brüssel, obgleich die Insel jahrelang von Subventionen der EU profitierte. Im oberen Stock der städtischen Ent-wicklungsbehörde Dublin Docklands Development Authority (DDDA) blickt Ca-mel Smith auf den träge dahin fließen-den Liffey. Das Wasser glitzert in der warmen Herbstsonne. Segelschiffe haben am Kai festgemacht. Darunter ist auch das deutsche Schulschiff der Bundesmarine „Gorch Fock”, das auf Stippvisite in Dublin weilt. Die gewaltigen Masten der Bark recken sich in den Himmel. Es ist ein idyllisches Bild. Nur: An diesem Tag breiten sich wieder einmal die Schockwellen des weltweiten Börsenkrise rund um den Globus aus. Auch iri-sche Banken geraten weiter in den Ab-wärtsstrudel, obwohl der irische Finanzminister Brian Lenihan gerade eine 400-Milliarden-Euro teure Bürgschafts-erklärung für die großen Geldhäuser des Landes abgegeben hat. „Wir sind eine kleines Land. Wir mussten uns immer behaupten”, sagt die Docklands-Managerin. Sie zeigt auf das gegenüberliegende Ufer: Dort drehen sich die Baukräne über einem mehrstö-ckigen, grauen Betonskelett. Dort ent-steht eine neue Zentrale für die Anglo Irish Bank. „Ich bin froh, dass kräftig gebaut wird. Das gibt den Docklands Hoffnung. Wir müssen in die Zukunft blicken”, sagt Smith. Sie ist stolz darauf, dass Genehmigungsverfahren für die Ansiedlung von Investoren gerade nur sechs Wochen dauern. Hoffnung ist auch das Wort, das Da-mien Hennelly immer wieder benutzt. Der Manager der staatlichen Investiti-onsförderagentur IDA (Investment and Development Agency) räumt ein, dass das Land in einer schwierigen Phase steckt. „In der Finanzbranche herrscht große Unsicherheit. Davon ist auch Ir-land betroffen. Doch wir hoffen, dass die Krise bald überstanden ist”, sagt der IDA-Vertreter. Er weist Kritik zurück, dass Irland durch niedrige Abgaben und laxe Regulierung Spekulanten und allzu riskante Finanzgeschäfte geradezu angezogen habe. „Unsere Steuersätze verstoßen nicht gegen die EU-Regeln. Unsere Finanzaufsicht ist sehr effektiv”, sagt Hennelly. Er ist sichtlich besorgt um das Image Irlands als europäischer Finanzplatz. Deutlich wird auch, dass sich die Insulaner schon gar nicht in die Rolle eines Sündenbocks für das Finanzdesaster drängen lassen wollen. So reagiert man denn auch auf den langen Fluren der obersten Finanzaufsicht am College Green in der Dubliner Innenstadt verschnupft über entsprechende Vorwürfe aus Brüssel, dass den Iren bei der Bewältigung der Krise die Jacke näher sei als die Hose – sprich: die Iren ein solidarisches Vorgehen aller EU-Mitglieder durchkreuzen würden. „Wir wurden für unsere Bankengarantie an den Pranger gestellt. Doch dann haben Deutsche und Briten etwas ähnliches gemacht, um ihren Banken zu helfen”, klagt ein Behördenmitarbeiter. So ist es kein Zufall, dass gerade viele junge Iren, die in den vergangenen Jahren zu den Hauptprofiteuren des Wirtschaftsbooms gehörten, beinahe trotzig auf wirtschaftliche Untergangsszenarien in den irischen Medien reagieren. „Ich mache mir nicht so wahnsinnig viele Gedanken. Ich weiß, wenn ich meinen Job verliere, suche ich mir einen anderen suchen. Irgendwie wird es schon weiter gehen”, sagt Catherine McLane. Die 32-jährige Bankangestellte schlendert zusammen gerne mit ihrer Freundin durch das Dubliner Nobelkaufhaus Brown Thomas. Die Louis Vuitton Handtasche für 2200 Euro kann sie sich zwar nicht leisten. Aber auf das neue Prada-Modell habe sie schon ein Auge geworfen, lacht die junge Frau. Im Dubliner Pub-Viertel am Temple Bar, dort wo schon nachmittags das Guinness-Bier in Strömen fließt, hockt Michelle Goode in einem kleinen, schummerig beleuchteten Stoffzelt. Es steht in einem Raum, in dem Glaskugeln von der Decke hängen. Kerzenduft breitet sich aus. Goode ist Wahrsagerin – ein krisenfester Job, der bei den traditionell abergläubischen Iren hohen Respekt genießt. „Meine Kunden kommen aus vielen Bereichen. Da sind auch erfolgreiche Bankleute darunter. Die wollen doch wissen, wie es jetzt mit der Karriere weitergeht”, sagt die Frau mit den grauen Haaren. Ihre Augen flackern dabei lustig. Das Geschäft laufe gut, sagt sie. Goode legt ihren Klienten die Karten oder liest aus der Hand. Und wie sieht die Gesamtprognose fürs Land aus? „Kleeblatt wird wieder blühen”, ist sich Goode sicher. Nicht ganz so sicher scheint dabei Karin Bacon zu sein. Die Leiterin der Internationalen Schule in Dublin muss um die Finanzierung der Ausbildungsstätte fürchten. Die erfolgreiche Privatschule an der Pembroke Street war bislang vor allem für Kinder ausländischer Manager beliebt. 8200 Euro kostet einer der 25 Plätze pro Jahr. Doch nun gibt es ein Problem: Die Schule wurde bislang von der Depfa Bank im erheblichen Maße gefördert. Ob sich das Institut einen solchen Luxus noch leisten kann, ist mehr als unsicher. Die Bankenkrise zieht ihre Kreise. „Wir hatten fleißige Leute, aber kein Geld. So nahmen wir gerne das Geld der Banken.” David McWilliams, Autor „Die Bankleute wollen doch wissen, wie es jetzt mit der Karriere weitergeht.” Michelle Goode, Wahrsagerin Blick auf die Zentrale der Depfa Bank in Dublin: Das Institut brachte den Mutterkonzern Hypo Real Estate in eine Schieflage. Camel Smith, Managerin für den Finanzdistrikt, hofft auf bessere Zeiten. Wahrsagerin Michelle Goode hat mehr Zulauf. SZ 11.10.2008 Geldspritzen sind nur Notfallmedizin. Die Mär vom Markt / SZ vom 4./5. Oktober. gam Wirtschaft Meldung EU Seite 24 kA Geldspritzen sind nur Notfallmedizin. Die Mär vom Markt / SZ vom 4./5. Oktober. Die Überschrift des Leitartikels passt nicht zu Ulrich Schäfers Berufung auf den Ökonomen Alexander Rüstow, der „den starken Staat oberhalb der Wirtschaft” nicht forderte, weil er Märkten misstraute, sondern weil er wusste, dass Märkte vom Staat geordnet werden müssen. Rüstow war nicht zufällig jahrelang Vorsitzender der „ASM – Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft”, die einen Neoliberalismus vertrat, der das Laisser-faire des 19. Jahrhunderts als „Paläoliberalismus” ablehnte. „Die Mär vom Markt” verbreitete schon der Laisser-faire-Liberalismus des 19. Jahrhunderts und erneut der Neoliberalismus des 21. Jahrhunderts, aber nicht der Ordoliberalismus der Freiburger Schule von Walter Eucken und Franz Böhm, der mit Rüstow in der ASM zusammenarbeitete. Sie wiesen darauf hin, dass ein funktionsfähiger Markt nicht von alleine entsteht, sondern das Ergebnis ordnungspolitisch gestaltender Wirtschaftspolitik ist. Auf ihrem wissenschaftlichen Werk baute Ludwig Erhard seine erfolgreiche Wirtschaftspolitik auch gegen viele Interessenvertreter der Wirtschaft in harten politischen Auseinandersetzungen auf. Die Finanzkrise ist ein Kind des „Laisser-faire-Neoliberalismus”, der in Wahrheit Paläoliberalismus ist. Die Finanzmärkte haben der Realwirtschaft zu dienen und sie nicht kapitalistisch zu beherrschen. Mit juristischen Regulierungen kommt man diesem Machtstreben nicht bei. Das Geldkapital muss zur Bildung von Sachkapital gedrängt werden. Das geschieht durch Bekämpfung des „Hanges zur Liquidität” (John Maynard Keynes), der in jedem Geldanleger (Sparer) steckt. Misslingt diese Bekämpfung, entsteht eine Kreditklemme, in der wir zurzeit stecken. Den Weg zur Lösung weist das Verhalten der Sparer in Zeiten ausgeprägter Inflation: Sie fliehen in Sachwerte. Heute belohnt unsere Europäische Zentralbank den Hang zur Liquidität mit einer inversen Zinsstrukturkurve, deren kurzes Ende sie voll beherrscht. Dass die Senkung der Notenbankzinsen für sich alleine nicht ausreicht, zeigen die Vereinigten Staaten, die schon seit September 2007 ihre Zinsstrukturkurve schrittweise in Ordnung gebracht haben. Auch Geldspritzen reichen nicht aus; sie sind Notfallmedizin, wirken aber nicht nachhaltig. Die Notenbanken müssen lernen, zusätzlich das Instrument der Inflationserwartungen mutig, aber maßvoll einzusetzen. Zwei Prozent Inflation sind offensichtlich nicht genug, um den Hang zur Liquidität, der in die Kreditklemme führt, auf Dauer zuverlässig zu bändigen. Eckhard Behrens, Heidelberg. SZ 11.10.2008 No Porno. Bleibt die Bildung in Deutschland schnell und schmutzig? Wir müssen dringend eine andere Lehre aus dem Chaos dieser Tage ziehen . Malte Herwig SZ Wochenende Kommentar global Seite ROM1 kA No Porno. Bleibt die Bildung in Deutschland schnell und schmutzig? Wir müssen dringend eine andere Lehre aus dem Chaos dieser Tage ziehen . Von Malte Herwig. Die Wissenschaft ist harte Arbeit”, sagte mein Prof gerne, wenn er Vorträge in Deutschland hielt. Dann krempelte er die Hemdsärmel hoch, stemmte sich auf das Pult und ging in die Vollen. Der Mann konnte es sich leisten: Er hatte einen Lehrstuhl in Oxford, einen Sitz in der Britischen Akademie der Wissenschaften und dazu noch eine Goldmedaille der Goethe-Gesellschaft. Vor allem aber war er Engländer – und damit genoss er Narrenfreiheit im ernsten Land der Dichter und Denker. Streng konnte auch er sein. Aber er nahm die Wissenschaft ernst, nicht sich selbst, und seine Seminare waren eine schwafelfreie Zone. Wo andere den Wald vor lauter Bäumen nicht sahen, schlug er Schneisen durchs Dickicht der Forschung. Er konnte über die makellose Schlichtheit eines Naturgedichts von Goethe sprechen und – zweihundert Jahre Forschungsliteratur unterschlagend – uns das Gefühl geben, als sei es gestern entstanden. Er hat mit vielen zusammengearbeitet, aber von „Exzellenzclustern” und „Forschungsverbünden” hat er nie gesprochen. Er ging daheim jeden Tag zu Fuß zu seinem Oxforder College und hielt es mit Augustinus’ Motto „solvitur ambulando” – im Gehen findet sich die Lösung. Vier Jahrzehnte lehrte und forschte er mit großem Erfolg und kam dabei sogar ohne Sekretärin und Assistent aus! Wer heute im Hörsaal einer deutschen Universität Platz nimmt (wenn er einen bekommt), dem muss das alles wie ein Märchen aus der Kreidezeit erscheinen. So kann man heute, wird er erfahren, keine Wissenschaft betreiben und schon gar nicht bei uns. „Wissenschaft” – das hatte in Deutschland schon immer einen ganz besonderen Klang, und moderne Hochschulen sind ein Hindernisparcours von Akkreditierungsverfahren, Evaluationsorgien und Drittmittelrankings. Nur die Härtesten kommen, durch jahrelange Berufungsverfahren und Zeitverträge gestählt, auf einen Lehrstuhl, pardon: Forschungsstuhl, um als Gremiengurus, Drittmittelabzocker oder Vielschreiber ihrer Hochschule ein möglichst gutes Abschneiden in der Exzellenzinitiative zu ermöglichen. Nicht pädagogische Eignung als Hochschullehrer gilt hierzulande als Erfolgskriterium einer akademischen Karriere, sondern der Publikationsausstoß und die Mittelbeschaffungsaffinität. In Deutschland schwingt sich nur noch eine Minderheit der Professoren mit Lust und Laune hinters Katheder. Und wer kann es ihnen verdenken: Die beständig steigende Anzahl der Studierenden bei nahezu gleichbleibender Zahl an Lehrstühlen schafft brechend volle Hörsäle und miserable Betreuungsrelationen in den Fachbereichen. Inzwischen klagen sogar Professoren öffentlich über die „Verwahrlosung der Lehre”. Die Rede ist von „Schweigekartellen”, die Lehre sei das „letzte Tabu” der Universität. Ein angesehener Historiker befürchtet gar, dass „die Hälfte unserer Studierenden praktisch nichts lernt”. Selbst der Wissenschaftsrat, das wichtigste Beratergremium der Wissenschaftspolitik in Deutschland, warnt, dass die „Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Wissenschaftssystems und mithin die Zukunft unserer Gesellschaft” auf dem Spiel stehe. Eine „neue Lehr- und Lernkultur” müsse her, mahnen die Wissenschaftsmanager aus Köln und fordern nicht nur Milliarden-Investitionen für die Einstellung zusätzlicher Hochschullehrer, sondern auch einen Kulturwandel in den Universitäten, der einer Kulturrevolution gleichkommt: Ein „Klima wechselseitiger konstruktiver Kritik” sei vonnöten, Professoren sollten Erstsemester unterrichten, besser erreichbar sein und regelmäßig Feedback zu Studienleistungen geben. So stellt sich der Wissenschaftsrat die „moderne Version der Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden” vor. Das klingt zu schön, um wahr zu werden. Oder nicht? Mit der vielberufenen Einheit von Forschung und Lehre in Einsamkeit und Freiheit, die den Weltruf deutscher Universitäten im 19. Jahrhundert begründen half, ist es heute nicht mehr weit her: Wer viel forscht, ist ein Held. Wer viel lehrt, gilt als nützlicher Idiot. Aus dem pädagogischen Eros von einst ist längst ein pädagogischer Porno geworden: schnell, schmutzig und auf Dauer nicht richtig befriedigend. Das alles wäre kein großes Problem, wenn es nur um die Befindlichkeiten einer kleinen Gruppe von Bildungsprivilegierten ginge, die der verlorenen Romantik des Studentenlebens nachtrauern und irgendwann sowieso in Papas Firma eintreten. Die Wirklichkeit sieht anders aus: Nach Prognosen der Kultusministerkonferenz soll die Zahl der Studierenden von heute rund zwei Millionen innerhalb der nächsten vier Jahre auf bis zu 2,7 Millionen ansteigen. Geht es da an, dass wir uns mehr über die Qualität der Tierhaltung in Legebatterien aufregen als über die Qualität der Ausbildung an unseren Massenuniversitäten? Auch die OECD hat in ihrem aktuellen Bildungsbericht – wieder einmal – deutliche Defizite bei der Ausbildung von Hochqualifizierten in Deutschland ausgemacht: Im Land der Dichter und Denker liegt nicht nur der Anteil der Uni-Absolventen an der Gesamtbevölkerung unter dem OECD-Durchschnitt. Anders als in den meisten OECD-Staaten sind die Bildungsausgaben in Deutschland nicht nur langsamer gewachsen als die öffentlichen Ausgaben insgesamt – im Verhältnis zum gestiegenen Bruttoinlandsprodukt investiert Deutschland sogar weniger in die Bildung als noch vor ein paar Jahren. Mit anderen Worten: Für eine Bildungsexpansion stehen hierzulande bislang weder die nötigen privaten noch öffentlichen Mittel zur Verfügung. Jede Gesellschaft hat die Universitäten, die sie verdient, und die Eliten, die aus ihnen hervorgehen. Deutschland ist das Land der Ochsentouren und Zünfte. In der nivellierten Konsensgesellschaft zählt nicht Originalität, sondern die staatlich geprüfte Fachidiotie von Funktionseliten. Das Ergebnis: Staat und Verwaltung sind fest in der Hand von Juristen, und in deutschen Vorstandsetagen regiert oft das ganz kleine Karo. Wer die aktuelle Finanzkrise allein als Resultat ominöser Marktkräfte oder kapitalistischer Systemfehler abtut, macht es sich dementsprechend zu einfach. Der Bankenkollaps ist auch die ruinöse Hinterlassenschaft schlecht erzogener Finanzflegel und Bilanzkrüppel, deren gesellschaftlicher Verantwortungshorizont mit dem eigenen Bonus endet. Man kann die Unternehmen an einer Hand abzählen, in denen ein Mann (geschweige denn eine Frau) im Vorstand sitzt, der oder die über den engen Tellerrand der nächsten Jahresbilanz hinausschauen kann und sich ein paar eigene Gedanken über die sozialen und kulturellen Folgen des eigenen Handelns macht. Es wäre gerade in diesen Wochen äußerst spannend, die Politik beim Wort zu nehmen und zu fragen: Was für Universitäten brauchen wir denn, um die von der Kanzlerin ausgerufene „Bildungsrepublik Deutschland” zu gründen? Und sagen wir es ruhig in der Sprache der Politiker, reden wir über „Standort”, „Wissensgesellschaft” und „Ideenexport”. Denn seit Wilhelm von Humboldt seine Vorstellung von der Einsamkeit und Freiheit der Wissenschaft propagierte, hat es im „Land der Ideen” keinen erfolgreicheren Exportschlager gegeben als die moderne deutsche Forschungsuniversität. Nicht umsonst wird noch heute an amerikanischen Spitzenuniversitäten das Konzept der Humboldtian research university hochgehalten, das im 19. Jahrhundert von Deutschland aus in die Welt exportiert wurde. Das „deutsche Harvard”, das unsere Bildungspolitiker mit dem Eifer von Gebetsmühlen herbeisehnen, ist also ein sehr weißer Schimmel. Die moderne Forschungsuniversität ist ein Kind der deutschen Romantik. Deutsch war diese romantische Universität nicht zuerst in irgendeinem nationalistischen Sinn, sondern indem sie sich – im Gegensatz etwa zu den französischen Grandes Écoles – Bildung als Selbstzweck und die Verwirklichung des freien Individuums auf die Fahnen schrieb. So verkündete Schleiermacher 1808 in seinen „Gelegentlichen Gedanken über Universitäten in deutschem Sinne”, dass auf der Universität „nicht das Gedächtnis angefüllt, auch nicht bloß der Verstand soll bereichert werden, sondern dass ein ganz neues Leben, dass ein höherer, der wahrhaft wissenschaftliche Geist” erregt werden solle. Auf den unmittelbaren Nutzen kam es nicht an, und niemand dachte im Ernst an ein „berufsqualifizierendes Studium”. Trotzdem, glaubte Schleiermacher, würden gut ausgebildete Wissenschaftler auch gute Staatsdiener und kompetente Beamte abgeben. Doch die Einübung in die Kunst des Denkens – eine später dann auch im Wirtschaftsleben oder im Staatsdienst nicht unnütze Fähigkeit – bedarf kundiger Anleitung. Entsprechend wichtig war den Gründern der neuen Universität die Lehre. Fichte, der erste Rektor der Berliner Universität, sah seine Anstalt gar als eine „Kunstschule des wissenschaftlichen Verstandesgebrauchs” und den Gelehrten als wissenschaftlichen Künstler. Im Examen sollte nicht allein Wissen abgefragt werden, sondern „ob und in wie weit der Lehrling jenes zu seinem Eigentume und zu seinem Werkzeuge für allerlei Gebrauch bekommen habe”. Die Universität ist eine Denkschule, keine Examensmühle, so lautete das romantische Rezept für die Ausbildung der preußischen Verwaltungselite. Ein erstaunlich aktuelles Rezept, blickt man heute auf anglo-amerikanische Hochschulen. Dort nämlich absolvieren die meisten Studierenden erst einmal ein geisteswissenschaftliches Studium generale, bevor sie sich für Jurisprudenz oder Medizin einschreiben können oder direkt in die Wirtschaft gehen. Entsprechend hoch ist der Stellenwert der Lehre, und renommierte Universitäten wie Harvard haben schon vor Jahren durch besondere College Professorships einen zusätzlichen Distinktionsanreiz für hervorragende Universitätslehrer geschaffen. Auch auf dem Arbeitsmarkt geht die Gleichung auf. Englische und amerikanische Unternehmen wissen, was sie an jungen Leuten haben, die ihren Kopf im Dialog mit engagierten Lehrern an altgriechischen Texten oder physikalischen Problemen geschult haben. Ein anspruchsvolles Philosophieseminar kann es in dieser Hinsicht mit einer Vorlesung über Maschinenbau oder Wirtschaftsinformatik durchaus aufnehmen, und wer die komplexe Struktur homerischer Epen verstanden hat, wird sich auch in den chinesischen Handelsmarkt einarbeiten können. Die Londoner Finanzwelt beschäftigt zahlreiche hochbezahlte Geistesarbeiter, die in Oxford oder Cambridge ihre Meisterprüfung in klassischer Philologie, Geschichte oder englischer Literatur bestanden haben. Das führt zu der absurden Situation, dass ein Weltunternehmen wie BMW in seiner englischen Fabrik gerne Oxford-Absolventen aller Fachrichtungen beschä;ftigt, vergleichbaren Bewerbern in Deutschland aber die Tür weist, wenn sie nicht ein BWL-Zusatzstudium vorweisen können. Das habe, heißt es dazu aus der Konzernzentrale in München lau, eben mit der unterschiedlichen Tradition in Deutschland und England zu tun. Mit einem Wort: Den in England Ausgebildeten traut das Unternehmen selbständiges Lernen zu, den Absolventen einer deutschen Universität offensichtlich nicht. Mit der Krise der alten Finanzwelt ist die Zeit gekommen, da die Erben Humboldts, Schleiermachers, Fichtes die Autobauer Lügen strafen könnten. Schon geht das böse Gerücht um, dass am Frankfurter Hauptbahnhof nicht nur gut ausgebildete Soziologen, sondern die ersten Account-Manager großer Banken am Taxistand auf Kunden warten. Es wäre eine typisch deutsche Lösung: Gleichheit auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Aus England meldet derweil die BBC, dass der Andrang auf Lehrstellen um 34 Prozent gestiegen ist. Der Grund: Zahlreiche ehemalige Banker aus Londons City wollen in den Lehrberuf wechseln. Dass der Markt sich auf ausgerechnet diese Art und Weise selbst reguliert – man hatte es nie zu hoffen gewagt. Uns Deutschen sollte das zu denken geben. Am 22. Oktober gibt es den Bildungsgipfel von Bund und Ländern in Dresden. Bildung, Forschung, Lehre – das war noch nie so wichtig wie in diesen unglaublichen Tagen und Stunden. Malte Herwig , 36, ist Mitglied im Think Tank 30 des Club Of Rome. Er lebt als freier Autor in Hamburg. Den Börsencrash haben schlecht erzogene Finanzflegel angerichtet. Bildung war noch nie so wichtig wie in diesen Tagen und Stunden. SZ 13.10.2008 Madam Ho winkt ab. Jahrelang profitierte die Schifffahrt von der Globalisierung – jetzt trifft sie die Krise umso schwerer. Meite Thiede Wirtschaft Bericht China Seite 21 kA Madam Ho winkt ab. Jahrelang profitierte die Schifffahrt von der Globalisierung – jetzt trifft sie die Krise umso schwerer. Von Meite Thiede. Hamburg – Wenn exklusives Publikum sich in Hamburg zum Feiern trifft, gehört Bertram Rickmers auf die Gästeliste. Doch vor wenigen Wochen wagte der ebenso gesellige wie konservative Reeder eine düstere Prognose: „The party ist over”, sagte Rickmers dem Branchendienst Lloyd’s List. Die Finanzkrise hat die erfolgsverwöhnte Containerschifffahrt mit voller Wucht erfasst; ab jetzt geht es steil abwärts, meinte der Reeder mit dem traditionsreichen Namen. Und Rickmers ist nicht der einzige, der einen schweren Sturm erwartet. Als Singapurs Regierungschef Lee Hsien Loong am Freitag von den „dunklen Wolken am Horizont” sprach, machte sich im fernen Osten Panik breit. Der Vorzeigestaat Singapur, das reichste Land Asiens, das größte Container-Drehkreuz der Welt, befindet sich nach zwei Quartalen mit schrumpfenden Wirtschaftszahlen jetzt in der Rezession. Zuschlag fällt ins Wasser Auch „Madam Ho”, die mächtige Gattin des Regierungschefs und Herrscherin über den Staatsfonds Temasek, sah am Freitag die Zeit für gekommen, das Geld zusammenzuhalten. Das Angebot für Hapag-Lloyd sei hinfällig, ließ sie die Reederei NOL, die zu Temasek gehört, verkünden. Man werde alle Energie brauchen, um einigermaßen durch die Schifffahrtskrise zu kommen. Wer will sich schon ohne Not mitten in der Krise eine Reederei zulegen? Jahrelang gehörte die Containerschifffahrt zu den Globalisierungsgewinnern: Ihr Wachstum lag stets deutlich über dem ohnehin üppigen Welthandelswachstum. Vor allem auf der „Rennstrecke” zwischen Asien und Europa, wo die größten Pötte mit bis zu 11 000 Containern eingesetzt werden, konnten die Reeder sich über zweistellige Zuwachsraten und satte Gewinne freuen. Schließlich finden die Güter, die in Asien billig produziert werden, ihre Abnehmer vor allem in Europa. Doch die schwächelnde Wirtschaft hat die Händler in Europa vorsichtig werden lassen. Sie bestellen nur noch zögerlich und eher knapp, denn sie erwarten ein mageres Weihnachtsfest. Seit Jahresbeginn schrumpfen deshalb schon die Wachstumsraten im Handel von Asien nach Europa, im Juni gab es das erste Minus. Und der „Weihnachtszuschlag”, den die Reeder im Sommer dank hoher Nachfrage normalerweise kassieren können, fiel diesmal aus. Damit die Schiffe überhaupt noch voll werden, haben die Reeder stattdessen die Frachtraten dramatisch senken müssen. Den eigenen Druck auf die Raten geben die großen Linienreedereien schon seit Monaten an die Charterer weiter. So ist der für die Charterraten einschlägige Howe-Robinson-Index, der Anfang 2008 noch bei 1400 Punkten lag, bis Anfang Oktober auf 961 Punkte abgestürzt. Inzwischen mache kaum noch eine Reederei Gewinne, meinte NOL-Chef Ronald Widdows. Und die Börse sieht das auch so: Der Aktienwert der größten Containerreederei der Welt, der norwegischen Maersk, hat sich binnen kurzem halbiert. „Die Banken werfen uns das Geld nicht mehr hinterher”, stellte Bertram Rickmers fest. Experten rechnen damit, dass das Schiffskreditvolumen in diesem Jahr auf ein Drittel von 2007 zurückfallen wird. Kredite gibt es nur noch für Schiffe, die langfristig und fest verchartert sind. Nur: Wer kann derzeit schon solche traumhaften Verträge vorweisen? Völlig zum Erliegen ist auch das Geschäft mit den Schiffsbeteiligungen gekommen, über die ein Drittel der Welt-Containerflotte finanziert ist. Anfang Oktober hat der Marktführer MPC Capital wegen der Schwierigkeiten, Schiffsfonds zu platzieren, eine Gewinnwarnung gegeben; die Dividende 2008 fällt aus. HCI Capital folgte dem Beispiel, das Unternehmen rechnet jetzt mit einem Verlust. Die Reedereien stecken in einem Dilemma. Zur Zeit des Booms und angesichts rosiger Prognosen haben sie die Werften reichlich mit Aufträgen eingedeckt. Auf Jahre hinaus sind keine Bauplätze mehr zu bekommen. Das heißt, der Druck wird noch steigen, denn die Welt-Containerflotte wird in den nächsten Jahren jährlich um mehr als zehn Prozent wachsen – sofern all das gebaut wird, was bestellt ist. In der Branche ist bereits von den ersten Stornierungen die Rede, und in China sollen die ersten Werften Beschäftigungsprobleme haben. Lindenau am Ende. Mit der Kieler Lindenau-Werft hat es vor wenigen Wochen die erste deutsche Werft getroffen. Der Betrieb ist pleite, nachdem die Bank eine Zwischenfinanzierung hat platzen lassen. Jetzt geht auch an der deutschen Küste die Sorge um: Wen trifft es als nächsten? Auch die deutschen Schiffbauer haben zwar gut gefüllte Auftragsbücher, aber die Finanzierungsregeln sind hart: Abgesehen von einer Anzahlung von 20 Prozent fließt erst bei Ablieferung Geld. Die meist mittelständischen Firmen müssen die Aufträge vorfinanzieren. Es geht dabei schnell um dreistellige Millionenbeträge; ein größeres Kreuzfahrtschiff zum Beispiel kostet um die 500 Millionen Euro. „Die Banken wittern jetzt mehr Risiken, und die Lage scheint sich noch zu verschlimmern”, befürchtet Werner Lundt, Hauptgeschäftsführer vom Branchenverband VSM. Er rechnet nicht mit weiteren Schieflagen – solange der Auftragsbestand noch so gut sei. Doch auch er kennt die Faustregel: Kritisch wird es für eine Werft, wenn das letzte Schiff im Auftragsbuch finanziert werden soll. Und der Zeitpunkt wird kommen, wenn die Auftragsflaute anhält. Der Vorzeigestaat Singapur, das reichste Land Asiens und das größte Container-Drehkreuz der Welt, befindet sich nach zwei Quartalen mit schrumpfenden Wirtschaftszahlen in der Rezession. Die Aufnahme zeigt den Containerhafen vor der Skyline des Geschäftsviertels. SZ 13.10.2008 „Für Gesichtskosmetik und Rituale ist jetzt nicht die Zeit”. Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser über die Auswirkungen des Börsenbebens, die Lohnverhandlungen mit der IG Metall und die Zukunft der Tarifpolitik. Detlef Esslinger; Sibylle Haas Wirtschaft Interview BRD Seite 20 kA „Für Gesichtskosmetik und Rituale ist jetzt nicht die Zeit”. Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser über die Auswirkungen des Börsenbebens, die Lohnverhandlungen mit der IG Metall und die Zukunft der Tarifpolitik. Der Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, Martin Kannegiesser, 66, hat Maßhalten in den Tarifverhandlungen gefordert. Auch in der Metall- und Elektroindustrie sei die Finanzkrise bereits spürbar, indem Kredite schwieriger und teurer würden. Einen Dammbruch erwarte er aber nicht, sagte Kannegiesser. SZ: Die niedersächsischen und nordrhein-westfälischen Arbeitgeber haben wegen der Finanzkrise vorgeschlagen, die Tarifrunde bis Januar auszusetzen. Was versprechen Sie sich davon? Kannegiesser: Wir steuern auf eine Nebelwand zu, niemand weiß, wie dramatisch die Kombination aus Abschwung und Finanzkrise sein wird. Hinter dem Vorstoß steht also die Hoffnung, dass die Sicht in zwei bis drei Monaten klarer sein wird. Diese Empfindung ist sicherlich nicht abwegig. SZ: Es ist also ein Vorschlag, hinter dem die Arbeitgeber insgesamt stehen? Kannegiesser: Nein, und es könnte sein, dass dieser Weg Unsicherheiten noch verstärkt. Niemand kann im Augenblick sagen, wann der Nebel weg ist und unter welchen Bedingungen wir danach verhandeln würden. SZ: Also Augen auf und durch? Kannegiesser: Die IG Metall sagt: Weihnachten muss ein Ergebnis unterm Baum liegen. Wir sagen: aber nicht um den Preis, dass Belastungen durchgedrückt werden, die der veränderten Lage nicht gerecht werden. SZ: IG-Metall-Chef Berthold Huber hat bereits Kompromissbereitschaft signalisiert. Er beharrt zwar auf den geforderten acht Prozent, schlägt aber nun vor, der Tarifvertrag solle im Gegenzug nicht zwölf, sondern mindestens 20 Monate laufen. Kann das eine Lösung sein? Kannegiesser: Eine Lösungsformel für diese Tarifrunde wird vermutlich aus mehreren Elementen bestehen, dazu gehört sicher auch die Laufzeit. Allerdings kommt es auf das Gesamtpaket an. SZ: Wie könnte das aussehen? Kannegiesser: Es muss eine Kombination aus Einmalzahlung sowie prozentualer Lohnerhöhung sein. Die acht Prozent sind Illusion. Es ist zwar verständlich, wenn die Beschäftigten über die Teuerung klagen. Aber wir sagen ihnen: Wenn durch höhere Öl- und Gaspreise Kaufkraft ins Ausland abwandert, könnt ihr euch das nicht alles über eure Betriebe zurückholen. Bedauerlich, ist aber leider so. Die Unternehmen leiden unter den gestiegenen Preisen ja ebenso. Wir werden bald ein Angebot machen. SZ: Ihrer Branche geht es weiterhin gut, anders als der Finanzbranche. Warum sträuben Sie sich so sehr gegen die Forderung der Gewerkschaft? Kannegiesser: Die Finanzbranche kann nun wirklich kein Maßstab sein. Dort ist eine Krise ausgebrochen wie seit 50 oder 80 Jahren nicht mehr. Die Metall- und Elektro-Industrie hingegen hat sich nun drei, vier Jahre lang gut entwickelt. In dem relativ kurzen Aufschwung haben sich die Betriebe vorbildlich verhalten. Sie haben die Investitionen in Deutschland ausgeweitet. Sie haben in den vergangenen zwei Jahren 250 000 Arbeitsplätze geschaffen. Zudem haben wir in jeder Tarifrunde die Löhne erhöht, und zwar meist um das Zwei- bis Dreifache des Bundesdurchschnitts. Und wir haben etwas gemacht, was uns dringend nahe gelegt worden war: Eigenkapital erhöht. Wir haben zwar noch nicht das internationale Niveau erreicht, aber wir kommen nun finanziell stärker und stabiler in den Abschwung hinein als vergangenes Mal. SZ: Sie haben also einen großen Teil Ihrer Gewinne genutzt, um mehr Eigenkapital zu bilden? Kannegiesser: Unsere Branche lebt zu 80 Prozent von Investitionsgütern . . . SZ: . . . also von Firmenkunden, und nicht von Endverbrauchern . . . Kannegiesser: . . . sowie zu 70 Prozent vom Export. Das heißt zum einen, dass wir einen großen Teil unserer Aufträge nur bekommen, wenn wir den Kunden eine Kreditfinanzierung organisieren können. Wenn wir aber als Hersteller mit den Banken ein Kreditpaket schnüren, heißt dies, dass wir mit für diesen Kredit haften müssen. Darüber hinaus brauchen wir genügend Mittel, um die Zeit zwischen Lieferung und Bezahlung zu überbrücken. Bei Auslandskunden müssen Sie zwei- bis dreimal solange auf Ihr Geld warten wie bei inländischen. SZ: Spüren Sie die Finanzkrise schon? Kannegiesser: Kredite werden schwieriger und teurer. Zugleich wollen immer mehr Kunden nur noch kaufen, wenn wir ihnen auch den Kredit besorgen können. Ich komme gerade aus Frankreich zurück, da habe ich dies selbst erlebt. Das gab es in Frankreich bisher nie. Und das gesamte Russland-Geschäft läuft ohnehin nur so. Ich erwarte durch die Finanzkrise aber keinen Dammbruch. SZ: Warum? Kannegiesser: Weil das eine Katastrophe wäre. SZ: Trotzdem kann die kommen. Kannegiesser: Ich als Unternehmer werde mein Investitionsverhalten so fortsetzen wie bisher. Das geht aber nur, weil ich unser Eigenkapital gestärkt habe. Ich kann als Unternehmer auf fremde Einflüsse nur mit den Mitteln reagieren, die mir in die Hand gegeben sind. Deshalb ist der Vergleich der IG Metall so falsch, der die Kosten einer Lohnerhöhung zur Hilfe des Bundes für die Hypo Real Estate in Bezug gesetzt hat. Beides hat nichts miteinander zu tun. SZ: Huber drückt das allgemeine Empfinden von Menschen aus, die glauben, sie müssten in der Tarifrunde für eine Krise büßen, für die sie nichts können. Kannegiesser: Mir geht es nicht anders. Wir Unternehmer büßen dafür genauso, aber ich muss darauf reagieren. Wenn also mein Absatz zurückgeht, zum Beispiel weil Kredite schwieriger werden, dann bleibt mir kurzfristig keine andere Möglichkeit, als die Kosten zu senken. Und der größte Kostenblock sind nun mal die Personalkosten. SZ: Aber die Forderung der IG Metall steht. Kannegiesser: Natürlich. Ein Teil unserer Arbeitnehmer ist mit Erwartungen in die Tarifrunde gegangen, die noch aus dem Frühjahr stammen. Diese Erwartung muss neu justiert werden. Oder es kommt zum Abbau von Arbeitsplätzen. SZ: Sie drohen? Kannegiesser: Das sind zwangsläufige Zusammenhänge, und keine Drohgebärden. Unser Ziel ist es aber, die 250 000 neu geschaffenen Arbeitsplätze über das konjunkturelle Tal zu bringen. Denn angesichts des Fachkräftemangels werden wir in den kommenden Jahren über jeden qualifizierten Mitarbeiter froh sein. SZ: Da die IG Metall mehr fordert als 2007, muss sie auch mehr erzielen, wenn deren Vertreter ihr Gesicht wahren wollen. Kannegiesser: Was heißt hier Gesicht wahren? Wir erleben derzeit alle eine Phase, in der es um Kopf und Kragen gehen kann. Wenn sich die Bedingungen ändern, muss sich ein Unternehmen anpassen; nichts anderes gilt für Tarifparteien. Für Gesichtskosmetik und Rituale ist jetzt nicht die Zeit. SZ: Haben Sie darüber mal mit der IG Metall gesprochen? Kannegiesser: Wir reden seit längerem über Straffung und Versachlichung. Das Instrument Arbeitskampf taugt überhaupt nicht mehr. Jeder Streik hat das Ziel, dem Betrieb Schaden zuzufügen. SZ: Das war nie anders. Kannegiesser: Aber wer ist denn der Betrieb? Eigentümer, Management und Belegschaften. Die alle müssen es ausbaden, wenn Kunden verloren gehen. SZ : Ein anderes Druckmittel haben die Gewerkschaften aber nicht. Kannegiesser: Doch. Wir könnten vereinbaren, die Verhandlungen einem Schlichter zu überlassen, falls wir uns bis zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht einigen. Das wäre ein starkes Druckmittel. Welche Organisation will schon ihre Kern-Aufgabe aus der Hand geben? SZ: Dieser Druck bestünde aber nur, wenn der Schlichterspruch für beide Seiten bindend wäre. Das ist in der Regel aber anders. Kannegiesser: Es ließe sich eine Kaskade einbauen: Falls eine Seite den ersten Schiedsspruch nicht akzeptiert, müssen beide Seiten erneut innerhalb einer Frist eine Lösung suchen. Gelingt auch dies nicht, würde ein zweiter Schiedsspruch verbindlich. Dies ließe allen genügend Spielraum. In der laufenden Tarifrunde wird es jedoch nicht möglich sein, diesen neuen Weg zu beschreiten. Interview: Detlef Esslinger, Sibylle Haas Martin Kannegiesser, selbst als Unternehmer mit einer Firma der Wäschereitechnik tätig, fordert die Versachlichung von Tarifverhandlungen. SZ 13.10.2008 Der Kampf gegen die Krise: Wer künftig über die Banken wachen soll – und wie die Löhne sich entwickeln. Gesucht wird: eine Weltfinanzpolizei. Der Internationale Währungsfonds kämpfte lange um eine neue Aufgabe, nun hat er diese gefunden – doch noch fehlt der Behörde in Washington die Macht. Nikolaus Piper Wirtschaft Bericht global Seite 20 kA Der Kampf gegen die Krise: Wer künftig über die Banken wachen soll – und wie die Löhne sich entwickeln. Gesucht wird: eine Weltfinanzpolizei. Der Internationale Währungsfonds kämpfte lange um eine neue Aufgabe, nun hat er diese gefunden – doch noch fehlt der Behörde in Washington die Macht. Von Nikolaus Piper. Washington – Der Mann hatte Nerven. Michel Camdessus, ein pensionierter französischer Banker, reiste am Wochenende nach Washington, um dort öffentlich zu erklären, dass die größte Finanzkrise seit 8o Jahren auch „verborgene Chancen” biete. Dann nämlich, wenn sie zu tiefgreifenden Reformen führe. Notwendig sei vor allem, dass die Regierungen Internationalen Währungsfonds (IWF) wesentlich mehr Macht geben. Der Fonds solle nicht nur beratende, sondern auch „exekutive” Funktionen bekommen, er solle also wie eine Behörde entscheiden können, ohne immer die Mitglieder fragen zu müssen. Im Kern geht es Camdessus darum, aus dem IWF eine Mischung aus Weltzentralbank und Weltfinanzmarktaufsicht zu machen, eine Organisation, die tief in die nationalen Belange der Staaten eingreifen kann. Nun ist Michel Camdessus nicht irgendein Banker. Der heute 75-jährige war von 1984 bis 2000 selbst Direktor des IWF und ist Ehrenpräsident der Bank von Frankreich. Es ist undenkbar, dass er über seine Gedanken nicht vorher mit seinem Landsmann, dem jetzigen IWF-Direktor Dominique Strauss-Kahn, und dem französischen Präsidenten Nicholas Sarkozy gesprochen hat. So weit wie Camdessus werden vermutlich nur wenige Politiker in Europa oder Amerika gehen. Die Abtretung von Aufgaben an eine demokratisch nicht legitimierte Organisation ist immer problematisch. Deshalb waren alle Bundesregierungen skeptisch, wenn es um neue Befugnisse für den Fonds ging, von den Amerikanern ganz zu schweigen. Viele konservative Republikaner würden die Organisation am liebsten abschaffen. Eine Kommission des amerikanischen Kongresses unter Leitung des Ökonomen Allan Meltzer forderte vor zehn Jahren eine radikale Schrumpfkur für den IWF. Doch all das war vor dem Zusammenbruch der Wall Street. Jetzt sind sich Europäer wie Amerikaner darin einig, dass „wir eine systemische Krise haben, die eine systemische Lösung braucht”, wie es der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, am Rande der Jahrestagung des IWF in Washington formulierte. Konkreter: Globale Lösungen brauchen globale Institutionen, und die einzige derartige Institution, die es derzeit gibt, ist der IWF. Das Mindeste, was zu erwarten ist, dass der Fonds neue Aufgaben bei der Finanzmarktaufsicht übernimmt. Einen ersten Schritt sind die 185 Mitglieder des IWF am Wochenende gegangen: Sie beauftragten den Fonds, die „Führung” bei der Diskussion um die Reform des Finanzsystems zu übernehmen. Es wäre nicht das erste Mal, dass der IWF sich neu erfinden muss. Ins Leben gerufen hatten ihn der britische Ökonom John Maynard Keynes und der Staatssekretär im US-Finanzministerium, Harry White, mitten im Zweiten Weltkrieg. Der Fonds sollte Ländern mit Problemen in ihrer Zahlungsbilanz Not-Kredite gewähren und so verhindern, dass sie zu Protektionismus und Kampfabwertungen wie in der Weltwirtschaftskrise greifen. Der Fonds wurde im Juli 1944 auf einer Konferenz in Bretton Woods im US-Bundesstaat New Hampshire gegründet. Die Aufgabe des IWF bestand in den ersten beiden Jahrzehnten im wesentlichen darin, ein System fester Wechselkurse zu verwalten und die Öffnung der Weltmärkte als eine Art Rückversicherung zu begleiten. Die Schwesterorganisation des IWF, die Weltbank, trug zur Finanzierung des Wiederaufbaus in Europa bei. Als das System von Bretton Woods 1971 zusammenbrach, änderte sich die Rolle des IWF. Der Fonds kümmerte sich mehr um die Entwicklungsländer und deren Finanzierungsprobleme. Er half nicht nur mit Notkrediten aus, sondern versuchte auch, durch strenge Auflagen in der Dritten Welt eine solide Finanzpolitik zu erzwingen, mit oft zweifelhaftem Erfolg. Immer mehr wuchs der Fonds so in die Rolle des Buhmanns von Gewerkschaften, linken Parteien und Dritte-Welt-Gruppen hinein. Die letzte Rollenveränderung kam im Zuge der Finanzmarkt-Globalisierung zu Beginn dieses Jahrtausends. Weil es für viele Schwellenländer einfacher wurde, an Geld zu kommen, drohte der IWF irrelevant zu werden. Argentinien und Brasilien zahlten ihre Schulden beim Fonds zurück. Um nicht bedeutungslos zu werden, verordnete sich der IWF eine Reform, vorangetrieben vor allem vom derzeitigen Direktor Strauss-Kahn: Die Bedeutung der Notkredite soll zurückgehen, dafür soll der IWF wichtiger werden als Berater und Überwacher der Währungspolitik seiner Mitgliedstaaten. Jetzt sieht noch einmal alles ganz anders aus. Niemand spricht mehr davon, der IWF könne irrelevant werden. Plötzlich sind sogar die Vereinigten Staaten auf die multilaterale Institution angewiesen. Zwar werden die USA nicht, wie früher Entwicklungsländer, um IWF-Kredite bitten. Aber sie werden die moralische Autorität des Fonds nutzen. „Es ist im Interesse der USA, jemand drittes an ihrer Seite zu haben, der Ideen für den Ausweg aus der Krise liefert,” sagt der Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff, der früher einmal Chefökonom des IWF war. Auch Bundespräsident Horst Köhler, einst Chef des IWF, würde dem Fonds gerne mehr Einfluss geben. Er plädierte im Spiegel für ein „Bretton Woods II” - eine Konferenz mit dem Ziel, einen „internationalen Ordnungsrahmen für die globale Ökonomie” zu schaffen. „Ich würde mir wünschen, dass die Regierungen ein paar Weise auswählen, Männer und Frauen, wie damals unter anderemden Ökonomen John Maynard Keynes, die sich den Kopf darüber zerbrechen, wie wir der globalisierten Welt Regeln geben.” „Ein paar Weise sollten sich den Kopf darüber zerbrechen, wie wir der globalisierten Welt Regeln geben.” Ist dies die Heimat einer künftigen Weltmacht? Die Zentrale des Internationalen Währungsfonds in Washington. Dort fand am Wochenende die Herbsttagung des Fonds statt. SZ 13.10.2008 Führungsspitzen. Probier’s mal mit Gemütlichkeit. Die Panik an den Börsen erfasst auch die Firmen – nie war es wichtiger, Ruhe zu bewahren. Harald Freiberger Wirtschaft Kommentar global Seite 17 kA Führungsspitzen. Probier’s mal mit Gemütlichkeit. Die Panik an den Börsen erfasst auch die Firmen – nie war es wichtiger, Ruhe zu bewahren. Von Harald Freiberger. Es gibt eine alte Weisheit: Was sich heute an der Börse abspielt, kommt in einem halben Jahr in der Realwirtschaft an. Realwirtschaft ist übrigens ein schönes Wort, es zeigt, wie irreal die Welt der Börsen und Banken sein muss. Auf jeden Fall ist die Lage derzeit ziemlich bedrohlich. Die Menschen an den Börsen drehen komplett durch. Am vergangenen Freitag fielen die Kurse an der Wall Street in den ersten sechs Handelsminuten um acht Prozent; wenige Minuten später hatten sie diesen Verlust wieder wettgemacht. In normalen Zeiten braucht es Wochen oder Monate für solche Kursbewegungen. Es ist ein Irrsinn, und niemand scheint ihm entfliehen zu können. Das Beängstigende ist, dass sich die Panik mehr und mehr auch im realen Leben breit macht, also in den Unternehmen. Die ersten Vorboten gibt es bereits. Der Softwarekonzern SAP leitete in der vergangenen Woche ein Sparprogramm ein, das seinesgleichen sucht. Alle Geschäftsreisen, die nicht dem Kundenkontakt dienen – gecancelt. Alle Aufträge an Dienstleister von außen – eingestellt. Alle Einstellungen – gestoppt. Alle Investitionen in Software, Hardware oder Dienstwagen – einer kritischen Prüfung unterzogen. Ein Außenstehender kann nicht wissen, wie ernst die Lage bei SAP wirklich ist. Möglicherweise ist sie so ernst, dass noch viel Schlimmeres droht, wenn die Mitarbeiter nicht von sofort an extrem sparen. Ist schon klar: Ein Unternehmen, das Verluste schreibt, muss alles tun, um diese zu verhindern. Andererseits drängt sich der Verdacht auf, dass Manager die Finanzkrise als Deckmäntelchen nutzen könnten. Wann, wenn nicht jetzt, ließen sich die Sünden der Vergangenheit vertuschen und mit der Finanzkrise begründen? Wann, wenn nicht in grausamen Zeiten wie diesen, ließen sich Grausamkeiten begehen? Es beschleicht einen das Gefühl, dass den Mitarbeitern deutscher Unternehmen da in den nächsten Wochen und Monaten einiges droht. Bevor Manager jetzt in Panik ausbrechen, sollten sie sich zurücklehnen und überlegen, welche Sparaktionen wirklich nötig sind. Sicher, die tägliche Portion Gummibärchen für die Angestellten, gestiftet von der Firma, ist verzichtbar. Vielleicht muss auch nicht jeder Dienstwagen mit Ledersitzen ausgestattet sein. Ans Eingemachte aber geht es dort, wo die Zukunft der Firma verhandelt wird. Und die Zukunft sind die Mitarbeiter, ihr Know-how und ihre Motivation. Nichts drückt so auf die Motivation wie ein unberechenbarer, intransparenter und womöglich unnötiger Sparkurs. Es gibt unzählige Firmen, die sich auf diese Weise selbst vom Markt gefegt haben. Jeder Stellenabbau hinterlässt in einem Unternehmen ein Klima der Angst, das auch nicht verfliegt, wenn es mit der Konjunktur wieder aufwärts geht. Abgesehen davon, dass Mitarbeiter, die ihrem Unternehmen nicht mehr vertrauen, ihm dann den Rücken kehren, wenn sie wieder die Möglichkeit dazu haben. Wenn nicht alles täuscht, wird sich in den nächsten Wochen und Monaten die Spreu vom Weizen trennen, das gute Management vom schlechten. Die guten Führungskräfte sind jene, die sich nicht von der allgemeinen Panik erfassen lassen und ihr Unternehmen trotz aller Turbulenzen weiter langfristig ausrichten. Immer schön dran denken: Der nächste Aufschwung kommt bestimmt. SZ 13.10.2008 Vorhang zu. In der Finanzkrise können Tarifverhandlungen absurdes Theater werden. Sibylle Haas Wirtschaft Bericht BRD Seite 17 kA Vorhang zu. In der Finanzkrise können Tarifverhandlungen absurdes Theater werden. Von Sibylle Haas. Dies ist der erste Akt. IG-Metall-Chef Berthold Huber hat am Wochenende Entgegenkommen in den Tarifverhandlungen signalisiert – und das ist richtig so. Der Gewerkschaftsboss würde eine längere Laufzeit des Tarifvertrags akzeptieren, sagt er. Dies ist ein beachtlicher Schritt so kurz nach dem Beginn dieser Tarifrunde. Es steckt sogar eine gute Portion Entgegenkommen dahinter, denn kurze Laufzeiten sind den Gewerkschaften schon immer„heilig” gewesen. Sie lassen sich ungern auf Tarifverträge ein, die länger als zwölf Monate laufen, weil sie möglichst bald wieder erneute Lohnerhöhungen erstreiten wollen. Es ist deshalb ein großer Unterschied, ob die IG Metall acht Prozent mehr Lohn für zwölf oder für zwanzig und womöglich für noch mehr Monate fordert. Die Finanzkrise macht einiges notwendig, an das unter normalen Umständen keiner denken würde. Dazu gehört auch das Einlenken der IG Metall. Doch wenn deutsche Autohersteller ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken, weil nunmehr deutlich weniger Autos bestellt werden, wenn der Softwareherseller SAP seine Mitarbeiter bittet, der Firma Urlaubstage quasi zu schenken, wenn viele andere Firmen auf die Kostenbremse treten und bei Fluggesellschaften weniger Geschäftsreise-Buchungen eingehen – dann ist die Finanzkrise in der so genannten realen Wirtschaft angekommen. Ein starres Festhalten der IG Metall an ihrem ursprünglichen Forderungspaket wäre ein Akt aus dem absurden Theater. Kaum jemand weiß derzeit, wie es mit der Wirtschaft weitergeht. Deshalb ist der Vorschlag einiger Metallarbeitgeber, die Tarifverhandlungen um einige Monate auszusetzen, so abwegig nicht. Vielleicht ist in einem viertel oder halben Jahr das Ausmaß der Krise greifbarer als heute. Vielleicht sind die Auswirkungen gar nicht so schlimm, vielleicht sind sie katastrophal. Tarifverhandlungen brauchen verlässlichere Rahmendaten, als dies momentan der Fall ist. Der letzte Akt dieses Tarifspiels sollte deshalb auf später verschoben werden. SZ 13.10.2008 Pleite-Banker feiern im Luxushotel. kA dpa Wirtschaft Meldung Belgien Seite 18 kA Pleite-Banker feiern im Luxushotel. Kurz nach der verzweifelten Rettungsaktion des belgischen Staates haben zwei angeschlagene Banken einem Zeitungsbericht zufolge teure Partys in einem Luxushotel in Monaco gefeiert. Wie die flämische Zeitung De Morgen am Wochenende berichtete, lud die franko-belgische Dexia-Bank mehr als 200 Gäste zu einem festlichen Bankett in die teuerste Herberge von Monte Carlo, das „Hotel de Paris”, ein. Am Tag darauf habe die Fortis-Bank, die ebenfalls in großen Schwierigkeiten ist, ihrerseits eine Reihe von Gästen im Drei-Sterne-Lokal des Hotels, dem Gourmet-Tempel „Louis XV”, bewirten lassen. Die Dexia-Gäste feierten den Angaben zufolge die Eröffnung der Filiale Dexia Private Banking in Monaco, die allerdings wegen der Finanzkrise für „unbestimmte Zeit” verschoben wurde. Wenige Stunden zuvor hatte Belgiens Regierungschef einen Rettungsplan für Dexia vorgestellt. „Heute haben wir einen kleinen Erfolg gehabt”, sagte eine Dexia-Managerin den Zeitungsreportern, „es geht endlich wieder besser. Zumindest vorläufig. Jetzt können wir noch feiern, morgen vielleicht nicht mehr.” Der Champagner sei in Strömen geflossen. Und spät in der Nacht hörten die Journalisten von der Terrasse den Trinkspruch: „Auf alle, die ihr Geld verloren haben!” dpa. SZ 13.10.2008 Umsteuern mit aller Macht. Fünf Antworten auf tausend offene Fragen: In Washington stemmen sich die Großen der Finanzwelt gegen den Sog der Bankenkrise. Ein globaler Aktionsplan soll die Wende bringen. Doch es bleibt die Angst vor einem neuen Absturz an den Börsen. Nikolaus Piper Die Seite Drei Reportage USA Seite 3 kA Umsteuern mit aller Macht. Fünf Antworten auf tausend offene Fragen: In Washington stemmen sich die Großen der Finanzwelt gegen den Sog der Bankenkrise. Ein globaler Aktionsplan soll die Wende bringen. Doch es bleibt die Angst vor einem neuen Absturz an den Börsen. Von Nikolaus Piper. Washington – Am Freitagabend ist die Pennsylvania Avenue schwarz. Eine unübersehbare Schlange dunkler Lincoln-Limousinen legt den Verkehr lahm, Menschentrauben blockieren die Gehwege. Männer aller Hautfarben und jedweden Alters in Nadelstreifen, dazwischen ein paar Frauen im Business-Kostüm, außerdem Chauffeure, ebenfalls schwarz, aber ohne Nadelstreifen, und, als weiße Einsprengsel, ein paar Westafrikaner in wehender Nationaltracht. Es ist der erste Abend der Weltwährungskonferenz in Washington. Gerade haben die G-7-Finanzminister und Notenbankchefs ihren Aktionsplan zur Rettung der Welt vor der Finanzkrise beschlossen. Jetzt streben alle zu den Verpflichtungen des Abends: Empfängen, Dinners, Besprechungen in diskreten Hotelzimmern. Erfahrene Washingtoner wissen, dass sie in den guten Restaurants der amerikanischen Hauptstadt an diesem Abend gar nicht erst wegen eines Platzes nachfragen müssen. Im Herzen Washingtons, dort, wo die Pennsylvania Avenue die 19. Straße kreuzt, stehen zwei wuchtige Bürokästen: rechts der Internationale Währungsfonds (IWF), links die Weltbank. Und jedes Jahr im Oktober kommen deren Hauptakteure – Politiker aus mittlerweile 185 Staaten – zu ihrer Jahresversammlung zusammen. Aber das ist nur die technische Bezeichnung. Tatsächlich ist das Ganze ein Finanzgipfel, zu dem Politiker, Banker, Entwicklungsexperten und Ökonomen aus der ganzen Welt alljährlich zu Tausenden in die amerikanische Hauptstadt strömen. Schon in normalen Zeiten übt die Atmosphäre rund um IWF und Weltbank auf Außenstehende eine eigentümliche Faszination aus. Vor 20 Jahren schickte das Magazin Geo Hans Magnus Enzensberger nach Washington, um die beiden Institutionen zu beschreiben. Er bezeichnete sie als „Nervenzentren der Weltgesellschaft” und als „Ungeheuer”, wobei der IWF das „harte Monster” und die Weltbank das „weiche” sei und deren Mitarbeiter die „Schamanen des internationalen Kapitals”. Zumindest die Sache mit den „Nervenzentren der Weltgesellschaft” stimmt an diesem Wochenende mehr, als Enzensberger sich dies 1988 hätte vorstellen können. Es ist die bei weitem größte Krise in der 64-jährigen Geschichte von IWF und Weltbank. Die Börsenkurse stürzen ab, das normale Kreditgeschäft zwischen den globalen Banken ist praktisch zum Erliegen gekommen. Die Finanzwelt steht am Rande des Abgrunds – und es war daher von vorneherein unvorstellbar, dass Banker und Finanzminister am Sonntagabend wieder nach Hause fahren würden, ohne zuvor substantielle Beschlüsse gefasst zu haben. Erste Hinweise auf das, was kommen würde, gibt es am Freitag in einem kleinen überfüllten Raum des Hotels Fairmont in Washington. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück und Bundesbankpräsident Axel Weber haben zum Pressegespräch geladen. „Ich bin davon überzeugt, dass wir mit Fall-zu-Fall-Lösungen nicht mehr weiterkommen und zu einem umfassenden Ansatz für den Sektor insgesamt kommen müssen”, sagt Steinbrück gleich zu Beginn. Jeder kann sich jetzt ausrechnen, dass auch in Deutschland die Steuerzahler für die Rettung des Finanzsystems in Haftung genommen werden. Zunächst einmal aber gehen die normalen Rituale der IWF-Jahrestagung weiter. Und in diesem Zusammenhang muss der Name von Fred Bergsten fallen. Der Ökonom ist ein alter Haudegen der internationalen Wirtschaftspolitik, er führt heute das Peterson Institute of International Economics an der Massachusetts Avenue. Jedes Jahr veranstaltet Bergsten am ersten Tag der IWF-Tagung eine wissenschaftliche Konferenz, und weil er über einigen Einfluss in Washington verfügt, bringt er immer interessante Leute in sein Institut. In diesem Jahr sitzt zum Beispiel Larry Summers auf dem Podium. Der Harvard-Ökonom war einst Finanzminister unter Bill Clinton und berät jetzt den demokratischen Präsidentschaftsbewerber Barack Obama. Scheinbar sehr theoretisch lässt sich Summers über die Ursachen der Finanzkrise aus. Da gebe es zwei Theorien, sagt er. Nach der ersten sei das ganze Desaster „made in USA”, nach der zweiten dagegen das Ergebnis „einer Periode doher Liquidität und wachsender Komplexität der Institutionen im Finanzsektor”, wobei die Krise „mehr oder weniger zufällig” in den Vereinigten Staaten ausgebrochen sei. Die Wahrheit liege vermutlich irgendwo in der Mitte. Die akademischen Reflexionen sind in Wahrheit hochpolitisch: An Summers Worten kann man ablesen, wie ein Präsident Obama mit seinen Verbündeten über die Finanzkrise reden wird. Auch er wird die Alleinschuld der Weltmacht an der Katastrophe nicht akzeptieren. Aus deutscher Sicht fast noch interessanter ist der Beitrag von Thomas Mayer. Der Chefökonom der Deutschen Bank für Europa ist ein überzeugter Marktwirtschaftler, manche würden ihn als „neoliberal” bezeichnen. Er beginnt seinen Vortrag mit einer Warnung: „Diejenigen, die mich kennen, werden sagen: Der hat sich aber schwer verändert.” Tatsächlich fordert Mayer nicht nur die Beteiligung des Staates an den Banken, sondern auch eine viel umfassendere Reaktion: Die Regierungen sollten massenhaft neue Anleihen auflegen, „um dem Markt die sicheren Anlageinstrumente zu liefern, die er verlangt”. Die Europäer sollten den Stabilitätspakt von Maastricht für eine Weile zur Seite leben. Einfacher ausgedrückt fordert Mayer ein gigantisches, schuldenfinanziertes Konjunkturprogramm. Man kann nur ahnen, wie viel Angst in den Banken herrscht, wenn einer wie er so etwas vorschlägt. Angesichts dessen sind am Freitagabend erst einmal viele enttäuscht, als die Finanzminister und Notenbankchefs der G-7-Staaten ihr Kommuniqué veröffentlichen. Manche Banker hatten bereits einen konkreten Aktionsplan erwartet, stattdessen erklären die Politiker nur, dass die Krise „dringende und außergewöhnliche Maßnahmen” erfordere, dass die Regierungen „alle verfügbaren Mittel einsetzen werden, um systemisch wichtige Finanzinstitutionen zu stützen”, und dass sie die Bankeinlagen in ihren Ländern sichern werden. Die Frage nach dem „Wie” wird nicht beantwortet. Es bedarf einiger Stunden, damit die ungeheure Wucht der Botschaft in Washington begriffen wird: Alle Industrieländer haben sich ohne Vorbehalt und ohne Einschränkungen verpflichtet, ihren Finanzsektor zu retten. Es gibt ihn, den globalen Aktionsplan, und die Details fehlen nur deshalb, weil sie von Land zu Land unterschiedlich ausfallen müssen. Die Europäer beschließen ihren Teil des Programms am Sonntagabend auf einem Gipfel in Paris. In Washington wird die neue Richtung vorgegeben, aber ein paar Dinge bleiben doch wie gehabt. Dazu gehört die Bootsfahrt der Commerzbank. Seit 40 Jahren lädt der Vorstand der Bank alles, was Rang und Namen im deutschen Finanzwesen hat, an Bord eines Schiffes namens Cherry Blossom (Kirschblüte) ein. Drei Stunden lang fährt die Gesellschaft auf dem Potomac spazieren. Aus den Gesprächen darf nicht zitiert werden, wie man überhaupt in Washington mit vielen interessanten Leuten nur vernünftig reden kann, wenn man ihnen versichert, dass ihr Name am anderen Tag nicht in der Zeitung steht. Verraten darf man aber, dass der Chef der Commerzbank, Martin Blessing, die Gäste in offenem Hemd und sehr entspannt empfängt, was in diesen Tagen allein schon beruhigend wirkt. An Bord räumt ein Banker ein, dass „die Stimmung schon sehr gedämpft ist in diesem Jahr”. Zerknirscht will sich aber auch keiner geben. „Natürlich nicht, es gibt hier ja auch niemanden, der sich persönlich schuldig fühlt”, sagt er. Tags drauf wird in Washington bekannt, dass Bundespräsident Horst Köhler von den Bankern eine Entschuldigung für die Krise verlangt. Ähnliche Töne bekommen sie am Samstag im großen Ballsaal des Renaissance Hotels zu hören. Dort tagen die Mitglieder des Instituts of International Finance. Das IIF ist die Interessenvertretung und die Denkfabrik von knapp 400 global operierenden Banken. Der Vorsitzende heißt Josef Ackermann und ist Chef der Deutschen Bank. Als Redner zum Mittagessen haben die Banker Jacob Frenkel eingeladen. Frenkel gehört zu den anerkannten alten Männern des Gewerbes. Er war früher einmal Chefökonom des IWF, später Präsident der Nationalbank von Israel und sitzt jetzt im Verwaltungsrat der zusammengebrochenen Versicherung AIG. Frenkel weist den Bankern nach, dass er schon vor zwei Jahren vorausgesagt hat, dass die Praktiken im Geldgewerbe nicht durchzuhalten sind. Jetzt sei radikale Umkehr notwendig. „Die Krise ist ein Weckruf für uns alle”, sagt Frenkel. Unter den Zuhörern findet sich auch Saruhan Özel, Chefökonom der Deniz Bank, der viertgrößten Bank der Türkei. Özel befindet sich in einer bizarren Situation. Seine Bank ist gesund, sie wurde aber vor ein paar Jahren von Dexia gekauft, der belgischen Bank, die sich mittlerweile unter die Obhut des Staates begeben musste. Er ist auch insofern Experte, als es 2001 in der Türkei eine große Bankenkrise gab. „Wir haben auf nationaler Ebene durchgemacht, was jetzt global passiert”, sagt der Ökonom. Und die Steuerzahler sollten gar nicht erst hoffen, dass sie das Geld wiedersehen, das die Politiker jetzt in die Banken steckten. Die türkische Bankenkrise habe die Öffentlichkeit seinerzeit 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts eines Jahres gekostet. Später sagt Josef Ackermann den IIF-Mitgliedern noch, dass sie nur dann einen moralischen Anspruch auf das Geld der Steuerzahler hätten, wenn sie ihre „Hausaufgaben” machen. Am Samstagabend schließlich ist allen klar, dass sich in den beiden vergangenen Tagen die Welt wirklich verändert hat. IWF-Generaldirektor Dominique Strauss-Kahn tritt mit zwei Stunden Verspätung vor die Presse und verkündet, was der Lenkungsausschuss des IWF gerade beschlossen hat: Industrie- und Entwicklungsländer stellen sich einmütig hinter den Fünf-Punkte-Plan der G 7. „Die erste Koordinierung von entwickelten Ländern und dem Rest der Welt ist jetzt auf dem Weg”, sagte er. Der IWF werde die „Führung” dabei übernehmen, eine neue und bessere Regulierung der globalen Finanzmärkte zu finden. Es ist die größte Stunde des IWF und eine der gefährlichsten der jüngeren Wirtschaftsgeschichte. Vor dieser Pressekonferenz war Strauss-Kahn mit den G-7-Finanzministern bei Präsident George W. Bush im Weißen Haus. Es ist ein eher symbolischer Akt, der aber deutlich macht, dass die Supermacht USA mit aller Kraft hinter dem Plan steht. „Wir stecken gemeinsam drin, und wir werden gemeinsam herauskommen”, sagt Bush nach dem Treffen. Später dann macht sich die Kolonne der Lincoln-Limousinen wieder auf in die Restaurants und Hotels der Hauptstadt. „Ich fühle mich heute Abend besser, als ich mich gestern Abend gefühlt habe”, sagt ein führender deutscher Banker. Es gebe ein neues „Gefühl der Solidarität”, bekennt in ungewöhnlicher Wortwahl der Vertreter einer großen amerikanischen Bank. Er hoffe nur, dass nicht doch noch der „Tsunami” folge. Der Tsunami – der würde wohl kommen,, wenn die an diesem Wochenende beschlossenen Maßnahmen nicht wirken und der Absturz der Finanzmärkte in dieser Woche unvermindert weitergeht. Es dauert ein paar Stunden, bis die Wucht der Botschaft verstanden wird. Plötzlich spüren die Manager ein „Gefühl der Solidarität”. „Wir stecken gemeinsam drin”: US-Präsident Bush zeigt sich mit den Finanzministern der G-7-Staaten im Rosengarten des Weißen Hauses. SZ 13.10.2008 Die Weltordnungskrise. kA Stefan Kornelius Meinungsseite Kommentar global Seite 4 Leitartikel Die Weltordnungskrise. Von Stefan Kornelius. Zwei Begriffe sind es, die den politischen Niederschlag aus dem Finanzchaos dieser Tage am besten beschreiben. Sie lassen ahnen, dass es bei der Kernschmelze der Finanzsysteme nicht nur um ökonomische Korrekturen geht, sondern auch um harte Geopolitik, um die Verschiebung der politischen Gewichte auf der Welt. Eine besondere Renaissance erleben also das deutsche Wörtchen Schadenfreude und die chinesischen Zeichen wei ji. Schadenfreude braucht im angelsächsischen Sprachraum keine Übersetzung. Schadenfreude herrscht über das Ende der amerikanischen Hybris, über den Niedergang der Wall Street. Der schnelle politische Abstieg der USA aus ihren hegemonialen Höhen schlägt nun auch in die Finanzpolitik durch. Einmal Imperium und zurück in sieben, acht Jahren – nicht nur in der arabischen Welt macht die Volksanalyse von der gerechten Strafe für Amerika ihre Runde. Der zweite Begriff setzt sich aus den chinesischen Schriftzeichen wei ji zusammen und bedeutet Risiko. Das ji findet sich aber auch in der Zeichenfolge für das Wort Chance. Risiko und Chance – sie liegen eng beieinander, besonders für eine aufsteigende Macht wie China, die mit fortlaufender Dauer der Finanzkrise in den Mittelpunkt der Rettungsüberlegungen rückt. China, mit seiner gelenkten Finanzwirtschaft und den überquellenden Geldtöpfen, könnte für die nötige Liquidität sorgen. Der Gletscher, der sich über die globalen Märkte legt und längst nicht nur die Finanzwirtschaft erstarren lässt – dieser Gletscher könnte unter dem Feuer des chinesischen Drachen schmelzen. Chinas interventionistische Politik muss ja nicht nur den Rohstoffmärkten gelten. Jetzt wäre die Zeit für eine breite Offensive Pekings gekommen. Während die Kurse stürzen, stemmen sich die bisherigen Großmächte des monetären Systems verzweifelt gegen ihr Schicksal. In Washington versuchen die USA, mit nationalen Paketen und über den von ihnen gesteuerten Währungsfonds Vertrauen zu erzeugen und die politische Hoheit über die wilden Märkte zurückzugewinnen. In Paris finden sich die Regierungschefs der Euro-Zone ein und lassen gar den britischen Euro-Skeptiker Gordon Brown mit am Tisch sitzen – vielleicht auch deshalb, weil es der knochentrockene Finanzdompteur Brown war, der mit seinem nationalen Verstaatlichungsvorstoß den Ton anschlug, den nun die verzweifelten Regierungen in aller Welt aufnehmen. Auf beiden Bühnen – in den USA und in Europa – hat sich aber nach Tagen der Konfusion und der nationalen Rettungspläne die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Nationalstaaten alleine den ökonomischen Zusammenbruch nicht aufhalten werden können. Wer es mit den Kräften des globalen Finanzsystems aufnehmen will, der muss auch die ordnende Kraft globalisieren. Die Euro-Länder versuchen nun, in Stunden nachzuholen, was sie jahrelang versäumt haben. Eine gemeinsame Währung ohne ein starkes, harmonisiertes politisches System ist bereits einem gewaltigen Risiko ausgesetzt. Ein gemeinsamer Währungsraum ohne einheitliche Regularien für den Finanzmarkt aber entzieht sich in der Krise – wie sich nun herausstellt – aller Kontrolle. Das scheinbar wenig koordinierte Rettungstamtam der letzten Wochen machte deutlich, dass die Kraft der nationalen Regierungen alleine nicht ausreicht. Die Märkte spürten, dass die Regierungschefs nur pfeifend durch den dunklen Wald liefen. Es verging eine wertvolle Woche, ehe die Euro-Staaten die Kraft der Gruppe entdeckten und auch die USA die Fehler in ihrem Rettungspaket eingestanden. Wenn es also der Staat nicht richten kann, dann muss es die Staatengemeinschaft tun und damit die vornehmste Pflicht des Souveräns an sich reißen: den Schutz der Bürger. Innere Sicherheit, äußere Sicherheit, Prosperität – diese Grundversprechen des Staates kann ein Land alleine nicht mehr geben. Deshalb gibt es Bündnisse, deshalb gibt es die EU und den Währungsfonds. Die Finanzkrise hat die Kraft, diesen Bündnissen zu neuer Qualität zu verhelfen. Die Zeiten der Not lassen nicht viel Platz für taktische Spielereien und nationale Gefühlsduseleien. Allein: Es wird ein Preis zu zahlen sein für all die vertanen Jahre. Das globale Steuerungssystem für Krisen aller Art hat schon zu lange Schlagseite. Der seit dem Zweiten Weltkrieg von den atlantischen Nationen geprägte Rahmen ist gesprengt, eine neue Ordnung ist nötig. Warum sollte die chinesische Nationalbank in die Krise eingreifen, wenn sie in den Gremien des Währungsfonds weniger zu sagen hat als die Beneluxstaaten? Welchen Vorbildcharakter soll die amerikanische Finanzwirtschaft haben, wenn sie niedrigste Kontrollregeln ignoriert? Die Selbstentwertung der USA entfaltet im Vakuum der Vorwahlzeit ihre ganze Dynamik. Europa, politisch bereits um eine Entkopplung bemüht, kämpft mit seinen eigenen Verstrickungen. Die Leitidee des Westens verblasst, neue Akteure halten sich in den Kulissen bereit. Die Finanzkrise wandelt sich zu einer Weltordnungskrise, davon zeugen die panischen Konferenz-Bemühungen in Washington und Paris. Schadenfreude ist da ein lächerlich kleines Gefühl. SZ 13.10.2008 Blick in die Presse. Feuer unter dem Kessel. kA Meinungsseite Zitat Frankreich Seite 4 kA Blick in die Presse. Feuer unter dem Kessel. Zum sozialen Klima in der Finanzkrise schreibt die französische Zeitung Le Monde: „Je tiefer die Börsen stürzen und je mehr Banken Konkurs anmelden, desto mehr wird die Krise die reelle Wirtschaft destabilisieren und das Feuer unter dem sozialen Kessel anzünden. In Frankreich hat die Rezession ihr Antlitz schon vor den Stürmen auf den Märkten gezeigt. Die Arbeitslosigkeit ist im August so stark angestiegen wie seit 15 Jahren nicht mehr. Die Krise droht die Armut und die Ungleichheiten zu verschärfen.“ SZ 13.10.2008 Neuer Rettungsplan der Bundesregierung. Hunderte Milliarden für die deutschen Banken. Staat springt mit Bürgschaften und direkten Finanzhilfen ein / G 7 vereinbaren Schutz wichtiger Geldhäuser. mhs; gwb; cga; klaes Politik Bericht BRD Seite 1 kA Neuer Rettungsplan der Bundesregierung. Hunderte Milliarden für die deutschen Banken. Staat springt mit Bürgschaften und direkten Finanzhilfen ein / G 7 vereinbaren Schutz wichtiger Geldhäuser. Paris/Berlin– Der Staat will die angeschlagenen deutschen Banken mit einem großen Rettungspaket stützen. Berlin werde Bürgschaften und Finanzspritzen von voraussichtlich mehreren hundert Milliarden Euro zur Verfügung stellen, hieß es in Regierungskreisen. In Paris trafen die Staats- und Regierungschefs der Eurozone zusammen. Es wurde erwartet, dass sie sich auf einen „Instrumentenkasten” einigen, über dessen Anwendung jedes Land frei entscheiden könne. Das deutsche Rettungspaket soll noch an diesem Montag im Kabinett vereinbart werden. Auch Bundestag und Bundesrat sollen es binnen Wochenfrist beschließen. Es sieht nach den Angaben drei Punkte vor. Der Bund will zum einen dafür sorgen, dass die Banken sich untereinander wieder Geld leihen. Dieser Interbankenmarkt war in den vergangenen Wochen nahezu zusammengebrochen, weil kein Kreditinstitut dem anderen mehr traut. Alle fürchten, dass sie ihr Geld nicht mehr zurückbekommen werden. Aus diesem Grund bietet die Regierung an, für die künftig gewährten Kredite als Bürge einzuspringen. Platzt eine Verbindlichkeit, würde also der Staat zahlen. Der zweite Punkt sehe eine direkte Geldspritze des Bundes an besonders unter der Finanzkrise leidende Finanzinstituten vor, hieß es. Im Gegenzug erhalte er Anteile oder Genussscheine der Banken. Schließlich wolle der Bund die Regeln lockern, nach denen die Banken Wertpapiere bilanzieren müssen, die sie derzeit nicht verkaufen können, weil es für sie wegen der Finanzkrise keinen Markt gibt. Auch die anderen europäischen Staaten wollten dieses Verfahren anwenden, das die amerikanische Finanzaufsicht bereits eingeführt hat. Der Rettungsplan der Euro-Länder soll am Mittwoch auf dem EU-Gipfel verabschiedet werden. „Es wird gemeinsame Regeln geben, aber keine gemeinsame Finanzierung”, sagte EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso. Der britische Premier Gordon Brown empfahl den Euro-Ländern am Sonntag den britischen Weg: Das Land hatte am Mittwoch acht Banken teilverstaatlicht. Auch die Finanzminister und Notenbankchefs der Industrienationen USA, Kanada, Japan, Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Italien (G 7) hatten zuvor in Washington einen Aktionsplan gegen die Krise verabschiedet. Die G 7 verpflichten sich, keine Bank pleitegehen zu lassen, die für das Finanzsystem wichtig ist. Um das Vertrauen in die Kreditinstitute wiederherzustellen, sollen die Regierungen den Banken Kapital und Liquiditätshilfen anbieten. Es gehe um Hilfe zur Selbsthilfe, sagte Bundesbankpräsident Axel Weber. Banken sollen nicht verstaatlicht werden, die Regierungen wollen sich lediglich mit Minderheiten an Instituten beteiligen, die solche Hilfe annehmen wollen. Sobald das Vertrauen unter Banken und Investoren wiederhergestellt sei, solle sich der Staat zurückziehen und die Banken sollten Hilfsleistungen zurückzahlen. Die G 7 vereinbarten zudem Garantien für Kundeneinlagen, wie sie Berlin vergangene Woche angekündigt hatte. G-7-Vertreter rechtfertigten die massiven staatlichen Eingriffe mit dramatischen Appellen. „Dies ist eine ernste globale Krise, die eine ernsthafte globale Antwort erfordert”, sagte US-Präsident Georg W. Bush. Bankenvertreter lobten den Aktionsplan. „Wir müssen erkennen, dass Märkte versagt haben, und wenn der Markt versagt, muss der Staat intervenieren”, sagte Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann in Washington. Die ersten Marktreaktionen auf den G-7-Plan waren negativ. In Israel, Ägypten und Dubai brachen die Kurse um bis zu zehn Prozent ein. mhs/gwb/cga/klaes SZ 13.10.2008 „Eine Situation wie in den USA können wir uns nicht leisten”. In schnellstem Tempo will die Bundesregierung ihren Krisenplan in den kommenden Tagen durchs Parlament steuern, um das Geld wieder zum Fließen zu bringen. Guido Bohsem; Nico Fried Themen des Tages Bericht BRD Seite 2 kA „Eine Situation wie in den USA können wir uns nicht leisten”. In schnellstem Tempo will die Bundesregierung ihren Krisenplan in den kommenden Tagen durchs Parlament steuern, um das Geld wieder zum Fließen zu bringen. Von Guido Bohsem und Nico Fried. Die Bundesregierung will dem angeschlagenen Banken- und Finanzsektor noch in dieser Woche mit einem milliardenschweren Hilfsprogramm aus der Krise helfen. Wie Unionsfraktionschef Volker Kauder am Sonntagabend im Fernsehen sagte, umfasst das Paket etwa 400 Milliarden Euro. Der Plan der Regierung baut im Wesentlichen auf drei Elemente. Sie sollen zum einen sicherstellen, dass die Banken sich untereinander wieder Geld leihen. Besonders von der Krise betroffenen Instituten bietet der Staat ferner direkte Finanzhilfen an. Schließlich sollen die Regeln gelockert werden, nach denen die Banken ihre Anlagen bewerten müssen. Noch Sonntagabend wollten Bundesfinanzministerium und Kanzleramt letzte Einzelheiten abstimmen. Auch die Spitzen der Regierungsfraktionen von Union und SPD würden an den Beratungen beteiligt, hieß es. Am heutigen Montag dann soll das Kabinett das Vorhaben beschließen. Um eine möglichst kurze parlamentarische Beratung zu gewährleisten, wird es wohl über die Fraktionen ins Parlament eingebracht. Sollte die Opposition auf eine ausführliche Beratung verzichten, könne der Bundesrat das Paket am kommenden Freitag in einer Sondersitzung beschließen, hieß es in Regierungskreisen. Falls FDP, Linke und Grüne aber etwa auf einer Anhörung bestünden, werde das Verfahren länger dauern. In der Koalition hieß es, es komme nun darauf an, dass das Parlament die Regierung bei der Bewältigung der Krise unterstütze: „Eine Situation wie in den USA können wir uns nicht leisten.” Das von der US-Regierung vorgeschlagene Hilfsprogramm von rund 700 Milliarden Dollar hatte einen Teil seiner Wirkung verfehlt, weil es in der ersten parlamentarischen Beratung durchgefallen war. Nach den Angaben beinhaltet der Plan der Koalition folgende Punkte: Liquiditätshilfen: Die Bundesregierung will den sogenannten Interbankenhandel wieder beleben, bei dem sich die Finanzinstitute kurzfristig untereinander Geld leihen. Derzeit ist das Misstrauen unter den Banken so hoch, dass sie sich gegenseitig kaum noch Mittel anvertrauen. Deshalb soll der Bund nun für die jeweiligen Kredite bürgen. Das heißt, er gibt dem Geldgeber die Sicherheit, dass er sein Kapital auf jeden Fall wiedererhält. Dazu muss der im Bundeshaushalt vorgesehene Bürgschaftsrahmen deutlich ausgeweitet werden. Die Rede ist von einem hohen zweistelligen Milliardenbetrag. Zum Vergleich: Bislang will der Bund im kommenden Jahr insgesamt etwa 288 Milliarden Euro ausgeben. Ohne Zustimmung des Parlaments ist die Kreditgarantie nicht möglich, weil der zugelassene Rahmen bei der Rettungsaktion für die Hypo Real Estate weitgehend ausgeschöpft wurde. Rekapitalisierung: Bei Bedarf will der Staat den Banken auch direkt Geld geben. Im Gegenzug stellen diese ihm Aktien oder Genussscheine zur Verfügung. Im Unterschied zu einer Verstaatlichung wird der Bund dabei aber nicht unternehmerisch tätig. Das Management bleibt weiterhin in privater Hand. Allerdings wolle die Koalition für die Geldspritzen Einfluss auf die Unternehmensführung nehmen, hieß es. So könnten beispielsweise Grenzen für Managergehälter eingezogen und die Ausschüttung von Dividenden untersagt werden. Bilanzregeln: Wegen der Finanzkrise gibt es derzeit keine Käufer für bestimmte Arten von Wertpapieren. Die Banken sind gezwungen, diese laufend neu und schlechter zu bewerten. Das gefährdet ihren Eigenkapitalbestand. Wie schon die USA will die deutsche Regierung den Banken nun erlauben, diese Wertpapiere nicht mehr zu aktuellen Marktbedingungen in die Bücher zu stellen. Stattdessen soll auf europäischer Ebene ein Verfahren eingeführt werden, das einen längerfristigen Durchschnittswert unterstellt. Finanzminister Peer Steinbrück will seinen Rettungsplan vom Kabinett beschließen lassen. SZ 13.10.2008 Europa und die Finanzkrise. kA kA Themen des Tages Meldung EU Seite 2 kA Europa und die Finanzkrise. Europa soll in der Finanzkrise mit einer Stimme sprechen. Das wünscht sich Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy. Dazu aber musste sich Sarkozy vor einem Treffen der Euro-Gruppe am Sonntag in Paris erst einmal wieder mit Kanzlerin Angela Merkel versöhnen. Dafür nutzten beide eine Begegnung an historischem Ort, im französischen Colombey-les-DeuxÉglises. Deutschland hat aber auch einen eigenen Rettungsplan für die Banken erarbeitet, der am heutigen Montag im Kabinett in Berlin zur Abstimmung steht. SZ 13.10.2008 Der Rat des Präsidenten. Horst Köhler mischt sich ein. ble Themen des Tages Meldung BRD Seite 2 kA Der Rat des Präsidenten. Horst Köhler mischt sich ein. Der Bundespräsident, so die landläufige Meinung, hat sich aus der Tagespolitik herauszuhalten. Wenn sich Horst Köhler nun in einem langen Spiegel-Interview zur allgegenwärtigen Finanzkrise äußert, zeigt dies zum einen, dass das Staatsoberhaupt die Lage für ziemlich dramatisch hält. Zum andern haben die Worte Köhlers nicht nur wegen der Autorität seines Amtes Gewicht, sondern auch weil hier ein Fachmann spricht. Köhler war Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, Präsident des Sparkassen- und Giroverbandes und vor seinem Einzug ins Schloss Bellevue vier Jahre lang Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF). Nun scheut er sich nicht, konkrete Vorschläge zur Lösung der Krise zu machen, und er fordert darüber hinaus eine neue Konjunktur für Ethos und Moral. Köhler diagnostiziert bei den Wirtschaftseliten Selbstzufriedenheit, Zynismus und einen Mangel an Selbstkritik, wobei er sich selbst nicht ausnimmt. Er hätte seine schon vor drei Jahren ausgesprochene Warnung vor den „Monstern” der internationalen Finanzmärkte energischer verfolgen sollen, räumt Köhler jetzt ein. Aber er nimmt auch für sich in Anspruch, schon früher an die Mächtigen in der Wirtschaft appelliert zu haben, die Bodenhaftung und das Gespür für Maß und Mitte nicht zu verlieren. Auf Dauer gehe es nicht gut, meint der Präsident, wenn sich das Führungspersonal vom Rest der Mitbürger entferne. In der Finanzbranche habe man geglaubt, „aus nichts Gold machen zu können”. Die Jongleure hätten sich von der Realwirtschaft verabschiedet und nur noch an die Maximierung von Renditen gedacht. „Man hat sich von der ethischen Grundlage des Wirtschaftens verabschiedet und sich aus der Mehrheitsgesellschaft ausgeklinkt.” Köhlers Lösungsvorschlag ist eine neue Weltwirtschaftsordnung nach dem Vorbild des 1944 in Bretton Woods vereinbarten Währungssystems. Neue Regeln für die globale Ökonomie müssten auch die Bekämpfung von Armut und Klimawandel einschließen. Folgerichtig hält Köhler auch Trost für die um ihre Ersparnisse bangenden Bürger bereit: In der Krise liege auch eine Chance. Menschen hätten sie angerichtet, also könnten Menschen sie auch lösen und Lehren daraus ziehen. „Ich halte die Krise für beherrschbar.” ble SZ 13.10.2008 Jusos: Zeit für Verstaatlichungen ist reif. SPD-Jugendorganisation fordert auf Kongress Überwindung des Kapitalismus – und spart praktische Fragen aus. Christiane Kohl Politik Bericht BRD Seite 6 kA Jusos: Zeit für Verstaatlichungen ist reif. SPD-Jugendorganisation fordert auf Kongress Überwindung des Kapitalismus – und spart praktische Fragen aus. Von Christiane Kohl. Weimar – Bei den Jungsozialisten soll es wieder einmal ums Ganze gehen. Nach Jahren des Pragmatismus verabschiedeten die Vertreter der SPD-Jugendorganisation bei ihrem Bundeskongress in Weimar am Wochenende ein umfangreiches Thesenpapier zur Einführung des „demokratischen Sozialismus” in Deutschland. Darin wird behauptet, „dass im kapitalistischen System ein freies und selbstbestimmtes Leben für alle Menschen nicht möglich” sei. Deshalb könne nur durch die „Überwindung des Kapitalismus” ein Zustand von Freiheit, Gleichheit und Solidarität in der Gesellschaft hergestellt werden. Rückenwind für ihre radikalen Thesen erhoffen sich die Jungsozialisten von der augenblicklichen Banken- und Finanzmarktkrise: „Die Zeit war noch nie so günstig für linke Politik”, sagte die Juso-Vorsitzende Franziska Drohsel unter dem Beifall ihrer Mitstreiter. „Der Kampf hat begonnen”, hieß es auf einer Leinwand über der Bühne. Die Jusos hatten sich in der Neuen Weimarhalle, einem Kongresszentrum im Stadtzentrum versammelt, zeitweise gesellten sich auch SPD-Prominente wie Olaf Schulz und Sigmar Gabriel hinzu. Während draußen in den Gassen Tausende Bürger auf dem traditionellen Zwiebelmarkt bunte Bastelarbeiten kauften und Thüringer Rostbratwürstchen verdrückten, war drinnen in dem holzvertäfelten Saal der Systemkampf angesagt. „Die Leute haben die Nase voll von der Alternativlosigkeit der etablierten Parteien”, wetterte eine Rednerin. Allerdings traten auch Sprecher auf, die bezweifelten, dass die Bürger sich nun ausgerechnet für den demokratischen Sozialismus interessieren: „Der Anspruch der Menschen ist doch nicht Systemwechsel”, sagte etwa ein junger Redner, „die Menschen wollen praktische Lösungen.” Indes wurde über aktuell interessierende Fragen wie auch über die praktische Umsetzung der hehren Ziele eher am Rande debattiert. So sprach sich die Vorsitzende für umfangreiche Verstaatlichungen aus, sowohl im Bereich der Banken als auch im Energiesektor. „Es kann nicht sein, dass Verluste sozialisiert werden und die Profite von Protagonisten des Zusammenbruchs privat wieder eingestrichen werden können”, sagte Drohsel. Angesichts der Finanzkrise sei es höchste Zeit, die Systemfrage zu stellen, meinte die 28-jährige Juristin und forderte: „Die Gesellschaft muss das Kontrollorgan der Finanzmärkte sein.” Wie man sich konkret einen Systemwechsel vorzustellen habe, wollte Drohsel nicht näher erläutern. „Wir können sagen, was wir nicht wollen”, sagte die Jungpolitikerin selbstbewusst, „den demokratischen Sozialismus jetzt schon im Detail zu definieren”, sei jedoch „weder politisch erwünscht noch möglich”. Daraufhin hagelte es Kritik aus den eigenen Reihen: „Wann ist denn der demokratische Sozialismus da”, fragte etwa eine Rednerin, „wenn der Mindestlohn eingeführt ist oder die SPD allein regiert?” Die verabschiedeten 63 Thesen geben darauf keine Antwort. „Viele Alternativen kennen wir”, heißt es darin nur lapidar, „andere wollen wir noch entwickeln.” SZ 13.10.2008 Sechs Milliarden Euro mehr für Bildung. kA SZ Politik Meldung BRD Seite 5 kA Sechs Milliarden Euro mehr für Bildung. München – Die Bundesregierung will bis 2012 sechs Milliarden zusätzlich für Bildung ausgeben. „Dieses Geld fließt unter anderem in die Schaffung zusätzlicher Studienplätze, in Weiterbildungskonzepte sowie in Benachteiligten- und in die Begabtenförderung”, kündigte Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) in einem Gastbeitrag für Bild am Sonntag an. Gerade in Zeiten der Finanzkrise seien bessere Bildung, mehr Durchlässigkeit im Bildungssystem und neue Aufstiegswege bedeutsam, so die Ministerin. Für den Bildungsgipfel von Bund und Ländern am 22. Oktober in Dresden strebt Schavan Vereinbarungen über eine bessere Bildung in den ersten Lebensjahren, einen Schul- und Berufsabschluss für jeden Jugendlichen sowie die Öffnung der Hochschulen für Qualifizierte auch ohne Abitur an. Laut einer Sprecherin Schavans wird die Hälfte der sechs Milliarden Euro aus dem eigenen Haushalt kommen. Das Geld sei zum Teil bereits in der Qualifizierungsinitiative festgeschrieben. Die andere Hälfte solle aus anderen Bundesressorts kommen. SZ. SZ 13.10.2008 Studienkredite werden teurer. kA AP Politik Meldung BRD Seite 5 kA Studienkredite werden teurer. Frankfurt – Die in der Finanzkrise in die Kritik geratene staatliche Förderbank KfW hat ihren Zinssatz für Studienkredite zum beginnenden Wintersemester erhöht. Zum 1. Oktober stieg der Zinssatz des Studienkredits über bis zu 650 Euro pro Monat von 6,29 auf 7,0 Prozent, wie ein Sprecher der Bank am Sonntag mitteilte. Dies sei der bisher höchste Stand. Der Kredit soll Studenten zur Finanzierung ihres Lebensunterhalts während des Erststudiums dienen. Zum Kreditstart im April 2006 hatte der Zinssatz noch bei etwa fünf Prozent gelegen. Auf der KfW-Internetseite war am Sonntag trotz der aktuellen Zinserhöhung von einem „niedrigen Zinssatz” die Rede. Die KfW erklärte die Anhebung damit, dass kurzfristiges Geld am Kapitalmarkt derzeit besonders teuer sei, was sich auch im Zinssatz für Studienkredite niederschlage. Die bundeseigene KfW Förderbank hat in den vergangenen zwei Jahren bundesweit mehr als 43 000 Studienkredite vergeben. Im Durchschnitt hätten sich die Studenten monatlich 477 Euro auszahlen lassen, hieß es. AP SZ 14.10.2008 Aus der Mode gekommen. Die Regierung stellt ihr Rettungspaket vor – Friedrich Merz fordert mehr Kapitalismus. Renate Meinhof Politik Bericht BRD Seite 7 kA Aus der Mode gekommen. Die Regierung stellt ihr Rettungspaket vor – Friedrich Merz fordert mehr Kapitalismus. Von Renate Meinhof. Berlin – Wenn man ihn sieht, wie er da steht im gläsernen Saal, den die Sonne des späten Nachmittags flutet, dann kommt man immer auf dasselbe Bild. Friedrich Merz wirkt wie ein Herrenkonfektionsverkäufer, der sich zum Ziel gesetzt hat, als Beispiel nur, Männern ausschließlich breite kurze Schlipse zu verkaufen, obwohl dünne lange modern sind. Er tut dies nicht, weil er seine breiten kurzen Schlipse loswerden will, sondern weil ihre Vorzüge ihn so überzeugen, dass ihm die Mode wurscht ist. Friedrich Merz hat ein Buch geschrieben. Wenn man den Titel liest, hat man den Eindruck, es solle einem ein breiter kurzer Schlips verkauft werden. „Mehr Kapitalismus wagen”, heißt das Buch. Absurder geht es kaum. Eine Stunde, bevor Friedrich Merz in der Landesvertretung von Nordrhein-Westfalen sein Werk vorstellt, präsentiert Angela Merkel im Kanzleramt das größte Banken-Rettungspaket der Geschichte. Alle Welt diskutiert, wie der entfesselte Kapitalismus gezähmt und reguliert werden kann, und Merz, Merkels alter Rivale, erklärt, wie er sich den Kapitalismus der Zukunft vorstellt. Nein, sagt er, es gebe „keinen besseren Tag als den heutigen”, sein Buch vorzustellen. Von jetzt an werde ja neu über die Grundlagen der marktwirtschaftlichen Ordnung diskutiert werden. Angela Merkel habe in der Krise klug gehandelt, und die Maßnahmen nach dem Motto „nicht kleckern, sondern klotzen” seien richtig und angemessen. „Die Kanzlerin hat das Geschehen doch fest in der Hand”, ruft Merz mit ausladender Geste. Zehn Kameras nehmen ihn in den Blick. Vielleicht, weil er an diesem Tag wie ein Relikt wirkt, das man für die Nachwelt festhalten will. Merz, in der CDU die Ikone für mehr marktwirtschaftliches Denken. Merkel, die mit dem Rettungspaket das Vertrauen unter den Banken wiederherstellen will. Sie, die ostdeutsche Pastorentochter, die zumindest in der Schule lernen musste, dass der Sozialismus das überlegene Gesellschaftssystem ist. Merz sagt, dass er es bedrohlich finde, wenn so viele Menschen in Deutschland glaubten, der Sozialismus sei prinzipiell etwas Gutes. Seitdem es die DDR nicht mehr gebe, „fehlt uns die praktische Anschauung” – und die klare Abgrenzung. Friedrich Merz wird im kommenden Jahr nicht mehr für den Bundestag antreten. Offiziell also verabschiedet er sich. Er hat sich für einen anderen Weg entschieden. Doch vielleicht ist das nur die halbe Wahrheit. Wer Merz erlebt, merkt bald, dass er noch immer mitfiebert. Dass er die Zeitungen studiert und sehr genau verfolgt, wie sich die CDU, seine CDU noch immer, weiterentwickelt. Er wirkt wie einer, der mit Leidenschaft dabei ist. Mit seinem Buch diesmal, aber ganz sicher auch anders. Dazu allerdings muss mehr passieren. Solange Angela Merkel in der Partei die Fäden in der Hand hält, wird er nicht zurückkehren in die große Politik. Aber er wird auf seine Weise wirken. Wie ein Herrenkonfektionsverkäufer eben, dem die Mode egal ist. Lob für die Kanzlerin und den Finanzminister: Friedrich Merz bescheinigt Angela Merkel und Peer Steinbrück, auf die Finanzkrise die angemessene Antwort gegeben zu haben, obwohl beide mehr Staat und nicht mehr Kapitalismus wagen, wie Merz in einem neuen Buch fordert. SZ 14.10.2008 Nach den Rettungspaketen: Wie sich die Ordnung der Welt verändert und Schwellenländer agieren. Die Gewinner der Krise. Die Gewichte auf dem Globus verschieben sich: Indien, China oder Brasilien werden künftig mehr Macht haben – auf Kosten Amerikas und Europas. Alexander Hagelüken Geld Bericht global Seite 23 kA Nach den Rettungspaketen: Wie sich die Ordnung der Welt verändert und Schwellenländer agieren. Die Gewinner der Krise. Die Gewichte auf dem Globus verschieben sich: Indien, China oder Brasilien werden künftig mehr Macht haben – auf Kosten Amerikas und Europas. Von Alexander Hagelüken. München – Die Finanzkrise hinterlässt auf dem ganzen Erdball ein Trümmerfeld. Bekannte Banken und Versicherer gehen pleite oder werden verstaatlicht. Die Konjunktur sackt ab. Die Regierungen der Industriestaaten starten Rettungsaktionen, deren gigantische Kosten sie noch lange beschäftigen werden. Gleichzeitig zeichnet sich in den Trümmern das Bild einer internationalen Ordnung ab, die ganz anders sein wird als die alte. Die Gewichte der Welt verschieben sich: Schwellenländer wie Indien, China oder Brasilien weiten ihre Macht aus. Der britische Historiker Niall Ferguson überrascht mit einer Analogie, die zunächst gewagt wirkt: Er vergleicht die bisherige Finanz-Supermacht USA mit dem Osmanischen Reich von 1870. Völlig überschuldet, verloren die Osmanen zuerst das Eigentum an ihrer Wirtschaft an ausländische Gläubiger – und später ihre weltpolitische Bedeutung. Wie stark der Niedergang Amerikas (und Europas) ausfallen wird, ist unklar. Doch es zeigt sich schon, wer die Aufsteiger sind. Indien, China und Brasilien dürften auch in den kommenden Jahren weit stärker wachsen als die Industrienationen. Während in der Bundesrepublik und den USA Rezession droht, sagt der Internationale Währungsfonds den drei großen Aufsteigern für nächstes Jahr Wachstumsraten zwischen 3,5 und 9,3 Prozent voraus. Damit verringern sie rasant ihren Abstand zum Westen. Reiche Schwellenländer. Was die Währungsreserven angeht, sind die Schwellenländer schon heute die Herren der Welt. Amerika und in kleinerem Ausmaß Europa haben jahrelang viel mehr Waren eingekauft als verkauft. Mit den Devisen, die sie dafür bezahlten, füllten sie die Schatullen der Hauptexporteure (siehe Grafik). Vor allem deshalb hat China 30-mal so hohe Währungsreserven wie die Bundesrepublik. Und es gibt ständig neue Aufsteiger: Im ersten Halbjahr 2008 löste Brasilien die Chinesen als größten Käufer amerikanischer Staatsanleihen ab. Die Frage ist, wie die Schwellenländer ihre Finanzmacht einsetzen. Zu Beginn der Krise kauften sich Staatsfonds aus dem Fernen und dem Nahen Osten bei US-Banken ein und stützten so die Institute. Aktuell bietet Japan an, mit seinem Geld die Folgen der Krise zu lindern. Die Investoren können aber auch anders. China und Japan waren zeitweise mit mehreren hundert Milliarden Dollar die größten ausländischen Gläubiger der beiden Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac. Als die US-Regierung die Banken trotz ihrer Appelle nicht schnell genug stützte, reduzierten die beiden Länder bis Mitte September ihre Kredite – Washington musste Fannie und Freddie überstürzt verstaatlichen. Im aktuellen Chaos drohen den Industrieländern mehrere Gefahren. Die erste betrifft primär die Vereinigten Staaten: Die Asiaten haben gelernt, dass ihre starke Konzentration auf Dollar-Anlagen sie in der Krise anfällig macht. Sie werden künftig stärker in unterschiedlichen Märkten anlegen – auch in Euro. Ein Schock für die Herren des Greenback, die sich an die selbstverständliche Verschuldung gewöhnt haben. Die zweite Gefahr betrifft alle Industriestaaten: Die Devisenkönige könnten ihre Bestände reduzieren, um sie in die Entwicklung ihres in vielen Bereichen noch armen Landes zu stecken (China), den flauen Konsum anzukurbeln (Japan) oder heimische Folgen der Krise zu dämpfen (Brasilien). Alles würde den Westen empfindlich treffen, der zur Zeit so dringend Kredit braucht wie noch nie. Verschuldete Imperien. Natürlich sitzen in den Regierungen der Schwellenländer viele kluge Strategen, die um die Konsequenzen der Krise wissen. Wohin sollen Asien und Lateinamerika ihre Waren verkaufen, wenn die Industriestaaten in eine lange Rezession fallen? Deshalb werden die Cash-Kaiser ihre Reserven nicht einfach reduzieren. Aber eines ist sicher: Sie werden sie nutzen, um mehr Einfluss zu gewinnen. Und zwar nicht nur auf Finanzfragen, etwa auf den Internationalen Währungsfonds, den noch immer die Amerikaner dominieren – sondern auf weltpolitische Fragen aller Art. Wie sagt der Historiker Ferguson? „Früher oder später lassen sich die Gläubiger verschuldeter Imperien nicht mehr nur mit Aktien abspeisen”. Nein, sie wollen Einfluss aller Art. In den vergangenen Jahren haben verschiedene Staaten den Westen bereits spüren lassen, wie sie sich eine neue Ordnung vorstellen. China war kein Pakt mit einem afrikanischen Diktator zu schade, um sich den Zugang zu Rohstoffreserven zu sichern. Russland, auch ein Land mit hohen Devisenreserven, spielte seinen Status als Öl- und Gasproduzent gnadenlos aus. Venezuela kaufte sich mit Krediten Ansehen und Einfluss bei den südamerikanischen Nachbarn. Und Brasilien etablierte sich als Nation, die bei internationalen Fragen entscheidend mitredet – zum Beispiel bei den Welthandelsgesprächen. Der Bedeutungszuwachs der Aufsteiger speist sich aus vielen Quellen: Neben dem wirtschaftlichen Wachstum, der Exportstärke, Devisenreserven und Rohstoffvorräten ist es auch die Zunahme ihrer Bevölkerungen, die ihnen Einfluss verschafft. Die Gewichte der Welt verschieben sich ohnehin. Das aktuelle Finanzdesaster trägt nun dazu bei, sie noch stärker zu verändern – was im Getümmel der Krisenbekämpfung womöglich wenigen Menschen im Westen bewusst ist. SZ 14.10.2008 Nach den Rettungspaketen: Was die Länder konkret für ihre Banken tun, wie sich die Bilanzierung ändern soll. Mehr als 1000 Milliarden Euro für Europas Banken. Entschlossene Politiker, Kabinettssitzungen und Eilgesetze: Zahlreiche Regierungschefs verkünden die Rettung ihrer nationalen Finanzmärkte. Cerstin Gammelin; Michael Kläsgen; Ulrike Sauer Wirtschaft Geld global Seite 21 kA Nach den Rettungspaketen: Was die Länder konkret für ihre Banken tun, wie sich die Bilanzierung ändern soll. Mehr als 1000 Milliarden Euro für Europas Banken. Entschlossene Politiker, Kabinettssitzungen und Eilgesetze: Zahlreiche Regierungschefs verkünden die Rettung ihrer nationalen Finanzmärkte. Von Cerstin Gammelin, Michael Kläsgen und Ulrike Sauer. Brüssel/Paris/Rom – Wenige Stunden nach dem Krisentreffen der Euro-Länder in Paris am Sonntag haben einige europäische Staaten nationale Pläne vorgelegt, um finanziell angeschlagene Banken vor der Zahlungsunfähigkeit zu retten und die Wirtschaft zu beleben. Neben Deutschland reagierten die Regierungen in Madrid, Wien, Paris und Rom mit konkreten Rettungsmaßnahmen auf die globale Finanzkrise. Sie beschlossen finanzielle Hilfen in Höhe von mehr als tausend Milliarden Euro. Der amtierende EU-Ratspräsident und französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy hatte die nationalen Rettungspläne bereits am Sonntagabend nach Abschluss der Beratungen angekündigt. „Heute ist der Tag Europas, morgen werden die einzelnen Länder ihre Schlussfolgerungen vorlegen”, sagte Sarkozy. Die Staats- und Regierungschefs der 15 Länder, die den Euro als gemeinsame Währung nutzen, hatten zuvor einen gemeinsamen Rahmen für Finanzhilfen vereinbart und es den Ländern freigestellt, die Regeln individuell zu nutzen. Frankreich bürgt mit bis zu 320 Milliarden Euro für Kredite zwischen den Banken und stellt 40 Milliarden Euro bereit, um notleidende Institute mit Eigenkapital zu versorgen. Die Garantie zur Kreditvergabe zwischen den Banken sei bis Ende Dezember 2009 befristet, sagte Sarkozy am Montag. Sie beziehe sich auf Darlehen mit Laufzeiten bis zu fünf Jahren. Frankreich gründet zwei Staatsfonds, um seinen Finanzsektor zu stärken. Einen Fonds rief Premier François Fillon bereits vergangenen Mittwoch ins Leben, um die belgische Bank Dexia zu retten. Sarkozy betonte, die Hilfe gebe es nicht umsonst oder ohne Gegenleistung. Die Bezüge der Manager der Institute, die Hilfe in Anspruch nehmen müssten, würden begrenzt. Sarkozy rechnet nicht damit, dass das gesamte Hilfspaket beansprucht wird. Die Maßnahmen würden wie in anderen Ländern per Eilgesetz noch Ende der Woche in Kraft treten. Frankreichs Staatspräsident kündigte zudem Maßnahmen an, mit denen die Übernahme französischer Firmen von Unternehmen aus Drittstaaten verhindert werden soll. Er schloss zugleich aus, dass die zweitgrößte französische Privatbank Société Générale eine Kapitalerhöhung brauche. Der Aktienkurs der Bank war gegen den Trend am Montag weiter nach unten gegangen. Auch in Italien beschloss die Regierung ein Paket zur Stützung des Geldmarkts. Es wurde jedoch keine Summe festgelegt. „Es ist nicht an die Einrichtung eines Rettungsfonds gedacht”, sagte Finanzminister Giulio Tremonti. Die römische Regierung schaffe Instrumente, über deren Einsatz von Fall zu Fall entschieden werde. „Wir werden jedes Mal die erforderlichen Summen bereitstellen”, erläuterte Tremonti. So gewährte das Kabinett staatliche Garantien für neue Verbindlichkeiten der Banken. Sie haben eine Gültigkeit von bis zu fünf Jahren. Ferner ergänzt die italienische Regierung die Einlagensicherung der Banken, die Guthaben bis zu 103 000 Euro garantiert, um eine staatliche Sicherung in unbegrenzter Höhe für einen Zeitraum von drei Jahren. Gefährdete Banken kann die Regierung künftig unter kommissarische Verwaltung stellen, falls deren Schieflage die Stabilität des ganzen Finanzsystems gefährdet. Vorrangiges Ziel der Regierung in Rom ist die Belebung des Kreditmarkts. Italien stehe in der Finanzkrise „viel besser da als die anderen Länder”, betonte Ministerpräsident Silvio Berlusconi. Nach der Kapitalerhöhung der Großbank Unicredit, die vor einer Woche eine Stärkung ihrer Kapitaldecke aus eigenen Kräften angestoßen hatte, gebe es keinen Bedarf an weiteren Aufstockungen des Bankenkapitals. Die Regierung in Wien beschloss am Montag, für notleidende Banken rund 100 Milliarden Euro zur Verfügung zu stellen. Bis zu 85 Milliarden Euro davon sollen als staatliche Garantien für Bankengeschäfte dienen. Damit will die Regierung sicherstellen, dass sich die Geldinstitute wieder gegenseitig Geld leihen, sagte Finanzminister Wilhelm Molterer in Wien. Mit weiteren 15 Milliarden Euro solle das Eigenkapital einzelner Banken erhöht werden. Der Staat behalte sich das Recht vor, Anteile und Mitwirkungsrechte zu übernehmen. Bundeskanzler Alfred Gusenbauer hatte bereits vorher die Teilverstaatlichung von Banken nicht mehr ausgeschlossen. Geprüft werde, ob die staatliche Österreichische Industrieholding ÖIAG stimmrechtslose Aktien zeichne. Welche Banken teilverstaatlicht werden könnten, blieb offen. Um die staatliche Beteiligung zu ermöglichen, müsste allerdings das ÖIAG-Gesetz geändert werden. Derzeit sind neue Verstaatlichungen rechtlich unmöglich. Spanien garantiert ebenfalls für die Geschäfte heimischer Banken. Die spanische Regierung gab am Montag eine Garantie für Bankanleihen ab, die bis zum Ende des Jahres befristet ist und mehr als 100 Milliarden Euro umfasst. Ministerpräsident José Luis Rodriguez Zapatero zufolge steht die Höhe der Garantien für 2009 noch nicht fest. Zapatero betonte, seine Regierung habe auch die Möglichkeit einer Rekapitalisierung von Banken gebilligt. Einen konkreten Plan gebe es derzeit noch nicht. Am Mittwoch wollen alle 27 EU–Länder die in Paris beschlossenen Regeln beraten. Schwedens Regierung signalisierte bereits Zustimmung. Sein Land werde die von den Ländern der Euro-Zone verabredeten Maßnahmen weitgehend übernehmen, sagte Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt. Er werde in den nächsten Tagen einen nationalen Plan vorlegen, der in einzelnen Punkten noch weiter gehen könne. Schweden ist vergleichsweise gering von den Auswirkungen der internationalen Finanzkrise betroffen. Was in Paris besprochen wurde, wird jetzt national umgesetzt: der französische Präsident Sarkozy (re.) und sein italienischer Amtskollege Berlusconi. SZ 14.10.2008 Es lebe der Kapitalismus. Friedrich Merz schreibt sein Glaubensbekenntnis und zeigt, warum ihn einige in der Politik schmerzlich vermissen. Marc Beise Literaturbeilage Rezension BRD Seite V2/33 kA Es lebe der Kapitalismus. Friedrich Merz schreibt sein Glaubensbekenntnis und zeigt, warum ihn einige in der Politik schmerzlich vermissen. „Der Markt ist sozial und der Kapitalismus gerecht.” Sätze wie diesen muss man sich in Zeiten der Finanzkrise auf der Zunge zergehen lassen. Es gibt kaum noch einen politischen Beobachter, schon gar keinen Politiker, der es wagt, so einfach und doch so treffend zu formulieren. Friedrich Merz tut es, und er tut es mit Lust und Können. Der frühere CDU-Spitzenpolitiker hat ein neues Buch geschrieben, mit dem er die Lücke schmerzlich dokumentiert, die er durch sein Ausscheiden aus der Politik hinterlassen hat. Man muss nicht derselben Meinung sein wie Friedrich Merz, aber dass er einer der wenigen profilierten Wirtschaftspolitiker im Deutschen Bundestag war, und dass er dort fehlt, wird kaum jemand ernsthaft bestreiten. Dass die Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende Angela Merkel Männer wie ihn, so eitel und selbstverliebt sie auch sein mögen, systematisch aus der Politik gedrängt hat, war ein dramatischer Fehler; er wirft für alle Zeit ein denkbar schlechtes Licht auf sie. Merz hat sich die Mühe gemacht, sein Weltbild noch einmal zu überprüfen. Er nennt seinen Sohn Philippe, Student der Philosophie, und den Wirtschaftsstudenten Tim Christiansen als intellektuelle Sparringspartner. Herausgekommen ist eine 200 Seiten schmale Streitschrift für den Markt und gegen einen überbordenden Sozialstaat. Merz fängt beim Philosophen Platon an, setzt sich mit den unterschiedlichen Gerechtigkeitsbegriffen auseinander, begründet den subsidiären Sozialstaat, rechtfertigt die Aktionärswirtschaft, bricht eine Lanze für die Heuschrecken genannten Finanzinvestoren und streift weitere maßgebliche Themen der Wirtschaftspolitik. Der gelernte Jurist Merz leitet sauber her, worauf die Marktwirtschaft oder der Kapitalismus, was dasselbe ist, beruhen: eben auf privatem Kapital, dessen Einsatz nach Renditeerwartungen im Wettbewerb mit anderen Marktteilnehmern erfolgt. Der Staat gibt die Rechtsordnung vor, in der das Marktgeschehen stattfindet. Er tritt grundsätzlich nicht selbst aus Marktteilnehmer auf. Seit Ludwig Erhard war dieses Modell in Deutschland überaus erfolgreich und ermöglichte einen gut funktionierenden Sozialstaat für die Schwachen. In der Globalisierung, in der neue, drängende, effizientere und billiger produzierende Wettbewerber auftauchen, ächzt das System in den Scharnieren; es gibt freilich keine erfolgversprechende Alternative. „Mehr Gerechtigkeit”, staatlich verordnet, ist eine höchst populäre Forderung, das weiß auch Merz, und er räumt ein, dass man damit Wahlen gewinnen kann – nicht aber die Zukunft. Je nach Arbeitsmarktlage sind heute etwa 40 Prozent der Bevölkerung in Deutschland ganz oder teilweise auf Transferleistungen aus öffentlichen Kassen angewiesen – wen werden diese Menschen wohl wählen? Verantwortungsvolle Politik aber, sagt der Ex-Politiker Merz, darf den Menschen nicht nach dem Mund reden. Obwohl das Wort CDU selten und der Name Angela Merkel soweit erkennbar gar nicht vorkommt, ist dieses Buch eine Abrechnung mit der eigenen Partei und ihren Machthabern. Es ist lesenswert für alle, die ordnungspolitische Orientierung in turbulenten Zeiten suchen. Und doch greift es zu kurz – weil es keine expliziten Antworten auf die dramatische Legitimitätskrise des Kapitalismus gibt. Natürlich weist Merz darauf hin, dass die Marktwirtschaft stetig an Zustimmung verliert. Aber das ist noch die alte Lage. Sie besteht im Grunde seit Gerhard Schröders „Agenda 2010”-Politik, die Merz nachdrücklich lobt. Neu sind die rapide wachsenden Zweifel am Kapitalismus, sogar die Selbstzweifel, wie sie sich als Folge der Finanzkrise ergeben: Das dramatische Marktversagen in dieser Sparte der Wirtschaft, der Abschwung der Wall Street, die staatlichen Rettungsaktionen für Banken können nicht so nebenbei erörtert werden. Der Autor spricht zwar bereits von einer „partiellen Bankenkrise” und vermutet, das diese auf die gesamte Volkswirtschaft übergreifen und dass dies die Kritik am Kapitalismus „noch einmal verschärfen” könnte, „zumal einige Manager mit ihrer Gier und ihren halsbrecherischen Aktionen auf den Kapitalmärkten zu dieser Kritik geradezu einladen”. Das ist für ein Buch, dessen Manuskript vermutlich vor Monaten abgeschlossen worden ist, durchaus weitsichtig. Leider meidet Merz die Auseinandersetzung mit den Konsequenzen dieser Zeitenwende: Es gibt Nachbesserungsbedarf für eine Neuauflage. MARC BEISE Friedrich Merz Mehr Kapitalismus wagen Wege zu einer gerechten Gesellschaft. Piper Verlag, München/Zürich 2008. 224 Seiten, 19,90 Euro. „Einige Manager laden mit ihrer Gier zur Kritik ein”. SZ 14.10.2008 Im neoliberalen Wahn verkalkuliert. Lafontaine springt Bush bei / SZ vom 25. September. Hans Ingebrand Leserbriefe Leserbrief global Seite 35 kA Im neoliberalen Wahn verkalkuliert. Lafontaine springt Bush bei / SZ vom 25. September. „Es ist nicht leicht, in der Finanzkrise die richtigen Antworten zu finden. Auch nicht für Oskar Lafontaine”, meint Ulrich Schäfer in seinem Kommentar . Der Linken-Chef habe eine „bemerkenswerte Wende” vollzogen. Das amerikanische Wirtschaftsmodell, „geprägt von neoliberalen Ideen”, habe er verdammt; den Spielern im „globalen Casino” habe er das Handwerk legen wollen. Nun aber schlage er sich „auf die Seite der Amerikaner” und unterstütze das staatliche Rettungspaket von George W. Bush. Das klingt gut. Es klänge aber besser, wenn diese bemerkenswerte Einschätzung etwas ergänzt würde, etwa durch die bemerkenswerte Tatsache, dass Lafontaine mit seinem Widerstand gegen einen allzu wildwüchsigen Neoliberalismus hochaktuell ist dass er und recht hat. Wer also schlägt sich hier auf wessen Seite? Sah sich nicht zuvor Bush gezwungen, auf Lafontaines Seite zu wechseln? Wer einen staatlichen Eingriff von 700 Milliarden Dollar in die wild spekulierenden Finanz- und Wirtschaftsmächte wuchtet, muss zugeben, dass er sich in seinem neoliberalen Wahn gründlich verkalkuliert hat. Springt Bush nun Lafontaine bei oder Lafontaine Bush? Oder springen sie beide? Es ist in der Tat„nicht leicht, in der Finanzkrise die richtigen Antworten zu finden", auch nicht für die SZ. Hans Ingebrand, Berlin. SZ 14.10.2008 Vor Selbstzerstörung bewahren. Demokratiealarm. SZ vom 6. Oktober. Dagmar Schön Leserbriefe Leserbrief BRD Seite 35 kA Vor Selbstzerstörung bewahren. Demokratiealarm. SZ vom 6. Oktober. In seinem Leitartikel beschreibt Heribert Prantl korrekt die Gefahren, denen Demokratien in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten ausgesetzt waren. Sichtbares Symptom war die steigende Anzahl der Nichtwähler, die Wahlen nur noch als Schaulaufen ohne Konsequenzen ansahen. Die Bankenkrise eröffnet jetzt die Möglichkeit, die Demokratie wieder zu stärken. Es stimmt eben nicht, dass Demokratie und Kapitalismus eine Symbiose zum Wohle der Menschheit eingegangen sind. Unser Grundgesetz hat die Artikel 1 und 20 unter Ewigkeitsvorbehalt gestellt (Artikel 79 Absatz 3). So sollen fundamentale Bürgerrechte davor geschützt werden, durch demokratische Entscheidungen in ihrem Wesenskern abgeschafft zu werden – die Demokratie soll dadurch vor ihrer Selbstzerstörung bewahrt werden. Ähnlich wie die Amerikaner aus Misstrauen gegen die Macht des Staates ihr System der „Checks and Balances” (der gegenseitigen Kontrolle und Ausgleiche) geschaffen haben, müsste nun ein ähnliches Verfahren für die Wirtschaft entwickelt werden. Darin müssen die Menschen, die die realen Werte schaffen, ein gewichtigeres Wort mitreden können, das mehr ist als nur eine symbolische Geste. Sonst drohen entweder Selbstzerstörung oder Faschismus. Norbert Hagenbrock, Salzkotten Heribert Prantl hat recht: Die Finanzkrise ist im Grunde eine Vertrauenskrise. Und zwar auf der ganzen Linie. Und was ist der Grund hierfür? Ganz einfach: Dass im „öffentlichen Leben”, in der „res publica”, überall nur noch gelogen wird. Irgendwann haben diejenigen, die belogen werden, eben kein Vertrauen mehr. Das ist bei belogenen Ehepartnern nicht anders als bei belogenen Wählern und belogenen Bankkunden. Es gibt tatsächlich nichts Ernsteres als Vertrauensverlust, denn unsere Aktionsfähigkeit im Leben beruht darauf, dass wir Vertrauen haben. Wir brauchen es für jeden Schritt, den wir tun. Jemand, der kein Vertrauen mehr hat, ist schwer psychisch krank. Und je mehr Urvertrauen jemand hat, umso psychisch gesünder ist eine Person. Einem Ehepaar, das eine derartige Vertrauenskrise hat, empfiehlt man den Gang zum Ehetherapeuten. Und wahrscheinlich ist es auch das, was Banker, Manager und Politiker im Moment am dringendsten bräuchten: sehr, sehr gute Therapeuten, die ihnen das kleine Abc des integeren Menschseins, das offenbar vollständig abhanden gekommen ist, wieder nahebringen. Dagmar Schön, München. SZ 14.10.2008 Unser aller Gier. Angst der Anleger: Immer wieder sonntags. SZ vom 8. Oktober. Detlef Frank Leserbriefe Leserbrief BRD Seite 35 kA Unser aller Gier. Angst der Anleger: Immer wieder sonntags. SZ vom 8. Oktober. Auch in Markus Zydras Bericht über die Folgen der Finanzkrise wird ein Aspekt außer acht gelassen: der verständliche Wunsch der (kleinen) Anleger nach höherer Verzinsung ihrer Ersparnisse. Erinnern wir uns: Vor 20 Jahren hatten die meisten „kleinen Leute” Sparbücher und Lebensversicherungen; das war’s. Doch dann kamen Experten, Politiker und Journalisten und redeten uns ein, dass man ja überhaupt nicht clever sei, wenn man sich mit diesen lächerlichen Renditen von drei bis fünf Prozent zufriedengebe. Der Bürger solle risikofreudiger werden und auch in Aktien und andere Wertpapiere investieren. Die Überzeichnung der Emissionen der Telekom-Aktien und anderer Aktien zeigt deutlich, auf welchen Trip wir Bürger geschickt wurden. Das führte unter anderem dazu, dass die Lebensversicherungen in Misskredit gerieten, weil die Gesellschaften aus Sicherheitsgründen sehr konservativ investierten und deshalb auch eine nur relativ niedrige Verzinsung in Aussicht stellen konnten. Was blieb den Versicherungen und den Banken anderes übrig, als mehr Risiko einzugehen, um die Kunden mit immer neuen und „besseren” Angeboten bei der Stange zu halten? Die heutige Krise allein den Finanzmanagern und ihrer angeblichen Gier anzulasten, ist zwar für den Bürger bequem, es ist aber nur die halbe Wahrheit. In Wirklichkeit war es unser aller Gier nach höheren Erträgen, aber das will wahrscheinlich keiner hören. Vermutlich ist das politisch nicht korrekt. Detlef Frank, Erding. SZ 14.10.2008 Astronomische Dimension der Spekulation. Kollaps aus dem Nichts. SZ vom 17. September. Igor Fodor Leserbriefe Leserbrief global Seite 35 kA Astronomische Dimension der Spekulation. Kollaps aus dem Nichts. SZ vom 17. September. Hubertus Breuer und Alexander Stirn erwähnen in ihrem Artikel zur globalen Finanzkrise als Beispiel auch das Römische Reich. Aber schon die alten Römer wussten: „Aus Nichts kommt nichts.” Andererseits frage ich mich, wie „Nichts” eine globale Finanzkrise verursachen kann. Die Antwort ist einfach: „Sachkapital ist nicht wichtig. Ihm steht das ungreifbare immaterielle Kapital gegenüber, das unschätzbar und zudem der Schlüssel künftigen Wachstums und Profits ist. Die Entkoppelung von materiellem und immateriellem Kapital fand somit in einem Kontext statt, in dem die Masse der fiktiven Kapitale schon von der Realökonomie losgelöst war und auf dem Markt für Derivate Geld machte, indem man hundertmal am Tag nichts als fiktives Geld kaufte und verkaufte.” (André Gorz: „Wissen, Wert und Kapital”) Wenn man das „Nichts” Breuers und Stirns beziffern möchte: „Es ist nicht so lange her, da war die Summe der Aktivposten – Aktien, Rentenwerte, Anleihen, Hypotheken usw., die Ansprüche auf reale Dinge sind – grob gleich dem globalen Bruttoinlandsprodukt (BIP). Jetzt beträgt sie annähernd das Vierfache des globalen BIP. Finanzielle Derivate . . . haben jetzt den fiktiven (spekulativen) Wert von mehr als dem Zehnfachen des globalen BIP”, schrieb der frühere amerikanische Banker Charles R. Morris in seinem Buch „The Trillion Dollar Meltdown” (Die Billionen-Dollar-Kernschmelze). Er meint das BIP aller Länder in Europa, Asien, Nord- und Südamerika, Australien und Afrika! Das sind wahrhaft astronomische Dimensionen, besonders für „Nichts”. Igor Fodor, München. SZ 14.10.2008 Von Schweden lernen. „Wenn der Staat hilft, muss es sehr weh tun”. SZ vom 8. Oktober. Hans Bieberstein Leserbriefe Leserbrief Schweden Seite 35 kA Von Schweden lernen. „Wenn der Staat hilft, muss es sehr weh tun”. SZ vom 8. Oktober. Ein Bravo für Schweden, dass es aus Erfahrung eine Problemlösung für die Finanzkrise aufzeigt! Ich stimme der Aussage des ehemaligen schwedischen Steuerministers Bo Lundgren in Gunnar Herrmanns Interview voll zu, dass der Staat kein Geld zu verschenken habe. Die Lösung in der Bankenkrise Anfang der neunziger Jahres lautete: Der Staat übernimmt die Banken, die Geld von ihm wollen; Verursacher der Krise (Bankmanager) werden entlassen; bevor die Banken wieder privatisiert werden können, müssen sie ihre Schulden zurückzahlen – oder sie bleiben beim Staat. Dies scheint mir momentan sinnvoller zu sein, als ohne Sicherheit den Banken Geld zu geben. Dies würde auch den Kunden das notwendige Vertrauen zurückgeben, weil der Staat dann die Banken kontrollierte. Hans Bieberstein, Würzburg. SZ 14.10.2008 Branchenüberblick. Teurer Standort. Aluminiumhütten-Betreiber klagen über hohe Strompreise und prophezeien Abwanderung, wenn sich die Bundesregierung bei Verhandlungen über Emissionszertifikate nicht durchsetzt. Hans-Willy Bein Beilage Bericht BRD Seite 27 kA Branchenüberblick. Teurer Standort. Aluminiumhütten-Betreiber klagen über hohe Strompreise und prophezeien Abwanderung, wenn sich die Bundesregierung bei Verhandlungen über Emissionszertifikate nicht durchsetzt. Von Hans-Willy Bein. Christian Wellner ist unsicher und gibt das offen zu. Niemand, so sagt der Geschäftsführer des Gesamtverbands der deutschen Aluminiumindustrie (GDA), könne derzeit einschätzen, wie sich die Zuspitzung der Finanzkrise auf die Geschäfte der Aluminiumindustrie auswirkt. Nach dem langjährigen Boom der Branche mit übervollen Auftragsbüchern und Lieferengpässen sei offen, wie stark eine allgemeine Konjunkturabschwächung und die Finanzkrise die Verbraucher verunsicherten, von Neuanschaffungen abhielten und damit zum Beispiel die Geschäfte der Autoindustrie als wichtige Abnehmerbranche für Aluminium beeinträchtigten. Für die nächste Zeit sieht Wellner eine „Normalisierung” der Geschäftslage. Das ändere aber nichts an den mittel- und langfristig guten Wachstumschancen für Aluminium. Die Anwendungsmöglichkeiten des Werkstoffs seien längst nicht ausgereizt. Das gelte auch für den Automobilbau. Finanzkrise hin oder her – anders als Wellner sieht Heinz-Peter Schlüter, Chef und Alleineigentümer des größten deutschen Aluminiumproduzenten Trimet, für seine Spezialitäten auch aktuell keine Absatzprobleme. Trimet steht nach der Übernahme der von den drei Alteigentümern 2006 bereits aufgegebenen Hamburger Aluminiumhütte etwa für die Hälfte der Produktion in Deutschland. Mulmig wird dem Chef aber beim Gedanken an die Zukunft. Dabei befürchtet er keinen Nachfragerückgang, sondern für die energieintensive Industrie eine nicht zu verkraftende Verteuerung der Produktion. Aluminium sei zum aktuellen Strompreis in Deutschland schon heute nicht mehr wirtschaftlich herzustellen und für Trimet nur dank eines langfristigen Stromliefervertrags mit günstigeren Konditionen noch möglich. „Die Hütten stecken trotz voller Auslastung weiter in der Kostenklemme”, bestätigt Verbands-Geschäftsführer Wellner. „Entweder werden wir von der indirekten Einpreisung von CO2 befreit oder es gibt uns nicht mehr”, sagt Schlüter. Wenn die politischen Beschlüsse von der EU in Brüssel so gefasst würden wie es sich abzeichne, könne Trimet in Deutschland kein Aluminium mehr produzieren. Die Kosten von mindestens 30 Euro für C02-Zertifikate, wie sie nach den Klimaschutzplänen von 2013 an zu erwarten sind, bedeuteten eine Verteuerung des Stroms um annähernd 50 Prozent und belasteten die Hütten des Unternehmens in Essen und Hamburg mit 150 Millionen Euro im Jahr. Zum Vergleich: Trimet weist für 2007 einen Jahresüberschuss von knapp 40 Millionen Euro aus. Schlüter hofft noch, dass sich die Bundesregierung mit ihrer Forderung in Brüssel nach Sonderregelungen für Aluminium, Stahl und andere energieintensive Wirtschaftszweige durchsetzen kann. Der Mittelständler hat gelernt, mit der Bedrohung zu leben. 1994 hatte er die Aluhütte Essen von der damaligen Alusuisse übernommen, gut zehn Jahre später war es die Hütte in Hamburg, die inzwischen wieder mit Volllast betrieben wird. Die Alteigentümer hatten sie wegen der hohen deutschen Stromkosten aufgegeben. In der ganzen Welt gibt es den Zug der Branche an Standorte mit billigeren Energiekosten. Von der weltweiten Erzeugung von 37 Millionen Tonnen Aluminium produziert China inzwischen alleine knapp 13 Millionen Tonnen. Auf Standorte in Europa entfallen knapp neun Millionen, auf Nord- und Südamerika acht Millionen Tonnen. Wie hohe Energiepreise und wachsende Belastungen der Klimaschutzpolitik auf die Stimmung der Branche drücken, zeigt ein auf der Essener Fachmesse Aluminium 2008 Ende September erhobener Konjunkturindex. „Nur” noch 51 Prozent der Unternehmen rechnen für die Branche in nächster Zeit mit einem besseren Gang der Geschäfte. Bei der letzten Essener Messe vor zwei Jahren waren es noch deutlich mehr als 60 Prozent. „Wir bereiten uns darauf vor, dass 2009 schwächer wird”, sagte Eivind Reiten in Essen, der Chef des größten europäischen und weltweit drittgrößten Aluminiumherstellers Hydro aus Norwegen. Der Konzern habe aber Spielraum, um kurzfristig die Produktion in seinen Werken um zehn Prozent zurückzufahren und damit Druck auf die Preise zu mindern. Für die eigenen Unternehmen sind die in Essen befragten Manager durchweg positiver gestimmt als für die Branchenkonjunktur. Immerhin rechnen fast 65 Prozent der Unternehmen auch kurzfristig mit einer weiteren Geschäftsbelebung. Für Deutschland erwartet der Branchenverband GDA nach der Wiederinbetriebnahme des Hamburger Aluminiumwerks in diesem Jahr eine Hüttenaluminium-Produktion von 600 000 bis 650 000 Tonnen. 2007 war die Erzeugung um 6,9 Prozent auf 551 000 Tonnen gesteigert worden. Dazu kommt aus dem Recyclingprozess gewonnenes Sekundäraluminium im Umfang von 857 600 Tonnen (plus 7,8 Prozent). Umsetzen dürfte die Branche 2008 unverändert etwa 17,5 Milliarden Euro. Nach dem Boom in den vergangenen drei Jahren zeige das die „Normalisierung der Geschäfte”, sagt GDA-Geschäftsführer Wellner. Trotz der leichten Abschwächung der Auftragseingänge seien die Werke noch gut ausgelastet. Der Rückgang der Aufträge werde von der Branche als Basiseffekt verstanden, nachdem der Ordereingang im vergangenen Jahr um 20 bis 25 Prozent zugenommen habe und Lieferengpässe trotz Sonderschichten nicht zu verhindern gewesen seien. In der Aluminiumerzeugung und der Verarbeitung zu Halbzeug (Bleche, Profile, Drähte und Schmiedeteile), Guss, Folien, Tuben, Dosen oder Flaschenkapseln sind in Deutschland 75 000 Leute beschäftigt. Haupteinsatzgebiet ist mit weitem Abstand der Verkehrssektor (44 Prozent), gefolgt vom Bauwesen (15 Prozent), dem Maschinenbau (zehn Prozent), der Verpackung (zehn Prozent) bis hin zu Haushaltswaren und Bürobedarf (jeweils vier Prozent). Der Werkstoff Aluminium ist ein Tausendsassa. Wichtigster Abnehmer ist die Verkehrsbranche, gefolgt von Bauwesen, Maschinenbau und Verpackungsindustrie. Unsere Beispiele zeigen eine Hightech-Fassade im steirischen Bad Gleichenberg, das Kunstwerk Molecule Man von Jonathan Borofsky in Berlin und die unverwüstliche Getränkedose. SZ 14.10.2008 „Wir tun am besten daran, uns selbst zu helfen”. Ökonomen und Politiker appellieren an die Regierung in Peking, den Industriestaaten zu helfen. Doch die Chinesen ärgern sich über Verluste in Amerika. Janis Vougioukas Geld Bericht China Seite 23 kA „Wir tun am besten daran, uns selbst zu helfen”. Ökonomen und Politiker appellieren an die Regierung in Peking, den Industriestaaten zu helfen. Doch die Chinesen ärgern sich über Verluste in Amerika. Von Janis Vougioukas. Shanghai – China geht zum Angriff über. Die großen Industrienationen müssten die Verantwortung für die weltweite Finanzkrise tragen, sagte Yi Gang, Vizegouverneur der Pekinger Zentralbank. Ihre „schlechte Disziplin und schwache Finanzpolitik hat die exzessive globale Liquiditätsblase und die chaotischen Kapitalströme erst verursacht”. Yi forderte den Internationalen Währungsfonds (IWF) auf, die Kontrolle der Industrienationen zu verbessern, Sie seien die Hauptverursacher der Währungskrise und müssten jetzt auch für die Folgen geradestehen. Man muss Yis bissige Kommentare auch als Antwort verstehen. Denn seit dem Zusammenbruch des weltweiten Finanzsystems hatten immer mehr westliche Politiker und Ökonomen gefordert, China bei den Wiederbelebungsversuchen in die Verantwortung zu nehmen. Tatsächlich verfügt kein anderes Land der Welt über annähernd vergleichbare Währungsreserven (siehe Grafik). Genau dies hat die Begehrlichkeiten im Westen geweckt. Die in Hongkong erscheinende Zeitung Ming Pao Daily hatte Anfang Oktober sogar gemeldet, China werde seine Ersparnisse nutzen und für 200 Milliarden Dollar US-Obligationen kaufen, um zur Rettung der amerikanischen Banken beizutragen. Als ein chinesischer Journalist darauf beim Pressesprecher der Zentralbank anrief und sich nach der Meldung erkundigte, antwortete der: „Davon höre ich zum ersten Mal.” Tatsächlich sind Chinas Devisenreserven bereits ausgegeben. Der größte Teil ist in amerikanischen Staatsanleihen angelegt: Über Jahre hat die Pekinger Regierung damit großzügig das Haushaltsdefizit der US-Regierung finanziert. Viele chinesische Devisen-Investitionen haben in den vergangenen Monaten deutlich an Wert verloren. Im vergangenen Jahr kaufte der Staatsfonds China Investment Corporation einen Fünf-Milliarden-Dollar-Anteil an der US-Investmentbank Morgan Stanley. Die Papiere sind jetzt gerade noch die Hälfte wert. Ähnliche Erfahrungen machten die Chinesen mit ihrem Anteil an der amerikanischen Beteiligungsgesellschaft Blackstone Group. Zu unerfahren fürs Zocken „In solch einer globalen Krise tut China am besten daran, sich selbst zu helfen”, sagte Wang Qing, Chefökonom von Morgan Stanley China. „Chinas Rolle in der globalen Wirtschaft ist immer noch vergleichsweise klein.” Premierminister Wen Jiabao sagte in der vergangenen Woche, China leiste den größten Beitrag zur Rettung der Weltwirtschaft, wenn das Land sein stabiles und schnelles Wirtschaftswachstum fortsetze. Bisher hat die amerikanische Finanzkrise China kaum berührt. Die größte Bank des Landes, die Industrial and Commercial Bank of China, konnte ihren Gewinn im ersten Halbjahr auf umgerechnet fast sieben Milliarden Euro steigern – eine Verbesserung um beinahe 60 Prozent. Die Verluste auf dem amerikanischen Hypothekenmarkt waren vergleichsweise gering. Die noch jungen Geldinstitute der Volksrepublik waren schlicht zu unerfahren, um sich mit solch komplexen Finanzprodukten zu beschäftigen. Dennoch geht auch die chinesische Zentralbank inzwischen von einer deutlichen Abschwächung des Wirtschaftswachstums aus. Im vergangenen Jahr wuchs das chinesische Bruttoinlandsprodukt noch um 11,9 Prozent. Im laufenden Jahr könnte es sich auf zehn Prozent verlangsamen. Für das kommende Jahr gehen die Wirtschaftsplaner inzwischen nur noch von einer Steigerung von neun Prozent aus – aus chinesischer Sicht ist das bereits eine deutliche Verlangsamung des Booms. Die Exporte waren in den vergangenen Jahren einer der wichtigsten Triebkräfte des rasanten Wirtschaftsaufschwungs. Sollte sich die Nachfrage aus den Vereinigten Staaten und Europa weiter verschlechtern, wären die Folgen auch in der Volksrepublik zu spüren. Geld abheben in Peking: Chinas Reserven könnten anderen helfen. SZ 14.10.2008 Ungarn ruft den IWF zu Hilfe. kA Kathrin Lauer Geld Meldung Ungarn Seite 23 kA Ungarn ruft den IWF zu Hilfe. Von Kathrin Lauer. Budapest – Ungarn hat als einziges Land in der Region angesichts der globalen Finanzkrise die Unterstützung des Inter-nationalen Währungsfonds (IWF) verlangt. Die Zusage aus Washington kam umgehend, verbunden mit einem indirekten Lob für Ferenc Gyurcsany, Ungarns angeschlagenen sozialistischen Ministerpräsidenten, der nun versucht, die Krise innenpolitisch zu nutzen. „Obwohl das Land seine Wirtschafts- und Finanzpolitik in den vergangenen Jahren verbessert hat”, schrieb der geschäftsführende IWF-Direktor Dominique Strauss-Kahn, sei der ungarische Anleihenmarkt stark unter Druck geraten. Gyurcsany betonte, man habe vom IWF „diese Unterstützung gewinnen müssen, damit wir sie niemals in Anspruch zu nehmen brauchen”. „Nun weiß jeder, dass Ungarn im Kampf gegen die Krise nicht allein ist.” Ungarn, noch vor zwei Jahren größter Defizitsünder der EU, beginnt sich zu erholen. Allerdings hat Finanzminister Janos Veres jetzt wegen der globalen Krise die Prognose für das Wirtschaftswachstum 2009 von 3,0 auf 2,0 Prozent korrigiert. Gyurcsany wiederum ist seit einem Skandal um falsche Angaben zu den Wirtschaftsdaten im Wahlkampf 2006 noch angeschlagen. Seit Wochen versucht er, die im Frühjahr zerbrochene Koalition mit der kleinen liberalen Partei zu kitten, um wieder eine sichere Mehrheit im Parlament zu bekommen. Ende vergangener Woche war die ungarische Landeswährung Forint ins Trudeln geraten. Sie verlor bis zu sechs Prozent im Verhältnis zum Euro. Bis Montag hatte sich der Forint wieder weitgehend erholt. Gyurcsany führte dies auf seinen Zwölf-Punkte-Plan zurück, den er am Freitag verkündet hatte: Die geplanten Steuersenkungen, die die Wirtschaft hätten ankurbeln sollen, werden gestrichen. Der Staat garantiert für alle Guthaben der Bevölkerung. Das Defizitziel wird von 4,0 auf 3,4 Prozent des Bruttoinlandprodukts gesenkt. Sogar Gyurcsanys ärgster Gegner, Ex-Notenbankchef Zsigmond Jarai, räumt ein, dass der Premier „in die richtige Richtung” marschiere. SZ 14.10.2008 Hektik in der Oase. Auch die arabischen Golfstaaten setzen auf staatliche Garantien zum Schutz der Handelsplätze. Die Suche nach Alternativen zum Öl gewinnt an Bedeutung. Steffen Heinzelmann Geld Bericht Golfstaaten Seite 23 kA Hektik in der Oase. Auch die arabischen Golfstaaten setzen auf staatliche Garantien zum Schutz der Handelsplätze. Die Suche nach Alternativen zum Öl gewinnt an Bedeutung. Von Steffen Heinzelmann. München – Als staubige Einöde der weltweiten Finanzwelt sehen die Scheichs der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) ihr Land schon lange nicht mehr, eher als funkelnde Oase an den Handelswegen zwischen Asien, Europa und Afrika: Am Dubai International Financial Centre, einem Handelsplatz mit einer Freihandelszone, versuchen die Herrscher der VAE seit drei Jahren, die Ölmillionen der einheimischen Familien zurückzuholen und ausländische Investoren an den Persischen Golf zu locken. Mit der Finanzkrise verloren nun aber auch die Börsen im Orient das Märchenhafte: In Dubai verlor der Leitindex seit Jahresbeginn die Hälfte seines Wertes, in Abu Dhabi fielen die Kurse im selben Zeitraum um 30 Prozent. Ähnlich wie die Europäer versuchen die Herrscher der sieben Königreiche am Golf nun, die Erschütterungen der internationalen Krise auf den Finanzsektor mit staatlichen Bürgschaften zu mildern. Die offizielle Nachrichtenagentur WAM meldete am Sonntag, die Emirate würden für die Dauer von drei Jahren die Garantie für alle Bankguthaben in dem Wüstenstaat übernehmen. Dieser Schutz schließe auch Guthaben bei ausländischen Banken in den VAE ein, hieß es. Und auch in Saudi-Arabiens Hauptstadt Riad, wo der Index Tadawul am Samstagabend auf den niedrigsten Stand seit vier Jahren fiel, erklangen Forderungen nach einem Eingreifen der Regierung. Nach diesen Nachrichten ging es an den Börsen der Golfstaaten am Montagmorgen erstmals seit langem wieder kräftig aufwärts, der Index in Dubai erreichte mit einem Plus von 10,5 Prozent den höchsten Tagesgewinn seiner Geschichte, in Abu Dhabi und Saudi-Arabien stiegen die Kurse um sieben und neun Prozent. Anders als Länder wie Ägypten waren die Golfstaaten bisher wenig von ausländischen Investitionen abhängig und galten wegen der hohen Einnahmen aus dem Ölgeschäft als krisensicher. Sinkende Immobilienpreise, von denen auch Bauvorhaben wie der mehr als 1000 Meter hohe Nakheel Tower in Dubai nicht ablenken können, und der fallende Ölpreis in Folge der Finanzkrise sorgen nun für erste Unruhe. Die Organisation der Erdöl exportierenden Länder (Opec) wird sich deshalb außerplanmäßig im November versammeln – und dann nach Angaben des Ölministers von Katar, Abdullah al-Attijah, auch darüber beraten, ob die Mitgliedsstaaten die Fördermenge von Rohöl senken und damit den Ölpreis wieder nach oben treiben. Tatsächlich muss für ein Barrel, also 159 Liter Rohöl, mit weniger als 80 Dollar fast nur noch die Hälfte des Preises von Mitte Juli bezahlt werden. „Angesichts der Konjunkturabkühlung werden wir möglicherweise eine sinkende Nachfrage erleben, aber dies ist derzeit noch nicht abzusehen”, sagt Attijah. Der derzeitige Preis birgt allerdings noch keine Gefahr für die Golfstaaten: Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds riskiert Saudi-Arabien erst ein Haushaltsdefizit, wenn ein Fass Öl weniger als 50 Dollar kostet. Die Vereinigten Arabischen Emirate bekämen sogar erst bei einem Preis von 23 Dollar Probleme. Länder wie Katar, das angesichts eines Ölreichtums und einem geschätzten Wirtschaftswachstum von neun Prozent in diesem Jahr bisher praktisch nicht mehr wusste, wohin mit dem vielen Geld, suchen bereits nach Alternativen zum zur Neige gehenden Rohöl. Die Regierung von Katar plant eine riesige Aluminiumschmelze, es gibt Überlegungen für eine Freihandelszone, in der Unternehmen 20 Jahre lang von allen Steuern befreit sind. Saudi-Arabien steckt seine Milliarden nicht nur in neue Raffinerien, sondern errichtet auch künstliche Wirtschaftszentren wie die King Abdullah Economic City am Roten Meer: Ein Hafen, ein Finanzbezirk und Forschungszentren sollen dort eine halbe Million Jobs schaffen. Und die VAE versuchen, in Dubai und Abu Dhabi Märchenwelten für reiche Touristen in den Wüstensand zu bauen. Mit den Millionen sollen dann auch die ärmeren der Königreiche wie das Emirat Adjman unterstützt werden. Hektik in Kuwait: Auch an den Börsen der Königreiche am Golf purzelten die Kurse. Nun gibt es Garantien zum Schutz der Handelsplätze. SZ 14.10.2008 Herbstgutachten der acht Wirtschaftsforscher. Deutschland am Rande der Rezession. Experten sagen für 2009 nur noch ein Wirtschaftswachstum von 0,2 Prozent und eine Stagnation am Arbeitsmarkt voraus. Sibylle Haas Wirtschaft Bericht BRD Seite 19 kA Herbstgutachten der acht Wirtschaftsforscher. Deutschland am Rande der Rezession. Experten sagen für 2009 nur noch ein Wirtschaftswachstum von 0,2 Prozent und eine Stagnation am Arbeitsmarkt voraus. Von Sibylle Haas. München – Die deutsche Wirtschaft steht am Rande einer Rezession. In ihrem für Dienstag erwarteten Herbstgutachten, das der Süddeutschen Zeitung vorab vorliegt, prognostizieren die führenden Wirtschaftsforscher für 2009 nur noch ein Wachstum von 0,2 Prozent. Die Arbeitslosigkeit werde im nächsten Jahr leicht steigen, heißt es. Die acht führenden Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Prognose für 2009 drastisch gesenkt. Im Frühjahr hatten die Experten noch damit gerechnet, dass die Wirtschaft nächstes Jahr um 1,4 Prozent wachsen wird. Zuvor hatte bereits der Internationale Währungsfonds (IWF) für 2009 wegen der globalen Finanzmarktkrise nur eine Stagnation des deutschen Bruttoinlandsprodukts vorausgesagt, nachdem er im Juli noch ein Prozent Wachstum erwartet hatte. Am Freitag war bereits durchgesickert, dass auch die Bundesregierung ihre Prognose für 2009 zurücknehmen wird und damit rechnet, dass die Wirtschaftsleistung im kommenden Jahr stagniert (SZ vom 11. Oktober). Bundeswirtschaftsminister Michael Glos wird das Gutachten am Donnerstag vorlegen. Damit gerät die deutsche Wirtschaft in den Sog der Finanzkrise. Die acht Wirtschaftsforscher nennen diese und die schwache US-Konjunktur als Grund für die mäßige Wirtschaftsentwicklung. Sie haben ihr Gutachten am 10. Oktober abgeschlossen und damit vor dem von der deutschen Bundesregierung verabschiedeten Rettungsplan für die deutsche Kreditwirtschaft. „Deutschland ist von der Abschwächung der internationalen Konjunktur im besonderen Maße betroffen, weil vor allem die Nachfrage nach Investitionsgütern zurückging, die im deutschen Exportsortiment eine überragende Rolle spielen”, heißt es in dem Herbstgutachten. Die Belastungen durch die Finanzkrise würden immer spürbarer. So seien die Finanzierungskosten der Unternehmen gestiegen. Auch drücke die Finanzkrise zunehmend die Erwartungen der Unternehmen. Die Experten schätzen, dass sich der Export deutlich abschwächen wird, zumal die Auftragseingänge aus dem Ausland schon seit Dezember 2007 zurückgingen. Die geplante Staatshilfe für die deutsche Finanzbranche wird nach Ansicht des Bankenexperten Wolfgang Gerke Engpässe in der Kreditversorgung verhindern helfen. „Wir können jetzt davon ausgehen, dass es nicht zu einer Kreditklemme kommen wird”, sagte Gerke am Montag bei einer Veranstaltung in Frankfurt zu Reuters-TV. Allerdings würden die Wachstumsraten der Wirtschaft erheblich sinken. „Doch durch solche Konjunkturtäler sind wir schon häufig geschritten – das werden wir meistern”, sagte Gerke. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) kritisierte, dass das Rettungspaket der Bundesregierung keine konjunkturstützenden Maßnahmen enthalte. „Wir brauchen jetzt ein Konjunkturprogramm in der Höhe von 25 Milliarden Euro, um den Abschwung abzufedern”, sagte der DGB-Vorsitzende Michael Sommer in Berlin. Für den Arbeitsmarkt sagen die acht Forschungsinstitute für 2009 eine Stagnation voraus. „Der seit Mitte 2005 anhaltende Rückgang der Arbeitslosigkeit läuft 2009 aus”, schreiben sie in ihrem Gutachten. Die Experten erwarten sogar eine leichte Zunahme der Arbeitslosenzahl. Sie rechnen wegen der schlechter ausgelasteten Kapazitäten mit weniger Neueinstellungen. Zugleich würden die Firmen versuchen, ihr qualifiziertes Personal zu halten, um den Fachkräftemangel zu umgehen. Der Produktionsrückgang werde durch den Abbau von Überstunden und Kündigungen von Zeitarbeitsverträgen und geringfügig Beschäftigten aufgefangen, heißt es. Der Preisauftrieb werde sich verlangsamen und 2009 etwa 2,3 Prozent betragen, schreiben die Experten. Sie begründen dies damit, dass die Preise an den Weltrohstoffmärkten vor allem für Agrarrohstoffe wieder gesunken sind. In diesem Jahr sind die Verbraucherpreise kräftig gestiegen; im dritten Quartal war die Lebenshaltung um 3,1 Prozent teurer als ein Jahr davor. Schon seit dem Jahreswechsel liegt die Inflationsrate so hoch wie zuletzt 1994. Mit voraussichtlich 2,8 Prozent werde Deutschland in diesem Jahr die höchste jährliche Inflationsrate seit Einführung des Euro verkraften. Die Stundenlöhne werden nach Schätzung der Experten im nächsten Jahr um 2,7 Prozent anziehen. Für Effektivlöhne ist bei sinkender Kapazitätsauslastung ein etwas geringerer Anstieg veranschlagt. „Damit wird der Verteilungsspielraum nahezu ausgeschöpft”, heißt es. SZ 14.10.2008 Das Ende einer Ära. Britische Regierung wird als Aktionär bei Großbanken künftig Einfluss nehmen. Andreas Oldag Wirtschaft Bericht GB Seite 19 kA Das Ende einer Ära. Britische Regierung wird als Aktionär bei Großbanken künftig Einfluss nehmen. Von Andreas Oldag. London – In einer beispiellosen Rettungsaktion ist der britische Staat bei angeschlagenen Großbanken als Aktionär eingestiegen. Beim zweitgrößten britischen Kreditinstitut Royal Bank of Scotland (RBS) wird der Staat sogar künftig mit einem Anteil von 60 Prozent Hauptaktionär, falls nicht ein privater Kapitalgeber hinzukommt. Großbritanniens Premierminister Gordon Brown bezeichnete den Schritt als die einzige Möglichkeit, die Bankenbranche vor dem Kollaps zu retten. Der Staat sei ein „Fels der Stabilität”, erklärte der Labour-Politiker. Brown bezeichnete den britischen Rettungsplan als Vorbild für ähnliche Hilfsmaßnahmen in Europa. Nach den Worten des britischen Finanzministers Alistair Darling soll der Staat nicht auf Dauer Aktionär sein. Die Regierung will ihre Anteile wieder verkaufen, sobald sich die Banken stabilisiert haben. Insgesamt hat das Rettungspaket ein Volumen von 500 Milliarden Pfund (etwa 630 Milliarden Euro). Neben einer Geldspritze von 200 Milliarden Pfund der britischen Notenbank Bank of England will der Staat mit 250 Milliarden Pfund für Finanzgeschäfte zwischen den Banken bürgen. Der britische Staat versorgt die Großbanken mit einer Kapitalspritze von fast 37 Milliarden Pfund. Für RBS stellt die Regierung Steuergelder von 20 Milliarden Pfund zur Verfügung. Die Banken HBOS und Lloyds TSB, die einen Zusammenschluss planen, benötigen gemeinsam 17 Milliarden Pfund frisches Kapital. An Lloyds/HBOS wird der Staat künftig einen Anteil von 40 Prozent halten. Konkurrent Barclays hofft dagegen noch, private Kapitalgeber zu finden. Das Institut braucht 6,5 Milliarden Pfund. Die britische Großbank HSBC ist bislang vergleichsweise glimpflich davon gekommen. Der Finanzkonzern wird zunächst keine Staatshilfen benötigen. Die Regierung kauft von RBS für fünf Milliarden Pfund Vorzugsaktien. Die übrigen 15 Milliarden Pfund sollen in Stammaktien fließen, falls sich wie erwartet kein anderer privater Geldgeber findet. Lloyds TSB wird mithilfe von Steuergeldern frisches Kapital von 11,5 Milliarden Pfund erhalten. Davon entfallen drei Milliarden auf Vorzugsaktien. Bei HBOS springt der Staat mit 5,5 Milliarden Pfund ein. RBS-Vorstand Fred Goodwin kündigte indes seinen Rücktritt an. Sein Nachfolger wird der ehemalige British-Land-Chef Stephen Hester. Zudem wird der Vorsitzende des RBS-Verwaltungsrates, Tom McKillop, sein Amt als Chairman auf der nächsten Hauptversammlung im April 2009 niederlegen. Goodwin war schon seit längerem von RBS-Anteilseignern heftig angegriffen worden. Ihm wird vorgeworfen, das Überleben von RBS durch die Übernahme der niederländischen Großbank ABN Amro aufs Spiel gesetzt zu haben. Die Kapitalbeteiligung der öffentlichen Hand ist durchaus ein Rückgriff auf die Vergangenheit, als Labour nach 1945 in der Verstaatlichung der Großindustrie ein Allheilmittel sah. In jedem Fall geht aber in London eine Ära zu Ende, die mit der Deregulierung der Finanzgeschäfte 1986 begann. Dieses war ein Projekt der damaligen konservativen Regierung unter Margaret Thatcher. Die später folgende Labour-Regierung unter Premierminister Tony Blair hat an der Liberalisierung festgehalten. Sie wurde vor allem auch gefördert vom damaligen Finanzminister Gordon Brown, der nun angesichts der weltweiten Finanzkrise eine andere Richtung eingeschlagen hat. Indes reagierte die Börse auf die Verstaatlichungsaktion negativ. Aktien von HBOS und Royal Bank of Scotland gaben am Montag erneut nach. Händler beurteilten es kritisch, dass die vom Staat gestützten Banken in den nächsten Jahren keine Dividende auszahlen. Labour hat zur Bedingung gemacht, dass die Banken auf ihre Stammaktien keine Dividende auszahlen, bevor nicht die direkten Kapitalhilfen zurückgezahlt sind. Wie es in London hieß, will die Regierung künftig auch Einfluss nehmen auf die Bezahlung der Top-Manager von Banken, denen Steuergelder zufließen. Großbritanniens Premierminister Gordon Brown bezeichnet den Staat als „Fels der Stabilität”. SZ 14.10.2008 Oberaufseher fordert schärfere Regeln. kA Reuters Geld Meldung BRD Seite 21 kA Oberaufseher fordert schärfere Regeln. Washington - Der Bankenbranche drohen nach Einschätzung der deutschen Finanzaufsicht Bafin angesichts der Krise deutlich schärfere gesetzliche Vorgaben. „Die Finanzkrise hat ernste Mängel im regulatorischen System ans Tageslicht gebracht”, sagte der Chef der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin), Jochen Sanio, am Montag in Washington. „Eine neue Runde von Selbstregulierungen der Banken wird es nicht geben.” Es stehe auch die Glaubwürdigkeit der Aufsichtsbehörden auf dem Spiel, sagte der Aufseher. Reuters SZ 14.10.2008 Nach den Rettungspaketen: Was die Länder konkret für ihre Banken tun, wie sich die Bilanzierung ändern soll . 1000 Milliarden Euro für Europas Banken Entschlossene Politiker, Kabinettssitzungen und Eilgesetze: Zahlreiche Regierungschefs verkünden die Rettung ihrer nationalen Finanzmärkte Cerstin Gammelin; Michael Klaesgen; Ulrike Sauer Geld Bericht EU Seite 21 kA Nach den Rettungspaketen: Was die Länder konkret für ihre Banken tun, wie sich die Bilanzierung ändern soll . 1000 Milliarden Euro für Europas Banken Entschlossene Politiker, Kabinettssitzungen und Eilgesetze: Zahlreiche Regierungschefs verkünden die Rettung ihrer nationalen Finanzmärkte Von Cerstin Gammelin, Michael Klaesgen und Ulrike Sauer. Brüssel/Paris/Rom – Wenige Stunden nach dem Krisentreffen der Euro-Länder in Paris am Sonntag haben einige europäische Staaten nationale Pläne vorgelegt, um finanziell angeschlagene Banken vor der Zahlungsunfähigkeit zu retten und die Wirtschaft zu beleben. Neben Deutschland reagierten die Regierungen in Madrid, Wien, Paris und Rom mit konkreten Rettungsmaßnahmen auf die globale Finanzkrise. Sie beschlossen finanzielle Hilfen in Höhe von mehr als tausend Milliarden Euro. Der amtierende EU-Ratspräsident und französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy hatte die nationalen Rettungspläne bereits am Sonntagabend nach Abschluss der Beratungen angekündigt. „Heute ist der Tag Europas, morgen werden die einzelnen Länder ihre Schlussfolgerungen vorlegen”, sagte Sarkozy. Die Staats- und Regierungschefs der 15 Länder, die den Euro als gemeinsame Währung nutzen, hatten zuvor einen gemeinsamen Rahmen für Finanzhilfen vereinbart und es den Ländern freigestellt, die Regeln individuell zu nutzen. Frankreich bürgt mit bis zu 320 Milliarden Euro für Kredite zwischen den Banken und stellt 40 Milliarden Euro bereit, um notleidende Institute mit Eigenkapital zu versorgen. Die Garantie zur Kreditvergabe zwischen den Banken sei bis Ende Dezember 2009 befristet, sagte Sarkozy am Montag. Sie beziehe sich auf Darlehen mit Laufzeiten bis zu fünf Jahren. Frankreich gründet zwei Staatsfonds, um seinem Finanzsektor zu stärken. Einen Fonds rief Premier Francois Fillon bereits vergangenen Mittwoch ins Leben, um die belgische Bank Dexia zu retten. Sarkozy betonte, die Hilfe gebe es nicht umsonst oder ohne Gegenleistung. Die Bezüge der Manager der Institute, die Hilfe in Anspruch nehmen müssten, würden begrenzt. Sarkozy rechnet nicht damit, dass das gesamte Hilfspaket beansprucht wird. Die Maßnahmen würden wie in anderen Ländern per Eilgesetz noch Ende der Woche in Kraft treten. Frankreichs Staatspräsident kündigte zudem Maßnahmen an, mit denen die Übernahme französischer Firmen von Unternehmen aus Drittstaaten verhindert werden soll. Er schloss zugleich aus, dass die zweitgrößte französische Privatbank Société Générale eine Kapitalerhöhung brauche. Der Aktienkurs der Bank war gegen den Trend am Montag weiter nach unten gegangen. Die Regierung in Rom beriet am Montagnachmittag ebenfalls weitere Notmaßnahmen, die den italienischen Finanzmarkt stabilisieren sollen. Im Gespräch waren finanzielle Hilfen in Höhe von 20 Milliarden Euro. Die Kabinettssitzung dauerte bei Redaktionsschluss noch an. Italien wolle vor allem den gelähmten Kreditmarkt wiederbeleben, erklärte Regierungschef Silvio Berlusconi am Montag. In Rom fürchte man nicht den Zusammenbruch von Geldhäusern, sondern sorge sich um die Fähigkeit der Kreditinstitute, ihre Rolle als Geldgeber auszuüben. An den Beratungen nahm der Premier allerdings nicht teil. „Wir wollen verhindern, dass sich die weltweite Finanzkrise in eine Wirtschaftskrise verwandelt”, hieß es in der Regierung. Nach der Kapitalerhöhung bei der Mailänder Großbank Unicredit, die vor einer Woche eine Stärkung ihrer Kapitaldecke aus eigenen Kräften angestoßen hatte, gebe es keinen Bedarf an weiteren Aufstockungen des italienischen Bankenkapitals. Am Mittwoch vergangener Woche hatte die Regierung per Gesetzesverordnung einen Einstieg des Finanzministeriums in angeschlagene Finanzinstitute ermöglicht. Ferner wurde die Einlagensicherung der Banken, die Guthaben bis zu 103000 Euro garantiert, um eine staatliche Sicherung in unbegrenzter Höhe ergänzt. Die Regierung machte keine Angaben über die Höhe der Staatsmittel. Die Regierung in Wien beschloss am Montag, für notleidende Banken rund 100 Milliarden Euro zur Verfügung zu stellen. Bis zu 85 Milliarden Euro davon sollen als staatlichen Garantien für Bankengeschäfte dienen. Damit will die Regierung sicherstellen, dass sich die Geldinstitute wieder gegenseitig Geld leihen, sagte Finanzminister Wilhelm Molterer in Wien. Mit weiteren 15 Milliarden Euro solle das Eigenkapital einzelner Banken erhöht werden. Der Staat behalte sich das Recht vor, Anteile und Mitwirkungsrechte zu übernehmen. Bundeskanzler Alfred Gusenbauer hatte bereits vorher die Teilverstaatlichung von Banken nicht mehr ausgeschlossen. Geprüft werde, ob die staatliche Österreichische Industrieholding ÖIAG stimmrechtslose Aktien zeichne. Welche Banken teilverstaatlicht werden könnten, blieb offen. Um die staatliche Beteiligung zu ermöglichen, müsste allerdings das ÖIAG-Gesetz geändert werden. Derzeit sind neue Verstaatlichungen rechtlich unmöglich. Spanien garantiert ebenfalls für die Geschäfte heimischer Banken. Die spanische Regierung gab am Montag eine Garantie für Bankanleihen ab, die bis zum Ende des Jahres befristet ist und mehr als 100 Milliarden Euro umfasst. Ministerpräsident José Luis Rodriguez Zapatero zufolge steht die Höhe der Garantien für 2009 noch nicht fest. Zapatero betonte, seine Regierung habe auch die Möglichkeit einer Rekapitalisierung von Banken gebilligt. Einen konkreten Plan gebe es derzeit noch nicht. Am Mittwoch wollen alle 27 EU–Länder die in Paris beschlossenen Regeln beraten. Schwedens Regierung signalisierte bereits Zustimmung. Sein Land werde die von den Ländern der Euro-Zone verabredeten Maßnahmen weitgehend übernehmen, sagte Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt in Stockholm. Er werde in den nächsten Tagen einen nationalen Plan vorlegen, der in einzelnen Punkten noch weitergehen könne. Schweden war bisher vergleichsweise wenig von den Auswirkungen der internationalen Finanzkrise betroffen. Was in Paris besprochen wurde, wird jetzt national umgesetzt: der französische Präsident Sarkozy (re.) und sein italienischer Amtskollege Berlusconi. SZ 14.10.2008 Notenbanken pumpen wieder. Jetzt können sich Banken unbegrenzt mit Geld versorgen. dpa Geld Meldung EU Seite 22 kA Notenbanken pumpen wieder. Jetzt können sich Banken unbegrenzt mit Geld versorgen. Frankfurt – Im Kampf gegen die Finanzkrise werden die großen Notenbanken die Geldmärkte in Europa künftig unbegrenzt mit Dollar versorgen. Die Ausstattung der Geschäftsbanken mit der weltweit wichtigsten Leitwährung solle damit weiter verbessert werden, teilten die Europäische Zentralbank (EZB) und die US- Notenbank Federal Reserve am Montag mit. Die Banken können sich bei ihren Notenbanken Zentralbankgeld ausleihen, müssen dafür aber Sicherheiten hinterlegen und Zinsen zahlen. Wegen des fehlenden Vertrauens leihen sich die Banken derzeit untereinander kaum noch Geld, sodass die Notenbanken einspringen müssen. Bisher hatte die Federal Reserve den Notenbanken im Ausland Tauschgeschäfte von insgesamt bis zu 450 Milliarden Euro zugesagt. Auf die EZB entfielen dabei 240 Milliarden Dollar. Daneben versorgt die Fed auch ihren heimischen US-Markt mit zusätzlicher Liquidität. Auch in Japan wird mit ähnlichen Maßnahmen gerechnet. Wegen grenzüberschreitender Geschäfte benötigen alle großen Banken weltweit Dollar. Die EZB wird von Mittwoch an Dollar unter der neuen Regelung abgeben. Die Vergabe erfolgt zu einem vorher festgelegten Zinssatz, der nicht je nach Nachfrage steigen soll. In bisherigen Dollar-Auktionen hatte es dagegen zeitweise eine so große Nachfrage gegeben, dass die Zinssätze teils auf deutlich über zehn Prozent gestiegen waren. Auch bei der regulären Vergabe von Zentralbankgeld in Euro hatte die EZB vergangene Woche angekündigt, künftig einen festen Zinssatz – den Leitzins – verlangen zu wollen. Geschäftsbanken können bei den Zentralbanken Wertpapiere wie Staatsanleihen gegen frisches Notenbankgeld tauschen, wenn sie sonst nicht günstiger an die Mittel kommen. Seit Beginn der Kreditkrise hatten die Notenbanken neben den üblichen Geschäften mehrfach auch zusätzliche Mittel zur Verfügung gestellt. Davor war dies bei der EZB nur nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 notwendig gewesen. In der vergangenen Woche hatten die EZB und andere Zentralbanken rund um den Globus die Zinsen gesenkt, der EZB-Leitzins liegt seitdem bei 3,75 Prozent. dpa SZ 14.10.2008 Nach den Rettungspaketen: Die Finanzkrise bescherte einem Spekulanten die ersten Verluste seines Lebens. Musterschüler des Altmeisters. Hedgefonds-Manager Mohnish Pabrai gilt als Warren Buffetts erfolgreichster Nachahmer. Seine Strategie: Viel schlafen und Gespräche mit dem Management meiden. Jürgen Leidinger Geld Bericht BRD Seite 24 kA Nach den Rettungspaketen: Die Finanzkrise bescherte einem Spekulanten die ersten Verluste seines Lebens. Musterschüler des Altmeisters. Hedgefonds-Manager Mohnish Pabrai gilt als Warren Buffetts erfolgreichster Nachahmer. Seine Strategie: Viel schlafen und Gespräche mit dem Management meiden. Von Jürgen Leidinger. Es war kein alltäglicher Brief, der vor neun Jahren in Warren Buffets Büro eintraf. Ein indischstämmiger Amerikaner namens Mohnish Pabrai bot dem bekanntesten Investor unserer Tage seine Dienste an, genauer: Er wollte vom Boden schrubben aufwärts alles erledigen, was von ihm verlangt würde, und dafür nicht einmal Geld nehmen. „Würde Jesus mich auffordern, etwas für ihn zu tun, gäbe es auch keine Diskussionen über Entlohnung”, sagte Pabrai später dem Wall Street Journal. Buffett lehnte damals dankend ab. Pabrai hat mittlerweile selbst ein Vermögen gemacht. Doch wann immer ihn jemand in einem seiner seltenen Interviews nach seinem Geheimnis fragt, verweist der 43-Jährige auf das große Vorbild aus Amerika : Alles, was er erreicht habe, verdanke er Buffett. Er selbst sei nur ein Nachahmer. In Wahrheit hatte er bereits beachtliche Erfolge als Unternehmer gefeiert, als er im Jahr 1994 zum ersten Mal überhaupt in einem Buch auf den Namen Warren Buffett stieß. In Indien aufgewachsen, kam Pabrai in die USA, um an der Clemson University in South Carolina zu studieren. Nach seinem Abschluss als IT-Ingenieur arbeitete er zwei Jahre beim Telekommunikationsunternehmen Tellabs. Mit Ersparnissen von 30 000 Dollar und einem Kredit über 70 000 Dollar gründete er 1990 den IT-Dienstleister Transtech. Zehn Jahre später verkaufte er das inzwischen hochprofitable Unternehmen. Nach diesem Erfolg gründete Pabrai erneut eine Firma. Sie sollte junge Internetfirmen in ihrer Startphase unterstützen. Doch die Internetblase platzte und Pabrais Gründung war schon ein Jahr nach dem Start pleite. Pabrai hat jedenfalls einiges aus dieser Schlappe gelernt, wie er später immer wieder sagte. Seine unternehmerischen Erfahrungen machte er sich für die Arbeit im Finanzbereich zunutze, mit dem er schon seit Jahren liebäugelte. Angefangen hatte alles mit Peter Lynchs Anlageratgeber „Der Börse einen Schritt voraus”. Pabrai las das Buch im Jahr 1994, als er sich Gedanken darüber machte, wie er sein bereits beachtliches Privatvermögen vermehren könnte. Lynch orientiert sich an den Grundsätzen des Value Investing, einer Anlagestrategie, die schon in den dreißiger Jahren von Benjamin Graham begründet wurde. Zur Schule des Value Investing gibt es Berge von Literatur und viele unterschiedliche Auslegungen. Im Kern geht es aber darum, abseits aktueller Börsentrends Unternehmen zu finden, deren Aktien an der Börse unterbewertet sind. Maßstab ist der sogenannte inneren Wert eines Unternehmens. Dieser entspricht der Summe, die ein gut informierter Käufer für das gesamte Unternehmen bezahlen würde. Der Markt bewertet diesen tatsächlichen Unternehmenswert nach Ansicht der Value-Investoren nicht immer richtig – neben mangelhaften Informationen spielt bei Fehleinschätzungen auch die Psychologie der Marktteilnehmer eine große Rolle. Wer ein unterbewertetes Unternehmen ausmacht, kann demnach bei relativ geringem Risiko langfristig mit guten Renditen rechnen. Pabrai war von dieser Methode begeistert. Er besorgte sich alles Material, was er zum Thema finden konnte, und befasste sich damit zwangsläufig auch mit dem erfolgreichsten aller Value Investoren, Warren Buffett, der wiederum beim Gründer Graham gelernt hatte. Buffett hatte vorgemacht, wie man mit klugen und langfristigen Investments ein Milliardenvermögen verdient. Weil seine einzigartige Erfolgsgeschichte auf einfachen und bekannten Prinzipien beruht, erschien es Pabrai nur logisch, das große Vorbild zu kopieren. Erst investierte er eine Million Dollar eigenes Geld. Der hochbegabte Pabrai, seit seiner Jugend Mitglied bei Mensa, einer Gesellschaft für Menschen mit einem Intelligenzquotienten jenseits der 130, entpuppte sich als geborener Investor. Mit seinen privaten Anlagestrategien soll er in den ersten Jahren Renditen bis zu 70 Prozent erzielt haben. Als Orientierung diente ihm vor allem der frühe Buffett der sechziger Jahre, der damals einen kleinen Hedgefonds führte. Im Jahr 1999 tat es Pabrai dem Vorbild gleich und gründete seinen eigenen Hedgefonds: Startkapital waren damals eine Million Dollar, zu gleichen Teilen von Pabrai selbst und neun Bekannten aufgebracht. Bis 2007 schaffte der Pabrai Fund durchschnittlich 29 Prozent jährliche Rendite. Das Fondsvolumen liegt bei mehreren hundert Milliarden Dollar. Pabrai investiert in maximal fünfzehn unterschiedliche Werte. Aktuell nehmen der südamerikanische Stahlerzeuger Ternium und der Handelskonzern Sears Holdings Corporation die größten Positionen im Portfolio ein. Unter Privatanlegern, die sich in den USA seit einigen Jahren zunehmend über das Internet vernetzen, avancierte Pabrai zum Star. Auf Seiten wie Stockpickr.com oder Gurufocus.com, wo man die Bewegungen in den Portfolios bekannter Investoren beobachten kann, findet sich Pabrais Fonds unter den meistbeachteten. Der Mann, der von sich behauptet, alles nur von einem anderen abgeschaut zu haben, gehört also selbst bereits zu den meistkopierten Anlegern. Die Finanzkrise hat freilich auch Buffetts Musterschüler nicht verschont. Er investierte in Delta Financial, einen Anbieter von Subprime-Krediten, und fiel auf die Nase, weil das Unternehmen Insolvenz anmelden musste. Den Anlegern bescherte dieses Fehlinvestment erstmals ein Jahresminus im einstelligen Prozentbereich. In Anbetracht der Lage an den internationalen Finanzmärkten wird auch das laufende Jahr sicher keine Wunderrenditen mehr bescheren. Doch Pabrai bleibt bei seinen langfristigen Zielen: die großen Indizes schlagen, aber mit einer kleineren Marge als bisher. Bislang hat Pabrai zwei Bücher veröffentlicht, in denen er Privatanlegern Tipps gibt. Im jüngsten Werk vergleicht er seine Grundsätze mit der Wirtschaftsauffassung der Patels, einer ethnischen Minderheit aus seiner Heimat. Die Patels leben in der Provinz Gujarat im Nordwesten des indischen Subkontinents. In den siebziger Jahren sind viele von ihnen in die Vereinigten Staaten ausgewandert, wo sie innerhalb relativ kurzer Zeit eine ganze Branche übernahmen. „Weniger als einer unter 500 Amerikanern ist ein Patel. Deshalb ist es erstaunlich, dass mehr als die Hälfte aller Motels im gesamten Land von Patels betrieben werden”, schreibt Pabrai in dem Buch „The Dhandho Investor”, das vergangenes Jahr erschienen ist. Dhandho heißt das Wirtschaftsprinzip der Patels. Pabrai übersetzt es in denkbar einfache Regeln für Anleger, allen voran: Investiere in Werte mit hohem Renditepotential bei möglichst niedrigem Risiko. Was wie eine Binsenweisheit klingt, entspricht gerade eben nicht dem Muster, nachdem die meisten Anleger gestrickt sind. In der Realität gehen viele Erfolgschancen mit hohen Risiken einher. Die Kunst eines guten Investors, wie in Pabrai beschreibt, besteht darin, aus der Unzahl börsengehandelter Unternehmen gerade jene herauszufiltern, die diesen einfachen Kriterien überhaupt entsprechen könnten. Damit ihm dieses Kunststück selbst gelingt, verbringt Pabrai den größten Teil seiner Arbeitswoche mit Lesen. In seinem kalifornischen Büro, das mit unzähligen Buffett-Fotos dekoriert ist, durchforstet er Zeitungen, Wirtschaftsmagazine und Bücher. Wenn er ein bestimmtes neues Unternehmen ins Auge gefasst hat, besorgt er sich alle Informationen, die öffentlich zugänglich sind. Kontakte zum Management von Unternehmen, in die er investiert oder investieren will, vermeidet er grundsätzlich. Überhaupt versucht er, nicht mehr als einen Termin in der Woche wahrzunehmen und hält täglich einen kurzen Nachmittagsschlaf. „Mein dauerhafter Modus Operandi besteht darin, dass ich annehme, ich sei einfach ein vornehmer Müßiggänger und nicht in der Investmentbranche”, sagte Pabrai einmal in einem Interview. Die Hektik der Branche und die optimistischen Prophezeiungen der Unternehmensführer seien es, die einen von den wirklich guten Anlagen ablenken. Nur einige Male im Jahr stößt Pabrai auf neue potentielle Anlagemöglichkeiten. Dann kann es schon passieren, dass er sich tagelang nur mit einem einzigen Unternehmen beschäftigt. Mit Buffett verbindet ihn nicht nur seine konservative Anlagestrategie. Beide spielen leidenschaftlich gerne Bridge und beide finanzieren gemeinnützige Stiftungen. So fand sich auch ein Gesprächsthema, als Pabrai 2007 endlich den Zuschlag für das begehrte Steak-Essen mit Buffett bekam, das jährlich über das Internetauktionshaus Ebay versteigert wird. In vier vorangegangenen Auktionen war er von anderen Buffet-Jüngern überboten worden. Gemeinsam mit einem Partner bezahlte er schließlich die Rekordsumme von 650 100 Dollar. Beim Essen sollen sich die Herren nicht über Investments unterhalten haben, sondern über ihr Engagement für wohltätige Zwecke. Der Mann behauptet von sich, alles abgeschaut zu haben. Heute gehört er selbst zu den meistkopierten Anlegern. Das Vorbild: Um Warren Buffett zu treffen, musste Pabrai einen Essenstermin im Internet ersteigern. SZ 14.10.2008 Finanzkrise in Kürze kA kA Wirtschaft Meldung global Seite 19 kA Finanzkrise in Kürze. Nach einer schrecklichen Vorwoche an der Börse ging es am Montag weltweit mit den Kursen nach oben. Der Deutsche Aktienindex (Dax) verbuchte mit einem Plus von knapp acht Prozent sogar den größten Tagesgewinn, seit es den Index gibt. Der Grund für den Anstieg waren die Rettungspakete für die Finanzbranche, die nach dem EU-Gipfel vom Wochenende in ganz Europa geschnürt wurden, ob in Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Österreich oder Irland. Die Pakete bringen Zuversicht in die Märkte. Immer deutlicher zeigt sich, wie die Finanzkrise die Gewichte auf der Welt verschiebt: Indien, China oder Brasilien werden künftig mehr Macht haben – auf Kosten Amerikas und Europas. In Deutschland fürchten die Sparer nach der Pleite der isländischen Kaupthing Bank weiter um ihr Geld. Problematisch ist vor allem, dass ausländische Banken nicht vom Garantie-Versprechen der Kanzlerin profitieren. Die Bundesregierung überlegt, die drei Einlagensicherungen der verschiedenen Banksysteme zusammenzulegen. SZ 14.10.2008 Kabinett beschließt Rettungspaket für die Banken. 500-Milliarden-Programm beruhigt die Börsen. Bundesregierung will aber nur Instituten helfen, die Manager-Gehälter kappen und Bonus-Zahlungen streichen. miba; gwb Politik Bericht BRD Seite 1 kA Kabinett beschließt Rettungspaket für die Banken. 500-Milliarden-Programm beruhigt die Börsen. Bundesregierung will aber nur Instituten helfen, die Manager-Gehälter kappen und Bonus-Zahlungen streichen. Berlin – Ein staatliches Rettungspaket über 500 Milliarden Euro hat dem Deutschen Aktienindex einen Sprung um elf Prozent beschert; bis Börsenschluss übersprang er die 5000-Punkte-Marke. Die Regierung will den Banken Nothilfe allerdings nur dann gewähren, wenn sie Einfluss auf das Management erhält. So will der Bund den Instituten nur dann frisches Eigenkapital gewähren, wenn sie Manager-Gehälter und Abfindungen begrenzen. Europaweit griffen Regierungen mit Milliardenbeträgen ein. Es gehe nicht darum, „Banken oder Managern etwas Gutes zu tun”, sagte Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) in Berlin. So sollen die Banken nur gegen Gebühren in den Genuss von Bürgschaften kommen. Versorgt der Bund die Banken mit frischem Kapital, erhält er Anteile an den Banken – und weitreichenden Einfluss. „Es geht um klare Auflagen, es geht um eine Gegenleistung”, sagte Steinbrück. Denkbar sei eine Begrenzung der Managergehälter auf 500 000 Euro im Jahr sowie der Verzicht auf Bonus-Zahlungen und Abfindungen. Auch müssten die Banken dem Mittelstand weiter Kredite gewähren. Bis zu 500 Milliarden Euro will der Bund zur Bewältigung der Finanzkrise bereitstellen, davon 400 Milliarden für Bürgschaften. Diese sollen vor allem das Vertrauen der Banken zueinander stärken: Der Bund garantiert dafür, dass Kreditinstitute ihre Verbindlichkeiten bedienen können. Damit können Banken darauf vertrauen, das Geld auch wiederzusehen, das sie untereinander verleihen. Dieser „Interbankenmarkt” war zuletzt nahezu zum Erliegen gekommen. Mit bis zu 70 Milliarden Euro will sich der Bund zudem über einen Fonds an den Geldinstituten beteiligen. Dadurch erhalten die Banken frisches Eigenkapital. Weitere zehn Milliarden Euro dienen als Reserve, falls die Summe nicht ausreicht. Entsprechende Gesetze sollen nun im Eilverfahren noch diese Woche verabschiedet werden. Sowohl die Koalitionsfraktionen als auch die Oppositionsparteien sicherten der Bundesregierung Unterstützung zu. Bundeskanzlerin Angela Merkel bezeichnete das Paket als „ersten Baustein für eine neue Finanzmarktverfassung”. Als Nächstes müssten nun strengere internationale Regeln folgen. „Wir haben es mit Exzessen zu tun gehabt”, sagte Merkel. Das Paket kommt zunächst ohne Steuermittel aus. Den milliardenschweren Fonds will der Bund als Sondervermögen auflegen. Für die Bürgschaften kalkuliert er ein Ausfallrisiko von fünf Prozent. Bis zu 20 Milliarden Euro Verlust sollen dem Fonds in einem solchen Fall zusätzlich zufließen; zusammen mit den 80 Milliarden Euro für die Beteiligung an Banken belastet die Aktion den Staat so mit bis zu 100 Milliarden Euro. Auch die Länder sollen sich beteiligen. „Die Länder müssen nach Auffassung des Bundes zu 35 Prozent dabei sein”, sagte Steinbrück – falls der Fonds später mit Verlust aufgelöst werde. Die Rettungsaktion ist befristet bis Ende 2009. In einigen Bundesländern, etwa Bayern oder Thüringen, regt sich jedoch Widerstand, weil es zusätzliche Lasten für die Länderhaushalte bedeuten würde. Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen hingegen begrüßten den Plan. Die Krise könnte das Ziel eines ausgeglichenen Haushaltes bis 2011 zunichte machen. Bisherige Annahmen zum Wirtschaftswachstum seien nicht mehr zu halten, sagte Merkel. „Das kann zur Folge haben, dass sich das Ziel des ausgeglichenen Haushalts verschiebt.” Europaweit hatten Staaten am Montag Rettungspakete bekanntgegeben. Die französische Regierung schnürte ein Paket über 360 Milliarden Euro, Spanien und Österreich stellten Aktionen über je 100 Milliarden Euro in Aussicht. Die Börsen reagierten weltweit mit einem Höhenflug. Der Dax legte zu wie nie zuvor an einem einzigen Handelstag. miba/gwb. SZ 14.10.2008 Alles nur geliehen. Wie der Staat die Hilfen und die Garantien für die angeschlagenen Banken finanzieren will. Guido Bohsem; Daniela Kuhr Themen des Tages Bericht BRD Seite 2 kA Alles nur geliehen. Wie der Staat die Hilfen und die Garantien für die angeschlagenen Banken finanzieren will. Von Guido Bohsem und Daniela Kuhr. Das Kabinett hat am Montag einen Plan zur Rettung der deutschen Banken beschlossen. Insgesamt will der Staat den Finanzinstituten bis zu 500 Milliarden Euro in Form von Bürgschaften und direkten Kapitalhilfen zur Verfügung stellen. Die Regierung will mit den Bürgschaften erreichen, dass die Banken sich untereinander wieder Geld leihen, was sie derzeit wegen der Finanzkrise kaum noch tun. Mit den direkten Finanzhilfen will er sicherstellen, dass keine Bank schließen muss, weil ihr Eigenkapital nicht mehr ausreicht. Woher bekommt der Bund das Geld? Zunächst muss der Staat nur für die direkten Finanzspritzen Geld auftreiben. Diese machen nach den Planungen bis zu 80 Milliarden Euro aus. In einer ersten Tranche will die Regierung den Banken 70 Milliarden Euro anbieten. Reicht das nicht aus, kann der Bund das Paket um weitere zehn Milliarden Euro aufstocken. Außerdem schließt der Staat nicht aus, problematische Wertpapiere der Banken aufzukaufen. Das Geld dafür muss der Bund sich leihen. Das geschieht über die Bundesfinanzagentur. Diese gibt Bundesanleihen, -obligationen, Schatzbriefe und andere Staatspapiere aus, die von Banken und Sparern gekauft werden können. Da derzeit viele nach sicheren Anlagen suchen, dürfte es für die Agentur nicht allzu schwierig werden, das Geld aufzubringen. Für den größeren Teil des Pakets, nämlich für die Bürgschaften in Höhe von 400 Milliarden Euro, muss der Staat zunächst keine Mittel zur Verfügung stellen. Allerdings wird der Bürgschaftsrahmen des Bundes im Haushalt deutlich aufgestockt werden. Erst wenn ein Kredit einer Bank an eine andere platzt, springt der Staat ein. Für dieses Risiko stellt er zur Absicherung vorsorglich rund 20 Milliarden Euro bereit. Was bedeutet das für das Ziel eines Bundeshaushalts ohne Schulden? Formal nichts. Das liegt daran, dass der Bund einen Fonds einrichten will, eine Art Nebenhaushalt. Dieser umfasst dann bis zu 100 Milliarden Euro (bis zu 80 Milliarden Euro Kapitalhilfen und bis zu 20 Milliarden Euro Absicherung für die Garantien). Im Bundeshaushalt taucht dieses Geld nicht auf, weil der sogenannte Finanzmarktstabilisierungsfonds rechtlich davon getrennt ist und von der Bundesbank verwaltet wird. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) hat das Ziel eines ausgeglichenen Haushalts im Jahr 2011 nicht wegen der Mittel für den Fonds in Frage gestellt, sondern weil er befürchtet, dass die Finanzkrise auf die Realwirtschaft übergreift und so die Steuereinnahmen sinken und die Ausgaben steigen. Wenn der Staat für die Finanzspritzen zum Beispiel Aktien der Banken erhält, gerät er auch nicht in die Gefahr, gegen den europäischen Stabilitätspakt zu verstoßen. Denn er hat ja für das ausgegebene Geld Werte erworben. Sind höhere Steuern in Folge des Rettungspakets zu erwarten? Die Bundesregierung hat keine Steuererhöhung vorgesehen. Im besten Fall steigt der Fonds mit dem Geld des Staates bei Banken ein und kann die dafür erhaltenen Anteile nach ein paar Jahren mit Gewinn verkaufen. Macht der Fonds jedoch ein Minus, teilen sich Bund und Länder die Lasten. 35 Prozent sollen die Länder und 65 Prozent soll der Bund tragen. Wie dieser Betrag dann allerdings finanziert werden soll, ist offen. Wird der Staat jetzt zum Banker? Der neue Fonds des Bundes hat die Möglichkeit, den Banken zu helfen, indem er Anteile oder stille Beteiligungen erwirbt. Der Staat kann dadurch indirekt zum Miteigentümer werden. Die Beteiligung wird durch eine neue Vorschrift erleichtert: Der Gesetzgeber ermächtigt die Vorstände der Banken, bis Ende 2009 unkompliziert das Grundkapital durch die Ausgabe neuer Aktien um bis zu 50 Prozent zu erhöhen. Die Altaktionäre brauchen der Kapitalerhöhung nicht zuzustimmen und haben auch kein Bezugsrecht. Die neuen Aktien müssen an den Fonds gehen. Der Vorstand braucht allerdings die Zustimmung des Aufsichtsrats. Wie kann der Staat Einfluss nehmen? Eine neue Rechtsverordnung des Finanzministeriums soll Auflagen regeln, welche die unterstützten Banken im Gegenzug für die Hilfe erfüllen müssen. So kann das Ministerium beispielsweise Vorschriften machen zur Verwendung der Mittel, zur Entlohnung von Führungskräften und Angestellten oder auch zur Höhe der Dividende. Die Chefs der Banken haben dafür zu sorgen, dass die Auflagen eingehalten werden. Haben sich schon Banken gemeldet? Nach Angaben der Regierung nicht. Die Experten im Finanzministerium gehen davon aus, dass die ersten Anfragen erst kommen, wenn Bundestag und Bundesrat das Hilfspaket beschlossen haben. Hat es schon mal eine vergleichbare Hilfe gegeben? 1931 waren mehrere große deutsche Banken in Not. Die Reichsregierung half ihnen damals mit frischem Kapital und übernahm Aktienpakete. Fünf Jahre später konnten die Banken die Aktien zurückkaufen. SZ 14.10.2008 Schutz für den Schirmherrn. Der Staat als Garant und Bürge der vertrauenslosen Banken. Andreas Zielcke Feuilleton Kommentar BRD Seite 13 kA Schutz für den Schirmherrn. Der Staat als Garant und Bürge der vertrauenslosen Banken. Von dem am Montag verabschiedeten Rettungspaket für die Wiedergenesung des Bankensektors, das 500 Milliarden Euro umfassen soll, sind 400 Milliarden für staatliche Garantien veranschlagt. Noch ist offen, wie diese „Garantien” rechtlich ausgestaltet werden, doch der Sache nach stellt sich der Staat als Bürge von Bankenverbindlichkeiten zur Verfügung. Dies tut er in historisch bisher unbekannten Dimensionen, unbekannt nicht nur in der Nachkriegsgeschichte, sondern in der Wirtschaftsgeschichte der Neuzeit. Zum Vergleich: Für den Bundeshaushalt 2009 sind rund 288 Milliarden Euro vorgesehen (die möglichen Mehrausgaben für die Finanzkrise sind dabei noch nicht berücksichtigt). Die beschlossenen Garantiesummen lassen nicht unmittelbar auf die Höhe der Bilanzverluste schließen, die den Banken durch die Folgen der amerikanischen Immobilienkreditkrise entstanden sind. Sie lassen aber den Schluss auf das Kapital zu, um das es bei dem ganzen Desaster letztlich geht, das Vertrauenskapital. Auch die Kosten dieses nur scheinbar esoterischen Kapitals kann man nun beziffern. Mindestens 400 Milliarden braucht man also offenbar, um das verloren gegangene Marktvertrauen durch ein neues, künstlich erzeugtes zu ersetzen. Und dem Staat kommt die Rolle dieses Vertrauenserzeugers zu. Es ist die klassische Ausgangssituation der Bürgschaft. Sie soll dort Vertrauen schaffen, wo es Vertragspartnern untereinander nicht gelingt. Da in der Finanzkrise eben nicht nur das Vertrauen in die Banken verspielt wurde, sondern vor allem die Banken untereinander kein mit gegenseitigen Krediten belastbares Vertrauen mehr zueinander haben, hätten von Anfang an alle Lösungsversuche hier ansetzen müssen – am faulen Vertrauen, nicht an den faulen Krediten. Nun also tritt der Staat als Bürge an. Es ist das ultimative Misstrauensvotum gegenüber den Selbstheilungskräften des Marktes, und es scheint gleichwohl dessen einzige Chance zu sein, am Ende wieder Vertrauen in sich selbst zu finden. Was ist eine Bürgschaft? Und was ist, wenn es der Staat ist, der in die Rolle des Garanten und Bürgen schlüpft? Bürgschaften zählen zu den elementaren rechtlichen Instrumenten der Beschaffung von wirtschaftlicher Sicherheit. So gut wie jeder Vertrag, der längerfristig angelegt ist (Ratenverträge etwa) oder der wegen seines finanziellen Umfangs Unwägbarkeiten und unzumutbare Risiken auf der Seite des Schuldners birgt, verlangt nach hinreichender Sicherheit, um den Gläubiger, gerade den solide wirtschaftenden Gläubiger, überhaupt in das Geschäft einsteigen zu lassen. Neben dinglichen Sicherheiten wie Grundstücken oder Wertpapieren, die man dem Gläubiger verpfändet, gibt es diese „persönliche” Sicherheit der Bürgschaft. Sie ist im Zivil- und Handelsrecht in vielfältigen Varianten ausgeformt und bietet sich immer an, wenn verpfändbares Vermögen nicht zur Verfügung steht. Vorausgesetzt, man findet einen Bürgen. Genötigt, selbstlos, berechnend. Denn vom Bürgen wird Außerordentliches erwartet. Er soll für das Risiko, das dem Gläubiger aus nachvollziehbaren Gründen zu groß ist, persönlich einstehen und mit seinem Vermögen anstelle des Schuldners haften, falls dieser versagt und seiner Zahlungspflicht nicht nachkommt. Wer tut das und aus welchen Gründen? Man kann in der Wirtschaftsgeschichte den Faden verfolgen, wie die beiden Hauptmotive, sich als Bürge zu stellen, zur Geltung kamen und welche Rolle sie wirtschaftlich spielten. Bevor sich am Ausgang des Mittelalters in Europa allmählich ein ausgefeilteres professionelles Kredit- und Bankensystem etablierte, kamen als Bürgen in erster Linie nur Privatpersonen in Betracht: Angehörige, Geschäftspartner, Zunftgenossen, die entweder hinreichend Vertrauen in den Schuldner besaßen oder aber sich aus ehelichen, patriarchalen, feudalen oder kollegialen Gründen verpflichtet sahen, ihm in der Haftung beizustehen – genötigt, selbstlos oder berechnend. Schon das Alte Testament, das ja den Zins verbietet, aber den wirtschaftlichen Verkehr zu schätzen weiß, kennt die Bedeutung der Bürgschaft. Doch erst mit der Ausbildung des neuzeitlichen Finanzsystems treten neben den privat haftenden Bürgen nun Banken, Kautionsmakler und Versicherungsunternehmen, die aus der Bürgschaft ein Geschäftsmodell entwickeln. Die Steigerung des Gläubigervertrauens wird ein eigener profitabler Geschäftszweig, die Sicherung des Vertrauens kommerzialisiert und routinisiert. Ohne diese Systematisierung der Risikoverteilung wäre die Entfaltung des modernen Kapitalismus nicht denkbar. Banken und Versicherer, die sich selbst gegen eine entsprechende Gebühr als Bürgen zur Verfügung stellen, werden zum generalisierten Schirmherrn von Handelspartnern, die einander ohne diese Hilfe keine Kredite gewähren würden. Den Schirm, den jetzt der Staat über die Banken spannt, den spannen sie normalerweise über die Wirtschaftswelt. Jeder Bürger ist ein Bürge. Aber natürlich entfesselt die Auslagerung der bürgenden Sicherheit auf Banken nicht nur den gesamten wirtschaftlichen Verkehr, sondern entfesselt zugleich auch die Risikobereitschaft der so abgesicherten Unternehmer. Wieviele Wirtschaftskrisen in der neueren Geschichte gehen auf ein zu laxes Risikobewusstsein der Real-, aber auch der Finanzwirtschaft – die sich ja ihrerseits auf dieselbe Weise absichert – zurück? Ist die Zunahme des irrationalen Spiels mit dem Risiko die unbeabsichtigte Nebenwirkung der institutionellen Absicherung eben dieses Risikos? Genau das wird jedenfalls auch jetzt als berechtigtes Bedenken gegen die große Garantieübernahme formuliert. Die Banken, die nun die Begünstigten der staatlichen Garantie sind, können für die Zukunft den falschen, den wahrlich fatalen Lernschritt verinnerlichen – zur Not gibt es stets den zuverlässigen weißen Ritter. In der Tat lässt sich das Prinzip der Bürgschaft nicht wirklich diskreditieren, mögen die Finanzhasardeure noch so sehr Schindluder mit der Risikoabwälzung getrieben haben. Denn Bürgen ist längst integraler Bestandteil der gesellschaftlichen Erzeugung und Erhaltung von wechselseitigem Vertrauen und damit weit mehr als nur eine rechtliche Kategorie. Es ist ein Konstruktionsmerkmal der Neuzeit. Auf die meisten Urteile und Entscheidungen, die Dritte fällen, kann man sich nur verlassen, weil man dem Entscheidenden „traut”. Man traut ihm, weil er mit seinem Ruf, seiner Vorgeschichte, seiner Kompetenz seine Entscheidung „beglaubigt” und verlässlich macht – und notfalls dafür einsteht. Heutzutage sind das nicht mehr so dramatische Situationen wie in Schillers „Bürgschaft”, deren historischer Gehalt nicht zufällig auf die griechische Antike zurückgeht: ein Mann verbürgt sein Leben für das Versprechen seines Freundes. Und auch nicht mehr so existentielle Situationen wie etwa im 16. Jahrhundert, als man nur dann venezianischer Bürger werden konnte, wenn man zwei honorige Bürgen stellte. Derlei förmliche Verlässlichkeitsbürgen kennt man zwar heute noch, aber eher für den Zutritt in Clubs, die sich exklusiv dünken. Heute ist demgegenüber nicht nur der Wirtschaftsverkehr, aber er ganz besonders zum größten Teil auf treuhänderischer Gestaltungsmacht aufgebaut. Man entscheidet mit Folgen für Dritte, sei es für untergebene Angestellte, sei es für das Vermögen anderer, sei es für den Ruf des Unternehmens, sei es für das Recht von Mandanten, sei es für die Resultate einer wissenschaftlichen Kooperation. Im besten Fall „verbürgt” sich der Entscheidende für seine Entscheidung, seine Empfehlung, im schlechteren und häufigeren Fall haftet er dafür, ohne dass er sich seiner Verantwortung bewusst war (er wird „gegangen”), und in den meisten Fällen bleiben Bürgschaft und Verantwortlichkeit diffus und für den Entscheider folgenlos. Dafür aber gibt es ein beruhigendes Ende der Bürgschaftskette, die letzte Vertrauensinstanz. So kann man den Staat als den zur zweiten Natur von Bürgern und Wirtschaft gewordenen Bürgen aller Bürgen ansehen – der allergrößte, allerleistungsfähigste und, von Rechts wegen jedenfalls, allerneutralste Ausfallbürge. Jetzt, in der Krise, könnte er seine Idealrolle zeigen: Mag der Staat auf noch so vielen politischen Feldern versagen, als Garant finanzieller Vertrauensbildung ist er unersetzlich. Das Misstrauen der Steuerzahler in die staatsnegierende Haltung der Bankenwelt kommt ihm jetzt als neutraler Vertrauensbeschaffer dieser Welt zugute. ANDREAS ZIELCKE. SZ 14.10.2008 Blick in die Presse Sozialismus der Reichen. Die deutsche und die internationale Presse kommentieren die politischen Pläne zur Rettung der Finanzwirtschaft kA Meinungsseite Zitat global Seite 4 kA Blick in die Presse Sozialismus der Reichen. Die deutsche und die internationale Presse kommentieren die politischen Pläne zur Rettung der Finanzwirtschaft: EL PAÍS (Madrid): „Die Steuerzahler in allen betroffenen Ländern haben guten Grund, skeptisch zu sein angesichts dieser Art Sozialismus der Reichen, in den sich die Therapien zur Stützung des globalen Finanzsystems verwandelt haben. Aber es gibt keine andere Medizin, als zu stützen. Die Untätigkeit als Alternative wäre für alle weitaus kostspieliger. ” LA REPUBBLICA (Rom): „Unter einem noch nie dagewesenen Druck – und in der nervenaufreibenden Erwartung des Urteils der Börsen – hat der europäische Gipfel endlich einen Plan hervorgebracht. Die Bedrohung eines ,systematischen Kollapses der Weltwirtschaft‘ hat auf die europäischen Regierungen wie ein Elektroschock gewirkt.” FRANKFURTER ALLGEMEINE: „Der Eingriff des Staates ist ein Armutszeugnis für die Finanzbranche und ein Schlag für die beste aller Lebensformen, die soziale Marktwirtschaft mit freiem Unternehmertum. Der Staat ist kein guter Unternehmer. Er wird sich wieder zurückziehen müssen, das weiß auch die Kanzlerin. Doch bis dahin können sich die, die Staatshilfe in Anspruch nehmen müssen, auf erheblichen Einfluss aus Berlin gefasst machen. Mit Steuergeld wirtschaften und hernach den Managern fette Boni zahlen, das können die Banker vergessen. In den schwer durchgeschüttelten Landesbanken dürfte kein Stein auf dem anderen bleiben. Die Bankenlandschaft wird nicht mehr sein wie zuvor.” TAGESZEITUNG (Berlin): „Diese Finanzkrise ist ein Spiel. Kein Kinderspiel, sondern eine Milliardenwette. Ein Pokerspiel. Die Regierung hat keine Wahl, sie muss mitspielen. Aber sie muss offensiv die Regeln bestimmen, wenn sie schon die Einsätze bezahlt. Merkel sagte gestern, sie erwarte ein ,wichtiges Signal zur Beruhigung der Finanzmärkte‘. Das ist richtig, reicht aber nicht: Den bisherigen Profiteuren der Finanzindustrie muss klar werden, dass sie jetzt und künftig für eine wissentlich herbeigeführte katastrophale Kreditspirale teuer bezahlen müssen. Mit Geld und mit Einfluss.” HANDELSBLATT (Düsseldorf): „Die bittere Erkenntnis aus den vergangenen Tagen lautet, dass das Bankensystem einen Großteil seiner Funktion verloren hat. Deshalb muss der Staat jetzt einspringen. Einen zweiten Fall Lehman Brothers darf es nicht geben.” SZ 14.10.2008 „Ausgeblutete DDR” kA kA Politik Meldung BRD Seite 5 kA „Ausgeblutete DDR”. Potsdam – Vor dem Hintergrund der Finanzkrise hat sich Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) für mehr staatliche Regulierungen ausgesprochen. Zugleich warnte er vor einer Sehnsucht in Ostdeutschland nach dem Sozialismus. Dieser habe die DDR ausgeblutet, schreibt Platzeck in einem am Montag veröffentlichten Beitrag für die Super Illu. „Unser Land stand 1989 vor dem wirtschaftlichen und ökologischen Kollaps.” Fast jeder habe einen Freund gehabt, „der auf dem Weg in den Westen war”, heißt es in dem Beitrag. dpa SZ 15.10.2008 Aktionäre zeigen Georg Funke an. Aufsichtsrat lässt mögliches Fehlverhalten des Ex-Vorstandschefs der Hypo Real Estate prüfen. Thomas Fromm; Helga Einecke Wirtschaft Bericht BRD Seite 19 kA Aktionäre zeigen Georg Funke an. Aufsichtsrat lässt mögliches Fehlverhalten des Ex-Vorstandschefs der Hypo Real Estate prüfen. Von Thomas Fromm und Helga Einecke. München – Für den früheren Hypo-Real-Estate-Chef Georg Funke hat die Beinahe-Pleite seines Konzerns nun ein juristisches Nachspiel auf breiter Front. Der Aufsichtsrat des angeschlagenen Hypothekenfinanzierers hat eine amerikanische Kanzlei damit beauftragt, ein mögliches Fehlverhalten Funkes und des früheren Vorstandsmitglieds Bo Heide-Ottosen zu untersuchen. Die Kanzlei Milbank Tweed Hadley McCloy soll prüfen, ob bei den früheren Vorständen „etwaige Pflichtverletzungen” vorliegen. „Im Interesse des Unternehmens und aller Beteiligten hat sich der Aufsichtsrat zu dieser im Ergebnis offenen Untersuchung durch eine unabhängige, renommierte Kanzlei entschieden”, erklärte der neue Hypo-Real-Estate-Aufsichtsratschef Klaus Pohle. Bafin hat Hinweise Gleichzeitig stellte die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) Strafanzeige gegen Verantwortliche der Immobilienbank – zu einer Zeit, in der die Staatsanwaltschaft München bereits ein Ermittlungsverfahren gegen ehemalige Verantwortliche des Konzerns prüft. „Es geht um Themen wie Verstoß gegen das Verbot von Marktmanipulation, Betrug und verspätete Kapitalmarktinformation”, sagte DSW-Landesgeschäftsführerin Daniela Bergdolt der Süddeutschen Zeitung. So sei Funke bereits im Januar dieses Jahres aufgefallen, als er wegen der Finanzkrise über Nacht einen millionenschweren Abschreibungsbedarf seines Konzerns meldete. Zuvor hatte der Manager stets die Stabilität seines Konzerns betont und prophezeit, man gehe „gestärkt” aus der Finanzkrise hervor. Es gebe zu viele Dinge, die im Nachhinein „komisch” aussähen, so Bergdolt. So habe der Konzern noch am 25. September eine Investorenkonferenz dazu genutzt, ein positives Bild des Konzerns zu zeichnen und von einer „stabilen Lage” zu sprechen. Bereits einen Tag später habe man offenbar bereits die Finanzaufsicht Bafin über Probleme unterrichtet. Eine offizielle Mitteilung über die wahre Situation des Unternehmens und die Notwendigkeit eines Rettungspakets sei jedoch erst am 29. September veröffentlicht worden. Auffällig sei, so die Kritiker: Bereits einige Tage zuvor sei der HRE-Aktienkurs deutlich eingebrochen, obwohl über das Ausmaß der Konzernkrise offiziell noch nichts nach außen gedrungen war. Der Verdacht: Insider könnten gewusst haben, was dem Konzern bevorsteht und ihre Anteile daher zeitig verkauft haben. Die Bafin hat nach eigenen Angaben konkrete Hinweise auf Gesetzesverstöße während der akuten Liquiditätskrise der Hypo Real Estate vor zwei Wochen. Der Behörde sei von der Staatsanwaltschaft München die Verdachtsanzeige eines Marktteilnehmers weitergeleitet worden, sagte eine Bafin-Sprecherin: „Wir prüfen den ganzen Komplex Insiderhandel, Marktmanipulation und Ad-hoc-Publizität.” Der Hypothekenfinanzierer war durch einen Liquiditätsengpass bei der irischen Staatsfinanzierungstochter Depfa an den Rand eines Bankrotts geraten. Die Bundesregierung sowie eine Gruppe privater und öffentlicher Banken fingen das Institut mit zwei dramatischen Hilfsaktionen wieder auf – am Ende musste das Rettungspaket von 35 auf 50 Milliarden Euro aufgestockt werden. Während der ganzen Zeit hatte das HRE-Management immer wieder betont, dass es sich strikt an die Gesetze gehalten und die Aktionäre immer korrekt informiert habe. Sollte den Betroffenen falsche Kommunikation oder Betrug nachgewiesen werden, drohen ihnen mehrjährige Haftstrafen. SZ 15.10.2008 Schwindender Reichtum. Die Welt hat Russlands Oligarchen und Firmen zu viel zugetraut. Sonja Zekri Wirtschaft Bericht Russland Seite 19 kA Schwindender Reichtum. Die Welt hat Russlands Oligarchen und Firmen zu viel zugetraut. Von Sonja Zekri. Dass die Finanzkrise die Oligarchen so hart trifft, dürfte diejenigen wundern, die sich vom märchenhaften Reichtum der russischen Milliardäre haben blenden lassen – also eigentlich alle. Die 25 wichtigsten Unternehmer des Landes haben in den vergangenen fünf Monaten über 60 Prozent ihres Vermögens verloren. Insgesamt sind das 238 Milliarden Euro, die Hälfte des deutschen Rettungspaketes für die Banken. Oleg Deripaska hat seine Hochtief-Aktien aufgegeben und seine Anteile beim kanadischen Autozulieferer Magna. Die Metaller zweier Firmen in Ohio, die zum Stahlimperium von Alexej Mordaschow gehören, machen Kurzarbeit. Und nun betteln ausgerechnet jene Unternehmen den Staat an, die bislang als tragende Säulen der Wirtschaft galten, die großen staatlichen Energiekonzerne: Gazprom, Rosneft und Lukoil, aber auch das russisch-britische Unternehmen TNK-BP. Neun Milliarden Dollar will die Regierung an sie verteilen, vor allem an den Ölförderer Rosneft. Russlands Unternehmen, das zeigt sich nun, sind hochverschuldet. Bis Ende 2009 müssen sie 120 Milliarden Dollar zurückzahlen. Auch und gerade Gazprom und Rosneft ersticken in milliardenschweren Verpflichtungen, um Projekte zu finanzieren, die bei der Bekanntgabe als ambitioniert galten und nun als lebensgefährlich. Eine große Umverteilung steht bevor. Denn die 50 Milliarden Dollar, die die russische Regierung der Wirtschaft bislang versprochen hat, müssen Unternehmerherzen höher schlagen lassen. Seit Bekanntgabe der Milliardenhilfe mahnen Beobachter Transparenz bei deren Verteilung an. Russland ist eines der korruptesten Länder der Welt. Daran haben ein paar börsenfreie Tage nichts geändert. SZ 15.10.2008 Finanzkrise in Kürze. kA kA Wirtschaft Meldung global Seite 19 kA Finanzkrise in Kürze. Am Montag hatten eine Reihe europäischer Länder Rettungspakete für ihre Finanzbranche beschlossen. Davon profitierten die Börsen auch am Dienstag noch. Der Deutsche Aktienindex (Dax) legte bis zum Handelsschluss um 2,7 Prozent zu. Die Krise trifft die Schwellenländer und die ehemals kommunistischen Staaten besonders. Die Kapitalströme dorthin versiegen, weil Anleger das Risiko scheuen. Weltbank und IWF erwarten dort allerdings schon wieder eine neue Hochkonjunktur. Ein Land bleibt von der Krise relativ unbehelligt: In Spanien funktionierte die Bankenaufsicht offenbar. Und ein anderes Land schaut dem Geschehen wie immer unbeteiligt zu: die Schweiz. Personalberater haben derweil schon regen Zulauf von Bank-Managern, die sich nach Jobs in anderen Branchen erkundigen. SZ 15.10.2008 Kommentare. Finger weg von Subventionen. In der Krise ruft so mancher nach Unterstützung, der sie nicht braucht. Karl-Heinz Büschemann Wirtschaft Kommentar global Seite 19 kA Kommentare. Finger weg von Subventionen. In der Krise ruft so mancher nach Unterstützung, der sie nicht braucht. Von Karl-Heinz Büschemann. Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit sind auch Zeiten, in denen schlechte Ideen entstehen, wie die Krise zu überwinden wäre. In der Autoindustrie, die schon von den Ausläufern der Finanzkrise betroffen ist und die überall in der Welt unter rückläufigem Absatz leidet, reifen gerade an verschiedenen Enden der Welt die Wünsche nach Überlebenshilfen durch Regierungen heran. Die Hilfsprogramme für die internationalen Banken öffnen möglicherweise die Tür zur Unterstützung anderer Branchen. Warum soll einer Schlüsselindustrie mit vielen Arbeitsplätzen nicht recht sein, was der Finanzbranche billig ist? Fiat-Chef Sergio Marchionne hat für Europas Autoindustrie schon in Brüssel angeklopft und deutlich um 40 Milliarden Euro zur Entwicklung umweltfreundlicher Autos ersucht. Wenn US-Autokonzerne wie General Motors, Ford und Chrysler mit Hilfen ihrer Regierungen rechnen könnten, so offenbar der Gedanke dahinter, müsste dieser Wettbewerbsnachteil für andere ausgeglichen werden. Von der Bundesregierung heißt es, sie denke über Beihilfen nach. Der Gedanke ist naheliegend und verständlich. Wer unter den Druck von staatlich unterstützten Wettbewerbern gerät, hat einen schweren Stand. Die Regierungen sollten aber gar nicht erst über Subventionen für die Autoindustrie nachdenken. Subventionen für eine Branche lösen kein Problem. Staatliche Transfers vernichten Wohlstand, weil sie die Fehlentwicklungen, die in die Krise führten, unnötig verlängern und die richtigen Schritte zur Lösung der Probleme verhindern. Dafür gibt es viele Beispiele. Eines ist die Stahlindustrie der siebziger und achtziger Jahre. Damals war die europäische Stahlindustrie von staatlich gepäppelten Konkurrenten aus aller Welt umgeben. Die EU zog für die Verteilung der Milliarden eine gewaltige Bürokratie auf. Am Ende brach diese Industrie in Europa doch zum großen Teil zusammen. Das süße Gift der Subventionen hatte aber für riesige Überkapazitäten in ganz Europa gesorgt. Konzerne bereicherten sich an Steuergeldern, ohne nur einen Arbeitsplatz sicherer zu machen. Das wurde deutlich, als Ende der achtziger Jahre die Stahlarbeiter von Duisburg-Rheinhausen verzweifelt auf die Straße gingen, um gegen die Schließung ihrer Hütten zu protestieren. Nachdem die Subventionen ein Ende hatten, blieben aber selbst im Hochlohnland Deutschland einige Unternehmen übrig, die mit Stahl gute Gewinne machen. Ähnlich kritisch ist die Unterstützung der deutschen Kohle durch die Steuerzahler zu sehen. Die im Laufe der Zeit mit über 130 Milliarden Euro bezahlte Erhaltung von Zechen an Ruhr und Saar hat nicht nur eine Branche am Leben gehalten, die nicht mehr wirtschaftlich arbeiten konnte. Sie hat gleich mit dafür gesorgt, dass der sogenannte Strukturwandel an der Ruhr um Jahrzehnte verzögert wurde und die Region bis heute keine moderne Industriestruktur hat. Auch die Subventionen für deutsche Werften, von denen viele mit der fernöstlichen Konkurrenz nicht mehr klarkamen, haben keinen Arbeitsplatz gerettet. Die wenigen übriggebliebenen rentablen Schiffbaubetriebe an den Küsten zeigen aber, dass man mit den richtigen Konzepten auch ohne den Staat erfolgreich sein kann. Wenn Europas Regierungen das Fass der Subventionen öffnen, machen sie einen Fehler. Dieser Schritt hätte schnell zur Folge, dass die europäischen Autokonzerne, die, von Ausnahmen abgesehen, zu den besten der Welt gehören, den Ansporn verlören, sich den Herausforderungen der Zukunft zu stellen. Die Autoindustrie, die sich ohnehin zu langsam auf die neuen Zeiten des zu Ende gehenden Erdöls und hoher Spritpreise einstellte, würde ihre gerade erst beginnenden Anstrengungen für die Entwicklung neuer Antriebstechnologien wieder verringern. Das darf auf keinen Fall passieren. Nur eine Industrie, die sich stets dem harten Wind des Wettbewerbs aussetzt, hat eine Zukunft. Die Politiker in Brüssel, in den europäischen Hauptstädten und in Berlin sollten dem Drängen einzelner Manager der Autoindustrie nicht nachgeben – im Interesse der Arbeitsplätze. SZ 15.10.2008 Banker bangen um ihre Arbeitsplätze. Finanzkrise treibt Führungskräfte zu Personalberatern, um Job-Chancen auszuloten. Gehaltseinbußen sind möglich. Langfristig bleibt der Wettbewerb um Talente. Sibylle Haas; Stephan Israel Wirtschaft Bericht global Seite 20 kA Banker bangen um ihre Arbeitsplätze. Finanzkrise treibt Führungskräfte zu Personalberatern, um Job-Chancen auszuloten. Gehaltseinbußen sind möglich. Langfristig bleibt der Wettbewerb um Talente. Von Sibylle Haas und Stephan Israel. München/Brüssel – Die Finanzkrise wird sich nach Schätzung von Personalberatern im ersten Quartal nächsten Jahres auf dem Arbeitsmarkt auswirken. Auf dem Stellenmarkt für Banker sei sie bereits spürbar. Derzeit erkundigten sich mehr Bankangestellte als sonst nach einem neuen Job, berichtet Heike Cohausz, geschäftsführende Gesellschafterin bei von Rundstedt & Partner in Düsseldorf. Von Rundstedt & Partner gehört mit einem Umsatz von 26 Millionen Euro in diesem Jahr zu den großen deutschen Beratungsgesellschaften für Personalmanagement. „Früher hatten wir nie Banker, die von sich aus zu uns kamen. Der klassische Banker zieht den Kopf ein und wartet, bis der Sturm vorüber ist”, sagt Cohausz. Seit einiger Zeit aber meldeten sich viele Bankleute einfach nur, um ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt auszuloten – auch außerhalb des Finanzbereichs. „In den meisten Fällen handelt es sich um Leute, die gar nicht entlassen sind. Sie wollen einfach nur wissen, was für sie im Fall des Falles in anderen Branchen möglich ist”, sagt Cohausz. Sie rechnet damit, dass sich dieser Trend verstärken wird, je mehr die Finanzkrise um sich greift. „Es ist üblich, dass sich eine Branchenkrise etwa ein bis zwei Quartale nach deren Ausbruch auf dem Arbeitsmarkt niederschlägt und dann nochmals zeitversetzt in der Breite auswirkt”, hat die Personalberaterin im Laufe ihrer Tätigkeit beobachtet. Von Rundstedt & Partner unterstützt Firmen bei der Suche, Entwicklung und bei der Trennung von Mitarbeitern. Auch Fach- und Führungskräfte wenden sich an den Personalberater, wenn sie sich beruflich verändern wollen. 35 bis 40 Prozent aller von Rundstedt betreuten Banker würden derzeit in andere Branchen vermittelt, berichtet Cohausz. Dieser Anteil werde aber steigen, weil in der Finanzbranche Stellen gestrichen würden. „Die Banken sind in einer speziellen Situation”, sagt sie. „Es kommen drei Faktoren zusammen: Investmentbereiche werden verschlankt oder aufgelöst, das Vertrauen der Kunden ist erschüttert, die Bankenlandschaft verändert sich durch Fusionen und Übernahmen”, erklärt sie. Cohausz erwartet, dass in den nächsten drei Jahren fünf Prozent aller Stellen im Finanzsektor ersatzlos wegfallen, weil sie nicht kompensiert werden können. Mehrere Banken haben ihren Sparkurs bereits verschärft und den Abbau von Stellen angekündigt, darunter die BayernLB und die HVB. Der Arbeitgeberverband für das private Bankgewerbe bezifferte Ende 2007 die Zahl der Beschäftigten im deutschen Kreditgewerbe auf 680 450. „Für die meisten Bankleute ist der Wechsel in die freie Wirtschaft unproblematisch”, betont Cohausz. Schwierig könne es dagegen für viele Investmentbanker werden. „Sie müssen sich auf deutliche Gehaltseinbußen einstellen, wenn sie einen neuen Job finden wollen. Die in der Investmentbranche üblichen Gehälter von durchschnittlich 400 000 Euro werden auf vergleichbaren Posten in der freien Wirtschaft nicht gezahlt”, sagt Cohausz. Der Präsident des weltweiten Verbands der Personalberater für Spitzenkräfte (Association of Executive Search Consultants AESC) in Brüssel, Peter Felix, erwartet nicht, dass unter den Spitzenkräften eine neue Bescheidenheit einkehren wird: „Die Manager von morgen werden zu mehr Transparenz bereit sein, weil sie müssen und nicht weil sie wollen”, sagt Felix. Er rechnet damit, dass Auflagen und Vorschriften für mehr Transparenz wenig Wirkung zeigen werden: „Da war man schon in der Vergangenheit sehr kreativ.” So werde in Zukunft zum Beispiel das Geld aus den umstrittenen Abfindungen einfach in andere Gehaltsformen umgeschichtet. Peter Felix weiß von einer Bank, die mitten in der Finanzkrise eine Milliarde Dollar bereitgestellt hat, um Spitzenkräfte zu rekrutieren. „Wenn einzelne Firmen in Schwierigkeiten geraten, kann dies für die Konkurrenz der beste Zeitpunkt sein, um Führungspersonal zu rekrutieren oder abzuwerben.” Aus der Sicht des Lobbyisten sind Spitzenkräfte rar. Felix bezweifelt, dass die Finanzkrise auf lange Sicht daran etwas ändert. Er spricht vom Wettbewerb um die besten Köpfe, mit dem die Branche der Personalberatung in den letzten fünf Jahren einen Boom erlebt habe. Dieser Boom werde von zwei Entwicklungen begünstigt. Scheue Spitzenkraft. Die Überalterung in Europa und den Vereinigten Staaten führe dazu, dass viele Manager in den Ruhestand gehen, ohne dass genügend Nachwuchskräfte bereit stünden. Hinzu komme der Bedarf an Führungskräften für die neuen Märkte von China bis Russland. Spitzenkräfte seien im globalen Wettbewerb nicht nur selten, sondern zum Teil auch scheu, erläutert Felix: „Mit zu viel Druck vertreiben Sie die guten Leute, die sich sagen, sie wollen neben der Arbeit auch noch leben können.” Viele Banker machen sich inzwischen Sorge um ihren Job und sehen sich um - vorsorglich. SZ 15.10.2008 Zurück zu Gott. Die Trinity Church überragte einst Manhattan. Nun, in der Krise, bietet sie mit Hilfe der Psychologin Mary Ragan wieder Orientierungshilfe. Moritz Koch Wirtschaft Reportage global Seite 20 kA Zurück zu Gott. Die Trinity Church überragte einst Manhattan. Nun, in der Krise, bietet sie mit Hilfe der Psychologin Mary Ragan wieder Orientierungshilfe. Von Moritz Koch. Der Anruf aus der Trinity Church erreichte Mary Ragan am Morgen des 15. September, nur ein paar Stunden nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers. „Wir müssen reagieren”, sagte Anne Mallonee, Vikarin der Kirche. „Wir müssen helfen.” Noch am selben Tag bot Ragan ihr erstes Seminar an: Stressbewältigung in unsicheren Zeiten. Die Resonanz war riesig. Banker, die um ihre Jobs fürchteten, suchten den Rat der Psychologin. Seither finden die Sitzungen zweimal pro Woche statt. Zwischen die Finanzangestellten mischen sich Rentner, die mit ansehen müssen, wie sich ihre Ersparnisse auflösen, und gelegentlich ein paar Touristen, die ihre Neugier stillen wollen. Die Trinity Church am Westende der Wall Street war einst ein Wahrzeichen der neuen Welt. Bis Mitte des 18. Jahrhunderts überragte ihr Turm die Südspitze Manhattans. Und obwohl sie längst im Schatten der Hochhäuser des Finanzviertels steht, leistet sie noch heute Orientierungshilfe. Die Kirche ist eine Zuflucht in Zeiten der Krise. Vor sieben Jahren kamen die Helfer hierher, die nach den Terrorangriffen vom 11. September in den Trümmern des World Trade Center nach Überlebenden gruben. Heute, da das amerikanische Finanzsystem in Trümmern liegt und sich Furcht vor einer wirtschaftlichen Depression in der Stadt breitmacht, ist die Fürsorge der Psychologen und Pastoren wieder gefragt. Die Messen am Sonntag sind seit Wochen voll besetzt – und auch die Andacht widmet sich der Finanzkrise. Reich trifft arm im Seminar Anne Mallonee steht im weißen Gewand vor ihrer Gemeinde, neben ihr breitet der Pastor seine Arme aus. Flachbildschirme an den Säulen projizieren das Bild bis in die hintersten Reihen. „Viele Mitglieder der Trinity-Familie haben ihre Jobs verloren”, beginnt der Pastor seine Predigt und zählt die Unternehmen auf, die in der Krise bereits untergegangen sind. Freddie Mac und Fannie Mae, Lehman Brothers, AIG, Washington Mutual. Die Messe erinnert an einen Volksschulkurs. Der Pastor beschreibt, wie Investmentbanken an der Wall Street im ganzen Land Hypotheken aufkauften, sie zu Wertpapieren verschnürten und weiterverkauften. Wie sich die Banker am Glauben an ewig steigende Immobilienpreise berauschten und Familien Darlehen gewährten, die sich Kredite nicht leisten konnten. „Und so begann die Krise”, fährt er fort. „Mit subprime mortgages”, mit minderwertigen Hypotheken. Der Begriff aus dem exotischen Vokabular der Wall Street hallt durch das Kirchenschiff. Ragan verzichtet in ihren Seminaren auf die Erörterung der Feinmechanik der Finanzkrise: „Ich konzentriere mich lieber auf das, was ich verstehe, und das sind die individuellen Folgen. Alkoholmissbrauch und Vereinsamung etwa.” Sie versucht, Besuchern zu helfen, die physischen und psychischen Symptome ihres Stresses zu erkennen. „Das können Kopfschmerzen, Verspannungen, Übelkeit und Schlaflosigkeit sein”, sagt sie, „oder Niedergeschlagenheit, Depression und Schuldgefühle.” Die Psychologin ist stellvertretende Leiterin des Psychotherapy and Spirituality Institute, nur einen Straßenzug von der Trinity Church und der Wall Street entfernt. Sie rät den Bankern, Kontakt zu Familie und Freunden zu halten. Das Wichtigste sei, sich die Last von der Seele reden zu können. Seit Jahren schon arbeitet Ragan eng mit der Trinity Church zusammen. Sie kennt den Lebenstil der Wall-Street-Angestellten und weiß, wie sehr sie an Reichtum und Macht gewöhnt waren, die ihnen ihr Beruf verlieh. „Masters of the Universe” nannten sich die Investmentbanker, bevor sie zu Hilfsbedürftigen wurden. Aus dem alten Selbstverständnis resultiere eine vollkommene Orientierungslosigkeit, diagnostiziert Ragan. „Sie hatten das Gefühl, Kontrolle über alles und jeden zu haben. In der Krise ging diese Kontrolle verloren.” Hinzu kommt, dass Wertschätzung in der Finanzwelt nur in Gehältern und Bonuszahlungen bemessen wurde. Jetzt zerrinnt das Geld zwischen den Fingern. „Aber ich möchte das Leid der Reichen nicht zu stark betonen”, sagt Ragan. „Sie fallen trotz all ihrer Probleme noch relativ weich. Viel härter trifft die Krise die Schwächsten, etwa die Rentner und Sozialhilfeempfänger.” In ihren Seminaren finden die Wohlhabenden und die Habenichtse zusammen, und gerade das betrachtet Ragan als Chance. „Wenn diese Krise die Banker dazu bringt, sich zu hinterfragen und über Werte, Gerechtigkeit und Gemeinschaft nachzudenken, könnte sie vielleicht doch etwas Gutes haben. Unsere Gesellschaft hat Reichtum, Macht, Ruhm, Schönheit und Jugend idealisiert. All das ist vergänglich und oberflächlich. Niemals war das so offensichtlich wie jetzt.” Dreifaltigkeitskirche. Die Trinity Church gehört zur Episkopalkirche New Yorks und ist Teil der anglikanischen Gemeinschaft der USA. Englische Auswanderer gründeten die Dreifaltigkeitskirche im Jahr 1697. Zwei ältere Kirchenbauten wurden zerstört, das neugotische Gebäude, das noch heute steht, 1846 errichtet. Zu der Gemeinde zählen viele Angestellte der Wall Street. Die Kirche arbeitet in Krisenzeiten mit den Psychologen des New Yorker Psychotherapy and Spirituality Institute zusammen, um Betroffenen zu helfen. mko Die neugotische Trinity-Church steht in ihrer heutigen Form seit 1846 mitten in Manhattan. Immer dann, wenn das Land in die Krise gerät, kommen die Menschen hierher: Nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center im Jahr 2001 ebenso wie nach der Hurrikan-Katastrophe in New Orleans. Nun kommen sie wieder. SZ 15.10.2008 EU stemmt sich gegen Beihilfe-Chaos. kA Reuters Geld Meldung EU Seite 25 kA EU stemmt sich gegen Beihilfe-Chaos. Brüssel – Die EU-Kommission hat Kritik an den europäischen Regeln zu Staatsbeihilfen vor dem Hintergrund der Finanzkrise zurückgewiesen. Ohne die Vorschriften für einen fairen Wettbewerb würde die Wirtschaft im „Chaos versinken” und einem „Dschungel” gleichen, warnte Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes. Ohne den EU-Rechtsrahmen würden die Firmen sich nicht mehr genug Konkurrenz machen. Schummeln würde belohnt, Jobs und Wohlstand gingen verloren. „Wir brauchen diesen Wilden Westen nicht”, erklärte die Kommissarin. Bei der EU-Kommission stapeln sich inzwischen die Anmeldungen über staatliche Finanzspritzen und Garantien für strauchelnde Geldinstitute. Die EU-Kommission muss darüber wachen, dass Konkurrenten durch die helfende Hand des Staates nicht benachteiligt werden. Kroes möchte staatliche Hilfen zeitlich begrenzen. In Frankreich waren Forderungen laut geworden, das Beihilferecht wegen der Finanzkrise zu überdenken. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück hatte kritisiert, das EU-Recht behindere ein rasches Handeln. Reuters. SZ 15.10.2008 Japan rettet Regionalbanken. Die Regierung schnürt ein Hilfspaket, und der Nikkei-Index springt so hoch wie noch nie. Christoph Neidhart Geld Bericht Japan Seite 25 kA Japan rettet Regionalbanken. Die Regierung schnürt ein Hilfspaket, und der Nikkei-Index springt so hoch wie noch nie. Von Christoph Neidhart. Tokio – Japan will für sein Finanzsystem nun doch ein Stabilisierungspaket schnüren. Damit sollen allerings nicht die drei Megabanken gestützt werden, die bisher gesund scheinen, sondern kleine Regionalbanken, gab Finanzminister Shoichi Nakagawa am Dienstag bekannt. Außerdem dürfen Staatsstellen, die Aktien halten, diese vorerst nicht verkaufen. Zudem soll das Shorten, also das Wetten auf sinkende Aktienkurse, eingeschränkt werden. Nakagawa wiederholte auch das Angebot Japans, Staaten oder Finanzinstituten im Ausland mit Liquiditätsspritzen zu helfen. Überdies ist er bereit, japanischen Lebensversicherern unter die Arme zu greifen. Am Mittwoch wird das Unterhaus ein schon früher geplantes Stimulierungspaket von 11,7 Billionen Yen (83 Milliarden Euro) für die Wirtschaft behandeln. Es soll nicht die Folgen der Finanzkrise mildern, sondern helfen, die Lasten der gestiegenen Energiepreise aufzufangen. Unter ihnen leiden besonders die kleinen und mittleren Betriebe in der Provinz, auch Fischer und Bauern. Über die Details des Pakets, das Nakagawa angekündigt hat, ist bisher nichts bekannt. Die Einzelheiten sind noch gar nicht ausgearbeitet. Der Finanzminister sagte, er werde am Mittwoch mit Vertretern der Finanzbranche zusammentreffen und sie ermahnen, kleinen Betrieben Kredite nicht zu verweigern. Eventuell wolle er ein Gesetz ausarbeiten lassen, das Kleinbetrieben den Zugang zu Krediten garantiert. Die Aktien, von denen Japans Staatsstellen vorerst keine mehr verkaufen sollen, stammen aus der Bankenkrise zu Beginn des Jahrzehnts. 2002 schuf die Regierung einen Fonds, der Banken und anderen Finanzinstituten Aktien abkaufte, um wechselseitige Kapitalbeteiligungen zu entflechten. Im Rahmen dieses Programms haben der Staat und die Notenbank Aktien für 35 Milliarden Dollar übernommen, vor allem von Banken. Nakagawa räumte implizit ein, mit seiner Ankündigung die Börse stützen zu wollen. Das scheint ihm gelungen. Der Nikkei folgte am Dienstag den Vorgaben aus New York. Nachdem die Tokioter Börse am Montag wegen eines Feiertags geschlossen hatte, sprang der Index am Dienstag um über 14 Prozent, der größte Tagesgewinn aller Zeiten. SZ 15.10.2008 Das abrupte Ende des Aufschwungs. Fünf Jahre steigerte der deutsche Maschinen- und Anlagenbau die Produktion, nun bremst die Finanzmarktkrise das Geschäft. Bärbel Brockmann Wirtschaft Bericht BRD Seite 23 kA Das abrupte Ende des Aufschwungs. Fünf Jahre steigerte der deutsche Maschinen- und Anlagenbau die Produktion, nun bremst die Finanzmarktkrise das Geschäft. Von Bärbel Brockmann. Berlin – Fünf Jahre währte der Aufschwung. Nun holt die Krise an den Finanzmärkten auch den deutschen Maschinenbau ein. Sie habe die Hoffnungen zunichte gemacht, dass es im kommenden Jahr zumindest ein „kleineres” Produktionswachstum geben könne, sagte der Präsident des Branchenverbandes VDMA, Manfred Wittenstein, am Dienstag auf dem dritten deutschen Maschinenbaugipfel in Berlin. „Wir müssen in großen Teilen Europas und der Welt mit konjunkturellen Einbrüchen rechnen.”Die Zeiten starker Wachstumsraten, wie sie die Branche zuletzt in den 60er Jahren erlebt habe, „dürften fürs Erste vorbei sein”, sagte Wittenstein. Die Weltwirtschaft habe sich deutlich abgekühlt. Die Folgen der Finanzmarktkrise ließen sich noch nicht abschätzen. „Die Gefahr ist noch nicht gebannt, und die Aufräumarbeiten werden uns voraussichtlich noch lange Zeit beschäftigen.” Für 2008 hält die Branche trotz inzwischen rückläufiger Auftragseingänge an ihrer Wachstumsprognose von fünf Prozent fest. Die Lage hat sich in den vergangenen Wochen verschlechtert. Insgesamt stieg die Produktion von Januar bis August aber immer noch um acht Prozent. In den Jahren des Aufschwungs haben die deutschen Hersteller von Maschinen und Anlagen ihre Produktion um fast 40 Prozent gesteigert. Erstmals wird die Produktion in diesem Jahr ein Volumen von 200 Milliarden Euro überschreiten. Die Krise trifft die Firmen eher unmittelbar. Sie bekommen immer noch Kredite. Aber Wittenstein erwartet, dass die Zinsen dafür steigen werden. Auch sei es in unsicheren Zeiten durchaus wahrscheinlich, dass Investitionsentscheidungen vereinzelt hinausgezögert würden. Einen Grund zur Panik sieht der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) aber nicht. Mittelfristig wollen die überwiegend mittelständischen Betriebe der Branche wieder an die Erfolge der vergangenen Jahre anschließen. Deshalb wollen sie auch die Beschäftigung auf dem hohen Niveau halten, selbst wenn bei den Aufträgen eine Durststrecke vor ihnen liegen könnte. Die Unternehmer haben aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. Frühere Entlassungswellen in der Industrie werden inzwischen von vielen als einer der Gründe für das fehlende Interesse junger Menschen an den Ingenieurwissenschaften gesehen und sind damit als wichtige Ursache für den aktuellen Fachkräftemangel in Deutschland ausgemacht. „Wir brauchen dringend Ingenieure und Naturwissenschaftler. Wenn wir nun den Kopf verlieren und Personal abbauen, wäre das die schlechteste Botschaft, die wir aussenden könnten”, so Wittenstein. Die Branche hat kräftig Personal aufgebaut. Im Juli beschäftigte sie 968 000 Menschen, 33 000 mehr als zu Jahresbeginn. Bis zum Jahresende rechnet Wittenstein mit einer Beschäftigtenzahl von 975 000. Seit dem letzten Tiefstand Mitte 2005 schuf die Branche rund 120 000 neue Stellen. Abfangen wollen die Unternehmen den erwarteten konjunkturellen Dämpfer durch den Abbau von Überstunden und den weitgehenden Verzicht auf Leiharbeiter. Dieser Puffer besteht zur Zeit aus 50 000 bis 60 000 Menschen. Ob es den über 3000 Maschinen- und Anlagenbauern gelinge, die vor ihnen liegende Wachstumspause ohne Personalanpassung zu meistern, hänge aber ganz wesentlich von dem Tarifabschluss in der Metall- und Elektroindustrie ab. Schließlich machten Personalkosten bei den Mittelständlern zwischen 40 und 45 Prozent aller Kosten aus und damit deutlich mehr als in der Großindustrie. Wittenstein bezeichnete die von der IG Metall geforderten acht Prozent mehr Lohn als enormes Handicap für die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen. Das träfe vor allem diejenigen Fachzweige hart, die schon jetzt unter einer Auftragsschwäche litten, wie etwa die Druckmaschinenhersteller. Ein Mitarbeiter in einem Siemens-Werk für Gasturbinen. Für die deutschen Hersteller von Maschinen und Anlagen wird 2008 wieder ein Rekordjahr. Daran ändert auch die Finanzkrise nichts, denn die Auftragsbücher sind voll. Die Produktion soll in diesem Jahr um fünf Prozent steigen. 2009 wird schwächer. SZ 15.10.2008 Schlechte Stimmung. kA dpa Wirtschaft Meldung BRD Seite 23 kA Schlechte Stimmung. Mannheim – Die Konjunkturerwartungen in Deutschland sind angesichts der Finanzkrise überraschend deutlich eingebrochen. Das vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim ermittelte Stimmungsbarometer sei im Oktober im Vergleich zum Vormonat um 21,9 Punkte auf minus 63,0 Punkte gefallen, teilte das ZEW am Dienstag mit. Volkswirte hatten nur einen Rückgang auf minus 51,1 Punkte erwartet. Die Konjunkturerwartungen liegen weiter deutlich unter ihrem historischen Mittelwert von 27,5 Punkten. Die Verwerfungen auf den Finanzmärkten hätten die Perspektiven für die konjunkturelle Entwicklung in Deutschland „spürbar verschlechtert”. Neben dem Finanzgewerbe dürften vor allem die exportorientierten Branchen von der Krise betroffen sein. Zudem müsse damit gerechnet werden, dass die privaten Haushalte angesichts der extremen Unsicherheit ihre Ausgaben zurückfahren. „Die Sorge der Finanzmarktexperten, dass die Krise an den Finanzmärkten auf die Realwirtschaft übergreift, hatte sich verständlicherweise verstärkt”, sagte ZEW-Präsident Wolfgang Franz. Das Rettungspaket der Bundesregierung dürfte jedoch helfen, die Situation zu stabilisieren. So ergebe eine Auswertung der Antworten, die nach der Entscheidung für ein Rettungspaket eingetroffen seien, zwar auch einen Rückgang der Erwartungen. Dieser falle jedoch weniger stark aus als in den übrigen Antworten. Dämpfer in der Euro-Zone. Ebenfalls deutlich schlechter beurteilen die befragten Finanzanalysten die aktuelle konjunkturelle Lage in Deutschland. Der Indikator sank im Oktober um 34,9 Punkte auf minus 35,9 Punkte. Volkswirte hatten nur mit einer Eintrübung auf minus 15,0 Punkte gerechnet. Die deutsche Wirtschaft befinde sich nach einhelliger Meinung „auf dem Weg in die Rezession”, hieß es in einer Studie der Commerzbank. Die deutsche Wirtschaft stehe vor harten Zeiten. Auch die Konjunkturerwartungen für die Eurozone sanken im Oktober kräftig. Der entsprechende Index ging im Vergleich zum Vormonat um 21,8 Punkte auf minus 62,7 Punkte zurück. Der Indikator für die aktuelle Konjunkturlage im Euroraum sackte um 34,7 Punkte auf minus 44,7 Punkte ab. Dpa. SZ 15.10.2008 Russland stützt Energiekonzerne. kA Reuters Wirtschaft Meldung Russland Seite 23 kA Russland stützt Energiekonzerne. Moskau – Russlands Regierung will den vier großen Energiekonzernen des Landes einem Bericht zufolge wegen der globalen Finanzkrise mit Krediten über neun Milliarden Dollar unter die Arme greifen. Dies sei bei einem Treffen von Konzernvertretern mit Vizeministerpräsident Igor Setschin entschieden worden, berichtete die Wirtschaftszeitung Kommersant am Dienstag unter Berufung auf nicht näher benannte Kreise. Mit dem Geld sollen dem Bericht zufolge Auslandsschulden und strategische Projekte finanziert werden. Den größten Anteil soll demnach mit 4,2 Milliarden Dollar der Ölkonzern Rosneft erhalten, bei dem Setschin Direktoriumsvorsitzender ist. Hilfen bekämen zudem der Gaskonzern Gazprom sowie Lukoil und BPs Joint Venture TNK-BP. Die vier Energiekonzerne hatten Moskau um Unterstützung gebeten. Die Regierung hat sich bereits grundsätzlich bereit erklärt, der russischen Industrie mit Darlehen über 50 Milliarden Dollar zu helfen. Damit sollen die Konzerne bei der Refinanzierung von 120 Milliarden Dollar an westlichen Krediten bis Ende 2009 unterstützt werden. Ministerpräsident Wladimir Putin zufolge werden jedoch nur Unternehmen in Schlüsselbereichen der Realwirtschaft von den staatlichen Hilfen profitieren. Reuters. SZ 15.10.2008 Gegen das Misstrauen. Wie der Handel zwischen Banken wieder in Gang kommen soll. Helga Einecke Geld Bericht EU Seite 24 kA Gegen das Misstrauen. Wie der Handel zwischen Banken wieder in Gang kommen soll. Von Helga Einecke. Frankfurt – Banken leben davon, dass sie Kredite geben und dafür Zinsen nehmen. Sie leihen sich auch untereinander Geld, bis vor gut einem Jahr sogar in unvorstellbarem Ausmaß. Diese Kredite bilden den Geldmarkt, auch Interbankenmarkt genannt. Kennzeichnend dafür sind kurze Laufzeiten von einem Tag bis zu einem Jahr sowie eine freie Vertragsgestaltung. Dieser Markt ist aber im Zuge der Finanzkrise zusammengebrochen. Seine Wiederbelebung gilt als Kern des neuen Rettungspakets und als Voraussetzung für die Überwindung der Krise. Wie funktioniert der Geldmarkt? Angenommen die Hypo-Vereinsbank hat eine Million Euro übrig und braucht sie erst morgen wieder. Dann kann sie dieses Geld der Bayerischen Landesbank borgen, die ihr dafür einen Zins zahlt. Solche Geschäfte gibt es nicht nur national, sondern international, und sie haben zuletzt ein gigantisches Ausmaß erreicht. Welche Zinsen zahlen sich die Banken gegenseitig? Die Zinssätze Euribor (Euro Interbank Offered Rate) und Libor (London Interbank Offered Rate) sind maßgeblich für den Geldhandel zwischen Banken. Sie beruhen auf Umfragen, werden täglich gemeldet und liegen in normalen Zeiten für Tagesgeld dicht bei den Leitzinsen. Seit Ausbruch der Finanzkrise sind diese Interbankzinsen stark gestiegen. Welche Rolle spielt die Europäische Zentralbank (EZB)? Sie steuert ihre Geldpolitik über den Geldmarkt. Sie stellt den Banken gegen Hinterlegung von Wertpapieren laufend kurzfristig Geld zu bestimmten Zinsen zur Verfügung. Als die Finanzkrise ausbrach, sprang sie am 9. August 2007 mit 95 Milliarden Euro ein. Inzwischen leiht sie den Banken noch weitaus höhere Beträge, auch in Dollar und über mehrere Monate hinweg, aber immer gegen werthaltige Papiere. Warum muss die EZB den Banken so viel Geld leihen? Seit dem Ausbruch der Finanzkrise trauen sich die Banken untereinander nicht mehr. Die Hypo-Vereinsbank würde die im Beispiel angeführte Million Euro der Landesbank nicht geben, weil sie fürchtet, dieses Geld nicht in vollem Umfang wiederzubekommen. Eine Notenbank aber muss bei Störungen des Geldmarktes einspringen, weil es zu ihren Aufgaben gehört, das Bankensystem am Laufen zu halten. Nach dem Zusammenbruch der US-Bank Lehman Brothers verschärfte sich das Misstrauen. Die Banken leihen sich untereinander praktisch nichts mehr. Sie versorgen sich vor allem bei der Notenbank mit Geld und deponierten es auch bei ihr, sogar um den Preis, dass sie nur niedrige Zinsen erhalten. „Die EZB war zuletzt selbst der Geldmarkt”, sagt ein Experte. Was bringen die neuen staatlichen Garantien für den Interbankenmarkt? Banken können sich künftig gegen Gebühr eine Staatsgarantie für ihre Kredite untereinander besorgen. Im genannten Beispiel müsste sich die Bayerische Landesbank die Garantie besorgen und bekäme dann die Million von der Hypo-Vereinsbank. Das verteuert natürlich den Kredit zwischen den beiden Banken. Das Rettungspaket des deutschen Staates ist auf Kredite von 400 Milliarden Euro ausgelegt, also auf eine gigantische Summe. Für einen tatsächlichen Ausfall sind aber nur 20 Milliarden Euro eingeplant. Wie funktioniert es genau? Es gibt noch viele Fragezeichen. Die Fachleute arbeiten an einer Rechtsverordnung, die das Rettungspaket begleiten wird. Sie müssen klären, auf welchem Weg Banken freiwillig zugeben können, dass sie Geld brauchen, ohne in Verruf zu geraten. Ein Teil des Interbankenmarktes ist mit Wertpapieren besichert, der andere Teil nicht. Im Fachjargon nennt man den unbesicherten Teil OTC (over the counter). Ein Geldhändler sagt, diese verschwiegenen Geschäfte mit staatlichen Gebühren zu belegen, sei so ähnlich wie „Steuern auf Küsse” zu erheben, also unvorstellbar. Wer treibt die Gebühren ein? Organisiert werden die Bankenhilfen über den Finanzmarktstabilisierungsfonds (FMS), den die Bundesbank verwaltet und das Bundesfinanzministerium kontrolliert. Dieser Fonds soll also für klamme Kreditinstitute Staatsgarantien gegen Gebühren abgeben. Offen sind die damit verbundenen Auflagen, die sich auf Gehaltsstrukturen, Dividenden und die Bilanzierung der Banken konzentrieren sollen. SZ 15.10.2008 Nach dem Rettungspaket: Manche Staaten und viele Banken leiden unter Geldmangel. Auf dem Trockenen. Als Folge aus der Finanzkrise versiegen die Kapitalströme in Schwellenländer und ehemals kommunistische Staaten. Nikolaus Piper Geld Bericht global Seite 24 kA Nach dem Rettungspaket: Manche Staaten und viele Banken leiden unter Geldmangel. Auf dem Trockenen. Als Folge aus der Finanzkrise versiegen die Kapitalströme in Schwellenländer und ehemals kommunistische Staaten. Von Nikolaus Piper. New York – Brasilianische Aktien haben seit Beginn dieses Jahres die Hälfte ih-res Wertes eingebüßt. Der Internationale Währungsfonds (IWF) bietet Ungarn Hilfe bei der Stabilisierung des Anleihemarktes und des Forint an. Estland, bisher Star unter den Volkswirtschaften Osteuropas, ist in die Rezession gerutscht. Nachrichten wie diese zeigen, dass sich die globale Finanzkrise auf Schwellenländer in der ehemaligen Dritten Welt und auf die postkommunistischen Staaten ausgedehnt hat. Bis vor kurzem schienen die sogenannten Emerging Markets keine echten Fi-nanzprobleme mehr zu kennen. Länder wie Brasilien und Argentinien zahlten ihre Schulden beim IWF zurück und finanzierten sich problemlos zu günstigen Konditionen auf den globalen Finanzmärkten. Privatanleger aus der ganzen Welt investierten in „BRIC-Fonds”, wobei das Kürzel für Brasilien, Russland, Indien und China stand. Doch nun hat sich das Bild radikal ge-ändert. Anleger, die vorher blind für Risiken waren, scheuen jede Gefahr, der Kapitalstrom trocknet aus, die Finanzie-rungsbedingungen für Brasilien und andere haben sich auf gefährliche Weise verschlechtert. Zwar sind die Export-Supermächte China und Indien außer Ge-fahr; dort wächst die Wirtschaft nur ein wenig langsamer als bisher. Ernst wird es aber für alle Länder mit hohen Defiziten in der Leistungsbilanz. Nach einem Bericht des von den global operierenden Banken getragenen Institute of International Finance (IIF) flossen die privaten Mittel in die Schwellenlän-der bis zur Jahresmitte fast ungebrochen. Erst seit der dramatischen Verschärfung der Finanzkrise haben sich die Aussichten verdüstert. Im ersten Jahr der Krise, 2007, war der Kapitalimport noch um 85 Prozent auf knapp 900 Milliarden Dollar gestiegen. In diesem Jahr dürfte er auf 620 Milliarden Dollar sinken, im nächsten auf 560 Milliarden. Ein großer Teil der Investitionen war das Ergebnis von Spekulationsexzessen; jetzt schlägt das Pendel in die andere Richtung aus. Schätzungen auch für die nahe Zukunft sind laut IIF extrem unsicher. Den Modellfall für die Dinge, die einigen Ländern bevorstehen könnten, ist Island. Die kleine Republik mit einem Leistungsbilanzdefizit von 18 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), bis vor kurzem eines der reichsten Länder der Welt, steht kurz vor dem Bankrott, hat seine Banken verstaatlicht und verhandelt mit dem IWF um ein Stützungsprogramm. Der Schock der Island-Krise war besonders an der Ostsee zu spüren, in den drei baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland, die Defizite von zehn bis fast 25 Prozent in ihren Leistungsbilanzen haben. Die estnische Währung wurde in den vergangenen drei Monaten um 15 Prozent gegenüber dem Euro abgewertet. Der Boom des Landes war besonders durch Immobilienspekulation und Konsumausgaben genährt worden. Die Konsequenz ist jetzt ein scharfer Einbruch. In Ungarn ist in der vorigen Woche der Handel mit Staatsanleihen praktisch zu-sammengebrochen; die Anleger bezweifelten, ob die Regierung noch lange zah-lungsfähig sein würde. Der Forint hat binnen drei Monaten ein Viertel verlo-ren. Ein weiterer Krisenkandidat ist der EU-Neuling Bulgarien, wo das Handelsdefizit bei fast 25 Prozent des BIP liegt. Ursache dieses massiven Ungleichgewichts sind überzogene Lohnerhöhungen und die damit verbundenen Konsumausgaben. Rumänien steht mit einem Defizit von 15 Prozent nicht viel besser da. In Brasilien ist das Bild gemischt. Die Banken dort sind gesund, das Leistungsbilanzdefizit liegt bei 1,8 Prozent des BIP. Trotzdem hat die brasilianische Währung, der Real, binnen drei Monaten 31 Prozent eingebüßt. Trotz akzeptabler Ausgangsbedingungen ist das Land Opfer der plötzlichen Risikoscheu an den Finanzmärkten geworden. Ein Sonderfall ist Venezuela. Das Öl exportierende Land hatte im vergangenen Jahr noch einen Leistungsbilanzüberschuss von 0,8 Prozent, doch der dürfte wegen der sinkenden Ölpreise in diesem Jahr verschwinden. Für IWF und Weltbank haben sich die Ausgangsbedingungen über Nacht geändert. Bis vor kurzem noch schienen die beiden Institutionen mit ihren Kreditprogrammen irrelevant zu werden, jetzt stellen sie sich auf rasch wachsende Nachfrage ein. „Ich gehe davon aus, dass die Länder bei und bald wieder Schlange stehen werden”, sagt Michael Hofmann, der deutsche Exekutivdirektor der Weltbank. Und ein führender Experte des IWF meint: „Der Zeitpunkt ist absehbar, an dem unsere Mittel für den Bedarf nicht mehr ausreichen werden.” Ein Schiff steht zur Überholung in einer Werft in Riga: Das Land galt lange als der Star unter den jungen Volkswirtschaften Osteuropas. Jetzt ist es in die Rezession gerutscht. SZ 15.10.2008 Deutsche Börse: Rettungspakete helfen. kA kA Geld Bericht global Seite 24 kA Deutsche Börse: Rettungspakete helfen. Getragen von anhaltendem Optimismus angesichts der weltweit laufenden Rettungsaktionen für das Finanzsystem hat der deutsche Aktienmarkt am Dienstag an seine Erholung vom Vortag angeknüpft. Der deutlich schlechter als erwartet ausgefallene ZEW-Konjunkturindex, der die Erwartungen der Finanzmarktprofis misst, und die Senkung der Wachstumsprognosen für Deutschland durch die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute bremsten den Dax kaum. Vieles sei in den Kursen schon berücksichtigt, erklärten Händler. Der Leitindex stand um 16 Uhr mit 3,4 Prozent im Plus bei 5241 Punkten, der MDax gewann 4,9 Prozent auf 6256 Zähler. Der TecDax legte 4,8 Prozent auf 612 Punkte zu. Vor allem die Bankenwerte stehen als Seismograph der Entwicklungen in der Finanzkrise weiter im Fokus. Angetrieben von deutlichen Kursgewinnen ihrer Pendants in den USA und an den anderen Weltbörsen standen sie an der Dax-Spitze. Aktien der Hypo Real Estate (HRE) sprangen um 25 Prozent auf 7,20 Euro nach oben. Deutsche-Bank-Titel gewannen 17 Prozent auf 41 Euro, die Anteilsscheine der Commerzbank verteuerten sich um 10,1 Prozent auf 12,25 Euro. Dagegen wurde die Aktie von Volkswagen von Gewinnmitnahmen belastet und verlor vier Prozent auf 338,52 Euro. Continental-Titel rutschten um 3,8 Prozent ins Minus auf 40,23 Euro. Händler verwiesen auf Berichte, wonach der Kredit für Schaeffler zur Übernahme des Autozulieferers „auf Eis” liege. Das schüre die Sorge, ob die Übernahme überhaupt zustande komme. Ein Dementi half dem Kurs zunächst nicht. Nach mehreren negativen Analystenkommentaren fielen die Papiere von Infineon um 5,6 Prozent auf 2,97 Euro ans Dax-Ende. Im MDax brachen die Aktien von Leoni nach einer gesenkten Jahresprognose des Autozulieferers um 13,4 Prozent auf 13,60 Euro ein. Händler zeigten sich allerdings wenig überrascht von der Zielsenkung. „Natürlich ist eine Prognosekürzung negativ, allerdings hätte man sich diese Entwicklung nach den zuletzt enttäuschenden Zahlen der Autobauer denken können. Davon bleiben Zulieferer auch nicht unberührt”, sagte einer. Am Rentenmarkt notierte der richtungsweisende Bund-Future nahe dem Vortagesniveau bei 114,45 Prozent. Die durchschnittliche Umlaufrendite wurde mittags bei 4,06 (Montag: 4,02) Prozent festgesetzt. SZ 15.10.2008 Im Fokus der Fahnder. Bundesweit prüfen Staatsanwälte, ob Bankmanager allzu leichtfertig mit den vielen Milliarden ihrer Institute umgegangen sind. Klaus Ott Geld Bericht BRD Seite 30 kA Im Fokus der Fahnder. Bundesweit prüfen Staatsanwälte, ob Bankmanager allzu leichtfertig mit den vielen Milliarden ihrer Institute umgegangen sind. Von Klaus Ott. Frankfurt – Die Abteilung 15 der Staatsanwaltschaft in Frankfurt am Main, die sich „Banken/Steuern” nennt, ist im vierten Stock eines schlichten Bürogebäudes in der Innenstadt untergebracht. Zwei Stockwerke darunter sitzt die für Anlagebetrug zuständige Abteilung 14, zwei Stockwerke darüber tun die Korruptionsfahnder ihren Job. Banken zwischen Betrug und Korruption, das ist kein feines, aber in diesen Wochen und Monaten womöglich ein passendes Umfeld. Bei den Strafverfolgern in Frankfurt und vielen anderen Städten, die sich um Wirtschaftsdelikte kümmern, gehen reihenweise Strafanzeigen ein. Etliche Bürger wollen Geldmanager, die angeblich kriminell agiert haben und Mitschuld an der Finanzkrise haben sollen, vor Gericht oder gar hinter Gitter bringen. Staatsanwälte in Düsseldorf und Leipzig ermitteln gegen frühere Vorstände der Mittelstandsbank IKB und der vormaligen sächsischen Landesbank (SachsenLB). Beide Institute haben bei Kreditengagements im US-Immobilienmarkt viele Milliarden Euro verspekuliert und mussten vom Staat und von anderen Geldhäusern gerettet werden. In beiden Fällen hatten Beschwerden, die teilweise von anonymen Insidern, teilweise von aufgebrachten Anlegern stammten, die Verfahren ausgelöst. In Frankfurt und München prüfen die Strafverfolger, ob sie gegen Spitzenmanager der Staatsbanken KfW und BayernLB sowie des privaten Geldinstituts Hypo Real Estate (HRE) vorgehen sollen. Zuletzt gingen reihenweise Anzeigen ein, die sich auch gegen einzelne Bankmanager richten, unter anderem gegen den vergangene Woche zurückgetretenen HRE-Vorstandsvorsitzenden Georg Funke. Der Münchner Wirtschaftsanwalt Ulrich Wastl, der von Banken gerne zu Rate gezogen wird, sieht generell ein „beträchtliches strafrechtliches Risikopotential” für die Geldbranche. Der Jurist verweist auf ein Grundsatzurteil des Bundesgerichtshofs (BGH) aus dem Jahre 2001. Darin habe der BGH betont, schon formale Verstöße bei der Kreditvergabe könnten ein Indiz für pflichtwidriges Handeln sein. Auch könne es genügen, bei Finanzengagements eine Schädigung der Bank „billigend in Kauf” zu nehmen, um wegen einer möglichen Veruntreuung von Firmenvermögen Ärger mit der Justiz zu bekommen. Neuere Vorgaben der Bankenaufsicht Bafin erhöhen nach Ansicht von Wastl ebenfalls das Risiko, mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen. Vor knapp einem Jahr habe die Bafin die Mindeststandards für das Risikomanagement in den Geldhäusern nochmals präzisiert. Bei den Ermittlungen gegen frühere Vorstände der IKB und der SachsenLB dürfte sich erstmals zeigen, ob die Vorgaben für das Risikomanagement juristische Konsequenzen hätten, glaubt der Münchner Anwalt. Bei der IKB ermittelt die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft wegen mehrerer Delikte, vor allem Ex-Vorstände sind davon betroffen. Die IKB hatte am 20. Juli 2007 in einer Presseerklärung mitgeteilt, von der Hypothekenkrise in den USA sei man „lediglich mit einem einstelligen Millionenbetrag” betroffen. Kurz darauf veröffentlichte die Mittelstandsbank eine Gewinnwarnung, der Aktienkurs brach ein, das Institut musste von anderen Geldhäuser und vom Staat mit Milliardenbeträgen gerettet werden. 375 Kilometer Papier . Etliche Kapitalanleger waren damals bei der Staatsanwaltschaft vorstellig geworden. Sie hatten nach der Pressemitteilung vom 20. Juni 2007, die in ihren Ohren beruhigend klang, noch IKB-Aktien gekauft. Umso größer war dann der Schock, als die Gewinnwarnung folgte und der Kurs abstürzte. Seitdem ermitteln die Staatsanwälte in Düsseldorf, doch mit raschen Ergebnissen ist nicht zu rechnen. Die Fahnder müssen sich durch einen Wust von Daten wühlen, insgesamt fünf Terabyte. Das sind umgerechnet 375 Kilometer Aktenordner. Die fraglichen Geschäfte seien „rasend schnell” am PC abgewickelt worden, sagt Oberstaatsanwalt Arno Neukirchen. „Wir sind keine Investmentbanker, da müssen wir uns erst hineindenken, um das richtig bewerten zu können.” Hinzu kommt die klassische Arbeit der Ermittler. Diese Woche werden die nächsten Zeugen vernommen, auch steht ein Termin mit dem Bundeskriminalamt an. Den Staatsanwälten in Leipzig, die den Fall SachsenLB prüfen, ergeht es ähnlich. Vor zwei Monaten hatten die dortigen Fahnder 28 Büros und Wohnungen in halb Deutschland durchsucht und Unmengen Material beschlagnahmt. Womöglich war das nicht die letzte derartige Aktion in der Geldbranche. Ein Löwe vor der Zentrale der BayernLB in München. SZ 15.10.2008 Nach dem Rettungspaket: Ein Ex-Banker packt aus, Staatsanwälte nehmen deutsche Institute ins Visier. „Ich fühle mich wie ein Sünder”. Geraint Anderson war einer der flotten Jungs aus der Londoner City, er jettete um die Welt und verdiente viel Geld. Dann stieg er aus. Andreas Oldag Geld Interview GB Seite 30 kA Nach dem Rettungspaket: Ein Ex-Banker packt aus, Staatsanwälte nehmen deutsche Institute ins Visier. „Ich fühle mich wie ein Sünder”. Geraint Anderson war einer der flotten Jungs aus der Londoner City, er jettete um die Welt und verdiente viel Geld. Dann stieg er aus. Als junger Banker machte Geraint Anderson im Londoner Finanzviertel Karriere. Er arbeitete als Wertpapierhändler für ABN Amro und Dresdner Kleinwort. Dann begann er unter dem Pseudonym „Cityboy” Zeitungs-Kolumnen zu schreiben. Anfang des Jahres ist der 36-Jährige ausgestiegen, um ein Buch mit dem Titel „Cityboy – Bier und Abscheu im Finanzviertel” zu veröffentlichen. Anderson liefert einen intimen Einblick in das ausschweifende Leben der Banker und Broker, das von Geld und Gier bestimmt ist. Zum Interview kommt er auf seinem verbeulten Motorroller gefahren. SZ: Ist Ihr verbeulter Roller Ausdruck der neuen Bescheidenheit der Londoner Banker? Anderson: (lacht) Ich brauche keinen Ferrari oder Porsche. Mir bedeuten solche Statussymbole nichts. Mit der Vespa bin ich ohnehin viel schneller unterwegs in der City. Außerdem habe ich noch einen alten Vauxhall. Der stammt von meiner Mutter. Übrigens ist meine Rolex eine Fälschung, die ich im Türkei-Urlaub gekauft habe. Und wenn Sie es genau wissen wollen: Ich habe noch ein Haus im Londoner Stadtteil Shepherd’s Bush. Aber das ist alles kein Luxus . . . SZ: Wie verkraften Ihre ehemaligen Kollegen die Finanzkrise? Das muss doch gewaltig auf die Psyche schlagen. Anderson: Richtig. Für viele bedeutet das einen tiefen Einbruch. Sie müssen sich vorstellen: Es gibt Leute, die haben noch im vergangenen Jahr Millionen einschließlich Bonuszahlungen verdient. Viele meiner ehemaligen Kollegen müssen hohe Kredite abzahlen für teure Wohnungen und Häuser. Die pflegten bislang einen unglaublichen Lebensstil. Da kann es nun plötzlich eng werden. Neben der psychologischen Situation geht es ums Geld. Jeder muss sich einschränken. Das fällt umso schwerer, je luxuriöser man vorher gelebt hat. SZ: Müssen wir nun Mitleid haben mit den Meistern des Universums? Anderson: Ja und nein. Für die junge Generation der Banker, die 25- bis 35-jährigen, ist doch die jetzige Krise eine völlig neue Lebenserfahrung, sieht man mal von dem kurzen Börseneinbruch nach den Terroranschlägen 2001 ab. Damals ging die Party schon nach kurzer Zeit weiter. Diesmal wird es nicht so einfach. Für viele bedeutet das einen scharfen Knick in der Karriereleiter oder sogar den Verlust ihres Arbeitsplatzes. Da wird es auch persönliche Tragödien geben. SZ: Was schätzen Sie, wie viele Arbeitsplätze sind in Gefahr? Anderson: Im Londoner Finanzviertel stehen Zehntausende Jobs auf dem Spiel. Aber natürlich sieht das die Öffentlichkeit auch als gerechte Strafe für die übermäßige Gier an. Im Englischen benutzen wir dafür auch das deutsche Wort Schadenfreude. Aber ich persönlich spüre da keine Häme. SZ: Sie gehören ja selbst zu den Privilegierten. Wie gehen Sie damit um, dass die Banker nun als die Inkarnation des bösen Kapitalismus schlechthin verschrien sind? Anderson: Ich habe schon in gewisser Weise ein schlechtes Gewissen. Ich fühle mich wie ein Sünder. Aber das ist nicht nur ein Problem der Banker. Wenn ich mir die Welt ansehe, ist die Diskrepanz zwischen Arm und Reich ein schlimmes Problem. Das gilt auch für Großbritannien. Wir sind eine Klassengesellschaft. Ich bin in einer privilegierten Familie aufgewachsen. Mein Vater war Labour-Abgeordneter und ist dann Lord im britischen Oberhaus geworden. Ich konnte in Cambridge Geschichte studieren. Und dann habe ich jetzt das Privileg, Frührentner zu sein. SZ: Wie bitte? Anderson: Ja gewiss. Im letzten Jahr meiner Karriere als Banker habe ich eine Prämienzahlung von 500 000 Pfund erhalten. Ich habe mir immer geschworen, die Londoner City zu verlassen, wenn ich zwei Millionen in der Tasche habe. Das ist mir gelungen. Nun kann ich tun und lassen, was ich will, ohne Geldsorgen zu haben. Insofern bin ich Rentner. Aber natürlich werde ich mich nicht auf die faule Haut legen. SZ: Was bedeutet Geld für Sie? Anderson: Geld ist eine Art Rauschmittel. Es wirkt wie eine Droge, die abhängig macht. Das ist auch mir passiert. Ursprünglich hatte ich vor, nur fünf Jahre im Bankgeschäft zu sein. Es wurden am Ende zwölf. Da ist die große Verlockung der Prämienzahlung an jedem Jahresende. Und jedes Jahr sagt man sich, im nächsten lässt sich noch etwas mehr aufs Konto bringen. Ich verbündete mich mit dem Teufel, um meine Ziele zu erreichen. SZ: Können Sie sich an ihren ersten Arbeitstag als Banker erinnern? Anderson: Ja, sehr genau. Ich fing im August 1996 bei ABN Amro in London an. Ich hatte mir einen gebrauchten Nadelstreifenanzug für sechs Pfund im Charity-Shop gekauft. Außerdem hatte ich meine Ohrringe entfernt. Mein einstiges Image als Hippie passte nicht so recht. Ich kam dann in eine völlig neue Welt. Große Ahnung hatte ich nicht. Mein Bruder gab mir kurz vorher noch einen 30-Minuten-Crashkurs in Sachen Finanzen. Ich wusste ja nicht einmal, was beispielsweise ein Kurs-Gewinn-Verhältnis ist. SZ: Aber dennoch waren Sie offenbar ziemlich schnell erfolgreich. Anderson: Ich war niemals ein brillanter Analyst. Das lag auch an meinen mangelhaften Mathematik-Kenntnissen. Doch meine Fähigkeiten lagen im Verkauf. Ich reiste dann viel in der Welt herum, um mit Investoren zu verhandeln. Ich war für den Verkauf von Aktien der Strom- und Gasversorger zuständig, darunter auch der deutsche Eon-Konzern. Es war eine tolle Zeit. Es gab mir Selbstsicherheit und natürlich auch den Erfolg. Ich jettete nach Tokio, New York, Rio und so weiter. Abends aßen wir in Dreisterne-Restaurants. Das gehörte dazu. SZ: Waren Sie auch in Frankfurt? Anderson: Klar. Mir ist übrigens aufgefallen, dass die deutschen Banker-Kollegen viel ernsthafter bei der Sache sind. Sie trinken auch nicht so viel Alkohol, wie es in der Branche in London üblich ist. Aber trotzdem gefällt mir London besser: Die Stadt ist internationaler. Das ganze Finanzgeschäft ist noch schneller und dynamischer als auf dem europäischen Kontinent. SZ: In Ihrem Buch ist auch von Drogen-Exzessen die Rede. Gehört das zum schnellen Leben der Cityboys? Anderson: Ja, leider. Das sind die Folgen des Dauerstresses. Sie stehen ja ständig unter Erfolgsdruck. Und nach Feierabend wird dann über die Stränge geschlagen. Dann ist Party angesagt. Mir hat dieser dekadente Lebensstil allerdings nie gefallen. Insofern war ich ein Außenseiter. SZ: Was sind aus Ihrer Sicht die Hauptursachen der Finanzkrise? Anderson: Es ist die ausufernde Bonusmentalität in der Branche. Die Banker und Broker werden zu immer riskanteren Geschäften getrieben. Alles nur, um eine saftige Prämie am Ende des Jahres zu erhalten. Das ganze System treibt eine gefährliche Gier an. Man spielt ja letztlich mit dem Geld anderer. Bislang gab es viel zu wenige Kontrollen. Die Börsen-Aufsichtsbehörden haben versagt. Das muss sich ändern. Ansonsten steht uns die nächste Spekulationsblase schon bevor. SZ: Sind Banker eigentlich kriminell? Anderson: So würde ich das nicht sagen. Viele meiner ehemaligen Kollegen arbeiten hart. Natürlich gibt es auch Tricks. Insiderhandel gehört dazu. Da werden Gerüchte gestreut, um Aktien nach oben oder nach unten zu reden. Aber das sind die Ausnahmen. Es ist vielmehr das System der Gier, das fragwürdig ist. SZ: Wie viel an Ihrem Buch ist eigentlich wahr? Anderson: Etwa 80 Prozent beruhen auf wahren Ereignissen. Ich musste mich schützen und Namen von Personen und Banken ändern. Es ist ja so, als wenn man einen Mafia-Klub verlässt. Plötzlich sind Sie der Verräter. Ich will ja nicht Schadenersatzklagen haben. SZ: Was sind Ihre Pläne für die Zukunft? Anderson: Mit Sicherheit werde ich nie wieder in einem Büro arbeiten. Ich reise gern nach Indien und Afrika. In Kenia bin ich am Aufbau eines Schulprojekts beteiligt. Dann ist eine Fernseh-Verfilmung meines Buches geplant. Langeweile habe ich nicht. Interview: Andreas Oldag „Geld ist eine Art Rauschmittel. Es wirkt wie eine Droge, die abhängig macht.” „Und nach Feierabend wird über die Stränge geschlagen. Dann ist Party angesagt.” Als er genug Geld zusammen hatte, schmiss Geraint Anderson seine Karriere als Banker und schrieb ein Buch über seine Erfahrungen in der Londoner City. Es soll bald verfilmt werden. SZ 15.10.2008 Schweizer Trittbrettfahrer. Die Regierung sieht tatenlos zu, wie das Ausland den Markt rettet. Thomas Kirchner Geld Bericht Schweiz Seite 27 kA Schweizer Trittbrettfahrer. Die Regierung sieht tatenlos zu, wie das Ausland den Markt rettet. Von Thomas Kirchner. Zürich – Stell dir vor, es ist Finanzkrise, und die Schweiz schaut zu. Das Land, dessen Banken eine Bilanzsumme haben, die neunmal so hoch ist wie das Bruttoinlandsprodukt? Das ein Drittel aller im Ausland angelegten Vermögen verwaltet? Das also wie keine andere Nation vom Reichtum der Welt profitiert? Tatsächlich taucht die Schweiz nicht auf in der langen Liste jener Länder, die zu Wochenbeginn milliardenschwere Hilfsprogramme veröffentlichten. Die Teilnahme der Schweizer Nationalbank an der weltweiten Zinssenkungsrunde war der einzige Eingriff von staatlicher Seite. Gleichzeitig aber verzeichnete der Schweizer Leitindex SMI am Montag mit 11,4 Prozent den höchsten Tagesgewinn aller Zeiten. Die Maßnahmen – der anderen wohlgemerkt – seien endlich auf fruchtbaren Boden gefallen, kommentierte ein Börsenhändler. Die Eidgenossen surfen ganz gut auf der Krisenwelle, der sich alle entgegenstemmen. Ende vergangener Woche hatten sich Regierungsmitglieder zum ersten Mal ausführlicher zum Thema geäußert. Betont lässig sagte Wirtschaftsministerin Doris Leuthard, die Regierung werde die beiden Großbanken UBS und Credit Suisse schon nicht pleitegehen lassen. Bundespräsident Pascal Couchepin sekundierte, es sei nicht nötig, Geld auf Vorrat in den Kreislauf zu pumpen. Und die interimistische Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf beruhigte, für alle Fälle lägen Pläne in der Schublade. Warum die Zurückhaltung? Zum einen entspringt sie der heftigen Abneigung der Schweizer gegen staatliche Gängelung. Der Bürger fordert Rechenschaft über jeden Rappen, den er dem Fiskus gibt. Schon über die zwei Milliarden Franken, die der Staat der maroden Swissair vor sieben Jahren zum kurzfristigen Weiterleben spendete, war endlos debattiert worden. Zum anderen besteht in der Tat keine akute Notlage. Die international engagierten Großbanken haben kräftig geblutet, allein die UBS musste im Laufe der Subprime-Krise um die 50 Milliarden Franken abschreiben. Doch hat sie dank nahöstlicher und asiatischer Investoren ihr Eigenkapital massiv aufgestockt und kritische Geschäftsfelder abgestoßen, sodass sie vorerst gerettet zu sein scheint. Zudem hat sich der Schweizer Immobilienmarkt nie überhitzt, und die Sparquote ist hoch. Im Vergleich mit dem ähnlich exponierten Island steht die Schweiz gut da. Die Krise hält den Schweizern vor Augen, wie riskant die Dominanz des Finanzplatzes ist, wie stark sie von den Geldmärkten abhängen. UBS und Credit Suisse seien zu groß für ihr Land, meint der Publizist Roger de Weck, das von ihnen ausgehende Systemrisiko sei „untragbar”. Er griff den Vorschlag auf, ihre Bilanzsummen zu halbieren – eine Idee, die ebenso verhallte wie Forderungen von Sozialdemokraten, Banken stärker an die Kandare zu nehmen und Manager-Gehälter zu deckeln. Medien kommentieren das Berner Nichtstun überwiegend mit Wohlwollen. „Eisern” habe der Bundesrat, das Regierungsgremium, durchgehalten, so die Neue Zürcher Zeitung, „wie ein Fels in der Brandung”. Allein der Zürcher Tages-Anzeiger wies auf die Gefahren der Trittbrettfahrerei hin. So etwas wie ein Gratis-Mittagessen gebe es nicht, zitiert er Milton Friedman: Irgendwann müssten die Schweizer dafür bezahlen, dass ihnen das Ausland den Markt rettet. So werden die helvetischen Großkonzerne in den USA womöglich stärker reguliert, und gegen das lukrative Bankgeheimnis wird künftig wohl mit ganz anderen Waffen geschossen als bisher. In dieser Lage wäre es von der Berner Regierung vielleicht nicht ungeschickt gewesen, zumindest einen symbolischen Betrag in den weltweiten Rettungstopf einzuzahlen. Selbst wenn sie nicht gefragt wurde. Erste-Hilfe-Paket für Banken? Die Schweiz hält sich zurück. SZ 15.10.2008 Nach dem Rettungspaket: Zwei Länder sind von der Finanzkrise unbehelligt – aus ganz unterschiedlichen Gründen. Viva la regulación!. Jahrelang wurde Spanien für seine knallharte Bankenaufsicht belächelt. Nun gilt das System als Vorbild für andere Länder. Javier Cáceres Geld Bericht Spanien Seite 27 kA Nach dem Rettungspaket: Zwei Länder sind von der Finanzkrise unbehelligt – aus ganz unterschiedlichen Gründen. Viva la regulación!. Jahrelang wurde Spanien für seine knallharte Bankenaufsicht belächelt. Nun gilt das System als Vorbild für andere Länder. Von Javier Cáceres. Madrid – Vor wenigen Wochen noch waren die Spanier auf die Financial Times nicht gut zu sprechen. Die Wirtschaftszeitung aus London hatte vier Länder – Portugal, Italien, Griechenland und Spanien – zu dem Akronym „pigs” zusammengefasst: „pigs” wie Schweine. Diese, so wurde die Metapher jedenfalls in Spanien interpretiert, würden sich nun im angestammten Habitat suhlen: im Schlamm. Zuvor allerdings hatten die Länder jahrelang großen wirtschaftlichen Erfolg. Mittlerweile hat sich die Aufregung gelegt – seit die Zeitung bewundernd von spanischen Lektionen schreibt, die in der Finanzkrise zu befolgen sind. In der Tat ist Spanien von Bankpleiten verschont geblieben. Und das, obwohl es auch in Spanien an allen Ecken kriselt. Der kreditbeschleunigte Immobilienmarkt leidet seit Monaten, das Wachstum lässt nach, die Arbeitslosigkeit steigt, die Bevölkerung ächzt unter der Last der Hypotheken. Doch „in Spanien ist kein einziges Finanzinstitut in Gefahr”, so Finanzminister Pedro Solbes. Kraftstrotzende Banken. Flankiert werden diese Beteuerungen von bombastisch guten Zahlen: So hat Spaniens viertgrößte Bank, Banesto, den Gewinn im dritten Quartal um zwölf Prozent auf 654 Millionen Euro gesteigert. Die Zeitung Público hat die Nettogewinne der Banken für die ersten neun Monate 2008 auf 22,4 Milliarden Euro hochgerechnet. Das entspricht einer dreiprozentigen Steigerung gegenüber 2007. Santander-Chef Emilio Botín peilt für 2008 einen Gewinn von zehn Milliarden Euro an. Sein Institut hat gerade die britischen Banken Alliance & Leicester sowie Bradford & Bingley gekauft; weil seit 2004 auch Abbey im Portfolio steht, kontrolliert Santander nun rund zehn Prozent des britischen Marktes. Am Dienstag bestätigte Santander, man habe die US-Bank Sovereign Bancorp für rund 1,4 Milliarden Euro ganz übernommen. Auch die anderen spanischen Großbanken stehen im internationalen Vergleich blendend da. Das liegt vor allem an der rigiden Bankenaufsicht durch die Banco de España, die spanische Zentralbank. Aus dem Schaden der Bankenkrisen der 70er und 80er Jahre ist Spanien klug gworden. Allein die Banesto-Krise 1983, als ein Viertel der Kunden verängstigt die Depots abzog und die Bank an den Rand des Zusammenbruchs brachte, kostete mehr als 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Mancher Banker wanderte damals ins Gefängnis. In der Folge wurden der spanischen Zentralbank „im internationalen Vergleich einzigartige Kompetenzen” zugemessen, so José Luis Escrivá, Chefvolkswirt der BBVA. So zwingt die Zentralbank die spanischen Geldhäuser zu massiven, antizyklischen, weltweit einzigartigen Eigenkapital- und Rücklagenverpflichtungen. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern liegen die Garantiesummen für Sparguthaben bereit, sollte eine Bank pleitegehen. Bislang belief sich diese Garantiesumme auf 20 000 Euro, nun ist sie im Zuge der EU-weiten Garantiewut verfünffacht worden. Im Unterschied zu anderen Ländern müssen in den Bilanzen alle Kredite nachzuvollziehen sein, dies verhinderte eine Kontaminierung etwa durch Subprime-Kredite. Die Zentralbank unterhält ein Inspektoren-Heer, das ob seiner Professionalität und Unabhängigkeit großes Ansehen genießt. „Keine staatliche Auswahlprüfung gilt als so anspruchsvoll wie die Examen zum Zentralbank-Inspektor”, sagt Manuel Romera, Direktor der Finanzabteilung der IE Business-School. Allein für die BBVA sind zwei Dutzend Inspektoren abgestellt. Das ist mehr, als die Bank von Holland für alle Institute des Landes hat. Dass dies nun als Patentrezept gepriesen wird, ist fast schon wieder lustig: Jahrelang ernteten die Spanier Kopfschütteln für ihre Regulierungswut. „Was für einen Unsinn macht ihr da in Spanien? Das kann man doch nicht machen”, habe man ihm in Europa einst zugerufen, sagte der frühere Zentralbank-Gouverneur Luis Angel Rojo. Der Vorschlag an die Europäische Zentralbank und den Rat der EU-Wirtschafts- und Finanzminister, sich die spanischen Maßnahmen als Beispiel zu nehmen, sei verworfen worden: „Das ist doch Quatsch!” Und nun töne es überall: Viva la regulación! „Da kann man mal sehen . . .”, sagt Rojo. Ob sich Spaniens Banken auch auf mittlere Sicht als krisenresistent erweisen, muss sich freilich noch zeigen. Gegen die Krise ist niemand immun, betont Finanzminister Solbes. Die Geldhäuser stünden zwar „im internationalen Vergleich besser da als nichtspanische Banken”, sagt IE-Professor Romera. Aber: „Auch in Spanien haben Banken Exzesse bei der Vergabe von Hypotheken- und Konsumkrediten begangen. Wie das enden wird, ist eine große Unbekannte.” Sorgen macht insbesondere, dass die Zahl der Spanier wächst, die ihre Kredite nicht bedienen können. Dies dürfte die Ergebnisse der Banken unter Druck setzen. Im internationalen Vergleich ist die Ausfallquote aber noch immer niedrig. An Freitag verabschiedete das Kabinett die Einrichtung eines maximal 50 Milliarden Euro teuren Fonds, um den Banken gesunde Aktiva abzukaufen. Am Montag folgten dann Garantien für neue Bankschulden von bis zu 100 Milliarden Euro. Damit solle nicht den Banken geholfen werden, betont die Regierung. Vielmehr sollen die Geldinstitute wieder Kredite an Unternehmen und Bürger vergeben. Offen ist freilich, wie eben dies garantiert werden soll; die neoliberal-konservative Opposition will ihre Zustimmung nur bei strikter Kontrolle der Verwendung der Gelder geben. Nicht, dass die Banken mit dem Geld ihre nun fälligen Kredite bediene. Der Finanzbedarf übersteigt die 50 Milliarden Euro deutlich. Spanische Fans feiern den Sieg ihrer Mannschaft im Fußball-EM-Finale: Ähnlich stolz ist das Land derzeit auf seine Bankenaufsicht. SZ 15.10.2008 Eine Frage der Kontrolle. Die EU muss jetzt schnell die Bankenaufsicht internationalisieren – eine Herkulesaufgabe. Cerstin Gammelin Meinungsseite Kommentar EU Seite 4 kA Eine Frage der Kontrolle. Die EU muss jetzt schnell die Bankenaufsicht internationalisieren – eine Herkulesaufgabe. Von Cerstin Gammelin. Überraschend entschlossen haben die Europäer in der Finanzkrise die Reihen geschlossen und damit vor allem eines gezeigt: Das europäische System funktioniert – der Druck muss nur groß genug sein. Die gemeinhin ihre Individualität pflegenden europäischen Staaten finden offenbar dann zusammen, wenn die Lage nur ausweglos genug ist. Was die europäische Einigkeit wert ist, zeigen nun die Börsen. Das Geschäft mit den Aktien floriert wieder – den europäischen Staatsgarantien sei Dank. Doch wie lange werden die Europäer gemeinsam Finanzpolitik betreiben? Werden die Regierungschefs und die Finanzminister mutig genug sein, den Druck aus der Krise tatsächlich auch dazu nutzen, den Banken neue Regeln zu diktieren? Und werden sie vor allem verbindlich sein, diese Regeln, mit denen die Akteure auf dem Finanzmarkt an die Leine gelegt werden sollen? Schließlich: Wie steht es mit den Spareinlagen der Verbraucher – werden auch die umfassend geschützt? An diesem Mittwoch versammeln sich die Staats- und Regierungschefs der siebenundzwanzig EU-Länder in Brüssel zu einem Gipfeltreffen, um genau diese Fragen zu beantworten. Wollen sie dem Wunder von Paris also ein Wunder von Brüssel folgen lassen, müssten sie gleich mehrere substantielle Beschlüsse fassen. Zunächst geht es darum, die elf Staaten ohne Euro-Währung mitzuziehen. Elf Länderchefs waren nicht zum Krisengipfel nach Paris eingeladen und haben noch nicht dem Regelwerk zur Bewältigung der Krise zugestimmt. Ihr nachträgliches Einverständnis ist längst nicht selbstverständlich, schließlich wirtschaften nationale Banken nach eigenen Grundsätzen und sind unterschiedlich von der Wirkung der Krise betroffen. Der Gipfel muss zudem die Regeln verabschieden, die Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes gerade vorgelegt hat, und mit deren Hilfe verhindert werden soll, dass sich Staaten bei der Rettung ihrer Banken bewusst oder unbewusst Vorteile verschaffen. Die Staatschefs müssen bestä;tigen, dass sie künftig Spareinlagen bis zu 100 000 Euro garantieren werden – den entsprechenden Gesetzentwurf hat die EU-Kommission vorgelegt. Ist das erledigt, wartet die größte Herausforderung. Europas Staatenlenker müssten das in der Krise den Verbrauchern gegebene Versprechen erfüllen und beschließen, dass Banken nebst anderen Finanzinstituten künftig unter eine zentrale europäische Aufsicht gestellt werden. Sie müssten – wie von der amtierenden EU-Ratspräsidentschaft vorgeschlagen – ein Treffen aller wichtigen Wirtschaftsmächte initiieren, um internationale Aufsichtsregeln zu beschließen. Wer die Schwerfälligkeit des internationalen Konferenz-Zirkus kennt, der weiß, um welche Herkulesaufgabe es sich da handelt. Die Vorschläge, die jetzt auf dem Tisch liegen, reichen für ein neues Aufsichtssystem nicht aus. Bisher wollen die Europäer lediglich europaweit agierende Banken nicht mehr einzeln, sondern als Gruppe überwachen lassen. Das bedeutet etwa: Die deutsche Aufsichtsbehörde wird künftig die Geschäfte der Deutschen Bank in ganz Europa überwachen, nicht mehr nur in Deutschland. Dasselbe gilt für Großbanken anderer europäischer Länder. Eine zentrale Aufsichtsbehörde ist aber nicht geplant. Doch genau das haben die Verantwortlichen versprochen. Wenn die Verbraucher vor unseriösen Bankprodukten und faulen Krediten geschützt werden sollen, dann müssen alle Banken zentral überwacht werden. Nationale Behörden reichen nicht mehr aus. Mit den dünnen Vorschlägen wird Europa auch auf dem internationalen Finanzparkett keine gewichtige Rolle spielen. Nur wenn die europäischen Staats- und Regierungschefs auch ohne Krise einig agieren und nicht in den Kleinmut der Vorkrisenzeit zurückfallen, besteht die Chance, ein wahrhaft europäisches System zu etablieren. SZ 15.10.2008 „Schluss mit dem Wachstumsdenken”. kA jpe Politik Meldung BRD Seite 5 kA „Schluss mit dem Wachstumsdenken”. Berlin – Umweltschützer und kirchliche Hilfsorganisationen sehen die Finanzkrise als Vorläufer für einen noch verheerenderen ökologischen Zusammenbruch. Sie fordern deshalb, die Krise zum Anlass für eine grundlegende Gesellschaftsreform zu nehmen und sich von der „Lebensweise auf Pump” zu verabschieden. Es sei offensichtlich geworden, „dass eine zukunftsfähige Entwicklung mit dem vorherrschenden Wachstumsdenken nicht vereinbar ist”, sagte Hubert Weiger, der Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), am Dienstag in Berlin. In einer gemeinsamen Studie legen BUND, der Evangelische Entwicklungsdienst und die Organisation Brot für die Welt Leitlinien für eine „lebensdienliche Marktwirtschaft” vor. Gefordert werden global verträgliche Konsum- und Produktionsmuster sowie ein klares Bekenntnis zur Solarwirtschaft und die Abkehr von Atomenergie und Kohlekraftwerken. Die Organisationen wollen mit ihrer 650-seitigen Studie Druck auf Politik und Wirtschaft ausüben: „Die Prioritäten des wirtschaftlichen Handelns müssen sich umkehren”, sagte Weiger. Mit Blick auf das Finanzrettungspaket nannte er es „makaber”, dass es nicht gelungen sei, seit dem Umweltgipfel in Rio de Janeiro 1992 zehn Milliarden Euro für den Erhalt der biologischen Vielfalt aufzubringen. Klimaschäden seien nicht umkehrbar. Der ehemalige Umweltminister Klaus Töpfer schloss sich den Leitlinien an und forderte einen neuen institutionellen Ordnungsrahmen, um die Klimaziele effektiver umsetzen zu können. Jpe. SZ 15.10.2008 Länder wollen nicht zweimal zahlen. Wegen der großen Probleme ihrer eigenen Banken lehnen es Finanzminister ab, sich am Rettungspaket des Bundes zu beteiligen Klaus Ott; Caspar Dohmen Politik Bericht BRD Seite 5 kA Länder wollen nicht zweimal zahlen. Wegen der großen Probleme ihrer eigenen Banken lehnen es Finanzminister ab, sich am Rettungspaket des Bundes zu beteiligen Von Klaus Ott und Caspar Dohmen. München/Düsseldorf – Bayerns Finanzminister Erwin Huber (CSU) hatte es am Dienstag besonders eilig, Stellung zum Rettungspaket der Bundesregierung für die Geldbranche zu beziehen. Man wolle dieses Vorhaben nicht im Bundesrat scheitern lassen, deutete Huber an. Aber selbst etwas zu den 500 Milliarden Euro beizusteuern, das komme nicht in Frage. Der Freistaat habe sich schließlich schon bereit erklärt, dort Risiken zu übernehmen, wo er selbst Miteigentümer sei. Ähnlich äußerte sich der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers. Über die Haftung der Länder müsse noch gesprochen werden, sagte der CDU-Politiker. „Wir wollen nicht zweimal zahlen müssen.” Teure Rettungsschirme. Länder wie Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen haben genug Probleme mit ihren eigenen Banken. Das könnte am Ende ziemlich teuer werden. Notfalls werden etliche Milliarden Euro fällig, weil sich die dortigen Staatsbanken auf riskante Geschäfte mit US-Immobilienkrediten eingelassen haben. Bei der Bayerischen Landesbank (BayernLB) geht es um Engagements im im Wert von insgesamt 24 Milliarden Euro. Mögliche Ausfälle in Höhe von sechs Milliarden Euro sollen vor allem das Land Bayern und die dortigen Sparkassen übernehmen, denen die BayernLB gehört. Land und Sparkassen sollen Bürgschaften über jeweils 2,4 Milliarden Euro gewähren. Stimmt die Brüsseler EU-Kommission nicht zu, dann braucht die BayernLB Ende des Jahres voraussichtlich bares Geld, mehr als eine Milliarde Euro. Zahlen müssten das Land und die Sparkassen. Auch die nordrhein-westfälische Regierung sah sich frühzeitig gezwungen, einen Rettungsschirm für die WestLB aufzuspannen. Im Sommer vergangenen Jahres geriet die drittgrößte Landesbank infolge der internationalen Finanzkrise in eine Schieflage. Zunächst stellten die Eigentümer des Finanzinstituts, also das Land, die Kommunen sowie die Sparkassen in Nordrhein-Westfalen, gemeinsam zwei Milliarden Euro zur Verfügung. Später bürgte das Land dann für weitere drei Milliarden Euro. Auf diese Weise konnte die Bank risikoreiche Wertpapiere in einem Volumen von 23 Milliarden Euro in eine Zweckgesellschaft in Irland auslagern und ihren Geschäftsbetrieb weiterführen. Tatsächlich hat die Rettungaktion das Land NRW laut Finanzministerium bislang einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag gekostet. Derzeit baut die Regierung einen Fonds auf, aus dem mögliche weitere Verpflichtungen beglichen werden sollen. Die EU-Kommission genehmigte die kurzfristige Rettungsaktion des Landes erst einmal ohne Bedingungen. Sollte die WestLB allerdings dauerhaft Hilfe vom Land benötigen, dann soll die Bank nach dem Willen der EU deutlich abspecken und ihre Geschäfte reduzieren. 1000 Euro mehr pro Kopf. Ebenfalls kräftig verspekuliert hat sich offenbar auch die SachsenLB, die von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) übernommen wurde. Gefährdete Fonds in Höhe von mehr als 17 Milliarden Euro mussten wie bei der WestLB nach Irland ausgelagert werden. Kommt es zu Ausfällen, haftet zuerst der Freistaat Sachsen mit 2,75 Milliarden Euro, danach die LBBW mit sechs Milliarden Euro und schließlich andere Landesbanken mit 8,5 Milliarden Euro. Die Schulden des Freistaats Sachsen stiegen im Ernstfall um 1000 Euro pro Kopf, vom Baby bis zum Greis. Für den früheren Regierungschef Georg Milbradt ist der Ernstfall längst eingetreten. Den CDU-Politiker hat die Affäre um die SachsenLB sein Amt gekostet. Die Landesbanken – hier die Bayern LB – haben sich auf viele unsichere Geschäfte eingelassen. SZ 15.10.2008 Ein bisschen verzockt. Städte, die ihr Geld bei Lehman Brothers angelegt haben, bangen nun um Millionen. Bernd Dörries Politik Bericht BRD Seite 5 kA Ein bisschen verzockt. Städte, die ihr Geld bei Lehman Brothers angelegt haben, bangen nun um Millionen. Von Bernd Dörries. Stuttgart – Als er vor einigen Wochen von der Pleite der amerikanischen Lehman-Bank hörte, fragte sich Peter Kleinmagd, „warum mussten wir ausgerechnet dort anlegen”. Kleinmagd ist Kämmerer von Lörrach, einer Stadt im südbadischen mit 48 000 Einwohnern. Mitte August legte Kleinmagd fünf Millionen Euro bei der deutschen Filiale der Investmentbank an, für eine Laufzeit von drei Monaten. Wenige Wochen später war Lehman pleite, und Kleinmagd kommt erst einmal nicht mehr an das Geld der Stadt Lörrach. In ganz Deutschland berichten Kämmerer derzeit ihren Gemeinderäten und örtlichen Zeitungen, dass auch sie von der Finanzkrise betroffen sind, dass auch sie Geld bei der Investmentbank Lehman Brothers angelegt haben. Die Kämmerer sind vom Gesetz her verpflichtet, wirtschaftlich zu handeln. Beim Anblick der Summen, mit denen selbst in kleinen Kommunen gehandelt wurde, kann man aber schon fragen, ob auch die öffentliche Hand ein wenig das Maß verloren hatte, ob man sich nicht von hohen Zinssätzen blenden ließ und nicht fragte, wie diese denn überhaupt möglich sind. Selbst kleinste Gemeinden haben sich verhalten wie globale Finanzinstitute. In Bankenkreisen war bereits seit längerem bekannt, dass Lehman unter Kommunen aggressiv um Kunden warb und dabei hohe Zinssätze bot. Der Kämmerer von Lörrach bekam bei Lehman einen Zinssatz von 5,138 Prozent, die örtliche Sparkasse zahlte nur 4,98 Prozent. Hoffen auf den Sicherungsfonds. Weder die derzeit unter einem Moratorium stehende Frankfurter Filiale von Lehman Brothers noch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) dürfen derzeit darüber Auskunft geben, wie viele Kommunen ihr Geld bei Lehman angelegt haben. Zählt man aber diejenigen zusammen, die sich bisher freiwillig geoutet haben, kommt man schnell auf einen Betrag, der sich auf die Milliardengrenze zubewegt. Frankfurt hat 95 Millionen Euro eingezahlt, Köln etwa 90 und Freiburg 47 Millionen. Und auch die Provinz war gut dabei, der Kreis Euskirchen überwies 35 Millionen an Lehman, der Kreis Frechen immerhin noch fünf. Es sei ja „schön, dass wir fünf Millionen rumliegen haben und die so locker anlegen können”, sagte Gertrud Welper, eine Kreistagsabgeordnete der Grünen. Doch warum müsse das bei einer internationalen Investmentbank sein? Das ist eine gute Frage. Die Kämmerer verweisen auf die höheren Zinssätze und darauf, dass die Einlagen gut abgesichert seien. „Wir haben immer darauf geachtet, dass die Banken, bei denen wir unser Geld anlegen, im Einlagensicherungsfonds vertreten sind”, sagt Lörrachs Kämmerer Kleinmagd. Es gebe zwar keinen Rechtsanspruch, er sei sich aber sicher, dass dieser Krisenfonds die fünf Millionen Euro, die Lörrach an Lehman gezahlt hat, wieder ersetzen werde. Die Auszahlung kann sich aber durchaus bis in das nächste Jahr hinziehen. Bis dahin könnten einige Kommunen in finanzielle Schwierigkeiten kommen. Und Lothar Reiniger, der Fraktionschef der Linken in Frankfurt, stellt auch die grundsätzliche Frage, was denn passiert wäre, „wenn die anderen fünf amerikanischen Investitionsbanken auch pleite gegangen wären. Dann hätte die Einlagensicherung nicht mehr funktioniert”. Manche Mitgliederbanken des Einlagensicherungsfonds überlegen zudem, die Kriterien für eine Entschädigung in Zukunft enger zu fassen, sie möglicherweise auf Privatleute und Mittelständler zu begrenzen, die nicht zu einer umfassenden Risikoanalyse in der Lage sind. Die Kommunen haben hingegen mittlerweile einige Erfahrung im internationalen Finanzgeschäft. Die Tagesgelder bei Lehman gehörten eher noch zu den harmloseren Anlagen. Viele Kämmerer haben sich längst in das Geschäft mit Derivaten vorgewagt, in jenen riskanten Bereich des Finanzmarktes, der für die derzeitige Krise verantwortlich gemacht wird. Nicht immer geht das gut aus. Die Stadt Hagen schloss im Jahr 2004 ein sogenanntes Spread-Ladder-Swap-Geschäft ab, eine komplizierte Wette auf die Entwicklung der Zinsstruktur. Die Wette verlor Hagen haushoch – wie auch Dutzende anderer Kommunen – und verklagte die Deutsche Bank auf 50 Millionen Euro Schadensersatz, weil man sich schlecht beraten fühlte. „Die Stadt war eine auch im Bereich sogenannter Derivat-Geschäfte sehr erfahrene und professionelle Kundin”, urteilte das Landgericht Wuppertal im Juli diesen Jahres. „Die Mitarbeiter der Stadt wussten, was sie taten.” Hagen hatte ohnehin schon eine Milliarde Euro Schulden. Nun sind es noch etwas mehr. Finanzprobleme hatten viele Städte schon 2003: Damals flatterte eine Flagge vom Freiburger Rathaus, auf der die mageren Einnahmen beklagt wurden. Heute bangt die Stadt um 47 Millionen Euro, die sie bei der pleitegegangenen Investitionsbank Lehman Brothers investiert hat. AP SZ 15.10.2008 Barroso: Finanzkrise kann Europa stärken. kA lod Politik Bericht EU Seite 8 kA Barroso: Finanzkrise kann Europa stärken. Brüssel – Die internationale Finanzkrise könnte die Europäer nach den Worten von EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso näher zusammenbringen. „Wenn die richtigen Lehren gezogen werden, wird Europa gestärkt”, sagte Barroso am Vorabend des Europäischen Rates in Brüssel. Die Krise habe gezeigt, dass kein Land vor globalen Turbulenzen sicher sei. Die europäischen Reaktionen seien für die Bürger unentbehrlich, selbst „Euroskeptiker” hätten mehr gemeinsame Aktionen verlangt. Die Finanzkrise wird auch das bestimmende Thema des EU-Gipfels sein, der an diesem Mittwoch in Brüssel beginnt. Barroso erwartet, dass auch jene Staats- und Regierungschefs die Beschlüsse zur Stabilisierung der Finanzmärkte vom Sonntag mittragen, die nicht zur Euro-Zone gehören. Laut Barroso beläuft sich die Gesamtsumme der nationalen Hilfspakete, die nach der Einigung verkündet wurden, auf etwa zwei Billiarden Euro. Die Kommission will noch vor Beginn des Gipfels eine bessere Sicherung für private Spareinlagen vorschlagen und die Bilanzregeln für Banken ändern. Barroso forderte außerdem eine umfassende Reform der Finanzmärkte. Dazu habe er eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die unter anderem über eine schärfere Regulierung von Hedgefonds und Ratingagenturen nachdenke. Barroso mahnte, dass das Klimapaket, das ebenfalls auf der Tagesordnung des EU-Gipfels steht, wegen der Finanzkrise nicht aus dem Blick geraten dürfe. Europa müsse bei diesem globalen Problem seine Führungsrolle wahrnehmen. lod. SZ 15.10.2008 Landtag debattiert über Finanzkrise. kA kaa Bayern Meldung BRD Seite 35 kA Landtag debattiert über Finanzkrise. München – Noch bevor der Landtag am nächsten Montag offiziell zusammentritt, befasst er sich mit den Auswirkungen der weltweiten Finanzkrise auf Bayern. Landtagspräsident Alois Glück hat den Zwischenausschuss für Donnerstag einberufen. Die SPD hatte das beantragt, um die bayerische Beteiligung am Rettungspaket des Bundes für die Banken zu besprechen und die möglichen Auswirkungen auf den Haushalt des Freistaats. Der Zwischenausschuss vertritt den Landtag bis zur ersten Sitzung eines neugewählten Parlaments. Er wurde in der letzten Plenarsitzung eingesetzt. Besetzt ist er mit einem Viertel der Abgeordneten, 32 von der CSU, zehn der SPD und drei Grünen. Landtagpräsident Glück lud nun je drei Vertreter von FDP und Freien Wählern dazu. Erst zweimal tagte der Zwischenausschuss seit 1946: Am 21. Juli 1982 wegen der „Langemann-Affäre” um den damaligen Staatsschutzchef Hans Langemann und am 10. Oktober 1990, als die Opposition Aufklärung forderte über illegale Waffenlieferungen des Rüstungskonzerns MBB in den Irak. Schon vor der Sitzung des Ausschusses tritt am Donnerstag der Ministerrat ebenfalls zu einer Sondersitzung wegen der Finanzkrise zusammen. Kaa. SZ 15.10.2008 Toxische Kredite. Die historische Macht der Finanzrisiken. Ulrich Beck Feuilleton Zitat global Seite 13 kA Toxische Kredite. Die historische Macht der Finanzrisiken. Von Ulrich Beck. Über Nacht ist das missionarische Prinzip des Westens – die freie Marktwirtschaft –, das den Abscheu gegen den Kommunismus, aber auch die philosophische Distanz zum gegenwärtigen chinesischen System begründet hat, fiktionalisiert worden. Mit dem Fanatismus der Konvertiten fordern die Banker (im öffentlichen Bild mutiert zu „Bankstern”) die Verstaatlichung ihrer Verluste, was wohl auch für die Individualisierung der Gewinne Folgen haben dürfte. Beginnt nun die bislang verhöhnte, verteufelte, aber auch gefürchtete chinesische Form der staatsdirigistischen Privatwirtschaft in den angelsächsischen Zentren des Laisser-faire Einzug zu halten? Wie erklärt sich dieses weltpolitische Umsturzpotential globaler Finanzrisiken? Eine Antwort auf diese Frage basiert auf einer wesentlichen Unterscheidung: Risiko meint nicht Katastrophe, sondern die Antizipation der Katastrophe noch in der Gegenwart. Im Umgang mit globalen Risiken (Klimawandel, Finanzkrise, Terrorismus) geht es heute um genau diese Antizipation eines zukünftigen Ausnahmezustandes ohne Grenzen. Dieser Ausnahmezustand gilt nicht mehr nur national, er gilt kosmopolitisch, er bringt scheinbar ewige Denkgebäude zum Einsturz und stiftet neue Gemeinsamkeiten. Dabei müssen zwei Varianten unterschieden werden, die für die politische Theorie der Weltrisikogesellschaft eine Schlüsselbedeutung besitzen: zum einen die Antizipation von nichtintendierten Nebenfolgen-Katastrophen, – Klimawandel, Weltwirtschaftskrise –; zum anderen die Antizipation von intendierten Katastrophen, wofür der transnational operierende Selbstmordterrorismus steht. Man könnte meinen, Carl Schmitt habe das politische Potential des durch globale Risiken induzierten Ausnahmezustandes vorgedacht. In seiner Souveränitätslehre bindet er den Ausnahmezustand jedoch ausschließlich an den Nationalstaat. So etwas wie ein transnationaler oder kosmopolitischer Ausnahmezustand, der genau im Gegenteil die Unterscheidung von Freund und Feind aufhebt und aus der radikalisierten Unabhängigkeit des Marktes hervorgeht, ist für Schmitt undenkbar. Vielleicht ist das das herausragende Merkmal der Globalrisiken (Weltwirtschaft, Klimawandel, Terrorismus), dass an die Stelle der nationalstaatlichen Begrenzung die Entgrenzung des Ausnahmezustandes tritt, und zwar in sozialer, räumlicher und zeitlicher Hinsicht. Sozial wird der Ausnahmezustand entgrenzt, indem ein neues finanzpolitisches Kapitel der Weltinnenpolitik eröffnet wird. Dies zeigt sich im Wettlauf der Regierungen um den besten Weltrettungsplan, wobei dem Sieger – wie das Beispiel des britischen Premierministers Gordon Brown zeigt – im nationalen und internationalen Raum die politische Wiederauferstehung gleich dem Phönix aus der Asche winkt. Es eröffnet sich ein die scheinbar ehernen Regeln der internationalen Politik veränderndes Machtspiel, irgendwo angesiedelt zwischen Casinopolitik und russischem Roulett, in dem die Zuständigkeiten und Grenzen neu verhandelt werden – nicht allein die zwischen der nationalen und der internationalen Sphäre, sondern auch jene zwischen globaler Wirtschaft und dem Staat, supranationalen Organisationen, sowie den aufstrebenden Weltwirtschaftsmächten China, Südamerika, Indien einerseits, den USA, der Europäischen Union andererseits. Kein einzelner Spieler oder Gegenspieler kann alleine gewinnen, alles hängt von Allianzen ab. Ebenso wie eine Regierung allein den globalen Terrorismus nicht bekämpfen kann, kann eine Regierung nicht allein den Klimawandel bekämpfen, und ebenso kann eine Regierung nicht mit den Konsequenzen der drohenden Finanzkatastrophe zurechtkommen. Umgekehrt ähnelt der Nationalpolitiker – z.B. der deutsche Wirtschaftsminister Glos –, der den drohenden weltwirtschaftlichen Kollaps innerhalb des nationalen Gartenzauns zu beantworten sucht, dem Betrunkenen, der in einer dunklen Nacht sein verlorenes Portemonnaie im Lichtkegel einer Straßenlaterne wiederzufinden versucht. Auf die Frage: „Haben Sie Ihr Portemonnaie denn wirklich hier verloren?”, antwortet er: „Nein, aber im Licht der Laterne kann ich wenigstens danach suchen!” Mit anderen Worten: Globale Finanzrisiken könnten auch failed states produzieren – sogar im Westen. Die staatliche Struktur, die unter den Bedingungen der Weltrisikogesellschaft entsteht, könnte allerdings in Begriffen von Ineffizienz wie von post-demokratischem Autoritarismus charakterisiert werden. Räumlich hat sich der Ausnahmezustand entgrenzt, weil die Finanzrisiken in ihren Folgen in der hochinterdependenten Welt unkalkulierbar und nicht kompensierbar geworden sind. Der Sicherheitstraum der nationalstaatlichen ersten Moderne schloss Schäden nicht aus, doch galten sie als kompensierbar, ihre Auswirkungen konnten rückgängig gemacht werden. Wenn jedoch das Weltfinanzsystem zusammengebrochen ist, wenn sich das Klima unumkehrbar geändert hat, wenn terroristische Gruppen bereits über Massenvernichtungswaffen verfügen, dann ist es zu spät. Angesichts dieser neuen Qualität der Bedrohung der Menschheit verliert die Logik der Kompensation ihre Gültigkeit und wird – wie François Ewald argumentiert – durch das Prinzip der Vorsorge durch Vorbeugung ersetzt. Rationales, erfahrungsabhängiges Urteilen ist dementsprechend unbedingt zu verhindern! Die Unkalkulierbarkeit der Finanzrisiken ergibt sich aus der überragenden Bedeutung des Nichtwissenkönnens. Zugleich müssen jedoch der Wissens-, Kontroll- und Sicherheitsanspruch des Staates erneuert, vertieft und ausgeweitet werden. Daraus entsteht die Ironie, etwas zu kontrollieren, von dem niemand wissen kann, was es ist, wie es sich entwickelt oder welche Wirkungen und Nebenwirkungen die im Nullenrausch politisch verordnete Milliardentherapie tatsächlich zeigen wird. Warum aber muss dort, wo die Gleichgewichtsökonomie versagt, der Staat entscheiden, was der Fall ist? Darauf gibt es eine schlüssige soziologische Antwort: Weil das Sicherheitsversprechen das Primat des modernen Staates ist, das durch Nichtwissen nicht etwa aufgehoben, sondern erst aktiviert wird. Was geschieht jedoch, wenn die Hybris des Staates verpufft oder das Gegenteil bewirkt? Darauf gibt es eine zynisch-realistische Antwort: Mit der Ineffektivität des politischen Handelns wächst die Gefahr und damit wiederum die Not aller – mit der paradoxen Folge: Falsches Handeln kann sich in der Not, die dieses vergrößert, reinwaschen. Die Vergebung der Fehler wächst möglicherweise mit den Fehlern, die die Not der Menschen steigert. Die zeitliche Entgrenzung des Ausnahmezustandes bemisst sich ebenfalls an der Unkalkulierbarkeit der Gefahr. Alle hoffen, dass mit der gerade beobachtbaren Kettenreaktion die Abwärtsspirale am tiefsten Punkt angekommen ist – bis es dann vielleicht doch wieder noch schlimmer wird. So gesehen gleichen die „toxischen” Kredite im Weltfinanzsystem ein wenig der Lawinengefahr angesichts eines nicht endenden Schneefalls: Man weiß um die Existenz des Risikos, nicht aber genau, wann und wo ein Niedergang stattfinden wird. Zugleich erzeugt die wahrgenommene Gefahr, die alle in den Abgrund zu reißen droht, eine Beschleunigungsdynamik des Gegenhandelns, und damit einen Konsensdruck, der die Kluft zwischen Konsenszwang und politischer Entscheidungsfindung kurzschließen kann. Mit der Folge, dass das, was im nationalen Politikraum gänzlich undenkbar ist, ausgerechnet in der globalen Weltinnenpolitik möglich wird: Dass nämlich trotz des Prinzips der Einstimmigkeit und der Beteiligung aller Staaten, deren Interessen bekanntlich dramatisch konfligieren, unter dem Diktat einer Art Schockeile finanzpolitisch verbindliche, globale Entscheidungen zustande kommen. Warum? Eben durch die Antizipation der Katastrophe in der Gegenwart, also durch die massenmedial befeuerte Globalität der Risikowahrnehmung. Diese entriegelt Handlungsräume für die kostaatliche Transnationalisierung von Finanzmärkten, Klimaschutzmaßnahmen, und nicht zuletzt auch die Transnationalisierung von polizeilichen und militärischen Kompetenzen zur Bekämpfung des Terrorismus. Die welthistorische Macht globaler Gefahrenwahrnehmung ist jedoch teuer erkauft, denn sie wirkt nur kurz. Da alles an ihrer massenmedialen Wahrnehmung hängt, reicht die Legitimationskraft weltpolitischen Handelns angesichts globaler Gefahren nur so weit wie die massenmediale Aufmerksamkeit. Was den Eingeborenen der Weltrisikogesellschaft einen anthropologischen Schock einjagt, sind nicht mehr die metaphysische Obdachlosigkeit Becketts oder die Kontrollhorrorvisionen Foucaults, auch nicht die stumme Rationalitätsdespotie, die Max Weber schreckte. Was den Zeitgenossen heute ängstigt, ist die Ahnung, dass das Gewebe unserer materiellen Abhängigkeiten und moralischen Verpflichtungen zerreißen und das empfindliche Funktionssystem der Weltrisikogesellschaft zusammenbrechen könnte. So steht alles auf dem Kopf: Was für Weber, Adorno und Foucault ein Schreckensgemälde war – die perfektionierte Kontrollrationalität der verwalteten Welt –, ist für die potentiellen Opfer der Finanzrisiken (also alle) ein Versprechen: Schön wär’s, wenn die Kontrollrationalität kontrollieren würde; schön wär’s, wenn nur der Konsum und der Humanismus uns terrorisieren würden; schön wär’s, wenn die Störungsfreiheit der Systeme durch Appelle an deren „Autopoiesis” (Luhmann) oder durch die liturgische Formel „Mehr Markt bitte!” wiederherstellbar wäre. Was ist das Gute am Schlechten? Dass der nationalstaatliche Egoismus sich um seiner selbst willen kosmopolitisch öffnen muss. Aber das ist eine von vielen Möglichkeiten, die das Lernen aus der Antizipation paradigmatischer Katastrophen voraussetzt. Eine andere ist, dass diese nicht stattfinden. Der Autor lehrt Soziologie in München und London. Zum Thema erschien zuletzt sein Buch „Weltrisikogesellschaft – Auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit” (Suhrkamp). Warum muss dort, wo die Ökonomie versagt, der Staat entscheiden, was der Fall ist? Glos ähnelt dem Betrunkenen, der seine Geldbörse im Lichtkegel einer Straßenlaterne sucht. Was für Weber, Adorno und Foucault eine Drohung war, ist heute ein Versprechen: Kontrolle. SZ 16.10.2008 Kapitale Fehleinschätzung. Zwischen Wut und Erschöpfung. SZ vom 7. Oktober. Dietmar Pietsch Leserbriefe Leserbrief BRD Seite 40 kA Kapitale Fehleinschätzung. Zwischen Wut und Erschöpfung. SZ vom 7. Oktober. Das Porträt von Bundesbankpräsident Axel Weber fällt viel zu unkritisch aus. Zwar erwähnt Helga Einecke die unterschiedlichen Einschätzungen Webers und Jochen Sanios, des Chef der Finanzaufsicht Bafin, in der sich seit Sommer 2007 anbahnenden Finanzkrise. Bedauerlicherweise verschweigt sie aber ein „Statement” des Bundesbankpräsidenten. In einer Pressemitteilung der Deutschen Bundesbank vom 2. August 2007 erklärte Weber: „1. Befürchtungen bezüglich einer Bankenkrise in Deutschland entbehren jeder Grundlage . . . 2. Das Engagement deutscher Kreditinstitute am amerikanischen Immobilienmarkt ist überschaubar und insgesamt begrenzt. Es konzentriert sich auf Anlagen mit hoher Bonität.” In jeder Kabarettvorstellung hätte man mit diesen Äußerungen die Lacher auf seiner Seite. Angesichts der katastrophalen Entwicklung der Finanzmärkte und der abzusehenden verheerenden Wirkungen auf Arbeitsplätze, Konsum und Investitionen sind derart kapitale Fehleinschätzungen mit dem herausgehobenen (und hochdotierten) Amt eines Bundesbankpräsidenten unvereinbar. Weber sollte unverzüglich abgelöst werden. Dietmar Pietsch, Berlin. SZ 16.10.2008 Verstaatlichung sehr umstritten. Sozialismus im Grundgesetz. SZ vom 10. Oktober. Sebastian Müller-Franken Leserbriefe Leserbrief BRD Seite 40 kA Verstaatlichung sehr umstritten. Sozialismus im Grundgesetz. SZ vom 10. Oktober. In seinem Hintergrundbericht äußert Heribert Prantl die Ansicht, auf der Grundlage von Artikel 15 des Grundgesetzes (GG) könnten Banken vergesellschaftet werden, weil unter dem Begriff der (dort genannten) Produktionsmittel „üblicherweise” auch Banken gefasst würden. Ob das Merkmal der „Produktionsmittel” in diesem weiten Sinne verstanden werden kann, ist jedoch eine der umstrittensten Fragen dieser Verfassungsnorm überhaupt; in der Wissenschaft finden sich jedenfalls nicht weniger Gegner als Befürworter einer solchen Auslegung. Die weitergehenden Bestimmungen in den Landesverfassungen, auf die Prantl zur Veranschaulichung des bestehenden staatlichen Handlungsinstrumentariums hinweist, sind unwirksam. Wegen der Regel „Bundesrecht bricht Landesrecht” (Artikel 31 GG) ist es nicht möglich, im Landesverfassungsrecht über das Grundgesetz hinausgehende Sozialisierungsermächtigungen zu schaffen. Wesentliche Aspekte lässt der Autor unerwähnt: Sozialisierungen sind nur zulässig, wenn ein Gesetz Art und Ausmaß der Entschädigung regelt. Die Konfiskation von Eigentum ist unter dem Grundgesetz unzulässig. Vor allem sollte gesagt werden, dass die gegenwärtigen Verstaatlichungen von Banken in den USA, Großbritannien und Island mit der Sozialisierung im Sinne des Grundgesetzartikels 15 nichts zu tun haben. Ziel der im Grundgesetz geregelten Sozialisierung ist die Überführung privaten Eigentums in Formen der „Gemeinwirtschaft” zum Zwecke der Vergesellschaftung: Die betroffenen Güter sollen nicht mehr dem Streben nach Gewinn, sondern der Befriedigung von Bedürfnissen der Allgemeinheit dienen. Von einer gemeinwirtschaftlichen, also das Erwerbsstreben aufhebenden Zwecksetzung der verstaatlichten Banken ist in den genannten Staaten nicht die Rede. Auch in Deutschland werden Staatsbeteiligungen an Banken zur Abwehr der Finanzkrise nicht im Sinne einer strukturellen Umwandlung der Wirtschaftsverfassung erörtert. Prof. Dr. Sebastian Müller-Franken, Marburg SZ 16.10.2008 Wünschenswertes Ergebnis ungewiss. Die Mär vom Markt. SZ vom 4./5. Oktober. Wolfram Merzyn Leserbriefe Leserbrief BRD Seite 40 kA Wünschenswertes Ergebnis ungewiss. Die Mär vom Markt. SZ vom 4.-5. Oktober. In seinem Leitartikel weist Ulrich Schäfer eine Mitschuld an der Finanzkrise dem Modell des Homo oeconomicus zu, jenes „rein ökonomisch denkenden Durchschnittsmenschen”, von dem Schäfer sagt: „Er weiß alles, versteht alles, kennt keine Gefühle.” Die Behauptung, der Homo oeconomicus wisse (immer) alles, trifft nicht zu. Richtig ist vielmehr, dass weite Teile der modernen Mikroökonomie ohne die Analyse von Modellen mit „unvollständiger Information” undenkbar wären. Gegenstand dieser Modelle sind Situationen, in denen eben nicht jeder alles weiß, sondern manche Informationen nur einigen der handelnden Akteure oder aber überhaupt niemandem zugänglich sind. Dass ein Wettbewerbsmarkt unter solchen Umständen nicht unbedingt zu wünschenswerten Ergebnissen führt, manchmal gar – wie in der gegenwärtigen Finanzkrise geschehen – zusammenbrechen kann, ist seit mehr als 30 Jahren bekannt. George Akerlof hat für diese Erkenntnis im Jahr 2001 den Nobelpreis bekommen. Die für eine differenzierte Betrachtung der Institution „Markt” erforderlichen ökonomischen Modelle sind also durchaus vorhanden. Für steigerungsfähig halte ich hingegen die Bereitschaft vieler Wirtschaftspolitiker und -journalisten, sich mit der einschlägigen wissenschaftlichen Literatur auseinanderzusetzen und vor allem der Frage auf den Grund zu gehen, warum Wettbewerbsmärkte in einigen Bereichen ganz ausgezeichnet funktionieren, in anderen hingegen ineffiziente Allokation (die Verteilung der begrenzten Produktionsfaktoren einer Volkswirtschaft auf unterschiedliche Verwendungszwecke) bis hin zum Kollaps produzieren. Die Tatsache, dass Schäfer seinen Lesern eine pauschale Behauptung aus dem Jahr 1938 als Weisheit letzter Schluss zur Rolle des Staates in der Wirtschaft präsentiert, weckt bei mir leider wenig Hoffnung, dass sich an diesem Missstand in naher Zukunft etwas ändern wird. Dr. Wolfram Merzyn, Köln. SZ 16.10.2008 Autofahrer und Hausbesitzer im Glück. Benzin, Diesel und Heizöl sind so günstig wie lange nicht mehr. Die hohe Nachfrage führt zu Lieferengpässen und langen Wartezeiten. S. Liebrich; M. Thiede; S. Stricker Geld Bericht BRD Seite 27 kA Autofahrer und Hausbesitzer im Glück. Benzin, Diesel und Heizöl sind so günstig wie lange nicht mehr. Die hohe Nachfrage führt zu Lieferengpässen und langen Wartezeiten. Von S. Liebrich, M. Thiede und S. Stricker. München – Die Finanzmarktkrise hat auch ihre positive Seiten. Benzin, Diesel und Heizöl sind für Verbraucher so günstig wie lange nicht mehr. Benzin- und Dieselpreise haben seit ihren Höchstständen im Juli um mehr als 25 Cent je Liter nachgegeben. Ursache dafür ist der scharfe Preisrückgang an den Rohölmärkten. Der erwartete Wirtschaftsabschwung hat die Nachfrage weltweit einbrechen lassen. Kaum wird der aus Öl hergestellte Treibstoff billiger, steigt auch der Absatz. Im September wurden 1,8 Millionen Tonnen Benzin verkauft, also 1,7 Prozent mehr als im Vorjahresmonat, teilte der Mineralölwirtschaftsverband (MWV) am Mittwoch mit. Diesel legte hingegen bislang um 3,8 Prozent zu. Der Markt für Ölprodukte liegt vor allem dank steigender Heizöl-Verkäufe mit 5,8 Prozent im Plus. In Bayern ist derzeit die Nachfrage nach Diesel so groß, dass es erste Engpässe an den Zapfsäulen gibt. Sprecher der führenden deutschen Tankstellenbetreiber Aral und Shell bestätigten dies. An einigen Stationen in München und Umgebung sei Diesel zeitweise ausgegangen, und Nachschub könne nicht immer schnell genug herangeschafft werden. Gründe dafür seien unter anderem Lieferschwierigkeiten einer Raffinerie in Ingolstadt, der hohe Reiseverkehr durch die Herbstferien in einigen Bundesländern und die überraschend hohe Nachfrage nach Heizöl, das in der Raffinerie denselben Produktionsprozess durchläuft. Viele Hausbesitzer haben in den vergangenen Monaten wegen der hohen Heizölpreise das Nachfüllen der Tanks hinausgezögert. Das wird nun nachgeholt. Seit September kommen Anbieter in ganz Deutschland mit ihren Lieferungen kaum nach. „Die Auftragsbücher sind voll. Wir haben im Moment eine Lieferzeit von vier bis sechs Wochen”, sagt Erwin Kuhlen von Knauber Mineralöl in Bonn. Normalerweise betrage die Lieferzeit zwei bis drei Tage. Die Engpässe haben aber neben dem gesunkenen Ölpreis noch einen anderen Grund. Während der schlechten Wirtschaftslage im letzten Winter mussten viele Händler ihren Betrieb verkleinern. „Viele haben Lieferfahrzeuge verkauft. Die fehlen ihnen jetzt”, sagt Kuhlen. Noch vor kurzem zeigten die Verbraucherpreise für Heizöl noch außergewöhnlich starke Schwankungen, mit Sprüngen von 100 Euro je 100 Liter auf weniger als 80 Euro. Inzwischen habe sich die Lage beruhigt, berichten Händler. Der Treibstoff sei derzeit so günstig, dass ein Haushalt, der 3000 Liter bestellt, im Vergleich zum Jahreshöchststand 650 Euro spare. Mit Vorhersagen, wie sich der Ölpreis in den kommenden Wochen entwickeln wird, halten sich jedoch die meisten Heizöllieferanten zurück: „Wir sind Händler und keine Spekulanten”, sagt Steffen Apelt vom Berliner Ölhändler BHM . Auch wenn viele zögern, Kaufempfehlungen abzugeben: Anzeichen dafür, dass die Preise schon bald wieder anziehen könnten, sehen die Marktbeobachter derzeit nicht. Im Gegenteil, es deutet einiges daraufhin, dass es weiter abwärts gehen könnte. „Die Rezession scheint inzwischen unvermeidbar, und das bedeutet weniger Energieverbrauch und sinkende Preise”, sagt Rainer Wiek vom Energie-Branchendienst EID. Der Finanzkrise kann er auch etwas Gutes abgewinnen: „Sie hat die Spekulanten vom Markt gefegt, jetzt zählen die fundamentalen Faktoren wieder mehr.” Er spielt damit auf die Tatsache an, dass spekulative Investoren in den vergangenen Wochen massiv Geld aus den Rohstoffmärkten abgezogen haben, um Liquiditätsengpässe an anderer Stelle aufzulösen. Bestellungen genau prüfen. Entscheidend für die weitere Preisentwicklung wird nach Wieks Worten auch sein, wie sich die Opec-Staaten auf ihrer Sondersitzung am 18. November in Wien verhalten werden. Entschließt sich die Gemeinschaft der größten Ölförderländer zu einer Drosselung der Produktion, dürfte sich das tendenziell eher preissteigernd auswirken. Aber „auch die Opec kann keinen Ölpreis setzen”, meint Klaus Picard, Hauptgeschäftsführer des Mineralölwirtschaftsverbandes (MWV). Entscheidend sei die Nachfrage. Der Ölpreis sinke schon seit seinem Höchststand Anfang Juli kontinuierlich, vor allem wegen schwächerer Nachfrage aus den Schwellenländern, besonders China, die bis zu 25 Prozent des täglichen Ölbedarfs bestimmten. Und die Rezessionsangst, meint Picard, werde weiter auf die Nachfrage drücken. Verbraucherschützer raten Heizölkäufern unterdessen, ihre Bestellungen genau zu prüfen. Es sei notwendig, einen genauen Liefertermin zu vereinbaren. Grundsätzlich sollten Kunden immer ausdrücklich nach dem Endpreis inklusive aller Nebenkosten fragen, sagt Evelyn Keßler von der Verbraucherzentrale in Baden-Württemberg. Es passiere immer wieder, dass Lieferanten nur den Netto-Preis nennen, oder dass auf der Rechnung beispielsweise eine Gefahrenzulage auftauche, von der vorher nie die Rede gewesen sei. Der Endpreis könne dann unabhängig vom Liefertermin vereinbart werden. Heizöl-Lieferung: Der Preis für einen 3000-Liter-Tank ist um 650 Euro gefallen. SZ 16.10.2008 Zitate der Finanzkrise (Forts. 2) kA kA Geld Zitat global Seite 27 kA Zitate der Finanzkrise (Forts. 2) „Unser Ziel ist es, so viele Familien wie möglich in ihren Häusern zu halten.” Ken Lewis, Chef der Bank of America, am 21. Juli 2008 „Die Bedingungen an den Finanzmärkten normalisieren sich allmählich wieder.” Jean-Claude Trichet, Chef der Europäischen Zentralbank, am 15. August 2008 „Die Krise dürfte sich bis Anfang 2010 hinziehen – mindestens. Und die weltweiten Verluste werden weit mehr als eine Billion Dollar betragen.” Joseph Stiglitz, Wirtschaftsnobelpreisträger, am 22. August 2008 „Kurzfristig mögen dieseAnpassungen schmerzhaft sein.” George W. Bush, US-Präsident, am 15. September 2008 „Wir werden in der Wall Street aufräumen.” John McCain, US-Präsidentschaftskandidat der Republikaner, am 16. September 2008 „Man findet immer heraus, wer nackt schwimmt, wenn die Flut geht. Wir haben herausgefunden, dass die Wall Street eine Art Nudisten-Strand war.” Warren Buffett, Großinvestor, lässt im September die letzten Monate Revue passieren „Wer das Haus seines eigenen Lebens nur auf sichtbare und materielle Dinge aufbaut, der baut auf Sand.” Papst Benedikt XVI. wirbt am 6. Oktober für Gottglauben SZ 16.10.2008 Psychologie. Auf der Jagd nach schwachen Tigern. Erbe aus der Steinzeit beeinflusst heutige Finanzentscheidungen. Ina Kirsch Beilage Bericht BRD Seite 27 kA PsychologieAuf der Jagd nach schwachen Tigern. Erbe aus der Steinzeit beeinflusst heutige Finanzentscheidungen. Von Ina Kirsch. Psychologisch gesehen, ist die weltweite Finanzkrise für passionierte Steuersparer womöglich ein wahrer Segen. Denn sie könnte aufrütteln. Und sie könnte steuersparenden Anlegern noch einmal bewusst machen, wie wichtig Qualität bei Anlageprodukten ist und dass man besser nur kauft, was man versteht und was auch strategisch und risikotechnisch zu einem passt, bevor sich alle noch einmal schnell um die Abgeltungsteuer kümmern und sich neu positionieren. „Der typisch Deutsche neigt nämlich tendenziell dazu, sich vorrangig auf das Steuersparen zu konzentrieren, und läuft dabei Gefahr, in Investments zu stolpern, die nicht günstig für ihn sind”, sagt Martin Weber, Professor an der Universität Mannheim. Wie das kommt? „Bei uns Deutschen soll der Steuerspartrieb stärker ausgeprägt sein als der Sexualtrieb”, sagt Martin Mack von der Mack & Weise Vermögensverwaltung in Hamburg. „Und wie das bei Trieben so ist, stellen wir den Verstand ab, wenn wir ihnen folgen.” Tatsächlich habe er festgestellt, dass regelmäßig gegen Ende des Jahres die Nachfrage nach Steuersparmodellen steige, ganz unabhängig davon, wie passend diese Produkte seien. „Dass es ökonomisch sinnvoller ist, einen Gewinn zu erzielen und darauf dann Steuern zu zahlen, statt mit der falschen Geldanlage langfristig Verluste einzufahren, scheint vielen Anlegern nicht bewusst zu sein”, sagt Mack. Rational ist so ein Anlegerverhalten nicht, aber menschlich. Und die wissenschaftliche Theorie, Behavioral Finance genannt, die solche Phänomene erklärt, macht verschiedene Beweggründe dafür verantwortlich: Ganz dominant beim Steuersparen ist die eigene Gier bei gleichzeitiger Missgunst anderen gegenüber. „Anleger wollen ihr Geld maximieren, dazu gehört natürlich, dass man dem Finanzamt nichts vom eigenen Gewinn abtreten will”, sagt Mack. Deshalb müsste jetzt eigentlich mit Blick auf die kommende Abgeltungsteuer die große Steuersparschnäppchenaktion in vollem Gange sein. Aber von Endspurtdynamik bei der Jagd nach attraktiven Fonds oder Aktien ist aktuell wenig zu spüren. Im Gegenteil. Verängstigt durch die vielen negativen Nachrichten aus der Wirtschaft verkaufen Privatanleger ihre Wertpapiere lieber – auch die, die sie gerade erst eingekauft hatten, um sich mit Blick auf die Abgeltungsteuer langfristig zu engagieren und der künftigen Steuer auf Kursgewinne zu entgehen. „Alles, was irgendwie mit Aktien zu tun hat, gilt jetzt als Teufelszeug”, sagt Conrad Mattern, Vermögensverwalter bei Conquest Investment Advisory. Stattdessen bunkern viele Anleger ihr Geld nun auf Spar- oder Festgeldkonten. Damit tun sie gleich zweierlei. Sie machen den Finanzinstituten und Anlageberatern einen Strich durch die Rechnung. Denn die hatten sich auf das große Jahresendgeschäft mit vielen speziellen Fondsprodukten, Informationsveranstaltungen und Steuerspartipps eingerichtet. Allein 225 neue Dachfonds sind laut BVI in den vergangenen zwei Jahren in Deutschland kreiert worden. Das entspricht einem Ausbau des Angebots von 48 Prozent. Was aber viel schlimmer ist, wie Mattern findet: „Viele Anleger tappen jetzt in eine andere psychologische Falle: Sie machen nichts.” Zu ignorieren, dass es künftig die Abgeltungsteuer geben wird, sei ebenfalls ein Fehler und genauso unangebracht wie das Verhalten, ausschließlich dem Steuerspartrieb zu folgen. Panik und den Herdentrieb macht Mattern dafür verantwortlich, dass einige Menschen jetzt wie das Kaninchen vor der Schlange sitzen. „Die Leute glauben, wenn sie nichts tun, können sie auch nichts falsch machen.” Aber wie sollen sich Anleger nun verhalten? Und wie den psychologischen Fallstricken ausweichen? Zunächst einmal sei dies hier eine gute Zeit, all seine Investments mit Blick auf die Abgeltungsteuer zu prüfen. Darin sind sich alle Finanzexperten einig. Wenn es dann um konkrete Handlungsanweisungen geht, gelten die altbekannten Regeln: „Niemals alle Eier in einen Korb legen, auch wenn es der Nachbar so handhabt”, sagt Weber von der Universität Mannheim. Mit anderen Worten: Eine breite Diversifikation über alle Anlageklassen ist immer noch ratsam. Das hat gerade die Finanzkrise wieder deutlich gemacht. Für Vermögensumschichtungen rät Vermögensverwalter Mack, sich nicht ausschließlich an der Steuer zu orientieren: „Anleger sollten nur in Investments einsteigen, die sie auch ohne den Abgeltungsteueraspekt gekauft hätten.” Und auch hier gelte wieder: Wenn die Nachbarn und Kollegen genau wissen, welche Aktie oder welchen Fonds man unbedingt haben muss, dann sollte man das Investment noch mal besonders kritisch prüfen, um nicht dem Herdentrieb zu unterliegen und nicht prozyklisch zum falschen Zeitpunkt einzusteigen. Gefährlich ist es, sich beim Umschichten keine Fehlentscheidungen einzugestehen. „Das führt oft dazu, dass Anleger konsequent die guten Investments selektieren und die schlechten behalten”, sagt Vermögensberater Mattern mit Hinblick auf seine Erfahrung. Gewinne werden sehr früh realisiert. Das erfreut das Gemüt. Außerdem kann sich der Anleger mit seinem guten Investment brüsten und stolz auf seinen Erfolg sein. Im Gegenzug dazu werden Verluste häufig zu lange laufengelassen. „Weil sie dann ja noch nicht realisiert und somit noch nicht zur Realität geworden sind”, sagt Mattern. Die Behavioral-Finance-Wissenschaft führt das auf das Streben nach Dissonanzfreiheit zurück. Müssen Marktteilnehmer nicht eingestehen, eine falsche Investmententscheidung gefällt zu haben, leben sie glücklich in Harmonie. Sprechen allerdings die Fakten eine andere Sprache, wird nach Entschuldigungen gesucht. Es heißt dann gerne: „Der Aktienkurs steigt schon wieder. Ihr werdet schon sehen!” Und der Anleger klebt förmlich an seiner ursprünglichen Entscheidung. Diesem Phänomen lässt sich im Vorfeld am besten mit einer Stop-Loss-Order begegnen. „Die Dissonanzgefahr ist dann beseitigt, denn der Anleger hat ja zu seinem Aktienkauf gleich eine weitere schlaue Entscheidung getroffen”, sagt Mattern. Alle Anleger, die bei den turbulenten Börsenkursen jetzt viel Energie darauf verwenden, den richtigen Einstiegszeitpunkt abzupassen, sollten entspannen. „Das Timing wird gnadenlos überschätzt”, sagt Weber. Den absoluten Tiefstpunkt einer Aktie, bevor ihr Kurs wieder ansteigt, treffe ohnehin kaum jemand. Dazu müsste ein Investor schlauer sein als alle anderen und den Markt schlagen. Das aber wiederum ist bei effizienten Märkten gar nicht möglich. Warum Anleger es dennoch immer wieder versuchen, erklärt Weber mit der Steinzeit. Als wir noch alle Jäger und Sammler waren, habe es sich gelohnt, sich mehr anzustrengen. „Mehr Anstrengung und mehr Action bedeuteten mehr Tiger, mehr Brennholz und mehr Beeren”, sagt Weber. Das habe sich bis heute bei uns in den Köpfen festgesetzt. An der Börse funktioniere dieser Mechanismus aber nicht. An der Börse bedeute mehr Dynamik nicht mehr Erfolg, weil es Gegenspieler gibt. „Alle anderen strengen sich nämlich auch an. Wir handeln mit unseresgleichen, und die sind genauso clever wie wir”, sagt Weber. Bei der Abgeltungsteuer sieht der Professor deshalb auch positive Aspekte. „Der Tendenz nach werden Anleger ihre Investments wohl länger halten. Vor allem wenn sie sie noch zu den alten Konditionen gekauft haben”, sagt er. Eine Zeitlang wird der Vergleich zum Jetzt dominieren und das schnelle Umschichten von Wertpapieren wohl bremsen. Aktuell sind Kursgewinne bei Aktien und Fonds noch steuerfrei. In Zukunft werden sie mit einem Steuersatz von 25 Prozent plus Solidaritätszuschlag und Kirchensteuer belegt. „Das fühlt sich für viele so an, als würde man ihnen etwas wegnehmen”, sagt Weber. Und das werden die meisten zunächst einmal vermeiden wollen. Die Gefahr, dass der Aktien- und Fondshandel aber nach dem 1. Januar 2009 zum Erliegen kommt, besteht nicht. Auch 2009 es sich lohnen, in Unternehmensanteile zu investieren. „Die Anlagebereitschaft insgesamt wird sich nicht entscheidend verändern”, sagt auch Horst Schneider, Leiter Vermögensmanagement beim Finanzdienstleister MLP. Allerdings könne es – ähnlich wie bei den steuerlichen Veränderungen für Lebensversicherungen 2004 – zu Verschiebungen zwischen den verschiedenen Produktgattungen kommen. Oder im Steinzeitvergleich ausgedrückt: Wenn es keine großen Tiger mehr gibt, sondern nur schmächtige Exemplare , werden wir die eben jagen. Dass es einmal anders war, wird schnell aus unserem Bewusstsein verschwunden sein. Adaption nennt die Wissenschaft das. Viele Privatanleger sind durch die negativen Nachrichten verunsichert. Wenn es die großen Tiere nicht mehr gibt, müssen bei der Hatz auf Gewinne die kleineren herhalten – nicht nur in Namibia. SZ 16.10.2008 Insolvenzverwalter loben Reform. Regierung erleichtert vorübergehend die Regeln für sanierungsfähige Unternehmen. Daniela Kuhr Geld Bericht BRD Seite 27 kA Insolvenzverwalter loben Reform. Regierung erleichtert vorübergehend die Regeln für sanierungsfähige Unternehmen. Von Daniela Kuhr. Berlin – Die im Zuge der Finanzkrise geplanten Änderungen im Insolvenzrecht sollen nur bis Ende 2010 gelten. Das hat der Rechtsausschuss der Bundestags am Mittwoch beschlossen, wie die Süddeutsche Zeitung aus Teilnehmerkreisen erfuhr. Insolvenzverwalter begrüßten die beschlossenen Erleichterungen für Unternehmen. „Damit nimmt man den Betrieben, die grundsätzlich marktfähig und fortführungswürdig sind, den Druck, wegen einer kurzfristigen bilanziellen Überschuldung Insolvenzantrag stellen zu müssen”, sagte der Düsseldorfer Insolvenzverwalter Horst Piepenburg. Zugleich lobte er, dass die Vorschriften zeitlich begrenzt werden sollen. „Das ist eine ungewöhnliche Situation, auf die man mit ungewöhnlichen Mitteln reagieren muss”, sagte Piepenburg. Wenn die Krise vorbei sei, könne aber wieder das alte Recht gelten. Das Bundeskabinett hatte am Montag eine Rechtsänderung beschlossen, um sanierungsfähigen Unternehmen, die in der Finanzkrise unter Druck geraten sind, den Gang zum Insolvenzrichter zu ersparen. Dazu soll nach den Vorschlägen von Bundesjustizministerin Brigitte Zypries der insolvenzrechtliche Begriff der Überschuldung angepasst werden. Demnach müssen Unternehmen trotz einer vorübergehenden bilanziellen Unterdeckung keinen Insolvenzantrag stellen, wenn sie voraussichtlich mittelfristig ihre Zahlungen leisten können. Nach derzeitigem Recht müssen Geschäftsführer solcher Unternehmen, innerhalb von drei Wochen nach Eintritt der Überschuldung Insolvenz beantragen. „Im Zuge der Krise müssen Unternehmen viele Bilanzposten abwerten, weil sich kaum Käufer am Markt finden”, erklärte Piepenburg. Vor allem Wertpapiere und Immobilien seien betroffen. „Das kann Abschläge zur Folge haben, die zur bilanziellen Überschuldung führen.” Seiner Ansicht nach wäre es unsinnig, wenn die betroffenen Firmen sofort Insolvenz anmelden müssen, schließlich sei abzusehen, dass die Grundstücke in guten Zeiten wieder höher bewertet würden und auch die Notierung vieler Wertpapiere wahrscheinlich schon im kommenden Jahr wieder deutlich ansteige. Dass die Änderung womöglich gefährliche Folgen haben, weil sie dazu einladen könnten, den Insolvenzantrag zu verzögern, glaubt Piepenburg nicht. „Wichtig ist natürlich, dass es bei der Frage, ob die Abwertungen vorübergehend oder dauerhaft sind, nur um solche Immobilien oder Depots geht, die nicht in nächster Zeit veräußert werden müssen”, sagte er. Auch Horst Grätz, Partner der Wirtschaftskanzlei Rödl & Partner, hält das Risiko für überschaubar, denn die Vertretungsorgane, also etwa die Geschäftsführer, könnten zur Verantwortung gezogen werden. „Sie werden auch künftig den Nachweis erbringen müssen, dass noch ernsthafte Sanierungschancen bestehen. Andernfalls besteht die Gefahr, eine Insolvenzstraftat zu verwirklichen.” Alle Betriebe profitieren. Die Erleichterungen sind nicht auf Finanzinstitute beschränkt. Auch alle übrigen Unternehmen würden von der Neuregelung profitieren, hatte Zypries gesagt. Sie komme also auch kleinen und mittleren Betrieben aus anderen Branchen zugute. „Damit helfen wir auch einem mittelständischen Handwerksbetrieb in der Rechtsform einer GmbH, der vielleicht im Moment formal überschuldet ist, aber den Zuschlag für einen Großauftrag bekommen hat”, sagte Zypries. Der Verband der Insolvenzverwalter Deutschlands (VID) wies darauf hin, „dass der Gläubigerschutz weiterhin ein hohes Gut” sei. „Angesichts der akuten Finanzkrise sind hier kurzfristige Ausnahmeregelungen aber durchaus vertretbar”, sagte der VID-Vorsitzende Siegfried Beck. Auch ihm ist jedoch wichtig, dass das Vorhaben zeitlich begrenzt wird. „Langfristig sollte dieser Eingriff in einen zentralen Punkt des Insolvenzrechts nicht aufrechterhalten werden, um insbesondere Risiken für die Gläubiger der betroffenen Unternehmen gering zu halten”, sagte Beck. Insolventer Betrieb: Wegen der Finanzkrise gestaltet die Regierung die Regeln flexibler. So müssen Betriebe zum Beispiel bei Überschuldung nicht sofort Insolvenz anmelden. SZ 16.10.2008 Deutsche bangen ums Ersparte. Umfrage zeigt wenig Vertrauen in den Krisenmanager Steinbrück. dpa; AP Geld Meldung BRD Seite 27 kA Deutsche bangen ums Ersparte. Umfrage zeigt wenig Vertrauen in den Krisenmanager Steinbrück. Hamburg – Angesichts der Finanzkrise sorgen sich die Menschen in Deutschland zunehmend um ihr Erspartes. Jeder Vierte sagte in einer Umfrage des Magazins Stern, er mache sich Sorgen um das Geld, das er auf einer Bank oder Sparkasse deponiert hat. Im Vormonat hatten lediglich 20 Prozent diese Angst geäußert. Die große Mehrheit der Deutschen (74 Prozent) befürchte jedoch nicht den Verlust der Spareinlagen. Nur 16 Prozent glauben, kein Geld von den Banken für größere Anschaffungen zu bekommen. Trotz des 500-Milliarden-Euro-Rettungspakets der Bundesregierung zur Stabilisierung der Finanzmärkte kann Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) nicht bei der Bevölkerung punkten. Insgesamt 80 Prozent der Deutschen haben nur „etwas” (47 Prozent) oder „wenig” Vertrauen (33 Prozent) in seine Fähigkeiten als Krisenmanager. Für die Umfrage des Forsa-Instituts wurden Mitte Oktober 1003 Menschen befragt. Skeptisch zeigten sich die Bankkunden auch in einer Studie des Kölner Meinungsforschungsinstituts Psychonomics: Gut 64 Prozent der Bundesbürger stehen dem Bankenmarkt den Angaben zufolge misstrauisch gegenüber. Immerhin: In einer vorangegangenen Umfrage vor einer Woche hatten noch 77 Prozent erklärt, dem Bankenmarkt zu misstrauen. Knapp 60 Prozent fühlen sich bei ihrer eigenen Bank wieder sicher – vor einer Woche waren es nur 52 Prozent der Befragten gewesen. Nach wie vor drei Viertel der Befragten betrachteten auch die allgemeine Wirtschaftslage vor dem Hintergrund der Finanzkrise eher skeptisch, erklärte das Institut. Auch in der Psychonomics-Studie wurden Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Steinbrück als Krisenmanager bewertet. Immerhin 21 Prozent setzen den Angaben zufolge wieder großes Vertrauen in das Handeln der beiden Politiker. Am Tiefpunkt der Krise waren dies nur zwölf Prozent. dpa/AP SZ 16.10.2008 Zitate der Finanzkrise (Forts. 1). kA kA Geld Zitat global Seite 26 kA Zitate der Finanzkrise (Forts. 1). „Ich habe nicht länger die Absicht, den Kopf für Fehler hinzuhalten, die andere gemacht haben.” Ingrid Matthäus-Maier, ehemalige Chefin der KfW, am 7. April 2008 „Das Schlimmste ist überstanden.” Richard Fuld, Chef von Lehman Brothers, Anfang April 2008 „Zumindest scheint es, dass an den Finanzmärkten das Schlimmste überstanden ist.” Siegfried Jaschinski, Chef der Landesbank Baden-Württemberg, über die Marktentwicklung in den Wochen vor dem 29. April 2008 „Das Schlimmste haben wir wahrscheinlich hinter uns.” Henry Paulson, US-Finanzminister, im Mai 2008 „Ich meine, dass wir am Beginn des Endes der Krise sind.” Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank, am 29. Mai 2008 „Dies ist nicht der Beginn vom Ende der Krise. Dies ist das Ende vom Beginn.” Barack Obama, US-Präsidentschaftskandidat der Demokraten, im ersten TV-Duell mit John McCain am 26. September 2008 „Wir werden im Laufe des Jahres zwar sicher noch Schwankungen erleben, aber das Schlimmste haben wir überstanden.” Franz Waas, Chef der DekaBank, am 4. Juni 2008 SZ 16.10.2008 Kopflos in die Klage. Die Krise hinterlässt viele enttäuschte Anleger, die nun einen Schuldigen suchen. Ein Prozess ist aber nicht immer der richtige Weg. Hannah Wilhelm Geld Bericht global Seite 26 kA Kopflos in die Klage. Die Krise hinterlässt viele enttäuschte Anleger, die nun einen Schuldigen suchen. Ein Prozess ist aber nicht immer der richtige Weg. Von Hannah Wilhelm. München – Nach der Krise kommen unweigerlich die Anlegerklagen. Das war schon im Jahr 2001 so, als die Internetblase platzte, die Aktien wertlos waren und manchem Anlegern erstmals bewusst wurde, was er da gekauft hatte. Und auch die aktuelle Krise hinterlässt verzweifelte Anleger, die sich betrogen fühlen: von Unternehmen, Vorständen, aber vor allem von ihren Bankberatern. Zum Beispiel die Besitzer von Lehman-Zertifikaten, die sich wohl nach der Pleite der US-Bank auf einen Totalverlust einstellen müssen: Viele der Anleger fühlen sich schlecht beraten, sie hätten doch etwas für die Altersvorsorge anlegen wollen, sagen sie, und von einem hohen Risiko sei im Beratungsgespräch nicht die Rede gewesen. Etliche haben sich schon an Anwälte gewandt. Klagen können sinnvoll sein, aber nicht immer. Peter Lischke von der Verbraucherzentrale Berlin warnt Anleger davor, ihre Bank voreilig wegen Fehlberatung zu verklagen. „Man muss die erheblichen Prozesskosten bedenken, um als Geschädigter in einem aussichtslosen Prozess nicht noch mehr Geld zu verlieren.” Lothar Gries von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger weist außerdem darauf hin, dass viele Rechtsschutzversicherungen in Anlegerfällen nicht einspringen. Klagewillige sollten sich dazu rechtzeitig informieren. Zudem dürften Anleger nicht unterschätzen, dass ein Prozess viel Zeit brauche: „Sie müssen einen langen Atem haben, das dauert unter Umständen Jahre”, warnt Gries. Der Beweis wird schwierig Hinzu kommt, dass eine Fehlberatung vor Gericht oft schwer zu belegen ist. Das Problem: Die Beweislast liegt auf Seiten der Anleger, sie müssen beweisen, dass der Berater Fehler gemacht hat. Dass das schwierig ist, haben viele gescheiterte Klagen nach 2001 gezeigt. Beratungsprotokolle, die die Banker ausfüllen und nach dem Gespräch von den Kunden gegenzeichnen lassen, haben sich dabei für den Anleger als eher kontraproduktiv erwiesen. Denn kaum ein Kunde schaut sich an, was er da genau unterschreibt – und ahnungslos zeichnet er ab, über Risiken informiert worden zu sein. Deshalb raten Verbaucherschützer, am besten einen Zeugen zu Beratungsgesprächen mitzunehmen. Das Bundesverbraucherschutzministerium wagte sich nun mit dem Vorschlag vor, man müsse angesichts der Finanzkrise prüfen, ob nicht eine Umkehr der Beweislast denkbar sei. Dann müssten die Berater nachweisen, dass sie nicht falsch beraten haben. Das wäre für die Anleger hilfreich, doch noch sind die Pläne vage. Bevor Anleger gegen ihren Berater klagen, können sie sich auch mit ihren Beschwerden an den Ombudsmann des jeweiligen Bankenverbandes wenden. Die Entscheidungen dieser Schlichtungsstellen sind bis zu einem Schaden von 5000 Euro für das Institut bindend. Die Vorteile: Das Verfahren kostet nichts, ist unbürokratisch und schnell. Wer mit der Entscheidung unzufrieden ist, kann danach immer noch klagen. Die Verjährung ist aufgeschoben, solange ein Fall beim Ombudsmann liegt. Die Verjährung ist überhaupt ein Problem, wenn Anleger vor Gericht ziehen möchten. So warnt zum Beispiel die Verbraucherzentrale Berlin Geschädigte davor, voreilig wegen Falschberatung zu klagen: „Viele Verbraucher haben heute null Chance, weil ihre Ansprüche bereits verjährt sind”, sagt Finanzexperte Lischke. Die Verbraucherorganisation fordert deshalb eine Abkehr von der dreijährigen Verjährungsfrist. Die derzeitige Regelung sei „bankenfreundliches Denken”, findet der Vorsitzende der Verbraucherzentrale Berlin, Jürgen Keßler. Natürlich haben Klagen in einigen Fällen auch Aussicht auf Erfolg. Denn, keine Frage, nicht selten ist tatsächlich etwas falsch gelaufen. Verbraucherschützer Keßler spricht von einem „eklatanten Maß an Fehlberatung” und von der „Verheimlichung von Risiken” gegenüber Verbrauchern. „Oft stehen nicht die Kundeninteressen, sondern die Rendite des Instituts im Vordergrund.” Für den Fall der Lehman-Zertifikate sagt Rechtsanwalt Thomas Hechtfischer von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz: „Hier ist der Zeitpunkt der Empfehlung entscheidend. Spätestens nach März 2008 hätte die beratende Bank explizit auf ein Emittentenrisiko hinweisen müssen, da war die Lage schon brenzlig.” Außerdem gebe es Fälle, in denen Anlegern grundsätzlich keine Zertifikate hätten empfohlen werden dürfen. Ohnehin meint Hechtfischer: „Für die Altersvorsorge ist das Produkt eindeutig nicht geeignet.” Passanten vor der Lehman-Brothers-Zentrale in New York: Auch Anleger in Deutschland haben Zertifikate der US-Bank gekauft – und damit viel Geld verloren. Nun setzen Anwälte darauf, dass sie ihr Kapital einklagen wollen. SZ 16.10.2008 „Die Menschen laufen uns die Bude ein”. Verbraucherzentralen sind überlastet: Anleger sorgen sich um ihr Erspartes und suchen nach unabhängigen Ratschlägen. Marco Völklein Geld Bericht BRD Seite 26 kA „Die Menschen laufen uns die Bude ein”. Verbraucherzentralen sind überlastet: Anleger sorgen sich um ihr Erspartes und suchen nach unabhängigen Ratschlägen. Von Marco Völklein. München – Es hat ein paar Wochen gedauert, bis die Finanzkrise auch bei den Verbraucherzentralen angekommen ist. Vergangene Woche noch hatte eine SZ-Umfrage bei den Beratungsstellen ergeben, dass sich die Anfragen von verunsicherten Sparern in Grenzen halten. Mittlerweile häufen sich aber die Anrufe. „Der Beratungsbedarf übersteigt unsere personellen Kapazitäten bei weitem, die Menschen laufen uns die Bude ein”, sagt Klaus Müller, Vorstandsmitglied der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Auch die Anfragen zu Finanzthemen, die bei der Telefonberatung der Verbraucherzentrale Hessen eingehen, „haben sich nicht nur verdoppelt, sondern vervierfacht”, sagt Leiterin Jutta Gelbrich. In zahlreichen Beratungsstellen der Verbraucherzentralen sind für die nächsten Wochen die Termine für eine Finanzberatung ausgebucht. Die Stiftung Warentest verzeichnet ebenfalls einen Ansturm – und das, obwohl sie eigentlich nur ein „Lesertelefon” für die Leser ihrer Magazine unterhält und die eigentliche Konsumentenberatung den Verbraucherzentralen in den Bundesländern überlässt. „Aber die Leute sind so verunsichert und so dringend auf der Suche nach einer neutralen Information, dass sie jede Chance nutzen”, sagt Maria Dorri, Leiterin des Finanztest-Lesertelefons. Mittlerweile würden die Verbraucher auch wahllos Nebenstellen anwählen oder es bei der Vertriebsabteilung in Stuttgart probieren, um an die Experten der Verbraucherstiftung heranzukommen, berichtet Dorri. Insgesamt sieben Mitarbeiter betreuen bei Finanztest die Anfragen der Leser. „Das ist für die Masse der Anfragen, die wir derzeit erhalten, natürlich zu wenig.” Ähnlich sieht die personelle Situation in den Verbraucherzentralen der Bundesländer aus. So hat die Verbraucherzentrale Bayern – anders als etwa die Einrichtungen in Baden-Württemberg, Bremen oder Nordrhein-Westfalen – keinen Experten, der sich ausschließlich um private Finanzen kümmert. Seit Montag betreut nun der Fachmann für Altersvorsorge und Riester-Rente diese Themen mit: „Wir haben Berge von Anfragen.” Die Verbraucherzentrale Berlin fordert für ihre Finanzberatung eineinhalb Stellen mehr, erklärte der Vorsitzende Jürgen Keßler. Die Finanzberatung sei derzeit mit eineinhalb Stellen besetzt. Das sei zu wenig: „Wir müssen jetzt Nothilfe leisten. In fünf bis sechs Wochen kann vieles zu spät sein”, sagte Keßler. Im Jahre 1995 habe der Berliner Verbraucherzentrale noch das Doppelte der derzeitigen Mittel zur Verfügung gestanden. Derzeit sind es 718 000 Euro pro Jahr, die die Verbraucherzentrale aus Landesmitteln erhält. 75 000 Euro jährlich seien nötig, um weitere eineinhalb Stellen zu finanzieren, erklärte Keßler. Auch der Bundesverband der Verbraucherzentralen, abgekürzt VZBV, fordert mehr Geld für die Verbraucherberatung. Das 500 Milliarden Euro schwere Rettungspaket der Bundesregierung sei zwar richtig; allerdings sei „kein einziger Cent vorgesehen, um die Kunden vor Fehlinvestitionen zu retten”, findet VZBV-Vorsitzender Gerd Billen. Mit jährlich 40 Millionen Euro müssten Bund und Länder die Finanzberatung der Verbraucherzentralen auf eine solide Basis stellen. „Vertrauen kann nur schaffen, wer Vertrauen genießt”, sagt Billen – und das seien eben die unabhängigen Verbraucherzentralen. Die Verbraucherzentrale Berlin schlug zudem vor, die Anlegerberatung von den Finanzanbietern finanzieren zu lassen – etwa über eine jährliche Umlage. (Kommentare) Verbraucherzentrale in Hamburg: Die Berater sind derzeit gefragt. SZ 16.10.2008 Islands Zentralbank kämpft gegen Kollaps. kA Reuters Geld Meldung Island Seite 26 kA Islands Zentralbank kämpft gegen Kollaps. Reykjavik – Die isländische Notenbank stemmt sich mit Macht gegen den drohenden Wirtschaftskollaps. Die Währungshüter senkten den Leitzins am Mittwoch um 3,5 Prozentpunkte auf zwölf Prozent und warnten, dem Inselstaat drohten wegen der Finanzkrise schwere wirtschaftliche Folgen. Bislang hatte die Zentralbank vergeblich versucht, mit hohen Zinsen die Inflation einzudämmen. Regierungsvertreter verhandelten in Moskau unterdessen erneut über einen Milliardenkredit aus Russland. Island hat zudem den Internationalen Währungsfonds um finanzielle Unterstützung gebeten, um einen Staatsbankrott abzuwenden. Seine größten Banken hat das Land verstaatlicht: Kaupthing, Landsbanki und Glitnir waren unter der Last der Finanzkrise zusammengebrochen. Reuters. SZ 16.10.2008 Versicherer geben Entwarnung. Gesellschaften sehen keinen Bedarf aus Rettungspaket. dpa Geld Bericht BRD Seite 26 kA Versicherer geben Entwarnung. Gesellschaften sehen keinen Bedarf aus Rettungspaket. München – Große börsennotierte deutsche Versicherer haben nach eigenen Aussagen keinen unmittelbaren Bedarf aus dem milliardenschweren Rettungspaket der Bundesregierung für die Finanzbranche. Allianz, die Münchener Rück sowie die zur Talanx- Gruppe gehörende Hannover Rück betonten am Mittwoch, sie hätten keinen Hilfsbedarf. Der Chef der zu den weltweit größten Rückversicherern zählenden Münchener Rück, Nikolaus von Bomhard, rechnet für die deutsche Versicherungsbranche insgesamt mit keinem Notfall aufgrund der Finanzkrise. „Ich erwarte keinen Versicherer in dem Fonds”, sagte der Vorstandsvorsitzende am Dienstag zum Rettungsfonds für die Finanzbranche. Wer als erstes angeschlagenes Finanzinstitut in Deutschland Gelder aus dem Finanzmarktstabilisierungsfonds in Anspruch nehme, stellt sich nach Einschätzung Bomhards umgehend selbst an den Pranger – mit entsprechenden Folgen für öffentliches Image, den Aktienkurs und die Kreditwürdigkeit. Anders könnte die Lage nur sein, wenn auf einen Schlag drei oder vier Strauchelnde in den Fonds aufgenommen würden. Die Münchener Rück sieht Bomhard nicht in Gefahr, im Gegenteil: „Wir stehen gut da. Wir sind jetzt derjenige, der aufrecht geht.” Bomhard sieht es als Fehler an, dass die USA die Investmentbank Lehman Brothers pleite gehen ließ. Das sei angesichts der internationalen Verflechtung der Geldmärkte „der Brandbeschleuniger” gewesen. Auch Europas größter Versicherer Allianz benötigt nach eigener Einschätzung keine Hilfe aus dem geplanten Rettungspaket der Bundesregierung. „Die Allianz ist gut kapitalisiert, und wir haben keinen direkten Bedarf”, sagte ein Konzernsprecher. dpa. SZ 16.10.2008 Zitate der Finanzkrise. kA kA Geld Zitat global Seite 25 kA Zitate der Finanzkrise. Seit mehr als einem Jahr bereits tobt die weltweite Krise. Was von vielen zu Beginn nur als Besonderheit des amerikanischen Immobilienmarktes abgetan wurde, hat sich inzwischen zum größten Finanzdesaster seit den Dreißiger Jahren entwickelt. Die gesamte Weltwirtschaft steht vor einer Rezession. In den vergangenen Monaten wurde viel gesagt, angekündigt, prophezeit und beschwichtigt. Manches davon wurde wahr. In vielen anderen Fällen erwies sich das Gesagte später als sehr weit entfernt von der Wirklichkeit. Die Süddeutsche Zeitung präsentiert die Zitate der Finanzkrise auf drei Seiten. „Meistens ist es gut, genau das Gegenteil dessen zu machen, was sie raten.” Nick Hayek, Chef des Uhrenherstellers Swatch, über Finanzanalysten am 9. Februar 2008 „Scheint, als käme ich zu einem interessanten Moment.” George W. Bush, US-Präsident, am 14. März 2008 nach der Fast-Pleite von Bear Stearns, als er versammelte Manager aufheitern will. „Es kann nicht sein, dass wir jetzt die Privilegien junger Investmentbanker sichern, damit sie weiter in ihrem Maserati durch New York cruisen können. Dafür darben dann 300 Millionen Amerikaner und in der Folge die ganze Welt.” Jim Rogers, Fondsexperte, am 15. März 2008 zur US-Geldpolitik „Die Stimmung ist noch schlechter als die Kurse.” Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka-Bank, am 17. März 2008 „Die Finanzierung für Bear Stearns durch uns war ein einmaliges Ereignis. Und ich hoffe, es wird nie wieder passieren.” Ben Bernanke, Chef der US-Notenbank, am 17. März 2008 „Ich glaube nicht mehr an die Selbstheilungskräfte der Märkte.” Josef Ackermann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, am 18. März 2008 „Er trug einen Geschäftsanzug mit Nadelstreifen und Krawatte.” Reinhard Marx, Münchner Erzbischof, am 23. März 2008 über den Teufel im Traum SZ 16.10.2008 Zwei US-Geldhäuser überraschen positiv. kA dpa Geld Meldung USA Seite 25 kA Zwei US-Geldhäuser überraschen positiv. New York – Tiefes Aufatmen der Wall Street angesichts schwarzer Zahlen in der US-Finanzbranche: Die zwei Großbanken J.P. Morgan Chase und Wells Fargo haben die Märkte trotz der schweren Finanzkrise mit unerwartet deutlichen Gewinnen überrascht. Beide Häuser schlagen sich damit weiter besser als die Wettbewerber und erzielten trotz der Krise bislang stets Gewinne. Die Anleger reagierten am Mittwoch erfreut. Bei der nach Börsenwert derzeit führenden US-Bank J.P. Morgan Chase fiel der Überschuss im dritten Quartal zwar wegen neuer Milliarden-Abschreibungen um 84 Prozent auf 527 Millionen Dollar (388 Millionen Euro). Experten hatten aber erstmals in der Kreditkrise rote Zahlen befürchtet. Die zu den größten US-Privatkundenbanken zählende Wells Fargo verdiente mit 1,6 Milliarden Dollar ein Viertel weniger als ein Jahr zuvor. Das Institut übertraf aber trotz Milliardenlasten durch faule Kredite die Markterwartungen ebenfalls klar. dpa SZ 16.10.2008 „Wer fragt schon, womit die Banken ihr Geld verdienen?”. kA Marc Beise; Ijoma Mangold Wirtschaft Interview BRD Seite 22 kA „Wer fragt schon, womit die Banken ihr Geld verdienen?”. Der Schriftsteller Ingo Schulze über die Finanzkrise, das Leben in der DDR, die Vorzüge der Planwirtschaft, die Käuflichkeit von Literatur und die Fußball-Nationalmannschaft (SZ) Das Gespräch mit Ingo Schulze, 45, findet in den Räumen des Berlin Verlags im Osten der Hauptstadt statt. Der Autor lässt auf sich warten, er führt ein erstes Gespräch mit einem Regisseur über die mögliche Verfilmung seines neuen Romans „Adam und Evelyn". Im Verlag ist Schulze ein gern gesehener Gast. Bis zu drei Lektoren kümmern sich um ihn und seine Texte. Das neue Buch verkauft sich gut, die Verleger sind stolz auf ihren erfolgreichen Autor. SZ: Herr Schulze, wir wollen über Kultur und Wirtschaft reden. Letztere spielt gerade verrückt. Die Börsen rauschen nach unten und oben, Banken kollabieren, der Staat muss retten. Was denken Sie bei diesen Nachrichten? Schulze: Ich bin fasziniert. Das Cover meines Buches „Neue Leben” hat als Motiv eine Anleitung zum Roulettespiel. Unser Wirtschaftssystem wird mehr und mehr von Zockern beherrscht. Wer mal einen Anruf von seiner Bank bekam, wird das wissen. SZ: Wie meinen Sie das? Schulze: Wenn man sein Konto überzieht, wird alles gesperrt. Da gibt’s kein Pardon. Als Selbständiger bekam ich nicht mal Überziehungskredit. Hat man dann aber wieder was auf dem Konto, wird man die sogenannten Berater gar nicht mehr los, die reden mit Macht und andererseits sehr devot auf einen ein. Sie versuchen, einen bei der Gier zu packen. SZ: Sind Sie anfällig für diese Gier? Schulze: Ja, man möchte gern mehr haben. Aber man muss einfach zweimal nachdenken. Wer fragt schon, womit die Banken ihr Geld verdienen. Ich protestiere gegen Kinderarbeit, habe aber gerade diese Firma im Fondspaket, und dieses Paket soll vielleicht meine Altersvorsorge sichern. SZ: Ist das Rettungspaket der deutschen Politik für die Banken über 500 Milliarden Euro für Sie noch nachvollziehbar? Schulze: Die Gewinne werden privatisiert und die Verluste sozialisiert. Das ist nicht neu. Jetzt allerdings wird das so offensichtlich, dass ich die Hoffnung habe, dass wir Wähler endlich solche Vertreter wählen, die unser Gemeinwesen vor dieser Entwicklung schützen. SZ: Was schließen Sie aus alldem? Schulze: Auch nichts Neues: Dass die Politik die Globalisierung nicht wie ein Naturereignis ansehen darf, sondern dass man international politisch handeln muss. Denn auch die Staaten, die nicht im Irakkrieg mitgemacht haben, bezahlen ihn. Und wir bezahlen eben auch die sogenannte Liberalisierung im Finanzwesen. Jeder weiß doch, dass man Geld nicht ohne Sicherheiten gibt. Das Selbstverständlichste hat hier nicht stattgefunden. Und jetzt zahlen alle dafür. SZ: Ist das Marktversagen? Schulze: Die Regeln des Marktes werden von Menschen gemacht. Mir kommt das so vor, als würde man sagen, wir schaffen die Tempolimits ab, weil unsere Autos dann viel schneller fahren können. Und jetzt, da sie vor den Baum gefahren sind, rufen sie den Rettungshelikopter und die Feuerwehr, also den Staat. SZ: Mit dem Staat haben Sie ja Erfahrung. Sie sind in der DDR aufgewachsen, leben seit 1990 in der Marktwirtschaft, waren sogar einmal länger in der Hochburg des Kapitalismus, New York . . . Schulze: . . . ein halbes Jahr nur. SZ: Eine interessante Abfolge: Erst das geschlossene System, dann das offenere Gesamtdeutschland, dann die verrückten Amerikaner. Schulze: Dem letzten Drittel stimme ich zu. Ich habe im Februar 1990 erstmals über Geld nachgedacht. Da war ich 28 Jahre alt. SZ: Es gab auch in der DDR Geld. Schulze: Schon, aber die Bedeutung war vergleichsweise gering. Bei der Wahl des Berufes spielte Geld kaum eine Rolle. Ich bin nicht Altphilologe und Dramaturg geworden, weil ich da besonders viel verdient hätte, oder habe bewusst in Kauf genommen, wenig zu verdienen. Es gab die Frage nicht. Ein enger Westverwandter dagegen sagte sofort: Was studierst du da für eine brotlose Kunst? SZ: War es denn eine brotlose Kunst? Schulze: Ich habe 700 Mark netto im Monat verdient, das war Durchschnitt. Es gab keine großen Unterschiede. Wer unbedingt Geld machen wollte, wurde Handwerker und hat nach Feierabend schwarz gearbeitet. SZ: Prägt diese Vergangenheit? Schulze: Schon. Wer so aufgewachsen ist, hat einen anderen Blick. SZ: Einen besseren? Schulze: Erstmal nur anders. Es fehlt die Erfahrung, dadurch reagiert man eher extrem in Zustimmung oder Verweigerung. Man musste erstmal lernen und begreifen, was ökonomische Abhängigkeit bedeutet. SZ: Das klingt ein bisschen so, als sei die DDR gemütlicher, weniger materialistisch, damit auch menschlicher gewesen? Schulze : Es gab nicht diese Angst, materiell abzustürzen, es gab nicht diese extreme Ungleichheit, und damit gab es auch weniger Grund zum Neid. Die DDR hatte andere Bedrückungen, die ich jetzt nicht alle aufzuzählen brauche, die konnten auch Existenzen gefährden oder vernichten. Aber es gab Freiräume, die ich erst nach dem Ende der DDR als solche begreife. SZ: Die Sie heute vermissen? Schulze: Wir können nicht über Freiheit diskutieren und über die Gleichheit schweigen, Gleichheit als soziale Gerechtigkeit. Das Gespräch darüber vermisse ich. Denn Freiheit und Gleichheit gehören seit der französischen Revolution zusammen. SZ: Sie sind dann mit der Wende selbst Unternehmer geworden. Schulze: Ja, aus Versehen. Wir wollten unseren Teil zur Demokratisierung bei-tragen und haben deshalb das Altenburger Wochenblatt gegründet, aber niemand wollte uns finanzieren. Plötzlich waren wir Unternehmer. SZ: Hat das Spaß gemacht? Schulze: Solange es gut geht, macht das Spaß. Ich war eher ein Mini-Patriarch. Ich habe sogar mal einen Teil des Verlages weggeschenkt, den musste ich teuer zurückkaufen. Als ich Ende 92 ausstieg, war unsere Zeitung nur noch ein Anzeigenblatt. SZ: Sie wurden dann Schriftsteller, ein Mann des Wortes. Leben Sie als solcher heute in der falschen Welt? Schulze: Wieso? SZ: Sie haben mal gesagt, die DDR sei auf Worte gebaut, die BRD auf Zahlen, auf Ökonomie. Empfinden Sie Trauer über den Verlust des Werts des Wortes? Schulze: Wenn ich es so gesagt habe, war das nicht richtig. Natürlich beruht auch der Westen auf Absprachen, Gesetzen. Selbstverständlichkeiten. Ich meinte den Wechsel der Abhängigkeiten. SZ: Hat sich nicht so viel geändert, meinen Sie? Schulze: Aus weitgehend ideologischen Abhängigkeiten sind weitgehend ökonomische Abhängigkeiten geworden. SZ: Was meinen Sie? Schulze: Wenn bei der Zeitung Stellen abgebaut werden, widerspreche ich besser dem Chefredakteur nicht, obwohl ich natürlich meine Meinung als Bürger frei sagen darf. Ein anderer Aspekt ist die Ideologie der Privatisierung. Meine Mut-ter leitete im Krankenhaus ein Labor. Das musste privatisiert werden. Sie wollte das übernehmen, um die Nachtdienste los zu werden. Den Kredit dafür bekam sie von keiner Bank, weil sie kein Eigentum als Sicherheit hatte. Zwei Westberliner Freundinnen haben dann für sie gebürgt. Mit dem Labor ist sie später für unsere Verhältnisse wohlhabend geworden. Ich frage Sie: Wie kann man mit solcher Arbeit reich werden? Das finde ich unmoralisch; das sieht sie übrigens auch so. SZ: Was genau ist daran unmoralisch? Schulze: Dass im Gesundheitswesen Unternehmertum stattfindet, finde ich absurd. Das wäre, als ob man den Pfarrer pro Beerdigung oder neu gewonnenem Gemeindemitglied bezahlt. SZ: Trifft das auch für den Künstler zu? Merken Sie auch selbst den Primat des Ökonomischen beim Schreiben? Fragen Sie sich nach einem Erfolg, wie Sie ihn kopieren können? Ob Sie im Zweifel ein eingängigeres Sujet wählen? Schulze: Natürlich möchte ich, dass möglichst viele Leute meine Bücher kaufen. Aber trotzdem kann man nur machen, was man kann. Ich habe sieben Jahre an „Neue Leben” gearbeitet. Danach war ich abgebrannt, auch finanziell. Mit den beiden folgenden Büchern hatte ich Glück, die schrieben sich wesentlich schneller. Für die Fortsetzung von „Neue Leben” muss ich erst mal wieder Kraft und Geld sammeln. „Handy” und „Adam und Evelyn” stehen für mich trotzdem gleichberechtigt daneben. Ich habe nicht das Gefühl, hier habe ich Konzessionen gemacht, da nicht. Aber so-fort wieder sieben Jahre schreiben, das wäre schon finanziell nicht möglich ge-wesen. SZ: Sie schreiben viel über wirtschaftliche Zusammenhänge. Sind Sie ein Kapitalismuskritiker? Schulze: Ja, natürlich. Der Westen hat sich seit 1989, seit ich ihn kenne, nicht zu seinem Vorteil entwickelt. Wir geben viel zu viel preis. SZ: Wie meinen Sie das? Schulze: Nehmen Sie die Bahn. Warum kann man nicht sagen, wir wollen eine gut funktionierende Bahn haben, die keine Verluste macht? Sie muss aber auch keinen Gewinn machen, sondern den Gewinn reinvestieren wir oder senken die Preise und bauen eine wirkliche ökologische Alternative zur Straße auf. Genau das Genteil passiert. SZ: Dafür gibt es ein Wort: Planwirtschaft. Schulze: Und was ist dagegen zu sagen? Warum sollen nicht viele Bereiche der Grundversorgung in Staatshand sein oder Staatsbeteiligung haben? Die Energiekonzerne gehören in Staatshand, damit sie nicht unentwegt die Preise erhöhen, um den Profit zu maximieren, das Gesundheitswesen, bei den Banken scheint es ja schon konkrete Ansätze zu geben. SZ: Als Notlösung. Vielleicht. Und nur für den Übergang. Schulze: Gerade die aktuelle Krise zeigt doch, wie sinnvoll es wäre, nicht weiter vor dem goldenen Kalb der Privatisierung knien zu bleiben. SZ: Sie hätten ja auch gerne die Kultur in Staatshand. Jedenfalls die Kulturpreise. Den Thüringer Literaturpreis haben Sie auf der Bühne ausgeschlagen, weil er von Eon finanziert war. Das war im Frühjahr ein ziemlicher Eklat. Schulze: Ich habe den Preis nicht ausgeschlagen. SZ: Was genau hat Sie gestört? Dass der Preisgeber ein Energieriese war? Schulze: Wenn ein Preis Thüringer Literaturpreis heißt, sollten ihn die Thüringer auch bezahlen oder anders nennen. Wenn ein Kulturstaatssekretär das Firmenlogo auf der Preisurkunde als Akt der Freiheit bezeichnet, dann ist das Kartellamt die letzte Bastion der Demokratie. Wenn Preisträger zu Werbeträgern gemacht werden, halte ich das für problematisch. SZ: Warum haben Sie den Eklat gesucht, nicht einfach abgelehnt? Schulze: Ich dachte, besser darüber re-den als abwinken. Außerdem können es sich die meisten Kollegen gar nicht leisten, sechstausend Euro auszuschlagen. SZ: Die 6000 Euro konnten Sie verschmerzen. Was, wenn er mit 600 000 Euro dotiert gewesen wäre? Schulze: Nur her damit, die hätte ich schon zu verteilen gewusst. Das darüber Reden hat sich ja auch ausgezahlt: Jetzt finanziert Thüringen ein Literaturstipendium mit jährlich 12 000 Euro, in den ersten drei Jahre gebe ich je 2000 Euro Eon-Geld dazu. Die Preisabhängigkeit bleibt allerdings bestehen. SZ: Auch Marcel Reich-Ranicki hat gerade einen Preis abgelehnt, wegen der Verflachung des Fernsehens. Ist das auch eine ökonomische Kategorie? Schulze: Das öffentlich-rechtliche Fernsehen sollte vom Privatfernsehen zu unterscheiden sein, deshalb wird ja auch dafür gezahlt. SZ: Lehnen Sie Sponsoren generell ab? Schulze: Nein. Das Problem ist nur, wenn wir vom Sponsoring abhängig werden. Wenn ein Museum keinen Einkaufsetat mehr hat oder ein Kabarett von der Energiewirtschaft bezahlt wird, was dann? Was für Ausstellungen kommen, was für Witze? Vor allem, was kommt nicht. Kunst sollte für die Gesellschaft auch eine Möglichkeit der Selbstverständigung sein, die alles befragen darf, auch die Ökonomie, und da kann es zu Interessenkollisionen kommen. SZ: Es geht Ihnen aber nicht nur um eine mögliche (Selbst-)Zensur? Schulze: Die findet automatisch statt. Aber es geht auch um Würde. Ich finde es nicht gut, wenn die deutsche Fußballnationalmannschaft mit einem Mercedes-Stern auf der Brust die Nationalhymne singt. Ist das eine Werkself? SZ: Wenn der DFB das Geld aber doch braucht? Und erst recht der überschuldete Staat? Schulze: Das ist doch lächerlich, und nicht erst, seit wir gar nicht mehr wissen, wie viele Milliarden welche Bank braucht. Ein Gemeinwesen, das seinen sozialen und kulturellen Pflichten nicht mehr nachkommen kann, muss sich entweder das Geld verschaffen, das es braucht, oder es stellt sich letztlich selbst in Frage. Der Mercedes-Stern ist da nur ein Menetekel. Wir müssen endlich den politischen Willen aufbringen, uns der Ökonomisierung aller Lebensbereiche zu widersetzen. Interview: Marc Beise, Ijoma Mangold. Kultur und Wirtschaft werden vielfach noch als unvereinbare Gegensätze angesehen. Sie sind es aber nicht. Ein Gespräch mit Ingo Schulze. SZ-Serie · Teil 8. „Es gab nicht diese Angst, materiell abzustürzen. Die DDR hatte andere Bedrückungen.” „Die Energiekonzerne gehören in Staatshand, damit sie nicht unentwegt die Preise erhöhen.” Wohin? Ingo Schulze schreibt, liest und reist; das Bild entstand 2007 beim Europäischen Literaturfestival in Mantua. In seinem aktuellen Roman „Adam und Evelyn” erzählt Schulze von einem Paar aus der DDR, das 1989 irrtümlich in den Kapitalismus gerät. Der Damenschneider Adam hat sich aber so eingerichtet, dass er zwischen Anprobe und Beischlaf zunächst überhaupt nicht mitbekommt, dass seine Landsleute gerade die Revolution üben. SZ 16.10.2008 Die vergessene Krise. Das weltweite Hungerproblem verschärft sich durch das Finanzmarkt-Debakel. Zugesagte Hilfsgelder werden zurückgehalten. Silvia Liebrich Wirtschaft Bericht global Seite 21 kA Die vergessene Krise. Das weltweite Hungerproblem verschärft sich durch das Finanzmarkt-Debakel. Zugesagte Hilfsgelder werden zurückgehalten. Von Silvia Liebrich. München – Die nüchterne Statistik lässt die Dramatik der Entwicklung nur erahnen: Jeder siebte Mensch auf dieser Erde ist heute schon unterernährt. Tendenz steigend. Die Situation verschärft sich zusätzlich durch die globale Finanzkrise, die insbesondere die Ärmsten hart treffen wird, obwohl sie für die Misere nicht verantwortlich sind. Darüber sind sich Weltbank und Hilfsorganisationen wie Oxfam einig. Allein in den vergangenen zwei Jahren hat sich die Zahl der Hungernden von 848 auf 923 Millionen Menschen erhöht. Das teilten die Deutsche Welthungerhilfe und das US-Forschungsinstitut für Ernährungspolitik mit. Ohne internationale Hilfe wird diese Zahl in den nächsten Jahren rasch steigen, befürchtet die Weltbank. Vermutlich wäre die Warnung in den Wirren der Finanzkrise untergegangen, wäre nicht ausgerechnet an diesem Donnerstag der Welternährungstag. Ursache für die angespannte Versorgung sind die drastisch gestiegenen Preise vieler Grundnahrungsmittel. Sie haben sich in vielen Entwicklungsländern nahezu verdoppelt. Allein in Bangladesh verteuerte sich Reis innerhalb eines Jahres um knapp 70 Prozent. In afrikanischen Ländern wie dem Senegal kostet Weizen doppelt so viel. Noch vor wenigen Monaten jagte deshalb ein Krisengipfel den nächsten. Führende Industrieländer sagten Hilfsgelder von 12,3 Milliarden Dollar zu. Gemessen an den weltweiten Rettungpaketen für die Banken im Umfang von mehr als 1000 Milliarden Dollar ist dies verschwindend wenig. Doch selbst dieser Betrag wurde bislang nicht bereitgestellt. Von dem versprochenen Geld sei nur eine Milliarde Dollar ausgezahlt worden, sagt Marita Wiggerthale, Handelsexpertin von Oxfam Deutschland. „Während für die Finanzkrise Milliardenbeträge bereitgestellt werden, scheint die Welternährungskrise vergessen.” Auch die einsetzende Entspannung an den Agrar-Rohstoffmärkten wirkt sich nach Angaben von Experten bisher kaum auf die Lebensmittelpreise aus. Sie gaben nicht annähernd in dem Maße nach, wie die Notierungen für Weizen oder Mais an den Rohstoffbörsen, die innerhalb der vergangenen sechs Monate um gut 50 Prozent einbrachen. Zum einen, weil weltweit eine der besten Ernten seit vielen Jahren eingefahren wurde. Aber auch, weil die Finanzkrise längst die Rohstoffmärkte erfasst hat. „Viele Anleger haben Rohstoffkontrakte an den Terminmärkten verkauft, um ihre Liquidität zu sichern”, erläutert Agrarexperte Martin Schraa von der Zentralen Markt- und Preisberichtstelle (ZMP), die die Lebensmittel-Verbraucherpreise in Deutschland beobachtet. Faktoren wie Erntemengen und Getreidenachfrage seien längst nicht mehr allein für die Kursentwicklung ausschlaggebend. Die großen Gewinner der sich verschärfenden Ernährungslage seien die internationalen Konzerne, moniert die Oxfam-Expertin Wiggerthale. So habe Nestlé, der größte Lebensmittelkonzern der Welt, im ersten Halbjahr 2008 den Gewinn um neun Prozent gesteigert. Die britische Supermarktkette Tesco verzeichnete ein Plus von zehn Prozent. Kritiker werfen den Unternehmen vor, dass sie zwar die höheren Einkaufspreise an die Verbraucher weitergeben, diese aber nicht zurücknehmen, wenn die Preise wieder fallen. Sparen beim Essen Auch die deutschen Verbraucher müssen für Lebensmittel tiefer in die Tasche greifen. Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke haben sich in den vergangenen zwei Jahren so stark verteuert wie zuvor in 15 Jahren, heißt es in einer Studie der ZMP und des Marktforschungsinstitutes GfK. „Darauf haben die Verbraucher in Deutschland reagiert: Sie sparen bei den Einkaufsmengen und weichen auf preiswertere Produkte aus”, heißt es darin weiter. Im Durchschnitt gaben die Deutschen im vergangenen Jahr 1,8 Prozent mehr Geld für Nahrungsmittel aus, obwohl zugleich drei Prozent weniger Waren eingekauft wurden. Gespart wurde auch an der Qualität, das zeigt der große Zulauf zu Discountern wie Lidl und Aldi, die ihren Umsatz zuletzt um elf beziehungsweise sieben Prozent steigerten. Die Marktforscher kommen aber auch zu dem Schluss, dass die hohen Preise den Bundesbürgern bislang nicht den Appetit verdorben haben. Auch wenn Kühlschränke und Vorratsschränke nicht mehr so gut gefüllt seien. Ein positiver Nebeneffekt könnte sein, dass nicht mehr so viele Nahrungsmittel ungenutzt im Abfall enden wie bislang. Nach einer Untersuchung der Universität Wien landen so in jedem Haushalt jährlich knapp 390 Euro im Mülleimer. Hochgerechnet auf Deutschland wären das 15 Milliarden Euro. Damit summieren sich allein die hierzulande weggeworfenen Lebensmittel auf einen Betrag, der ausreichend ist, um die Nahrungsmittelhilfe für die ärmsten Länder zu finanzieren. In den vergangenen zwei Jahren hat sich die Zahl der Hungernden von 848 auf 923 Millionen Menschen erhöht. Die siebenjährige Philippina Danica aus Manila sucht regelmäßig auf der Müllhalde nach verwertbaren Resten. SZ 16.10.2008 Weniger Exporte. kA Reuters Wirtschaft Meldung BRD Seite 21 kA Weniger Exporte. Berlin – Deutsche Exporteure rechnen wegen der weltweiten Finanzkrise im nächsten Jahr nur noch mit einem leichten Umsatzplus. Die Wachstumsprognose werde von 4,0 auf 2,5 Prozent gesenkt, sagte Anton Börner, Präsident des Bundesverbandes Groß- und Außenhandel (BGA). „Wir glauben, dass die Ereignisse der vergangenen Wochen die weltweite Konjunkturabkühlung beschleunigt haben”, sagte Börner. Auch Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) erwartet wegen der Rezession in den USA weniger Nachfrage und kündigte eine Exportoffensive an. Dazu soll das Volumen der Hermes-Bürgschaften erhöht werden, mit denen sich Exporteure gegen wirtschaftliche und politische Risiken absichern können. Reuters. SZ 16.10.2008 Kein Geld für Autobranche. kA Reuters Wirtschaft Meldung BRD Seite 21 kA Kein Geld für Autobranche. Hamburg – Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) lehnt zusätzliche Hilfen für die Autoindustrie wegen der Finanzkrise ab. Er sei „nicht bereit, ein Förderprogramm für die Automobilwirtschaft anzukündigen oder Steuererleichterungen zu versprechen, weil die Industrie Druck ausübt”, sagte Steinbrück der Zeit. Er widersprach Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die am Montag bei der Vorstellung des Banken-Rettungspakets auch Hilfen für Autobauer signalisiert hatte. Sie verwies auf das US-Konjunkturprogramm für die Autoindustrie in Höhe von 25 Milliarden Dollar. Der Verband der Internationalen Kraftfahrzeughersteller fordert, die Automobilkonjunktur müsse durch „gezielte Maßnahmen” unterstützt werden. AFP. SZ 16.10.2008 Schlechte Konjunkturdaten aus Amerika. Angst vor Rezession lässt Börsen absacken. Dax gibt 6,5 Prozent nach. US-Haushaltsdefizit fast verdreifacht. Demokraten wollen milliardenstarkes Konjunkturpaket einbringen. Nikolaus Piper Wirtschaft Bericht USA Seite 21 kA Schlechte Konjunkturdaten aus Amerika. Angst vor Rezession lässt Börsen absacken. Dax gibt 6,5 Prozent nach. US-Haushaltsdefizit fast verdreifacht. Demokraten wollen milliardenstarkes Konjunkturpaket einbringen. Von Nikolaus Piper. New York – Die Börsen sind erneut eingebrochen. Der Deutsche Aktienindex (Dax) verlor am Mittwoch knapp 6,5 Prozent. Der Dow Jones fiel um 7,9 Prozent – das ist der größte Verlust an einem Tag seit Oktober 1987. Der Grund waren schwache US-Konjunkturdaten. Die Angst vor einer Rezession steigt. Der Dow Jones hat auf8577,91 Zähler nachgegeben, obwohl es Hinweise gibt, dass das Rettungspaket der US-Regierung für die Banken greift. In Frankfurt schloss der Leitindex Dax bei 4861,63 Punkten. Zwar sei die Stimmung nicht panisch gewesen, berichteten Händler, doch die Nervosität bleibe hoch. „Offenbar sind Schwankungen von über fünf Prozent jetzt normal”, sagte ein Börsianer. Verlierer des Tages waren konjunkturempfindliche Werte wie Siemens, MAN und Thyssen-Krupp. „Die Partylaune ist realwirtschaftlicher Ernüchterung gewichen”, sagte Kapitalmarktexperte Robert Halver von der Baader Bank. „Nach der Finanzkrise steht nun die Rezession vor der Tür.” In den USA erwartet auch der US-Notenbankchef Ben Bernanke keine schnelle Erholung der amerikanischen Wirtschaft. Selbst wenn das Vertrauen in das US-Finanzsystem zurückkehre und sich die Märkte wieder beruhigten, „wird eine umfassendere Wirtschaftserholung nicht sofort eintreten”, sagte er am Mittwoch vor dem New Yorker Wirtschaftsclub. „Wir haben jetzt die Werkzeuge, die wir brauchen, um auf die Herausforderungen zu reagieren”, sagte Bernanke mit Blick auf das von Regierung und Kongress beschlossene Hilfspaket für die Finanzbranche. Der Weg, der vor den USA liege, werde aber nicht einfach. Ausgelöst hatten die Kursstürze neben schlechten Einzelhandelszahlen in Amerika ein Bericht über das Geschäftsklima im Bundesstaat New York. Der Empire State Index war überraschend stark von minus 7,41 auf minus 24,62 Punkte eingebrochen. Der New Yorker Index gilt als Frühindikator für die Lage im Rest der USA. Wie es in Medienberichten heißt, wollen die Demokraten ein Ausgabenpaket von 300 Milliarden Dollar einbringen. Nach unbestätigten Berichten will die demokratische Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, Ende November eine Sitzung des alten Kongresses einberufen, um das Konjunkturpaket zu beschließen. Es soll Ausgaben für die Sanierung von Straßen und Brücken, Hilfen für Arbeitslose und Steuernachlässe enthalten. Erst im Juni hatte der Kongress ein Konjunkturprogramm über 168 Milliarden Dollar beschlossen. Zudem wollen die Demokraten die Regulierung der Finanzmärkte verschärfen. Der Vorsitzende des Bankenausschusses, der Demokrat Barney Frank, sagte, die Entscheidung der Regierung George Bush, den Bankensektor teilzuverstaatlichen, habe die Verhältnisse verändert. „Vor zwei Jahren war die Mehrheitsmeinung, dass wir weiter deregulieren müssen. Jetzt geht es nur darum, welche neue Regulierung wir brauchen.” Obwohl das Konjunkturpaket noch vom alten Kongress beschlossen werden soll, hängt dessen Zukunft entscheidend vom Ausgang der Wahl ab. Der republikanische Minderheitsführer im Repräsentantenhaus, John Boehner, lehnte die Pläne der Demokraten ab und bezeichnete sie als eine „riesige Zeitverschwendung”. Auch ohne ein neues Konjunkturpaket wird das Defizit im amerikanischen Staatshaushalt dramatisch steigen. Bereits im Finanzjahr 2008, das am 30. September zu Ende gegangen ist, hat sich das Defizit von 161 auf 454 Milliarden Dollar fast verdreifacht. Die Summe entspricht 3,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Für das Finanzjahr 2009 schätzt das Finanzministerium das Defizit auf 481 Milliarden Dollar, Experten rechnen aber wegen des Rettungspaketes mit wesentlich höheren Zahlen. Drei Wochen vor dem Wahltermin haben die beiden Präsidentschaftskandidaten ihre eigenen Pläne für den Umgang mit der Wirtschaftskrise vorgelegt. Der Republikaner John McCain schlug ein Paket von 52,9 Milliarden Dollar vor, das vor allem aus Steuersenkungen besteht. Zuvor schon hatte sich McCain dafür ausgesprochen, dass die Regierung bedrängten Hausbesitzern in großem Umfang ihre Hypotheken abkauft. Der Demokrat Barack Obama hatte am Montag ein Konjunkturpaket von 60 Milliarden Dollar vorgelegt, das vor allem Erleichterungen für Durchschnittsverdiener vorsieht. Es ist noch nicht klar, inwieweit dieses Programm mit den Plänen der Demokraten im Kongress abgestimmt ist. Inzwischen mehren sich die Zeichen dafür, dass die Vereinigten Staaten bereits in eine Rezession gerutscht sind. Im September sanken die Umsätze im Einzelhandel um 1,2 Prozent, stärker als ursprünglich erwartet. Damit haben die Geschäfte in drei Monaten hintereinander weniger verkauft, was es seit Beginn der Statistik 1992 noch nie gegeben hat. Stark waren die Einbrüche bei Autos. Etwas entspannt hat sich die Lage auf den Kreditmärkten. Der Handel zwischen den Banken war zuletzt praktisch zusammengebrochen, weil kein Institut dem anderen traute. Das führte zu drastisch gestiegenen kurzfristigen Zinsen, die an den Rest der Wirtschaft weitergegeben wurden. Jetzt gingen diese Zinsen leicht zurück. In London sank der Zins für einen dreimonatigen Dollarkredit („Libor”) auf 4,55 Prozent. SZ 16.10.2008 Helden der Finanzkrise. kA Heribert Prantl Meinungsseite Kommentar BRD Seite 4 Leitartikel Helden der Finanzkrise. Von Heribert Prantl. Den Deutschen wird seit jeher nachgesagt, sie könnten mit ihren Krisen nicht gelassen umgehen. Die Briten haben das, ein wenig selbstgerecht, aber nicht ganz falsch, auf den Punkt gebracht: „Wenn ein Engländer arbeitslos wird, geht er zum Angeln. Wenn ein Deutscher arbeitslos wird, geht er zu den Nazis.” Die mentale deutsche Unreife, die damit zum Ausdruck gebracht werden soll, zeigt sich in der großen Finanzkrise nicht. Die Bürger sind bisher erstaunlich ruhig geblieben. Ihre innere Unruhe bricht sich nicht Bahn in Tollheit und Irrwitz wie in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Das ist kein Ruhekissen für die Politik, aber bemerkenswert in einem Land, dessen kollektives Hintergrundbewusstsein auch geprägt ist von zweimaliger totaler Geldvernichtung. Zu dieser Ruhe im Angesicht der Krise gehört, dass sich die parteipolitischen Präferenzen durch die Krise bisher nicht verändert haben. Eigentlich möchte man glauben, dass die FDP unter der Katastrophe auf dem Finanzmarkt besonders leiden müsste. Die FDP ist die Partei, die den Neoliberalismus zur politischen Glaubenslehre gemacht hat. Die FDP ist die Partei, die vor elf Jahren ihr Wiesbadener Programm als turbokapitalistisches Manifest geschrieben hat. Sie ist die Partei, die jahrelang den nun gescheiterten Lehrsatz gepredigt hat, dass die Wirtschaft am allerbesten funktioniert, wenn sich der Staat möglichst wenig einmischt. Die FDP hat Entstaatlichung, Deregulierung und Privatisierung zu ihren Kennwörtern gemacht – alles Wörter, die derzeit gar nicht in Mode sind. Es ist auch noch nicht so lange her, dass Guido Westerwelle das Wort „Gemeinwohl” so angewidert ausgesprochen hat, als habe er ein vergammeltes Wurstbrot im Mund. Die Wähler nehmen aber keinerlei Rache an der FDP, sie stellen die Verbindung vom Scheitern des Neoliberalismus zur FDP nicht her – im Gegenteil: Die FDP steht so gut da wie lange nicht. Das mag zu tun haben mit einer allgemeinen, nicht so ganz berechtigten Enttäuschung über die große Merkel/Steinmeier-Koalition in Berlin. Vielleicht auch damit, dass der Wähler das Bankwesen als einen Spezialsektor der Wirtschaft, einen besonders dubiosen freilich, wahrnimmt, und die Lehrsätze der FDP daher nur in Bausch, aber nicht in Bogen verdammt. Schließlich ist zu konstatieren, dass die Wähler in den Parteien weniger Verfechter von Ideologien als Vertreter konkreter Positionen sehen, sei es zur Erbschaftsteuer oder zur Computer-Durchsuchung. Und sicherlich mag die Hausse der FDP auch ein wenig daran hängen, dass Westerwelle & Co. tunlichst nicht an ihre Sprüche von gestern erinnern. Eigentlich vermutet man, dass die Linken von der Finanzkrise profitieren, dass sie die Ängste vieler ihr bisher fernstehender Menschen aufsaugen und in Prozente umwandeln können. Die Wähler gehen aber, wie sich zeigt, nicht zu denen, die schon immer erklärt haben, dass es zum Zusammenbruch kommen muss – sondern sie wollen sich zunächst einmal auf die verlassen, die ihnen sagen, wie man da wieder herauskommt. Das ist der Grund dafür, warum die Krise derzeit nicht Wasser auf die Mühlen der Linkspartei ist. Sie profitiert nur allgemein vom Grundgefühl sozialer Ungerechtigkeit; sie hat es geschafft, dass Arbeitslose und sozial Deklassierte nicht, wie man es in Deutschland gewohnt ist, rechts außen, sondern scharf links wählen. Das ist ein Gewinn für die Demokratie, weil die Linkspartei im Gegensatz zu NPD und DVU als demokratisch gelten kann. Es ist so, dass Großkrisen, solange der Wähler nicht den Verdacht hat, die herrschende Politik mache Unfug oder sei unfähig, parteifern wahrgenommen werden. In der Großfinanzkrise ist die Bevölkerung daran interessiert, dass sich die Lage stabilisiert, nicht daran, dass sie sich dramatisiert. Solange die Menschen sich im Auge des Orkans fühlen, rufen sie nicht nach Parteien, sondern nach Rettung. Das ist die Stunde der großen Koalition. Für sie gilt der Klosterfrau-Melissengeist-Satz: Nie war sie so wertvoll wie heute. Das verhilft SPD und CDU/CSU aber vorderhand nicht zu neuer Zustimmung. Die Zeit der Parteipolitisierbarkeit der Krise ist noch nicht da. Diese Zeit kommt erst, wenn die Krise in einzelne Portionen zerlegt wird, wenn also als Lehre aus der Krise neue Maßnahmen, Gesetze und Regularien durchgesetzt werden sollen. Die sind überschaubar, diskutierbar, in ihren Details für parteipolitischen Streit nutzbar. Zum Beispiel die Begrenzung der Managergehälter. Zum Beispiel die Verschärfung der Bankenaufsicht. Zum Beispiel die Einführung eines TÜV für Finanzprodukte. Zum Beispiel die Frage, wie lange der Staat die Hand auf die Banken legen soll. Solange der Weltfinanzmarkt brennt, nutzt oder schadet das einzelnen demokratischen Parteien nichts. Für sie alle gilt aber schlimmstenfalls der Satz „mitgefangen, mitgehangen”. Alle sind Teil des Systems, das Demokratie heißt und dessen Zukunft davon abhängt, wie tief das Durchdenken in und das Umdenken nach dieser Krise ist. Politik und Gesellschaft dürfen daraus nicht so herauskommen, wie sie hineingegangen sind. Es geht um Läuterung, um Lebensdienlichkeit der Wirtschaft. Die souveräne Ruhe der Bürger ist die erste Voraussetzung dafür. Sie sind die Helden der Finanzkrise. SZ 16.10.2008 Opfer Klimaschutz. kA gam Meinungsseite Kommentar EU Seite 4 kA Opfer Klimaschutz. Die Finanzkrise sucht sich gerade ein neues Opfer. Diesmal strauchelt keine Bank. Es wankt auch kein Finanzplatz. Vielmehr nutzen europäische Politiker und Industrielle die Schwäche des Finanzmarktes, um endgültig zu versenken, was sie seit jeher torpedieren: die ambitionierten europäischen Klimaschutzpläne. In diesem günstigen Moment könnten sie erklären, dass sie schlicht kein Geld für moderne Kraftwerke, neue Technologien und effiziente Motoren haben – und dass sie gar noch vor allzu rigiden Klimaauflagen geschützt werden müssten, wie die Banken vor der Insolvenz. Es droht ein Rückfall in die Zeit, als Klimaschutz noch Ökofreaks vorbehalten war. Die Europäische Union ist deshalb gut beraten, den Forderungen nicht nachzugeben. Sie hat gute Argumente, um gerade jetzt ein anspruchsvolles Klimagesetz zu fordern. Denn es schreibt der Wirtschaft vor, wie Produkte aussehen müssen, mit denen künftig viel Geld verdient werden kann: sauber und effizient. Das europäische Klimapaket ist nichts anderes als ein gigantisches Investitionsprogramm in Europas Zukunft. Nicht zuletzt der deutsche Umweltminister hat ökologisch unverdächtigen Beratern vor Jahresfrist viel Geld gezahlt, um der Wirtschaft genau dies zu beweisen. Bisher feierte sich die Europäische Union gerne in ihrer selbstgewählten Rolle als Vorreiterin im Kampf gegen die Erderwärmung. Will sie dieser Rolle tatsächlich gerecht werden, muss sie noch in diesem Jahr das Klimapaket verabschieden. Damit leisten die Europäer nicht nur einen Beitrag im Kampf gegen steigende Meeresspiegel und Wetterkapriolen. Sie sichern der eigenen Wirtschaft die Zukunft. Gam. SZ 16.10.2008 Humboldt und die Konjunktur. Ist die Ökonomie eine Spezialwissenschaft oder gehört sie zur Allgemeinbildung? Nicht einmal die Eltern sind sich einig, was in der Schule vermittelt werden soll. Marc Beise Themen des Tages Bericht BRD Seite 2 kA Humboldt und die Konjunktur. Ist die Ökonomie eine Spezialwissenschaft oder gehört sie zur Allgemeinbildung? Nicht einmal die Eltern sind sich einig, was in der Schule vermittelt werden soll. Von Marc Beise. Der Vater, der selbst ein Manager ist, sagt: „Da müssen Manager in die Schule, die den Kindern Wirtschaft beibringen. Das können die Lehrer doch gar nicht.” Die Mutter, eine Wirtschaftsprüferin, sagt: „Die sollten ruhig auch schon mal eine Bilanz sehen.” Dann mischt sich die Angestellte eines Konzerns ein, der viele Geschäfte in Südamerika macht. „Vor allem müssen sie Spanisch lernen, und nicht Französisch oder Latein”, sagt sie. „Das ist doch Unsinn, Französisch ist nach wie vor die Kultursprache Nummer eins”, empört sich der Herr, der seit Jahren im Auswärtigen Dienst tätig ist. „Am besten erklärt man den Kindern doch Wirtschaft anhand einer Tageszeitung”, sagt der Vater, der Wirtschaftsredakteur ist. „Ach was”, meldet sich ein Vater zu Wort, der selbst Lehrer ist: „Wirtschaft lernen die Kinder noch früh genug. Wir sind doch für die Allgemeinbildung zuständig. Ich sage nur: Pisa.” Szenen aus Elternbeiräten deutscher Gymnasien, idealtypisch zusammengestellt. Gemeinsam haben sie eins: keine klare Linie. Was Schüler über Wirtschaft lernen sollen oder eben nicht lernen sollen, dazu haben vier Eltern und Lehrer fünf Meinungen, mindestens. Klar ist nur: Die große Trennlinie liegt zwischen „ein bisschen Wirtschaft” und „Wirtschaft, Wirtschaft, Wirtschaft” – je mehr, desto besser. Gerne wird in dieser Debatte das deutsche Bildungsideal problematisiert: Humboldt oder nicht Humboldt, also eine möglichst breite Allgemeinbildung humanistischer Prägung oder aber die Vermittlung von Spezialwissen in einer sich verändernden Welt. Wilhelm von Humboldt war als eine Art Kultusminister Preußens in den Jahren 1809/10 kurzzeitig für das ganze Schulsystem von der Volksschule bis zu den Universitäten zuständig. Er forcierte dort die Allgemeinbildung, getreu dem Motto „Bildung ist nicht gleich Ausbildung”. Humboldts Ansatz ging aber noch weit darüber hinaus. Er wollte, ganz im Sinne der Aufklärung und des erstarkten Bürgertums, die Unabhängigkeit der Universität vom Staat, freie Studienwahl und freie Studienorganisation. Und so kommt man mit Humboldt in der aktuellen Diskussion über Wirtschaft in der Schule nicht weiter, es sei denn, man würde die Frage eindeutig beantworten können, ob die Wirtschaftswissenschaften zur Allgemeinbildung gehören – oder eben nicht. Im Kern geht es also um die Frage des Stellenwerts der Wirtschaft im Leben der Heutigen. Ist sie ein Spezialfach wie „Theater” oder „Chinesisch”, das man je nach Neigung wählen oder abwählen kann? Oder ist die Ökonomie so zentral wie Mathematik, Geschichte, Biologie oder Erdkunde? Alles spricht für die Variante Allgemeinbildung. Die Wirtschaft dringt in immer mehr Lebensbereiche vor, sie wird immer bestimmender. Die aktuelle Finanzkrise ist das beste Beispiel. Sie wird alle und jeden treffen, auch die, die sich nicht interessieren für die fahrlässige Vergabe von Hauskrediten im Mittleren Westen der USA an Menschen, die sich das eigentlich gar nicht leisten und die Kredite plötzlich nicht mehr zurückzahlen konnten. Es wird sie treffen über den sich beschleunigenden Konjunktureinbruch, über höhere Arbeitslosenzahlen und die Geldentwertung. Und wer sich dafür als junger Mensch nicht interessiert, der muss sich mindestens um seine Altersvorsorge kümmern. Die kann der Staat nämlich bald nicht mehr allein leisten, auch wenn manche Politiker heute immer noch partiell das Gegenteil erklären. Wenn die Welt sich aber so verändert, wird die Schule sich dem nicht verschließen können. So wird Wirtschaft das gute, alte Latein und die schönen Künste zwar nicht verdrängen, aber zunehmend selbstbewusst danebentreten (müssen): Die Grundzüge des Wirtschaftens gehören in die Schule, und zwar nicht nur ins Fach „Wirtschaft und Recht” ab Klasse 9, sondern überall dorthin, wo wirtschaftliche Zusammenhänge eine Rolle spielen. Daran wird es in Zukunft wohl immer weniger Zweifel geben. Fehlt in der Diskussion der Elternbeiräte, siehe oben, noch ein Argument: Mindestens so wichtig wie weiterer (nun wirtschaftlicher) Denkstoff wäre die Verbindung von Kopf und Hand, die bisher weitgehend Real- und Berufsschulen vorbehalten ist. In den USA ist es an vielen Highschools üblich, dass Schüler auch handwerkliche Produkte herstellen. Dass sie mit Holz oder Metall arbeiten und am Ende des Schuljahrs einen Stuhl, eine Truhe, einen Bilderrahmen oder vielleicht ein Kanu gefertigt haben. Auch das ist Wirtschaft – und ist an deutschen Gymnasien oft noch seltener als der theoretische Wirtschaftsunterricht. Steht für das Ideal der umfassenden Allgemeinbildung: Wilhelm von Humboldt (1767-1835). SZ 16.10.2008 Angebot und Nachfragen. Firmen und Verbände fordern, dass die Schulen sich öffnen und öfter ein eigenständiges Fach „Wirtschaft” einrichten sollen. Birgit Taffertshofer Themen des Tages Bericht BRD Seite 2 kA Angebot und Nachfragen. Firmen und Verbände fordern, dass die Schulen sich öffnen und öfter ein eigenständiges Fach „Wirtschaft” einrichten sollen. Von Birgit Taffertshofer. Das, was man gemeinhin Globalisierung nennt, erreicht die Schüler in Döffingen bei Stuttgart von der zehnten Klasse an. Dann beschäftigen sie sich mit Wirtschaft; und so lernen sie nun, warum eine Finanzkrise in den USA auch Ersparnisse, Renten und Arbeitsplätze der Döffinger Bürger gefährden könnte. Beigebracht wird ihnen das nicht nur von ihrem Lehrer und Schulleiter Bruno Metzger, auch Mitarbeiter der Sparkasse kommen in den Klassenraum. Sie wollen den 22 Schülern der Klasse 10a beim „Planspiel Börse” Finanzwissen vermitteln, um sie, wie es heißt, zu „mündigen Bürgern” zu erziehen. Das ist nicht wirklich neu, Börsenspiele haben die deutschen Banken schon lange in Schulen angeboten. Neu ist jetzt, dass die Börsen nichts mehr sind, was man als Spiel sehen möchte; und deshalb haben auch die Schüler andere Fragen, wenn die Bankberater in ihre Klassen kommen. Und Schulleiter Metzger hat derzeit seine liebe Not, den Döffinger Schülern zu erklären, wieso der Staat für die Milliardenverluste von risikofreudigen Banken aufkommen soll. Zu den Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft gehören Selbständigkeit und Eigenverantwortung, hat Metzger ihnen stets gesagt. Und nun muss er ihnen eine Krise erklären, in denen die Spielregeln andere sind. Immerhin aber haben Metzgers Schüler schon vor der Krise etwas über die Marktwirtschaft erfahren, und das ist nicht die Regel. Obwohl wirtschaftliche Kenntnisse für das tägliche Leben immer wichtiger werden, steht es um die ökonomische Bildung an Deutschlands Schulen nicht sonderlich gut. Wirtschaftsverbände drängen daher auf Reformen. Und der Bankenverband wirbt für ein Schulfach „Wirtschaft” vom ersten Schuljahr an. Argumente lieferte ihm im Sommer eine Schülerbefragung: Lediglich vier von zehn Jugendlichen konnten den Begriff Inflationsrate erklären, nur jeder Dritte war in der Lage, die Logik von Angebot und Nachfrage zu beschreiben. „Wir wollen nicht jeden Schüler zum Betriebswirt machen, aber Wirtschaft zu einem Teil der Allgemeinbildung”, sagt Manfred Weber, Geschäftsführer des Bankenverbands. Neue Untersuchungen lassen zwar erkennen, dass die ökonomische Bildung sich in den vergangenen Jahren in Deutschland schon etwas verbessert hat. Auch die Schulbücher haben sich verändert, wirtschafts- oder marktfeindliche Ideologien, die in den siebziger Jahren noch zu finden waren, sind aus den Lehrmaterialien verschwunden. Doch während Schülern zum Beispiel in Schweden unternehmerisches Denken und Selbstverantwortung vermittelt werden, kommen hierzulande Unternehmer vor allem in den Geschichtsbüchern beim Thema „Industrielle Revolution” vor. In der Bildungspolitik haben die Forderungen der Wirtschaftsverbände bisher wenig Anhänger. Zwar bekennen sich alle dazu, dass die ökonomische Bildung zum Auftrag der Schule gehöre. Darauf hat sich auch die Kultusministerkonferenz geeinigt. Aber mit der Umsetzung hält es jedes Bundesland im föderalen Bildungssystem anders. Sieht man von Bayern und Niedersachsen ab, gibt es in kaum einem Bundesland ein eigenes Fach Wirtschaft an allgemeinbildenden Schulen. Stattdessen wird die Thematik in andere Fächer wie Geschichte, Erdkunde, Politik oder Wissenschaft integriert. Was damit im täglichen Unterricht geschieht, liegt bei den Fachlehrern, die oft wenig von Wirtschaft verstehen. Also scheuen sie sich erst recht, sich der komplexen Finanzwelt anzunehmen. Selbst in diesen Wochen, in denen die Krise allgegenwärtig ist, gibt es viele Schüler, die darüber auf dem Schulhof reden müssen – weil das Thema im Unterricht keine Rolle spielt. Weil sie das Wissen um die Ökonomie in die Schulen bringen wollen, bieten Wirtschaftsverbände auch Fortbildungen für Lehrer an. Diese sollen dann mit den Grundzügen der Marktwirtschaft vertraut gemacht werden, vielleicht zu vertraut, denn Lehrer, die an solchen Fortbildungen teilgenommen haben, klagen, es handele sich dabei auch um Werbeveranstaltungen der Industrie und des Handels. Und auch an den Lehrmaterialien von Firmen für den Wirtschaftsunterricht entzündet sich Kritik, weil sie Schüler subtil beeinflussen könnten. Die Öffnung der Schulen für Unternehmen begrüßen dennoch fast alle Bildungspolitiker. Der Forscher Hans Kaminski, der das Institut für Ökonomische Bildung an der Universität Oldenburg leitet, hält die Projekte der Industrie aber allenfalls für eine Ergänzung: „Wir brauchen ein Pflichtfach Wirtschaft, weil alle Schüler ein Recht auf eine ökonomische Bildung haben”, sagt er. Ein fundierter Unterricht erfordere kompetente Fachlehrer, und für diese brauche es Studiengänge an den Hochschulen. Für beides stellten Politiker allerdings nur Geld bereit, wenn es tatsächlich auch ein Unterrichtsfach „Wirtschaft” an allen Schulen gebe. Ohne Investitionen geht es also auch hier nicht. Klassenausflug in die Welt der Wirtschaft und Finanzen: Schüler besuchen die Börse in Frankfurt. SZ 16.10.2008 Wirtschaft und Finanzen: Was lehrt die Schule?. kA kA Themen des Tages Meldung BRD Seite 2 kA Wirtschaft und Finanzen: Was lehrt die Schule?. Wer die Finanzkrise im Besonderen und die Wirtschaft im Allgemeinen verstehen will, muss zumindest ein Grundwissen über die Ökonomie haben. In Deutschlands Schulen aber stehen Wirtschaftsthemen nur selten auf dem Stundenplan, obwohl diese nicht erst jetzt den Alltag vieler Menschen bestimmen. Sollten Schüler daher nicht mehr über die Wirtschaft lernen? Unternehmer, die das fordern, stoßen bei Eltern und Lehrern auf Skepsis. So erfahren viele Heranwachsende auch nichts über die Hintergründe der Finanzkrise. SZ 16.10.2008 „Man darf Kinder nicht überfordern”. Ein Lehrer über seinen Unterricht. Birgit Taffertshofer Themen des Tages Interview BRD Seite 2 kA „Man darf Kinder nicht überfordern” Ein Lehrer über seinen Unterricht. Derivate, Index-Optionen, Zertifikate, Investmentbanken: Die Welt der Wirtschaft ist kompliziert, Joachim Barth erklärt sie Jugendlichen. Er ist Lehrer an Deutschlands erstem „Unternehmergymnasium” in Pfarrkirchen in Bayern. Dort können Schüler bereits lernen, was einen guten Manager ausmacht. SZ: Herr Barth, wie behandeln Sie die Finanzkrise im Unterricht? Barth: Ich arbeite derzeit viel mit Tageszeitungen, greife Artikel heraus und bespreche sie mit den Schülern. Die Fragen zur Finanzkrise ergeben sich aber oft auch ganz von alleine. Viele Kinder und Jugendliche erleben ja momentan in ihren Familien, dass sich die Mutter oder der Onkel Sorgen um das Ersparte oder die Altersvorsorge machen. SZ: Wie erklären Sie Ihren Schülern die komplexen Zusammenhänge in der Weltwirtschaft? Barth: Man darf die Kinder und Jugendlichen nicht mit Details überfordern. Es ist wichtig, die großen Ereignisse anzusprechen, wie etwa das 700-Milliarden-Dollar-Paket der USA, den vergeblichen Versuch einer isolierten europäischen Hilfsaktion und nun das Rettungsprogramm der Bundesregierung im Rahmen einer konzertierten Aktion der G 8. Das interessiert die Schüler sehr. SZ: Viele Lehrer und Eltern verstehen die Vorgänge aber selbst nicht mehr . . . Barth: Nicht nur sie, sogar Banker fühlen sich derzeit oft von den Ereignissen überrollt. Als Lehrer kann man sich aber helfen, indem man Experten in den Unterricht holt. Ich selbst war vorigen Freitag zum Beispiel bei einem guten Vortrag. Den Referenten hab ich sofort für die Schule engagiert. Interview: Birgit Taffertshofer. SZ 16.10.2008 Nüchtern im Ausnahmezustand. Angela Merkel gelingt in der Debatte über die Finanzkrise kein mitreißender Auftritt – die Berufung von Hans Tietmeyer gerät sogar zum Desaster. Guido Bohsem Politik Bericht Bericht Seite 7 kA Nüchtern im Ausnahmezustand. Angela Merkel gelingt in der Debatte über die Finanzkrise kein mitreißender Auftritt – die Berufung von Hans Tietmeyer gerät sogar zum Desaster. Von Guido Bohsem. Berlin – Es war der SPD-Politiker Carsten Schneider und nicht Angela Merkel, der für die größte Überraschung in dieser Debatte sorgte. Das wiederum ist überraschend, weil es eigentlich die Stunde der Kanzlerin hätte sein müssen. Sie wurde es nicht. Zum Schluss ging Merkel auch noch der Mann verloren, mit dem sie Führungsstärke demonstrieren wollte – Alt-Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer. Doch von vorne: Das Parlament beriet am Mittwoch den von der Regierung in aller Eile zusammengeschusterten Rettungsplan für die Finanzwirtschaft. Bis Freitag soll er durch Bundestag und Bundesrat gepeitscht werden, was es in dieser Geschwindigkeit selbst bei den Beratungen über die Einheit nicht gegeben hat. Bis zu 500 Milliarden will Merkels Regierung den Banken zur Verfügung stellen. Damit könnte man die Ärzte und Krankenhäuser des Landes sowie alle Medizin drei Jahre lang bezahlen. Das alles stellt eine Art Ausnahmezustand dar und deshalb hätte man von Merkel erwarten können, dass sie den Deutschen in ihrer Regierungserklärung klar, deutlich und eindringlich aufzeigt, warum diese gigantische Summe notwendig ist. Sie hätte erklären können, warum damit nicht nur der Finanzmarkt gerettet wird, sondern auch die wirtschaftliche Zukunft der Friseurin in Gera, des Werkarbeiters in Köln und des Klempnermeisters in Freising. Merkel sagte: „Das gegenseitige Misstrauen hat die Akteure auf den Finanzmärkten fast vollständig gelähmt, mit unabsehbaren Folgen für Wachstum und Arbeitsplätze.” Sie sagte: „Wir kommen damit unserer Pflicht nach, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden und seinen Nutzen zu mehren.” Wie diese Sätze war ihre ganze Rede. Mitreißend ist anders. Merkel verharrte im technischen Detail. Keine Spur von Blut, Schweiß und Tränen. Sie hätten dieser Debatte gutgetan, die manche vorher als historisch bezeichnet hatten. Der SPD-Politiker Karl Lauterbach sagte über Merkels Rede: „Ich habe die ganze Zeit gewartet, dass sie jetzt anfängt, und dann war es schon wieder vorbei.” Schnell vorbei – und hier kommen Schneider und Tietmeyer ins Spiel – war auch Merkels Vorstoß, dem deutschen Hilfspaket eine höhere Dimension zu verleihen. Es sei nur der erste Baustein für eine neue internationale Finanzmarktverfassung, sagte die Kanzlerin. Ein zweiter müsse folgen. Dazu werde es ein Treffen der Staats- und Regierungschefs der führenden Industrienationen geben, das auf deutscher Seite von einer Expertengruppe vorbereitet werden solle. „Ich habe Professor Tietmeyer gebeten, diese Expertengruppe zu führen.” Er verfüge über erhebliche Erfahrungen und habe an der Bankenrichtlinie Basel II mitgearbeitet, die den Instituten verbiete, riskante Geschäfte in Schattenbilanzen auszulagern. Gelächter in der Linksfraktion, Grünen-Fraktionschefin Renate Künast rief: „Das ist ja genau der Richtige.” Um das zu verstehen, muss man wissen, dass Tietmeyer für linke Politiker ein rotes Tuch ist, für die Konservativen und Wirtschaftsliberalen aber eine Art Helmut Kohl der Geldpolitik. Er ist eine Ikone aus der Zeit, als die Bundesbank die mächtigste Notenbank Europas war und noch nicht untergeordnet im System der Europäischen Zentralbanken arbeitete. Tietmeyer gab den Takt vor, und die anderen Notenbanker folgten. Merkels Personalentscheidung war nicht mit der SPD abgesprochen und so verkam die Debatte vollends zu einem Geplänkel zwischen den Akteuren der großen Koalition. Während FDP-Chef Guido Westerwelle der Regierung vorwarf, sie beschneide mit dem Paket das Budgetrecht des Parlaments, eilte Fraktionschef Peter Struck zu Finanzminister Peer Steinbrück (SPD). Dieser winkte ab, weil Westerwelle ihn gerade zu Recht bezichtigte, noch vor kurzem die wirtschaftliche Entwicklung geschönt zu haben. Also ging Struck wieder zurück und wandte sich an Schneider, der als nächster SPD-Redner dran war. Es folgte ein Paukenschlag. Schneider wies Merkel darauf hin, dass Tietmeyer im Aufsichtsrat der Hypo Real Estate (HRE) sitzt, also jener Bank, die der Staat und die Bankenwirtschaft eben mit etwa 50 Milliarden Euro retten musste, weil sie sonst das gesamte Finanzsystem in den Abgrund gerissen hätte. Schneider fügte hinzu: „Deshalb sage ich ganz klar, meine Fraktion trägt diesen Vorschlag nicht mit.” Etwa eine Stunde später sagte Tietmeyer der Kanzlerin ab; Merkel muss sich für ihren zweiten Baustein der neuen Finanzverfassung nun einen neuen Polier suchen. Vielleicht lag es an der vielen Arbeit, den hektischen Beratungen – auch für andere Politiker der Koalition lief die Debatte nicht gut. Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) zum Beispiel kam zwei Minuten zu spät. Nicht, dass es um die Minuten ginge. Es ist nur so, dass Glos an den ganzen Verhandlungen über das Rettungspaket entweder nicht teilnahm oder den Ereignissen hinterherhinkte. Sein Gipfeltreffen mit den Wirtschaftsverbänden ging unter, weil Merkel und Steinbrück zeitgleich den Schutzschirm für die Banken vorstellten. Da half auch die Unterstützung von CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer nicht, der sich in seiner Rede mühte, einen weiteren Rettungsschirm aufzuspannen, einen für Glos – indem er dessen Verdienste in der Krise herausstrich. Oder es lag doch am Berliner Verkehr, denn zur Ehrenrettung des Wirtschaftsministers muss erwähnt werden, dass Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) noch später eintrudelte. Jener Gabriel, wohlgemerkt, der die Finanzkrise vor ein paar Tagen zum großen Thema für die Bundestagswahl 2009 ausgerufen hatte. Hans Tietmeyer (oben) sorgte am Mittwoch für einen Koalitionsstreit im Bundestag. Angela Merkel schlug ihn als Chef eines Expertenrats vor – zur Empörung der SPD. SZ 16.10.2008 Jetzt wird sogar Indonesien wichtig. Zum Welt-Finanzgipfel in Washington sind neben den großen Industrie-Staaten auch die Schwellenländer geladen. Martin Winter Politik Bericht global Seite 7 kA Jetzt wird sogar Indonesien wichtig. Zum Welt-Finanzgipfel in Washington sind neben den großen Industrie-Staaten auch die Schwellenländer geladen. Von Martin Winter. Brüssel – Unter dem Druck der weltweiten Finanzkrise und der Furcht vor einem wirtschaftlichen Abschwung wollen die Europäische Union und die USA noch vor Ende des Jahres eine Konferenz der wichtigsten Wirtschaftsnationen der Welt einberufen. Das war am Rande des EU-Gipfels am Mittwoch zu erfahren. Zu diesem Weltwirtschaftsgipfel, der vermutlich Ende November in Washington stattfinden wird, sollen neben den Staaten der G-8-Gruppe auch die aufsteigenden Mächte China, Indien oder Brasilien sowie starke Volkswirtschaften wie Südkorea, Indonesien und Australien eingeladen werden. Nach dem Ende des Treffens der europäischen Staats- und Regierungschefs wird der amtierende EU-Vorsitzende und französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy am Wochenende in die USA reisen, um die Einzelheiten mit Präsident George W. Bush zu besprechen. Berlin und Paris haben schon seit Monaten darauf gedrungen, den Kreis der G 8, dem die führenden westlichen Industriestaaten und Russland angehören, um die starken Schwellenländer zu erweitern. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte in der vergangenen Woche erneut vorgeschlagen, ein weltweites Treffen aller wichtigen Länder zu veranstalten. Das wichtigste Thema des Gipfels soll es sein, die globale Finanzwirtschaft weltweit verbindlichen Regeln zu unterwerfen und die mittelfristigen Hilfs- und Rettungsmaßnahmen für angeschlagene Banken, Versicherer und Hypothekeninstitute aufeinander abzustimmen. In diese Verhandlungen wird die EU mit einem einheitlichen Konzept gehen, das die Staats- und Regierungschefs an diesem Donnerstag beschließen wollen. Es basiert auf den Entscheidungen, die die 15 Länder der Eurogruppe am Sonntag in Paris getroffen haben und die Grundlage für die nationalen Hilfspakete wie in Deutschland sind. Die EU strebt unter anderem eine bessere, gemeinsame Bankenaufsicht an, die europaweite Anhebung der Einlagensicherung für Sparer von 20 000 auf 100 000 Euro und eine Änderung der Bilanzierungsregeln. Am Mittwoch stellte die EU-Kommission zudem einen Richtlinienentwurf vor, wonach Sparer im Falle einer Bankpleite ihre Einlagen innerhalb von drei Tagen zurückbekommen sollen. Nachdem die deutsche Regierung mit ihrem Vorschlag, die Runde der G 8 zu erweitern und die globale Finanzwirtschaft unter Kontrolle zu bringen, bislang an den USA und an Großbritannien gescheitert war, hat London jetzt einen Schwenk eingeleitet. Zum Auftakt des Gipfels übernahm Premierminister Gordon Brown diese Forderungen und drückte seine Hoffnung aus, dass die „30 größten Finanzkonzerne” der Welt noch „vor Ende des Jahres” unter internationaler Kontrolle stehen. Brown, der bislang als einer der führenden Verfechter einer Deregulierung der Märkte bekannt war, schwebt eine international zusammengesetzte Gruppe von Kontrolleuren vor, die sich dieser Arbeit annimmt. Später soll die Reichweite der Kontrolle dann ausgeweitet werden. Angesichts einzelnen Widerstandes aus osteuropäischen Ländern der EU gegen Teile des zwischen den Euro-Staaten verabredeten Hilfsprogramms, plädierte Brown dafür, dass man „mehr für die Länder Osteuropas” unternimmt. Um sie zu einer Zustimmung zu bringen, will er ihnen mit Mitteln des internationalen Währungsfonds und der europäischen Bank für Investitionen unter die Arme greifen. Außerdem kann er sich vorstellen, dass man diesen Ländern bei der Diskussion über das Klima- und Energiepaket entgegenkommt, das ebenfalls auf dem EU-Gipfel verhandelt wird. Aus diesen Ländern hatte es in den vergangenen Wochen zunehmende Klagen über eine zu große Belastung ihrer Industrie durch die geplanten Umweltauflagen gegeben. Brown mahnte Europa und den Rest der Welt, aus Furcht vor der Krise nicht in Protektionismus zu verfallen. Das sei nicht der richtige Weg, mit den Problemen fertig zu werden. Im Gegenteil, neben einer Regulierung der Finanzmärkte müsse man sich endlich auf ein neues, weltweites und freies System des Handels einigen. Auch dies sei ein Thema, das auf einem globalen Wirtschaftsgipfel besprochen werden müsse. SZ 16.10.2008 „Die Ministerpräsidenten lassen sich nicht über den Tisch ziehen”. Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit über den Notplan für die Banken, den Börsengang der Bahn und die Ruhe in der SPD nach Becks Rücktritt. Susanne Höll Politik Bericht BRD Seite 7 kA „Die Ministerpräsidenten lassen sich nicht über den Tisch ziehen”. Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit über den Notplan für die Banken, den Börsengang der Bahn und die Ruhe in der SPD nach Becks Rücktritt. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit zählt zum linken SPD-Flügel und war lange Zeit ein Anhänger des zurückgetretenen Parteichefs Kurt Beck. Von dessen Nachfolger Franz Müntefering, der am Samstag gewählt werden soll, verspricht sich der 55-Jährige Stabilität auch in der Finanzkrise – zugleich warnt Wowereit vor kostspieligen Versprechen im Wahlkampf. SZ : Herr Wowereit, wie erklären Sie einem Berliner Arbeitslosen, dass Banken Milliarden bekommen, Hartz-IV-Sätze aber nicht erhöht werden? Wowereit: Das ist in der Tat erklärungsbedürftig – und für viele Menschen nicht leicht zu verstehen. Die Erklärung ist die: Es geht nicht um Geschenke an Banken, sondern darum, weitaus Schlimmeres zu verhüten. Täten wir es nicht, müssten wir in Berlin künftig sehr viele mehr Arbeitslose bezahlen. Das Paket ist sehr bitter, aber es ist ohne Alternative. SZ: Berlin muss immer noch die Finanzlast des eigenen Landesbanken-Skandals schultern. Werden Sie sich widerspruchslos am neuen 100-Milliarden-Eigenkapitalfonds beteiligen? Wowereit: Zunächst mal ist festzuhalten, dass uns damals niemand bei der Sanierung geholfen hat. Jetzt stehen wir vor dem größten Stabilisierungspaket der Finanzgeschichte, und das Ärgerliche ist, dass der Bund versucht, die Länder unter hohem Zeitdruck doppelt zu belasten. Er will einen 35-Prozent-Anteil am Gesamtrisiko und verlangt zusätzlich, dass wir die Landesbanken selbst absichern. Damit würde bei den Ländern zweimal kassiert. So kann das nicht gehen. Entweder wir sind mit 35 Prozent dabei – dann müssen wir aber auch an der Durchführung des Hilfsprogramms beteiligt werden und die Landesbanken müssen inbegriffen sein. Oder wir bleiben für die Hilfen an die Landesbanken alleine zuständig und der Bund übernimmt den Rest. Darüber wird mit der Kanzlerin verhandelt, über den Tisch ziehen lassen sich die Ministerpräsidenten nicht. SZ: Welche Konsequenzen muss die SPD aus dieser Krise ziehen, für die aktuelle Politik, den Bundestagswahlkampf und die Zeit darüber hinaus? Wowereit: Noch ist nicht abzusehen, wie sich die Wirtschaft verändert, bei uns und weltweit. Niemand weiß, welchen Schaden Deutschland als Exportland nimmt. Eines ist klar: Wer der Privatisierung der Daseinsvorsorge das Wort redet, muss begreifen, dass man nicht alles Finanzspekulanten überlassen darf. Das Privatisierungscredo der Konservativen sollten wir zu den Akten legen. SZ: Sie wollen nun auch die Privatisierung der Bahn komplett stoppen? Wowereit: Der Börsengang ist politisch beschlossen. Ich halte ihn aber nach wie vor für falsch. Vielleicht gibt uns die Krise die Chance, neu nachzudenken. Wollen wir wirklich, dass russische und chinesische Finanziers über die Bahn mitbestimmen? Ich will das nicht. SZ: Was wird angesichts des 500-Milliarden-Pakets aus dem SPD-Wahlversprechen, die Abgaben für die Sozialversicherungen zu senken? Wowereit: Das Ziel bleibt. Aber wir können uns nicht festlegen, wann das geschieht. Wir hatten in Berlin ein gutes Jahr 2008, die Steuereinnahmen steigen. Doch ich weiß nicht, ob das 2009 so weitergeht. Eines ist klar: Steuersenkungen kann und wird es nicht geben. SZ: Sind denn niedrigere Beiträge in naher Zukunft überhaupt möglich? Wowereit: Den Beitrag zur Arbeitslosenversicherung senken wir gerade ab. Wie lange das hält, ist ungewiss. Wir können nur hoffen, dass das Milliardenpaket wirkt und sich die Lage wieder beruhigt. SZ: Also wird auch der Beitrag zur Rentenversicherung nicht sinken? Wowereit: Die Rentenkassen sind nicht voll und wir haben uns sehr schwergetan mit der jüngsten Erhöhung. Die Spielräume sind jetzt noch knapper. Zur Erinnerung: Beim Rettungspaket geht es jetzt um weit größere Summen als bei der Finanzierung der deutschen Einheit. SZ: Was wird aus der Schuldenbremse für Bund und Länder, über die in der Föderalismuskommission gestritten wird? Wowereit: Die ist aus meiner Sicht jetzt kein Thema mehr. SZ: Nächstes Jahr ist Bundestagswahlkampf. Was kann und muss man den verunsicherten Wählern sagen? Wowereit: Jede Partei ist gut beraten, keine Versprechungen zu machen. Die Wirtschaftslage wird wieder schlechter, auch ohne die Finanzkrise. Aber wir müssen nicht nur in schwarzen Farben malen. Deutschland ist gut gerüstet. SZ: Brauchen wir zusätzlich zum Finanz-Notpaket ein Konjunkturprogramm? Wowereit: Es ist zu befürchten, dass die finanziellen Spielräume demnächst enger werden – nicht nur wegen des Finanzpakets. Die heutige Lage lässt präzisere Prognosen aber nicht zu. Alle hoffen, dass Deutschland sich in dieser Krise als wirtschaftlich robuster erweist als andere Länder. Jetzt kommt es darauf an, neues Vertrauen zu schaffen. SZ: Am Samstag trifft sich die SPD zur Wahl ihres neuen, alten Vorsitzenden Franz Müntefering. Welche Botschaft erwarten Sie von dem Parteitag? Wowereit: Es wird das Signal geben, dass die SPD gerade in der Krise zu ihrer Verantwortung steht. Auch, dass die Finanzen und die Probleme bei Peer Steinbrück in den richtigen Händen liegen. Und dass der Vorsitzende Müntefering und der Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier für Stabilisierung sorgen. SZ: Steinbrück ist derzeit der SPD-Krisenmanager. Hat Steinmeier das Profil für einen Kanzler in turbulenten Zeiten? Wowereit: Ja. Er ist jemand, der Vertrauen ausstrahlt. Und die SPD-Minister im Bundeskabinett erweisen sich auch als deutlich stärker, als es die Unionsminister sind. Haben Sie in diesen Tagen vom Wirtschaftsminister Glos etwas Nennenswertes gehört? Ohne Steinbrück und ohne Steinmeier könnte die Kanzlerin kaum vor die Öffentlichkeit treten. SZ: Stellt die SPD der Kanzlerin im Bundestagswahlkampf ein Dreierteam Steinmeier-Müntefering-Steinbrück entgegen? Wowereit: Im Moment hat das Finanzministerium große Aufmerksamkeit. Aber wir arbeiten im besten Sinne daran, dass sich das wieder ändert. Es zeigt sich, dass Politiker in schwierigen Situationen mit Kompetenz um Vertrauen werben müssen. Steinbrück kann das. Er fordert, dass Banken und Manager, die Hilfe bekommen, einen Teil an den Staat zurückzahlen. Und weil er all das tut, trägt sogar die Opposition im Bundestag das Paket mit. SZ: Zurück zur SPD. Wieso trat nach dem Rücktritt von Kurt Beck und der Rückkehr Münteferings schlagartig Ruhe in der Partei ein? Wowereit: Alle in der SPD sind sich klar darüber, dass der Zustand, so wie er bis zum Spätsommer war, uns nicht nach vorn gebracht hätte. Und die Bundestagswahl ist nicht mehr weit entfernt. Aus meiner Sicht hat die neue Führung – was manche ja anfangs nicht für sicher hielten – auch verstanden, dass alle Kräfte der Partei eingebunden werden müssen. Niemand muss befürchten, dass wir allesamt ausschließlich in Richtung Mitte marschieren oder in welche andere Richtung auch immer. Es bleibt bei dem Konsens des Hamburger Parteitags. SZ: Was schafft Müntefering, was Beck nicht schaffte? Wowereit: Das kann man nicht vergleichen. Kurt Beck hat die Partei in Hamburg beflügelt und so die Basis geschaffen für das, was die Führung nun leisten muss. Beck ist völlig zu Unrecht in die Lage geraten, in der er für sich keine Chance mehr für eine Kanzlerkandidatur sah. Aber das ist Historie. Interview: Susanne Höll. SZ 16.10.2008 EU und USA laden Industrie- und Schwellenländer nach Washington. Welt-Finanzgipfel soll die Märkte bändigen. Noch im November Konferenz über eine strenge Verfassung für globale Wirtschaft / Dax stürzt um 6,5 Prozent ab. Martin Winter; Nico Fried Politik Bericht global Seite 1 kA EU und USA laden Industrie- und Schwellenländer nach Washington. Welt-Finanzgipfel soll die Märkte bändigen. Noch im November Konferenz über eine strenge Verfassung für globale Wirtschaft / Dax stürzt um 6,5 Prozent ab. Von Martin Winter und Nico Fried. Brüssel/Berlin – Europa und Amerika wollen noch im November alle wichtigen Wirtschaftsnationen zu einem Welt-Finanzgipfel zusammenrufen. Dazu sollen neben den G-8-Staaten auch bedeutende Schwellenländer wie Indien, China und Brasilien sowie große Volkswirtschaften wie Indonesien, Korea oder Australien eingeladen werden. Bundeskanzlerin Angela Merkel stimmte die Deutschen im Bundestag auf schwere Zeiten ein. „Wir müssen damit rechnen, dass sich das Wachstum in Deutschland abschwächen wird”, sagte Merkel. Ziel dieses Weltwirtschaftsgipfels, dessen Möglichkeiten seit einigen Tagen in Gesprächen zwischen Frankreich, den USA und Deutschland ausgelotet werden, sei es, sich auf strenge internationale Regeln für die globale Finanzwirtschaft zu einigen und einen Kontrollmechanismus dafür zu schaffen, hieß es in Brüssel. Am Wochenende wird der amtierende EU-Vorsitzende, der französische Präsident Nicolas Sarkozy in die USA reisen, um dort Einzelheiten zu besprechen. Merkel unterstützte am Mittwoch zu Beginn einer EU-Konferenz in Brüssel den geplanten Gipfel zur Finanzkrise. Die Kanzlerin sagte, dieses Treffen solle Vorschläge unterbreiten und dafür sorgen, „dass sich so etwas nie wiederholen kann”. Am Mittwochabend diskutierten die Staats- und Regierungschefs über das Rettungsprogramm der EU für die Finanzmärkte. Die Länder, die den Euro haben, hatten sich bereits am Sonntag darauf geeinigt. Nun musste auch der Rest zustimmen. Sarkozy wollte auf der Basis eines gemeinsamen Beschlusses dann die Gespräche mit den USA, aber auch mit China, Indien und anderen möglichen Teilnehmern des Gipfels führen. Merkel hatte bereits am Vormittag im Bundestag Beratungen über eine „neue Finanzmarktverfassung” auf internationaler Ebene in Aussicht gestellt. In diesem Zusammenhang kam es zu einem Eklat in der großen Koalition: Zur Vorbereitung der anstehenden Konferenzen kündigte Merkel die Berufung einer Expertengruppe an. Sie habe Ex-Bundesbank-Chef Hans Tietmeyer gebeten, die Beratergruppe zu führen, sagte die Kanzlerin. Merkel hatte sich über diese Personalie allerdings vorab nicht mit Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) abgestimmt. Tietmeyer sitzt im Aufsichtsrat der Hypo Real Estate Bank, die vor wenigen Tagen mit Hilfe der Bundesregierung und der Finanzwirtschaft vor dem Kollaps gerettet wurde. Merkels Vorschlag wurde deshalb auch vom haushaltspolitischen Sprecher der SPD-Fraktion, Carsten Schneider, noch in der Debatte und nach Rücksprache mit Fraktionschef Peter Struck abgelehnt. Tietmeyer selbst verzichtete kurze Zeit später von sich aus auf eine Mitarbeit in dem Gremium. In Regierungskreisen hieß es anschließend, Merkel sei die Funktion Tietmeyers bei der Hypo Real Estate „nicht bewusst” gewesen. Sie habe den Personalvorschlag aus ihrem Haus aufgegriffen, weil Tietmeyer zu einem sehr kleinen Kreis von Kapitalmarktexperten gehöre und unter anderem bei der Ausarbeitung der Basel-II-Richtlinien für die Finanzmärkte vor einigen Jahren maßgeblich beteiligt war. Mit Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung sagte Merkel im Bundestag, Deutschland werde „durch eine schwierige Periode gehen”. Die Weltwirtschaft erlebe „ihre schwerste Bewährungsprobe seit den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts”. Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) wird am Donnerstag dem Vernehmen nach die Konjunkturprognose der Bundesregierung für 2009 von bislang 1,2 auf 0,2 Prozent Wachstum korrigieren. Der deutsche Aktienindex Dax stürzte am Mittwoch ab. Er verlor 6,49 Prozent. SZ 16.10.2008 EU kann sich nicht auf Klimaschutz einigen. Staats- und Regierungschefs verschieben wegen der Bankenkrise das ehrgeizige Gesetzespaket. Cerstin Gammelin Politik Bericht EU Seite 1 kA EU kann sich nicht auf Klimaschutz einigen. Staats- und Regierungschefs verschieben wegen der Bankenkrise das ehrgeizige Gesetzespaket. Von Cerstin Gammelin. Brüssel – Die globale Finanzkrise gefährdet den europäischen Klimaschutz. Der Zeitplan für das Gesetzespaket stehe „auf der Kippe”, sagte ein hoher EU-Beamter in Brüssel. Ursprünglich wollten die Staats- und Regierungschefs der EU auf ihrem Gipfeltreffen am Mittwoch und Donnerstag Streitigkeiten ausräumen, um das Paket noch in diesem Jahr zu verabschieden. Das Ringen der Europäer um die Rettung ihrer Banken sowie Streit zwischen Mitgliedstaaten um die Klimaauflagen veranlassten die französische EU-Ratspräsidentschaft jedoch, die Beratungen zu verschieben. Die EU muss aber bis Dezember ihre Beratungen abschließen, um mit einer gemeinsamen Position zu den Verhandlungen über das Weltklimaabkommen reisen zu können. Sie beginnen im Dezember in Polen und sollen bis zum Treffen Ende 2009 in Kopenhagen abgeschlossen werden. Zwar wollten die Staats- und Regierungschefs am Mittwoch beim Abendessen die geplanten Schutzmaßnahmen beraten, grundlegende Fortschritte würden jedoch „nicht erwartet”, sagte ein Beamter im Europäischen Rat. Vertagt ist ebenfalls eine Entscheidung über Kohlendioxid-Grenzwerte für Autos. Einige Mitgliedstaaten, darunter Italien, Ungarn, Polen sowie weitere sieben osteuropäische Staaten, pochen auf geringere Auflagen zum Klimaschutz. Der polnische Premier Donald Tusk kündigte am Mittwoch an, alle neun Osteuropäer würden ihre Zustimmung zum Klimapaket von geringeren Belastungen ihrer Länder abhängig machen. Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi verlangt ebenfalls Ausnahmen für seine Industrie. Er drohte mit einem Veto. Zudem streiten die Regierungen in Berlin und Paris. Deutschland fordert von der französischen EU-Ratspräsidentschaft, Unternehmen, die viel Energie verbrauchen, von den strengen Auflagen beim Handel mit Emissionsberechtigungen zu befreien und dies bereits jetzt festzuschreiben. Offenbar halten die Franzosen jedoch am Vorschlag der Europäischen Kommission fest, Entlastungen erst 2009 zu fixieren und vom Abschluss eines neuen internationalen Abkommens abhängig zu machen. Dem Papier zufolge soll die produzierende Industrie von 2013 an zunächst 20 Prozent der Emissionsrechte und bis 2020 sämtliche Zertifikate ersteigern. Ausgenommen wären Firmen, die im Wettbewerb mit Unternehmen aus Ländern stehen, die keine Klimaschutzauflagen haben. Deutschland will maximal 20 Prozent zulassen und Unternehmen, die besonders viel Strom verbrauchen, die Zertifikate schenken. Kanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident hätten auf ihrem Treffen am Samstag keinen Kompromiss erzielt, erklärte ein deutscher Diplomat. Die französische Ratspräsidentschaft will den Streit in den kommenden Wochen ausräumen. Die deutsche Industrie fordert angesichts der Finanzkrise sogar eine Wende in der Klimapolitik. „Die Kanzlerin sollte einen Schirm aufspannen – gegen eine Klimapolitik mit der Brechstange”, erklärte ein Sprecher des Verbandes der Großindustrie in Berlin. Der Präsident der EU-Kommission, José Manuel Barroso, warnte vor Abstrichen beim Klimaschutz. An der Bedrohung habe sich mit der Finanzkrise nichts geändert. Es sei „fahrlässig”, wenn die Europäer jetzt von dem Ziel abrückten, die Emissionen von Kohlendioxid bis 2020 um mindestens 20 Prozent zu verringern. SZ 17.10.2008 Finanzkrise schlägt auf Wirtschaft durch. Deutschland vor Rezession. Bundesregierung senkt Prognose für das kommende Jahr auf 0,2 Prozent / EU berät über Konjunkturprogramm. Guido Bohsem; Cerstin Gammelin; Daniela Kuhr Politik Bericht BRD Seite 12 kA Finanzkrise schlägt auf Wirtschaft durch. Deutschland vor Rezession. Bundesregierung senkt Prognose für das kommende Jahr auf 0,2 Prozent / EU berät über Konjunkturprogramm. Von Guido Bohsem, Cerstin Gammelin und Daniela Kuhr. Berlin – Die deutsche Wirtschaft steht vor schweren Zeiten. Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) sagte am Donnerstag, dass die Regierung 2009 nur noch mit einem Wirtschaftswachstum in Deutschland von 0,2 statt der bislang erwarteten 1,2 Prozent rechnet. Gleichzeitig bekräftigte der CSU-Politiker seine Forderung nach einer schnellen steuerlichen Entlastung der Bürger. In Frankfurt sackte der Deutsche Aktienindex (Dax) am Donnerstagnachmittag deutlich ab. Im Streit zwischen Bund und Ländern um die Finanzierung des Rettungspakets für die Finanzwirtschaft zeichnete sich am Donnerstagabend eine Lösung ab. Die bayerische Staatsregierung signalisierte kurz vor Beginn eines Spitzentreffens bei Kanzlerin Angela Merkel Entgegenkommen. Regierungskreise zeigten sich zuversichtlich, dass man zu einer „einmütigen Lösung” kommen werde. Das Treffen dauerte bei Reaktionsschluss noch an. Bundestag und Bundesrat müssen dem Paket an diesem Freitag noch zustimmen. Zuvor war die Auseinandersetzung über die Verwaltung des Rettungsfonds für die Banken beigelegt worden. Sie soll nun bei Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) liegen. Dazu will die Regierung nach dem Vorbild der Treuhand zur Abwicklung der volkseigenen Betriebe der DDR eine sogenannte Finanzmarktstabilisierungsanstalt ins Leben rufen. Nach dem der Süddeutschen Zeitung vorliegenden Änderungsantrag trifft der Minister damit die Entscheidung, welche Bank wie viel Geld erhält. Die Finanztreuhand soll ihren Sitz bei der Bundesbank haben, aber streng von ihr getrennt sein. Der Haushaltsausschuss wollte die Änderung am Abend beschließen. Der Korrektur war ein heftiger Streit zwischen Bundesbank, Regierung und Haushaltsausschuss vorausgegangen. Die Bundesregierung wollte die Verwaltung zunächst an die Bundesbank geben. Deren Präsident Axel Weber hatte sich aber geweigert, die ursprüngliche Gesetzesfassung zu akzeptieren, weil er die Unabhängigkeit der Bundesbank gefährdet sah. Einzelnen Abgeordneten gegenüber soll er sogar mit Rücktritt gedroht haben, falls das Parlament die Regelung beschließe. Glos äußerte die Erwartung, dass die Auswirkungen der Finanzmarktkrise auf die Wirtschaft begrenzt seien. Er forderte, weitere Belastungen für die Bürger zu vermeiden. Vielmehr solle die reale Steuerlast gesenkt werden, wie es auch im Herbstgutachten der Wirtschaftsforschungsinstitute angeregt worden sei. Die Europäische Kommission wird bis zum Jahresende prüfen, ob und wie die europäische Industrie angesichts der Finanzkrise unterstützt werden soll. Einen entsprechenden Auftrag erteilten die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union am Donnerstag auf ihrem Gipfel. Zuvor hatten alle 27 EU-Mitgliedsstaaten den von der Eurogruppe am vergangenen Sonntag in Paris beschlossenen Plan zur Rettung des europäischen Finanzmarkts unterzeichnet. Nachdem der Weg aus der Krise beschlossen sei, werde nun geprüft, „wie wir Wachstum und Beschäftigung sichern können”, sagte der amtierende EU-Ratspräsident Nicolas Sarkozy nach Abschluss des Gipfeltreffens. „Wir wollen gezielt Anreize für Wirtschaft und Beschäftigung setzen”, sagte EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso. Der EU-Gipfel habe auf Anregung mehrerer Länder bereits über Hilfen für die europäische Autoindustrie debattiert. Die USA hatten für die heimische Autoindustrie ein Sofortprogramm von 25 Milliarden US-Dollar beschlossen. SZ 17.10.2008 Vertrauensverlust. Die Kreditklemme spart kein Segment des Immobilienmarktes aus. Peter Horn Immobilien Bericht BRD Seite V2/2 kA Vertrauensverlust. Die Kreditklemme spart kein Segment des Immobilienmarktes aus. Die Situation an den Finanz- und Immobilienmärkten zur Eröffnung der elften internationalen Gewerbeimmobilienmesse in München hätte verworrener nicht sein können. Zwar mangelte es nicht an Negativmeldungen, doch das schien die Gemütslage der Teilnehmer wenig zu beeindrucken. Scheinbar jedenfalls. Denn auf Nachfrage flüchtete sich der eine oder andere Aussteller gerne in allgemeine, eher unverbindliche Einschätzungen. Oft genug kam angesichts des Themas „Kreditkrise” auch nur Galgenhumor auf. Eine unterhaltsame Variante, die allerdings die Wirklichkeit lediglich verharmlost. Ganz real ist, dass die Zahl der Notverkäufe steigt, der Markt für Transaktionen schrumpft und die weltweite Finanzkrise dem Gewerbeimmobilien-Markt mehr zu schaffen macht, als gemeinhin zugegeben wird. Es bewegt sich aktuell nicht mehr viel, ist von Projektentwicklern und Investoren gleichermaßen zu hören. Der Kreditmarkt – lokal wie global – sei so gut wie ausgetrocknet. Zwar gibt es für Investitionen mit garantierter Rendite noch Finanzierungen. Aber ganz sicher ist dies auch wieder nicht. Geprüft wird jedenfalls grundsätzlich alles und das mit viel Akribie. Geht es indes um Neubauprojekte, muss der Bauträger in aller Regel schon einen potentiellen Kunden präsentieren. Ein Blick auf die Märkte in Europa vermittelt ein Bild, dass sich als vergleichsweise trostlos beschreiben lässt. Zwar gibt es auch da Projekte, besonders wenn sich diese in guten Lagen befinden, die grundsätzlich Kapitalgeber finden, doch zu viele Bereiche gelten als Problemfälle. Von Seiten der großen Makler ist zu hören, dass von einem weiterhin deutlich rückläufigen Transaktionsvolumen im Jahresverlauf ausgegangen wird. Kreditklemme trifft alle. Walter Klug, Geschäftsführer der Morgan Stanley Real Estate GmbH aus Frankfurt, sagte gegenüber der Süddeutschen Zeitung, „dass es wichtig sei, Vertrauen zurückzugewinnen. Denn niemand weiß, wie es mit der Finanzkrise weitergeht.” Doch genau da liegt das Problem. Denn von der Kreditklemme sind hochwertige Gewerbeimmobilien genauso betroffen wie der normale Wohnungsbau. Wer etwa jetzt eine Anschlussfinanzierung braucht, sollte auf den Kreditanteil schauen. Ist der hoch gewesen, kann es eng werden. Deutsche Immobilienprofis gaben sich auf der Messe insgesamt doch erstaunlich unaufgeregt. Vor dem Hintergrund der recht guten Positionierung in Europa. Zu den Optimisten zählt Helmut Knepel, Vorstand der Feri Finance AG und Sprecher der Rating & Research AG, Bad Homburg: „Das Wirtschaftswachstum in Europa hat sich zwar verlangsamt, besonders in Großbritannien, Spanien und Irland, doch zeigt sich die deutsche Wirtschaft widerstandsfähiger. Davon sollte der Büromarkt als Segment des Immobilienmarktes profitieren. Langfristig erwarten wir, dass die Mieten für Büros in Deutschlands Immobilienhochburgen steigen werden. Die kräftigsten Anstiege wird es in München, die niedrigsten in Berlin geben.” Gelegt hat sich der Trubel, den die Immobilienaktien-Gesellschaften noch bis vor kurzem auszulösen vermochten. Die Real Estate Investment Trusts (Reits) fristen, entgegen vieler Ankündigungen, ein eher karges Dasein. Von frischem Wind war an den Messeständen nichts zu spüren. Zumindest sollte der sich anders bemerkbar machen. Peter Horn. SZ 17.10.2008 Marktplatz. kA ph Immobilien Meldung global Seite V/1 kA Marktplatz. Wertanlage. „Die Finanzkrise wird die Immobilie wieder zu dem machen, was sie ursprünglich einmal war - eine Wertanlage”, sagte Jürgen Poschmann, Regionalvorsitzender des IVD Mitte-Ost, zum Ende der Gewerbeimmobilienmesse Expo Real in München. „Die Zeiten, in denen Immobilien über den Warentisch gehen wie warme Brötchen, scheinen aber vorbei zu sein”, sagte Poschmann weiter. Ausgezeichnet. Mit dem Prime Property Award würdigt die Ausloberin Union Investment Immobilienprojekte in Europa, die sich durch eine bemerkenswerte ökologische Qualität auszeichnen und diese auf beispielhafte Weise mit wirtschaftlicher und sozio-kultureller Nachhaltigkeit verbinden. Der 1. Preis ging an die Metro Group Asset Management für das 2007 fertiggestellte „Shopping Square Meydan” in Istanbul. Hotel des Jahres. Der „Hotel Property Award 2008” ist dem Hotel „25hours Frankfurt tailored by Levis” zuerkannt worden. Unter die drei Nominierten schafften es außerdem das „W” Istanbul und das „Innside Premium Hotel” Düsseldorf. Zum sechsten Mal fand in München die europäische Branchenkonferenz „hotelforum” statt. Der „Hospitality Innovation Award” ging an Studiosus Reisen. Zu den Initiatoren der Branchenkonferenz gehören PKF hotelexperts, Stiwa Hotel Valuation & Consulting sowie Andreas Martin. Ph. SZ 17.10.2008 Staatshilfe für Schweizer Bank. Offenbar trauen die anderen Institute der angeschlagenen UBS nicht mehr. Eidgenossen kritisieren deutsches Rettungspaket. Gerd Zitzelsberger Geld Bericht Schweiz Seite 26 kA Staatshilfe für Schweizer Bank. Offenbar trauen die anderen Institute der angeschlagenen UBS nicht mehr. Eidgenossen kritisieren deutsches Rettungspaket. Von Gerd Zitzelsberger. Zürich/Bern – Wenige Tage nach der EU und den USA sieht sich auch die Schweiz zu einem Rettungspaket für ihren Finanzplatz gezwungen. In einer Blitzaktion greift der Staat der Zürcher UBS, dem größten Vermögensverwalter der Welt, mit umgerechnet 39 Milliarden Euro unter die Arme. Die Schweizer Regierung hat am Donnerstag zugleich eine weitreichende Verbesserung des Einlegerschutzes angekündigt. Die zweitgrößte Bank des Alpenlandes, die Credit Suisse (CS), verzichtet dagegen auf Regierungshilfe. Sie hat das Scheichtum Katar als neuen Großaktionär gewonnen. Garniert hat die Schweiz ihre Notmaßnahmen mit deutlicher Kritik an Deutschland und anderen Staaten: Sein Land reagiere auf die internationale Finanzkrise „nicht mit aufgeregten Ankündigungen und halbausgegorenen Aktionen”, sagte der Präsident der Eidgenössischen Bankenkommission (EBK) Eugen Haltiner. Vielmehr setze die Schweiz „sorgfältig vorbereitete Maßnahmen um”. Nur das schaffe Vertrauen. Um staatliche Hilfe ersucht hat die UBS offensichtlich, weil sie am Markt enorm an Vertrauen verloren hat. Die Refinanzierungsmöglichkeiten Schweizer Banken, so Haltiner, hätten sich in den letzten Tagen massiv verschlechtert. Die UBS selbst räumte ein, dass sie in der Vermögensverwaltung unter massiven Geldabflüssen leide. Im dritten Quartal hätten die Anleger, speziell Schweizer Kunden, netto umgerechnet 54 Milliarden Euro abgezogen. Bereits im zweiten Quartal musste UBS zweistellige Milliarden-Abflüsse hinnehmen. Um wieder Vertrauen zu gewinnen, verkauft UBS US-Ramschanleihen und andere Vermögenswerte im Umfang von bis zu 60 Milliarden Dollar (45 Milliarden Euro) an eine eigene Zweckgesellschaft. Hinter dieser „bad bank” wird de facto die Schweizer Nationalbank (SNB) stehen. Sie gibt der Abwicklungsgesellschaft für die schlechten Risiken einen Kredit von 54 Milliarden Dollar. Zugleich erhält UBS Geld vom Schweizer Staat. Die Hilfe hat die Form einer Pflichtwandelanleihe: Nach 30 Monaten ist der Besitzer der Anleihe, also gegenwärtig der Staat, verpflichtet, die Schuldverschreibung gegen UBS-Aktien einzutauschen. Bis dahin muss UBS einen happigen Zinssatz von 12,5 Prozent bezahlen. Die Regierung suchte dem Eindruck entgegenzutreten, dass es nun auch in der Schweiz zur Teilverstaatlichung einer Großbank kommt. So will der Staat keine Aktionärsstellung bei UBS, sondern die Wandelanleihe möglichst weiterverkaufen. Die Credit Suisse hat im Gegensatz zur UBS ausdrücklich Staatshilfe abgelehnt. Ihr sind die Bedingungen offenbar zu hart. Für seine Bank seien „die Kapitalmärkte weiter gut zugänglich”, sagte CS-Chef Brady Dougan. Stattdessen wird die CS von der staatlichen Investmentgesellschaft des Öl-Scheichtums Katar zusätzliches Eigenkapital von 6,5 Milliarden Euro bekommen. Die Börse quittierte die Maßnahmen mit Kurszuwächsen. Die CS-Aktie lag am Nachmittag mit sieben Prozent im Plus. SZ 17.10.2008 Finanzkrise und kein Ende: Wie sich britische Banker gegen Lohnkürzungen wehren. Flucht nach Dubai. Die Londoner Regierung will die Bonuszahlungen für Banker begrenzen. Doch die verzichten nur ungern auf ihre dicken Gehälter. Andreas Oldag Geld Bericht GB Seite 26 Finanzkrise und kein Ende Finanzkrise und kein Ende: Wie sich britische Banker gegen Lohnkürzungen wehren. Flucht nach Dubai. Die Londoner Regierung will die Bonuszahlungen für Banker begrenzen. Doch die verzichten nur ungern auf ihre dicken Gehälter. Von Andreas Oldag. London – Großbritanniens Premierminister Gordon Brown hat mit seinem ehrgeizigen Plan zur Rettung der Banken europaweit für Aufsehen gesorgt. Das 500 Milliarden Pfund (630 Milliarden Euro) schwere Paket sieht eine Teilverstaatlichung von strauchelnden Geldhäusern vor. Doch die Forderung des Labour-Politikers, die exorbitant hohen Managergehälter zu kappen, stößt im Londoner Finanzviertel auf Widerstand. Offenbar hat der Premier ein voreiliges Versprechen gegeben, das er so nicht halten kann. Auch in der Bundesregierung gibt es Überlegungen, Gehälter von Bankmanagern künftig stärker zu kontrollieren. Der Chef der britischen Finanzaufsichtsbehörde Financial Services Authority (FSA), Hector Sants, hat jetzt in einem Brief an Bankenvertreter gefordert, dass Bonuszahlungen künftig mit einem lückenlosen Risikomanagement in Einklang stehen müssten. Nur: Bislang hat die FSA kein ausgearbeitetes Konzept. Man arbeite seit September an verschiedenen Ideen, heißt es. Es sei schwierig, die Banken zu bestimmten Höchstbeträgen bei Gehältern und Boni zu zwingen. Dabei stellt sich auch das Problem, dass hochqualifizierte Banker nach Asien abwandern, wo ohnehin höhere Prämien gezahlt werden. Als neue Goldgrube für Banker gelten auch die Finanzzentren in den Vereinigten Arabischen Emiraten, die wegen ihrer Öleinnahmen geradezu in Geld schwimmen. „Die Leute ziehen einfach nach Dubai, Shanghai oder Mumbai um, wenn es da mehr Geld gibt”, sagt ein Mitarbeiter einer britischen Großbank. Europas größter Finanzplatz London werde wertvolles Know-how verlieren, wenn es keine Anreize mehr gebe, warnen Experten. Für die Labour-Regierung aber ist die Eindämmung der „Bonus-Orgien” ein zentrales Element ihres Banken-Rettungsplans. Erstens ist es dem britischen Steuerzahler kaum verständlich zu machen, dass Banken weiterhin Prämien in Millionenhöhe an ihre Mitarbeiter auszahlen, wenn die Institute zugleich staatliche Hilfen beziehen. Zweitens geht es für Labour um die Eindämmung der Bonus-Kultur, die mittlerweile sogar als eines der treibenden Momente der Finanzkrise gilt. So verleiten hohe Bonuszahlungen Banker und Broker geradezu zu hochriskanten Spekulationsgeschäften. Nach Schätzung des Londoner Wirtschaftsforschungsinstituts Centre for Economics and Business Research (CEBR) wird sich die Summe der Bonuszahlungen im Londoner Finanzviertel in diesem Jahr auf etwa 3,6 Milliarden Pfund belaufen. Das sind 60 Prozent weniger als im vergangenen Jahr. Allerdings haben viele britische Großbanken im Laufe des Jahres sogar 90 Prozent ihres Börsenwertes eingebüßt. So erscheint die Summe von 3,6 Milliarden Pfund aus Sicht von Kritikern noch immer zu hoch. Gewöhnlich beläuft sich das Grundgehalt im mittleren Londoner Bankenmanagement „nur” auf etwa 100 000 Pfund pro Jahr. Dies stockt der Arbeitgeber aber erheblich auf durch die heißbegehrten Bonuszahlungen im Dezember eines jeden Jahres. Für 2007 erhielten etwa 4000 Bankbeschäftigte eine Prämie von jeweils mehr als eine Million Pfund. Kein Zufall, dass in dieser Jahreszeit bei Porsche- und Ferrari-Händlern Weihnachtsstimmung herrschte. Zu den wahren Großverdienern gehörten aber die Bankvorstände. So erhielt der für Barclays’ Investmentsparte zuständige Topmanager Bob Diamond eine Prämie von 21 Millionen Pfund einschließlich Aktienoptionen. Sein Grundgehalt war mit 250 000 Pfund pro Jahr relativ bescheiden. Das Risiko trug die Bank. Das Problem aus Sicht der Kritiker ist, dass sich Prämienzahlungen meistens an kurzfristigen Zielen orientieren, etwa am Umsatz im Wertpapierhandel. Verluste werden dagegen kaum negativ sanktioniert, wenn man von der möglichen Entlassung eines Bankers wegen Unfähigkeit absieht. Das wirtschaftliche Risiko trägt letztlich der Arbeitgeber. Dieses asymmetrische System extrem hoher Belohnungen bei zugleich geringem eigenen Einsatz führt zu einer Zockermentalität in den Wertpapierabteilungen. Die FSA arbeitet nun an einer Vergütungsreform, die die Auszahlung von Prämien an den längerfristigen Erfolg eines Managers koppelt. Dabei muss er seine „Performance” nicht nur über ein Jahr, sondern über zwei oder gar drei Jahre beweisen. Hierfür soll ein Kreditinstitut Rücklagen in der Bilanz bilden, die von der FSA überwacht werden. Die Reform muss auch in ein System zur besseren Überwachung von Risiken eingebettet werden. Dabei geht es ans Eingemachte: Die Banken müssen viel detaillierter ihre Geschäftsprinzipien offenlegen, die bisher als streng geheim galten. Hinzu kommt: Solange es keine international gültigen Kriterien für Bonuszahlungen gibt, könnte eine nationale Reform zum Papiertiger werden. Zumindest muss sich die EU auf verbindliche Standards einigen, heißt es in der Londoner City. Das Burj al Arab in Dubai ist das höchste Hotel der Welt: Der Wüstenstaat schwimmt in Geld – und lockt Banker aus London an. SZ 17.10.2008 Wortgefechte um Milliarden. Bayern will Rettungspaket des Bundes nicht blockieren. Katja Auer Geld Bericht GB Seite 26 kA Wortgefechte um Milliarden. Bayern will Rettungspaket des Bundes nicht blockieren. München – Finanzminister Erwin Huber hat die Belastungen für Bayern, die aus dem milliardenschweren Rettungspaket der Bundesregierung für die Finanzmärkte entstehen könnten, auf 1,16 Milliarden Euro beziffert. Das ergebe sich aus der 35-prozentigen Beteiligung der Länder an dem Paket von 470 Milliarden Euro. Wenn fünf Prozent der Risiken auch fällig würden, ergebe sich in etwa diese Summe – allerdings nicht vor 2010, Huber im Zwischenausschuss des Landtags. Das Gremium, das die Rechte des Parlaments bis zu dessen Neukonstituierung am nächsten Montag wahrnimmt, war wegen der weltweiten Finanzkrise zu einer Sitzung einberufen worden. Huber sagte zudem, dass sich die Finanzkrise auch auf die Steuereinnahmen auswirken könnte. Bayern will dem Rettungspaket des Bundes zwar zustimmen, allerdings müsse die Länderbeteiligung geringer als geplant ausfallen. Ministerpräsident Günther Beckstein eilte deshalb noch während der Ausschusssitzung zum Treffen der Ministerpräsidenten mit Kanzlerin Angela Merkel nach Berlin. Das hätte er sich nicht träumen lassen, erklärte Beckstein, dass er die wichtigste Entscheidung seiner Regierungszeit ausgerechnet in seinen letzten Tagen im Amt würde treffen müssen. 35 Prozent sollen die Bundesländer schultern, und zusätzlich für die Belastungen ihrer Landesbank gerade stehen, so sieht es das Paket des Bundes vor. Allerdings könne es nicht richtig sein, „dass die Lastenverteilung diktiert wird, ohne dass wir Mitwirkungsrechte haben”, sagte Beckstein. Dennoch werde Bayern den Beschluss „nicht blockieren”. Auch Huber kritisierte die Informationspolitik der Bundesregierung: „Wir wären gerne früher informiert worden.” Zudem müssten die Landesbanken von dem Hilfspaket profitieren. Andernfalls würden die Länder doppelt belastet. Die Bayerische Landesbank, die zur Hälfte dem Freistaat gehört, habe im ersten Halbjahr 2008 eine Wertminderung von 2,6 Milliarden Euro erfahren, sagte Huber. Die Gewinn- und Verlustrechnung werde mit 1,4 Milliarden Euro belastet. Die Opposition nutzte die Sondersitzung, um auf das angebliche Versagen der Staatsregierung bei der Landesbank hinzuweisen. „Der Wahlkampf ist vorbei, jetzt muss niemand mehr Angst haben, die Karten auf den Tisch zu legen”, sagte SPD-Fraktionschef Franz Maget und forderte mehr Transparenz über die Verluste und den Kapitalbedarf der Landesbank. Der Grünen-Abgeordnete Sepp Dürr sprach sich für eine Fusion der BayernLB mit der Landesbank Baden-Württemberg aus, „als Vorstufe eines Sparkassenzentralinstituts”. Alle drei Parteien wollen trotz der Finanzkrise die Investitionen in Bayern aber nicht zurückfahren. „Wir haben den Ehrgeiz, auch künftig die höchste Investitionsquote der Länder zu haben”, sagte Huber. Katja Auer. SZ 17.10.2008 Landesbischof Friedrich kritisiert Gier nach Geld. kA ddp Bayern Meldung BRD Seite 47 kA Landesbischof Friedrich kritisiert Gier nach Geld. München – Der evangelische Landesbischof Johannes Friedrich hat angesichts der Finanzkrise die „Gier nach immer mehr Geld” in der Bevölkerung kritisiert. „Wir dürfen nicht nur mit dem Finger auf die Manager zeigen, sondern müssen uns auch an die eigene Nase fassen, wenn wir unseren Spargroschen in Anlagen investiert haben, die wesentlich mehr Rendite versprechen, als mit eigener Hände Arbeit zu verdienen ist.” Friedrich betonte, ihn erinnere die Finanzkrise an eine Mahnung Martin Luthers: „Ein Kaufmann solle ein ehrlicher Kaufmann sein. Als Kaufmann ist er in die Nachfolge Christi gerufen. Das soll er dadurch bezeugen, dass er seine Kunden nicht übervorteilt, sondern reell ist.” Der Landesbischof fügte dem Luther-Zitat hinzu: „Ich denke, auch Finanzberater sind Kaufleute in diesem Sinne!” ddp. SZ 17.10.2008 Finanzkrise und kein Ende: Die Wirtschaft befindet sich im Abschwung – nicht zum ersten Mal. Deutschland, deine Rezessionen. Vom Ende des Wirtschaftswunders bis zur Internetblase: Bereits fünfmal geriet die Bundesrepublik in die Krise. Stefan Schweiger Geld Bericht BRD Seite 27 kA Finanzkrise und kein Ende: Die Wirtschaft befindet sich im Abschwung – nicht zum ersten Mal. Deutschland, deine Rezessionen. Vom Ende des Wirtschaftswunders bis zur Internetblase: Bereits fünfmal geriet die Bundesrepublik in die Krise. Von Stefan Schweiger. München – Das Wirtschaftswachstum in Deutschland wird 2009 nur noch 0,2 Prozent betragen, prognostizierte die Bundesregierung am Donnerstag. Immer häufiger taucht das R-Wort auf. Deutschland befindet sich am Rande oder womöglich sogar schon in einer Rezession. So schrecklich das Wort klingt – neu ist dieses Szenario nicht. In der Nachkriegsgeschichte hat die Bundesrepublik bereits fünf Rezessionen überstanden. „Aus der Geschichte kann man lernen, dass Rezessionen Anpassungsreaktionen im Konjunkturzyklus sind, die einen gestörten Markt wieder in Ordnung bringen”, sagt Werner Abelshauser, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Bielefeld. „Gefährlich wird die Situation erst dann, wenn die Rezession in eine Depression umschlägt, aus der die Wirtschaft längere Zeit nicht mehr herausfindet. Und diese Gefahr besteht derzeit.” Gemeint ist eine „Liquiditätsfalle”, also eine Situation, in der Konsumenten und vor allem Investoren ihr Geld sparen, anstatt es auszugeben, da sich Investitionen nicht zu lohnen scheinen. Wenn sie sich dann noch gegenseitig mit ihrer Unsicherheit anstecken, können die Folgen fatal sein, bis hin zur Massenarbeitslosigkeit, wie es sie in Deutschland Anfang der 30er Jahre gab. Die Rezessionen im Nachkriegsdeutschland verliefen im Vergleich dazu noch glimpflich. Ende des Wirtschaftswunders. Die Jahre des deutschen Wirtschaftswunders waren Jahre der ungebrochenen Hochkonjunktur, bis hin zu jährlichen Wachstumsraten von 12 Prozent. 1966 endete das deutsche Wirtschaftswunder, erstmals seit 1949 brach das Wachstum ein. „Insgesamt war das aber nur eine Mini-Rezession, die nur deshalb so stark wahrgenommen wurde, weil man in der Nachkriegsgeschichte bis dahin kein negatives Wachstum kannte”, sagt Wirtschaftshistoriker Abelshauser. „Der damalige Wirtschaftsminister Karl Schiller versuchte, mit seiner Politik die Zyklen der Konjunktur zu eliminieren und so weitere Rezessionen zu vermeiden. Die Geschichte hat aber gezeigt, dass das nicht klappt.” Die erste Rezession der Bundesrepublik führte zur Verabschiedung des Stabilitäts- und Wachstumsgesetzes, das ein gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht als Staatsziel definiert. Spätestens 1967 war die Phase des Wiederaufbaus abgeschlossen; von da an verlangsamte sich das Wachstum der Wirtschaft. Erste Ölkrise. Anfang der 70er Jahre erlebte die deutsche Wirtschaft einen Aufschwung, in dem sie zeitweise sogar Vollbeschäftigung erreichte. Diese Phase nahm aber mit dem Ölpreisschock ein jähes Ende: Die erdölproduzierenden Länder hatten sich 1960 zur Opec zusammengeschlossen, damit wurde Erdöl zur politischen Waffe: Aus Protest gegen die israel-freundliche Haltung der USA im Jom-Kippur-Krieg verhängten die arabischen Staaten 1973 ein Lieferembargo. Indem sie die Mengen des gelieferten Öls auch für Deutschland drosselten, vervierfachte sich der Ölpreis binnen fünf Monaten. Zu dieser Zeit förderten die Opec-Länder mehr als die Hälfte des weltweiten Erdölbedarfs. Vor allem die Automobilindustrie litt: 1974 brach ihr Umsatz aus dem Vorjahr um ein Viertel ein. Die deutschen Exporte gingen deutlich zurück. Die Industrie drosselte die Produktion wegen der knappen Energievorräte, immer mehr Menschen wurden nur noch in Kurzarbeit beschäftigt. Erstmals erreichte die Arbeitslosigkeit die Millionengrenze. „Die erste Ölkrise war die schwerwiegendste weltwirtschaftliche Krise in der Nachkriegsgeschichte”, sagt Abelshauser. „Nach 1973 ist es der deutschen Wirtschaftspolitik aber mit hohem Aufwand gelungen, die negativen Auswirkungen dieser kleinen Weltwirtschaftskrise von Deutschland fernzuhalten.” Mit Maßnahmen wie Sonntags-Fahrverboten, Tempolimits oder Einführung der Sommerzeit versuchte man, die Abhängigkeit vom Öl zu mindern. Zweite Ölkrise. Nachdem die Ölpreise zunächst wieder zurückgegangen waren, führten die Revolution im Iran und der erste Iran-Irak-Krieg 1980 erneut zu Versorgungsengpässen. Förderungsausfälle und die zunehmende Verunsicherung in den Industrieländern ließen die Preise kräftig steigen. „Dieser weltweiten Rezession konnte sich Deutschland nicht mehr entziehen”, sagt Abelshauser. „Erstmals machte die Bundesrepublik die Erfahrung einer negativen Leistungsbilanz. Immerhin konnte man aber auf hohe angehäufte Devisenreserven zurückgreifen, um die Ölrechnung zu bezahlen.” Die westlichen Länder reagierten mit hohen Investitionen in den Aufbau alternativer Energiequellen wie Kohle, Erdgas und vor allem Atomkraft, um sich vom Erdöl unabhängiger zu machen. Der weltweite Verbrauch sank binnen fünf Jahren um 11 Prozent. Ende des Wiedervereinigungsbooms Danach ging es mit der Wirtschaft aufwärts. Doch Anfang der 90er Jahre geriet das europäische Ausland wieder in den Abschwung. In Deutschland dagegen kam es zum Wiedervereinigungsboom: Die Menschen in der ehemaligen DDR schafften sich Möbel und Autos an, die Firmen investierten. „Durch den Wiedervereinigungsboom konnte Deutschland zunächst den globalen Wirtschaftabschwung kompensieren”, sagt Abelshauser. Als der Boom aber vorüber war, schlug die Krise der Weltwirtschaft auch auf Deutschland voll durch. In der Euphorie nach der Wiedervereinigung hatten die Firmen Überkapazitäten angehäuft. Hinzu kamen Lohnerhöhungen, die deutlich über dem Produktivitätszuwachs lagen. 1993 brach die Konjunktur schließlich ein. Die Arbeitslosigkeit stieg auf die bislang unbekannte Höhe von drei Millionen. Platzen der Internetblase. Neue Technologien wie das Internet oder der Mobilfunk verbreiteten sich ab Mitte der 90er Jahre weltweit in rasender Geschwindigkeit. Es kam zu massenhaften Unternehmensgründungen im IT- und Kommunikationsbereich. Viele dieser vermeintlich zukunftsträchtigen Firmen wagten den Schritt an die Börse und wurden in neuen Indizes wie dem Neuen Markt oder dem Nasdaq gelistet. Ende der 90er Jahre erreichte der Hype um Technologie-Aktien auch die breite Bevölkerung, zum Beispiel bei den Börsengängen von Infineon oder EM.TV. Dabei entstand eine riesige Blase. Viele der hoch bewerteten Unternehmen konnten die Erwartungen nicht erfüllen, oft war ihr Börsenwert bei weitem nicht durch materielle Gegenwerte gedeckt. Nach ersten Insolvenzen zogen sich ab 2000 Spekulanten aus dem Markt zurück, und unerfahrene Anleger verfielen in Panik. Die Internetblase platzte. „Im Endeffekt war diese Rezession lediglich eine Korrektur überschießender Gewinnerwartungen an den Börsen”, sagt Abelshauser. „Die reale Wirtschaftsentwicklung hielt nicht das, was sie versprach.” Der IT-Markt, der im Jahr zuvor noch Fachkräfte aus Indien per Green Card angeworben hatte, musste sich erstmals mit wachsender Arbeitslosigkeit auseinandersetzen. Aus den historischen Erfahrungen könne man lernen, dass der Versuch, den Konjunkturzyklus mit Hilfe staatlicher Ausgabenprogramme zu glätten, in der Vergangenheit nicht erfolgreich war, meint Abelshauser. Sein Fazit ist skeptisch: „In den Auswirkungen, die nun der Weltwirtschaft drohen, ist das nur mit der Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren zu vergleichen.” SZ 17.10.2008 Finanzkrise und kein Ende: Während die Regierung die Banken retten will, bangen die Menschen um ihre Ersparnisse. „Die Angst ums Geld ist wie die Angst vorm Verhungern”. Der Psychiater Borwin Bandelow über tief verwurzeltes Verhalten in Zeiten der Krise und die Panikattacken an den Börsen. Caspar Dohmen Geld Interview BRD Seite 25 Finanzkrise und kein Ende Finanzkrise und kein Ende: Während die Regierung die Banken retten will, bangen die Menschen um ihre Ersparnisse. „Die Angst ums Geld ist wie die Angst vorm Verhungern”. Der Psychiater Borwin Bandelow über tief verwurzeltes Verhalten in Zeiten der Krise und die Panikattacken an den Börsen. Bei Geldanlagen kennt sich Borwin Bandelow nicht gut aus, dafür aber mit allen Arten von Ängsten. Der 56-jährige Professor ist leitender Oberarzt der Klinik für Psychiatrie an der Universität Göttingen, Herausgeber der wissenschaftlichen Zeitschrift German Journal of Psychiatry und Präsident der Gesellschaft für Angstforschung. Wer mit Bandelow spricht, der versteht, welchen Einfluss archaische Verhaltensweisen wie die Angst vor dem Verhungern bei der Finanzkrise spielen. SZ: Herr Bandelow, sind Ängste eigentlich angeboren? Bandelow: Ja, alle einfachen Phobien sind angeboren. Menschen haben Höhen-, Schlangen- oder Spinnenphobien, weil das früher ihr Überleben gesichert hat. Damals gab es schließlich Spinnen, an deren Biss man starb. Unsere Vorfahren waren diejenigen, die Angst vor solchen gefährlichen Tieren hatten. Wer die Gefahr ignorierte, ist ausgestorben. Überlebt haben die Ängstlichen. SZ: Was ist Panik? Bandelow: Ich behandele beispielsweise Menschen, die Panikattacken in der Fußgängerzone oder im Kaufhaus haben. Diese Angst hat überhaupt nichts mit der Panik an der Börse zu tun. Was man da meint, ist ein anderer Begriff von Panik, bei dem mehrere Menschen parallel handeln. So wie in einer Schule in den USA. Dort hatte eine Lehrerin eine Panikattacke. Sie dachte, Gas wäre in der Schule ausgeströmt, und steckte mit ihrer Angst alle Kinder und Lehrer an – so, dass alle im Krankenhaus gegen Symptome eines ausströmenden Gases behandelt werden mussten. Dabei war nichts passiert. SZ: Und was bedeutet dies für die Finanzwelt? Bandelow: Da werden Banker, die sonst völlig rational ihre Kurse rauf- und runterschieben, plötzlich von Emotionen befallen. Man kann diese Verhaltensänderung auf den banalen Gedanken zurückführen, dass sie plötzlich Angst vor dem Verhungern haben. Wann immer ein Tier vor dem Verhungern ist, läuft nichts mehr über das Vernunftsystem. Diese Urangst des Verhungerns steckt auch bei den Menschen hinter der Verlustangst um das Geld. SZ: Braucht man eine bestimmte Menge Geld, um sich sicher zu fühlen? Bandelow: Da gibt es große Unterschiede zwischen den Menschen. Dies kann man anhand von zwei Krankheitsbildern zeigen, die in der Psychiatrie mit Geld zu tun haben: der Verarmungswahn und der Kaufrausch. Es gibt eine wahnhafte Form der Depression, bei der die Vernunft vollständig außer Kraft gesetzt ist. Die Leute haben einen kompletten Verarmungswahn. Sie sind beseelt davon, dass ihnen nichts mehr gehört und morgen der Gerichtsvollzieher kommt. Sie sind durch keine Fakten vom Gegenteil zu überzeugen. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die eine Manie haben. Sie rasen los und kaufen ein. Bei Frauen sind es häufig Klamotten, bei Männern teure Autos. Dadurch können sie ihre Familien in den Ruin stürzen. Nach ein paar Wochen ist es vorbei. Was ich damit sagen will: Beim Menschen gibt es einen primitiven Mechanismus dafür, Geld zu horten oder auszugeben. SZ: Wovon hängt denn die jeweilige Ausprägung ab? Bandelow: Vom Gemütszustand eines Menschen. Grundsätzlich müssen besonders Menschen in nördlichen Gegenden vorausschauend denken. Hier gibt es schon seit Jahrtausenden lange Phasen im Jahreszyklus, in denen überhaupt nichts wächst. Wer da nicht vorausschauend Nahrungsmittel und Brennholz angesammelt hat, der verhungert. Deswegen sind die Menschen in den nördlichen Ländern meiner Meinung nach ängstlicher – auch beim Thema Geld. SZ: Und im Süden? Bandelow: Man hat den Eindruck, dass die Menschen, die am Äquator leben, viel glücklicher und zufriedener sind, obwohl sie nicht viel haben. Jeder wird ja auch unterschreiben, dass Glück und Geld eine Nullkorrelation haben. Sicher beruhigt Geld, aber glücklich macht es nicht. Wenn Menschen in Indonesien eine Hochzeit feiern, geben sie dafür mehr aus, als sie in einem ganzen Jahr verdient haben. Das ist für die meisten Menschen in unseren Breitengraden undenkbar. SZ: Wie wirkt sich der Verlust von Geld auf die Psyche des gesunden Menschen aus? Bandelow: Lange leiden nur diejenigen Menschen, die existentiell betroffen sind, weil sie etwa ihren Arbeitsplatz oder ihr Haus verloren haben. Für alle anderen klingen Geldverluste anfangs schrecklich. Doch nach wenigen Wochen haben sie sich daran gewöhnt. Genauso wie man sich umgekehrt an dem Kauf eines Lamborghini nur einige Wochen erfreut. Andere empfinden Verlustphasen sogar als Ansporn. Auf dem Weg nach oben können Menschen tatsächlich mehr Glück empfinden als in Stagnationsphasen auf hohem Level. Dies hängt mit der Art unseres Belohnungssystems zusammen; unser Wohlempfinden hängt eben nicht mit der Menge des Geldes, sondern dem Überraschungseffekt zusammen. SZ: Wann springt das Belohnungssystem an? Bandelow: Dieses Belohnungssystem könnte man mit einem Orgasmus beschreiben. Wenn sich jemand glücklich fühlt, liegt dies an einzelnen Hormonen, die durch den Kopf schießen. Es gibt dieses endogene Opiatsystem, die Endorphine – die Wohlfühlhormone, die werden bei verschiedenen Tätigkeiten ausgeschüttet, beim Sex, beim Essen, aber auch wenn wir gefährliche Spielchen betreiben und die Bestrafung ausbleibt. Wenn ich schnell mit dem Auto fahre und ich fahre nicht gegen den Pfeiler, dann habe ich eine Ausschüttung im Belohnungssystem. SZ: Und wenn ich eine riskante Wette am Finanzmarkt abschließe? Bandelow: Ganz genauso. Wer an der Börse zockt, der kompensiert damit häufig eine frühere Sucht, beispielsweise eine frühere Alkoholsucht. Lotto an der Börse spielen Menschen, die ihr Endorphinsystem maximal anstacheln wollen. SZ: Haben diese Menschen eine ähnliche psychische Struktur wie ein Spieler im Spielcasino? Bandelow: Ja genau. Nehmen wir mal an, Sie sitzen als Spieler vor einem Geldspielautomaten. Ihr Gehirn schüttet nur so lange Wohlfühlstoffe aus, wie der Automat läuft. Also lassen die Leute mehrere Automaten laufen, damit sie das Glücksgefühl länger aufrechterhalten können. Dabei sagt die Vernunft: Von den hundert Euro Einsatz behält der Automat auf die Dauer gesehen durchschnittlich sechzig Euro. Trotzdem spielen die Menschen weiter. Wenn das Spiel vorbei ist, haben sie kein Glücksgefühl mehr, egal, ob sie gewonnen oder verloren haben. SZ: Wer wird Banker? Bandelow: Banker sind nicht typischerweise Zocker, sondern eher zwanghafte Menschen, also Leute, die penibel mit Geld umgehen. Sie vermehren Geld auch über die Grenze hinaus, wo sie es nicht mehr brauchen. Es geht ja sowieso in diesen Tagen häufig um Geld, welches die Menschen zum Überleben nicht brauchen. SZ: Sie sprechen von angeborenen Verhaltensweisen. Nun haben die Menschen gerade in Deutschland extreme soziale Erfahrungen mit Geldverlusten gemacht – während der Weltwirtschaftskrise oder nach dem Zweiten Weltkrieg. Die können nicht genetisch verankert sein. Bandelow: Dafür ist das Vernunftgehirn da, es ist als einziger Gehirnmechanismus auch fähig zu einer dialektischen Abwägung. Es sagt: Damals war eine Krise, meine Großeltern haben ihr Geld verloren, nach dem Krieg standen wir alle mit 40 Mark da. Diese Sachen sind abgespeichert im Gehirn. Aber gleichzeitig sagt das Vernunftgehirn auch: Heute sind die Mechanismen viel besser, eine solche Krise ist unwahrscheinlich. Zu dieser dialektischen Abwägung ist weder das Angst- noch das Belohnungssystem fähig. In der Regel müssen diese drei Systeme in der Waage sein. SZ: Im Moment sind sie bei vielen Menschen aus der Balance? Bandelow: Ja, bei vielen Menschen hat sich das Angstsystem dem Vernunftsystem entgegengestellt. Das Angstsystem sagt: Es wird alles zusammenbrechen. SZ: Wie kann man solche kollektiven Ängste einholen? Bandelow: Wenn das emotionale Gehirn durchbricht, kann man mit vernünftigen Ratschlägen wenig machen. Ich glaube, die Politiker handeln richtig: Frau Merkel sagte, alles ist sicher – dies spricht die emotionale Seite des Gehirns an. Finanzminister Peer Steinbrück sagt dagegen: Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos. Er spricht das Vernunftgehirn an. SZ: Also eine schwierige Gratwanderung zwischen Beruhigung und Glaubwürdigkeit? Bandelow: Die meisten Menschen wollen hören, alles ist prima. Einem emotionsgeladenen Vorgang kann man eben nur mit einem emotionsgeladenen Vorgang entgegentreten. Deswegen sind im Moment charismatische Staatsführer gefragt. SZ: Sehen Sie Parallelen beim Verhalten der Menschen während der Finanzkrise zu anderen Situationen? Bandelow: Mich erinnert es an die Vogelgrippengeschichte. Da gab es Ängste, vor riesigen Scharen von Vögeln, die ihre Exkremente herunterschleudern oder Menschen angreifen. Panisch dachten viele, dass Millionen sterben könnten. Die Minister haben dann Tamiflu angeschafft, obwohl es Mutanten des Virus gibt, bei denen es nicht wirkt. Es gab eine völlige Panik, bis hinein in Regierungen. Nach vier Wochen war das komplett vorbei. So war es auch am 11. September 2001 oder bei den neuen Viren Sars und Ebola. Nach vier Wochen beruhigen sich die Menschen – man kann ja nicht ewig Angst haben. SZ: Haben Sie Geld umgeschichtet? Bandelow: Nein, ich habe gar nichts gemacht. SZ: Wie geht man als Angstforscher mit seiner Angst um? Bandelow: Angstforscher haben ja nicht weniger Angst – im Gegenteil, man forscht ja oft über das, was einen besonders beschäftigt. Interview: Caspar Dohmen Reden wir über Geld mit dem Angstforscher Borwin Bandelow „Wer an der Börse zockt, der kompensiert damit häufig eine frühere Sucht, beispielsweise eine Alkoholsucht.” „Nach vier Wochen beruhigen sich die Menschen wieder – man kann ja nicht ewig Angst haben.” Der Psychiater Borwin Bandelow beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit den Ängsten der Menschen – etwa mit der Angst vor Spinnen, vor Epidemien oder Naturkatastrophen. Er sagt: In Krisenzeiten sehnen sich die Menschen nach charismatischen Staatsführern. Während Bundeskanzlerin Angela Merkel derzeit die emotionale Seite anspreche, wende sich Bundesfinanzminister Peer Steinbrück an die Vernunft der Menschen. SZ 17.10.2008 Vater eines zweiten Bretton Woods. In Wirtschaftsfragen hört Frankreichs Präsident Sarkozy auf François Pérol – deshalb könnte es eine neue Weltfinanzordnung geben. Michael Kläsgen Wirtschaft Bericht Frankreich Seite 20 kA Vater eines zweiten Bretton Woods. In Wirtschaftsfragen hört Frankreichs Präsident Sarkozy auf François Pérol – deshalb könnte es eine neue Weltfinanzordnung geben. Offiziell nennt sich sein Job „Stellvertretender Generalsekretär” im Élysée. Das klingt nach Ärmelschoner, Akten wälzen und wegducken. Doch wer darauf hereinfällt, verkennt die Feinheiten des französischen Machtapparats. François Pérol, 45, ist so etwas wie der heimliche Wirtschafts- und Finanzminister, derjenige, bei dem alle heißen Drähte zusammenlaufen. Er zieht Fäden beim deutsch-französischen Luft- und Raumfahrtkonzern EADS und beim Kraftwerksbauer Areva. Er hat die Fusion von GDF und Suez vorbereitet. Das alles ist harte Arbeit: Sitzt man Pérol gegenüber, gähnt er und reibt sich die Müdigkeit aus den Augen. Er ist 45, sieht aber wesentlich älter aus. Jetzt managt er die Finanzkrise auf französischer und das heißt im Moment, wegen der EU-Ratspräsidentschaft Frankreichs, auch auf europäischer Seite. Ob er den Begriff „Bretton Woods II” erfunden hat, jene Chiffre für eine neue Weltfinanzordnung, ist nicht verbürgt. Aber es ist in seinem Umfeld geschehen, womöglich auf einem der Treffen mit den anderen wichtigen Beratern des Präsidenten, Claude Guéant und Henri Guaino. Zum Job von Beratern wie ihnen gehört es an erster Stelle, ihren Einfluss zu verbergen, was bislang nur Pérol einigermaßen gelang. Er mag den Schatten und bevorzugt es, in ebenjenem zu arbeiten. Umso verwunderlicher ist es deswegen zu sehen, wie Pérol, wohl unabsichtlich, am Mittwochabend kurz die Nase ins Licht streckte. Er trat zwar vor keine Kamera und gab auch keine Pressekonferenz. Pérol sprach nur vor Parteimitgliedern seines Hausherrn Nicolas Sarkozy, und zwar über die „Erneuerung des Kapitalismus”, also über die Notwendigkeit eines „neuen Bretton Woods”. Dass seine Ausführungen von der Partei ins Internet gestellt wurden, war nicht im Interesse von Pérol. Schnell verschwanden sie dort wieder. Seine Rede, besser: sein Plädoyer für eine neue Weltfinanzordnung, ist dennoch überliefert. Pérol will die G-8-Staaten mit China, Indien, Brasilien und Afrika zusammenbringen, damit sie gemeinsam neue Regeln für die Weltwirtschaft ausarbeiten, so wie es 1944 im amerikanischen Bretton Woods die westlichen Siegermächte taten. Pérol schlägt vor, Hedgefonds, Ratingagenturen und Großbanken zu kontrollieren. Zweitens spricht er sich für eine „Weltwirtschaftsregierung” aus, die über die G 8 hinausgeht. Drittens schließlich fordert er, wie es nach dem Zweiten Weltkrieg der Fall war, eine Kooperation der großen Staaten in der Geldpolitik. Wahrscheinlich meint er Bandbreiten, in denen die Wechselkurse schwanken dürfen. Explizit will er China in das System mit einbeziehen. Die USA, Europa und China sollten fortan keine unterschiedliche Geldpolitik mehr betreiben. Am Wochenende wird Sarkozy diese Punkte dem US-Präsidenten George W. Bush vortragen. Wenn man weiß, was Pérol will, weiß man auch, was Sarkozy vorhat. Der Präsident verlässt sich auf Pérol. Der hat ihn schon beraten, als er Wirtschaftsminister war, und weiß vor allem in Geldangelegenheiten Bescheid. Er war Partner der Rothschild-Bank, bevor ihn Sarkozy in den Élysée holte. Sollte Pérol sich dort an einem der heißen Eisen die Finger verbrennen, kann er zu den Rothschilds zurückkehren. Michael Kläsgen François Pérol gilt als heimlicher Wirtschafts- und Finanzminister. SZ 17.10.2008 Große Opfer, kleine Geschenke. kA SZ Wirtschaft Meldung BRD Seite 20 kA Große Opfer, kleine Geschenke. Die Finanzkrise sorgt für ungewöhnliche Gedanken in der deutschen Wirtschaftswelt. Er könne sich durchaus vorstellen, „dass sich Führungskräfte aus Banken und Finanzinstitutionen mit einem persönlichen Beitrag an der Sanierung beteiligen”, sagte der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Jürgen Thumann, dem Tagesspiegel. „Wenn es einem Unternehmen schlecht geht, müssen alle ihren Beitrag leisten. Dann muss auch der Vorstand zurückstecken.” Die von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) angestrebte Obergrenze von 500 000 Euro pro Jahr sei die richtige Größenordnung. Der Vorstandschef der WestLB, Heinz Hilgert, zeigte zeitgleich als einer der ersten amtierenden Bankchefs in Deutschland Reue in Sachen Finanzkrise. „Wir Banker haben die Krise teilweise selbstverschuldet. Jetzt dürfen wir nicht am Status quo kleben, sondern müssen akzeptieren, dass die Politik Gehaltsverzicht durchsetzt und die Nachhaltigkeit der Geschäftsmodelle prüft”, sagte Hilgert der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Derweil befand der Direktor des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Instituts (HWWI), Thomas Straubhaar, es sei an der Zeit für Geldgeschenke. „Jeder Steuerzahler sollte noch in diesem Jahr einen Barscheck von der Regierung erhalten”, zitiert ihn das Hamburger Abendblatt. So könnten beispielsweise je 100 Euro im November und 100 Euro im Dezember ausgezahlt werden. „Jeder sollte den gleichen Betrag erhalten. Dann hätte man nicht nur für die Bürger, sondern auch für die Konjunktur Gutes getan”, meint Straubhaar. SZ. SZ 17.10.2008 Mit der Harmonie ist es vorbei. Frankreichs Präsident fordert eine EU-Wirtschaftsregierung. Michael Kläsgen Wirtschaft Bericht Frankreich; EU Seite 21 kA Mit der Harmonie ist es vorbei. Frankreichs Präsident fordert eine EU-Wirtschaftsregierung. Von Michael Kläsgen. Paris – Es ist eines der französischen Lieblingsthemen, seit fast 20 Jahren, und es verspricht wieder Ärger zwischen Deutschland und Frankreich zu verursachen. Dabei haben sich beide Länder erst am Wochenende am Grab von Charles de Gaulle zusammengerauft. Doch nun hat die Finanzkrise in Frankreich die Forderung nach einer europäischen Wirtschaftsregierung wieder an die Oberfläche gespült. Deren Gründung verlangt Frankreich seit 1991. Seit vergangenem Sonntag tut es das Land wieder ganz heftig, am Donnerstag auf dem EU-Gipfel erstmal sogar wieder explizit: „Das Entstehen einer Wirtschaftsregierung Europas, auf die wir so lange gewartet haben und die am Sonntag auf dem Euroländer-Gipfel begonnen hat, darf nicht gleich wieder enden”, sagte Sarkozy. Bis Ende des Jahres wolle er „Initiativen” ergreifen. Ideen habe er schon, aber es sei nun nicht der Augenblick, sie „auf den Tisch zu legen”. Sarkozy befürchtet, die Deutschen könnten das Vorhaben wieder „im Keim ersticken”, wie sie es vor zwei Wochen mit dem EU-weiten Rettungspaket für die Banken getan hätten, an dem Frankreich bastelte, das Sarkozy aber nie wirklich vorgeschlagen haben will. Von der Idee einer EU-Wirtschaftsregierung will er sich nicht so leicht abbringen lassen. „Brauchen wir die gleiche Koordination für die Wirtschaftspolitik wie für die Finanzkrise?”, fragte er in Brüssel rhetorisch. „Aus französischer Sicht heißt die Antwort: ja, ja, ja. Herrscht darüber im Moment Einigkeit? Nein, nein, nein.” Weil Sarkozy weiß, dass eine Wirtschaftsregierung aber die Einstimmigkeit aller EU-Länder voraussetzt, wird er sich etwas einfallen lassen müssen. Über viel mehr als die Harmonisierung vereinfachter Bilanzierungsregeln und anderer technischer Regeln dürfte die Gemeinsamkeit der 27 nicht hinausgehen. Die Finanzkrise kommt ihm da zupass. Er will sie nutzen, um die deutsche Blockade zu durchbrechen. „Diese weltweite Krise”, sagte er, „hat uns die Notwendigkeit vor Augen geführt, uns abzusprechen, uns zu verstehen und Kompromisse einzugehen.” Vorbildlich für Europa sei es gewesen, wie am Montag in einer konzertierten Aktion mehrere Regierungen die gleichen Beschlüsse, angepasst auf ihr Land, bekanntgaben. Das „Jeder für sich” sei damit beendet. Fortan müsse sich Europa weithin so koordinieren. Und was sei das dann anderes als eine Regierung in Wirtschaftsfragen? So sieht es auch Jean-Claude Juncker, Luxemburgs Premierminister und Sprecher der Euroländer, auch wenn er sich etwas verquer ausdrückt: „Ich sehe zwar nicht die Entstehung einer europäischen Wirtschaftsregierung im französischen Sinne, aber ich erkenne auch keinen Unterschied zwischen dem, was sie (die Franzosen, Anm. d. Red.) wünschen, und dem, was wir derzeit machen”, sagte er. Interessant auch die Reaktion von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet: Er zeigte sich am Sonntag voll des Lobes für dessen Krisenmanagement. Die Unabhängigkeit der EZB sieht er nicht in Gefahr. Die französische Presse ist deshalb vom kategorischen „Nein” der Deutschen zunehmend genervt. Es klingt dort fast wie das „Njet” der Russen im Kalten Krieg. Seit fast 20 Jahren würden die Deutschen blocken. Und das nur wegen ihrer „Obsession”, die Inflation und nichts als die Inflation zu bekämpfen. Eine „Obsession”, die aus den Zeiten der Hyperinflation in den 30er Jahren rühre. Die EZB habe sich dieser „German Angst” beugen müssen. Doch nun habe Sarkozy endlich einen Ausweg gefunden: Der EU-Ratsvorsitzende müsse die Eurogruppe und den EZB-Präsidenten auf seine Seite ziehen, dann würden auch die Deutschen nachgeben. Am Ende würden sie dann auch irgendwann eine europäische Wirtschaftsregierung schlucken. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy beim Gipfel in Brüssel: Europa begreift die Krise als Chance. SZ 17.10.2008 Finanzkrise ohne Ende: Sorge vor weiteren Staatsbankrotten und ein Vorschlag aus Paris Die Ängste der Ungarn. Während die Europäische Zentralbank hilft, vergeben die Ratingagenturen schlechte Noten. Sie verunsichern das Land. Kathrin Lauer Wirtschaft Bericht Ungarn Seite 21 kA Finanzkrise ohne Ende: Sorge vor weiteren Staatsbankrotten und ein Vorschlag aus Paris Die Ängste der Ungarn. Während die Europäische Zentralbank hilft, vergeben die Ratingagenturen schlechte Noten. Sie verunsichern das Land. Von Kathrin Lauer. Budapest – In Krisenzeiten bringen Hilfsangebote nicht unbedingt Trost, sondern sie können weitere Ängste schüren. Dass die Lage nun wirklich ernst ist, lässt sich in Ungarn daran ablesen, dass die Europäische Zentralbank (EZB) dem Donauland am Donnerstag einen Kredit von fünf Milliarden Euro zugesichert hat, zur Unterstützung des einheimischen Devisenmarkts. Am selben Tag verkündete die Ratingagentur Standard & Poor’s, dass man nun überlege, den Befund für Ungarns Kreditwürdigkeit von BBB+ auf Minus zu senken, weil der Druck auf den Finanzsektor gewachsen und ein weiterer Anstieg der Staatsverschuldung zu befürchten sei. Das verstörendste Signal aber hatte am Tag davor die Financial Times gesetzt mit der Behauptung, Ungarn sei das nächste Island. Mit dieser Einschätzung zitierte das Blatt ohne Namensangabe einen Experten aus Budapest. „Wer hat das gesagt, wann hat er es gesagt, wie hat er es gesagt?” fragte empört der Journalist Jozsef Orosz in seiner allabendlichen politischen Talksendung im links-liberalen Budapester Sender „Klubradio”. Woher kommt die plötzliche Panikstimmung? Nicht nur die ungarische Oppositionspresse, sondern auch Analysten aus London sagen, dass Ungarn eine Woche zuvor mit seiner Bitte um Hilfe an den Internationalen Währungsfonds (IWF) unnötig die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt habe. Ferenc Gyurcsany, Ungarns innenpolitisch angeschlagener sozialistischer Ministerpräsident, hatte diesen Schritt als Beruhigungspille vorgesehen. Dass der IWF hilft, sollte beweisen, „dass Ungarn im Kampf gegen die Krise nicht allein ist.” Und natürlich habe man nur Hilfe verlangt, „um sie niemals in Anspruch nehmen zu müssen.” Hohe Schulden des Staates. Dabei war Ungarn bis zum Ausbruch der Krise auf gutem Weg. Europas größter Defizitsünder von 2006, mit einem Fehlbetrag von 9,2 Prozent des BIP, konnte diesen bis 2007 auf 5,5 Prozent drücken. Es gelang der Regierung durch ein drastisches Sparprogramm gegen heftigen innenpolitischen Widerstand. Das 2008 voraussichtlich noch bei 2,2 Prozent stagnierende Wirtschaftswachstum sollte 2009 auf drei Prozent steigen. Dies waren die Prognosen vor der Krise. Ungarn ist weit weg vom Inselstaat am Polarkreis. Tatsache ist indes, dass das Donauland wegen seiner hohen Staatsverschuldung und der besonderen Wirtschaftsstruktur bei globalen Krisen anfälliger ist als andere Länder. Die Staatsschulden entsprechen derzeit 67 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Mehr als 90 Prozent dieser Schulden in Höhe von 15 855 Milliarden Forint (63 Milliarden Euro) sollen durch Devisen-Staatspapiere, Forint-Obligatio-nen und Schatzbriefe gedeckt werden. Doch angesichts der Krise ist dieser Markt praktisch zum Stillstand gekommen. Akut könnte die Bevölkerung ein drastischer Rückgang der beliebten Wohnbaukredite treffen. 90 Prozent der im Land erteilten Kreditsumme wird in Devisen geführt, zumeist in Schweizer Franken. Die ungarische MKB und die österreichische Volksbank haben jetzt die Kreditvergabe in Franken gestoppt. Das strukturelle Problem Ungarns besteht darin, dass das Land existenziell von Exporten und von ausländischen Investoren abhängt, zugleich aber für Unternehmen weniger günstige finanzielle Bedingungen bietet als die Nachbarländer in der Region, die mit der niedrigen Flat Tax locken. Ungarn hat als Investitionsstandort an Attraktivität verloren. Die beste Nachricht dieser krisenhaften Tage war, dass Daimler „mit aller Entschiedenheit” Gerüchte zurückgewiesen hat, wonach seine Investitionspläne im ungarischen Kecskemet unter der globalen Krise zu leiden hätten. Der Stuttgarter Konzern will in der Kleinstadt südlich von Budapest 450 Hektar Land kaufen und in ein Industriegelände verwandeln. Daimler plant dort vorerst offiziell nur eine Montagehalle für die A- und B-Klasse. Die Dimensionen des Werksgrundstücks von mehr als hundert Fußballplätzen lassen vermuten, dass Daimlers Pläne viel weiter reichen. Gyurcsany wollte mehr Investoren anlocken. Daraus wird in der Krise nichts. Die Steuerreform ist ad acta gelegt worden, die Löhne und Renten sollen eingefroren werden. „In einer solchen Krisensituation ist nichts des Teufels”, sagte Gabor Horn, Spitzenpolitiker der kleinen liberalen Partei, die die Koalition mit Gyurcsanys Sozialisten vor einem halben Jahr im Streit um Reformen verlassen hatte. Die Krise könnte zumindest Ungarns zerstrittene Politiker wieder in ein Boot bringen. (Kommentare) Die Krise erreicht Ungarn – das osteuropäische Aufsteigerland will kein zweites Island werden. SZ 17.10.2008 Regierung erwartet kaum Wachstum. kA AP; dpa Wirtschaft Meldung BRD Seite 19 kA Regierung erwartet kaum Wachstum. München – Angesichts der Finanzkrise hat auch die Bundesregierung ihre Wachstumsprognose für 2009 drastisch von 1,2 auf 0,2 Prozent verringert. Wirtschaftsminister Michael Glos sagte in Berlin, die Regierung erwarte ebenso wie die Wirtschaftsinstitute nur sehr geringen Zuwachs. Optimistischer ist der Deutsche Industrie- und Handelskammertag. Er geht von 0,5 Prozent Wachstum aus. Angesichts der trüben Konjunkturaussichten forderte Glos ein „generelles Belastungsmoratorium” für Unternehmen und Verbraucher. So sollten die für 2010 vorgesehenen Steuervorteile für Krankenversicherungsbeiträge um ein Jahr vorgezogen werden. Die Sorge der Investoren vor einem weiteren Abrutschen der Weltwirtschaft hat die Ölpreise erneut auf ein Jahrestief fallen lassen. Ein Barrel (159 Liter) West Texas Intermediate mit Auslieferung im November kostete 72,60 Dollar. Das sind 1,91 Dollar weniger als am Vortag. Damit erreichte US-Öl mittlerweile den niedrigsten Stand seit etwa 13 Monaten. AP/dpa SZ 17.10.2008 Neue Bilanzregeln bringen womöglich wenig. Banken fürchten um Milliardenhilfe. Verhandlungen um neue Lösung. US-Geldhäuser mit hohen Verlusten, Börsen stürzen ab. Caspar Dohmen; Helga Einecke; Daniela Kuhr Wirtschaft Bericht USA Seite 19 kA Neue Bilanzregeln bringen womöglich wenig. Banken fürchten um Milliardenhilfe. Verhandlungen um neue Lösung. US-Geldhäuser mit hohen Verlusten, Börsen stürzen ab. Von Caspar Dohmen, Helga Einecke und Daniela Kuhr. Düsseldorf/Frankfurt/Berlin – Die Hoffnungen der Banken, durch neue Bilanzregeln Milliardenverluste zu vermeiden, sind verfrüht. Damit wackelt ausgerechnet der Hilfsmechanismus, den manche Bankenvertreter für den wichtigsten Teil der Rettungspakete halten, die den Zusammenbruch des Finanzsystems verhindern sollen.