FAZ 2008/10/01 Ein Weckruf für Europa. kA kA Politik Zitat EU Seite 2 Stimmen der Anderen Ein Weckruf für Europa. Zum Agieren der Europäischen Union angesichts der Finanzkrise bemerkt der Züricher "Tages-Anzeiger": "In der Europäischen Union wird schnell einmal ein Krisentreffen oder ein Sondergipfel einberufen. Doch jetzt, da es um eine reale Bedrohung für Sparer, Arbeitnehmer und Unternehmen in ganz Europa geht, dominiert eine unverständliche Zurückhaltung . . . Noch können einzelne Staaten die taumelnden Finanzinstitute auffangen und mit Steuergeldern vorerst vor dem Bankrott retten. Sollten aber noch mehr Banken wie Dominosteine fallen, reichen Improvisation und Geldmittel nicht mehr. Längerfristig müssen die Mitglieder der Europäischen Union ihre nationalen Egoismen überwinden und die Aufsicht über ihre zersplitterten Finanzmärkte zentralisieren." FAZ 2008/10/01 Dramatisierung nach innen Beruhigung nach außen. Die Fraktionen und die Finanzkrise. Günter Bannas Politik Bericht BRD Seite 2 kA Dramatisierung nach innen Beruhigung nach außen. Die Fraktionen und die Finanzkrise. Von Günter Bannas. BERLIN, 30. September. In den Bundestagsfraktionen hat sich eine Stimmung breitgemacht, sich nicht zum letzten Male mit den Folgen der Finanzmarktkrise befasst zu haben. Und von "fragenden Gesichtern" war die Rede. Indirekt brachte es Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) selber mit der Bemerkung zum Ausdruck, Sicherheit und Verlässlichkeit auszustrahlen müsse auch "in den nächsten Tagen und Wochen" die Leitlinie sein. Jetzt gehe es um "akute Krisenbewältigung", bemerkte der SPD-Fraktionsvorsitzende Struck. Bundesbankpräsident Weber warb für die Maßnahmen der Bundesregierung und der Banken sogar mit der Bemerkung, andernfalls wäre der gesamte europäische Zahlungsverkehr zusammengebrochen. Das sollte die Abgeordneten für die Bürgschaft der Bundesregierung einnehmen, führte ihnen auch den Ernst der Lage vor, mag aber auch zu dem Gefühl der Parlamentarier beigetragen haben, die Krise sei noch längst nicht bewältigt. Die Führungen der großen Koalition suchten ihr Bestes zu geben, Dramatisierungen zu vermeiden - angesichts der Krise auf den Finanzmärkten und auch der von der Bundesregierung in Höhe von - vorläufig mindestens - gut 26 Milliarden Euro gegebenen Bürgschaft zugunsten von Hypo Real Estate. "Wir geben Sicherheit", versuchte Frau Merkel vor dem Sitzungssaal der Unionsfraktion zu versichern. Es hätte ein "massiver Vertrauensverlust" auf den Märkten gedroht, falls das Paket der Absprachen der Bundesregierung und der deutschen Banken nicht zustande gekommen wäre, mahnte Struck. Ruhe zu verbreiten, Verlässlichkeit auszustrahlen, angesichts der deutschen und internationalen Finanzmarktkrisen Sicherheit zu bewirken war das Ziel dieses außergewöhnlichen Dienstags. Die Abgeordneten aller fünf Bundestagsfraktionen waren kurzfristig zu Sondersitzungen nach Berlin bestellt worden. Später am Nachmittag tagte dann noch - ebenfalls außer der Reihe - der Haushaltsausschuss des Bundestages. Peer Steinbrück, der Bundesfinanzminister, und Weber besuchten der Reihe nach die Fraktionen, und es sprach für die Besonderheit des Tages, dass sogar die Linksfraktion vom Besuchsreigen nicht ausgenommen wurde. Gewöhnlich sind im Berliner Politikbetrieb Sondersitzungen der Fraktionen Ausdruck politischer Dramatik oder auch gewollter Dramatisierung. Dieses Mal sollte genau das nicht geschehen. Die Stimmung unter den Abgeordneten war von Zweifeln geprägt und von der einzigen Gewissheit, nichts Genaues zu wissen und genau dies auch der Führung der Koalition zu unterstellen. Entsprechend wurde in der Opposition der Bundesregierung im Allgemeinen und dem Finanzminister im Besonderen unterstellt, mit der ganzen Wahrheit nur scheibchenweise herauszurücken. Zu entscheiden hatten die Fraktionen und auch der Haushaltsausschuss nichts. Die Bürgschaft hält sich im Rahmen des längst beschlossenen Haushaltsgesetzes für das laufende Jahr. Die Abgeordneten wurden als Multiplikatoren unterrichtet, nicht als Mitbestimmer umworben. Der CSU-Landesgruppenvorsitzende Ramsauer brachte in der Sitzung seiner Fraktion die Unsicherheiten der Parlamentarier zum Ausdruck. Sie seien es, die den Menschen in den Wahlkreisen zu erklären hätten, wieso es wenig Geld für die Familien oder auch kein Geld für die "Pendler" geben solle, dann aber über Nacht eine Bürgschaft von vielen Milliarden Euro beschlossen werde. Es entsprach den Versuchen zur Beruhigung, dass Webers Schilderung, der gesamte Zahlungsverkehr in Europa hätte zusammenbrechen können, hernach vor den Kameras nicht wiederholt werden sollte. Als Weber nach einem "Was wäre, wenn?" gefragt wurde, beendete Frau Merkel ihrer beider Begegnung mit der Presse. Es sollte bei der Bemerkung Webers bleiben: "Ich denke, dass diese Rettungsaktion allen Beteiligten geholfen hat." Steinbrück seinerseits wies mögliche "Alternativen" zurück - jene etwa, die ihm sogar von Bankmanagern nahegelegt worden sei - die Hypo Real Estate zu verstaatlichen. Dann wären, rief der Finanzminister den Abgeordneten seiner Fraktion zu, plötzlich eine ganze Reihe von Banken "krank" geworden. Das sahen die dann auch so. Es sei "Schaden" abgewendet worden, sagte der SPD-Finanzfachmann Poß. Ein Unterlassen der Maßnahme wäre dem Steuerzahler noch teurer geworden, äußerte der CDU-Haushaltspolitiker Kampeter. Schwarzen Humor gab es auch - ganz im Vertrauen. Sozialdemokraten erzählten, den Zusammenbruch des Sozialismus hätten sie ja schon erfahren. Dass sie nun auch noch den Zusammenbruch des Kapitalismus erlebten, hätten sie nicht erwartet. FAZ 2008/10/01 Die alten Egoismen. kA kA Politik Zitat EU Seite 2 Stimmen der Anderen Die alten Egoismen. Auch die Tageszeitung "Le Monde" (Paris) vermisst eine europäische Reaktion auf die Finanzkrise: "Die EU ist unfähig, einen Rettungsplan zu erarbeiten, der mit dem Paulson-Plan vergleichbar wäre. Die großen EU-Staaten haben keinerlei Lust, ihre Aufsichtsbehörden einer EU-Behörde zu unterstellen. Und London wird nicht zulassen, dass die Europäische Zentralbank (EZB) seine City beeinflusst . . . In der Außenpolitik hat sich der französische EU-Vorsitz wenigstens die Mühe gemacht, einen Sondergipfel einzuberufen, auf dass die EU-Staaten eine gemeinsame Position zu Georgien einnähmen. Seltsamerweise ist nichts dergleichen geplant, um eine Antwort auf die Finanzkrise zu finden." FAZ 2008/10/01 Zahl der Arbeitslosen im September gesunken. kA svs. Politik Meldung BRD Seite 1 kA Zahl der Arbeitslosen im September gesunken. svs. FRANKFURT, 30. September. Am deutschen Arbeitsmarkt haben Finanzkrise und Konjunkturschwäche noch keine großen Spuren hinterlassen. Die Zahl der Arbeitssuchenden sank im zurückliegenden Monat um 115 000 auf 3,08 Millionen, wie die Bundesagentur für Arbeit am Dienstag bekanntgab. Das ist der niedrigste Wert seit Anfang der neunziger Jahre. Im Oktober könnte sogar die Marke von drei Millionen unterschritten werden. FAZ 2008/10/01 Der Euro-Raum am Rande einer Rezession. Mit der Verschärfung der Finanzkrise wächst die Angst vor einem Einbruch der Realwirtschaft. Der monatliche Konjunkturbericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Philip Plickert Wirtschaft Bericht EU Seite 14 kA Der Euro-Raum am Rande einer Rezession. Mit der Verschärfung der Finanzkrise wächst die Angst vor einem Einbruch der Realwirtschaft. Der monatliche Konjunkturbericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Von Philip Plickert. FRANKFURT, 30. September. Täglich neue Horrormeldungen aus der Finanzbranche erschüttern die Wirtschaft. Wie stark werden die Auswirkungen auf die Konjunktur sein? Wird es zu einer Kreditklemme kommen, die den Unternehmen jede Kraft für weiteres Wachstum nähme? Bislang blieb die Realwirtschaft davon verschont, wenn sich auch die Finanzierungsbedingungen zuletzt deutlich verschlechtert haben und das Kreditwachstum daher stark verlangsamt war. Die von Amerika ausgehende Finanzkrise trifft die Konjunktur im Euro-Raum in einer kritischen Phase: Außer von der schwindenden Nachfrage aus den Vereinigten Staaten wird sie durch teures Öl und den hohen Euro-Wechselkurs geschwächt. In einigen Ländern - vor allem Spanien und Irland, etwas weniger in Frankreich - kommt dazu noch ein Verfall der Immobilienpreise. Die zuvor überproportionierte Bauwirtschaft in Spanien ist eingebrochen, was die Arbeitslosenquote dort mit 11 Prozent weit über die durchschnittlich 7,3 Prozent im Euro-Raum gehoben hat. Die Mehrfachbelastung durch Finanzkrise, schwächere Weltwirtschaft und immer noch teure Rohstoffe hat im Euro-Raum zu einer drastischen Verschlechterung der Stimmungsindikatoren geführt: So ist das Industrievertrauen im September auf den niedrigsten Wert seit 2003 gefallen, als die Wirtschaft im Euro-Raum zwischen Stagnation und Rezession lag. Für die gesamte EU fiel der Stimmungsindex auf den niedrigsten Wert seit 1993, mit besonders kräftigen Rückgängen in den Niederlanden, Großbritannien und Spanien. Auch die europäischen Verbraucher sind so skeptisch wie seit Mitte der neunziger Jahre nicht mehr. Sie halten sich mit ihren Konsumausgaben wegen der hohen Teuerung weiter zurück. Vor diesem düsteren Hintergrund haben Ökonomen zuletzt ihre Konjunkturprognosen deutlich gesenkt. Die EU-Kommission erwartet in diesem Jahr insgesamt statt 1,7 Prozent nur noch 1,3 Prozent Wachstum. Dieser noch halbwegs robuste Wert ist aber vor allem dem starken ersten Quartal zu verdanken, als die Wirtschaftsleistung im Euro-Raum noch um 0,5 Prozent gegenüber dem Vorquartal zunahm. Im zweiten Quartal, dem Frühjahr, sank das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 0,2 Prozent. Im soeben abgelaufenen dritten Quartal dürfte die Wirtschaft stagniert haben. Auch eine Rezession ist nicht ausgeschlossen. Während die Brüsseler Kommission für 2008 in Deutschland, das gut ein Viertel der Volkswirtschaft des Euro-Raums ausmacht, wegen des Aufschwungs im Winter weiter ein Wachstum von 1,8 Prozent für realistisch hält, revidierte sie ihre Wachstumsprognose für Spanien von 2,2 auf 1,4 Prozent, für Frankreich von 1,6 auf 1,0 Prozent und für Italien von 0,5 auf 0,1 Prozent. Die Schwäche dieser wichtigen Handelspartner zieht auch Deutschland weiter hinunter. Für das kommende Jahr sind Prognosen mit großer Unsicherheit behaftet. Trotz aller Risiken erwartet die Europäische Zentralbank (EZB) für 2009 immerhin noch 0,6 bis 1,8 Prozent, im Mittel also 1,2 Prozent Wachstum im Euro-Raum. Sie hofft auf eine allmähliche Erholung von der gegenwärtigen Schwächephase. Falls aber die Finanzkrise noch mehr eskalieren sollte, wäre wohl eine deutliche Rezession die Folge. Auch ohne weiteren Finanzkrach droht für 2009 eine Durststrecke, fürchten die meisten Konjunkturforscher. Besonders pessimistisch ist derzeit das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel. Für das kommende Jahr prognostiziert es eine stagnierende Wirtschaft im Euro-Raum. Rechnet man den Beitrag Deutschlands heraus, sehen die Kieler Konjunkturforscher sogar ein um 0,2 Prozent schrumpfendes BIP. Die Ökonomen der EZB und andere Konjunkturforscher sind optimistischer. Sie verweisen auf den Ölpreis, der von seinem Höchststand von 147 Dollar je Barrel im Juli rapide gefallen ist und bei starken Schwankungen nun unter 100 Dollar liegt. Auch andere Rohstoffe sind wieder günstiger geworden, während die Lohnkosten noch mit akzeptabler Rate steigen. Dies alles wird die Teuerungsrate drücken, die allerdings von ihrem Höhepunkt von 4,0 Prozent im Juni und Juli bislang nur langsam fällt. Im September sank sie auf 3,6 Prozent. Viele Bankökonomen erwarten, dass die EZB angesichts der Konjunkturschwäche - die sich auch in einem scharf gesunkenen Wachstum der Geldmenge M1 äußert - und der nachlassenden Inflationsrisiken in den kommenden Monaten den Leitzins von derzeit 4,25 Prozent senkt. Die gedämpfte Teuerung könnte auch den privaten Konsum beleben, der sich nur schleppend entwickelt. Im zweiten Quartal schränkten die Verbraucher im Euro-Raum ihre Konsumausgaben sogar um 0,2 Prozent ein, zuvor stagnierte der Konsum, auf den rund zwei Drittel der Nachfrage im Euro-Raum entfallen. Für eine stärkere Entwicklung des Konsums spricht die weiterhin gute Beschäftigungslage; dagegen spricht jedoch die große Verunsicherung der Verbraucher. Eine Stärkung von dieser Seite wäre aber besonders wichtig, weil die beiden bislang tragenden Säulen des Aufschwungs, der Export und die Investitionen, wegen der nachlassenden Weltkonjunktur schwächer werden. Seit Mai ist die Ausfuhr deutlich langsamer als die Einfuhr gewachsen - der Außenbeitrag zur Konjunktur nimmt damit ab. Das ist auch eine Folge des hohen Euro-Wechselkurses, der die preisliche Wettbewerbsfähigkeit europäischer Exporteure weiterhin beeinträchtigt. Von seinem Höchststand von fast 1,60 Dollar vor drei Monaten ist der Euro inzwischen allerdings um 10 Prozent abgewertet, was dem Export wieder etwas Auftrieb verschafft. Bliebe der Ölpreis auf dem derzeitigen Niveau und fiele der Dollar nicht unerwartet stark, würde dies den Konjunkturausblick aufhellen. Über allem hängen aber die Wolken der Finanzkrise. Weitere Rettungsaktionen für Banken könnten zu höheren Defiziten der öffentlichen Haushalte führen. Das IfW erwartet für 2009 in Deutschland nur ein geringes Minus, im restlichen Euro-Raum jedoch ein Defizit von 2,6 Prozent vom BIP. FAZ 2008/10/01 Der Devisenmarktbericht. Pest und Cholera. JUDITH LEMBKE Finanzmarkt Reportage USA; Europa Seite 25 Devisenmarktbericht Der Devisenmarktbericht. Pest und Cholera. Auf einmal war alles anders. Nachdem das amerikanische Repräsentantenhaus am Montag überraschend gegen das Rettungspaket für die Finanzbranche gestimmt hatte, brach nicht nur die Wall Street ein, sondern auch der Devisenmarkt verlor seine Orientierung. Hatte die Erleichterung über die Rettungsaktion, die zum Greifen nahe schien, den Euro im Tagesverlauf gedrückt, so stieg der Kurs der Gemeinschaftswährung nach Verkündigung der Hiobsbotschaft von 1,43 Dollar fast schlagartig auf 1,46 Dollar - um dann am Dienstag w89ieder bis zu 1,8 Prozent gegenüber dem Dollar zu verlieren. Das Geschehen am Devisenmarkt wirkte ganz so, als könnten sich die Akteure gerade nicht entscheiden, was eigentlich schlimmer sei: das vorläufige Scheitern der Rettungsaktion in Amerika oder die schmerzhafte Erkenntnis, dass die Vertrauenskrise nun auch Europa mit voller Wucht erwischt hat. "Es ist eine Wahl zwischen Pest oder Cholera", sagt Dorothea Huttanus, Devisenanalystin der DZ Bank. Weil es weder dies- noch jenseits des Atlantiks gerade besonders gut aussehe, gebe es im Euro/Dollar-Verhältnis auch erst einmal wenig Bewegung. Dabei hat der Devisenmarkt erst spät realisiert, wie tief das Damoklesschwert der Finanzkrise über Europa hing. Lange schien er die Gefahr, dass die Krise auch wieder europäische Banken erfasst, praktisch auszublenden. "Jetzt hat sich aber deutlich gezeigt, dass sich der Euro-Raum nicht von Amerika abkoppeln kann", sagt Thomas Amend, Währungsfachmann bei HSBC Trinkaus. Sowohl die Banken als auch die Konjunktur seien noch immer fundamental von Amerika abhängig, auch wenn die Erschließung neuer Märkte dieses Abhängigkeitsverhältnis etwas geschwächt habe. "Die Konjunkturdaten in den Vereinigten Staaten zeigen rezessive Tendenzen, die zeitverzögert auch in Europa ankommen werden", sagt Amend. Die wichtigste Einflussgröße für das Euro/Dollar-Verhältnis wird nach Ansicht der meisten Analysten jedoch das Rettungspaket der amerikanischen Regierung bleiben. "Ein Gefühl der Erleichterung würde den Devisenmarkt im Moment am meisten bewegen", sagt Armin Mekelburg, Währungsstratege bei Unicredit. Allerdings bliebe eine gewisse Skepsis im Markt, selbst wenn die Milliardenhilfe bald verabschiedet werde. Trotzdem hält er es für möglich, dass die Verabschiedung der Finanzhilfen eine Erholung des Dollar auf breiter Font ermöglichen könnte. "Eine Einigung würde zunächst dollarfreundlich aufgenommen", glaubt auch Amend. Eine Trendwende zugunsten des Dollar will er jedoch nicht ausrufen - dafür seien die Fundamentaldaten einfach zu schlecht. Solange über das Rettungspaket nicht endgültig entschieden sei, werden am Devisenmarkt wohl auch keine strategischen Positionen bezogen. "Ich erwarte in den kommenden Tagen eher ein vorsichtiges Hin- und Hertasten", sagt Huttanus. Allerdings könnten in den kommenden Wochen wichtige Weichen für langfristige Trends gestellt werden. Kurzfristig könnten Spekulationen auf eine Leitzinssenkung durch die amerikanische Notenbank (Fed) den Dollar-Kurs negativ beeinflussen. Einen weiteren Dämpfer könnten die Arbeitsmarktdaten am Freitag bedeuten. Allerdings werden auf der anderen Seite auch aus Europa keine konjunkturellen Höhenflüge erwartet, die dem Euro Auftrieb geben würden. Vor allem die leeren Auftragsbücher der Industrieunternehmen stimmen Beobachter pessimistisch. Auch Stephen Jen, Währungsstratege bei Morgan Stanley, hält eine Verschlechterung der ökonomischen Situation im Euro-Raum für wahrscheinlich. Für die nähere Zukunft ist er - wenn auch verhalten - positiv gegenüber dem Dollar gestimmt. "Wenn der Euro-Raum wankt, wovon ich ausgehe, werden auch die osteuropäischen Währungen unter Druck geraten", schreibt Jen. Sein Blick auf die asiatischen und lateinamerikanischen Währungen ist auch keineswegs positiv. "Ich erwarte in Ermangelung eines anderen Kandidaten eine Dollar-Rally", schreibt er. JUDITH LEMBKE FAZ 2008/10/01 Sparer sind das Rückgrat des Finanzsystems. Banken locken das private Geld mit hohen Zinsen. Starker Anstieg der kurzfristigen Einlagen. Vertrauen auf die schützende Hand des Staates. ruh. Finanzmarkt Bericht BRD Seite 25 kA Sparer sind das Rückgrat des Finanzsystems. Banken locken das private Geld mit hohen Zinsen. Starker Anstieg der kurzfristigen Einlagen. Vertrauen auf die schützende Hand des Staates. ruh. FRANKFURT, 30. September. Untereinander trauen sich die Banken nicht mehr für fünf Pfennig. Umso wichtiger ist es für sie geworden, an das Geld der Sparer zu kommen. Tagesgeldkonten sind heute mit bis zu 5,65 Prozent verzinst. Kurzfristige Termineinlagen versprechen mitunter einen jährlichen Zins von 6 Prozent. Viele Banken sind bereit, so viel zu zahlen, weil sie im Interbankengeschäft noch mehr bieten müssen und dennoch nicht sicher sind, genügend Geld zu bekommen. So sind am Dienstag die Zinssätze im Bankenhandel trotz aller Liquiditätshilfen der Zentralbanken in die Höhe geschossen. Besonders stark stieg der Tagesgeldsatz für Dollarbeträge am Dienstag von 2,56 auf 6,87 Prozent. Für Euro-Beträge zahlen die Banken mehr als 5 Prozent. Deshalb ist das Geld der privaten Sparer begehrt und fließt auf die Konten der Banken, die damit eine der wenigen verlässlichen Finanzierungsquellen ausbauen, zumal sie dafür keine Sicherheiten geben müssen. Nach Daten der Bundesbank sind seit Beginn der Finanzkrise die Einlagen der Nichtbanken, also privater Sparer und Unternehmen, bei den deutschen Banken von 2780 auf 2973 Milliarden Euro gewachsen. Der größte Teil des Zuwachses entfällt auf Termineinlagen mit bis zu einem Jahr Laufzeit, deren Wert von Juli 2007 bis Juli 2008 um rund 200 auf 625 Milliarden Euro gestiegen ist. Etwa ein Drittel des Zuwachses stammt von Unternehmen und die anderen zwei Drittel von privaten Sparern. Sie sind mit ihren Einlagen zu einem stabilisierenden Faktor geworden. Für die Banken ist der Anleihemarkt derzeit fast gänzlich als Quelle ausgefallen. Allein die wichtigsten zehn deutschen Banken müssen in den kommenden zwölf Monaten rund 340 Milliarden Euro an fälligen Anleihen tilgen. Selbst, wenn sich die Lage auf den Märkten beruhigen sollte, werden die Banken kaum im gleichen Umfang neue Anleihen emittieren können. Viele Banken versuchen deshalb einerseits ihre Bilanzsumme zu verringern und andererseits die Einlagen der Kunden als Geldquelle auszubauen. Diese zweiteilige Strategie verfolgt zum Beispiel die Commerzbank, die ihr Einlagengeschäft in den vergangenen beiden Jahren um mehr als 20 Milliarden Euro ausgebaut hat. Bisher dauert der Zustrom der privaten Einlagen an, weil die Kunden ihren Banken vertrauen. Mancher Sparer mag sich angesichts der Pleiten in Amerika und der staatlichen Rettung der deutschen Hypo Real Estate allerdings fragen, ob das Vertrauen ohne Bedenken gerechtfertigt ist. Zunächst sind die Einlagen in Deutschland für den Fall einzelner Bankenpleiten recht gut geschützt. Seit den neunziger Jahren sind die Banken in der Europäischen Union verpflichtet, ein Mindestmaß an Absicherung zu bieten. Hierzulande deckt die gesetzliche Mindestsicherung 90 Prozent der Einlagen, höchstens aber 20 000 Euro. Die meisten deutschen Banken sind aber freiwillig in zusätzlichen Sicherungseinrichtungen, die auch Einlagen in Millionenhöhe absichern. Die Sparkassen und Landesbanken helfen sich untereinander, die Genossenschaftsbanken ebenfalls. Die gruppeninternen Stützungsfonds wirken besondes stabilisierend, weil sie den Erhalt von Banken ihrer Gruppe versprechen, falls diese in eine Schieflage geraten sollten. Das bedeutet einen weitergehenden Schutz als die bloße Sicherung der Einlagen. Die privaten Banken haben einen Sicherungsfonds, der auf rund 4,6 Milliarden Euro geschätzt wird. Dies reicht sicher für die Insolvenz einiger kleinerer Institute oder für die Pleite einer mittelgroßen Bank. Doch angesichts der sich verschärfenden Finanzkrise wird deutlich, dass bei einer Kettenreaktion, die eine größere Anzahl von Banken mitreißen könnte, die Sicherungseinrichtungen überfordert werden könnten. Sie sind nicht für eine Systemkrise geschaffen. Umso wichtiger ist deshalb der Rückhalt des Staates. Jüngstes Beispiel ist die Rettung der Hypo Real Estate, die eine Bürgschaft erhielt, obwohl sie gar nicht über nennenswerte Spareinlagen verfügt, die von der Einlagensicherung zu schützen wären. Umso mehr ist daher zu erwarten, dass Banken, die viel Geld der Sparer gesammelt haben, gestützt werden, wenn sie in eine Schieflage geraten sollten. FAZ 2008/10/01 Die irische Notlösung. kA Bettina Schulz Unternehmen und Wetter Kommentar BRD; Irland Seite 24 kA Die irische Notlösung. Von Bettina Schulz. Die irische Regierung vergeudet keine Zeit. Sie ergeht sich auch nicht wie der deutsche Finanzminister darin, nach Schuldigen für diese Finanzkrise zu suchen und dabei im Parlament mit dem Finger auf die Amerikaner zu zeigen. Vielmehr handelt Finanzminister Brian Lenihan und spricht eine Staatsgarantie für die 400 Milliarden Euro Spareinlagen und Verbindlichkeiten bei allen irischen Banken aus. Damit beruhigt er das Volk, das sein Vertrauen in die Bankenwelt zum Glück noch nicht vollständig verloren hat. Sonst stünden vor den meisten Banken in Europa womöglich Warteschlangen verängstigter Sparer auf den Straßen. Mit der Staatsgarantie beugen die Iren nun einer Massenflucht von Einlagengeldern vor, sichern aber auch die Refinzierungskraft ihrer Banken und gehen damit der möglichen Gefahr aus dem Weg Institute verstaatlichen zu müssen. Leider kämpft derzeit jedes Land allein und mit eigenen Plänen um Schadensbegrenzung in dieser Bankenkrise. Es wäre für das Vertrauen der Bevölkerung aber besser, wenn wenigstens die europäischen Länder einen koordinierten und einheitlichen Ansatz ihrer Politiker und Notenbanker auf die Beine stellen könnten. FAZ 2008/10/01 Irische Regierung spricht Staatsgarantie für sechs Banken aus. Einlagen von 400 Milliarden Euro komplett abgesichert. Kontrahentenrisiko gemildert. bes. Unternehmen Meldung Irland Seite 19 kA Irische Regierung spricht Staatsgarantie für sechs Banken aus. Einlagen von 400 Milliarden Euro komplett abgesichert. Kontrahentenrisiko gemildert. bes. LONDON, 30. September. Die irische Regierung hat am Dienstag eine komplette Staatsgarantie sämtlicher Einlagen und Verbindlichkeiten der sechs in Irland registrierten Banken und Hypothekenbanken ausgesprochen. Damit gab sie nicht nur der Bevölkerung die Sicherheit, dass alle Einlagen bei irischen Banken vollständig abgesichert sind. Das Finanzministerium nahm anderen internationalen Banken mit der Staatsgarantie auch die Furcht vor einem Kontrahentenrisiko, das Banken bei der Refinanzierung untereinander eingehen. Es sind nämlich auch Einlagen der Banken untereinander und von Unternehmen bei irischen Banken von der Staatsgarantie betroffen. Der Schritt der irischen Regierung räumte den Banken des Landes sofort bessere Möglichkeiten ein, sich am freien Geldmarkt zu refinanzieren. Dies stärkt die Kraft der irischen Banken deutlich gegenüber Instituten anderer europäischer Länder. Dort sind nämlich nicht alle Kundeneinlagen vollständig abgesichert, noch wird das Kontrahentenrisiko über eine Staatsgarantie abgemildert. Am Dienstag wurde an den Finanzmärkten überlegt, ob der irische Ansatz als Beispiel für andere Länder gelten könnte, das Vertrauen des Marktes in das Bankensystem wiederherzustellen. Das irische Finanzministerium gab in Absprache mit der irischen Notenbank und Finanzaufsicht eine Bürgschaft für Rentenpapiere und Schuldverschreibungen der Banken aus. Die Staatsbürgschaft deckt Einlagen und Verbindlichkeiten irischer Institute in Höhe von 400 Milliarden Euro ab, mehr als das Doppelte des irischen jährlichen Bruttoinlandsproduktes. Die Garantie betrifft alle irischen Banken, die Allied Irish Bank, Bank of Ireland, Anglo Irish Bank, Irish Life & Permanent und die Hypothekenbanken Irish Nationwide Building Society und die Educational Building Society. Die Bürgschaft soll bis September 2010 gelten, wenn sich die Finanzkrise hoffentlich gelegt hat. Gleichzeitig wurde festgelegt, dass die Banken für die Garantie zahlen müssen und der Steuerzahler keinen Schaden erlangen soll. Die Iren hatten am Dienstag reagiert, nachdem sich die internationale Bankenkrise am Montag dramatisch zugespitzt hatte, der Liquiditätsengpass am Interbankenmarkt eine normale Refinanzierung von Banken nicht mehr ermöglichte und vier Banken in Europa mit staatlicher Unterstützung aufgefangen werden mussten. Seit Beginn der Finanzkrise waren irische Banken stark von der Skepsis der Investoren am Markt betroffen. Sie sind mit ihrem Geschäft einer Konjunktur ausgesetzt, die sehr unter dem Einbruch des Immobilien- und Baumarktes leidet und im dritten Quartal dieses Jahres als erste Volkswirtschaft in der Währungsunion in eine Rezession geschlittert ist. Immer wieder erlebten irische Banken in diesem Sommer aggressiver Leerverkäufe auf ihre Aktien. In der Nervosität am Interbankenmarkt war nicht mehr gewährleistet, dass die irischen Banken sich auf Dauer hätten finanzieren können. Nachdem am Montag die Aktienkurse in der internationalen Bankenpanik um 45 Prozent bei Anglo Irish Bank und um 34 Prozent bei dem Hypothekenverleiher Irish Life & Permanent eingebrochen waren, schritt der irische Finanzminister Brian Lenihan ein. Die Ankündigung der Garantie gab den Investoren wieder einen Teil des verlorenen Vertrauens zurück. Die Aktienkurse der irischen Banken schossen um mehr als 10 Prozent in die Höhe. FAZ 2008/10/01 Noch erhält die Wirtschaft Kredite. Allerdings erschweren die Banken offenbar die Vergabe. hap./mmue./geg./St. Unternehmen Bericht BRD Seite 19 kA Noch erhält die Wirtschaft Kredite. Allerdings erschweren die Banken offenbar die Vergabe. hap./mmue./geg./St. FRANKFURT/BERLIN, 30. September. Für viele Unternehmen in Deutschland wird es durch die Finanzkrise und die Eintrübung der Konjunktur schwieriger, Kredite von den Banken zu erhalten. Es sei zwar noch keine Kreditklemme zu beobachten, bei der flächendeckend überhaupt keine Kredite mehr ausgereicht werden. Doch würden Kredite teurer, und mancher Kreditantrag werde auch abgelehnt, berichten Banken und Unternehmen. "Unsere Bank hat einen Millionenkredit für eine neue Maschine, für die ein fester Auftrag vorlag, abgelehnt mit der Begründung, sie könne den Kredit derzeit nicht refinanzieren", sagte ein mittelständischer Unternehmer. Von der staatseigenen Förderbank KfW, die durch eine Vielzahl von Geschäften eng mit dem Mittelstand verbunden ist, hieß es, es gebe keine generelle Kreditklemme. Allerdings sei eine "leichte Verschlechterung" der Zugangsbedingungen zu Krediten festzustellen. Vor allem kleinere Unternehmen, die sich auch schon vor dem Ausbruch der Finanzmarktkrise mit den umfangreicheren Dokumentationspflichten schwergetan hätten, spürten jetzt die Zurückhaltung der Banken. Je kleiner das Unternehmen sei, desto schwieriger sei auch der Kreditzugang. Keiner der Beteiligten schließt aus, dass sich die Situation in den kommenden Wochen verschärfen wird. Es gibt aber auch Unternehmen, die ganz andere Sorgen umtreiben. "Unser Problem ist nicht, ob uns eine Bank Geld leiht. Unser Problem ist, welcher Bank wir unser Geld anvertrauen sollen", sagte zum Beispiel Roland Pelka, ein Vorstandsmitglied der Baumarktkette Hornbach. Das Unternehmen verfüge über 500 Millionen Euro nicht genutzte Kreditlinien und über 312 Millionen Euro Barvermögen. Der Eigenkapitalanteil liege bei knapp 40 Prozent der Bilanzsumme. "Die hohe Liquidität und die solide Finanzierung machen uns wetterfest", bekräftigte Inhaber Andreas Hornbach die Einschätzung. Arcelor-Mittal geht noch einen anderen Weg. Der größte Stahlproduzent der Welt hat schon vor Wochen seinen Kunden angeboten, als Kreditgeber einzuspringen, falls es mit Banken Schwierigkeiten in der Finanzierung der Lieferungen geben sollte. "Aber bisher hat niemand davon Gebrauch gemacht", sagte Finanzvorstand Aditya Mittal unlängst. Erkennbar sei, dass sich sowohl Stahlverarbeiter als auch Stahlhandel momentan sehr vorsichtig eindeckten, um zum Jahresende die Bestände so niedrig wie möglich zu fahren. Das diene nicht nur der Verbesserung der Liquidität, sondern beuge auch im Falle sinkender Stahlpreise einem Abschreibungsbedarf vor. Verhalten optimistisch gaben sich die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft. Allerdings schränkten sie ein, dass aktuell noch nicht absehbar sei, wie stark die deutsche Kreditwirtschaft von der internationalen Finanzkrise betroffen sei. "Die Finanzmarktturbulenzen gehen nicht spurlos an den deutschen Kreditinstituten vorbei. Trotz der aktuellen Hiobsbotschaften ist die Breite der Kreditwirtschaft in Deutschland weniger betroffen, als man das derzeit vermuten könnte", sagte der Hauptgeschäftführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Martin Wansleben, dieser Zeitung. Es lägen noch keine Berichte der kreditnehmenden Wirtschaft über flächendeckende Finanzierungsschwierigkeiten vor. Zuversichtlich zeigte sich auch der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH). Bisher sei es erstaunlich gut gelaufen, betonte ein ZDH-Sprecher. Derzeit sehe es so aus, als sei alles beherrschbar. Allerdings müssen sich nach Ansicht der Wirtschaft die Unternehmen auf eine genauere Risikoprüfung ihrer Investitionsvorhaben einstellen. Vor allem die Unternehmen der Automobilindustrie müssen nach den Worten des Präsidenten des Bundesverbands des deutschen Groß- und Außenhandels (BGA), Anton Börner, den Kreditinstituten ihre Bonität ausführlicher erläutern. Börner schränkte jedoch ein, dass seine zuversichtlichen Aussagen nur "für heute" gelten. "Denn kein Mensch weiß, was morgen oder übermorgen noch alles bekannt wird." Der ZDH-Sprecher verwies seinerseits darauf, dass es bisher unklar sei, ob die Sparkassen sowie die Volks- und Raiffeisenbanken als traditionelle Kreditgeber des Handwerks nicht doch wertlose Positionen in ihren Portfolios hätten. Falls sich dies bestätigen sollte, wirke es sich negativ auf deren Kreditvergabe aus. Das werde sich jedoch erst in den kommenden Wochen entscheiden. Sorgen bereiten der Wirtschaft jedoch schon jetzt die konjunkturellen Auswirkungen der Finanzmarktkrise. Vor allem die deutschen Ausfuhren in wichtige Handelspartnerländer könnten darunter leiden, betonte Wansleben. Damit die Krise sich nicht noch weiter ausbreite, sei es wichtig, dass sich die Märkte beruhigten. Allerdings seien die Turbulenzen in Amerika größer. Deshalb müsse die Politik ihren Beitrag zur Stabilisierung leisten. Auch dem Handwerk bereitet die sich abschwächende Konjunktur zunehmend Sorge. Denn derzeit floriert vor allem das Geschäft der Handwerksunternehmen, die von der Exportwirtschaft Aufträge erhalten. "20 Prozent der Handwerksbetriebe florieren. Doch die hängen von der Exportwirtschaft ab", sagte der ZDH-Sprecher. Die Regierung, so seine Forderung, müsse nun das Konsumklima verbessern. "Diese Notwendigkeit hat sich durch die Krise noch verstärkt." FAZ 2008/10/01 Drei Staaten retten die Bank Dexia. Frankreich, Belgien und Luxemburg organisieren Kapital. chs./now. Unternehmen Meldung Frankreich; Belgien; Luxemburg Seite 17 kA Drei Staaten retten die Bank Dexia. Frankreich, Belgien und Luxemburg organisieren Kapital. chs./now. PARIS/BRÜSSEL, 30. September. Die Staaten Frankreich, Belgien und Luxemburg haben das kriselnde Bankhaus Dexia gerettet. Nach einer langen Verhandlungsnacht von Montag auf Dienstag organisierten sie für die belgisch-französische Bank eine Kapitalerhöhung, die auch private Investoren einschließt, aber vor allem auf den Schultern der öffentlichen Anteilseigner ruht. Danach soll das Kapital des Dexia-Konzerns, einer der zwanzig größten Banken des Euroraumes, um 6,4 Milliarden Euro erhöht werden. Gleichzeitig gaben der Verwaltungsratsvorsitzende Pierre Richard und der Vorstandsvorsitzende Axel Miller ihren Rücktritt bekannt. Die Dexia-Aktie, die am Dienstagmorgen ausgesetzt war, stieg am Nachmittag um mehr als 8 Prozent auf rund 7,80 Euro. Die institutionellen Aktionäre wollen die neuen Dexia-Aktien für 9,90 Euro zeichnen, was dem durchschnittlichen Schlusskurs der vergangenen dreißig Tage entspricht. Dexia ist vor allem durch die amerikanische Tochtergesellschaft Financial Security Assurances (FSA) ins Straucheln geraten. Diese versichert eigentlich Kommunalanleihen, hat sich aber auf den riskanten und nun ausgetrockneten Markt für verbriefte Wertpapiere (Asset backed Securities) begeben. Die Not von Dexia, dem größten Kommunalfinanzierer der Welt, stieg auch dadurch, dass sich Banken kein Geld mehr leihen und die Refinanzierung ins Stocken geriet. Im Zuge der Kapitalerhöhung wird der französische Staat über seine Beteiligungsgesellschaft CDC 2 Milliarden und direkt 1 Milliarde Euro zuschießen. Die belgischen Anteilseigner behalten zwar die Mehrheit am Kapital. Doch die Franzosen erreichen über die CDC, die bisher 11,7 Prozent hielt, sowie über die Direktbeteiligung des französischen Staates eine Sperrminorität von mehr als 25 Prozent. Aus Belgien kommt ebenfalls eine Kapitalspritze von insgesamt 3 Milliarden Euro, die zu jeweils einem Drittel aus Mitteln des Bundesstaats, der Regionen sowie von drei institutionellen Anlegern stammt. So steuert eine Holding der Kommunen 500 Millionen Euro bei, die Arcofin leistet 350 Millionen Euro und das Versicherungsunternehmen Ethias 150 Millionen Euro. Das Großherzogtum Luxemburg steuert 376 Millionen Euro bei. Dass der Zeichnungskurs der Kapitalerhöhung 40 Prozent über dem Montag-Schlusskurs liegt, dürfte Dexia nach Ansicht von Brüsseler Börsenfachleuten eine ausreichende Kapitaldecke sichern. Die Kernkapitalquote (Tier One) werde im dritten Quartal von gut 10 auf rund 14 Prozent steigen, schätzt auch der scheidende Vorstandschef Miller. Das Unternehmen sei und bleibe zahlungsfähig. Ministerpräsident Yves Leterme sprach von einem "Orkan über Belgien", der sich nach den Rettungsaktionen für den belgisch-niederländischen Bank- und Versicherungskonzern Fortis und für Dexia verzogen habe. Präsident Sarkozy hatte am Dienstag um fünf Uhr morgens eine Sondersitzung mit Premierminister François Fillon, dem Gouverneur der Banque de France, Christian Noyer, und Wirtschaftsministerin Christine Lagarde einberufen. Die Rettung der Dexia sei nötig, um die Finanzierung der französischen Kommunen zu schützen, sagte er später. Der Tochtergesellschaft FSA musste Dexia in diesem Jahr schon mehrfach unter die Arme greifen: im Juni mit einem Kredit von 5 Milliarden Dollar, im August mit einem Kapitalzuschuss von 300 Millionen Dollar. Diese Maßnahmen sollen nun zusätzlich abgesichert werden, kündigte die Bank an. Zudem soll FSA das Engagement mit verbrieften Wertpapieren, das 30 Prozent seines Geschäftes ausmacht, so rasch wie möglich aufgeben, hatte Dexia-Chef Miller kürzlich angekündigt. Wegen FSA fiel der Nettogewinn von Dexia im zweiten Quartal um knapp ein Drittel auf 532 Millionen Euro. Die seither aus dem Lehman-Bankrott resultierenden Verluste schätzt Dexia auf rund 350 Millionen Euro. Die Ratingangentur S&P hatte die Bewertung der langfristigen Dexia-Schulden am Montag von AA auf AA minus gesenkt. Die Agentur fürchtet, dass sich die Lage auf Amerikas Immobilienmarkt weiter verschlechtert. Die beiden zurückgetretenen Führungskräfte, die nach Mitteilung von Dexia "Lehren aus der aktuellen Finanzkrise und seiner Auswirkungen auf die Dexia-Gruppe ziehen", bleiben bis zur Ernennung von Nachfolgern im Amt. Dexia ist 1996 aus der Fusion der belgischen Crédit Communal de Belgique und des französischen Crédit Local de France entstanden. Im Filialgeschäft hat die Bank 5,5 Millionen Kunden in Belgien, Luxemburg, der Slowakei und der Türkei. FAZ 2008/10/01 Eine Schockwelle zieht von Amerika durch die Finanzwelt. Die Ablehnung des Bankenrettungspakets führt zu hohen Aktienkursverlusten. Christoph Hein; Norbert Kuls; Carl Moses; Hanno Mußler; Patrick Welter Wirtschaft Reportage USA Seite 16 kA Eine Schockwelle zieht von Amerika durch die Finanzwelt. Die Ablehnung des Bankenrettungspakets führt zu hohen Aktienkursverlusten. Es berichten Christoph Hein (Singapur), Norbert Kuls (New York), Carl Moses (Buenos Aires), Hanno Mußler (Frankfurt) und Patrick Welter (Tokio). Die Finanzmärkte beben. Der Ausverkauf am Aktienmarkt erreicht seinen vorläufigen Höhepunkt, nachdem das amerikanische Repräsentantenhaus völlig überraschend am Montagabend das mühsam ausgehandelte Rettungspaket für die Banken abgelehnt hat. Über die europäischen Aktienmärkte war schon zuvor eine erste Schockwelle gegangen. Die Börsianer haben das Vertrauen in das Funktionieren der Märkte verloren, weil in Deutschland, Großbritannien, Belgien und Island Banken wie die Hypo Real Estate, Bradford & Bingley, Glitnir, Dexia und HBOS nur mit staatlicher Hilfe überleben. Wie nervös die Anleger sind, zeigen die Kursverluste der europäischen Banken binnen einer Woche. Die Commerzbank etwa, der mit ziemlicher Gewissheit keine Schieflage droht, steht mit Kursabschlägen von 30 Prozent im Minus. Und ein so solider Finanzplatz wie die Schweiz hat, gemessen am Aktienindex SMI, in einer Woche mehr als 12 Prozent verloren. In diesen Krisenzeiten bewährt sich Gold als sicheres Aufbewahrungsmittel für Geld. Im Ölpreis, der deutlich unter 100 Euro für 159 Liter gefallen ist, zeigen sich die Ängste der Börsianer, dass die Finanzkrise zu einer Kreditverknappung für die Unternehmen, zu weniger Investitionen und damit zu einer schwächeren konjunkturellen Nachfrage der Unternehmen führt. Wir zeichnen die Schockwelle nach, die von Amerika ausgehend am Dienstag Asien und dann die europäische Finanzwelt abermals erschütterte und auch Lateinamerika erreichte, bis die Aktienindizes zumindest vorübergehend Halt fanden. Amerika An der Wall Street tendierten die Aktienkurse am Dienstag nach den starken Kursverlusten vom Vortag schon im frühen Handel mit deutlichen Aufschlägen. Zum Endes des Handels lag der Dow-Jones-Index um 4,7 Prozent höher bei 10851 Punkten. Der breiter gefasste Aktienindex S&P 500 erholte sich um 5,3 Prozent. Am Montag waren die Kurse dramatisch eingebrochen, nachdem das Repräsentantenhaus - wie in einer Teilausgabe schon berichtet - überraschend gegen das erhoffte Rettungspaket für die amerikanischen Banken gestimmt hatte. Der Dow Jones hatte am Montag mit einem Minus von 778 Punkten oder 7 Prozent geschlossen. Der S&P 500 war um fast 9 Prozent abgesackt. Das war der stärkste Verlust seit dem Börsenkrach im Oktober 1987. An der Wall Street begann Panik um sich zu greifen. "Die Dinge fallen auseinander", sagte etwa Marc Pado, der beim Wertpapierhaus Cantor Fitzgerald für den amerikanischen Aktienmarkt zuständig ist. Der nach intensiven Verhandlungen über das Wochenende zusammengestellte, aber bei vielen Wählern unpopuläre Kompromissvorschlag war im Repräsentantenhaus von 228 Abgeordneten abgelehnt worden. Nur 205 Volksvertreter stimmten dem 700-Milliarden-Dollar-Programm zu, mit dem die amerikanische Regierung faule Immobiliendarlehen von den Banken übernehmen wollte. Präsident Bush warnte am Dienstag, dass ein abermaliges Scheitern des Rettungsplans schwerwiegende Konsequenzen für die amerikanische Konjunktur haben würde. "Der Kongress muss handeln", sagte er. Die Regierung will mit dem Kongress nun Möglichkeiten erörtern, den Rettungsplan wieder auf den Weg zu bringen. Der Finanzwerteindex des S&P erholte sich darauf am Dienstag um fast 9 Prozent, nachdem das Marktbarometer am Montag um 16 Prozent eingebrochen war. Asien Das Scheitern des Finanzpaktes in Amerika hat die Börsianer Asiens am Dienstagmorgen zunächst äußerst nervös gemacht. Die Aktienkurse gaben zunächst deutlich nach, erholten sich dann aber. Die Regierungen bemühten sich, den Markt zu beruhigen. Einige Zentralbanken wie die australische schossen frisches Geld nach, um die Kreditmärkte nicht austrocknen zu lassen. Indiens Finanzminister Palaniappan Chidambaram erklärte: "Es gibt keinen Grund zu Beunruhigung. Unsere Gesetze und Regeln sind alle ausreichend, andernfalls werden wir sie anpassen." Indiens Aktienmarkt verzeichnete daraufhin Gewinne von gut 2 Prozent, nachdem er am Morgen noch ein Minus von 3,5 Prozent ausgewiesen hatte. Weitere Regierungen, etwa diejenige Hongkongs und Indonesiens, verboten Leerverkäufe. In Sydney schloss der Markt 4,3 Prozent unter dem Stand vom Montag auf dem tiefsten Stand seit drei Jahren. Die Aktie des weltgrößten Bergwerkskonzerns, BHP Billiton, erlebte aus Furcht vor einer Rezession mit einem Minus von 9,3 Prozent den größten Kursrutsch in 21 Jahren. In Hongkong endete der Handel mit einem Plus von 0,8 Prozent, nachdem der Hang-Seng-Index am Morgen zunächst um 6 Prozent nachgegeben hatte. In Tokio gab der Nikkei-225-Index 4,1 Prozent ab und schloss mit 11 259 Punkten so niedrig wie zuletzt im Sommer 2005. Finanzwerte gehörten zu den größten Verlierern. Zugleich verloren Exportwerte deutlich, weil der Yen gegenüber dem Dollar spürbar an Wert gewann. Südkorea und Taiwan griffen am Dienstag regulatorisch in den Aktienmarkt ein, um den Fall der Aktienkurse zu begrenzen. Taiwan verschärfte die erst in der vergangenen Woche eingeführten zulässigen Grenzen für Leerverkäufe. Wetten auf einen Kurs unterhalb des Schlusskurses des Vortages sind für 150 Aktienwerte nicht mehr erlaubt. Südkorea verbietet von diesem Mittwoch an Wetten auf fallende Aktienkurse. Zugleich erlaubt das Land den an der Börse gehandelten Unternehmen, bis zum Jahresende bis zu zehnmal mehr eigene Aktien zurückzukaufen als zuvor erlaubt. Damit verstärkt sich in Asien der Trend, den sinkenden Aktienkursen durch neue Spielregeln für den Aktienhandel entgegenzuwirken. Nach einem anfänglich großen Einbruch erholten die Aktienkurse in Südkorea und Taiwan sich im Tagesverlauf. Der Kospi-Index in Seoul ging mit 1448 Punkten und einem Minus von 0,6 Prozent aus dem Handel. Der Taiex-Index in Taipeh verlor mit 5719 Punkten letztlich 3,6 Prozent und wurde durch Aktienkäufe von Staatsfonds gestützt. Trotz weiterer Devisenmarktinterventionen der Behörden verloren der südkoreanische Won und der Taiwan-Dollar am Dienstag abermals gegenüber dem amerikanischen Dollar. Europa An den europäischen Aktienmärkten hat der Kursverfall am Dienstag vorläufig ein Ende gefunden. In Frankfurt verlor der Deutsche Aktienindex Dax, der am Vortag um 3,9 Prozent eingebrochen war, zwar zum Handelsauftakt weitere 2,6 Prozent. Auf dem neuen Jahrestief von 5658 Punkten fand der Dax dann jedoch Halt und holte seinen Tagesverlust bis Handelsschluss wieder auf. Am Ende des turbulenten Handelstages schloss der Dax 0,4 Prozent höher auf 5831 Punkten. Auch die Indizes für die mittleren Aktienwerte hinter dem Dax, die gemessen am M-Dax und Tec-Dax am Montag mit Verlusten von 7 Prozent besonders gelitten hatten, beendeten den Tag im Plus. Die staatlichen Garantien für die Banken in Irland, die Stützung der belgischen Bank Dexia und weitreichende Liquiditätshilfen der Europäischen Zentralbank beruhigten die arg strapazierten Nerven der Anleger etwas. Unter den größten Kursgewinnern im Dax waren Banken wie Hypo Real Estate und Deutsche Bank, aber auch Technologiewerte wie Infineon. In Europa war der Bankensektor gespalten. Unicredit rutschte um 14 Prozent im Kurs und Commerzbank um 5 Prozent, Fortis hingegen legte um 14 Prozent zu. Die Rendite für Bundesanleihen mit zehn Jahren Laufzeit, die am Vortag unter 4 Prozent gefallen war, kletterte wieder über diese Marke. Offenbar schichteten einige mutige Anleger Geld vom Anleihemarkt in den Aktienmarkt um. Einige Marktteilnehmer forderten mehr oder weniger offen, dass die Europäische Zentralbank auf ihrer Sitzung am Donnerstag den Leitzins senken solle. Lateinamerika Auch an den lateinamerikanischen Börsen brachen die Kurse nach der Schocknachricht von der Ablehnung des Rettungspakets dramatisch ein. Am schwersten getroffen wurde Brasilien, der größte Aktienmarkt der Region. Der Leitindex der Börse von São Paulo, Bovespa, verzeichnete den höchsten Tagesverlust seit fast zehn Jahren. Als die Kurse am Nachmittag um 10 Prozent abgestürzt waren, wurde der Handel an der wichtigsten Börse Lateinamerikas gemäß der Regel des sogenannten "circuit breaker" für eine halbe Stunde ausgesetzt. Nach der Wiederaufnahme des Handels rasselten die Kurse zeitweise um fast 14 Prozent in die Tiefe, bevor eine leichte Beruhigung eintrat. Am Ende blieb der Bovespa-Kursticker bei einem Minus von 9,4 Prozent stehen. Vor allem die Kurse von Banken und Immobilienunternehmen stürzten ab. Auch Rohstoffproduzenten wie der Bergbaukonzern Vale do Rio Doce erlitten zum Teil zweistellige Kursverluste. Schon in den vergangenen Wochen hatten vor allem ausländische Anleger brasilianische Aktien abgestoßen. Da die brasilianischen Papiere relativ leicht handelbar sind und in den vergangenen Jahren besonders hohe Gewinne eingebracht haben, machen die Anleger dort jetzt Kasse, um sich mit Liquidität einzudecken und Löcher an anderen Stellen zu stopfen. Schwer getroffen wurde auch die Börse von Buenos Aires, wo die Kurse um 8,7 Prozent abstürzten. Mexiko (minus 6,4 Prozent) und Chile (minus 5,4 Prozent) kamen vergleichsweise glimpflich davon. Auch die Währungen gaben deutlich nach: Allein der brasilianische Real verlor 2,5 Prozent gegenüber dem Dollar. Die Lateinamerikaner fühlen sich als Opfer der amerikanischen Politik. Der Vermögensverwalter Jorge Simino von der brasilianischen Fundação Cesp klagte: "Es ist unglaublich, dass die amerikanischen Politiker mit einem Ansturm auf die Banken spielen, der schon im Gang ist." FAZ 2008/10/01 Wie das internationale Finanzsystem zu retten ist. Der Finanzminister muss als "Käufer der letzten Instanz" allen Instituten helfen, von denen ein Systemrisiko ausgeht. Eine Weltfinanzbehörde überwacht und kontrolliert. Dennis J. Snower Wirtschaft Zitat USA Seite 16 kA Wie das internationale Finanzsystem zu retten ist. Der Finanzminister muss als "Käufer der letzten Instanz" allen Instituten helfen, von denen ein Systemrisiko ausgeht. Eine Weltfinanzbehörde überwacht und kontrolliert. Von Dennis J. Snower. Ungeachtet seiner vielen Schwächen hat der Paulson-Plan zur Rettung des amerikanischen Finanzsystems eine entscheidende Stärke: Er ist eine klare Anerkennung, dass Amerika die Finanzkrise nicht durch pragmatische Reaktionen auf individuelle Pleiten, sondern nur durch einem grundlegenden Systemwechsel bewältigen kann. Zu diesem Schluss sollte die restliche Welt auch baldmöglichst kommen. Viele europäische Politiker suggerieren jedoch, dass die gegenwärtigen Finanzprobleme einfach eine Nachwirkung der amerikanischen Immobilienkrise seien und mit den bestehenden europäischen Finanzinstitutionen bewältigt werden könnten. Dies ist ein grober Fehler. Das Weltfinanzsystem ist untrennbar verflochten, die finanzielle Ansteckungsgefahr ist dementsprechend hoch. Die Schwäche amerikanischer Finanzinstitutionen kann sich schnell auf europäische übertragen. Der Versicherer AIG hat zum Beispiel Kreditversicherungen von mehr als 300 Milliarden Dollar an europäische Banken verkauft. Wäre AIG in Zahlungsverzug geraten, wären diese Banken durch erhöhte aufsichtsrechtliche Eigenkapitalanforderungen unter großen Druck geraten. Außerdem gibt es viele Finanzinstitutionen in Europa und in anderen Regionen, die hohe Fremdkapitalfinanzierungsquoten und ein Missverhältnis zwischen langfristigen Aktiva und kurzfristigen Passiva aufweisen. Alle diese Institutionen sind anfällig für einen plötzlichen Vertrauensverlust. Unabhängig davon, ob die Aktiva an ihrem Fälligkeitstermin die Passiva abdecken: Gefahr besteht - wie mehrere amerikanische Finanzinstitutionen erlebt haben - schon dann, wenn die Aktivwerte vor ihren Fälligkeitsterminen von den Passivwerten übertroffen werden könnten. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Institutionen an den Immobilienzusammenbrüchen in den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Spanien, Irland oder anderen Ländern beteiligt waren, denn Haushalte und Unternehmen in vielen Ländern sind auch in anderen Bereichen - Kreditkartenschulden, Kraftfahrzeugdarlehen - schwer verschuldet. Beruhte die aktuelle Finanzklemme nur auf einer Illiquiditätskrise, weil sich Finanzinstitutionen nicht in ausreichendem Maße Geld leihen, dann könnten die Zentralbanken durch ihre Funktion als "Kreditgeber der letzten Instanz" (lender of last resort) allein das internationale Finanzsystem retten. Diese Funktion haben sie zwar erfolgreich ausgefüllt, es gibt derzeit aber auch eine Solvenzkrise, in der viele Finanzinstitutionen eine unzureichende Kapitalausstattung - im Klartext eine unzureichende Zahlungsfähigkeit - haben, um ein akzeptables Wachstum der Weltwirtschaft zu unterstützen. Die Bewältigung dieser Krise fällt nicht in den Zuständigkeitsbereich der Zentralbanken. Deshalb war das Eingreifen des amerikanischen Finanzministeriums erforderlich, um amerikanische Schuldner zu entlasten. Die Solvenz der Finanzinstitutionen kann letzten Endes nur der Steuerzahler gewährleisten. Die Vereinigten Staaten konnten schnell auf die Finanzkrise reagieren, da das amerikanische Finanzministerium und die amerikanische Zentralbank auf kurzem Wege kooperieren können. In Europa wäre dies viel schwieriger, da Finanzpolitik, Finanzregulierung und Finanzaufsicht auf nationaler Ebene angesiedelt sind und noch geringere Informationen über Off-Balance-Sheet-Verlustrisiken als in Amerika vorliegen. Je geringer die Transparenz eines Finanzsystems, desto höher die finanzielle Ansteckungsgefahr. Obwohl es derzeit keinen Anlass gibt, dem europäischen Finanzsystem das Vertrauen zu entziehen, gibt es gute Gründe, einen Rettungsplan für den Fall einer internationalen Finanzkrise vorzubereiten. Ein solcher Plan muss die zahlreichen Facetten der gegenwärtigen Finanzprobleme - Illiquidität, Intransparenz, Unterkapitalisierung, Einkommensverlustrisiken der Steuerzahler - gleichzeitig lösen. Meines Erachtens erfordert die langfristige Stabilisierung des internationalen Finanzsystems die Implementierung der folgenden fünf Schritte: Erstens: So wie Illiquiditätskrisen von einem "Kreditgeber der letzten Instanz" überwunden werden können, brauchen Zahlungsunfähigkeitskrisen einen "Käufer der letzten Instanz" (buyer of last resort), nämlich das Finanzministerium. Einen Käufer, der Institutionen, deren Konkurs das gesamte Finanzsystem ins Schlittern bringen könnte, mit entsprechendem Kapital versorgt. Dies ist schon oft geschehen: in der schwedischen Finanzkrise 1992, in der amerikanischen Savings-and-Loan-Krise Anfang der achtziger Jahre, in der japanischen Finanzkrise der neunziger Jahre, bei der Rettung von AIG, Fannie Mae und Freddi Mac, Fortis, Bradford and Bingley sowie aktuell beim Paulson-Plan. Jedes Mal wird das Rad aufs Neue erfunden. Weil es immer wieder eines expliziten staatlichen Entschlusses bedarf, kommt es davor zu großen Vertrauensverlusten, die das Finanzsystem zusätzlich gefährden. Die Zeit ist jetzt gekommen, durch ein automatisches Regelwerk für den "Käufer der letzten Instanz" diese Vertrauensverluste zu vermeiden. Meines Erachtens wären folgende Regeln besonders geeignet: Man schafft eine Treuhand, die diejenigen Finanzinstitutionen identifiziert, die das Finanzsystem gefährden könnten, Vorzugsaktien oder Bezugsrechte (warrants) dieser Institutionen kauft und im Gegenzug die toxischen Vermögenswerte abnimmt und staatliche Bonitätsgarantien erteilt. Die Treuhand hat dann die Aufgabe, diese Vermögenswerte innerhalb der nächsten zehn Jahre wieder zu verkaufen, mit dem Ziel, den Gewinn des Steuerzahlers zu maximieren. Zusätzlich schafft man einen Aufsichtsrat, der die (unten näher beschriebene) Regulierung beaufsichtigt. So schafft man eine Rekapitalisierung der Finanzinstitutionen mit einer minimalen Steuerlast. Zweitens: Nicht nur Großbanken, sondern auch Häuser im Schattenbankensektor - Hedge-Fonds, Geldmarkt- und Investmentfonds, Private-Equity-Unternehmen und Finanzversicherer wie AIG - zählen zu den Institutionen, die das Finanzsystem gefährden könnten. Da der Staat sich Zusammenbrüche in diesen Bereichen nicht leisten kann, bleibt ihm nichts anderes übrig, als Käufer der letzten Instanz zu werden. Ähnlich wie die Kreditgeberfunktion der Zentralbanken mit Regulierung und Aufsicht der Banken verbunden ist, können auch Finanzministerien nur dann Käufer der letzten Instanz werden, wenn ihre Schützlinge reguliert und beaufsichtigt werden. Da alle potentiell systemgefährdenden Institutionen im Banken- und Schattenbankensektor in einer Krise einen Käufer der letzten Instanz benötigen, sollten sie alle einer ähnlichen Regulierung und Aufsicht unterliegen. Die Ära eines regulierten Bankensektors und eines weitgehend unregulierten Schattenbankensektors sollte begraben werden. Das öffentliche Interesse erfordert es, Hedge-Fonds, Geldmarktfonds, Finanzversicherungen, SIVs, Conduits und andere potentiell systemgefährdende Institutionen vor finanziellen Fehlentscheidungen zu bewahren. Daher müssen ihre Risiken reguliert und beaufsichtigt werden. Alle risikorelevanten Bilanzposten sollten hier inbegriffen sein. Insbesondere ist zu verhindern, dass besonders riskante Geschäfte außerhalb der Bilanz versteckt werden. Die potentiell systemgefährdenden Finanzinstitutionen sollten verpflichtet werden, mindestens 10 Prozent der Kreditrisiken in den eigenen Büchern zu behalten und einen eventuell darüber hinaus gehenden Selbstbehalt öffentlich bekanntzugeben. Diese Maßnahmen würden helfen, die erforderliche Transparenz und finanzielle Verantwortung herzustellen. Sollte die Fremdkapitalfinanzierungsquote zu hoch sein, müssten die überhängigen Schulden gegen Aktien getauscht werden (debt to equity swaps). Drittens: Das verflochtene Weltfinanzsystem benötigt auch eine international koordinierte Finanzregulierung und -aufsicht. Sonst kommt es unweigerlich zu Regulierungs- und Aufsichtsarbitrage, in dem Finanzgeschäfte dort ausgetragen werden, wo sie am wenigsten kontrolliert werden. Kurz gesagt, wir brauchen eine Weltfinanzbehörde mit folgenden Aufgaben: Überprüfung und Koordinierung der Grundregeln nationaler Regulierungsaktivitäten, Überwachung globaler Finanzrisiken, Implementierung eines internationalen Finanzfrühwarnsystems, Rückversicherung bestimmter Verbindlichkeiten der Zentralbanken und Konkursverfahrensaufsicht über große Unternehmen, deren Pleite das internationale Finanzsystem destabilisieren könnte. Die Weltfinanzbehörde würde auch den Informationsaustausch und die Koordination zwischen den Finanzministerien als Käufer letzter Instanz regeln. Dies könnte wichtig werden, da die Verbindlichkeiten der größten privaten Finanzinstitutionen international breit gestreut sind und ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt (BIP) einzelner Länder sehr hoch ausfällt. So entsprechen etwa die gesamten Verbindlichkeiten der Barclays Bank ungefähr dem gesamten BIP Großbritanniens, die der Deutschen Bank etwa 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts Deutschlands. Viertens: Das Versagen der Ratingagenturen sollte klare Konsequenzen haben. So ist gesetzlich zu verhindern, dass diese Agenturen Ratings über Finanzprodukte abgeben, an denen sie selbst durch Beratungs- und Modellierungsdienstleistungen mitgewirkt und mitverdient haben. Ihr Einkommen sollte von den Investoren, nicht den Emittenten gespeist und durch einen Geldpool verteilt werden, der sich aus den Transaktionskosten der Investoren finanziert. Darüber hinaus sollten die Eintrittsbarrieren im Ratingmarkt gesenkt werden, so dass ein lebendiger Wettbewerb zwischen Ratingagenturen entstehen kann. Außerdem sollten die Ratings dieser Agenturen keine Rolle für die Basel-II-Regulierung spielen. Fünftens: Schließlich sollte die internationale Finanzgemeinschaft neue Normen für das Vergütungssystem der Finanzmanager entwickeln. Derzeit hängen die Prämien übermäßig stark von kurzfristigen Gewinnen ab und sind darüber hinaus asymmetrisch; sie sind hoch im Falle von Gewinnen und Abfindungen, gleich null bei Verlusten. Dies gibt den Managern unweigerlich den Anreiz, höhere Risiken einzugehen, als es die Maximierung des Gegenwartswertes der Gesellschaft rechtfertigt. Es ist nicht schwierig, effizientere und fairere Entlohnungssysteme zu entwerfen. Zum Beispiel könnte ein Manager Prämien für Gewinne und Strafen für Verluste erhalten, die auf ein Konto geschrieben werden, auf das der Manager erst nach mehreren Jahren Zugriff hätte. Unter diesen Bedingungen hängt der Anreiz, Gewinne zu erzielen, schlicht und einfach von der Differenz zwischen der Belohnung guter Leistungen und der Bestrafung schlechter Leistungen ab. Asymmetrische Auszahlungen und kurzfristige Gewinne verlieren ihre Bedeutung für das Anreizsystem. Natürlich ist es nicht die Aufgabe des Staates, anreizkompatible Entlohnungssysteme für die Privatwirtschaft zu entwerfen. Dennoch sollten wir - als Bürger, Journalisten, Kommentatoren, Arbeitnehmer und Arbeitgeber - in der öffentlichen Diskussion bemüht sein, bessere Vergütungsnormen im Finanzsektor zu erreichen. Eine Umsetzung dieser fünf Schritte erfordert zweifellos eine mutige internationale Kooperation. In der unmittelbaren Nachkriegszeit, als der Internationale Währungsfonds und die Vereinten Nationen geschaffen wurden, hat die Weltgemeinschaft diesen Mut aufgebracht. Sie sollte die Gefahren der gegenwärtigen Finanzkrise zum Anlass nehmen, ähnlichen Mut zu zeigen. Der Autor ist Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. FAZ 2008/10/01 Investoren ziehen Geld aus Hedge-Fonds ab. Die Gesellschaften stellen sich auf hohe Mittelabflüsse ein. Niedrigere Gebühreneinnahmen erhöhen den Druck, die Kosten zu reduzieren. bes. Finanzmärkte und Geldanlage Bericht global Seite 26 kA Investoren ziehen Geld aus Hedge-Fonds ab. Die Gesellschaften stellen sich auf hohe Mittelabflüsse ein. Niedrigere Gebühreneinnahmen erhöhen den Druck, die Kosten zu reduzieren. bes. LONDON, 30. September. Die Branche der Hedge-Fonds wappnet sich für schwere Zeiten. "Wir stellen uns auf einen massiven Rückfluss von Anlagegeld ein", hieß es am Dienstag von einem Londoner Hedge-Fonds, der je nach Einzelfonds 40 bis 60 Prozent des investierten Volumens in liquiden Mitteln hält, um die Mittelabflüsse handeln zu können. Bis Dienstag mussten Investoren ihre Anträge auf Rückzahlung von Anlagegeld bei Hedge-Fonds eingereicht haben, wenn sie ihre Mittel gegen Ende des Jahres nach Ablauf der üblichen Sperrfrist ("lock-up period") von drei Monaten zurückhaben wollen. Und nach den Meldungen, die bei zahlreichen Dachfonds bereits eingegangen waren, bereiteten sich Hedge-Fonds in London auf hohe Mittelrückflüsse vor. Die Abflüsse bei den Hedge-Fonds haben zahlreiche Gründe. Die Fonds erhalten derzeit von ihren Banken, den sogenannten Prime-Brokern, keine Fremdfinanzierung mehr, um ihre Anlagestrategien erfolgreich umsetzen zu können. Schon im vergangenen Jahr mussten Hedge-Fonds ihren Fremdfinanzierungsanteil im Durchschnitt von Faktoren drei bis vier auf den Faktor zwei herunterfahren. Mittlerweile gibt es zahlreiche Fonds, die komplett ohne Fremdfinanzierung, also das sogenannte Leveraging, auskommen müssen. Fehlt jedoch der Einsatz von Fremdmitteln, dann fällt auch die Rendite auf das eingesetzte Anlagekapital der Investoren entsprechend niedriger aus. Seit Januar dieses Jahres haben viele Fonds ihren Anteil an liquiden Mitteln um 50 Prozent erhöht, um Gelder an ihre Kunden auf Wunsch zurückzahlen zu können. Dies lähmt ebenfalls die Ertragskraft der Fonds wie auch die extreme Volatilität an den Märkten, die jegliche Absicherungsgeschäfte verteuert und die Gewinne der Fonds dahinschmelzen lässt. Ein weiterer Schlag gegen die Branche ist es, dass Marktteilnehmern an allen großen Börsen der Welt Leerverkäufe von Finanztiteln verboten wurden - eine Handelsstrategie, die zahlreiche Hedge-Fonds in dieser Finanzkrise gegen Banken eingesetzt hatten. Die Branche hat in diesem Jahr bisher einen Verlust von im Durchschnitt 9 Prozent zu verkraften. Bei vielen Einzelfonds sind die Einbußen noch wesentlich stärker ausgefallen. Dies bedeutet, dass fast alle Fonds lediglich die vergleichsweise niedrige Management-Gebühr vereinnahmen und derzeit keine Gewinngebühr von in der Regel 20 Prozent des Ertrages erheben können. Dies erhöht für viele Fonds den Druck, ihre Kosten zu reduzieren. Die Reaktion der einzelnen Investoren ist verschieden. Die Branche blickt einerseits auf institutionelle Anleger wie Pensionsfonds, Versicherungen und Staatsfonds, die unabhängig von der Konjunktur und Finanzkrise hohe Beträge zu investieren haben und einen sehr langfristigen Anlagehorizont verfolgen. "Diese professionellen Investoren bleiben ruhig", heißt es bei einem Londoner Hedge-Fonds: "Wir haben in den vergangenen Tagen sogar Anfragen bekommen, ob man jetzt nicht wieder kräftiger in den Markt einsteigen solle, weil es langfristig gesehen eine gute Chance sei, günstige Titel zu akkumulieren." Wesentlich ängstlicher seien dagegen reiche Privatinvestoren. "Sie sind verständlicherweise über die jetzige Panik und Unruhe an den Märkten besorgt und wollen ihr Geld zurück", sagt ein Vertreter eines britischen Hedge-Fonds. Die Anfragen, Mittel zurückzuzahlen, kämen daher vor allem über Dachfonds auf die Hedge-Fonds zu. Der börsennotierte britische Hedge-Fonds MAN Group gab am Dienstag bekannt, dass seine Fonds allerdings im Sommer noch Mittelzuflüsse von rund 14 Prozent registriert haben. Insgesamt aber mussten die Fonds in diesem Jahr einen Verlust von 6 Prozent verkraften. Seit Anfang August hat die Aktie von MAN fast die Hälfte an Wert verloren. FAZ 2008/10/01 Weltwirtschaft im Stresstest. kA Holger Steltzner Wirtschaft Bericht USA; EU Seite 13 Leitartikel Wirtschaft Weltwirtschaft im Stresstest. Von Holger Steltzner. Das Erdbeben an den Finanzmärkten wird die Gütermärkte in der ganzen Welt erreichen. Das amerikanische Repräsentantenhaus hat den Rettungsplan für die Wall Street zurückgewiesen, am Donnerstag wird aber noch mal abgestimmt. Wäre die Sache nicht so ernst, könnte man dem Ringen um Rettung komische Seiten abgewinnen. Abgebrühte Börsenhändler betteln bei Politikern, für die sie zuvor kaum mehr als ein müdes Lächeln übrighatten. Abgeordnete halten den verunsicherten Bankern ein 700-Milliarden-Dollar-Paket vor die Nase, nehmen es ihnen dann wieder weg. Die Reaktion war heftig: An den amerikanischen Aktienmärkten lösten sich an einem Handelstag Börsenwerte im Gesamtvolumen von 1,2 Billionen Dollar in Luft auf. Manchem Abgeordneten, der den Zorn der Leute spürt und um seine Wiederwahl im Oktober fürchtet, wird der Schreck in die Glieder gefahren sein. Was könnte in einem echten Bankenkrach alles passieren? Welche Folgen hätte das für die Wirtschaft, die Unternehmen, die Arbeitsplätze oder die Rente? Es ist eine empörende Umverteilung, dass Staaten wegen des drohenden Zusammenbruchs des Finanzsystems gezwungen sind, gescheiterte Banken auf Kosten der Steuerzahler zu retten. Die Gegner des amerikanischen Finanzministers Henry Paulson, der als früherer Chef der Investmentbank Goldman Sachs die Wall Street bestens kennt, sprechen nicht ganz zu Unrecht von Finanzsozialismus und sehen im Rettungsplan einen Angriff auf die Marktwirtschaft. Abwarten und Zuschauen ist aber auch keine Lösung. Das Risiko ist hoch, der Sturz einer Bank könnte andere Institute wie fallende Dominosteine mitreißen. Die Folgen für die Güterwirtschaft wären unübersehbar und gravierend. Wenn der amerikanische Staat die Schrottpapiere wie geplant von den Banken kauft, dürfte die Staatsverschuldung bald hundert Prozent des Bruttoinlandsprodukts entsprechen. Das wird nicht ohne Folgen für den Außenwert des Dollar bleiben. Wie kann ein Land ohne Sparquote so hohe Schulden zurückzahlen? Ein Weg aus der Schuldenfalle könnte über Inflation und Dollarabwertung führen. Man darf gespannt sein, wie darauf die Dollar-Reserveländer in Asien und Arabien reagieren werden. Europa kann in dieser Finanzkrise froh sein, den Euro und die Europäische Zentralbank (EZB) eingeführt zu haben, die der Preisstabilität verpflichtet ist. Ohne gemeinsame Währung und Geldpolitik wären die Verwerfungen in Europas Volkswirtschaften noch viel größer. Abwertungen einzelner Währungen wären an der Tagesordnung, ebenso Interventionen an den Devisenmärkten. Im Unterschied dazu überzeugen das Krisenmanagement der EZB und auch der geldpolitische Instrumentenkasten mit vielen Liquiditätshilfen für Banken. Das Erdbeben an den verflochtenen Finanzmärkten wird die Gütermärkte in der ganzen Welt erreichen und die Weltwirtschaft einem Stresstest unterziehen. In den Vereinigten Staaten, der größten Volkswirtschaft der Erde, wird eine Rezession immer wahrscheinlicher. Die sinkende Konsumfreude amerikanischer Verbraucher werden die Exportunternehmen in Deutschland oder China zu spüren bekommen. Die Auftragsbücher deutscher Unternehmen sind voll, doch tragen die Aufträge oft nur noch bis Anfang kommenden Jahres. Zusätzliche Belastungen drohen durch steigende Finanzierungskosten. Noch wiegeln der Bundesfinanzminister und die Deutsche Bundesbank ab: Es gebe keine Anzeichen für eine Kreditverknappung. Aus dem Handwerk, dem Mittelstand und der Industrie hört man anderes. Ein geschätztes Viertel der Unternehmen hat genügend eigenes Geld und braucht keine Bank. Für die vielen anderen wird es zunehmend schwieriger, Kredit zu den gewohnt günstigen Konditionen zu bekommen. Das ist kein Wunder. Einerseits drückt sich darin das wiedergekehrte Risikobewusstsein aus. Es ist verständlich, wenn Banken nicht länger mit Kampfpreisen um Kreditkunden buhlen. Andererseits ist das aber auch eine Folge der schrumpfenden Eigenkapitalausstattung vieler Banken, die zwangsläufig das Volumen des Kreditgeschäfts begrenzt. In der Finanzkrise wird Eigenkapital von Banken in gigantischem Ausmaß vernichtet. Weil die Institute Kredite mit Eigenkapital unterlegen müssen, dürfen sie nun weniger Darlehen vergeben. In verunsicherten Märkten können sie nur schwer frisches Eigenkapital aufnehmen, da jeder Käufer neuer Aktien weiß, dass er mit seinem Geld zuerst die Gläubiger einer Bank besser gegen das Ausfallrisiko schützt. Noch zeigt sich der deutsche Arbeitsmarkt unbeeindruckt von den Turbulenzen an den Finanzmärkten. Die Zahl der Arbeitslosen sinkt weiter. Im Oktober könnten erstmals seit vielen Jahren weniger als drei Millionen Arbeitslose registriert werden, hofft die Bundesagentur für Arbeit und prognostiziert für das nächste Jahr eine stabile Entwicklung. Leider sinkt die Eintrittswahrscheinlichkeit dieser Prognose mit jedem Tag, den die Finanzkrise fortdauert. Wenn sich Unternehmen auf stürmische Zeiten einstellen, achten sie zuerst auf die Kosten und werden dann vorsichtiger mit Neueinstellungen. FAZ 2008/10/01 Arbeitslosenzahl nähert sich der 3-Millionen-Marke. Finanzkrise schränkt die Personalnachfrage noch kaum ein. Debatte um Beitragssenkung. svs. Wirtschaft Meldung BRD Seite 13 kA Arbeitslosenzahl nähert sich der 3-Millionen-Marke. Finanzkrise schränkt die Personalnachfrage noch kaum ein. Debatte um Beitragssenkung. svs. FRANKFURT, 30. September. Die Arbeitslosigkeit in Deutschland ist im September auf den niedrigsten Wert seit 16 Jahren gesunken. Im abgelaufenen Monat betrug die Zahl der registrierten Arbeitslosen 3,08 Millionen, das waren 115 000 weniger als im August und 463 000 weniger als vor einem Jahr. Die Quote fiel um 0,2 Punkte auf 7,4 Prozent. Im traditionell starken Oktober könnte die Arbeitslosenzahl nun sogar unter die Grenze von 3 Millionen rutschen. "Die Entwicklung am Arbeitsmarkt zeigt sich von der konjunkturellen Abschwächung und den Turbulenzen am Finanzmarkt noch unbeeindruckt", sagte der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, am Dienstag in Nürnberg. Zu möglichen Folgen im kommenden Jahr hielt er sich bedeckt. Er verwies lediglich auf Berechnungen seines Forschungsinstituts IAB, wonach die Arbeitslosigkeit im Jahresdurchschnitt - ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 0,5 Prozent unterstellt - bei 3,2 Millionen stagnieren werde (F.A.Z. vom 30. September), wobei das zweite Halbjahr deutlich schwächer werde als das erste. Weise betonte, dass derzeit noch alle wichtigen Indikatoren für den Arbeitsmarkt in die richtige Richtung zeigten. Die Zahl der Erwerbstätigen legte nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts im August leicht auf 40,4 Millionen zu. Die Zahl der versicherten Beschäftigten stieg den Angaben zufolge im Juli auf 27,4 Millionen. Vom Arbeitsplatzaufbau profitierten alle Bundesländer, am stärksten Hamburg. Auch schufen zuletzt fast alle Branchen neue Jobs, besonders die unternehmensnahen Dienstleistungen wie Zeitarbeit und Logistik sowie das Gesundheits- und Sozialwesen. Abgebaut wurden dagegen Stellen im öffentlichen Dienst, im Baugewerbe sowie in der Finanz- und Versicherungswirtschaft. Letzteres führte Weise direkt auf die Finanzkrise zurück. Die Personalnachfrage aus den Unternehmen ist nach Angaben der Bundesagentur weiter hoch, derzeit seien ihr mehr als 1 Million offene Stellen bekannt. Etwas mehr als die Hälfte wurde der Agentur direkt von Arbeitgebern gemeldet, wovon wiederum zwei Drittel auf ungeförderte Beschäftigungsverhältnisse entfielen. Der Rest stammt von privaten Vermittlern und Internetseiten. Der Abbau der Arbeitslosigkeit führt zu Einsparungen beim Arbeitslosengeld I. Statt eines Defizits von 2,5 Milliarden Euro, das aus Rücklagen gedeckt werden sollte, wird die Behörde zum Jahresende einen ausgeglichenen Abschluss vorlegen. Die angesparten 18 Milliarden Euro seien über die Bundesbank sicher angelegt, bemerkte Weise. "Auch wenn uns dadurch etwas Rendite verlorengegangen ist." Der CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla plädierte angesichts der Finanzlage für eine Absenkung des Versicherungsbeitrags von derzeit 3,3 auf 2,8 Prozent. Dies wäre die niedrigste Belastung seit 1975. Er erwarte, dass die SPD diesem Schritt "endlich zustimmt", sagte Pofalla. Weise warnte dagegen vor einer solchen Senkung, nur bei einem Beitragssatz von 3 Prozent sei nach jetzigem Erkenntnisstand eine solide Finanzierung bis 2012 möglich. Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) hob den Rückgang der Langzeitarbeitslosigkeit hervor. Im Vergleich zum Vorjahr hat die Zahl der Menschen, die seit mehr als einem Jahr Arbeit suchen, um ein Fünftel auf rund eine Million und damit sogar stärker als die Gesamtarbeitslosigkeit abgenommen. Scholz will die Vermittlung noch verbessern. Die Opposition ging dagegen mit der der Regierung hart ins Gericht. "Wir erleben die Ruhe vor dem Sturm", sagte FDP-Arbeitsmarktexperte Rainer Brüderle. Die Finanzkrise werde die guten Arbeitsmarktzahlen zur Makulatur werden lassen, die große Koalition sei auf die Folgen nicht vorbereitet. Brigitte Pothmer von den Grünen forderte deshalb ein Krisenpräventionsprogramm, das Qualifizierung in den Mittelpunkt stelle. Dietmar Bartsch, Bundesgeschäftsführer der Linken, nannte es einen "Skandal", dass die Arbeitslosigkeit im Osten noch doppelt so hoch sei wie im Westen und der Niedriglohnsektor wachse. FAZ 2008/10/02 EU will Banken schärfer kontrollieren. Der Brüsseler Kommissar McCreevy verlangt striktere Auflagen für Kreditpakete, die Banken weiterverkaufen. Außerdem sollen die Institute stärker europaweit beaufsichtigt werden. hmk. Wirtschaft Bericht EU Seite 13 kA EU will Banken schärfer kontrollieren. Der Brüsseler Kommissar McCreevy verlangt striktere Auflagen für Kreditpakete, die Banken weiterverkaufen. Außerdem sollen die Institute stärker europaweit beaufsichtigt werden. hmk. BRÜSSEL, 1. Oktober. Die EU-Kommission plant eine schärfere Regulierung der Banken. Binnenmarktkommissar Charlie McCreevy schlug am Mittwoch vor, dass Banken in der EU einen Teil der Risiken in den eigenen Büchern behalten müssen, wenn sie gebündelte Kredite verkaufen. Die Kreditinstitute sollen demnach mindestens 5 Prozent dieser Papiere selbst behalten. McCreevys Vorschlag gilt auch für nichteuropäische Banken. Käufer der so verbrieften Verbindlichkeiten sollen diese zuvor umfassend und sorgfältig prüfen müssen. Werden diese Vorgaben nicht eingehalten, sollen so hohe Eigenkapitalanforderungen gelten, dass das Geschäft unattraktiv wird. Ferner will McCreevy die Regeln für Großkredite verschärfen, die sich Banken untereinander geben, und die Kooperation der nationalen Aufsichtsbehörden verbessern. Bis die neuen Vorgaben der Europäischen Union in Kraft treten, werden mindestens zwei Jahre vergehen. Auf die aktuelle Krise haben sie also keinen Einfluss. Ziel des Vorschlags ist, künftige Probleme zu vermeiden, indem die Banken zu mehr Vorsicht bei der Vergabe wie auch bei der Überwachung von Krediten angehalten werden. Dass sie bisher Darlehen bündeln und ohne Selbstbehalt verkaufen können, gilt als einer der Gründe für die schwelende Finanzkrise. Insbesondere amerikanische Institute nutzten dieses Mittel, um Hunderte teilweise hochriskanter Hypothekarkredite zu bündeln ("verbriefen") und dann mit dem Verkauf der Bündel auch das Ausfallrisiko komplett weiterzureichen. Als Käufer traten andere Banken, Fonds und Versicherer auf. 2007 belief sich das Volumen dieser Kredite auf ungefähr 450 Milliarden Euro. Das war problematisch, weil die Kreditpakete so komplex waren, dass die Käufer das mit ihnen verbundene Risiko nicht mehr beurteilen konnten. Auch Ratingagenturen, für die die Kommission Ende Oktober eigene Vorschläge vorlegen will, schätzten die Risiken oft falsch ein. Der Binnenmarktkommissar wollte bei der Reform der Eigenkapitalregeln (Basel II) ursprünglich bereits einen Selbstbehalt von mehr als 10 Prozent vorschlagen. Die Kreditbranche in der EU hatte dagegen jedoch heftigen Widerstand geleistet. McCreevy betonte am Mittwoch ausdrücklich, er würde es begrüßen, wenn das Europaparlament und die EU-Staaten in der Gesetzgebung eine höhere Schwelle festlegten. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) hat sich zuletzt für einen Selbstbehalt von 20 Prozent eingesetzt. Festgehalten hat McCreevy trotz der Kritik der Kreditbranche daran, die Vergabe von ungesicherten Krediten zwischen Banken auf 25 Prozent des Eigenkapitals einer Bank oder 150 Millionen Euro zu begrenzen - je nachdem welcher Wert höher ist. Bis dato gibt es solche Grenzen nur für Großkredite an Nichtbanken. Nach Ansicht der Branche verringern diese neuen Grenzen die Liquidität unnötig stark - zumal die Schwelle von 25 Prozent heute oft überschritten wird. Erstmals will die EU-Kommission mit dem Regelungsvorschlag außerdem eine Gruppenaufsicht für alle grenzüberschreitend tätigen Institute schaffen. Betroffen wären nach ihren Angaben 44 Kreditinstitute. Derzeit sind jeweils die nationalen Behörden für die Aufsicht über die in ihrem Gebiet tätigen Tochterinstitute zuständig. Die Brüsseler Wettbewerbshüter wollen nun erreichen, dass die nationalen Behörden derjenigen Mitgliedsländer, in denen ein Institut aktiv ist, über die nötige Eigenkapitalunterlegung für die Bank gemeinsam entscheiden. Das letzte Wort soll dabei im Streitfall jeweils die Aufsichtsbehörde des Landes haben, in dem der Hauptsitz der Bank ist. FAZ 2008/10/02 Europas Regierungen ringen um eigenen Rettungsplan für Finanzsystem. Verwirrung um Vorschlag aus Paris. Berlin: Davon halten wir nichts. Gipfel am Samstag. F.A.Z. Politik Bericht EU Seite 1 kA Europas Regierungen ringen um eigenen Rettungsplan für Finanzsystem. Verwirrung um Vorschlag aus Paris. Berlin: Davon halten wir nichts. Gipfel am Samstag. F.A.Z. FRANKFURT/BERLIN, 1. Oktober. Europas Regierungen ringen um einen Rettungsplan für das angeschlagene Finanzsystem. Der französische Staatspräsident Sarkozy hat die Regierungschefs Deutschlands, Italiens und Großbritanniens für Samstag nach Paris zu einem Gipfeltreffen eingeladen. Daran sollen auch EZB-Chef Trichet und der Vorsitzende der Eurogruppe, der luxemburgische Ministerpräsident Juncker, teilnehmen. Die französische Finanzministerin Lagarde sagte am Mittwoch: "Es gibt Ideen für einen europäischen Lösungsansatz." Paris dementierte aber Berichte, man werde bei dem Treffen einen europäischen Rettungsplan für die Finanzbranche im Volumen von 300 Milliarden Euro vorschlagen. "So etwas gibt es nicht", sagte Lagarde. Ein EU-Regierungsvertreter hatte zuvor der Nachrichtenagentur Reuters gesagt, Frankreich dringe auf ein derartiges Rettungspaket. Zur Finanzierung sollten die EU-Staaten jeweils drei Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts beitragen. Deutschland hatte derartigen Plänen eine Absage erteilt. Der deutsche Regierungssprecher Steg sagte, wenn der Gipfel stattfinde, werde auch Bundeskanzlerin Merkel teilnehmen. Spekulationen, dass die Auflage eines einheitlichen Rettungspakets für ganz Europa im Gespräch sei, wies er zurück. Pauschale europäische Lösungen beurteilte er zurückhaltend. Besser sei es, in jedem Einzelfall im jeweiligen nationalen Interesse zu entscheiden. Auch das Finanzministerium lehnt einen EU-Notfonds ab. "Von solchen Plänen hält die Bundesregierung gar nichts", sagte der Sprecher des Finanzministers. Derweil kommen aus der EU-Kommission in Brüssel Vorschläge, das Bankenwesen stärker zu regulieren. Bundeswirtschaftsminister Glos (CSU) wies solche Bestrebungen aber zurück. Er warnte davor, auf die Finanzkrise mit einem Übermaß an Regulierung zu reagieren. "Es ist verfehlt und kontraproduktiv, marktwirtschaftliches ,Laissez-faire' oder Renditestreben als vermeintliche Ursache allen Übels zu entlarven", heißt es in einem Positionspapier, das dieser Zeitung vorliegt. Damit stellte er sich auch gegen Finanzminister Steinbrück (SPD), der in seiner Regierungserklärung genau diese Phänomene kritisiert hatte. FAZ 2008/10/02 Amerika will Einlagensicherung der Banken erhöhen. Kompromissvorschlag für das Rettungspaket. ctg. Wirtschaft Bericht USA Seite 13 kA Amerika will Einlagensicherung der Banken erhöhen. Kompromissvorschlag für das Rettungspaket. ctg. WASHINGTON, 1. Oktober. Das milliardenschwere Rettungspaket für das amerikanische Finanzsystem soll um höhere staatliche Garantien für Bankguthaben sowie Steuererleichterungen für Unternehmen und Haushalte ergänzt werden. Das sieht ein Plan vor, der in Washington zirkulierte und über den der Senat womöglich schon am Mittwochabend (Ortszeit) abstimmen wollte. Ergänzungen zum 700 Milliarden Dollar umfassenden Hilfsplan für angeschlagene Banken sind notwendig geworden, um im Kongress eine Mehrheit für das Vorhaben zu gewinnen. Das Repräsentantenhaus hatte am Montag dem bisherigen Paket die Zustimmung verweigert und an Aktienbörsen einen schweren Kursrutsch ausgelöst. Die Verhandlungsführer der Demokraten und Republikaner griffen einen Vorschlag von Sheila Bair auf, der Vorsitzenden der Federal Deposit Insurance Corporation (FDIC), der staatlichen Einlagensicherungsgesellschaft. Bair hatte dafür plädiert, angesichts der Finanzkrise die Höchstgrenze, bis zu der Einlagen bei Banken, Spar- und Darlehenskassen versichert sind, vorübergehend anzuheben. Ein solcher Schritt könne dazu beitragen, das Vertrauen in die Banken zu stärken. Bisher sind durch die FDIC Guthaben bis zu einem Betrag von 100 000 Dollar versichert. Bair nannte keine konkrete Grenze. Die Präsidentschaftskandidaten, Barack Obama und John McCain, griffen ihren Vorschlag auf und sprachen sich für eine Anhebung auf 250 000 Dollar aus. Der Vorsitzende des Bankenausschusses im Senat, Christopher Dodd, äußerte Sympathie für den Plan. "Normalerweise würde ich darüber länger nachdenken als 24 Stunden", sagte der Demokrat. Republikaner aus dem Repräsentantenhaus, die am Montag in großer Zahl gegen das Paket gestimmt hatten, sagten, sie seien in die Ergänzungsvorschläge eingeweiht worden. Ein Sprecher des Führers der republikanischen Minderheit, John Boehner, teilte mit, Boehner habe "grünes Licht" gegeben. Es war zunächst nicht klar, warum eine Anhebung des Betrages nicht schon Bestandteil des gescheiterten Pakets war; Republikaner sagen, sie hätten in den Verhandlungen darauf gedrungen, seien aber auf Widerstand gestoßen. Demokraten entgegneten, ein solcher Vorschlag sei nicht gemacht worden. Obama und McCain appellierten derweil an den Kongress, nun zügig ein Rettungspaket zu schnüren. "Unternehmen im ganzen Land können mittlerweile keine Kredite mehr bekommen, um ihre Geschäfte zu finanzieren und Rechnungen zu bezahlen. Wenn wir nichts unternehmen, gehen womöglich viele unter", sagte McCain. Handle der Kongress nicht unverzüglich, sei eine "schmerzhafte Rezession" vorgezeichnet. Eine Anhebung des Höchstbetrages hätte zur Folge, dass der Einlagensicherungsfonds, der derzeit rund 45 Milliarden Dollar umfasst, mit zusätzlichen Mitteln ausgestattet werden müsste. Der Fonds wird nicht aus dem Bundeshaushalt gespeist, sondern durch Beiträge der rund 5250 Kreditinstitute. Die Bankpleiten der vergangenen Monate haben den Fonds schon erheblich belastet. Derzeit steht nur noch rund 1 Dollar je 100 Dollar versichertem Guthaben zur Verfügung, so wenig wie noch nie seit der Gründung der FDIC Anfang der dreißiger Jahre. Eine Beitragserhöhung könnte die ohnehin in Schwierigkeiten steckenden Banken zusätzlich belasten. Denkbar wäre, den Fonds durch das Finanzministerium auffüllen zu lassen. Zu den steuerlichen Plänen, die in das Paket aufgenommen werden könnten, zählen Anreize für Unternehmen zu Forschung und Entwicklung sowie eine Anhebung des Kinderfreibetrages. FAZ 2008/10/02 In einem stabilen Ungleichgewicht. Jones Lang LaSalle: Eine veritable Durststrecke für das Frankfurter Bankenviertel. jfr. Immobilienmarkt Bericht BRS Seite 15 kA In einem stabilen Ungleichgewicht. Jones Lang LaSalle: Eine veritable Durststrecke für das Frankfurter Bankenviertel. jfr. FRANKFURT, 1. Oktober. Die internationale Finanzkrise trifft auch die Immobilienwelt - augenblicklich sind es vor allem die Bankenplätze. Seit renommierte Institute wie Kartenhäuser zusammenbrechen, haben Tausende von Bankangestellten ihren Arbeitsplatz verloren. Die Kaufkraft in den Finanzzentren beginnt zu leiden. Auch gibt es auf unabsehbare Zeit keine Bonuszahlungen als Erfolgsprämie für Investmentbanker. Ob die Investmentszene überhaupt wieder eine so große Rolle spielen wird wie in den vergangenen Jahren, ist ungewiss. Frankfurt, Deutschlands Bankenmetropole Nummer eins, befindet sich "in einem stabilen Ungleichgewicht", sagt Marcus Mornhart, Leiter der Bürovermietung bei Jones Lang LaSalle in Frankfurt. In welche Richtung es weitergeht, lasse sich augenblicklich nicht sagen. So will der Vermietungsspezialist nicht ausschließen, dass die Kapitalflüsse im laufenden Jahr an der hessischen Immobilienhochburg vorbeiströmen und zu Rinnsalen verkümmern. Auch deute sich "eine veritable Durststrecke" auf dem Bürovermietungsmarkt in und um die Bürotürme an - aber frühestens im kommenden Jahr. Noch zehre dieser Markt von den Anmietungsentscheidungen der Nutzer in den vergangenen neun Monaten, sagt Mornhart. Von den zehn größten Abschlüssen seien immerhin neun seit April getätigt worden, drei im 3. Quartal mit Flächengrößen von einmal knapp 8000, einmal 10 000 und einmal 25 000 Quadratmetern. Das mit nicht ganz 120 000 Quadratmetern durchaus erfreuliche Quartalsvolumen (Juli bis Ende September) korrespondiere allerdings mit einer deutlich rückläufigen Anzahl der Vermietungen in diesem Zeitraum. "Dies in den letzten fünf Jahren das schlechteste Ergebnis und könnte als erster Hinweis auf eine wiederkehrende ,Erst mal abwarten'-Haltung deuten als erste Reaktion auf die Unwägbarkeiten der Bankenkrise", sagte Mornhart. Vertragsverhandlungen, die schon sehr weit gediehen waren, seien bisher auch durchgezogen worden. So weisen die Umsatzzahlen für das gesamte Dreivierteljahr 2008 mit mehr als 390 000 Quadratmetern ein Volumen aus, das 16 Prozent über dem Neunmonatsdurchschnitt der vergangenen fünf Jahre liegt. Ob das bis Jahresende so weitergehen werde, ist seiner Ansicht nach nicht sicher. Die Realität könnte manch ehrgeizigen Businessplan schneller einholen als gedacht - sowohl auf Mieter- wie auf Eigentümerseite. Insbesondere internationale Nutzer würden sich mehr Zeit für Flächenentscheidungen nehmen. Sollte alles positiv verlaufen, könnten in diesem Jahr deutlich mehr als eine halbe Million Quadratmeter erreicht werden - und zwar ohne die Flächen der Europäischen Zentralbank, die ihre Entscheidung auf November vertagt hat. Die warnenden Signale dürften aber nicht übersehen werden, mahnt der Vermietungsfachmann. So stagniere die Spitzenmiete augenblicklich bei 37 Euro je Quadratmeter im Monat. Das höherpreisige Segment sei aber weiterhin gefragt. Das zeigten die Abschlüsse oberhalb von 30 Euro. Immerhin sei die Hälfte der Mietverträge in dieser Größenordnung zwischen Juli und September unterschrieben worden. Die Fertigstellung von neuen und sanierten Büroflächen - in diesem Jahr nicht mehr als 70 000 Quadratmeter - werde erst im kommenden Jahr deutlich zunehmen. Wohin der Leerstand von gut 12 Prozent Ende September tendieren werde, hänge in erster Linie von der Realisierung der Großgesuche von mehr als 5000 Quadratmetern ab. Was 2008 kein Thema mehr war, könne im kommenden Jahr wieder auf der Tagesordnung stehen: die Rückkehr einer großen Zahl von Untermietflächen. FAZ 2008/10/02 Zuflucht am kurzen Laufzeitende. Risikoarme Rentenfonds profitieren von der Finanzkrise. Der Fondsbericht. sfu. Finanzmärkte und Geldanlage Bericht global Seite 27 kA Zuflucht am kurzen Laufzeitende. Risikoarme Rentenfonds profitieren von der Finanzkrise. Der Fondsbericht. sfu. FRANKFURT, 1. Oktober. Angesichts der neuen Panikattacken an den Kapitalmärkten in der Folge des Zusammenbruchs der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers können die lange Zeit von den Anlegern vernachlässigten klassischen Rentenfonds mit sicheren Staatsanleihen wieder ihre Stärken ausspielen. Kurzfristig betrachtet, stehen diese Fonds allesamt recht gut da. Allerdings haben die Kursverluste aus den Jahren 2006 und 2007 tiefe Spuren hinterlassen, so dass der Markt auch nach den Kursgewinnen der vergangenen Wochen immer noch zweigeteilt ist. Fonds, die in den schwierigen Jahren stark am langen Laufzeitende positioniert waren, befinden sich immer noch auf der Aufholjagd. Da sich die Plazierung in unserer Rangliste für Rentenfonds mit geringem Verlustrisiko neben der unterdurchschnittlichen Anzahl an Verlustmonaten auch an der Wertentwicklung über die vergangenen drei Jahre orientiert, dominieren derzeit die Spezialisten für Staatsanleihen mit kurzen Restlaufzeiten in der Tabelle. Diese waren von der schwachen Marktphase weniger stark betroffen, was ihnen einen Vorsprung verschafft hat. Die im ersten Halbjahr stark gestiegene Inflation im Euro-Raum, die dem Geschäft mit Rentenfonds lange Zeit zusetzte, ist inzwischen nahezu vollständig aus der Wahrnehmung der Anleger verschwunden. In diesen Tagen konzentriert sich die Aufmerksamkeit auf die sich wieder zuspitzende Finanzkrise und die Folgen der auftretenden Liquiditätsengpässe in einigen Banken. Das Ringen um das milliardenschwere Rettungspaket für die amerikanischen Banken sendet derzeit die entscheidenden Impulse für die Kapitalmärkte und damit auch den Anleihemarkt aus. Fundamentale Erwägungen wie Konjunkturabschwächung, Gewinnentwicklung der Unternehmen oder Inflation rücken dagegen in den Hintergrund. Allerdings bleibt der Preisauftrieb eine ständige Bedrohung für den Anlageerfolg von Rentenfonds. So angenehm der jüngste Renditerückgang von deutschen und amerikanischen Bundesanleihen für bereits investierte Anleger durch die damit verbundenen Kursgewinne sein mag - die Inflation frisst selbst bei einem Rückgang auf 3 Prozent immer noch den Großteil des Anlageerfolgs wieder auf. An dem verbleibenden Rest bedienen sich dann noch der Fiskus und die Fondsgesellschaft, so dass die Attraktivität von Staatsanleihen-Rentenfonds sich derzeit nahezu ausschließlich aus dem Umstand des vergleichsweise "sicheren Hafens" in der Finanzmarktkrise speist. Immerhin führte dieser Umstand dazu, dass sich der Mittelabfluss aus Rentenfonds im August deutlich verlangsamt hat. In unserer Rangliste mit Rentenfonds, die in der Vergangenheit ein geringes Verlustrisiko aufwiesen, haben sich inzwischen der Absolute-Return-Fonds von Julius Bär sowie der Total-Return-Fonds von DWS Investments in der oberen Tabellenhälfte festgesetzt. Ihr Versprechen an die Anleger, einen weitgehend kontinuierlichen Wertzuwachs ohne größere Schwankungen zu erwirtschaften, haben sie damit zunächst einmal erfüllt. Die beiden Spitzenfonds beschränken sich bei ihrem Vorgehen auf die Anlage in Anleihen, wobei sie aber durch den Einsatz von Derivaten sowohl von steigenden wie auch von fallenden Kursen profitieren können. Auch Währungsengagements spielen eine bedeutende Rolle in der Portfoliokonstruktion. Einige Fonds der Konkurrenz, die ebenfalls mit dem Etikett Total Return oder Absolute Return angeboten werden, beziehen auch andere Anlageklassen ein, so dass sie in der Rangliste keine Berücksichtigung finden können. Für Julius Bär hat sich der Absolute-Return-Ansatz inzwischen zu einem Absatzrenner entwickelt. Das verwaltete Vermögen geht derzeit auf die Schwelle von vier Milliarden Euro zu. FAZ 2008/10/02 Kreditkrise frisst drei Jahresgewinne der Banken auf. Die Investmentbanken werden in dieser Finanzkrise mehr von den zuvor erzielten Gewinnen wieder verlieren als in früheren Krisen. Die Unternehmensberatung Boston Consulting Group spricht sich in dieser "für die Banken historisch einmaligen Krisensituation" für staatliche Hilfe durch eine gemeinsame Aktion von Europas Regierungen aus. ham. Finanzmärkte und Geldanlage Bericht USA Seite 26 kA Kreditkrise frisst drei Jahresgewinne der Banken auf. Die Investmentbanken werden in dieser Finanzkrise mehr von den zuvor erzielten Gewinnen wieder verlieren als in früheren Krisen. Die Unternehmensberatung Boston Consulting Group spricht sich in dieser "für die Banken historisch einmaligen Krisensituation" für staatliche Hilfe durch eine gemeinsame Aktion von Europas Regierungen aus. ham. FRANKFURT, 1. Oktober. Für die Investmentbanken droht die laufende Kreditkrise weit verheerendere Auswirkungen zu haben als alle Kapitalmarktkrisen seit den achtziger Jahren. "Unsere Erwartung ist, dass allein die direkten Effekte - also Abschreibungen, Bewertungsverluste und Marktverwerfungen - drei Jahresgewinne der Bankenindustrie vollständig aufzehren werden", sagt Robert Grübner, der in der Beratungsgesellschaft Boston Consulting Group (BCG) für das europäische Investmentbanking zuständig ist. Mit einem Verlust von voraussichtlich zwölf Quartalsgewinnen werde die aktuelle Krise die Sparkassenkrise in Amerika Ende der achtziger Jahre, die die Investmentbanken auf einen Schlag fast sieben Quartalsgewinne kostete, und die Internetblase zu Beginn des Jahrtausends mit gut vier Quartalsgewinnen deutlich in den Schatten stellen. Im Angesicht der aktuellen Krise fast unbedeutend erscheinen die Asien-Krise und der Zusammenbruch des Hedge-Fonds LTCM im Jahr 1998 mit Gesamtausfällen für die Investmentbanken von lediglich etwas mehr als einem Quartalsgewinn. Grübner spricht sich denn auch "in dieser historisch einmaligen Krisensituation für eine konzertierte staatliche Stützungsaktion zugunsten der Banken in Europa aus. Eindringlich warnt er im Gespräch mit dieser Zeitung davor, das Potential der Krise zu unterschätzen: "Die Vermögenswerte der Banken, also die Aktivseite der Bilanz mit den ausgereichten Krediten, werden von Investoren deutlich niedriger bewertet. Wenn die europäischen Regierungen jetzt nicht eingreifen und durch das Bieten von Preisen eine Untergrenze einziehen, wird der zur Deckung von Verlusten nötige Kapitalbedarf für die Banken immer größer." Für Grübner sind die direkten Effekte der Krise ohnehin nur der Anfang der Belastungen, die zu tiefgreifenden Veränderungen führen werden. "Das bis vor kurzem ideale Umfeld für Investmentbanken hat sich abrupt und für absehbare Zeit umgekehrt. Investmentbanken müssen sich darauf einstellen, dass sie stärker reguliert werden, im Verhältnis zum Eigenkapital mit weniger Verschuldung werden arbeiten dürfen und dass insgesamt weniger Kreditvolumen bewegt wird. Dies drückt auf die Renditen und macht im Gegenzug die bisher wenig geschätzten Kundeneinlagen ungemein wertvoll." Falls Grübner recht behält, wäre das bisherige Geschäftsmodell der Investmentbanken am Ende. Bislang setzen Investmentbanken ganz auf Provisionen vorzugsweise aus der Begleitung von Börsengängen, Unternehmenskäufen und Anleiheemissionen. Sie brauchten bisher keine Kundeneinlagen und waren dennoch in der Lage, mit einem Euro Eigenkapital bis zu 30 Euro kurzfristigen Kredit am Kapitalmarkt aufzunehmen. Allerdings ist diese Geldquelle im Zuge der Kreditkrise fast völlig versiegt. Bis auf Goldman Sachs und mit Abstrichen Morgan Stanley haben denn auch alle großen amerikanischen Investmentbanken - von Merrill Lynch über Lehman Brothers bis zu Bear Stearns - ihre Unabhängigkeit verloren. Und Goldman Sachs musste sich zur Refinanzierung der Investmentlegende Warren Buffett bedienen. Angesichts dieser Krisensignale fällt kaum ins Gewicht, dass die Einnahmen der neun führenden Investmentbanken nach der jüngsten Auswertung von Boston Consulting im zweiten Quartal auch unter Berücksichtigung der Wertberichtigungen mit 12,9 Milliarden Dollar deutlich positiv waren. Das war im ersten Quartal mit einem Minus von 2,2 Milliarden Dollar und vor allem im vierten Quartal 2007 mit einem Minus von 19 Milliarden Dollar noch ganz anders gewesen. Während das Zinsgeschäft wegen der weiterhin hohen Bewertungsverluste insgesamt deutlich negativ blieb und die Einnahmen aus dem Aktienhandelsgeschäft unter einem Umsatzrückgang von 10 Prozent litten, kam Schwung in das Beratungsgeschäft und das Geschäft mit Unternehmensfinanzierungen (Corporate Finance). Trotz dieser leichten Verbesserungen des Marktumfeldes im zweiten Quartal im Vergleich zum ersten geht BCG-Partner Grübner davon aus, dass für viele Banken an Kostensenkungen und Zusammenschlüssen kein Weg vorbeiführt. "Derzeit geht es in vielen Häusern aber zunächst einmal um kurzfristige Krisenbewältigung", sagt Grübner. Längerfristig müssten sich die heutigen Investmentbanken dann entscheiden, ob sie entweder den Hedge-Fonds ähnliche Handelshäuser sein oder sich in Universalbanken integrieren wollen, die ihrerseits Kundeneinlagen und damit Liquiditätspolster haben. FAZ 2008/10/02 Der Emissionskalender. Implizite Staatsgarantie. Stefan Ruhkamp Finanzmarkt Bericht BRD Seite 25 Emissionskalender Der Emissionskalender. Implizite Staatsgarantie. In der Krise ziehen sich risikoscheue Anleger zu Recht auf Anlagen zurück, die besonders sicher und besonders leicht zu handeln sind. Leider macht das im Moment jedermann. Und dadurch sind die Preise für erstklassige Anleihen in die Höhe geschossen. Das hat in der derzeitigen Massenflucht wenig mit guten oder sehr guten Bonitätsnoten zu tun. Wie wenig die zu bedeuten haben, hat das Beispiel des amerikanischen Versicherers AIG gezeigt, der innerhalb von wenigen Tagen von einem vermeintlich guten Schuldner zum Pleitekandidaten wurde, der nur mit staatlicher Hilfe vor dem sofortigen Zusammenbruch bewahrt werden konnte. Als wirklich erstklassig gelten heute nur noch Staatsanleihen, und auch dabei werden große Unterschiede gemacht. Besonders kostspielig sind deutsche Bundesanleihen. Alle Banken sind froh, wenn sie möglichst viele von den Titeln im Bestand haben, weil sie leicht wieder zu Geld gemacht werden können und bedingungslos als Sicherheit akzeptiert werden. Das macht sie aber auch extrem teuer. Auf dem derzeitigen Kursniveau versprechen zehnjährige Bundesanleihen nur noch einen jährlichen Ertrag von 4 Prozent. Angesichts einer Inflationsrate von immer noch deutlich mehr als 3 Prozent und unter Berücksichtigung der Steuern, gelingt oft nicht einmal der reale Kapitalerhalt. In der Finanzkrise sind zwar die Ansprüche der Anleger gesunken. Ein kleiner realer Verlust auf dem Anleihemarkt ist allemal besser als ein großer auf dem Aktienmarkt. Aber auch in der Finanzkrise lohnt es sich, nach kleinen Vorteilen zu suchen. Dafür muss man nicht Vabanque spielen. Für Anleger, die Anleihen bis zur Fälligkeit halten wollen, gibt es Titel, die nicht wesentlich weniger sicher sind als Bundesanleihen und dennoch spürbar höhere Erträge abwerfen. Der erste Blick gilt den europäischen Nachbarn, deren Staatsfinanzen ähnlich stabil sind wie die deutschen. Französische, niederländische und österreichische Staatsanleihen ermöglichen bei zehn Jahren Laufzeit eine jährliche Rendite von 4,3 Prozent, immerhin 0,3 Prozentpunkte mehr als deutsche Bundesanleihen. Das ist nicht die Welt, hilft aber schon mal weiter. Auch spanische Titel dürften - trotz der beginnenden Immobilienkrise - unbedenklich sein. Sie versprechen rund 4,5 Prozent Ertrag. Wer noch mutiger ist und fest an den Bestand des Euro-Währungsraums glaubt, wagt sich an griechische Anleihen heran, die Renditen von bis zu 4,9 Prozent ermöglichen. Auf diesem Niveau gibt es allerdings auch in der Heimat Anleihen, die sich risikoscheue Anleger erlauben dürfen: die deutschen Pfandbriefe. Das scheint zunächst gewagt, ist doch gerade der Dax-Konzern Hypo Real Estate, einer der größten Emittenten, mit einer staatlichen Bürgschaft vor der Pleite bewahrt worden. Doch gerade das ist ein Pluspunkt. Deutlicher hätten Aufsicht und Regierung nicht signalisieren könnten, dass sie jeden Zweifel an der Stabilität des Pfandbriefmarkts mit viel Geld im Keim ersticken werden. Die Anleger können also auf eine implizite Staatsgarantie vertrauen. Das bedeutet doppelte Sicherheit, denn auch ohne den Staatseingriff sind Pfandbriefe so gut besichert, dass sie selbst im Fall einer Insolvenz aller Voraussicht nach voll bedient werden. Zwar ist das Insolvenzverfahren und die Abwicklung eines Deckungsstocks noch nie praktiziert worden. Aber die für den Treuhänder reservierten Vermögenswerte sind guter Qualität und mehr als ausreichend. Sollte die Hoffnung auf staatliche Hilfe im Ernstfall also doch enttäuscht werden, stünden die Anleger nicht vor einem Scherbenhaufen. Pfandbriefe sind entweder mit Staatskrediten oder mit Hypotheken besichert. Die Hypotheken dürfen nur bis maximal 60 Prozent des Beleihungswertes, das ist etwa die Hälfte des Marktwertes der Häuser, als Deckung gezählt werden. Die als Deckung verwendeten Staatskredite müssen an solide Länder vergeben worden sein. Obendrein ist eine Überdeckung von zwei Prozent Pflicht. Es müsste also schon eine Menge schiefgehen, zum Beispiel ein Verfall der Immobilienpreise um mehr als 30 oder 40 Prozent, ehe die Rückzahlung der Pfandbriefe gefährdet wäre. Und auch in einem solchen kaum vorstellbaren Horrorszenario müssten die Anleger keinen Totalverlust fürchten. Wegen der Schieflage der Hypo Real Estate ist zwar der institutionelle Handel mit Pfandbriefen abermals zum Erliegen gekommen. Private Sparer können aber weiterhin kaufen und verkaufen. Weil sich viele Banken derzeit von Pfandbriefen mit kurzer Laufzeit trennen wollen, sind diese besonders günstig zu haben. Titel mit einjähriger Restlaufzeit versprechen derzeit eine Rendite von durchschnittlich 5,5 Prozent. So hoch war der Risikoaufschlag gegenüber Bundesanleihen noch nie. Bei längeren Laufzeiten sind die Zusatzrenditen etwas geringer. Im Durchschnitt aller Laufzeiten können Käufer einen jährlichen Ertrag von rund 4,8 Prozent erwarten. Für Neuemissionen ist der Markt derzeit fast vollständig geschlossen. Am ehesten erhalten staatsnahe Banken ungehinderten Zugang. Private Institute kommen - wenn überhaupt - nur mit kleinen Emissionen zum Zuge. Stefan Ruhkamp FAZ 2008/10/02 Normalität statt Krise. kA Rüdiger Köhn Unternehmen und Wetter Kommentar BRD; global Seite 24 kA Normalität statt Krise. Von Rüdiger Köhn. Ist die Finanzkrise in der realen Wirtschaft angekommen? Der Auftragseinbruch im Maschinenbau deutet darauf hin: Die deutschen Unternehmen erleben im Ausland den Ansatz eines Bestellstreiks, vor allem in den Vereinigten Staaten - wo die Turbulenzen ihren Ursprung genommen haben. Die grassierende Unsicherheit führt zur Zurückhaltung in den Investitionen, was mit Psychologie zu tun hat. Konkret zu spüren ist zudem die Konjunkturmüdigkeit. Denn weniger Aufträge kommen auch aus Ländern wie Spanien oder Japan, deren Banken noch nicht so stark vom Krisenvirus erfasst worden sind. Auf den Inlandsmarkt bezogen, ist die Eingangsfrage indes eindeutig mit "Nein" zu beantworten. Die Bestelleingänge sind sogar weiter gestiegen. Trotz eines unüberhörbaren Pessimismus laufen die Geschäfte im Vergleich zu den europäischen Nachbarn gut. Der grundsätzliche Abwärtstrend ist zwar unbestritten; für das Ausrufen einer Krise ist es aber zu früh. Die Maschinenbauer sitzen auf hohen Auftragsbeständen. Die Produktion ist zu 91 Prozent ausgelastet, der langjährige Durchschnitt liegt bei nur 85 Prozent. Reden wir also von einer Normalisierung. Die Frage nach der Krise muss in einigen Monaten beantwortet werden. FAZ 2008/10/02 Stifter sehen Krise gelassen. Einzelne Vorsichtsmaßnahmen gegen Finanzklemme. mir. Unternehmen Bericht BRD Seite 18 kA Stifter sehen Krise gelassen. Einzelne Vorsichtsmaßnahmen gegen Finanzklemme. mir. HEIDELBERG, 1.Oktober. Die Finanzkrise sorgt unter den Stiftungen der beiden SAP-Mitgründer Dietmar Hopp und Klaus Tschira, deren Stiftungsvermögen größtenteils aus SAP-Aktien besteht, dieser Tage nicht für Nervosität. Klaus Tschira erzählt ganz entspannt, dass die SAP-Aktien seiner Stiftung bei der untergegangenen Investmentbank Lehman Brothers treuhänderisch verwaltet werden. "Das ist kein Problem", sagte er am Rande des Medientreffs des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen dieser Zeitung. Die Aktien bekomme er schon wieder. Die Projekte der Stiftung seien von Finanzmarktschwankungen ohnehin nicht betroffen. Für jedes zugesagte Projekt werde sofort eine projektbezogene Rückstellung gebildet. "So können wir zugesagte Vorhaben auch fördern", stellt Tschira klar. Seine Stiftung widmet sich der Förderung der Naturwissenschaften und deren allgemeinverständlicher Darstellung. Das beginnt mit Projekten in Kindergärten und Schulen und reicht bis zur Unterstützung von Forschungsprojekten an Hochschulen. Im Fall von Dietmar Hopps Stiftung, die ebenfalls mit SAP-Aktien dotiert ist und sich wie Tschiras Stiftung aus der Dividende des Softwarekonzerns speist, sieht die Lage allerdings etwas anders aus. "Manche sagen eine Rezession für die nächsten Jahre voraus. Wer kann mir versichern, dass SAP in fünf Jahren noch Dividende zahlt?", fragt Hopp in die Runde. Wenn dies nicht mehr der Fall sei, dann müsse seine Stiftung möglicherweise SAP-Aktien verkaufen, um die eingegangenen Verpflichtungen einzuhalten. Dann schlügen aber zwei Herzen in seiner Brust. Einerseits wolle er mit den Aktien dem SAP-Konzern Stabilität geben. Andererseits wolle er eingegangene Verpflichtungen auch erfüllen. "SAP-Aktien sind keine heiligen Kühe", sagt Hopp. Seine Stiftung fördert jugendliche Fußballer und parallel dazu deren berufliche und soziale Entwicklung. Ein zweiter Schwerpunkt der Hopp-Stiftung sind Förderprojekte für ältere Menschen. Die Gefahr eines Dividendenausfalls ist bei SAP zurzeit auch nicht gegeben, im Gegenteil. Die Geschäfte dürften trotz der Finanzkrise gut gehen. Zuletzt legte der Konkurrent Oracle recht gute Zahlen vor, was auch der SAP-Aktie Auftrieb gab. Der Aktienkurs von SAP ist seit Mitte September zwar auch gesunken, hat sich aber besser gehalten als etwa der Aktienindex Dax. Analysten der Deutschen Bank rieten gestern zum Kauf der Aktie. Mit SAP selbst haben Tschira und Hopp eigenen Angaben zufolge heute wenig zu tun. "Ich bin Rentner", versichert Hopp, und Tschira entnimmt nach eigenen Angaben Nachrichten über SAP der Zeitung. Marli Hoppe-Ritter, Enkelin des Firmengründers der Alfred Ritter Schokoladenfabrik (Ritter Sport), die eine Kunststiftung hat, sagte, dass sie "bis jetzt noch nichts von der Finanzkrise spürt". Rund 15 Prozent des Stiftungsvermögens sind in Aktien angelegt, der Rest in Rentenpapieren. Und Rainer Wild, einst ein Mitgesellschafter der gleichnamigen Capri-Sonne-Muttergesellschaft, fühlt sich überhaupt nicht betroffen. Lange Zeit waren bei seiner Stiftung, die sich um gesunde Ernährung kümmert, Aktien als Vermögensanlage tabu, heute ist der Anteil so klein, dass er ihm nicht mal auf Anhieb einfällt. FAZ 2008/10/02 Unmut über Irlands Garantie. Das Geld geht dahin, wo ihm Sicherheit geboten wird. Deshalb fließen jetzt Mittel aus Großbritannien nach Irland - sehr zum Ärger der britischen Regierung, die selber ähnliche Garantien ablehnt. Sicher scheint inzwischen aber die Übernahme von HBOS durch Lloyds. Auch hier hatte es Zweifel gegeben. bes. Unternehmen Bericht EU Seite 18 kA Unmut über Irlands Garantie. Das Geld geht dahin, wo ihm Sicherheit geboten wird. Deshalb fließen jetzt Mittel aus Großbritannien nach Irland - sehr zum Ärger der britischen Regierung, die selber ähnliche Garantien ablehnt. Sicher scheint inzwischen aber die Übernahme von HBOS durch Lloyds. Auch hier hatte es Zweifel gegeben. bes. LONDON, 1. Oktober. Die von den europäischen Regierungen sehr unterschiedlich gehandhabten Bankrettungen führen hinter den Kulissen zu argwöhnischen Blicken auf Wettbewerbsvorteile, die sich ein Land mit seinen Banken gegenüber einem anderen Land verschaffen könnte. So warnte ein Sprecher der britischen Regierung, Irland müsse sicherstellen, dass seine Staatsgarantie für sämtliche Einlagen aller irischen Banken mit dem Wettbewerbsrecht der Europäischen Union vereinbar sei. Offenbar haben zahlreiche britische Unternehmen nach Ankündigung der irischen Staatsgarantie liquide Mittel auf Konten irischer Banken transferiert, was von britischen Banken mit Unmut beobachtet wurde. Der britische Premierminister Gordon Brown hat indessen eine komplette Staatsgarantie aller britischer Bankeinlagen abgelehnt und betont, Großbritannien werde dem Beispiel Irlands nicht folgen. Der Betrag, der derzeit durch das britische Einlagensicherungssystem garantiert ist, beläuft sich immer noch auf 35 000 Pfund, umgerechnet 42 000 Euro. Eine Erhöhung des Betrages auf 50 000 Pfund wurde jetzt sogar auf einen unbestimmten Zeitpunkt nach der Krise verschoben, weil eine Änderung sonst angeblich zu schädlich für britische Banken sein könne. Allerdings hat die britische Regierung kurz vor der Verstaatlichung von der Hypothekenbank Northern Rock betont, alle Einlagen von Northern Rock und ähnlichen Fällen seien abgesichert. Unterdessen hält die Unsicherheit in der Londoner City über den Verlauf der Finanzkrise an. Nach den zahlreichen Bankzusammenbrüchen in Europa verunsichern nun immer wieder Gerüchte die Marktteilnehmer und die Bevölkerung. Am Dienstag verängstigten Meldungen die Aktionäre von HBOS, die geplante Übernahme der Hypothekenbank durch die britische Bank Lloyds TSB könne eventuell scheitern. Schließlich war vergangenen Woche auf Druck des britischen Finanzministeriums vereinbart worden, dass Lloyds TSB die strauchelnde HBOS auffangen werde und jedem Aktionär von HBOS 0,83 Aktien von Lloyds TSB für 1 HBOS-Aktie zahlen werde. Doch nachdem der Aktienkurs von HBOS in den vergangenen Tagen deutlich gesunken war, tauchten am Dienstag Gerüchte in der Londoner City auf, das Bezugsverhältnis der Aktien werde von Lloyds TSB vielleicht reduziert. Anderenfalls zahle Lloyds TSB zu viel für die wackelige Hypothekenbank, und dies würden die Hauptaktionäre der britischen Bank nicht akzeptieren. Vielleicht werde die geplante Übernahme von den Großaktionären von Lloyds TSB nicht abgesegnet. Der Aktienkurs von HBOS brach am Dienstag auf 122,4 Pence ein. Dies bedeutete einen Abschlag von mehr als 30 Prozent auf das Übernahmeangebot von Lloyds TSB zu praktisch 187 Pence je HBOS-Aktie. Die Gefahr, dass die Übernahme platzen und der Aktienkurs von HBOS ins Bodenlose stürzen könnte, wurde an der Börse offenbar hoch bewertet. Am Mittwoch löste sich die Gerüchteküche mit einem deftigen Kurssprung von HBOS von 26 Prozent wieder auf. Standard Life Investments, ein Großinvestor von Lloyds TSB, der an der Bank eine Beteiligung von 3 Prozent hält, gab bekannt, dass er keine Bedenken gegen die geplante Rettung von HBOS durch Lloyds TSB habe. Auch andere Großinvestoren der etwa 20 institutionellen Anleger von Lloyds TSB deuteten hinter den Kulissen an, dass sie kein neues Angebot wünschten. Die Europäische Kommission erteilte indessen eine vorläufige Erlaubnis, die Hypothekenbank Bradford & Bingley vorläufig verstaatlichen zu dürfen. Eine detaillierte Entscheidung wird den Briten nach einem formalen Antrag in Brüssel im nächsten halben Jahr erteilt. FAZ 2008/10/02 EU-Kommission verteidigt ihre Wettbewerbspolitik. "Beihilferegeln sind Teil der Lösung der Finanzkrise, nicht des Problems". wmu. Wirtschaft Bericht EU Seite 16 kA EU-Kommission verteidigt ihre Wettbewerbspolitik. "Beihilferegeln sind Teil der Lösung der Finanzkrise, nicht des Problems". wmu. BRÜSSEL, 1. Oktober. Die staatlichen Hilfsaktionen für Banken infolge der internationalen Finanzkrise sind für die Europäische Kommission kein Grund, ihre Wettbewerbspolitik zu ändern. Das haben EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes am Mittwoch in Brüssel klargestellt. Sie verteidigten damit das weiterhin harte Vorgehen der EU-Behörde gegen die West LB. Zudem wiesen sie Forderungen zurück, die europäischen Beihilferegeln müssten angesichts der Krise geändert werden. "Die Beihilferegeln sind Teil der Lösung, nicht Teil des Problems", sagte Kroes. Mit Blick auf den irischen Beschluss zu einer unbegrenzten Staatsgarantie für die sechs größten Banken des Landes warnte sie zugleich vor nationalen Alleingängen. "Ich möchte die Regierungen dringend bitten, keine einseitigen Schritte zu unternehmen, sondern bei Problemen, die staatliche Hilfe auf dem Bankensektor erfordern, weiterhin die Kommission hinzuzuziehen." Sonst drohe Protektionismus. Barroso sagte, auf anderen Regulierungsfeldern sei die Finanzkrise Anlass, "mehr zu tun" und in der EU besser zusammenzuarbeiten. Als Beispiele nannte er neben den Vorschlägen zu den Eigenkapitalregeln für Banken und zur Einlagensicherung eine Verschärfung der Rechnungslegungsregeln und Bestimmungen zu den Managergehältern. Außerdem müssten sich die Mitgliedstaaten durch weitere Strukturreformen darauf einrichten, dass die Finanzmarktkrise Folgen für die Realwirtschaft haben werde. Barroso kündigte eine "gemeinsame europäische Antwort der Europäer" auf die Finanzmarktkrise für das EU-Gipfeltreffen in zwei Wochen an. Kroes verwies darauf, dass die EU-Wettbewerbsbehörde auf staatliche Rettungsaktionen extrem schnell reagieren könne, wenn die Mitgliedstaaten gut mit ihr zusammenarbeiteten. Als Beispiel nannte sie, dass die Kommission schon am Mittwoch das am Wochenende beschlossene Rettungspaket für die britische Hypothekenbank Bradford & Bingley genehmigt hat. Zwischen der formellen Anmeldung und ihrer Genehmigung lagen gerade einmal 24 Stunden. "Beihilfenkontrolle ist kein Hindernis, wenn es darum geht, die Interessen der Sparer zu schützen und die Stabilität der Finanzmärkte zu fördern", sagte Kroes. In mehreren Staaten ist derzeit zu hören, die Kommission handhabe die Beihilferegeln angesichts der Krise zu "orthodox". Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) hatte der Kommissarin im Zusammenhang mit dem Beihilfeverfahren gegen die West LB vorgeworfen, sie beachte die Folgen der Krise zu wenig. Kroes wies diesen Vorwurf am Mittwoch zurück, nachdem die Kommissare beschlossen hatten, ein vertieftes Prüfverfahren gegen die West LB einzuleiten (F.A.Z. vom 1. Oktober). Sie verwies darauf, dass die Kommission verschiedene Beihilfearten nach unterschiedlichen Kriterien prüfen müsse. "Wenn wir akute Rettungspläne untersuchen, handelt es sich um Rettungsbeihilfen - so wie jetzt bei Bradford & Bingley und wie im Frühjahr bei der West LB. Da müssen wir vor allem schnell sein. Aber diese Unternehmen müssen uns danach auch zeigen, dass sie auf Dauer ohne Staatshilfen überlebensfähig sind." Die West LB hat der Kommission im August einen Sanierungsplan vorgelegt, von dem Kroes bereits vor einigen Wochen sagte, dass er "nicht funktionieren" werde. Das Bundesfinanzministerium erwartet, dass die Brüsseler Behörde das deutsche Rettungspaket für die Hypo Real Estate Group (HRE) ähnlich schnell genehmigt wie die britischen Beihilfen für Bradford & Bingley. Das HRE-Paket unterscheide sich "in nichts" von Rettungsaktionen anderer Staaten, sagte Steinbrücks Sprecher in Berlin. Die vom Bund für die vorläufige HRE-Rettung zugesagte Bürgschaft ist mittlerweile in Brüssel als Rettungsbeihilfe angemeldet.de von Lloyds TSB vielleicht reduziert. FAZ 2008/10/02 Das Handwerk spürt die Finanzkrise. kA dpa Wirtschaft Meldung BRD Seite 15 kA Das Handwerk spürt die Finanzkrise. MÜNCHEN, 1. Oktober (dpa). Das deutsche Handwerk stellt sich wegen der Konjunkturabkühlung und der Finanzkrise auf einen Umsatzrückgang von mehr als einem Prozent in diesem Jahr ein. Damit dürften die Erlöse der Betriebe von rund 490 Milliarden Euro im Vorjahr auf etwa 485 Milliarden Euro zurückgehen. Dem schwierigeren wirtschaftlichen Umfeld könne sich auch das Handwerk nicht entziehen, sagte Handwerks-Generalsekretär Hanns-Eberhard Schleyer am Mittwoch in München. Sorge bereite der schwache Konsum. Zudem dürften auch die Impulse aus Export und Investitionen nachlassen. Die weitere Entwicklung der Finanzkrise sei nicht abzusehen. Die Branche erwartet eine Stabilisierung der Beschäftigtenzahlen angesichts der noch guten Auslastung der Betriebe. Rund 4,83 Millionen Menschen waren zuletzt im deutschen Handwerk beschäftigt. Ein milder Winter und ein gutes erstes Halbjahr hatten zeitweise für Neueinstellungen gesorgt. Sollte sich neben der Binnennachfrage in den kommenden Monaten aber auch der Export abschwächen, könnte es mit den Beschäftigtenzahlen wieder abwärtsgehen. Wegen der Finanzkrise fürchtet das Handwerk vor allem zusätzlich erschwerte Kreditbedingungen für kleine und mittelständische Betriebe. 80 Prozent dieser Unternehmen hätten schon in den vergangenen Jahren wachsende Probleme gehabt, vor allem bei Großbanken an Kredite zu kommen, sagte Schleyer. FAZ 2008/10/04 Buffett wettet auf das staatliche Rettungspaket. Berühmter Investor bezeichnet Finanzkrise als "ökonomisches Pearl Harbor". Beteiligung an General Electric. nks. Finanzmarkt Bericht USA Seite 19 kA Buffett wettet auf das staatliche Rettungspaket. Berühmter Investor bezeichnet Finanzkrise als "ökonomisches Pearl Harbor". Beteiligung an General Electric. nks. NEW YORK, 3. Oktober. Der berühmte Investor Warren Buffett hat das Ausmaß der aktuellen Finanzkrise mit dem Angriff der Japaner auf den amerikanischen Flottenstützpunkt verglichen, der die Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg hineingezogen hatte. "Das ist wirklich ein ökonomisches Pearl Harbor", sagte Buffett in einem Fernsehinterview. Ein Scheitern des Rettungspaketes für die Banken hätte nach Ansicht von Buffett für Probleme in der realen Wirtschaft gesorgt. "Ich glaube nicht, dass ich, seitdem ich erwachsen bin, jemals Menschen wegen der wirtschaftlichen Lage so angsterfüllt gesehen habe wie jetzt", sagte der 78 Jahre alte Buffett, der die große Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre erlebt hatte. Nach dem Kongress stimmte am Freitag auch das Repräsentantenhaus dem 700-Milliarden-Dollar-Paket, mit dem der eingefrorenere Kreditfluss der Banken wieder in Gang gesetzt werden soll, zu. Noch am Montag war eine erste Version des Rettungsplans im Repräsentantenhaus abgelehnt worden. Das hatte für starke Kurseinbrüche an den Börsen gesorgt. Buffett hat angekündigt, dass er 7 Milliarden Dollar zu dem Rettungsplan beisteuern würde, mit dem die Regierung den angeschlagenen Banken faule Hypothekenkredite abnehmen will. "Wenn mir das Finanzministerium die Möglichkeit gäbe, würde ich mich mit einem Prozent beteiligen", sagte Buffett. Buffett, dessen Anlagegesellschaft Berkshire Hathaway Ende Juni über Barmittel von 31,2 Milliarden Dollar verfügte, hat im vergangenen Monat mehrere große Investitionen getätigt. Buffett ist für Anlagen in unterbewertete Aktien, sogenannte Substanzwerte, bekannt. Er versuche immer "gierig" zu sein, wenn andere Angst haben, sagte er. Am Mittwoch wurde bekannt, dass sich Buffett am größten amerikanischen Mischkonzern General Electric (GE) beteiligt, wie in einer Teilausgabe bereits berichtet. Buffett kauft GE-Vorzugsaktien für 3 Milliarden Dollar. Sie verbriefen im Gegensatz zu Stammaktien keine Stimmrechte, werden aber mit 10 Prozent verzinst. Buffett sicherte sich zudem die Option, in den kommenden fünf Jahren jederzeit GE-Stammaktien für je 22,25 Dollar zu erwerben. Der Kaufpreis liegt unter dem aktuellen Aktienkurs. Der Konzern GE, der wegen seiner breitgefächerten Produktpalette als eine Art Konjunkturindikator gilt, will zudem über eine Kapitalerhöhung weitere 12 Milliarden Dollar aufnehmen. "GE ist das Symbol der amerikanischen Wirtschaft für die Welt. Ich bin sicher, dass GE in den kommenden Jahren weiter erfolgreich sein wird", sagte Buffett. GE-Aktien waren an der Börse unter Druck geraten, weil es Gerüchte gab, dass die große Finanzsparte des Konzerns in Schieflage geraten könnte. Solche Gerüchte haben in den vergangenen Wochen die Finanzierungsmöglichkeiten von Banken am Kapitalmarkt stark beeinträchtigt. Erst vor einer Woche hatte sich Buffett an der zuvor an der Börse ebenfalls stark unter Druck geratenen Bank Goldman Sachs beteiligt. Diese Transaktion war ähnlich strukturiert wie die mit GE. Buffett erwarb 5 Milliarden Dollar Vorzugsaktien von Goldman, die eine Dividende von 10 Prozent zahlen. Goldman behält sich das Recht vor, die Papiere mit einem Aufschlag von 10 Prozent jederzeit zurückzukaufen. Zusätzlich hat Buffett die Option erworben, Goldman-Stammaktien für 5 Milliarden Dollar zu kaufen, deren Ausübungspreis unterhalb des damaligen Börsenkurses lag. Berkshire hält auch große Beteiligungen an Finanzdienstleistern wie dem Kreditkartenriesen American Express oder den großen amerikanischen Regionalbanken Wells Fargo und US Bancorp. Bis jetzt hatte er sich trotz der wegen der Kreditkrise stark gefallenen Kurse mit großen Neuanlagen in Banken zurückgehalten. Buffett machte den Erfolg seiner neuen Investments aber von der Wirkung des Banken-Rettungspakets abhängig. "Andernfalls werde ich einige dumme Sachen gemacht haben", sagte Buffett. FAZ 2008/10/04 Die Börsenwoche. Fürchtet euch nicht. Hanno Mussler Wirtschaft Bericht BRD Seite 19 Börsenwoche Die Börsenwoche. Fürchtet euch nicht. Furchtbar. Anders kann das FAZit aus Anlegersicht für diese Woche kaum lauten. Die Finanzkrise ist mitten in Deutschland angekommen. Privatanleger müssen mitansehen, wie hartgesottene Banker das Vertrauen in den Markt verlieren und nach dem Staat rufen. So groß ist das Misstrauen ineinander, dass die Münchener Immobilienbank Hypo Real Estate einen staatlich garantierten Notkredit braucht. Von den Banken, bei denen sich die Hypo Real Estate üblicherweise permanent kurzfristig Geld leiht, ist in diesen Tagen wenig zu holen. Fast alle Banken halten ihr Geld zusammen und verschärfen damit die Krise. Vor allem wer kurzfristig Dollar braucht, muss zum Teil gewaltige Zinsen zahlen. Statt 2 Prozent, dem eigentlichen Zielzins der amerikanischen Notenbank für Tagesgeld, haben Banken in dieser Woche sogar teilweise mehr als 10 Prozent Schuldzinsen geboten, um an Geld zu kommen. Ohne die Zentralbanken, die riesige Milliardenbeträge außer der Reihe ausleihen, wäre der Markt völlig zum Erliegen gekommen. Mit einem flammenden Appell hat Jean-Claude Trichet, der Präsident der Europäischen Zentralbank, am Donnerstag die Banken aufgefordert, mehr Risiken einzugehen. Jahrelang habe er kritisiert, dass die Banken zu sorglos seien und sich für hohe Risiken einen zu geringen Preis hätten bezahlen lassen. Jetzt aber seien die meisten zu stark in der anderen Richtung unterwegs, sagte der für seine Diplomatie bekannte Trichet ungewöhnlich offen. Frei übersetzt, heißt das: Fürchtet euch nicht. Doch das fällt schwer, wenn fast alles um einen herum einfach nur furchtbar auszusehen scheint. Die Liquiditätsengpässe der Banken werden Folgen haben. Unternehmen werden schwerer Kredit bekommen. Investitionen werden damit ausbleiben, und das Wirtschaftswachstum wird leiden. Die Rohstoffmärkte spiegeln diesen Gedankengang besonders augenfällig. Dort sind in dieser Woche die größten Preisstürze seit 50 Jahren zu verzeichnen. Der Preis für 159 Liter Rohöl, der Mitte Juli noch 150 Dollar betrug, ist auf weniger als 94 Dollar gefallen. Unterstellt wird, dass die Nachfrage von Unternehmen nach Öl und Energie in einer schwächeren Konjunkturphase nachlassen wird. Auch am Aktienmarkt wird die Abwärtsspirale aus Kreditklemme, Konjunkturabschwung, sinkenden Unternehmensgewinnen und fallenden Aktienkursen zum Hauptszenario. Besonders konjunkturabhängige Unternehmen wie der Stahlkocher Thyssen-Krupp oder die Fahrzeughersteller Daimler und MAN mussten neben den Banken die größten Kursverluste im Dax hinnehmen. Kräftig gebeutelt wurde auch der Neuling im Index, der Kaliwert K+S. Alles in allem hat der Dax seit Jahresbeginn mehr als 30 Prozent verloren. Der Ausverkauf beschleunigt sich. Ein Ende der Baisse ist nicht in Sicht. Die Anleger flüchten in Staatsanleihen, deren Renditen im Gegensatz zu den Interbankensätzen deutlich fallen. Oder in die lange verschmähte Aktie der Deutschen Telekom, weil die eine hohe Dividendenrendite verspricht. Überraschend ist der Preis für Gold, anders als der Ruf des Edelmetalls nahelegt, in dieser Woche gefallen. Auf längere Sicht sprechen die Rettungshilfen in Amerika dafür, dass die Staatsverschuldung dramatisch steigen und nur durch eine hohe Inflation zu bewältigen sein wird. Gold als vor Preisentwertung sichere Währung steht damit bei vielen Anlegern hoch im Kurs. Offenbar gibt es aber derzeit auch viele andere Anleger, die schlicht Geld brauchen - vor allem Dollar. Dafür liquidieren sie fast alles: Amerikanische Hedge-Fonds, die wie die Banken unter der Liquidiätsklemme leiden, verkaufen ihre Aktien im Ausland und womöglich auch ihre Goldreserven. Anders ist die Dollar-Stärke in dieser Woche kaum zu erklären. Doch es gibt noch Glück und Mut. Zu den Glücklichen, die doch noch Geld bekommen, gehört Arcandor-Chef Thomas Middelhoff. Weil das Bankhaus Sal. Oppenheim eine Kapitalerhöhung trägt, muss die frühere Karstadt-Quelle ihren einzigen Hoffnungsträger im Konzern, das Reisebüro Thomas Cook, doch nicht verkaufen. Vorerst zumindest. Und Mut zeigt Warren Buffett. Die Investmentlegende handelt für sich günstige Sonderkonditionen bei der 12 Milliarden Dollar schweren Kapitalerhöhung für General Electric aus. In das viertgrößte Unternehmen der Welt steckt Buffett allein 3 Milliarden Dollar. Trichet und Buffett sind fast die einzigen Finanzmarktakteure, die so etwas wie Stabilität verkörpern und selbst den Ruf "Fürchtet euch nicht" beherzigen. Als Kleinanleger sich dem Abwärtsdruck am Aktienmarkt entgegenzustellen hat wenig Sinn. Trichet und Buffett aber zeigen, dass die Finanzwelt nicht einfach untergeht. Vieles wird nach dem Crash anders sein, manches aber wird auch bleiben. HANNO MUSSLER FAZ 2008/10/04 Wohl dem, der volle Kassen hat. Ist die Finanzkrise in der Realwirtschaft angekommen? Rüdiger Köhn; Werner Sturbeck; Susanne Preuß Unternehmen und Wetter Bericht BRD Seite 18 kA Wohl dem, der volle Kassen hat. Ist die Finanzkrise in der Realwirtschaft angekommen? Von Rüdiger Köhn, Werner Sturbeck und Susanne Preuß. FRANKFURT, 3. Oktober. Nicht nur die Banken müssen sich gegenseitig Geld leihen, um die Tagesgeschäfte zu erledigen. Auch Produktionsunternehmen benötigen für den Einkauf von Rohstoffen oder Materialien einerseits oder die Absatzfinanzierung andererseits kurzfristig Liquidität vom Geldmarkt. Diejenigen Unternehmen sind am besten dran, die mit einem guten Eigenkapital- und Geldpolster ausgestattet sind. Die Turbulenzen haben in diesen Tagen den Einzelhandels- und Touristikkonzern Arcandor in den Strudel gezogen. Er leidet unter der starken Verteuerung der Kredite. Die Probleme mit den Hausbanken und den Kreditversicherern sollen sogar den Einkauf der für den Einzelhändler so wichtigen Weihnachtsware belastet haben. Als Ende September ein Teil der von den Hausbanken gewährten Kreditlinien erneuert werden musste, drohte Arcandor sogar der Griff in das letzte Tafelsilber, die Mehrheitsbeteiligung am Touristikkonzern Thomas Cook. Erst eine Eigenkapitalzufuhr von 59 Millionen Euro durch die Kölner Privatbank Sal. Oppenheim entspannte die Lage bei Arcandor. Weniger dramatisch, aber ärgerlich sind die anziehenden Fremdkapitalkosten für den Chemiekonzern Henkel, der im Frühjahr für 3,7 Milliarden Euro dem niederländischen Wettbewerber Akzo Nobel zwei große Geschäftsbereiche abkaufte. Und die Aktienkurse einiger Autohersteller sind in dieser Woche unter Druck geraten, weil eine Studie von Merrill Lynch darauf abgehoben hatte, dass die Automobilbranche direkt von der Kreditkrise und möglichen höheren Refinanzierungskosten betroffen sei, weil viele Autos finanziert würden. Vor diesem Hintergrund sei es fraglich, ob Daimler den Aktienrückkauf wie geplant vollziehen werde, schlussfolgerten die Analysten. Bei Daimler führte diese Einschätzung, die zeitgleich mit einer ähnlichen Meinung von Sal. Oppenheim veröffentlicht wurde, zwar zu einem empfindlichen Kursrückgang. Tatsächlich aber hat Daimler das genannte Aktienrückkaufprogramm deswegen begonnen, weil der Stuttgarter Konzern seit dem Verkauf der Chrysler-Mehrheit über eine außerordentlich hohe Nettoliquidität verfügt. Außerdem ist der Mittelzufluss (Cashflow) des Industriegeschäfts inzwischen wieder positiv. Größeren Refinanzierungsbedarf werde es auf Monate hinaus nicht geben, ist bei Daimler zu hören. Hinzu kommt, dass der Konzern über die Mercedes-Benz-Bank Zugriff auf weitere Geldquellen hat. Allein die Einlagen von rund 5 Milliarden Euro seien eine wichtige Stütze für die Refinanzierung - verglichen mit einem Neugeschäft von rund 8,5 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. Über die Bank werden rund ein Drittel aller weltweit verkauften Fahrzeuge des Konzerns finanziert. "Wohl dem, der gegenwärtig seine absehbaren Verpflichtungen aus dem Mittelzufluss (Cashflow) stemmen kann", beschreibt ein Finanzmanager die Stimmungslage. Grundsätzlich sind in der augenblicklichen Situation Unternehmen mit einer hohen Eigenkapitalquote und einem hohen Bestand an flüssigen Mitteln im Vorteil, den viele Unternehmen in den zurückliegenden ertragsstarken Jahren ausbauten. Der Stuttgarter Bosch-Konzern beispielsweise braucht sich auf seiner Einkaufstour bisher keine Beschränkungen auferlegen. Alle Akquisitionen des laufenden Geschäftsjahres seien aus Eigenmitteln finanziert worden, heißt es bei Bosch - und das war mindestens ein Volumen von 2 Milliarden Euro. Weitere Zukäufe sind zu erwarten, da Bosch-Chef Franz Fehrenbach ausdrücklich erklärt hat, die niedrigen Kaufpreise zu nutzen, um die Diversifizierung des immer noch stark auf die Autoindustrie fokussierten Konzerns voranzutreiben. Mit einer Eigenkapitalquote von etwas mehr als 50 Prozent würde Bosch auch in der aktuellen Situation keine Probleme haben, einen günstigen Kredit zu bekommen, meint Bosch-Chefvolkswirt Adolf Ahnefeld und verweist auf das überdurchschnittlich gute Langfrist-Rating. Nicht minder robust gibt sich der Versorgungskonzern RWE. Er verfügt über eine milliardenschwere Kasse. Konkurrent Eon beschaffte sich zwischen September 2007 und diesem Juni mehr als 14 Milliarden Euro durch Anleihe-Plazierungen an den internationalen Finanzmärkten, Bayer hat den Schering-Kauf aus dem Jahr 2006 noch vor Eintritt der Turbulenzen an den Kapitalmärkten langfristig finanziert. Nach Angaben von Finanzvorstand Klaus Kühn können die in den nächsten Jahren anstehenden Refinanzierungen weitgehend aus eigener Kraft aus dem geschäftlichen Mittelzufluss organisiert werden. Der Elektronik- und Industriekonzern Siemens hat nach eigenen Angaben noch keine wesentlichen direkten negativen Einflüsse ausgemacht. Die von der Siemens Financial Services (SFS) insbesondere für das eigene Unternehmen bestrittenen Finanzdienstleistungen sind, gemessen am Gesamtgeschäft, relativ. Derzeit besteht ohnehin kein Refinanzierungsbedarf. Zu einem relativ günstigen Zeitpunkt vor der Eskalation auf den Finanz- und Kreditmärkten hat Siemens im Juni Anleihen für unterschiedliche Laufzeiten in Höhe von insgesamt 3,4 Milliarden Euro begeben. Damit haben die Münchener genügend Luft zum Atmen erhalten, um eine andauernde Krise ohne Blessuren zu überstehen. Zudem dürfte der Konzern mit guten Kreditratings von "AA-" (Standard & Poor's) beziehungsweise "A1" (Moody's) kaum Probleme haben, im Fall eines Liquiditätsbedarfs Geldgeber zu finden. Zwar werde eine gewisse Unruhe bei den Banken bemerkt, beobachtet die MAN AG. Allgemein werde eher zögerliches Handeln bei der Kreditvergabe registriert. Betroffen ist der Industriegüterkonzern und Nutzfahrzeughersteller nach eigenen Aussagen ebenfalls nicht, weil auch er über genügend Mittel verfügt und somit keinen kurzfristigen Finanzbedarf hat. FAZ 2008/10/04 Der Bankenmarkt sortiert sich. Instrumente der Notenbanken und Aufsichtsbehörden. bes. Unternehmen Bericht global Seite 15 kA Der Bankenmarkt sortiert sich. Instrumente der Notenbanken und Aufsichtsbehörden. bes. LONDON, 3. Oktober. Nie seit dem Zweiten Weltkrieg haben Regierungen so stark interveniert, um die Bevölkerung hüben und drüben des Atlantiks vor einer systemischen Bankenkrise zu bewahren. Die Einzelaktionen der Regierungen überstürzen sich. In manchen Ländern ist ein Wettlauf um die Einlagensicherung ausgebrochen. Notenbanken stützen den Geldmarkt mit massiver Liquiditätszufuhr, und immer öfter wird spekuliert, ob und wann die großen Notenbanken der Welt mit einer Zinssenkung reagieren könnten. Die Londoner City grübelt darüber, welche Instrumente Politiker, Zentralbanken und Aufsichtsbehörden noch einsetzen können, um einer weiteren Eskalation der Krise vorzubeugen. Merrill Lynch hat einen Blick auf die letzten 124 Bankenkrisen geworfen und ist mit Blick auf eine ähnliche Studie des Internationalen Währungsfonds (IWF) zu folgenden Einschätzungen gelangt: In 29 Prozent der Bankkrisen wurde mit einer generellen Garantie der kompletten Bankeinlagen reagiert, die im Schnitt 53 Monate dauerte. Irland und Griechenland sind bereits vorgeprescht, Großbritannien hat am Freitag seine Einlagensicherung erhöht. Dennoch hält es Merrill Lynch für unwahrscheinlich, dass sich die Europäische Union auf einen koordinierten Ansatz einigen könnte. Zu unterschiedlich sind die Systeme der Einlagensicherung. Japan erteilte eine Einlagesicherungsgarantie nach dem Zusammenbruch von Yamaichi Ende der neunziger Jahre. Den völligen Zusammenbruch einer großen Bank mit erheblichen Kundeneinlagen hält Merrill Lynch mittlerweile für extrem unwahrscheinlich, weil nach dem Kollaps von Lehman Brothers und der damit ausgelösten Eskalation der Bankenkrise keine Regierung mehr ein weiteres Desaster verantworten könne. Vielmehr würden die Regierungen jetzt grenzüberschreitend und sichernd eingreifen, wie schon bei Fortis und Dexia zu beobachten war. Merrill Lynch betont allerdings auch, dass der Markt so lange testen werde, welche Banken schwach auf der Brust seien, solange von den Regierungen keine glasklare Politik vermittelt werde, wann, warum, welche Banken gerettet oder nicht gerettet würden. Dies sei die Lehre aus dem Fall Lehman Brothers. Solange hier Unsicherheit herrsche, teste der Markt weiter und erzwinge höhere Risikoprämien am Markt, bis schwächere Institute kapitulierten und die rote Flagge zeigten. Der Markt versuche damit, die schwarzen Schafe auszusortieren und sich selbst zu säubern, solange die Politik nicht einschreite. Diese Säuberungsaktion des Marktes werde freilich viele Wochen dauern. Mittlerweile haben die Amerikaner für die Rettung der Bankenwelt in dieser Finanzkrise nach Berechnungen von Barclays Capital etwa 1 Billion Dollar Unterstützung eingeplant, inklusive des Rettungspakets von Finanzminister Henry Paulson. In Europa seien bisher weniger als 40 Milliarden Euro eingesetzt worden. Dies und die Sorge um eine weitere Bankenkrise in Europa haben den Ruf nach einem europäischen Rettungspaket für illiquide Risikopositionen der Banken laut werden lassen. Ein Rettungsfonds nach dem amerikanischen Bespiel sei in der Währungsunion und Großbritannien jedoch extrem unwahrscheinlich, meint Merrill Lynch. Die Koordination würde Monate dauern, denn zu unterschiedlich seien die Bankstrukturen in Europa und zu politisch die Finanzierungsfragen des Fonds. Außerdem werde die Finanzkrise immer noch als Problem der Amerikaner gesehen. In der Tat wurde ein derartiger Ansatz schon von mehreren Ländern in Europa abgelehnt. Auf der Gipfelkonferenz in Paris wird am Samstag voraussichtlich über etwaige Lösungsansätze diskutiert. Sollte die Bankenkrise weiter aus dem Ruder laufen und sollten sämtliche politischen Ansätze versagen, könnten die Notenbanken theoretisch auch als Kontrahent für sämtliche Geldleihgeschäfte gegen Sicherheit unter Banken eintreten. Eine Notenbank würde damit praktisch als ein Clearinghaus und Kontrahent einstehen, sollte ein Institut kollabieren. Die Notenbank würde damit jegliches Kontrahentenrisiko aus dem Markt nehmen. Merrill Lynch glaubt jedoch, dass dies der allerletzte Notschritt wäre und nur eingesetzt würde, wenn alle Stricke reißen. Die japanische Notenbank griff zu dieser Notlösung von 1998 bis 1999 mit sogenannten "Twist Operations". In 71 Prozent der Bankkrisen reagieren die Notenbanken mit massiver Liquiditätszufuhr, wie es jetzt ebenfalls getan wird und voraussichtlich noch ausgeweitet wird. In 35 Prozent der Bankkrisen wurde letztlich davon abgesehen, technische insolvente Banken über die Klinge springen zu lassen. Selbst bei der Sparbankenkrise in Amerika wurde so verfahren. Angesichts der jetzt starken Einbindung der Marktkräfte ist dies nach Einschätzung von Merrill Lynch jedoch kein Thema mehr. In 73 Prozent der Fälle wurden vorsichtige, buchhalterische Vorschriften gelockert, wie sich bereits an Versuchen abzeichnet, die Bewertung von Risikopositionen zu Marktpreisen (MTM) zu lockern. Viele Marktteilnehmer rufen derzeit nach einer koordinierten Leitzinssenkung der großen Notenbanken der Welt. Allerdings würden Leitzinssenkungen wenig ausrichten, um die Anspannung am Interbanken-Geldmarkt zu lindern. Merrill Lynch glaubt, dass allein deshalb die Notenbanken davon Abstand halten werden, weil sie gerade in der jetzigen Situation nicht einen demonstrativen Schritt unternehmen wollen, der am Interbankenmarkt nicht helfe und ihnen nur den Vorwurf einbringe, sie seien gegenüber der jetzigen Finanzkrise machtlos. Dies heißt freilich nicht, dass die Finanzkrise die Volkswirtschaften nicht bereits so geschwächt und die Inflationsgefahren so minimiert hätte, dass die Notenbanken in nächster Zeit nicht mit Leitzinssenkungen reagieren können. Selbst in dieser Krise verliert Merrill Lynch auf der Suche nach Notlösungen nicht den Humor. Vielleicht komme ja auch noch etwas anderes: "Wir sind zwar ziemlich clevere Analysten, aber die Aufsichtsbehörden und Notenbanker sind noch klüger als wir." FAZ 2008/10/04 Frankreich stützt den Mittelstand. Erleichterte Kredite von 22 Milliarden Euro. chs. Wirtschaft Meldung Frankreich Seite 12 kA Frankreich stützt den Mittelstand. Erleichterte Kredite von 22 Milliarden Euro. chs. PARIS, 3. Oktober. Die französische Regierung will in Reaktion auf die Finanzkrise mit rund 22 Milliarden Euro die Kreditvergabe an kleine und mittelgroße Unternehmen stützen. Dafür will sie vor allem die staatliche Beteiligungsgesellschaft Caisse des Dépôts et Consignations (CDC) heranziehen, um eine unmittelbare Belastung der Staatskasse zu vermeiden. Außerdem sollen die privaten Banken zur stärkeren Darlehensvergabe mobilisiert werden. "Diese Maßnahmen sollen jenen helfen, die im Fall einer Kreditklemme am stärksten betroffen wären", sagte der stellvertretende Generalsekretär des Elysée-Palastes, François Pérol, in Paris. Um die Kreditversorgung für den Mittelstand zu erhalten, will die Regierung das System steuerlich geförderter Sparbücher verändern, das die Beziehungen zwischen CDC und privaten Banken regelt. In Frankreich müssen die Banken die Einlagen bestimmter Sparbücher zum großen Teil an die CDC weiterreichen, die sie dann für Zwecke wie den sozialen Wohnungsbau verwendet. Jetzt will die Regierung den Banken mehr Einlagen überlassen, damit sie diese unter Auflagen für die Kreditvergabe an Unternehmen mit weniger als 250 Mitarbeitern weitergeben. Die privaten Banken sollen künftig 17 Milliarden Euro mehr Mittel aus den Sparbüchern "für nachhaltige Entwicklung" sowie für "populäre Ersparnisse" erhalten. Zudem soll die staatliche Mittelstandsbank Oséo zusätzlich 2 Milliarden Euro für die Kreditfinanzierung von der CDC erhalten. Ferner wird Oséo aus eigenen Mitteln seinen Garantiefonds erhöhen, der in diesem und im nächsten Jahr den Spielraum für Kredite um jeweils 1 Milliarde Euro erweitern soll. Die Regierung will auch den Wohnungsbau beleben, der in Schwierigkeiten steckt. Dazu soll eine Tochtergesellschaft der CDC 10 000 Immobilien kaufen, deren Bau durch private Immobilienentwickler aufgrund schwacher Nachfrage ins Stocken geraten ist. Auch die öffentlichen Verwalter von Sozialwohnungen sollen sich engagieren, so dass durch die staatliche Initiative insgesamt 30 000 neue Wohnungen entstehen. In Frankreich sind die Immobilienpreise in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, wenn auch nicht so stark wie in Spanien, Großbritannien oder Irland, und ein nun befürchteter Einbruch würde die Konjunktur stark belasten. FAZ 2008/10/04 Zentralbanken werden ungewollt zum Marktmacher. Liquiditätshilfen und Zinssenkungen können die Unsicherheit am Geldmarkt nicht beheben. Patrick Welter Wirtschaft Bericht global Seite 12 kA Zentralbanken werden ungewollt zum Marktmacher. Liquiditätshilfen und Zinssenkungen können die Unsicherheit am Geldmarkt nicht beheben. Von Patrick Welter. TOKIO, 3. Oktober. "Die Zentralbanken pumpen Liquidität in den Geldmarkt." Das populäre Sprachbild verzerrt den Kern der Nothilfen, mit denen die Zentralbanken versuchen, gegen die Engpässe an den Finanzmärkten anzugehen. Die Notenbanken haben keinen Hahn aufgedreht, aus dem Geld in die Tresore der Geschäftsbanken fließt. Sie müssen auch nicht mit Pumpenkraft nachhelfen. Der Kern der Nothilfen besteht darin, dass die Zentralbanken den sehr willigen Geschäftsbanken Geld leihen. Diese müssen in der Regel Wertpapiere als Sicherheit geben und zahlen Zinsen; sie müssen das Geld auch zurückzahlen, manchmal schon am nächsten Tag. Anders gesagt: Die Zentralbanken verteilen in der Krise keine Geldgeschenke an angeschlagene Finanzhäuser. Die Nachfrage nach dieser Geldleihe durch die Geschäftsbanken ist seit Ausbruch der Finanzkrise im August 2007 und erst recht nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers im vergangenen September immer wieder schubweise rasant gestiegen. Das Finanzsystem hängt am Tropf der Zentralbanken, heißt es in einer Analyse der Deutschen Bank. Die Geschäftsbanken vertrauen sich untereinander nicht mehr. Sie horten die Liquidität, anstatt - wie sonst üblich - kurzfristig nicht benötigtes Geld an andere Banken zu verleihen. Damit trocknet der Geldmarkt aus. Dies zeigt sich in deutlich erhöhten Zinssätzen für Übernacht- oder Dreimonatsgeld. Nach dem Quartalsende, an dem der Liquiditätsbedarf üblicherweise besonders hoch ist, zeigt sich bislang nur eine gewisse Entspannung; das Jahresende droht. Die Brache am Geldmarkt wird gerade in den Vereinigten Staaten dadurch verschärft, dass Geldmarktfonds als kurzfristige Geldgeber faktisch ausfallen. Rund um den Globus, von Australien und Japan über den Euro-Raum und das Vereinigte Königreich bis hin zu Amerika, geben die Notenbanken darob Liquiditätsinfusionen in heimischer Währung. Durch Tauschgeschäfte mit dem amerikanischen Federal Reserve System (Fed) stehen anderen Zentralbanken zudem insgesamt mittlerweile bis zu 620 Milliarden Dollar zur Verfügung, die sie zusätzlich an Geschäftsbanken verleihen können. Die Nachfrage nach diesen Dollar ist gerade im Euro-Raum riesig. Am Dienstag zahlten europäische Banken einen Zins von bis zu 11 Prozent, um sich für einen Tag Dollar zu leihen. Im Detail gehen die Zentralbanken in der zusätzlichen Geldversorgung unterschiedlich vor. Die Bank von Japan hat seit Ausbruch der Krise die Laufzeiten ihrer Geldmarktgeschäfte der Tendenz nach verlängert. Seit dem Kollaps von Lehman Brothers ist sie zudem täglich mit sehr kurzfristigen Liquiditätshilfen aktiv. Die durchschnittlichen Zinssätze am Geldmarkt weichen in Japan dabei weniger vom angestrebten Leitzins nach oben ab als etwa in Europa oder in Amerika. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) hat zuletzt wieder einige kurzfristige Geldleihen ausgerufen; sie setzt seit Ausbruch der Finanzkrise aber vor allem darauf, durch eine Verschiebung der regulären Geldleihgeschäfte hin zu längeren Laufzeiten den Banken Sicherheit zu geben. Die Bank von Japan und die EZB haben es im Gegensatz zu angelsächsischen Zentralbanken nicht nötig gehabt, ihren Instrumentenkasten zu erweitern. Die amerikanische Fed dagegen hat ihre Geldleihe am aggressivsten vorangetrieben und die Fristigkeit verlängert, neue Möglichkeiten der Geldleihe geschaffen und in mehreren Schritten weniger respektable Wertpapiere als Sicherheiten akzeptiert. Das Ausmaß der Geldleihgeschäfte in der Bilanz der Fed ist mittlerweile so groß, dass manche Ökonomen dies als Problem ansehen, sollte die Krise sich weiter zuspitzen. Mit ihren Nothilfen erfüllen die Zentralbanken vordergründig ihre Aufgabe als "Lender of last resort", als Kreditgeber der letzten Instanz, der einzelnen Banken aus Liquiditätsengpässen hilft. Der Krisensituation geschuldet, gehen manche von ihnen aber über diese Aufgabe hinaus und werden ungewollt zum Marktmacher. Faktisch übernehmen sie wie die Fed die Aufgabe der Geschäftsbanken, Geld an die Stellen zu lenken, an denen es gebraucht wird. Diese Tendenz zeigt sich auch im Euro-Raum; die EZB ist in gewisser Weise zur zentralen Gegenpartei am Geldmarkt geworden. Während die Geschäftsbanken insgesamt bei der Zentralbank Schlange stehen, um sich Geld zu leihen, legen sie zugleich Einlagen bei ihr in Rekordhöhe an. Am Dienstag waren es fast 103 Milliarden Euro, die Geschäftsbanken lieber zum geringen Einlagensatz von 3,25 Prozent über Nacht bei der sicheren EZB parkten, anstatt sie zum höheren Zinssatz an andere Banken zu verleihen. Die Einlagen blieben auch danach erhöht, obwohl die EZB in weiteren Geldmarktgeschäften Geld aus dem Markt nahm. Mit der Doppelrolle als Pfandleiher und als Einlagenbank wird die Zentralbank zur zentralen Schaltstelle im Geldkreislauf - dank ihrer Solidität. In Japan zeigt diese Doppelrolle sich in einer besonderen Ausprägung. Während die heimischen Banken keine Schwierigkeiten haben, sich über Nacht Liquidität teils weit unterhalb des angestrebten Leitzinses von 0,5 Prozent zu leihen, hat der Markt sich für die ausländischen Banken in Tokio fast verschlossen. Das Vertrauen ihnen gegenüber ist zusammengebrochen, und sie zahlen Sätze von zeitweise 0,7 Prozent und mehr. Die Bank von Japan bringt diese Zweiteilung des Marktes in eine sehr missliche Lage. Sie verleiht großzügig an alle Banken Geld, um den durchschnittlichen Tagesgeldsatz nahe dem angestrebten Niveau zu halten. Zugleich aber hat sie mit besonderem Blick auf die japanischen Geschäftsbanken begonnen, Geld aus dem Markt zu nehmen. Die Zentralbanken sehen die Liquiditätsnothilfe zuvörderst als Mittel, um den Geldmarkt am Leben zu erhalten und so zu verhindern, dass gesunde Finanzhäuser wegen fehlender Liquidität in die Enge getrieben werden. Zur Gesundung des Geldmarktes können die Nothilfen indes nichts beitragen. Damit die Geldleihe unter den Geschäftsbanken wieder in Gang kommt, müssen diese wieder wechselseitig Vertrauen fassen. Das erfordert die Sicherheit, dass sich in den Bilanzen keine weiteren Sprengsätze verbergen. Die Geldleihe der Zentralbanken kann diese Sicherheit nicht schaffen, auch eine Senkung des Leitzinses nicht. Stärker als die anderen Zentralbanken betont die EZB deshalb, dass kurzfristige Liquiditätshilfe an solvente Banken und ihre Geldpolitik, die auf Inflationsrisiken abstellt, zwei Paar Schuhe sind. Diese Trennung wird im Prinzip auch von der Bank von Japan verfolgt. Die amerikanische Fed - und teils auch die Bank von Japan - hat derweil Schwierigkeiten, die Separation aufrechtzuerhalten. Als Folge der Liquiditätshilfen ist die effektive Fed-Funds-Rate zuletzt deutlich unter das angestrebte Niveau von 1 Prozent gesunken. Das von der Regierung vorgelegte Rettungspaket könnte da Abhilfe schaffen. Es enthält die Nebenbestimmung, dass die Fed künftig auf Einlagen der Geschäftsbanken Zinsen zahlen kann. Damit wäre ein Boden für den Geldmarktzins eingezogen, der die Trennung zwischen Geldpolitik und Liquiditätsnothilfe ermöglicht. Freilich zielen die Zentralbanken mit den Liquiditätshilfen auch darauf ab, die faktische Kontrolle über ihre Geldpolitik zu behalten. Indem die zusätzliche Geldleihe den Zinssatz am Geldmarkt drückt, hilft sie, die monetäre Lage nicht härter werden zu lassen als von den Zentralbanken erwünscht. Die Schwierigkeiten der Geschäftsbanken, sich zu teureren Konditionen kurzfristige Liquidität zu besorgen, werden sich auf Dauer dennoch im Preis ihrer Kredite und als zusätzlicher Dämpfer für die Konjunktur niederschlagen. Die damit der Tendenz nach geringer werdenden Preisrisiken haben die EZB bewogen, am Donnerstag die Tür für eine Zinssenkung zu öffnen. FAZ 2008/10/04 Zurück auf der Weltbühne. kA Patrick Welter Wirtschaft Meldung Japan Seite 11 Leitartikel Wirtschaft Zurück auf der Weltbühne. Von Patrick Welter. Tokio. Japans Banken kaufen im Ausland zu, weil die Wachstumsperspektiven im Inland fehlen. Nach zwanzig Jahren melden sich die großen japanischen Finanzhäuser auf der internationalen Bühne zurück und nutzen angesichts der Schwäche der ausländischen Konkurrenz in der Finanzkrise ihre Chancen. Das Wertpapierhaus Nomura kauft große Teile des Aktien- und Investmentbankgeschäfts der untergehenden Lehman Brothers. Das größte japanische Bankhaus, Mitsubishi UFJ Financial Group, beteiligt sich mit 21 Prozent an der ehemaligen Investmentbank Morgan Stanley und preist dies als Gelegenheit, die sich nur einmal im Leben ergibt. Die Bank hat zudem ihren Anteil an der kalifornischen UnionBanCal von 65 auf 100 Prozent aufgestockt und will ihr Amerika-Geschäft ausbauen. Sumitomo Mitsui Financial Group steht bereit, um dem langjährigen Partner Goldman Sachs mit Kapital unter die Arme zu greifen, und hat sich schon im Juni mit 2 Prozent an Barclays beteiligt. Mizuho Financial Group hatte zuvor in Merrill Lynch investiert. Die jüngsten Zukäufe überraschen, für sich genommen, nicht. Seit Monaten schon mehren sich in Japans Finanzhäusern offenbar Anrufe ausländischer Banken, die um Kapital bitten. Überraschend an den Akquisitionen ist freilich die Geschwindigkeit, mit der sie über die Bühne gingen und die so gar nicht zum Bild einer eher bedächtigen japanischen Finanzkultur passt. Im Bankenviertel in Tokio herrscht der Eindruck vor, es gelte jetzt oder nie, einen Platz an der Sonne zu gewinnen. Der Vergleich mit der zweiten Hälfte der achtziger Jahre liegt nahe, als Japans Banken gleichfalls kräftig im Ausland zukauften. Kurz danach brach in Japan der Immobilienmarkt zusammen, die Banken verschwanden von der internationalen Bühne unter der Last fauler Kredite. Der historische Vergleich verdeckt einen wichtigen Unterschied. Vor zwanzig Jahren handelten Japans Banken nach einem langen Aufschwung aus einer selbstgewonnenen Stärke heraus. Dagegen entspringen die jetzigen Zukäufe eher der Not: Japans Gesellschaft schrumpft und altert; zugleich sind die kapitalstarken Großunternehmen zumindest derzeit nicht auf Bankkredite angewiesen. Weil die Wachstumsperspektiven im Inland fehlen, suchen Japans Finanzhäuser die Expansion ins Ausland und eine stärkere Rolle außerhalb des klassischen Geschäfts. Zugleich gründet ihr derzeit gesundes Kapitalpolster in den Schwächen und Versäumnissen der Vergangenheit. Die Schieflage, die bis in dieses Jahrzehnt dauerte, ließ keine Möglichkeit, sich im Investmentgeschäft rund um Firmenkäufe und Fusionen zu profilieren; sie verhinderte zugleich, dass die Banken in großem Stil Nutzen und Gewinn aus den Chancen am amerikanischen Hypothekenmarkt zogen. Zu diesen Versäumnissen trug mangelnde Erfahrung bei. Im Gegenzug dieser Schwächen sind - fast schon als glücklicher Zufall - die Abschreibungen und Verluste nach dem Platzen der amerikanischen Immobilienblase im Vergleich ausgesprochen gering. Die Zukäufe und Beteiligungen von Japans Finanzhäusern im Ausland zielen darauf ab, die Schwächen der Vergangenheit auszumerzen; sie werden in Tokio als Partnerschaften, nicht als reine Finanzanlage gesehen. Gemessen an diesem Ziel, sind sie unterschiedlich zu bewerten. Minderheitsbeteiligungen wie die von Mitsubishi UFJ an Morgan Stanley oder von Sumitomo Mitsui an Barclays können sich als lukrativ erweisen und vielleicht dazu beitragen, dass Japans Banken als Juniorpartner einen besseren Zugang zu internationalen Märkten erlangen, sei es im klassischen Investmentbanking, sei es in der internationalen Projektfinanzierung. Mittel- bis langfristig aber werden diese Beteiligungen sich nur auszahlen, wenn Japans Finanzhäuser diese Möglichkeiten nutzen, ihr Denken und ihre Geschäftsmodelle zu öffnen. Daran sind zumindest Zweifel angebracht. Es sieht nicht so aus, als ob etwa Sumitomos Kapitaleinlage in Goldman Sachs in den achtziger Jahren die Bank im internationalen Investmentbanking sehr vorangebracht hatte. Eine andere Qualität hat der gewagte Schritt des größten japanischen Wertpapierhauses Nomura, zum Schnäppchenpreis den Aktienhandel und das Investmentbanking von Lehman Brothers in Japan, Asien, in Europa und im Mittleren Osten zu übernehmen. Nomura, das unter Japans Finanzhäusern am stärksten international ausgerichtet ist, handelte schnell und aggressiv und stach die britischen Mitbewerber Barclays und Standard Chartered auch mit dem Versprechen aus, fast alle der 5500 betroffenen Mitarbeiter zu übernehmen. Der Zukauf bietet dem Wertpapierbroker eine Riesenchance, im beratenden Investmentbanking weit nach vorne zu springen. Der Erfolg hängt womöglich entscheidend davon ab, ob die Integration der Mitarbeiter von Lehman Brothers in das japanische Unternehmen gelingt oder, anders gesagt, ob Nomura den ausländischen Abteilungen genügend Bewegungsspielraum lässt. Das Wertpapierhaus wird damit zu kämpfen haben, sehr individualistische und oft besser bezahlte amerikanische Investmentbanker mit eher gruppenorientiert arbeitenden japanischen Mitarbeitern produktiv zusammenzubringen. Gelingt das nicht, wird Nomura am eingekauften Humankapital nicht lange Freude haben. FAZ 2008/10/04 Amerikas Kongress beschließt Rettungspaket. 700 Milliarden Dollar sollen den Kollaps des Finanzsystems verhindern. Gleichwohl wächst die Rezessionsangst, und die Notenbank erwägt eine Zinssenkung. ctg. Wirtschaft Meldung USA Seite 11 kA Amerikas Kongress beschließt Rettungspaket. 700 Milliarden Dollar sollen den Kollaps des Finanzsystems verhindern. Gleichwohl wächst die Rezessionsangst, und die Notenbank erwägt eine Zinssenkung. ctg. WASHINGTON, 3. Oktober. Der amerikanische Kongress hat nach harten Verhandlungen am Freitag einem milliardenschweren Rettungspaket für das Finanzsystem zugestimmt. Das Repräsentantenhaus billigte mit 263 zu 171 Stimmen einen Gesetzentwurf, der das Finanzministerium ermächtigt, faule Kredite und problematische Wertpapiere für bis zu 700 Milliarden Dollar von Banken und anderen Finanzmarktakteuren zu erwerben. Am Mittwoch hatte der Senat mit einer Zweidrittelmehrheit den Rettungsplan befürwortet. Regierung und Kongress hoffen, auf diese Weise die Kreditinstitute von ihren Lasten zu befreien und einen Kollaps des Finanzsystems zu verhindern. Präsident George Bush unterzeichnete das Gesetz noch am Freitagnachmittag. Der Abstimmung im Repräsentantenhaus ging eine teils leidenschaftlich geführte Aussprache voran, in der Kongressmitglieder ihre Haltung darlegten und versuchten, ihre Kollegen in der einen oder anderen Weise zu überzeugen. Die Kongresskammer hatte am Montag eine frühere Fassung des Gesetzentwurfs zu Fall gebracht und dadurch einen Kurssturz an Wall Street ausgelöst. In der Aussprache am Freitag äußerten sich einige derjenigen, die gegen das Paket gestimmt hatten, bestürzt über die Reaktion der Börsen, durch die Vermögenswerte von gut einer Billion Dollar vernichtet worden waren. Die Zustimmung des Repräsentantenhauses ist möglich geworden durch Ergänzungen des Plans, die der Senat zwischenzeitlich vorgenommen hat. Das nun geschnürte Paket sieht neben den 700 Milliarden Dollar für das Finanzsystem auch rund 150 Milliarden Dollar an Steuererleichterungen für Haushalte und Unternehmen vor, verteilt über zehn Jahre. Darüber hinaus enthält das Gesetz eine vorübergehende Anhebung des Höchstbetrags, mit dem Guthaben bei Banken, Spar- und Darlehenskassen durch den staatlichen Einlagensicherungsfonds garantiert werden, von 100 000 auf 250 000 Dollar. Einige der konservativen Republikaner, die am Montag gegen das Paket gestimmt hatten, äußerten sich zufrieden über die Ergänzungen und signalisierten am Morgen ihre Zustimmung. Allerdings gab es auch teils scharfe Kritik, weil in dem Maßnahmenbündel nun auch Dinge enthalten sind, die mit der Stabilisierung der Wirtschaft nichts zu tun haben, beispielsweise eine Erweiterung des Leistungsumfangs der Krankenkassen bei psychischen Krankheiten. Ungeachtet des Rettungspakets wächst in Amerika angesichts der schweren Finanzkrise wieder die Furcht vor einer Rezession. Insbesondere hat sich die Lage auf den Kreditmärkten in den vergangenen Tagen weiter zugespitzt. Banken vergeben immer weniger kurzfristige Kredite an Unternehmen, weil faule Darlehen ihre Bilanzen belasten und die gegenseitige Kreditgewährung der Banken untereinander ins Stocken geraten ist. Die Währungshüter der Federal Reserve (Fed) erwägen deshalb offenbar eine Senkung des Leitzinses auf ihrer nächsten Ratssitzung Ende des Monats. Nach Angaben der Fed haben Kreditinstitute ihre kurzfristigen Darlehen an Unternehmen in der vergangenen Woche um den Rekordbetrag von knapp 95 Milliarden Dollar verringert. Viele Unternehmen bedienen sich solcher Kredite zur Finanzierung ihres Tagesgeschäfts und bezahlen damit Rechnungen, Löhne und Gehälter. Überdies hat sich die Stimmung im verarbeitenden Gewerbe im September deutlich verschlechtert; der Einkaufsmanagerindex, der als wichtiger Konjunkturindikator gilt, sackte von 49,9 Punkten auf 43,5 Punkte, den niedrigsten Wert seit Oktober 2001, kurz nach den Terroranschlägen. Werte von weniger als 50 Punkten deuten auf ein Schrumpfen der Aktivität in dem bedeutenden Wirtschaftszweig hin. Wie das Amt für Arbeitsmarktstatistik am Freitag mitteilte, sind im September im verarbeitenden Gewerbe 51 000 Arbeitsplätze gestrichen worden. Das ist rund ein Drittel des gesamten Stellenabbaus, der mit 159 000 so hoch ausfiel wie seit mehr als fünf Jahren nicht mehr. Seit Jahresbeginn sind in Amerika im Saldo 760 000 Jobs verloren gegangen, unter anderem im Baugewerbe. Die Arbeitslosenquote im September verharrte bei 6,1 Prozent, weil zusammen mit dem Jobabbau auch die Zahl der Erwerbsfähigen sank. Die Angst vor einer Rezession in Amerika wurde zusätzlich geschürt durch einen neuen Bericht des Internationalen Währungsfonds (IWF). Weil das Finanzsystem in so großen Schwierigkeiten stecke, sei die Gefahr eines "substantiellen Abschwungs" erheblich, warnt der IWF. Eine aktuelle Wachstumsprognose, auch für Deutschland und den Euro-Raum, wird der Fonds kommende Woche veröffentlichen. "Unter diesen Umständen erscheint es besonders wichtig, dass die Politik handelt und Maßnahmen gegen den Stress im Finanzsystem und zu seiner Rekapitalisierung ergreift", rät der Fonds. FAZ 2008/10/04 Europa bemüht sich um eine gemeinsame Position. Gipfeltreffen am Samstag. Ringen um ein Notprogramm. wmu. Wirtschaft Bericht EU Seite 11 kA Europa bemüht sich um eine gemeinsame Position. Gipfeltreffen am Samstag. Ringen um ein Notprogramm. wmu. BRÜSSEL, 3. Oktober. Unmittelbar vor dem Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs der europäischen G-8-Vertreter an diesem Samstag in Paris ist keine gemeinsame europäische Position zur Bewältigung der Finanzkrise erkennbar. Der am Mittwoch aus französischen Regierungskreisen lancierte Vorschlag eines EU-Notfonds zur grenzüberschreitenden Rettung von Banken wird von der französischen Regierung mittlerweile nicht mehr offiziell vertreten, nachdem er von mehreren Seiten, darunter von der Bundesregierung und dem Vorsitzenden der Euro-Finanzminister, Luxemburgs Premierminister Jean-Claude Juncker, abgelehnt worden war. Am Freitag war nicht abzusehen, welche Ergebnisse das vom französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy initiierte Treffen erbringen wird. Sarkozy, der auch den EU-Ratsvorsitz innehat, will in Paris eine "gemeinsame europäische Antwort" auf die Finanzkrise. Deutsche Diplomaten kritisieren, dass der Ort für eine solche "Antwort" das Gipfeltreffen aller 27 EU-Staaten in knapp zwei Wochen in Brüssel sei. In Paris treffen sich nur die Staats- und Regierungschefs Frankreichs, Deutschlands, Großbritanniens und Italiens, außerdem Juncker, EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und der Präsident der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet. Frankreichs Ministerpräsident Francois Fillon verteidigte das Treffen am Freitag mit dem Argument, es dürfe keine Möglichkeit ausgeschlossen werden, um Bankenpleiten zu verhindern. "Die Welt steht wegen eines verantwortungslosen Systems am Rande eines Abgrunds", sagte Fillon in Antibes. Sarkozy werde in Paris bekräftigen, dass der Weg aus der Krise nur ein gemeinsamer sein könne. Europa-Staatssekretär Jean-Pierre Jouyet ergänzte, diskutiert werden sollten ein besserer Informationsaustausch über die Bankbilanzen mit der EZB sowie schärfere Regeln zur Kreditvergabe und zu Kreditverbriefungen. Auf der Tagesordnung steht außerdem die Frage, ob es künftig europäische Vorschriften zu Managergehältern geben muss und die internationalen Bilanzierungsregeln geändert werden sollen. Unterdessen sind aus den Banken selbst Forderungen nach einem Schutzprogramm für die Kreditinstitute in Europa laut geworden. Sparkassenpräsident Heinrich Haasis sagte gegenüber der Tageszeitung "Die Welt", es wäre klug, sich um eine europäische Lösung zu bemühen. Eine entsprechende Forderung des Vorstandssprechers der Deutschen Bank, Josef Ackermann, ist am Freitag vom SPD-Fraktionsvorsitzenden Peter Struck scharf als Opportunismus kritisiert worden. FAZ 2008/10/04 Am liebsten eine europäische Wirtschaftsregierung. Nicolas Sarkozy will die Krise im internationalen Finanzsystem nutzen, um an zwei ehernen europäischen Grundsätzen zu rütteln: den Defizitgrenzen und dem Subsidiaritätsprinzip in der Wirtschaftspolitik. Michaela Wiegel Politik Bericht EU Seite 2 kA Am liebsten eine europäische Wirtschaftsregierung. Nicolas Sarkozy will die Krise im internationalen Finanzsystem nutzen, um an zwei ehernen europäischen Grundsätzen zu rütteln: den Defizitgrenzen und dem Subsidiaritätsprinzip in der Wirtschaftspolitik. Von Michaela Wiegel. PARIS, 3. Oktober. Vor dem "Krisengipfel" im Elysée-Palast an diesem Samstag sind die Divergenzen über das europäische Krisenmanagement im Finanzsektor nicht mehr zu verbergen. Kaum hatte Präsident Sarkozy die Einladung an die anderen drei europäischen Mitglieder der G 8, an Deutschland, Großbritannien und Italien, ausgesprochen, versuchte der vom heimischen Rezessionsszenario gebeutelte Gastgeber schon die Tagesordnung zu diktieren. Am Freitag sagte der Staatschef Termine ab, um am Telefon den Minigipfel vorzubereiten, zu dem auch EZB-Präsident Trichet und der Vorsitzende der Euro-Zone, Juncker, erwartet werden. Nicolas Sarkozy will die Umwälzungen im internationalen Finanzsystem nutzen, um an gleich zwei europäischen Grundsätzen zu rütteln: an den Defizitgrenzen und am Subsidiaritätsprinzip in der Wirtschaftspolitik. Zu letzterem Grundsatz lautet die Überzeugung Sarkozys, dass eine gemeinsame Währung auch eine gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik erfordert, in Krisenzeiten mehr denn je. Die Idee einer "europäischen Wirtschaftsregierung", die er zeitweise nicht mehr erwähnt hatte, gilt ihm jetzt wieder als wegweisend. Seine Initiative begründet Sarkozy dabei mit dem Hinweis auf die derzeit ausufernden nationalen Alleingänge in Europa. Die Missstimmung richtet sich vor allem gegen die irische Regierung, die angekündigt hat, die Verbindlichkeiten der irischen Banken in Höhe von 400 Milliarden Euro per Staatsbürgschaft zu garantieren. Das ist doppelt so viel wie die irische Wirtschaftsleistung pro Jahr. Sarkozy hält das für eine eindeutige Wettbewerbsverzerrung. Den europäischen Kontrollbehörden traut Sarkozy nicht zu, gegen die Multiplikation der unabgestimmten nationalen Rettungsversuche einen europäischen Kurs zu verteidigen. Deshalb will Sarkozy im Quartett eine europäische Antwort auf die internationale Finanzkrise entwerfen. Zugleich will er den Gipfel für die heimische Bühne nutzen: Sarkozy ist arg in Bedrängnis geraten, weil Frankreich jetzt entgegen seiner Wahlversprechen in Rezession und höhere Arbeitslosigkeit abgleitet. Das "negative Wachstum", wie Finanzministerin Lagarde die Rezession nennt, macht es Frankreich zudem noch schwerer, sein Defizit unter Kontrolle zu bekommen. "Haushaltsdisziplin adieu" lautet daher der Schlachtruf, mit dem Sarkozys Berater derzeit durch die Medien ziehen. An vorderster Front kämpft Henri Guaino, Sarkozys Edelfeder, der die dramatische Krisenrede von Toulon verfassen durfte. Der Präsident hatte in der Stadt am Mittelmeer eine Brandrede gegen die unverantwortliche Finanzwelt gehalten und geschworen, die Ersparnisse der Franzosen zu schützen, notfalls mit Steuergeldern. "Die Maastricht-Kriterien sind für gewöhnliche Zeiten festgeschrieben", sagte Guaino dem Sender Canal Plus. Doch derzeit erlebe die EU einen Finanzschock, der verlange, die Regeln zu lockern. "Das Defizit ist derzeit nicht mehr die Priorität der Prioritäten. Die Priorität ist, das Weltfinanzsystem zu retten und damit die Ersparnisse der Bürger. Es gibt keine andere Wahl", sagte Guaino. Aber auch Premierminister Fillon, der wie Guaino 1992 im Referendum über den Maastricht-Vertrag mit Nein gestimmt hatte, sich aber als Regierungschef zum Wächter der Haushaltsdisziplin aufgeschwungen hat, dramatisiert jetzt die Krise. In Antibes, wo die Parlamentsfraktion der Präsidentenpartei UMP bei Champagner und Canapés über die kommenden düsteren Zeiten nachdachte, sprach Fillon am Freitag von einer "Finanzkatastrophe" mit verhängnisvollen Folgen. Er segnete Milliardenpläne ab, mit denen der Bausektor und der Mittelstand aus dem Konjunkturtal geholt werden sollen. Über die Finanzierung des auf sechs Milliarden Euro geschätzten Programms für die Bauwirtschaft und des Zwei-Milliarden-Programms für den Mittelstand macht sich auch Haushaltswächter Fillon vorerst keine Sorgen. Von der EU erwartet er Nachsicht. Gefragt sei jetzt europäische Geschlossenheit. Aus dem Beraterkreis des Staatspräsidenten wird derweil "Unmut" über die deutsche Starrköpfigkeit laut, sich gemeinsamen Plänen zu verschließen und nach der Methode "Jeder kehrt vor seiner eigenen Tür" vorzugehen. Namentlich genannt werden wollten die Berater jedoch nicht, die etwa "Le Monde" zitiert. Aber wie schon in der Vergangenheit richten sich die Vorwürfe gegen Finanzminister Steinbrück, der Ideen über einen staatlichen europäischen Rettungsschirm für die Banken der Euro-Zone torpediert habe. "Alle denken nach, aber Steinbrück will nicht die kleinste Zusatzausgabe, weil der Wahlkampf naht", schreibt "Le Monde". Sarkozy hatte Finanzministerin Lagarde vorgeschickt, im "Handelsblatt" über eine "europäische Auffanglösung" für bedrohte Banken nachzudenken. Doch aus Berlin kam ein kategorisches Nein, bevor der Vorschlag überhaupt Form angenommen hatte. Nach einem Gespräch mit dem niederländischen Ministerpräsidenten Balkenende im Elysée-Palast dementierte Sarkozy wie sein Gast, ein 300-Milliarden-Fonds vorgeschlagen zu haben. Balkenende sprach sich hingegen dafür aus, dass jedes Mitgliedsland 3 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts (also zusammen mehr als 350 Milliarden Euro) für einen europäischen Sicherungsfonds zur Verfügung stellen solle. Sarkozy ärgert es schon lange, dass sich die Bankiers in der Vergangenheit seine Einmischungsversuche verbeten haben. Jetzt schimpft er umso ungehemmter über die raffgierigen Finanzhaie. Die Chefs der sieben französischen Großbanken, die Sarkozy diese Woche in den Elysée-Palast einbestellt hatte, sagten nach dem Treffen fast erleichtert, die Beschimpfungen von Seiten des Staatspräsidenten seien "auf normalem Niveau" geblieben. Sarkozy hat es dem französischen Notenbankchef Christian Noyer nicht verziehen, dass er in der Kerviel-Affäre das Krisenmanagement allein mit der Société-Générale-Spitze organisierte - ohne Sarkozy um Rat zu fragen. Der erfuhr von dem Spekulationsskandal erst, als das Schlimmste vorbei war. FAZ 2008/10/04 Berlin: Kein Blanko-Scheck für die Banken. kA F.A.Z. Politik Meldung EU Seite 1 kA Berlin: Kein Blanko-Scheck für die Banken. F.A.Z. FRANKFURT, 3. Oktober. An diesem Samstag beraten in Paris die Staats- und Regierungschefs Deutschlands, Frankreichs, Großbritanniens und Italiens über Auswege aus der internationalen Finanzkrise. Frankreich hielt am Freitag nicht mehr an Vorschlägen für einen europäischen Notrettungsfonds fest, die am Mittwoch in Paris lanciert worden waren. In der Bundesregierung war die Vorstellung einer umfassenden staatlichen Garantie auf Ablehnung gestoßen. Es dürfe keinen "Blankoscheck" geben. Mit Blick auf das Treffen der Staats- und Regierungschefs hieß es, bei der Bewältigung der Finanzkrise könne die EU nicht mit den Vereinigten Staaten gleichgesetzt werden. Dort beriet am Freitag abermals das Repräsentantenhaus über das 700-Milliarden-Dollar-Paket für die Banken, das der Senat am Mittwochabend gebilligt hatte. Für die Bundesregierung kommt auch eine einheitliche europäische Bankenaufsicht nicht in Betracht. FAZ 2008/10/04 Amerikanischer Kongress billigt Rettungspaket. kA ctg./ban. Politik Bericht USA Seite 1 kA Amerikanischer Kongress billigt Rettungspaket. ctg./ban. WASHINGTON/BERLIN, 3. Oktober. Der amerikanische Kongress hat am Freitag das 700 Milliarden Dollar umfassende Rettungspaket für das angeschlagene Finanzsystem gebilligt. Nach einer teils emotionalen Aussprache stimmten 263 Mitglieder des Repräsentantenhauses für einen entsprechenden Gesetzentwurf, 171 stimmten dagegen. Der Senat hatte dem Plan schon am Mittwoch zugestimmt. Noch am Freitag unterzeichnete Präsident Bush das Gesetz. Die Welt wisse nun, "dass wir die Finanzmärkte stabilisieren und eine führende Rolle in der Weltwirtschaft behalten werden", sagte er. Es werde aber einige Zeit brauchen, bis das Gesetz sich richtig auf die Wirtschaft auswirke. Die Präsidentin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, kündigte neue Kontrollen für die amerikanische Finanzwirtschaft an. "Wir glauben alle an die freie Marktwirtschaft", bekräftigte sie. Das Hilfsprogramm war nach der überraschenden Abstimmungsniederlage im Repräsentantenhaus am vergangenen Montag, die zu einem schweren Kurssturz an der Aktienbörse geführt hatte, erweitert und ergänzt worden. Der Kern besteht weiterhin in der Übernahme fauler Kredite von den Banken durch das Finanzministerium; nun enthält es aber auch zahlreiche Steuererleichterungen in Milliardenhöhe für Haushalte und Unternehmen, die der Konjunktur zusätzlichen Schwung geben sollen. (Siehe Seite 2 sowie Wirtschaft, Seiten 11 und 15, und Rhein-Main-Zeitung.) Gleichwohl wächst in Amerika die Befürchtung, die Wirtschaft werde in eine Rezession gleiten. In Paris beraten an diesem Samstag die Staats- und Regierungschefs Deutschlands, Frankreichs, Großbritanniens und Italiens über Auswege aus der internationalen Finanzkrise. Zudem kommen EU-Kommissionspräsident Barroso, der Präsident der Europäischen Zentralbank, Trichet, sowie der Vorsitzende der Euro-Gruppe, Juncker, in die französische Hauptstadt. Frankreich hielt am Freitag nicht mehr an Vorschlägen für einen europäischen Notrettungsfonds im Volumen von 300 Millionen Euro fest, die am Mittwoch in Paris lanciert worden waren. In der Bundesregierung war die Vorstellung einer umfassenden staatlichen Garantie auf Ablehnung gestoßen. Es dürfe keinen "Blankoscheck" geben. Mit Blick auf das Treffen der Staats- und Regierungschefs hieß es, bei der Bewältigung der Finanzkrise könne die EU nicht mit den Vereinigten Staaten gleichgesetzt werden. Für die Bundesregierung kommt auch eine einheitliche europäische Bankenaufsicht nicht in Betracht, zumal diese mit dem Verzicht der EU-Mitgliedstaaten auf eigene Zuständigkeiten verbunden wäre. Nach Berichten lehnt die Bundesregierung wie auch Großbritannien einen gemeinsamen Rettungsfonds rundweg ab. Auf noch schärfere Ablehnung stieß in der Bundesregierung der Beschluss des irischen Parlaments, für die sechs größten Banken Irlands praktisch eine unbegrenzte Bürgschaft für alle Einlagen vorzusehen. Die gesamte Summe wurde auf 400 Milliarden Euro beziffert. In der Bundesregierung wurde dieser Beschluss wegen seiner möglichen Folgen auf das europäische Kreditwesen als unverantwortlich bezeichnet. FAZ 2008/10/06 Ökonomen unterstützen Hilfspaket. Stiglitz, Maskin und Mundell befürworten Staatsbeteiligung. ela. Wirtschaft Bericht USA Seite 11 kA Ökonomen unterstützen Hilfspaket. Stiglitz, Maskin und Mundell befürworten Staatsbeteiligung. ela. WIEN, 5. Oktober. Das Rettungspaket in den Vereinigten Staaten trifft auf Zustimmung der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz, Robert Mundell und Eric Maskin. Auf einem von Wiener Universitäten veranstalteten Seminar äußerten sie ihre prinzipielle Unterstützung von staatlichen Interventionen. Stiglitz tritt aber für einen anderen Hilfsweg ein als der republikanische Finanzminister Henry Paulson: Statt den angeschlagenen Banken die faulen Kredite einfach mit dem Geld der Steuerzahler abzukaufen, sollte der Staat den Instituten Eigenkapital zuschießen und sich damit an ihnen beteiligen. Als Vorbild schwebt Stiglitz die Staatshilfe für Banken in Skandinavien und in Großbritannien vor, wo die angeschlagene Northern Rock verstaatlicht wurde. Durch staatliche Beteiligung werde notwendiges Kapital in die Finanzinstitute gepumpt, wodurch die in Schieflage geratenen Bankbilanzen gestützt würden, erläuterte Stiglitz, der als Wirtschaftsprofessor an der Columbia-Universität lehrt. Daneben sollte auch ein Programm zum Schutz der Hausbesitzer anlaufen, um Räumung und Zwangsversteigerungen zu verhindern. Im November 2007 hatte Stiglitz bei einem Vortrag in Wien einige der nun eingetretenen Ereignisse vorausgesagt und von 700 Milliarden Dollar faulen Krediten im amerikanischen Finanzsystem gesprochen. Nun meinte Stiglitz, diese Zahl sei schon seit langem kolportiert worden. Heute würde er das Loch in den Bilanzen eher größer einschätzen: "700 Milliarden Dollar sind das Minimum", sagte Stiglitz, der Wirtschaftsberater des demokratischen Präsidenten Bill Clinton war. Anders als Stiglitz steht Maskin dem Paulson-Plan weniger kritisch gegenüber. Die faulen Kredite der Banken könnten in Zukunft vielleicht wieder an Wert gewinnen, andernfalls könnte der Staat seine Investition ja immer noch in Eigenkapital, also eine staatliche Beteiligung an den Instituten, umwandeln, sagte Maskin, der in Princeton lehrt. Für die Finanzkrise sei ein "Versagen der Regulierung" verantwortlich, meinte auch er. Notwendig seien Mindeststandards für die Kreditvergabe. Einen Kredit dürfe nur bekommen, wer ihn auch zurückzahlen kann. Mundell, einst Berater von Ronald Reagan, sagte in Wien, er halte nichts von Prognosen, nach denen die amerikanische Währung Dollar bald untergehen wird. Er geht davon aus, dass der "Greenback" in den nächsten Jahren gegenüber dem Euro wieder stärker werde, "weil sich Amerika wieder früher als Europa erholen wird". Der Ökonom erwartet, dass der Dollar-Kurs zunächst wieder auf 1,20 Euro zulegen könne, bevor er wieder schwächer werde. Dass die Parität 1:1 wieder erreicht werde, glaube er nicht, sagte der Währungsfachmann dieser Zeitung. Der Dollar werde nicht untergehen, weil Amerika eine Weltmacht sei und dies auf absehbare Zeit auch bleiben werde. Die Chancen, dass der Dollar in 50 Jahren noch existiere, bezifferte er mit 80 Prozent, die Überlebenschancen in 100 Jahren mit 50 Prozent. FAZ 2008/10/06 LÄNDERBERICHT: Russland. Die Öleinnahmen verhindern Schlimmeres. Die Finanzmarktkrise trifft Russland hart. Mit Hilfe der hohen Öleinnahmen versucht die Staatsführung gegenzusteuern - mit zweifelhaftem Erfolg. Gerhard Hosp Wirtschaft Reportage Russland Seite 12 Länderbericht LÄNDERBERICHT: Russland. Die Öleinnahmen verhindern Schlimmeres. Die Finanzmarktkrise trifft Russland hart. Mit Hilfe der hohen Öleinnahmen versucht die Staatsführung gegenzusteuern - mit zweifelhaftem Erfolg. Von Gerhard Hosp. MOSKAU, 5. Oktober. Wenn derzeit Beobachter ein Bild der russischen Wirtschaft malen, tauchen sie den Pinsel gerne in den schwarzen Farbtopf. Als die Kurse an den russischen Aktienmärkten dramatisch einbrachen und Misstrauen die Kreditvergabe zwischen den Banken zum Erliegen brachte, kamen in Moskau Erinnerungen an das Jahr 1998 auf. In Folge der sogenannten Asien-Krise im Jahr 1997 hatten Investoren Gelder aus Schwellenländern abgezogen, auch aus Russland. Die Aktienkurse fielen, der Rubel wurde abgewertet, der russische Staat konnte seine Verpflichtungen nicht mehr erfüllen, Geschäftsbanken krachten zusammen. Auch wenn es einige Parallelen gibt, eine Zahl zeigt den Unterschied zwischen 1998 und 2008 auf: Während vor zehn Jahren beim Ausbruch der Krise der nominale Erdölpreis rund 8 Dollar je Fass betragen hatte, stand die Erdölnotierung während der jüngsten Finanzmarktturbulenzen zwischen 90 und 100 Dollar je Fass. Mit den Öleinnahmen sind in den vergangenen Jahren Auslandsschulden zurückbezahlt worden, so dass der russische Staat heutzutage größtenteils schuldenfrei ist. Zudem wurden hohe Währungsreserven aufgebaut; die Gefahr eines Zahlungsausfalls Russlands ist in weite Ferne gerückt. Mit diesem Sicherheitspolster fühlte sich die russische Regierung gegen all die negativen Nachrichten aus der Wall Street gewappnet, nicht ganz zu Unrecht. Der Internationale Währungsfonds (IWF) attestiert Russland immer noch, relativ gut gegen "Schocks" gewappnet zu sein. Der enorme Kapitaleinsatz zur Stabilisierung der Finanzmärkte in Russland beruhigte zunächst die Gemüter und brachte etwas Vertrauen der Investoren in den russischen Markt zurück. Nach einigem Zögern hatten sich die russischen Behörden dazu entschlossen, mit allen Mitteln Panik zu verhindern. Nach der Ankündigung eines größeren Hilfspakets zur Unterstützung der Liquidität des Bankenwesens und wieder positiveren Nachrichten aus den Vereinigten Staaten konnte der Kurssturz Mitte September an den russischen Börsen RTS und Micex aufgefangen werden. Die russischen Behörden lassen keinen Zweifel daran, dass sie in Schwierigkeiten geratenen Finanzinstituten unter die Arme greifen wollen. Die Höhe der tatsächlich ausgegebenen, implizit gewährten und angekündigten Hilfsgelder geht in Richtung 200 Milliarden Dollar. Im Kreml hat man offenbar wenig Bedenken, dadurch die Risikobereitschaft der Banken anzuheizen. Es geht vor allem um die Vermeidung einer Negativspirale, die das Bankensystem gefährden könnte. Im Jahr 1998 mussten einige Banken schließen, was das Vertrauen der russischen Bevölkerung in die Finanzinstitute auf lange Zeit hin zerstörte. Das ambitionierte Ziel der russischen Regierung, Moskau in ein international bedeutendes Finanzzentrum zu wandeln, scheint durch die Ereignisse der vergangenen Wochen in weite Ferne gerückt zu sein; das Finanzgewitter könnte aber auch Katalysator für notwendige Reformen sein. Im Jahr 1998 war der Außenwert des Rubel abgestürzt. Um ein solches Szenario abzuwenden, intervenierte die russische Zentralbank jetzt und stützte den Rubelkurs. Auch wenn die Erschütterungen in der Finanzbranche sicherlich noch nicht zu Ende sind, kann von einer Neuauflage einer Russland-Krise nicht die Rede sein. Trotzdem wird die internationale und heimische Finanzkrise nicht ohne Spuren in Russland bleiben. Zunächst sind die Finanzierungskosten für russische Unternehmen und Banken stark gestiegen, was die Aufnahme von neuen Mitteln und die Refinanzierung alter Schulden teurer macht. Laut der Ratingagentur Standard & Poor's müssen russische Unternehmen im vierten Quartal Kredite in der Höhe von 45 Milliarden Dollar an ausländische Geldgeber zurückzahlen oder refinanzieren. Die russische Regierung versprach auch hierbei Hilfe. Bereits haben einige Immobilienunternehmen angekündigt, Projekte auf Eis zu legen. Die Bauwirtschaft hatte ohnehin schon Schwächen gezeigt. Beobachter nehmen auch an, dass sich das Wachstum der Löhne verlangsamen könnte. Die ersten Einschätzungen der Regierung und von unabhängigen Ökonomen zeigen aber noch keine großen Revisionen der Wachstumsprognosen für das russische Bruttoinlandsprodukt im laufenden Jahr. Zuvor lagen die Prognosen eher bei 8 Prozent, jetzt näher bei 7 Prozent. Der IWF gibt für das Jahr 2008 ein Wachstum von 7,1 Prozent an, nachdem der Wert vor dem Ausbruch der Verwerfungen an den russischen Finanzmärkten noch bei 7,8 Prozent gelegen hatte. Für 2009 wird ein Wirtschaftswachstum von zwischen 6 und 6,5 Prozent erwartet. Für den IWF ist die Krise gar eine Chance: Die etwas geringeren Wachstumsaussichten seien positiv zu werten, weil die Wirtschaft Russlands überhitzt gewesen sei. Die Geldspritzen in das Bankensystem erschweren sicherlich den Kampf gegen die Inflation. Die russischen Behörden hatten bereits gesagt, dass die Maßnahmen zur Abwendung der Finanzkrise zu einem Anstieg der Inflation von 1 bis 2 Prozentpunkten führen könnten. Die Regierung geht offiziell noch von einer Teuerungsrate für 2008 von 11,8 Prozent aus. Der IWF prognostiziert einen Wert von 13,8 Prozent. Die Inflation wird auch weiterhin eine der größten wirtschaftspolitischen Herausforderungen sein. Wie konnte es aber geschehen, dass die Kurse an den russischen Märkten im Vergleich mit anderen Ländern wie China, Indien und Brasilien trotz des riesigen Sicherheitspolsters und der guten Wachstumsaussichten so stark abstürzten? Die giftige Melange aus Bedenken zur Corporate Governance in Russland, sinkenden Rohstoffpreisen, der Wahrnehmung erhöhter politischer Risiken in Folge der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Russland und Georgien sowie der immer noch nicht geklärten Arbeitsteilung zwischen Ministerpräsident Wladimir Putin und Präsident Dmitrij Medwedjew führten zu einer negativen Grundstimmung internationaler Investoren gegenüber Russland. Danach bedurfte es nur noch eines Anstoßes, um eine Negativspirale auszulösen. Die "russische Story" ist für Anleger ins Wanken geraten. Bevor die Lage an den internationalen Finanzmärkten nicht geklärt ist, werden Nettokapitalabflüsse im Urteil des IWF noch anhalten. Eine Rolle dabei werden auch die Positionen spielen, die aufgebaut worden waren, um auf einen steigenden Rubelkurs zu setzen. Neben Portfolioinvestoren könnten aber auch Direktinvestoren aufgrund der höheren Finanzierungskosten abgehalten werden, Kapital nach Russland zu bringen. Anders als vor zehn Jahren, als Russland die wirtschaftliche Schwäche zum Verhängnis geworden war, ist es aber diesmal die ökonomische Stärke, die am Ausgang der Probleme steht. Die politische Führung des Landes phantasierte, aufgrund der Öleinnahmen unabhängig von internationalen Tendenzen zu sein. Die Thesen von der Entkoppelung der Entwicklung der aufstrebenden Ländern von derjenigen der Industrieländer und von Russland als einem "sicheren Hafen" gehören nun aber der Vergangenheit an. Medwedjew und Putin werden deshalb wohl um ausländische Investoren werben müssen - eine ungewohnte Rolle für das Führungstandem. Die Maßnahme, den Aktienmarkt möglicherweise mit Haushaltsmitteln zu stimulieren, ist aber keine dazu geeignete Maßnahme. Die russische Regierung hatte angekündigt, mit Mitteln aus der Staatskasse Aktien von Staatsunternehmen zu kaufen. Damit würde aber nur der Staatsanteil in der Wirtschaft steigen, was nicht nach einer Politik zur Anziehung von Investoren klingt. Das gefährlichste Szenario für die russische Wirtschaft ist die gleichzeitige Abschwächung der Weltkonjunktur sowie der Rohstoffpreise. Die nächste Zeit wird zeigen, ob die starke Nachfrage nach Erdöl, Stahl, Kupfer und Kohle in den aufstrebenden Ländern den wahrscheinlichen wirtschaftlichen Schwächeanfall der Industrieländer überdauert. Auch wenn das russische Wachstum derzeit größtenteils vom Binnenkonsum getragen wird, zeigt die Finanzkrise und die möglichen Folgen die Versäumnisse der russischen Führung auf. Obwohl die Diversifizierung der Wirtschaft und damit die Überwindung der Abhängigkeit von den Launen des Erdölpreises seit Jahren propagiert wird, wurde der Anteil der Energiegüter an den Gesamtexporten wertmäßig immer größer. Dies soll sich in den nächsten Jahren ändern, die Wahl der Mittel lässt aber bei näherem Hinsehen Bedenken aufkommen. Durch Investitionen in die Infrastruktur, in Ausbildungsmöglichkeiten und in Hightech-Branchen wird ein jährliches Wachstum von mehr als 6 Prozent bis 2020 angestrebt. Der Ökonom und Osteuropa-Experte Philip Hanson hebt jedoch hervor, dass das offizielle Verständnis in Russland von Innovation demjenigen von Joseph Schumpeter diametral entgegengesetzt ist. Nicht auf die kreative Zerstörung durch wendige Unternehmer werde gesetzt, sondern auf finanziell großzügig ausgestattete Staatskorporationen. FAZ 2008/10/06 Die Politik sucht nach Antworten auf die Krise. In Europa wird es keinen staatlichen Rettungsfonds geben. In Amerika sollen die faulen Wertpapiere schnell aufgekauft werden. In Deutschland hält die Hypo Real Estate die Finanzwelt in Atem. chs./wmu./ctg./Kno. Wirtschaft Bericht EU Seite 11 kA Die Politik sucht nach Antworten auf die Krise. In Europa wird es keinen staatlichen Rettungsfonds geben. In Amerika sollen die faulen Wertpapiere schnell aufgekauft werden. In Deutschland hält die Hypo Real Estate die Finanzwelt in Atem. chs./wmu./ctg./Kno. PARIS/BRÜSSEL/WASHINGTON/FRANKFURT, 5. Oktober. Die Staats- und Regierungschefs von Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien haben am Samstag in Paris beschlossen, dass jedes Land mit je eigenen Mitteln auf die Finanzkrise reagieren solle. Die vier größten europäischen Wirtschaftsnationen wollen ihr Vorgehen künftig jedoch stärker abstimmen. Denn mit dem Überlebenskampf der Münchener Hypo Real Estate (HRE) und der Zerschlagung des belgisch-niederländischen Konzerns Fortis hat sich die Finanzkrise in Europa über das Wochenende abermals zugespitzt. Bis zum Beginn des Börsenhandels in Asien in der Nacht zum Montag sollten hier wie dort wieder Rettungspläne erarbeitet werden, um einen Ausverkauf von Bankaktien zu verhindern. Die Idee eines EU-Rettungsfonds nach amerikanischem Vorbild hatte aber schon im Vorfeld des Treffens in Paris keinen Rückhalt gefunden. Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy bestritt sogar, einen solchen Fonds in Höhe von 300 Milliarden Euro überhaupt gefordert zu haben. Das amerikanische Finanzministerium hingegen will nun so schnell wie möglich damit beginnen, faule Kredite und problematische Wertpapiere von Banken und anderen Finanzmarktakteuren zu kaufen, damit die ins Stocken geratene Kreditvergabe rasch wieder in Gang kommt. "Wir werden die neuen Vollmachten zügig umsetzen, aber wir werden dabei auch methodisch vorgehen", sagte Finanzminister Henry Paulson. Zusammen mit der Notenbank Federal Reserve und der Einlagensicherungsgesellschaft FDIC werde er nach dem Weg suchen, der den größten Erfolg im Bemühen um eine Stabilisierung des Finanzsystems und der Wirtschaft insgesamt verspreche, fügte Paulson hinzu. Der amerikanische Kongress hatte am Freitag, wie in einem Teil unserer Samstagsausgabe berichtet, für ein milliardenschweres Rettungspaket für die angeschlagenen Banken gestimmt. Präsident George Bush hat das Gesetz unverzüglich unterzeichnet, dessen Kern der Kauf von faulen, mit der Hypothekenkrise in Verbindung stehenden Wertpapieren für bis zu 700 Milliarden Dollar ist. Das Ministerium wird nun den Rat von Fachleuten einholen, um festzulegen, welche Vermögenswerte den Banken abgenommen werden sollen und auf welche Weise dies geschehen soll. Derzeit deutet einiges auf sogenannte "umgekehrte Auktionen" hin, in denen die Verkäufer, in diesem Fall die Banken, Gebote für die betreffenden Wertpapiere abgeben. Das Ministerium erteilt dann derjenigen Bank den Zuschlag, die das niedrigste Gebot abgibt. "Wir werden alles in unserer Macht Stehende unternehmen, um die Verwerfungen auf den Kreditmärkten zu verringern", sagte Ben Bernanke, der Vorsitzende der Notenbank. Die Währungshüter, so wird berichtet, planen offenbar eine Senkung des Leitzinses noch in diesem Monat. Nach dem europäischen Krisentreffen sagte Sarkozy, die Kommission werde künftig die EU-Beihilferegeln und den Stabilitätspakt "flexibler" anwenden. Bundeskanzlerin Angela Merkel kritisierte abermals die unbegrenzte Garantie Irlands für seine Banken, weil diese anderen Ländern schade. Sarkozy kündigte außerdem an, dass bis Ende des Monats ein EU-Vorschlag zur Anpassung der Bilanzierungsregeln für Banken vorgelegt werden solle. Ziel sei es, die Bewertung von Wertpapieren in den Bankbilanzen an die geänderten amerikanischen Regeln anzupassen. Die amerikanische Börsenaufsicht SEC hatte vergangene Woche angeordnet, dass die amerikanischen Banken Finanztitel nicht mehr nach dem aktuellen Marktwert in der Bilanz verbuchen müssen. FAZ 2008/10/06 Staatsgarantie für Spargeldeinlagen. Hypo Real Estate mit Hilfen von 50 Milliarden Euro vorerst gerettet / Steinbrück "ziemlich entsetzt". km./theu./hpa./ham. Politik Bericht BRD Seite 1 kA Staatsgarantie für Spargeldeinlagen. Hypo Real Estate mit Hilfen von 50 Milliarden Euro vorerst gerettet / Steinbrück "ziemlich entsetzt". km./theu./hpa./ham. BERLIN/MÜNCHEN/FRANKFURT, 5. Oktober. Die Bundesregierung ist angesichts der Krise der Finanzmärkte und des befürchteten Zusammenbruchs der Hypo Real Estate (HRE) bereit, eine Staatsgarantie für alle privaten Spargeldeinlagen, Termineinlagen und Girokonten zu geben. Bundeskanzlerin Merkel (CDU) versicherte am Sonntag vor einer Sitzung des Koalitionsausschusses in Berlin: "Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind." Niemand in Deutschland müsse sich um seine Bankeinlagen sorgen, sagte sie. Aus dem Finanzministerium hieß es, die Regierung übernehme damit eine Garantie, die über das Einlagensicherungssystem der Banken hinausgehe. Es gehe um eine Summe von 568 Milliarden Euro. Die Garantie gelte aber unbegrenzt. So solle verhindert werden, dass Privatkunden Geld in größerem Stil von ihren Konten abheben. In den vergangenen Tagen hatten die Regierungen in Irland und Griechenland ähnliche Zusagen ausgesprochen. Am späten Sonntagabend haben sich Bundesregierung und Banken auf ein Rettungspaket für die HRE verständigt. Das bestätigte der Chef der Finanzmarktaufsicht Bafin, Jochen Sanio. Die Konditionen ließ er zunächst offen. Nach Informationen dieser Zeitung stocken die Banken ihren Kredit von 15 auf 30 Milliarden Euro auf, so dass das Rettungspaket insgesamt 50 Milliarden Euro umfasst. Im Gegenzug sollen die Banken durchgesetzt haben, dass der Vorstandsvorsitzende der HRE, Georg Funke, und der Aufsichtsvorsitzende Kurt Viermetz ihre Ämter niederlegen müssen. Darüber hinaus sollen die Europäische Zentralbank und die Bundesbank zusätzliche, gesicherte Liqudität bereit stellen. Regierung und Finanzwirtschaft hatten am Sonntag über Milliardenkredite und Bürgschaften für die HRE verhandelt. Im ersten deutschen Fernsehen hatte Finanzminister Steinbrück (SPD) betont, alle Beteiligten seien sich ihrer Verantwortung "im Interesse Deutschlands" bewusst. Bundeskanzlerin Merkel sagte: "Wir werden nicht zulassen, dass die Schieflage eines Finanzinstituts zu einer Schieflage des gesamten Systems wird." Der Unionsfraktionsvorsitzende Kauder hatte nach dem Treffen des Koalitionsausschusses im Kanzleramt jedoch deutlich gemacht, dass der Bund seine Bürgschaftszusagen für die HRE nicht erhöhen werde. Es bleibe bei der Zusage des Bundes, mit 26,5 Milliarden Euro zu bürgen. Der ursprüngliche Bürgschaftsbetrag der privaten Banken betrug 8,5 Milliarden Euro. In der Nacht zum Samstag war ein schon sicher geglaubtes erstes Rettungspaket für die HRE mit einem Volumen von 35 Milliarden Euro gescheitert. Die Bank brauche deutlich mehr Geld als bisher angenommen, hieß es zur Begründung. Im Mittelpunkt der Diskussion stand wie schon beim ersten Rettungsversuch die Aufteilung der Lasten zwischen Staat und Finanzbranche. Steinbrück zeigte sich "entsetzt" über den zusätzlichen Finanzbedarf: "Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich mit vielen anderen ziemlich entsetzt bin, dass das Management dieser Bankengruppe in den letzten Tagen ein weiteres Liquiditätsloch in ungeahnter Milliardenhöhe offengelegt hat." Die Risiken dürften nicht allein auf die Steuerzahler abgewälzt werden. (Fortsetzung Seite 2, siehe Wirtschaft, Seiten 11 und 14.) Am Sonntag kursierten in Finanzkreisen unterschiedliche Zahlen über den Kreditbedarf der HRE. So wurde dieser von einem Beteiligten mit rund 60 Milliarden Euro beziffert. Davon müssten 45 Milliarden Euro noch bis Jahresende fließen. An anderer Stelle war sogar von einem Bedarf von 70 bis 100 Milliarden Euro bis Ende 2009 die Rede. Frau Merkel stellte klar, man sei es den Steuerzahlern schuldig, dass diejenigen Bankmanager zur Verantwortung gezogen würden, die in unverantwortlicher Weise riskante Geschäfte tätigten. Die Regierung lehne es zwar ab, für das neue Milliarden-Loch in Mithaftung genommen zu werden, doch müsse das Institut um des ganzen deutschen Finanzsystems willen stabilisiert werden. Die Opposition kritisierte das Verhalten der Banken, aber auch das Krisenmanagement der Regierung. "Dem Vorstand der Hypo Real Estate kann man nicht mehr trauen, er hat das wahre Ausmaß der Liquiditätsprobleme offenbar verschleiert", sagte der Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Kuhn. Eine neue Bundesgarantie sollte es nur bei einer "intelligenten Form der Verstaatlichung" geben. "Wir werden nicht akzeptieren, dass die Finanzbranche die Trümmer ihrer spekulativen Zockereien dem Bund vor die Füße wirft, aber Profite und künftige Gewinne weiterhin ausschließlich für sich reklamiert." Für die FDP ist nach Ansicht ihres haushaltspolitischen Sprechers Koppelin das Scheitern des ersten Rettungspakets auch ein "Versagen der politisch Verantwortlichen". Alle früheren Aussagen von Kanzlerin Merkel und Finanzminister Steinbrück hätten sich als "Makulatur" erwiesen. Bei Banken und Versicherungen werden derweil die Rufe nach einer noch stärkeren Hilfe des Staates für den angeschlagenen Finanzsektor immer lauter. So gab es am Sonntag Forderungen, der Bund müsse eine pauschale Garantie für die Zahlungsfähigkeit aller deutschen Banken abgeben. Eine Rettung allein der HRE aus ihrer Finanznot sei womöglich nicht ausreichend, weil die Verunsicherung und das gegenseitige Misstrauen der Marktteilnehmer durch die Finanzkrise mittlerweile zu groß geworden seien. Auch Verstaatlichungen von angeschlagenen Banken seien möglicherweise zu diskutieren. Die Bundesbank allerdings könne die HRE nicht übernehmen. So hatte es die amerikanische Notenbank Fed vor kurzem mit dem amerikanischen Versicherungskonzern AIG gemacht. Die Bundesbank habe für einen solchen Schritt keine juristische Befugnis, hieß es. Das könne im Zweifelsfall nur die Europäische Zentralbank. Bei der Verhandlungsrunde am Sonntagnachmittag im Bundesfinanzministerium saßen Vertreter der privaten Großbanken, des Sparkassen-Sektors, der Genossenschaftsbanken und der Versicherungen mit am Tisch. Die Finanzindustrie hatte sich erst am vergangenen Freitag darauf verständigt, wie sie ihren Anteil an dem mittlerweile gescheiterten ersten Hilfspaket für die HRE untereinander aufteilen wollte. Private Großbanken, Landesbanken, Staatsbanken und Versicherer haben seit Ausbruch der Finanzkrise im Sommer 2008 milliardenschwere Schäden durch die Verwerfungen erlitten. Ein europäisches Hilfspaket für die Banken war am Samstag auch am Widerstand Deutschlands gescheitert. Jedes Land müsse seine Probleme selbst lösen, hieß es zum Abschluss eines Krisentreffens in Paris. Nach den Niederlanden erwog am Wochenende auch die belgische Regierung, die Aktivitäten des Finanzkonzerns Fortis zu verstaatlichen. Vor allem der Zusammenbruch von Lehman hat nach Einschätzung von Fachleuten weltweit zu einer Zuspitzung der Krise geführt. FAZ 2008/10/06 Europa ist nicht Amerika. kA Werner Mussler Politik Kommentar EU Seite 1 Leitartikel Europa ist nicht Amerika. Von Werner Mussler. Es gibt keinen Grund, nun auch noch die Finanzkrise in der EU zu vergemeinschaften. Europa ist nicht Amerika. Auf diese verkürzte Formel lässt sich die Begründung bringen, mit der die Europäische Zentralbank (EZB) seit dem vergangenen Sommer ihren Kurs verteidigt hat, der sich von dem der Federal Reserve deutlich unterschied. Die differenzierte Reaktion der EZB auf die Finanzkrise - sie hat die Märkte jederzeit mit Liquidität versorgt, die Zinsen angesichts der hohen Inflation aber nicht gesenkt - war weitaus schlüssiger als die hektische Zinssenkungspolitik jenseits des Atlantiks. Die Verhältnisse in Europa sind andere als in Amerika. Mit dieser Begründung hat EZB-Präsident Trichet in der vergangenen Woche abermals Forderungen zurückgewiesen, die EU möge sich am amerikanischen Vorbild orientieren - diesmal nicht in der Geld-, sondern in der Finanzpolitik. Jetzt bezog er sich - zu Recht - nicht nur auf die unterschiedlichen wirtschaftlichen, sondern auch auf die unterschiedlichen politischen Verhältnisse. Die Forderungen nach einem "europäischen Rettungspaket" für die Banken, das sich an dem nun endlich vom amerikanischen Kongress verabschiedeten Paket orientieren sollte, sind schon aus einem ganz trivialen Grund unsinnig: Solange die Finanzpolitik in der EU in die Kompetenz der Mitgliedstaaten fällt - und nichts spricht dafür, dies zu ändern -, ist ein europäisches "Paket" in der Größenordnung, wie es sich seine Befürworter vorstellen, schlicht unrealistisch. Logischerweise ist auf dem Pariser Gipfeltreffen zur Finanzkrise denn auch kein Paket nach amerikanischem Vorbild geschnürt worden. Die Kernbotschaft des Treffens lautet: Die EU-Staaten reagieren auf die Krise mit ihren je eigenen Mitteln, stimmen sich aber besser ab. Ein europäisches 300Milliarden-Euro-Rettungspaket wollte schon vor dem Treffen niemand mehr gefordert haben, jetzt ist es endgültig vom Tisch. Die von Frankreichs Präsident Sarkozy verbreitete Behauptung, die Europäische Kommission habe zugesagt, wegen der Finanzkrise künftig die Beihilferegeln und den Stabilitätspakt flexibler zu handhaben, ist Augenwischerei für die heimische Kulisse. Die EU-Behörde wird die Beihilferegeln so anwenden, wie sie es schon in den vergangenen Wochen und Monaten getan hat: Sie wird Staatshilfe zur unmittelbaren Rettung von Banken großzügig beurteilen und langfristige Wettbewerbsbeschränkungen weiterhin nicht durchgehen lassen. Den Stabilitätspakt wird die Kommission nach dem Treffen in Paris nicht anders anwenden als vorher. Der Pakt lässt für unvorhergesehene Ereignisse - ein staatliches Einspringen zur Rettung einer Bank gehört wohl dazu - Luft für zusätzliche Staatsdefizite. Einen Freibrief für Frankreichs lockere Finanzpolitik, die ihre Ursache keineswegs in der Finanzkrise hat, enthält er dagegen nicht. Hat es "Europa" angesichts der mageren Pariser Ergebnisse also wieder einmal nicht geschafft, "gemeinsam" auf die Krise zu reagieren? Ist die EU, anders als Amerika, nicht "handlungsfähig"? Solche Rhetorik führt diesmal in die Irre. Keiner der Apologeten von mehr "gemeinsamer" Krisenbewältigung hat bislang schlüssig darlegen können, aus welchem Grund die Krise über die ohnehin bestehenden Koordinationsmechanismen hinaus eine Vergemeinschaftung nationaler Politiken erfordere. Selbst Sarkozy, der oberste Verfechter einer solchen Vergemeinschaftung, dürfte am Sonntag froh gewesen sein, dass er nicht in die Berliner Krisengespräche zur Rettung von Hypo Real Estate eingebunden war. Mit dem Argument, dass jede nationale Bankenkrise grenzüberschreitende Wirkungen hat, lässt sich zwar der zunehmende Abstimmungsbedarf begründen, der in Paris jetzt auch noch einmal bekräftigt wurde. Mit jeder Europäisierung der staatlichen Rettung würde aber die Verantwortung für die Krise, die durch die Staatsinterventionen ohnehin schon verwischt wird, vollkommen unkenntlich gemacht werden. In Amerika besteht diese Gefahr nicht. Sarkozy hat in Paris den Verdacht genährt, dass er die Finanzkrise nicht nur als Ausrede benutzt, um seine Haushaltspolitik zu rechtfertigen, sondern dass er sie zum Vorwand nimmt, um wieder einmal seiner Idee einer - finanziell entsprechend ausgestatteten - europäischen "Wirtschaftsregierung" das Wort zu reden. Dem hat die Kanzlerin zu Recht, wenn auch verklausuliert, widersprochen. Niemand behauptet indes, dass die Verantwortlichen in der EU jetzt ihre Hände in den Schoß legen sollten. Die einseitigen, nicht abgestimmten Garantien für Bankeinlagen, wie sie Irland und Griechenland vorgenommen haben, wirken protektionistisch und bedrohen den Binnenmarkt. Die Warnung des scheidenden EU-Handelskommissars Mandelson vor einer "neuen Welle des wirtschaftlichen Nationalismus" ist nicht übertrieben. Die EU-Kommission muss auf die Garantien schnell reagieren, und die anderen Mitgliedstaaten dürfen sich nicht anstecken lassen. Europa ist nicht Amerika. Noch vor wenigen Wochen schien dieser Satz auch für die Stabilität des Bankensystems zu gelten. So sicher kann man sich da nicht mehr sein, und deshalb dürften auch auf die EU-Staaten große Belastungen zukommen. Sie werden schwer genug sein. Nichts spricht dafür, sie nach "Europa" zu verlagern. FAZ 2008/10/06 Der Ausverkauf ist noch nicht zu Ende. Die Finanzmärkte brauchen schnelle Hilfe. Es ist nicht mehr nur eine Bankenkrise, sondern eine Bedrohung für die Volkswirtschaften. Bettina Schulz Finanzmarkt und Wetter Bericht BRD Seite 24 kA Der Ausverkauf ist noch nicht zu Ende. Die Finanzmärkte brauchen schnelle Hilfe. Es ist nicht mehr nur eine Bankenkrise, sondern eine Bedrohung für die Volkswirtschaften. Von Bettina Schulz. LONDON, 5. Oktober. Die deutsche Bundesregierung hat am Sonntagabend mit einer umfassenden Staatsgarantie sämtliche Bankeinlagen in Deutschland abgesichert. Sie ist damit Irland gefolgt, obwohl die Bundesregierung die Inselrepublik noch einen Tag zuvor für die von ihr zugesagte Staatsgarantie gescholten hatte. So dramatisch der Schritt einer deutschen Staatsgarantie für Einlagen ist, so richtig ist er und so sehr zeigt er, dass die Politik in Berlin endlich begriffen hat, wie ernst die Situation ist. Große Bankenkrisen haben ihren Höhepunkt immer erreicht, wenn die Politik drakonisch eingreift und mit Staatsmitteln rettet. Es ist die absolute Kapitulation in der Krise, und bei ihr sind wir jetzt angelangt. In dieser Phase werden ordnungspolitische Bedenken über Bord geworfen. Aber die Situation ist zu sehr vor die Wand gefahren worden, als dass etwas anderes noch helfen würde. Der Preis für die Staatshilfe wird wohl eine drakonische Regulierung der gesamten Bankenbranche sein. Der dramatische Schritt der Bundesregierung erfolgte, nachdem das Rettungspaket für die Hypo Real Estate schlagartig neu verhandelt werden musste, die Rettung von Fortis am Wochenende wieder auf dem Spiel stand und von den betroffenen Banken dementierte Gerüchte zirkulierten, auch die West LB, Bayern LB, LBBW und Nord LB seien mit einem Refinanzierungsbedarf in Höhe von mehreren hundert Milliarden Euro konfrontiert, den sie im November nicht mehr decken könnten. Um einem möglichen, gleichwohl unwahrscheinlichen Ansturm panischer Sparer vor den Türen der Banken am Montagmorgen vorzubeugen, sprach Bundeskanzlerin Angela Merkel daher am Sonntag noch die Staatsgarantie aus, denn bis in die späten Abendstunden am Sonntag war nicht geklärt, wie und ob die Hypo Real Estate gerettet werden konnte. Die Bankenkrise hat damit Europa mit voller Wucht erreicht, und Anschuldigungen der deutschen Regierung, dies sei alles Sache der Amerikaner, sind damit obsolet und belegen nur, wie falsch diese Finanzkrise lange von den Politikern hier in Europa eingeschätzt wurde. Dieses Wochenende in Paris hat gezeigt, wie schwer sich die Politik tut, zumindest in Europa einen koordinierten Ansatz in dieser Krise zu finden. Die Zeit fehlt jetzt auch, an diesen Lösungsansätzen noch lange herumzutüfteln. Ein Blick auf die stetig steigenden Refinanzierungssätze am Geldmarkt zeigt, dass die Banken sich gegenseitig nicht mehr refinanzieren und es damit einfach nur eine Frage der Zeit ist, bis das nächste Institut Liquiditätsschwierigkeiten hat und aufgefangen werden muss. Da ist die Staatsgarantie der Einlagen eine Beruhigung für die Bevölkerung, denn das deutsche Einlagensicherungssystem der privaten Banken ist nicht für eine systemische Bankenkrise geschaffen, die wir aber haben. Die Bevölkerung ahnt das, und es ist nicht fair, sie abends im Wohnzimmer mit Freunden rätseln zu lassen, ob sie lieber Gold kaufen soll. Sich jetzt noch auf den Einlagensicherungsfonds zu verlassen, wäre sträflich gewesen, weil die privaten Banken in dieser Krise nicht in der Lage sind, ihren Fonds neu aufzufüllen. Den Banken in Europa wird aber immer noch nicht mit einem Rettungsfonds geholfen, der ihnen ermöglichen würde, ihre belastenden Risikopositionen von der Bilanz zu schaufeln. Der Fonds könnte dafür sorgen, dass sich die Banken langsam wieder gegenseitig über den Weg trauten. Damit würde dann der blockierte Geldmarkt wieder in Schwung kommen, und die Finanzierungssätze würden sinken, die jetzt rigoros an die Realwirtschaft weitergereicht werden und langsam die Refinanzierung von Industrie und Handel abwürgen. Ein richtiger Schritt wäre jetzt, den Banken zu erlauben, ihre Risikopositionen so anzusetzen, als ob sie die Positionen bis zur Endfälligkeit halten würden. Gleichzeitig wäre wichtig, dass den Banken der Druck genommen wird, Positionen quartalsweise zu dem derzeit extrem niedrigen Panikpreis des Marktes anzusetzen, was die Banken nur immer tiefer in die Krise zieht. Das alles ist ordnungspolitisch furchtbar. Aber die Situation ist zu gefährlich, als dass Politik, Aufsichtsbehörden und Notenbanken jetzt noch zimperlich sein könnten. Die Hoffnung ist ohnehin verflogen, die Realwirtschaft könnte aus dieser Krise ungeschoren davonkommen. In Amerika bahnt sich trotz fiskalpolitischer Hilfe eine Rezession an, und in Europa stehen die Zeichen so schlecht, dass nun auch die Europäische Zentralbank (EZB) signalisiert hat, auf den Pfad einer Zins senkung einzuschwenken. Die Bank von England könnte an diesem Donnerstag bereits mit einer Zinssenkung reagieren. Leitzinssenkungen richten freilich nichts dagegen aus, dass die Refinanzierungssätze der Banken am Geldmarkt auf immer neue Rekorde steigen, wie dies selbst noch am Freitag der Fall war. Unternehmer berichten darüber, welch drastisch höhere Refinanzierungssätze ihnen plötzlich von Banken mit dem trockenen Kommentar genannt werden, sie hätten mit der Refinanzierung leider selber Schwierigkeiten. Diese Finanzkrise ist daher kein Problem der Banken mehr, das diese schon irgendwie selbst lösen können. Wenn die Politik nicht reagiert, zieht das System die gesamte Realwirtschaft in den Keller. Am Freitag brachen an allen Aktienmärkten der Welt die konjunkturabhängigen Aktienwerte ein. Der Deutsche Aktienindex gab während des Handels auf ein neues Tief von 5617 Punkten nach. Auch wenn sich die Kurse in Europa in der letzten Handelsstunde erholten - an der Wall Street setzte am späten Freitagabend die nächste Verkaufswelle ein: der S&P 500 verlor nochmals 1,4 Prozent, hat vergangene Woche also fast 10 Prozent eingebüßt. Die Rückführung von Anlagegeldern aus den Schwellenländern in den Dollarraum und die Zinssenkungsaussichten der EZB haben in der vergangenen Woche zu einer Aufwertung des Dollar allein zum Euro von 5,6 Prozent geführt. Diese Stärkung des Dollar, die Auflösung von Anlagepositionen der Hedge-Fonds und die Furcht vor einer Rezession haben zu einem drastischen Einbruch von Preisen an den Rohstoffmärkten geführt. Die jetzige Krise ist jedoch viel schlimmer als die Krise nach dem Platzen der Technologie-Blase. Mit dem Ausverkauf an den Märkten ist es also noch nicht vorbei. FAZ 2008/10/07 Der Auslandsmarkt: Großbritannien. Der Verlockung widerstehen. Bettina Schulz Finanzmarkt Bericht GB Seite 27 kA Der Auslandsmarkt: Großbritannien. Der Verlockung widerstehen. Die Finanzmärkte erleben die schwerste Vertrauenskrise seit dem Zweiten Weltkrieg, im Prinzip seit der großen Depression der dreißiger Jahre. Die Krise hat nichts mehr mit anderen, seit dem Zweiten Weltkrieg erlebten Marktkorrekturen zu tun. Sie ist ein gewaltiger Sturm, der über die Finanzmärkte hinwegfegt und dem sich kein Investor entgegenstellen sollte. Ein Blick auf Kurs-Gewinn-Verhältnisse und extrem billige Bewertungen am Markt bringt keinerlei Erhellung, da jegliche Gewinnschätzungen und Geschäftspläne von Unternehmen nicht die Implikationen einfangen, die diese Finanz- und Kreditkrise auf die Realwirtschaft haben wird. Der britische Aktienmarkt ist - wie die meisten europäischen Aktienmärkten - jetzt um 35 Prozent gefallen, gemessen am FTSE-100-Index. Die Bewertungen von Bankaktien, Minenwerten und zunehmend auch konjunkturabhängigen Dividendentiteln rauschen in den Keller. Die Bank von England wird an diesem Donnerstag voraussichtlich den Leitzins senken, und auch die britische Regierung ergeht sich in verzweifeltem Aktionismus, um ihr Bankensystem zu stabilisieren und die Volkswirtschaft vor dem Schlimmsten zu bewahren. Es mag Anlegern unter den Fingernägeln brennen, bei den günstigen Bewertungen am Markt wieder einzusteigen. Minenaktien haben derzeit ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von Faktor 4. Aber die große Gefahr ist, dass diese günstigen Bewertungen am Markt eine Falle sein könnten. Wer in den dreißiger Jahren abgewartet hatte, bis der Markt um die Hälfte gefallen war, und stolz bei diesen niedrigen Bewertungen investierte, verlor bis zum Tiefpunkt der Krise 80 Prozent seines Geldes. Der Markt war nämlich vom Top bis zum Tiefpunkt um 90 Prozent gefallen. Selbst nach dem Platzen der Technologieblase rauschte der Markt um mehr als 50 Prozent in die Tiefe. Diese Krise ist wesentlich dramatischer als das Desaster um die Technologieblase, und wir haben erst einen Kursabschwung von 35 Prozent hinter uns. Also abwarten und Ruhe bewahren. Einige Dinge lassen Anleger freilich aufatmen. Jede dramatische Bankenkrise hat letztlich dazu geführt, dass der Staat massiv eingreifen musste. Im Gegensatz zu der ausgeprägten Finanzkrise in Japan, wo es Jahre dauerte, bis die Behörden entsprechend reagierten, schalten sich die Regierungen bei dieser Krise "schon" 14 Monate nach Ausbruch der Marktturbulenzen ein. Das lässt hoffen. Aber es ist gefährlich für Investoren, sich wieder an die Finanzmärkte heranzuwagen, wenn Banken sich gegenseitig kein Geld ausleihen, die Kreditmärkte einfrieren und Banken kein Geld mehr an ihre Kunden ausgeben - und wenn, dann nur zu exorbitant teuren Konditionen. Solange sich dies nicht ändert, müssen Anleger ihre Finger vom Markt lassen. Die Phase, in der die Hedge-Fonds massenweise aus dem Markt gehen, die Finanzinstitute ihre Risikopositionen von ihrer Bilanz schaufeln müssen, Unternehmen sich nicht mehr refinanzieren können, deshalb ihre Investitionen und Dividenden zusammenstreichen müssen, kommt erst noch. Nach Morgan Stanley lag die niedrigste Bewertung von Unternehmen am Markt gemessen an ihrem Buchwert bei 0,8 in den Jahren 1974 und 1981. Angesichts der jetzigen Bewertung von 1,6 müssten die Aktienmärkte in Europa nochmals 50 Prozent fallen, um diesen Tiefpunkt zu erreichen. Es gibt zahlreiche Szenarien, nach denen der Markt mit Blick auf frühere Tiefstbewertungen noch um 37 bis 50 Prozent absacken kann. Aber man kann es auch positiv sehen: Die Inflation fällt. Aktien sind so extrem günstig bewertet, dass die Dividendenrendite seit 1957 das erste Mal über der Anleiherendite liegt (was allerdings auch heißen kann, dass die Dividenden drastisch zusammengestrichen werden müssen). Niemand leugnet mehr die Krise, und die Politik reagiert. Dies und offenbar bevorstehende Zinssenkungen könnten einen Wendepunkt darstellen, hofft Morgan Stanley. "Allerdings ist es zu spät, um eine Rezession zu verhindern", heißt es bei der Bank, die Anlegern rät: "Wir sollten auf unsere bisherigen Anlageentscheidungen weder mit Stolz noch mit Wehmut blicken, sondern bescheiden bleiben, Fehler vermeiden und uns bemühen, die nächste Entscheidung richtig zu fällen." BETTINA SCHULZ FAZ 2008/10/07 Staatsgarantie verbessert Position der Kunden der privaten Banken. Sparkassen und Volksbanken schützen seit längerem mehr. Nach 1930 hat kein Kunde oder Gläubiger einer Volksbank durch Bankeninsolvenz Geld verloren. ham. Unternehmen Bericht BRD Seite 21 kA Staatsgarantie verbessert Position der Kunden der privaten Banken. Sparkassen und Volksbanken schützen seit längerem mehr. Nach 1930 hat kein Kunde oder Gläubiger einer Volksbank durch Bankeninsolvenz Geld verloren. ham. FRANKFURT, 6. Oktober. Die von der Bundesregierung ausgesprochene unbegrenzte Garantie der Einlagen in deutschen Banken ist vor allem eine Verbesserung für die Kunden privater Banken. Die 450 öffentlich-rechtlichen Sparkassen und die 1200 genossenschaftlichen Volks- und Raiffeisenbanken versprachen zuvor schon Privatpersonen und Unternehmen die absolute Sicherheit von Spareinlagen, Sparbüchern, Sparbriefen, Termineinlagen, Festgeldern sowie Sichteinlagen auf Girokonten und sogar von Inhaberschuldverschreibungen. Denn beide Finanzverbünde garantieren den Instituts- und damit den Insolvenzschutz der ihnen angeschlossenen Banken. Private Banken dagegen können durch die Aufsicht geschlossen werden. Die 180 Mitglieder im privaten Bankenverband bieten ihren Kunden im Fall der Insolvenz über den gesetzlichen Mindestschutz von 20 000 Euro je Konto hinaus eine Entschädigung an, mit der Einlagen und Namensschuldpapiere im Volumen von bis zu 30 Prozent des haftenden Eigenkapitals der Bank durch den Fonds zurückgezahlt werden. Da das Mindesteigenkapital einer Bank in Deutschland 5 Millionen Euro beträgt, sind in jedem Fall 1,5 Millionen Euro je Anleger geschützt, in großen Banken sind es Milliardenbeträge. Die Bundesregierung bürgt nun für alle privaten Spareinlagen in deutschen Banken unbegrenzt. Dies ist somit ein Fortschritt. Es dürfte jedoch dabei bleiben, dass sich dieser Schutz bei privaten Banken nicht auf Inhaberschuldverschreibungen und - wie Besitzer von Lehman-Zertifikaten derzeit bitter erfahren müssen - auf Inhabereinlagenzertifikate bezieht. Die weitreichende Garantie des Staates für Spareinlagen soll dazu dienen, das Vertrauen vor allem vorsichtiger Sparer zu erhalten. Falls deren Glaube gerade in die privaten Banken erschüttert wäre, ließen sich Gründe dafür finden. Die Finanzkrise zeigt, dass die privaten Banken offensichtlich für Schieflagen nicht ausreichend vorgesorgt haben. Die genaue Summe, über die ihr Entschädigungsfonds verfügt, ist nicht bekannt; dem Vernehmen nach sind es weniger als 5 Milliarden Euro. Zumindest ist die private Bankengruppe entweder nicht willens oder nicht fähig, große Schieflagen in ihrer Gruppe wie die von Hypo Real Estate und IKB allein zu beseitigen. In beiden Fällen mussten Sparkassen und Genossenschaftsbanken mit Milliardenbeträgen zur Rettung einer privaten Bank beitragen. Dagegen hat die Sparkassen-Gruppe der Sachsen LB im August 2007 mit 17 Milliarden Euro Liquidität allein geholfen, ebenso wie die Genossenschaftsbanken zweimal - 1991 und 2001 - die Sanierung ihres damaligen Spitzeninstituts DG Bank mit Milliardenbeträgen aus ihrem Rettungsfonds finanzierten. Alle Mitglieder von Haftungsverbünden - ob privat, genossenschaftlich oder öffentlich-rechtlich - zahlen in jedem Jahr abhängig von der ausgereichten Kreditsumme Beiträge in die jeweiligen Sicherungseinrichtungen. Der Stützungsfonds der genossenschaftlichen Banken hat die längste Historie. Er wurde nach der Weltwirtschaftskrise 1929 gegründet. Seither hat kein Kunde oder Gläubiger einer Volks- oder Raiffeisenbank durch Bankeninsolvenz Geld verloren. Wenn nicht der Fonds einspringt, finden Notfusionen unter den Ortsbanken statt. Dann übernimmt das Nachfolgeinstitut die Verpflichtungen. Anfang des Jahrtausends musste die größte deutsche Volksbank, die Berliner Volksbank, mit insgesamt 1,7 Milliarden Euro saniert werden. In der Folge mussten die Volks- und Raiffeisenbanken jährlich 600 Millionen Euro in ihren Fonds einzahlen - ein Wettbewerbsnachteil. Die Haftungsmittel in der Sparkassen-Finanzgruppe sind erst seit 2005 ein Thema, als die automatische Staatshaftung wegfiel. Seither versprechen Sparkassen und Landesbanken sich gegenseitig Institutsschutz aus eigener Kraft zu gewähren. Angesichts der gewaltigen Risiken in den Landesbanken wird dieses Versprechen zunehmend brüchig. Aber bis auf weiteres gilt es. FAZ 2008/10/07 Nur Millionäre setzen auf den Sparstrumpf. Kleinsparer vertrauen trotz der Finanzkrise weiterhin auf die Stabilität des deutschen Bankensystems. Sie setzen auf den Einlagensicherungsfonds. Daran ändert auch die jüngste dramatische Rettungsaktion von Banken und Bundesregierung nichts. Philipp Krohn Unternehmen Reportage BRD Seite 21 kA Nur Millionäre setzen auf den Sparstrumpf. Kleinsparer vertrauen trotz der Finanzkrise weiterhin auf die Stabilität des deutschen Bankensystems. Sie setzen auf den Einlagensicherungsfonds. Daran ändert auch die jüngste dramatische Rettungsaktion von Banken und Bundesregierung nichts. Von Philipp Krohn. FRANKFURT, 6. Oktober. Die Börsen überall auf der Welt in Aufruhr, hektische Betriebsamkeit in der Hauptstadt: Märkte und Bundesregierung verarbeiten das wohl dramatischste Wochenende in Deutschlands jüngerer Finanzgeschichte. Der Bundesfinanzminister unterrichtet die Öffentlichkeit über seinen Plan A. Mit dem soll die angeschlagene Bank Hypo Real Estate gestützt werden. Nun arbeitet sein Ministerium an einem Plan B für den Notfall, dass die Krise weitere Banken in die Tiefe zieht. In den Bankfilialen der Frankfurter Innenstadt scheint hingegen wenig von der aktuellen Zuspitzung angekommen zu sein: Größtenteils gelassen, allenfalls leicht besorgt reagieren die Privatkunden am Montagnachmittag darauf, dass die Bundesregierung erneut Garantien in Milliardenhöhe ausgesprochen hat. "Ich halte mein Geld nach wie vor für absolut sicher", sagt Martin Schulz, als er den provisorischen Bank-Container an der Konstablerwache verlässt. Weil er keine größeren Summen in Aktien angelegt hat, sieht der 46 Jahre alte Mann sich kaum betroffen von den Entwicklungen an den Finanzmärkten. "Im Vergleich zu den Vereinigten Staaten, wo die Einlagen nicht gesichert sind, ist doch das deutsche Bankensystem ziemlich stabil", meint Schulz. Die Überschriften an den Kiosken spiegeln die Krise wider: "Staat schützt Geld aller Sparer", schreibt eine Zeitung, "So retten Sie ihr Geld!", eine andere. Etwas bemüht wirkt da der Werbespruch der Sparkasse, mit dem er um Vertrauen wirbt: "Hier gibt's Geld." Bei den Kunden aber scheint die Botschaft angekommen zu sein. "Die Rücklagen der Bank sind ja hoch genug, um unsere Einlagen zu decken", glaubt Peter Mohr. Der technische Angestellte sieht sich selbst als sicherer Sparer: Lieber geringere Zinsen und dafür mehr Sicherheit, sagt er sich. Und Geld zur Seite zu legen, statt es auf der Bank zu lassen, auf diese Idee ist Mohr noch nicht gekommen: "Bei mehr als drei Prozent Inflation würde das doch viel zu große Verluste bewirken." Knapp hundert Meter weiter schreitet Bernd Georg Stillger zur U-Bahn-Haltestelle. Gerade hat er Geld in der Dresdner Bank abgehoben. Als Vorstand einer Beteiligungsgesellschaft legt er für wohlhabendere Kunden Geld an - oft mehrere Hunderttausend Euro. "Ich spüre momentan erhebliche Sorgen über das Banksystem", sagt Stillger. Die Einlagen seiner Kunden liegen deutlich über der Grenze, bis zu der sie über den Einlagensicherungsfonds der Banken abgesichert wären. Deshalb begännen viele von ihnen damit, das Geld zu horten. "Die sagen sich, bevor es zusammenkracht, habe ich das Geld lieber sicher im Tresor", berichtet er. Als selbständiger Unternehmer ist Stillger empört über die gemeinsame Rettungsaktion der Bundesregierung und verschiedener Banken. "Das ist eine Riesensauerei: Wenn ich Mist baue, muss ich dafür meinen Kopf hinhalten. Dafür müssen nicht Millionen Steuerzahler geradestehen", sagt der gelernte Banker. Mögliche volkswirtschaftliche Schäden hätte der Staat in Kauf nehmen sollen, denn der Umbau der deutschen Bankenlandschaft werde sich ohnehin in den kommenden Monaten weiter fortsetzen. Franz Stumm aus Wiesbaden pflichtet ihm bei. "Die verantwortlichen Manager müssten dafür wie in Amerika haften", meint der 72 Jahre alte Rentner. Und dass der Staat zusätzlich zu dem Einlagensicherungsfonds Garantien ausspricht, kann Stumm nicht recht nachvollziehen. "Momentan sind ja eher Spezialinstitute betroffen", hat Rosemarie Haroun beobachtet, die in der Schlange der Deutschen Bank auf einen frei werdenden Schalter wartet. Deshalb befürchtet sie nicht, dass sie selber von der Krise getroffen werden könnte - zumal sie ihre riskantesten Anlagen verkauft hat, als sie vor einigen Jahren ein Haus erworben hat. Die heute 52 Jahre alte Versicherungskauffrau hat 15 Jahre lang im Investmentbanking gearbeitet. Sie ist froh, dass die Bundesregierung eingegriffen hat, um eine mögliche Kettenreaktion zu verhindern. "Hätte sie es nicht getan, würde das uns Sparer noch schwerer schädigen." Hinter ihr in der Schlange steht Gerrit Mordas, auch er arbeitet in der Branche. "Natürlich können mich solche Garantien als Steuerzahler treffen, aber zunächst einmal wird das Signal ausgesandt, dass man die Krise im Griff hat", hofft der 34 Jahre alte Banker. Zwar fühlt auch er sich dadurch von der Krise betroffen, etwas ruhiger lässt es ihn aber dennoch schlafen. FAZ 2008/10/07 Noch mehr Milliarden für die Hypo Real Estate. Die vorläufige Rettung der schwer angeschlagenen Immobilienbank ist in der Nacht zum Montag im zweiten Anlauf gelungen. Nun müssen die anderen Banken ihren Notkredit auf 30 Milliarden Euro verdoppeln. Das Gesamtpaket kostet sogar 50 Milliarden Euro. theu./ham. Unternehmen Reportage BRD Seite 19 kA Noch mehr Milliarden für die Hypo Real Estate. Die vorläufige Rettung der schwer angeschlagenen Immobilienbank ist in der Nacht zum Montag im zweiten Anlauf gelungen. Nun müssen die anderen Banken ihren Notkredit auf 30 Milliarden Euro verdoppeln. Das Gesamtpaket kostet sogar 50 Milliarden Euro. theu./ham. MÜNCHEN/FRANKFURT, 6. Oktober. Die Uhr für die Hypo Real Estate (HRE) hörte in der Nacht zum Montag nur wenige Stunden vor dem befürchteten großen Knall auf zu ticken. Am frühen Montagmorgen hätte voraussichtlich die Finanzmarktaufsicht Bafin der in akute Geldnot geratenen Großbank den weiteren Geschäftsbetrieb verbieten müssen. Erst am Sonntag um 23 Uhr trat Bafin-Präsident mit der erlösenden Botschaft an die Öffentlichkeit: "Wir haben ein Ergebnis." Wie in einem Teil der Auflage vom Montag berichtet, soll die HRE statt dem ursprünglich vorgesehenen vor einer Woche ebenfalls kurzfristig geschnürten Notkredit von 35 Milliarden Euro nun 50 Milliarden Euro erhalten. Die zusätzlichen Milliarden mussten binnen 48 Stunden beschafft worden, weil in der Nacht zum Samstag überraschend neue Milliardenlöcher der HRE bekanntgeworden waren. Noch vor dem Wochenende hatte die Rettung der Bank dagegen als gesichert gegolten. Bundesbank und Bafin hatten vor "unabsehbaren Folgen für das gesamte deutsche Finanzsystem" gewarnt, sollte die HRE zusammenbrechen. Das Bundesfinanzministerium versuchte nach der abermaligen dramatischen nächtlichen Rettungsaktion am Montag den Eindruck zu vermitteln, dass die Zukunft der Bank nun gesichert sei. "Es handelt sich bei der Hypo Real Estate um ein grundsolides Unternehmen", sagte ein Sprecher der Behörde. An der Börse verfehlte diese Beruhigungspille allerdings ihre Wirkung: Der Kurs der im Deutschen Aktienindex Dax geführten HRE-Aktie brach im Handelsverlauf um bis zu 54 Prozent auf 4,75 Euro ein. Noch in der vergangenen Woche hatte Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) angekündigt, die Bank solle "geordnet abgewickelt" werden. Aus dem Kreis der an der Rettung beteiligten anderen Banken hieß es am Montag, mit der noch größeren Finanzspritze sei die HRE nun gut finanziert. "Die gefundene Lösung stellt sicher, dass die Hypo Real Estate auch bei andauernder Finanzkrise über ausreichende Liquidität verfügt", versicherte auch der Vorstandsvorsitzende des Immobilienfinanzierers, Georg Funke. Der Bankmanager steht wegen des Desasters vor der Ablösung. Auffällig ist allerdings, dass es in Finanzkreisen noch am Sonntag geheißen hatte, die HRE benötige mindestens 60 Milliarden Euro und damit 10 Milliarden Euro mehr als nun vorgesehen. Die Deutsche Bank, deren Experten vergangene Woche interne Geschäftszahlen der HRE geprüft hatten, errechnete sogar einen Finanzbedarf von 70 Milliarden bis 100 Milliarden Euro. Dies sei aber ein "Worst-Case-Szenario", hatte es dazu am Wochenende geheißen. Der komplexe, von 35 Milliarden auf 50 Milliarden Euro aufgestockte, neue Rettungsplan sieht vor, dass vor allem die anderen Kreditinsitute die höheren Kosten tragen. Die zusätzlichen 15 Milliarden Euro Kredit sollen von einem Bankenkonsortium kommen, das seine bisherigen Darlehenszusagen von 15 Milliarden gegenüber der HRE verdoppelt. Die anderen 20 Milliarden Euro stellt die Bundesbank. Hauptgläubiger sind nach Informationen aus Finanzkreisen die Deutsche Bank, Commerzbank, Hypo-Vereinsbank (HVB) und die durch die Finanzkrise selbst stark gebeutelte Bayern LB. Trotz des aufgestockten Kreditvolumens wird die Bürgschaft, welche das Milliardendarlehen absichern soll, aber nicht erhöht, sondern beträgt weiterhin nur 35 Milliarden Euro. Die zusätzlichen Kredite würden durch die von der HRE selbst gestellten Sicherheiten ausreichend geschützt, hieß es am Montag aus Bankenkreisen. Die HRE verpfändet alle vier operativen Tochtergesellschaften sowie Forderungen und Wertpapiere im Nominalwert von 42 Milliarden Euro. Der Marktwert dieser Titel wurde Anfang vergangener Woche von der Bundesbank allerdings lediglich mit 15 Milliarden Euro beziffert. Andererseits sei die Europäische Zentralbank (EZB) nun bereit, Papiere aus dem Sicherheitsstock der HRE zu akzeptieren, die bisher nicht für Notenbank-Geschäfte zugelassen waren, hieß es. Dadurch würden diese Sicherheiten aufgewertet. Als Erstes soll die EZB für die HRE zur Zwischenfinanzierung eine Kredittranche von 35 Milliarden Euro bereitstellen. Diese sei durch die vorgesehene Bürgschaft von Bund und Finanzsektor voll abgesichert, hieß es. Diese Zwischenfinanzierung soll später abgelöst werden durch die Gründung einer Zweckgesellschaft. Deren Aufgabe ist es, die HRE zu stützen und ihr die Kredite auszureichen. Sie wird über die Bürgschaft und die verpfändeten Vermögenswerte der HRE abgesichert werden. FAZ 2008/10/07 EU-Chefs versprechen Stabilität. Neue Diskussionen über europäischen Rettungsfonds. wmu. Unternehmen Bericht EU Seite 18 kA EU-Chefs versprechen Stabilität. Neue Diskussionen über europäischen Rettungsfonds. wmu. LUXEMBURG, 6. Oktober. Die Staats- und Regierungschefs der 27 EU-Mitglieder haben versprochen, "alle notwendigen Maßnahmen zur Sicherung der Stabilität des Finanzsystems" zu ergreifen. In einer am Montag verbreiteten Erklärung der französischen EU-Ratspräsidentschaft wurden dabei die Bereitstellung von Liquidität durch die Zentralbanken, gezielte Schritte zur Stützung einzelner Banken und weitere Garantien für Spareinlagen aufgezählt. Die Mitteilung ähnelt in ihrem Inhalt den Beschlüssen des Treffens der vier größten EU-Staaten zur Finanzkrise am Samstag in Paris. In der Mitteilung wird auch die Notwendigkeit einer "engen Zusammenarbeit und Koordination" der EU-Staaten hervorgehoben. Unterdessen haben die Finanzminister des Euro-Raums am Montagabend in Luxemburg versucht, die Ergebnisse des Pariser Treffens zu konkretisieren. Dabei zeichnete sich ab, dass die zahlreichen vom französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy in Paris angekündigten europäischen Initiativen zur Abwehr der Krise entweder gar nicht beschlossen werden oder noch einige Zeit benötigen. Die Beratungen der sogenannten Euro-Gruppe dauerten bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch an. An diesem Dienstag schließt sich ein Treffen der Minister aller 27 EU-Staaten an. Sie sollen eine Beschlussvorlage zur Finanzkrise für das EU-Gipfeltreffen in der kommenden Woche erarbeiten. Dabei wollte Italien abermals einen europäischen Rettungsfonds für Banken vorschlagen, in den alle EU-Staaten 3 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung einzahlen sollen. Die meisten Staaten lehnen diesen Vorschlag weiterhin ab. Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen sagte in Luxemburg, ein europäischer Rettungsschirm sei nicht hilfreich, jedes Land müsse flexibel handeln können. Die Europäische Kommission widersprach am Montag dem von Sarkozy in Paris erweckten Eindruck, wegen der Finanzkrise würden die Regeln des EU-Stabilitätspakts gelockert. Der im Jahr 2005 reformierte Pakt sehe bereits die notwendige Flexibilität für "Ausnahmesituationen" wie eine solche Krise vor, sagte ein Kommissionssprecher in Brüssel. Er ließ durchblicken, dass die EU-Behörde Staatsdefizite, die sich unmittelbar auf die Finanzkrise zurückführen lassen, anders beurteilen werde als eine generell lasche Haushaltspolitik. Es gilt deshalb als unwahrscheinlich, dass Frankreich, das bereits von der EU-Behörde vor Ausbruch der Krise wegen seines bei 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) liegenden Defizits gerügt wurde, nun vor jeder Verfolgung durch die Kommission befreit würde. Aus dem Pariser Treffen ergibt sich nach Angaben des Sprechers auf mehreren Feldern ein Auftrag an die Kommission, bald Gesetzgebungsvorschläge zu machen. Erstens werde die EU-Behörde schnellstmöglich neue Bilanzierungsregeln für Banken vorschlagen. Außerdem erwähnte der Sprecher die in der vergangenen Woche bereits veröffentlichten Vorschläge zur Reform der Eigenkapitalregeln der Banken und die angekündigte Verschärfung der Regulierung von Rating-Agenturen. FAZ 2008/10/07 EU nimmt Managergehälter unter die Lupe. Frankreichs Arbeitgeber gegen Abfindungen . "Maximal zwei Jahresvergütungen". chs./wmu. Wirtschaft Bericht EU Seite 18 kA EU nimmt Managergehälter unter die Lupe. Frankreichs Arbeitgeber gegen Abfindungen . "Maximal zwei Jahresvergütungen". chs./wmu. PARIS/LUXEMBURG, 6. Oktober. Die EU-Finanzminister und die Europäische Kommission wollen in Reaktion auf die Finanzkrise die Bezahlung von Managern unter die Lupe nehmen. Bei ihrem Treffen an diesem Dienstag in Luxemburg soll ein Papier verabschiedet werden, in dem allgemeine Prinzipien zur Einschränkung der Managerentlohnung formuliert sind. Demnach sollen sich Vergütungen und Abfindungen am Beitrag zum Unternehmenserfolg ausrichten. Ein "goldener Handschlag" für Manager, die schlecht gewirtschaftet hätten, solle künftig ausgeschlossen werden, erläuterten Diplomaten. Außerdem sollten sich die Entlohnungsstrategien an langfristigen Kriterien messen, nicht an kurzfristigen Gewinnsteigerungen. Unternehmen sollen zudem ihre Entlohnungspolitik für Topmanager offenlegen und bei Hauptversammlungen diskutieren. Vorläufig sollen die Forderungen nur Eingang in ein unverbindliches Kommuniqué finden, das keine Gesetzgebung zur Folge hat und insofern auch nicht sanktionsbewehrt ist. In Brüssel wird aber nicht ausgeschlossen, dass mittelfristig auch eine Art EU-Rahmengesetzgebung zur Managerentlohnung auf den Weg gebracht werden könnte. Die EU-Kommission hatte schon 2004 eine ähnliche Initiative auf den Weg gebracht, die aber seinerzeit auf wenig Resonanz gestoßen war. EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso hatte die Mitgliedstaaten schon in der vergangenen Woche aufgefordert, die Vorschläge von 2004 wiederaufzugreifen. Unterdessen haben zwei französische Arbeitgeberverbände ein Ende der sogenannten goldenen Fallschirme gefordert. Dabei handelt es sich um finanzielle Abfindungen, die Spitzenmanager unabhängig von ihrer Leistung erhalten. "Wir akzeptieren es nicht, dass Führungskräfte, die versagt haben oder deren Unternehmen versagt hat, weiter Abfindungszahlungen erhalten können", sagte die Präsidentin des Arbeitgeberverbandes Medef, Laurence Parisot, vor Journalisten in Paris. Zusammen mit der Association française des entreprises privées (Afep) hat der Medef einen Kodex erarbeitet, dem sich börsennotierte Unternehmen freiwillig anschließen können. Wer dies nicht tut, soll nach dem Willen der Arbeitgeberverbände öffentlich seine Gründe darlegen. Auch wer trotz Mitgliedschaft gegen die Regeln verstoße, solle sich künftig öffentlich erklären müssen. Wenn Abfindungen gezahlt werden, dann dürfen sie laut dem Kodex grundsätzlich nicht zwei Jahresvergütungen (einschließlich flexibler und variabler Bestandteile) überschreiten. Auch Zahlungen aufgrund der Anwendung von Konkurrenzausschluss-Klauseln sollen unter diese Obergrenze fallen. Die Leistungskriterien, nach denen eine Abfindung bemessen werden soll, sollen vom Verwaltungsrat festgelegt werden und "anspruchsvoll" sein. Abfindungen sollen künftig nur noch dann erhältlich sein, wenn ein Spitzenmanager im Zuge einer Übernahme oder einer strategischen Neuausrichtung den Posten verliert. Wenn er dagegen auf eigene Initiative den Arbeitgeber wechselt, innerhalb des Unternehmens einen neuen Posten annimmt oder abtritt, um kurz darauf in Rente zu gehen, dann sollen künftig keine Abfindungen mehr gezahlt werden. Auch sollen die Spitzenmanager künftig auf alle Ansprüche an die Sozialkassen aus dem Arbeitsvertrag, wie etwas das Arbeitslosengeld, verzichten. Die Zuteilung von Aktienoptionen oder Gratisaktien müsse ebenfalls an die Leistung gebunden sein. Sie sollte nur in jenen Unternehmen gestattet sein, die einen breiten Kreis der Beschäftigten an den Gewinnen beteiligen. Aktienoptionen sollten zu einer längeren Kapitalbeteiligung führen und nicht eine sofort wirkende Vergütungsquelle darstellen. Ob die Vorschläge der Arbeitgeber nun in die Tat umgesetzt werden, hängt von der französischen Regierung ab. Präsident Nicolas Sarkozy hat Ende September eine Eindämmung der Managergehälter gefordert. Entweder einigten sich die Sozialpartner auf eine Begrenzung, oder der Gesetzgeber würde handeln, hatte er angedroht. Arbeitgeberchefin Parisot sagte jedoch, dass die Managergehälter nicht die Ursache für die aktuelle Finanzkrise seien. FAZ 2008/10/07 Quer durch Europa springen die Regierungen ein. Von Dublin bis Stockholm bemühen sich die Regierungen um das Vertrauen der Bankkunden. Sie stärken die Einlagensicherung, verpassen den Banken Finanzspritzen und bürgen für sie. Nicht jede Maßnahme geschieht freiwillig. bes./lzt./ela. Wirtschaft Bericht EU Seite 18 kA Quer durch Europa springen die Regierungen ein. Von Dublin bis Stockholm bemühen sich die Regierungen um das Vertrauen der Bankkunden. Sie stärken die Einlagensicherung, verpassen den Banken Finanzspritzen und bürgen für sie. Nicht jede Maßnahme geschieht freiwillig. bes./lzt./ela. LONDON/DUBLIN/FRANKFURT/WIEN, 6. Oktober. Als erstes europäisches Land hat Großbritannien im September 2007 in höchster Not die Einlagen der Hypothekenbank Northern Rock staatlich garantiert, um deren Zusammenbruch zu verhindern. Diese Garantie wurde dann in vager Formulierung auch auf andere strauchelnde Hypothekenbanken ausgeweitet. Bis zum heutigen Dienstag waren aber nur 35 000 Pfund je Konto durch das Einlagensicherungssystem der britischen Financial Services Authority (FSA) abgesichert. Nach dem Plan der britischen Regierung - der bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch galt - soll sich dies nun ändern: Die Obergrenze soll auf 50 000 Pfund je Kontoinhaber aufgestockt werden und auf 100 000 Pfund je Gemeinschaftskonto, zum Beispiel von Ehepaaren. Die 50 000 Pfund entsprechen etwa 63 500 Euro. Die Aufstockung der britischen Einlagensicherheit in dieser Woche war eine überstürzte Reaktion von Premierminister Gordon Brown und Schatzkanzler Alistair Darling auf einen Vorstoß von Irland: Die irische Republik hatte Anfang vergangener Woche überraschend eine komplette, allumfassende Staatsgarantie auf sämtliche Einlagen von Privatpersonen und Unternehmen sowie auf sämtliche Verbindlichkeiten der sechs irischen Banken in Form von Schuldverschreibungen ausgesprochen, um die heimischen Geldhäuser vor der Eskalation der Vertrauenskrise am Markt zu schützen. Im Gegensatz zu der deutschen wurde die irische Staatsgarantie 24 Stunden später sofort als Gesetz verabschiedet und unterzeichnet. Dieser Alleingang wurde von der britischen Regierung und am Wochenende in Paris auch von anderen Regierungschefs wie Bundeskanzlerin Angela Merkel scharf kritisiert. Als britische Privatpersonen und Unternehmen jedoch damit begannen, ihre liquiden Mittel auf irische Banken zu übertragen, sah sich die britische Regierung gezwungen, mit der Erhöhung ihrer eigenen Einlagensicherung nachzuziehen. Brown hatte die Aufstockung von 35 000 auf 50 000 Pfund wenige Tage zuvor sogar noch auf einen ruhigeren Zeitpunkt nach der jetzigen Finanzkrise verschieben wollen. Er wurde von den Ereignissen in Irland jedoch völlig überrollt. Die Staatsgarantie in Irland deckt Einlagen und Verbindlichkeiten der sechs irischen Banken in Höhe von 400 Milliarden Euro ab, mehr als das Doppelte des jährlichen Bruttoinlandsproduktes der Inselrepublik. Großbritannien forderte, dass auch die Einlagen von Iren bei Niederlassungen britischer Banken in Dublin von der Staatsgarantie abgedeckt werden. Auch die skandinavischen Regierungen haben mit Staatsgarantien für Spareinlagen und mit Investitionsprogrammen für die Wirtschaft auf die Finanzkrise reagiert. Am härtesten trifft die Krise bislang Island, wo der Finanzsektor seit der Liberalisierung der großen Banken zwischen 2003 und 2007 rasant gewachsen ist: Die Institute Glitnir, Kaupthing und Landsbanki standen noch im Mai für vier Fünftel des Börsenwerts aller isländischen Aktiengesellschaften. Davon ist jetzt kaum noch die Hälfte übrig. Der Staat hat schon vor einer Woche die Kontrolle über Glitnir übernommen, an diesem Montag wurde nun an der Börse in Reykjavík der Handel mit den Papieren der meisten Institute ausgesetzt. Islands Regierung will per Notstandsgesetz den Zusammenbruch des Bankensystems verhindern. Wie Ministerpräsident Geir Haarde am Montagabend vor dem Parlament ankündigte, soll unter anderem die Größe der drei dominierenden Banken Kaupthing, Landsbanki und Glitnir "an die neue Lage angepasst werden". Für den Fall des Kollaps von einer oder allen Banken garantiert der Staat die Einlagen in unbegrenzter Höhe. Der Kurs der isländischen Krone fiel derweil auf ein Rekordtief. Auch weiter im Süden, in Stockholm und in Kopenhagen garantieren die Regierungen wie in Deutschland für private Bankeinlagen. Dänemarks Wirtschaftsministerin Lene Espersen und Finanzminister Lars Løkke Rasmussen stellten in der Nacht zum Montag ein Abkommen mit dem Finanzsektor vor, das die finanzielle Stabilität im Königreich sichern soll - nicht zuletzt die Krise der inzwischen verstaatlichten Roskilde Bank hatte diese erschüttert. Künftig sind alle Spareinlagen staatlich garantiert, was bisher nur bis zu einer Grenze von 300 000 Kronen der Fall war. Die Banken haben zugesagt, einen Sicherungsfonds von 35 Milliarden Kronen oder knapp 4,7 Milliarden Euro aufzulegen; der Staat bürgt für eventuell darüber hinausgehende Kosten. "Wir haben dem Finanzsektor praktisch eine Versicherung verkauft", sagte Espersen. Im Gegenzug akzeptieren die Banken staatliche Kontrollen und stellen unter anderem eine Reduzierung der Aktienoptionsprogramme für ihre Mitarbeiter in Aussicht. Schwedens Finanzminister Anders Borg betonte am Montag seinerseits, die einheimischen Banken seien nicht in Gefahr. Um angesichts der Situation in Island, Dänemark und Deutschland das Vertrauen der Bürger in das Finanzsystem zu stärken, habe die Regierung gleichwohl beschlossen, die Einlagensicherung von 250 000 auf 500 000 Kronen zu erhöhen. Aus Norwegen schließlich, wo die rot-grüne Regierung an diesem Dienstag ihren Haushaltsentwurf für 2009 vorlegt, klingen die Nachrichten weiterhin am wenigsten dramatisch. Die Notenbank hat aber beschlossen, die Kreditvergabe an kleinere Banken zu erleichtern. Von einer Leitzinssenkung dagegen sieht die Zentralbank weiterhin ab; der Zins wurde von 2004 an kontinuierlich angehoben und liegt seit diesem Juni bei 5,75 Prozent. In Österreich fürchtete die Regierung nach der Garantieerklärung Berlins für deutsche Spareinlagen einen Kapitalabfluss aus dem eigenen Land. Die österreichische Regierung sah sich daher schlagartig dazu veranlasst, nachzuziehen. Noch am Sonntagabend kündigte der Vizekanzler und Finanzminister Wilhelm Molterer (ÖVP) einen erhöhten gesetzlichen Sparerschutz an. Molterer betonte, dass dieser Schritt aus österreichischer Sicht nicht erforderlich wäre, denn die Banken seien "gut und stabil". Doch wolle man den Kapitalabfluss nach Deutschland unterbinden. Ob Österreich ebenso Spareinlagen zur Gänze garantieren wolle, war am Montag noch nicht klar. Derzeit sind Einlagen bis zu 20 000 Euro je Person und Institut gesichert. Für diese Summe haftet der Staat, sollte eine Bank zusammenbrechen. Damit sind geschätzte 30 Prozent der insgesamt 264 Milliarden Euro an Bankeinlagen garantiert. Darunter fällt der Großteil der 24 Millionen Sparbücher in Österreich. Alle Institute sind verpflichtet, sich gegenseitig beizustehen. Dabei zahlen die Banken nicht im Voraus in einen Fonds ein, sondern sie werden erst aktiv, wenn es einen Anlass gibt. Daneben gibt es noch selbständige gesetzliche Haftungsgesellschaften für den Sparkassensektor, für die Raiffeisen-, die Volks- und die Hypothekenbanken. Die Sicherungseinrichtungen müssen sich wechselseitig Hilfe geben, wenn ein Problemfall die Kräfte einer Garantiegesellschaft überschreitet. Reicht auch die Hilfe der anderen Sektoren nicht aus, werden Anleihen begeben, die vom Staat garantiert werden. Bisher hat noch kein Schadensfall die Sektorgrenze überschritten. Portugal wird aufgrund der Finanzkrise für die Spareinlagen seiner Bürger einstehen. "Was immer geschehen wird, die Guthaben der Portugiesen bei jeder Bank in Portugal werden garantiert", sagte Finanzminister Fernando Teixeira dos Santos am Montag am Rande eines EU-Finanzministertreffens in Luxemburg. Er ließ allerdings nach portugiesischen Medienberichten offen, ob diese Garantie für Guthaben in unbegrenzter Höhe gilt. Bisher sind in Portugal Spareinlagen bis zu 25 000 Euro garantiert. Spanien kündigte an, dass der Garantiefonds für Sparguthaben mit sofortiger Wirkung aufgestockt wird. Auf einen solchen Schritt verständigte sich Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero bei einem Treffen mit den Präsidenten der großen Banken und Sparkassen in Madrid. Bisher sichert der Garantiefonds Guthaben von bis zu 20 000 Euro ab. Spanische Regierungskreise ließen jedoch offen, um welchen Prozentsatz das Volumen des Fonds aufgestockt werden soll.t gesichert. F\'fcr diese Summe haftet der Staat, sollte eine Bank zusammenbrechen. FAZ 2008/10/07 Kreditaufnahme für kleine Betriebe wird schwieriger. kA kön. Wirtschaft Bericht BRD Seite 16 kA Kreditaufnahme für kleine Betriebe wird schwieriger. kön. MÜNCHEN, 6. Oktober. Kleine und mittelständische Unternehmen in Deutschland sind wegen der Finanzkrise bei der Aufnahme von Krediten stärker gefordert. Das trifft vor allem jene Betriebe, die in den vergangenen Jahren des Aufschwungs zu wenig für die Ausstattung mit Eigenmitteln getan haben. Sie müssen nun etwa höhere Zinsen zahlen oder vermehrt Sicherheiten bieten. Helmut Rödl, Vorstand der Wirtschaftsauskunftei Creditreform, will aber nicht von einer Kreditklemme sprechen. Nur 2 Prozent der von Creditreform befragten Unternehmen würden tatsächlich keinen Kredit mehr von ihrer Bank erhalten. Etwa die Hälfte habe keine Probleme mit Finanzierungen. Hingegen gebe es 30 Prozent, die mit Schwierigkeiten kämpfen müssten, um eine Zusage von der Bank zu erhalten. Die Wirtschaftsauskunftei hat 4000 Unternehmen in ihrer jährlichen Herbstumfrage zur aktuellen Stimmung und zu den Perspektiven für die kommenden sechs Monate befragt. Finanzierungsprobleme bekommen nach den Worten von Rödl Unternehmen mit einer niedrigen Eigenkapitalquote. Knapp ein Drittel verfüge über weniger als 10 Prozent Eigenkapital, bezogen auf die Bilanzsumme. Rund 27 Prozent wiesen Eigenmittel von mehr als 30 Prozent aus. Unternehmen mit guter Bonität und hoher Eigenkapitalquote würden bei den Banken als Ausleiher gegenwärtig lieber gesehen als die Banken, sagte Rödl vor Journalisten in München. In der Umfrage stellt Creditreform eine sich eintrübende Stimmung fest - aktuell wie auch für die kommenden sechs Monate. Das Ausmaß des wachsenden Pessimismus hält sich aber in Grenzen. "Die Eintrübung ist längst nicht so stark erfolgt, wie aufgrund der Schreckensmeldungen hätte vermutet werden können", sagte Rödl. "Der Mittelstand erweist sich einmal mehr als erstaunlich robust." Knapp 47 Prozent der Befragten beurteilen die Lage noch als sehr gut oder gut (2007 waren es 52 Prozent). Nur 5,4 (4) Prozent sprechen von einer mangelhaften oder ungenügenden Situation. In den nächsten sechs Monaten rechnen 29 (31) Prozent mit steigenden Umsätzen und 16 (11,4) Prozent mit einem Rückgang. Die Investitionsbereitschaft für das kommende halbe Jahr ebbt ab. Knapp 47 (50) Prozent der Befragten wollen weniger investieren. FAZ 2008/10/07 Stahlindustrie hofft auf Rückkehr zur Normalität. Die Branche will wegen der zunehmenden Verunsicherung keine Wachstumsprognose für das kommende Jahr abgeben. St. Wirtschaft Bericht BRD Seite 16 kA Stahlindustrie hofft auf Rückkehr zur Normalität. Die Branche will wegen der zunehmenden Verunsicherung keine Wachstumsprognose für das kommende Jahr abgeben. St. WASHINGTON, 6. Oktober. Die von der Finanzmarktkrise ausgehenden wachsenden Belastungen für die Realwirtschaft beeindrucken nun auch die Stahlwirtschaft. Auf der Weltstahlkonferenz in Washington wurde am Montag keine Prognose zum Stahlbedarf im nächsten Jahr veröffentlicht. Das ist einmalig in der zweiundvierzigjährigen Geschichte der Vereinigung, die mit 150 stahlproduzierenden Mitgliedern fast die gesamte globale Branche repräsentiert. Wegen der dramatischen Entwicklungen in den vergangenen Wochen an amerikanischen und europäischen Kapitalmärkten wurde der Mitte September erarbeitete kurzfristige Ausblick zur Makulatur erklärt. Es hieß lediglich, der Stahlverbrauch werde auch 2009 etwas stärker als die Weltwirtschaft wachsen. Zuletzt hatte die in Washington in Weltstahlvereinigung umbenannte Organisation im April ihre Schätzungen für den Bedarfsanstieg 2009 geringfügig auf 6,4 Prozent zurückgenommen. Lakshmi Mittal, der neue Präsident der Organisation, verwies auf die gewaltigen Stützungsaktionen der Regierungen in den Vereinigten Staaten und Europa. Damit könnten die in den Bevölkerungen entstandenen Vertrauenskrisen befriedet werden. Der Inder, der mit seinem Konzern Arcelor-Mittal fast 10 Prozent der Weltproduktion erschmilzt, gab sich zuversichtlich, dass die Stahlindustrie bis zum Frühjahr wieder zur Normalität zurückkehren werde. Durch die Finanzkrise seien die Grundlagen nicht verändert worden. Getrieben von der Nachfrage in den stark wachsenden Schwellenländern, werde der Stahlbedarf mittel- und langfristig schneller als die Weltwirtschaft wachsen. Auch Hans Jürgen Kerkhoff, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, lehnte wegen der vielen Unsicherheiten am Sonntag in Washington eine Vorhersage für die deutsche Stahlindustrie ab. "Trotz der trüben weltwirtschaftlichen Großwetterlage besteht für die Stahlindustrie zurzeit kein Grund, einen Kälteeinbruch zu erwarten", versicherte er. Nach der extrem starken ersten Halbzeit würde der Stahlverbrauch in Deutschland trotz Abschwächung im zweiten Halbjahr noch um etwa 2,5 Prozent auf den neuen Rekordwert von gut 43 Millionen Tonnen wachsen. Nach fünf rasanten Jahren, in denen in Deutschland der Stahlbedarf durchschnittlich um 5 Prozent zugelegt hat, wäre selbst ohne gravierende Schäden durch die Finanzmarktkrise 2009 eine langsamere Gangart zu erwarten gewesen. In der ganzen Welt könnten die weiterhin stark expandierenden Sektoren - insbesondere die Infrastrukturentwicklung sowie energienahe Bereiche - Rückgänge auf anderen Feldern überkompensieren, meint Kerkhoff. Auf der Konferenz sind diesmal die Nachhaltigkeit der Branche und die klimapolitischen Herausforderungen die Kernthemen. Informell wollen die 200 Spitzenkräfte aus fünf Kontinenten vor allem Antworten auf die Fragen finden, wie die Wettbewerber die Aussichten der wichtigen Kundengruppen einschätzen und wie sich Stahlkapazitäten und -verbrauch in den nächsten Jahren entwickeln werden. Fast rund um den Globus sind der Handel und die Stahlverarbeiter im Augenblick vor allem mit dem Abbau ihrer überdurchschnittlichen Lagerbestände befasst. Dadurch stockt der Auftragseingang in vielen Regionen und Produkten. Zusätzlicher Preisdruck wird befürchtet, wenn der im Sommer stark gestiegene Export der chinesischen Stahlkocher weiterhin den asiatischen Markt überflutet und nach Europa schwemmt. FAZ 2008/10/07 Im Leben angekommen. kA Holger Appel Wirtschaft Kommentar BRD Seite 15 kA Im Leben angekommen. Von Holger Appel. Banker, berichtet der Weinhändler, die auch mal eine üppigere Bestellung aufgegeben haben, stornieren ihre Aufträge oder nehmen die Ware nicht mehr ab. Porsche-Chef Wendelin Wiedeking spricht davon, dass der Sportwagenhersteller "auf Sicht" fährt, womit er stellvertretend für die Autoindustrie die Krise beschreibt, die man auf den Höfen einzelner Betriebe greifen kann: Der BMW-Händler parkt Neuwagen auf dem Gelände des benachbarten Döner-Produzenten, Audi weicht auf den nahe gelegenen Aldi-Parkplatz aus, Mercedes-Benz kündigt wochenlange Ferien an. Versicherer verschicken Mitteilungen, dass die für die Lebensversicherung zugesagten Überschussbeteiligungen nicht gehalten werden können und der zu erwartende Betrag vermutlich um einige tausend Euro niedriger ausfallen wird. Der für den Mittelstand zuständige Vorstand der Commerzbank kündigt an, dass Kredite teurer werden und man auch die Gefahr einer Kreditklemme nicht außer Acht lassen könne. Und Sonntags-Feuilletonisten basteln sich vermeintliche Fachaufsätze über die Wirtschaft. Es bedarf keines weiteren Beweises mehr: Die Finanzkrise hat die Bankenwelt verlassen und ist im Leben angekommen. FAZ 2008/10/07 Regierung arbeitet an einem Schutzschirm. Finanzminister Steinbrück will die Bankenkrise umfassend bekämpfen. Berlins Finanzsenator Sarrazin fordert, der Staat müsse wie in Irland auch Bankeinlagen garantieren - doch da hat die EU Bedenken. mas./wmu. Wirtschaft Bericht BRD Seite 15 kA Regierung arbeitet an einem Schutzschirm. Finanzminister Steinbrück will die Bankenkrise umfassend bekämpfen. Berlins Finanzsenator Sarrazin fordert, der Staat müsse wie in Irland auch Bankeinlagen garantieren - doch da hat die EU Bedenken. mas./wmu. BERLIN/BRÜSSEL, 6. Oktober. Die Bundesregierung denkt nach dem zweiten Rettungspaket für den Münchner Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate (HRE) und nach ihrer Garantieerklärung für alle privaten Spar-, Giro- und Termineinlagen an einen Schutzschirm für die gesamte deutsche Finanzbranche. Irgendwann komme man mit singulären Lösungen nicht mehr weiter, sagte Bundesfinanzminister Peer Steinbrück am Montag in Berlin. Die Situation an den Finanzmärkten sei weiter "hoch gefährlich". "Wir müssen jetzt versuchen, in Deutschland insgesamt einen Schirm zu spannen, damit wir nicht von einem Fall zu dem anderen Fall geraten." Darüber hinaus denkt der SPD-Politiker an eine Änderung der Bilanzierungsregeln, welche die Institute derzeit zu hohen Wertberichtigungen auf kaum verwertbare Papiere zwingen. Einzelheiten zu seinem "Plan B" nannte er nicht. Wie sein Sprecher klarstellte, denkt man nicht an eine Staatsgarantie für Banken. Es gehe es um Strukturen, die das Umgehen mit der Krise einfacher machten. Während in Frankfurter Finanzkreisen Ärger laut wurde, dass der Minister mit unfertigen Konzepten vorpreschte, signalisierten die privaten Institute Zustimmung. Anders als in Irland soll es in Deutschland keine gesetzliche Garantie der Spareinlagen geben. "Das ist eine belastbare und entscheidende politische Aussage, hinter der die Bundesrepublik mit ihren Möglichkeiten steht", hob Regierungssprecher Ulrich Wilhelm hervor. Über die bisherigen Einlagensicherungen hinaus werde der Staat sicherstellen, dass kein Euro an Einlagen verlorengehe. Die Bürger könnten darauf bauen, dass diese Zusage eingelöst werde, wann immer dies in Krisensituationen nötig werde. Nach Angaben von Steinbrücks Sprecher geht es um Spar- und Termineinlagen sowie Girokonten von vermutlich mehr als 1000 Milliarden Euro. Da bei Termin- und Girokonten nicht unterschieden wird, ob dahinter private Sparer oder institutionelle Anleger stehen, lässt sich nicht genau sagen, wie viel Geld die Staatsgarantie genau umfasst. Geldmarktpapiere oder Zertifikate werden von der Garantieerklärung nicht abgedeckt. Die Linke fordert von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die Garantiezusage für private Spareinlagen gesetzlich abzusichern. Nach Ansicht von Berlins Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) reicht die Staatsgarantie für private Einlagen nicht aus. "Die Furcht vor der sogenannten Kernschmelze am Finanzmarkt konzentriert sich auf das Verhalten der Anleger und den Interbankenmarkt", sagte er dieser Zeitung. Wenn Anleger in großem Stil Bankeinlagen abzögen oder die Banken sich gegenwärtig kein Geld mehr liehen, könne dies zum finanzwirtschaftlichen Kollaps und zu schweren realwirtschaftlichen Folgen führen. "Diese Gefahr wäre gebannt, wenn der Staat alle Einlagen bei Banken garantiert", mahnte er. Die Garantie für alle privaten Spareinlagen reiche möglicherweise nicht aus. "Erst eine staatliche Garantie für alle Bankeinlagen, auch von Banken bei Banken, kann das Vertrauen in die Ungestörtheit des Geldverkehrs nachhaltig sichern und dem Misstrauen unter Banken begegnen." Die Europäische Kommission hat unterdessen durchblicken lassen, dass die deutschen Staatsgarantien für die Sparer - anders als die irischen Bankgarantien - vermutlich kein wettbewerbspolitisches Problem darstellen dürften. In der EU-Behörde wird argumentiert, dass eine Staatsgarantie, die nur private Einlagen betrifft, beihilfenrechtlich anders zu behandeln sei als eine Garantie für das gesamte Bankengeschäft. Dänemark und Österreich haben mittlerweile ähnliche Garantien abgegeben. Sie könnten eine "angemessene Antwort der Politik sein", solange sie sich auf private Sparer beschränkten, sagte der Sprecher von EU-Wettbewerbskommissarin Kroes. Die irischen Garantien seien aus zwei Gründen anders zu bewerten: Sie beträfen nicht nur das ganze Bankgeschäft, sondern gälten auch nur für irische Banken. Diese Diskriminierung sei bei der deutsche Garantie nicht vorgesehen: Alle Einlagen deutscher Sparer bei Banken in Deutschland würden geschützt, egal, ob diese in- oder ausländisch seien. Der Sprecher von EU-Kommissionspräsident Barroso fügte hinzu, dass die Kommission das Ziel eines verstärkten Sparerschutzes vorbehaltlos unterstütze. Sie werde deshalb bald einen Gesetzesvorschlag zur Erhöhung der EU-weiten Mindesteinlagensicherung machen. Bundesregierung und Finanzbranche hatten sich am Sonntagnacht auf ein neues Rettungspaket für HRE geeinigt. Der Finanzsektor sagte einen zusätzlichen Liquiditätskredit von 15 Milliarden Euro zu. Mit den vorher zugesagten Mitteln bekommt damit das Unternehmen 50 Milliarden Euro an Liquidität. Die Aufteilung möglicher Ausfälle bleibt unverändert. FAZ 2008/10/07 Auch Steinbrück geht es zu schnell. Der Bundesfinanzminister ist kein Zauderer. Er wird geschätzt für seine Kompetenz und gefürchtet für seine Ungeduld. Mit der Finanzkrise hält aber auch er kaum Schritt. Günter Bannas; Manfred Schäfers Politik Reportage BRD Seite 3 kA Auch Steinbrück geht es zu schnell. Der Bundesfinanzminister ist kein Zauderer. Er wird geschätzt für seine Kompetenz und gefürchtet für seine Ungeduld. Mit der Finanzkrise hält aber auch er kaum Schritt. Von Günter Bannas und Manfred Schäfers. BERLIN, 6. Oktober Noch am Montag - nach wenigstens vorläufig getaner Arbeit - hat Peer Steinbrück empört gewirkt. Offenkundig unglaublich findet er es, dass er von den neuen Schwierigkeiten der Hypo Real Estate (HRE) aus den Medien erfahren habe und nicht etwa von den Managern oder Aufsichtsräten der Bank. Ihn selbst, aber auch die Bundeskanzlerin Angela Merkel und sogar die anderen Banken habe die HRE "zum Entsetzen" gebracht. In ziemlicher Offenheit schildert er, dass nun alle darauf drängten, dass die Verantwortlichen in München aus ihren Ämtern entlassen würden oder aus freien Stücken gingen. Steinbrück ist in der Politik und - als stellvertretender SPD-Vorsitzender - auch in seiner eigenen Partei für sein offenes, manchmal auch voreiliges Wort berühmt, gefürchtet - und auch angesehen. Unverblümt sagt er, der private Bankensektor schiebe der "blöden Politik" die Schuld zu. Die müsse dann den Bürgern erklären, warum nun "weitere Staatsknete zur Rettung der Banken" erforderlich sei. "Darüber kriegt man schon einen dicken Hals." Unkalkuliert sind solche Aussagen freilich nicht. Und sie wirken. In der SPD wird Steinbrück nun für sein Krisenmanagement gerühmt. Längst vorbei sind die Zeiten, in denen der Finanzminister gemahnt werden musste, er solle die wirtschaftspolitische Kompetenz der SPD verkörpern. Es gehört zu den Erfahrungen und Grundlehren seines Flügels der SPD, dass diese Kompetenz entscheidend für den Ausgang von Wahlen sei. Fast stellt sich Steinbrück in diesen Tagen der Ungewissheit ins Zentrum der Politik, die von den Banken "in den Schraubstock" genommen werden solle. Er sieht sich darin im Einvernehmen mit der Bundeskanzlerin vom Koalitionspartner CDU. Insgeheim mag er es genießen. Steinbrück pflegt das höllische Tempo. Doch in diesen Tagen kommt auch der Minister mit dem schnellen Mundwerk und der beneidenswerten Konstitution kaum mit. Nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers geißelt er den "Laissez-faire"-Kapitalismus amerikanischer Prägung, lamentiert über den Zusammenbruch eines weitgehend unregulierten Finanzmarktes und bezeichnet das deutsche System aus privaten Banken, Sparkassen und Genossenschaftsinstituten als "im internationalen Vergleich relativ robust" - drei Tage später muss er im Finanzministerium mit der Finanzwirtschaft über ein Rettungspaket verhandeln, um eine Pleite in der Größenordnung von Lehman zu verhindern. Dazu wird unter dem Termindruck der Aktienmärkte, die in Asien um zwei Uhr in der Nacht zum Montag öffnen, ein 35-Milliarden-Paket geschnürt. Das alles ist am Abend der bayerischen Landtagswahl. Dem sich noch sperrenden Chef der Deutschen Bank, Ackermann, rät Steinbrück da, doch selber die Bundeskanzlerin anzurufen. Ackermann tut es. Danach scheint die Sache geklärt. Doch die Absprachen halten keine Woche. So muss der SPD-Politiker, was noch am Freitag nicht erwartet worden war, auch am darauffolgenden Sonntag zur Tat schreiten. Vor den Verhandlungen im Koalitionsausschuss gibt er mit Kanzlerin Merkel eine Garantieerklärung für die privaten Spar-, Giro- und Termineinlagen bei deutschen Instituten ab. Auf diese Möglichkeit zur Beruhigung der verunsicherten Anleger hatte sich die Koalitionsführung schon unter der Woche verständigt. Um Schlimmeres, einen Ansturm der Sparer auf die Bankautomaten zu verhindern, verbürgt sich die Bundesregierung für vermutlich mehr als 1000 Milliarden Euro. Genaue oder gar belastbare Zahlen kann kaum noch jemand nennen. Im Auge der aktuellen Krise werden die künftigen Beitragssätze für die Krankenversicherung und Arbeitslosenversicherung sowie die Erhöhung von Kindergeld und steuerlichem Kinderfreibetrag in einem für Koalitionsausschüsse rekordverdächtigen Tempo abgehandelt. Die Koalition ist sich einig, in Zeiten der Krisen müsse man Handlungsfähigkeit beweisen. Später in der Nacht erreicht Steinbrück, dass die Finanzwirtschaft ihre Liquiditätshilfe für die Hypo Real Estate auf 30 Milliarden Euro verdoppelt. Am Tag darauf geht es früh weiter, Steinbrück informiert die Öffentlichkeit über das Radio. Er spricht davon, dass man von einer singulären Lösung zu einem Sicherungssystem kommen müsse. Wie sein Sprecher erläutert, gehe es darum, zu einem geordneten Verfahren für künftige Krisenfälle zu kommen. Zehn Stunden Krisenverhandlungen jedes Wochenende für immer dieselben Beteiligten gehe auf die Dauer an die Substanz. Tatsächlich hat der Finanzminister derzeit keine Möglichkeit durchzuatmen. Es ist nicht die Zeit des Zögerns und Zauderns. Am Montag steht die Schlussrunde für die Erbschaftsteuer auf der Tagesordnung. Die Sache wurde schon vorher weitgehend ausgehandelt, doch Steinbrück kann es sich nicht erlauben zu fehlen, selbst wenn er gute Gründe dafür hätte. Dies würde der CSU, die im Wahlkampf ohnehin gegen den vorliegenden Entwurf polemisierte, die Möglichkeit eröffnen, einen Rückzieher zu machen. Stattdessen fehlt Steinbrück auf dem Treffen der Euro-Gruppe, in der die Länder der Währungsunion ihre Finanzpolitik koordinieren. An diesem Dienstag sollte er in Brüssel an dem Treffen der Wirtschafts- und Finanzminister teilnehmen, sagt dann jedoch kurzfristig ab. Auch hier wird die Finanzkrise das bestimmende Thema sein. Einen europäischen Rettungsfonds lehnt Steinbrück nach wie vor ab. "Wir wollen das Verfahren bestimmen, wir wollen nicht abhängig sein", sagt er. Er weiß aber auch, dass es ohne die anderen nicht geht. Am Donnerstag fliegt Steinbrück deshalb nach Washington. Auch auf dem Treffen der Finanzminister der großen Industrieländer und der sich anschließenden Jahrestagung von Internationalem Währungsfonds und Weltbank wird nach Wegen aus der Krise gesucht werden. Der frühere Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen hat sich längst auf internationaler und nationaler Ebene Respekt verschafft. Er sorgt in der Union für Ärger, gleichzeitig genießt er Anerkennung. Die CSU verübelt ihm, dass er sich ihrem Wunsch nach einer Rückkehr zur Pendlerpauschale konsequent verweigerte. In München sorgte es für heftigen Unmut, dass er sich mit dem hessischen Ministerpräsidenten Koch (CDU) vor der bayerischen Landtagswahl gegen das Begehren der CSU ausgesprochen hatte. Mit Koch arbeitet Steinbrück schon lange eng und vertrauensvoll zusammen. Subventionsabbau, Steuererhöhungen zum Defizitabbau im Koalitionsvertrag, Unternehmensteuerreform, Erbschaftsteuer - die Liste ihrer gemeinsamen Taten ist bemerkenswert. Steinbrücks Zusammenwirken mit Koch wurde auch in der SPD, jedenfalls auf deren linkem Flügel, mit Skepsis bedacht. Teile der Partei fürchteten, auf diese Weise könnten sie vor vollendete Tatsachen gestellt werden, die ihnen nicht recht seien. Details der Erbschaftsteuer gehörten dazu, aber auch solche des Abbaus von Subventionen. Koalitionspolitische Fragen kamen hinzu. In seinen Düsseldorfer Zeiten als Ministerpräsident hatte Steinbrück mit Zweifeln operiert, ob eine rot-grüne Koalition wirklich geeignet sei, die Belange des Landes zu lenken. Selbst der damalige Bundeskanzler Schröder und Franz Müntefering taten sich schwer, den gebürtigen Hamburger zu steuern. Es fügte sich, dass in den vergangenen Monaten Steinbrück zu den Sozialdemokraten zählte, die eine große Koalition nicht bloß für ein Zwangsbündnis ansehen. Ein "Rot-Grüner" ist er jedenfalls nicht. Zuletzt hätte er im Mai am liebsten sogar offen die Absprache kritisiert, die Wissenschaftlerin Gesine Schwan als Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten aufzustellen - nicht zuletzt wegen der möglichen Folgen für den Bundestagswahlkampf und des Grundsatzes, es dürfe mit der Linkspartei keine Kooperation geben. Nur weil sein Bündnispartner in der Parteispitze, Außenminister Steinmeier, davon abriet, verzichtete Steinbrück auf einen solchen Vorstoß. Auf Parteitagen der SPD zählt er mithin - jedenfalls bisher - nicht zu jenen Sozialdemokraten, die bei Wahlen die besten Ergebnisse erzielen. Vor einem Jahr in Hamburg erhielt er bei den Wahlen zum stellvertretenden Parteivorsitz gerade vier Stimmen mehr als die Parteilinke Andrea Nahles, die nicht über den Amtsbonus eines Finanzministers verfügte und sich - im Gegensatz zu Steinbrück - erstmals um dieses Amt bewarb. Später wurde ihm vorgehalten, die "Koordinierung" der beiden Gruppen "Seeheimer Kreis" und "Netzwerk" übernommen zu haben, während, beinahe zur selben Zeit, Frau Nahles ihre Funktion als Sprecherin der SPD-Linken niederlegte. Das gehöre sich nicht für einen Mann an der Spitze der Partei, hieß es bis hinein in das Lager Franz Münteferings. Immerhin wurde er in den Monaten innerparteilicher Ungewissheiten über künftige Aufgaben sogar als potentieller Kanzlerkandidat genannt - ausgerechnet auf dem linken Flügel der Partei. Umgehend verzichtete er - natürlich zugunsten Steinmeiers. Bei den nachfolgenden Gesprächen über den Umbau der Parteispitze spielte Steinbrück aber nur eine Nebenrolle. Über Steinmeiers bevorstehende Nominierung zum Kanzlerkandidaten erfuhr er - wie viele in der SPD-Spitze auch - "aus den Medien". Steinbrücks fachliche Kompetenz ist unbestritten, mit seiner Neigung, andere vor den Kopf zu stoßen, verstört er aber zuweilen - auch auf diplomatischem Parkett. Als Nachfolger für den luxemburgischen Ministerpräsidenten Jean-Claude Juncker an der Spitze der Euro-Gruppe kann man ihn sich jedenfalls nicht vorstellen. Steinbrück ist immer auch Parteipolitiker gewesen. Die Verankerung in der SPD ist ihm wichtig, zuweilen auch wichtiger als internationaler Einfluss. Obwohl er auf internationaler Bühne vehement vor drohenden systemischen Risiken für die Finanzmärkte warnte, energisch für transparentere Hedge-Fonds warb und gerne mit seinem Englisch brillierte, war ihm eine größere Präsenz in der Innenpolitik wichtiger als ein größerer internationaler Einfluss. Als ihn vergangenes Jahr sein damaliger britischer Amtskollege Gordon Brown wegen seiner absehbaren Wahl zum Premierminister bei ihm vorfühlte, ob er bereit sei, den Vorsitz im einflussreichen Lenkungsausschuss des Internationalen Währungsfonds zu übernehmen, lehnte Steinbrück dankend ab. Nun muss sich Steinbrück nicht mehr entscheiden. Die Krise ist überall. Sie wird den 61 Jahre alten Politiker noch länger auf Trab halten. FAZ 2008/10/07 London in Zugzwang. kA kA Politik Zitat GB; BRD Seite 2 Stimmen der Anderen London in Zugzwang. Zur Berliner Ankündigung, deutsche Spareinlagen sichern zu wollen, lesen wir in der Londoner Tageszeitung "The Daily Telegraph": "Die Entscheidung Deutschlands, für alle Spareinlagen zu garantieren, setzt den britischen Finanzminister Alistair Darling unter immensen Druck, ähnliche Schritte einzuleiten . . . In der Finanzkrise handeln die Länder im Interesse ihrer Bürger, nicht in dem ihrer künstlichen politischen Konstrukte. Für Darling hat es nun Priorität, das Vertrauen und die Zuversicht in das Bankensystem wiederherzustellen. Das heißt, das freilaufende Krisenmanagement der vergangenen Jahre durch einen glaubwürdigen Plan zu ersetzen, damit das Finanzsystem wieder laufen kann und eine Katastrophe verhindert wird." FAZ 2008/10/07 Die Marktwirtschaft verliert an Glanz. kA kA Politik Zitat BRD Seite 2 Stimmen der Anderen Die Marktwirtschaft verliert an Glanz. Auch die "Saarbrücker Zeitung" beschäftigt sich mit diesem Thema: "Wirtschaftsbosse halten es meist mit dem Prinzip, die Früchte ihrer Arbeit zu ernten, aber für die Fehler nicht einstehen zu wollen. Stattdessen lassen sie sich ihre unternehmerischen Kapriolen auch noch durch einen goldenen Handschlag bezahlen. Wie jetzt in der Finanzkrise fußt die Misere dann angeblich in lückenhafter staatlicher Aufsicht, den Schaden hat gefälligst die Allgemeinheit zu tragen. Was für eine Haltung! Diese Vollkasko-Mentalität in den Chefetagen hat erheblich dazu beigetragen, dass die soziale Marktwirtschaft in Deutschland massiv an Glanz verloren hat. Wer nur Erfolge verbucht, für Fehler aber nie aufkommen muss, der neigt dazu, zu hohe Risiken einzugehen." FAZ 2008/10/07 Ein bedingtes Bekenntnis zum Markt. Vor den Delegierten der Senioren-Union testet die Bundeskanzlerin die kommunikative Bewältigung der Finanzkrise aus. Zwischen Warnungen vor Gier und Erinnerungen an Ludwig Erhard übt sie sich im Spagat. Majid Sattar Politik Reportage BRD Seite 2 kA Ein bedingtes Bekenntnis zum Markt. Vor den Delegierten der Senioren-Union testet die Bundeskanzlerin die kommunikative Bewältigung der Finanzkrise aus. Zwischen Warnungen vor Gier und Erinnerungen an Ludwig Erhard übt sie sich im Spagat. Von Majid Sattar. WIESBADEN, 6. Oktober. Die Nacht war kurz. Das ist der Bundeskanzlerin durchaus anzusehen. Im Kanzleramt tagte bis in den Sonntagabend der Koalitionsausschuss. Sodann musste noch eine Bank gerettet werden, und Angela Merkel ließ sich über die Krisensitzung im Bundesfinanzministerium bis weit nach Mitternacht über SMS-Botschaften informieren. Nun am Montagmorgen betritt die CDU-Vorsitzende die ehrwürdigen Hallen des Wiesbadener Kurhauses, wo sie die Delegierten der Senioren-Union empfangen. Der Auftritt ist ihr wichtig, hier kommen die gesellschaftspolitisch eher konservativen und sozialpolitisch eher traditionellen Kräfte ihrer Partei zusammen, mit denen die Vorsitzende so lange fremdelte. Hinzu kommt, dass die aktuellen Begleiterscheinungen in New York, Frankfurt und München es mit sich bringen, dass die Bundesdelegiertenversammlung der Parteiälteren zum ersten Forum der Parteivorsitzenden wird, die politischen Folgen der Verwerfungen auf den internationalen Finanzmärkten zu erklären und kommunikative Anpassungsarbeit zu leisten. Die Konkurrenz schläft nicht. Schon nimmt die SPD die Rufe nach dem Staat dankbar mit dem Hinweis auf, sie habe doch immer schon gesagt, der Markt allein könne es nicht. Schon gebärdet sich der Bundesfinanzminister als nationaler wie internationaler Krisenmanager, und schon lässt sich der SPD-Kanzlerkandidat mit besorgtem Blick auf der Wall Street ablichten. Nun erläutert Angela Merkel ihr Krisenmanagement, greift mit Ludwig Erhard zurück auf den Traditionsbestand der Partei und nimmt latente amerikakritische Stimmungen im Kurhaus und in der Bevölkerung auf: Die Rettung der Hypo Real Estate sei "ohne Alternative", die Folgen wären sonst unabsehbar gewesen. Es sei ihr um ein Signal an den Sparer gegangen, "weil wir in diesen Tagen Vertrauen brauchen". Als die CDU-Vorsitzende sodann über den Atlantik blickt und sagt, es sei richtig, "dass ein handlungsfähiger Staat das zu sichern versucht, was unverantwortliche Banker überall auf der Welt angerichtet haben", klatschen die älteren Herrschaften erstmals kräftig in die Hände. Angela Merkel will das Feld, das die Finanzkrise eröffnet hat, nicht der politischen Linken überlassen: "Wir brauchen Finanzmärkte", sagt sie und fügt hinzu: "aber nicht ungezähmte, wo der Profit und die Gier das Einzige sind, das zählt." Sie werde in Europa und in der Welt mit allem Nachdruck dafür eintreten, dass die Finanzmärkte reguliert würden. Es könne nicht sein, dass Banken Produkte verkauften, die sie selbst nicht verstünden. Das ist an die Adresse George W. Bushs gerichtet - der amerikanische Präsident hat sich lange den deutschen Forderungen nach stärkeren Kontrollen auf den Kapitalmärkten widersetzt. Die Kanzlerin wird sich in diesen Tagen an den Bundestagswahlkampf 2002 erinnern, als Gerhard Schröder - auf demoskopisch verlorenem Posten - mit Warnungen vor amerikanischen Abenteuern im Irak erfolgreich Stimmung machte. Nun übt Angela Merkel einen rhetorischen Spagat, denn zu viel Kritik am angelsächsischen Kapitalismus, zu viel Lob des Staates würde die Wirtschaftsliberalen in ihrer Partei, die in der großen Koalition ohnehin wenig Grund zum Lachen haben, weiter erzürnen. So nimmt sie Ludwig Erhard in die Pflicht und erinnert daran, dass dessen Verhältnis zur Industrie mitnichten immer reibungslos gewesen sei, dass der Wirtschaftsminister gegen den Widerstand des BDI das Kartellrecht durchgeboxt habe: Recht habe er gehabt und falsch habe die Industrie seinerzeit gelegen, sagt sie. Am Ende wird die Kanzlerin grundsätzlich und scheut sich nicht vor einem Funken Pathos. Die Soziale Marktwirtschaft sei ein "unschlagbares Wirtschaftsmodell", für das sie nicht nur in Europa, sondern weltweit werben werde: "Wenn wir unsere Art zu leben weiterführen wollen, dann müssen wir erklären, dass dies die menschlichste Art zu leben ist." FAZ 2008/10/07 Panik an den Börsen in aller Welt. Dax stürzt ab. Steinbrück: Wir haben einen Plan B. Staatsgarantie nicht per Gesetz. gb./Lt./hjf. Politik Bericht BRD Seite 1 kA Panik an den Börsen in aller Welt. Dax stürzt ab. Steinbrück: Wir haben einen Plan B. Staatsgarantie nicht per Gesetz. gb./Lt./hjf. FRANKFURT/LONDON/ ROM, 6. Oktober. Die internationalen Aktienmärkte sind zum Wochenanfang eingebrochen. Sorgen über eine weitere Verschärfung der Finanzmarktkrise und einen Konjunktureinbruch veranlassten viele Anleger zu Verkäufen. Der Dax lag zum Handelsschluss mit 5387 Punkten rund sieben Prozent unter seinem Stand vom vergangenen Freitag. Der Technologiewerte umfassende Tec-Dax verlor sogar mehr als elf Prozent. Die führenden amerikanischen Aktienindizes schlossen im Minus. Der Dow-Jones-Index fiel erstmals seit Oktober 2004 unter die Marke von 10 000 Punkten. Zeitweise verlor er mehr als 800 Punkte, machte aber später einen Teil der Verluste wieder wett. Er schloss bei 9956 Punkten. Besonders schwach zeigten sich Finanzwerte, aber auch die Aktien aus anderen Branchen konnten sich der Abwärtsbewegung nicht entziehen. Der Euro gab zunächst nach, erholte sich aber zeitgleich mit der leichten Entspannung am amerikanischen Aktienmarkt und notierte am späten Abend wieder bei mehr als 1,35 Dollar. Bundeskanzlerin Merkel gibt an diesem Dienstag eine Regierungserklärung zur Finanzkrise ab. Bundesfinanzminister Steinbrück deutete in Berlin an, die Regierung erwäge eine umfassende Hilfe für die deutsche Finanzbranche. "Wir haben einen Plan B", sagte Steinbrück, der eingestand, mit der Rettung einzelner Banken wie der Hypo Real Estate sei es nicht länger getan. Regierung und Banken hatten sich am Sonntagabend auf einen zweiten Rettungsplan für den Münchener Immobilienfinanzierer verständigt, dem der Zusammenbruch drohte. Der Hypo Real Estate wurden 50 statt bisher 35 Milliarden Euro Hilfen zugesagt; allerdings ist der Bund nicht bereit, seine bisherige Bürgschaft von 26,6 Milliarden Euro zu erhöhen. Das zusätzliche Geld kommt von Banken. Der Aktienkurs der Hypo Real Estate fiel um bis zu 54 Prozent. Die Bundesregierung will ihre Staatsgarantie für die Bankeinlagen von Privatkunden nicht gesetzlich regeln. Die Garantie sei aber "politisch belastbar", sagte ein Regierungssprecher. Mit der Garantie solle verhindert werden, dass Bankkunden unnötig Bargeld abheben. (Fortsetzung auf Seite 2, weitere Berichte Seiten 2 und 3 sowie Wirtschaft und Rhein-Main-Zeitung.) In den vergangenen Tagen waren in mehreren europäischen Ländern mehr Bargeldabhebungen als üblich beobachtet worden. Bundeskanzlerin Merkel sagte am Montagabend vor einem Gespräch mit Italiens Ministerpräsident Berlusconi in Berlin: "Wir sind gemeinsam der Meinung, dass die Europäer ein kohärentes Verhalten an den Tag legen müssen." Im britischen Parlament begannen am Montag Beratungen über ein Eilgesetz, das der Bank of England mehr Möglichkeiten geben soll, Geschäftsbanken vor drohenden Konkursen zu bewahren. Premierminister Brown leitete am Montag erstmals den neu ins Leben gerufenen "Nationalen Wirtschaftsrat", einen Kabinettsausschuss, der sich zweimal wöchentlich treffen soll. Die politischen Entscheidungsträger in London zeigten sich irritiert von Äußerungen Frau Merkels, die gemeinsam mit Finanzminister Steinbrück die Sicherheit deutscher Spareinlagen beteuert hatte. In Großbritannien wurde die Äußerung bis zum Montag als Staatsgarantie verstanden, die, ähnlich wie zuvor in Irland, gesetzlich untermauert würde. Der Sprecher Browns gab noch am Montag an, die Regierung müsse sich erst mit den Details der deutschen Garantie vertraut machen; der Premierminister halte telefonischen Kontakt zur Kanzlerin, er sei auch mit dem französischen Präsidenten Sarkozy und dem Chef der Europäischen Zentralbank, Trichet, ständig im Gespräch. Am Abend kündigte der portugiesische Finanzminister Teixeira an, Spareinlagen bei allen Banken in Portugal zu garantieren. In Spanien verständigte sich Ministerpräsident Zapatero mit den Präsidenten der großen Geldinstitute darauf, den Garantiefonds für Sparguthaben zu erhöhen. Vor der Bischofssynode der katholischen Kirche deutete Papst Benedikt XVI. am Montag die Bankenkrise als Mahnung. "Auf Sand baut, wer nur auf die sichtbaren und greifbaren Dinge baut, auf Erfolg, Karriere, Geld." Das seien nicht die "wahren Realitäten": "Das sehen wir jetzt am Zusammenbruch der großen Banken: Diese Gelder verschwinden, sie sind nichts. Und so sind all diese Dinge, die die wahre Realität scheinen, auf die man zählen kann, eine Wirklichkeit zweiten Ranges." FAZ 2008/10/07 Hektische Rettungsaktionen. kA kA Politik Zitat USA Seite 2 Stimmen der Anderen Hektische Rettungsaktionen. Zur Finanzkrise in den Vereinigten Staaten und in Europa bemerkt die Tageszeitung "Der Standard" (Wien): "Wohin all das führt, scheint derzeit nebensächlich. Ist es aber nicht. Für die Vereinigten Staaten wird bereits ein Defizit von zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts erwartet. In die gleiche Richtung, wenngleich nicht so dramatisch, weist der Trend in Europa. Die derzeit hektisch verfügten Rettungsaktionen, gepaart mit sich mehrenden Konjunktur-Stimuli, werden die Volkswirtschaften auf Jahrzehnte hinaus belasten . . . Europa ist bereit, dem amerikanischen Aktionismus blind und unkoordiniert zu folgen - und mit Maßnahmen, deren Nutzen niemand genau darstellen kann, die Zukunft aufs Spiel zu setzen." FAZ 2008/10/07 Die Kunst fällt der Finanzkrise zum Opfer Bei den Reichen und Schönen der Finanzwelt in New York ist das bunte Treiben beendet. Vor dem Beginn der Auktionssaison macht sich auf dem Kunstmarkt die Unsicherheit breit. cbu. Finanzmärkte und Geldanlage Bericht USA Seite 28 kA Die Kunst fällt der Finanzkrise zum Opfer Bei den Reichen und Schönen der Finanzwelt in New York ist das bunte Treiben beendet. Vor dem Beginn der Auktionssaison macht sich auf dem Kunstmarkt die Unsicherheit breit. cbu. NEW YORK, 6. Oktober. Harte Zeiten fordern harte Einschnitte - das müssen in der aktuellen Finanzkrise auch die oberen Zehntausend erfahren: Sogar die kunstliebende Gattin des Vorstandsvorsitzenden von Lehman Brothers sieht sich mittlerweile genötigt, einige ihrer Lieblingsstücke zu opfern. So munkelt man in der New Yorker Kunstszene, dass Kathy Fuld Zeichnungen im Wert von insgesamt 20 Millionen Dollar (14,5 Millionen Euro) in der lange erwarteten Versteigerung des Auktionshauses Christie's im November auf den Markt werfen will. Die Entscheidung fiel, kurz nachdem die einst stolze Investmentbank Ende September Insolvenz anmelden musste, wie die amerikanische Nachrichtenagentur Bloomberg berichtet. Doch nicht nur das Ehepaar Fuld muss in diesen Zeiten den Gürtel enger schnallen. Nach den Hiobsbotschaften der vergangenen Wochen scheint das bunte Treiben der Reichen und Schönen der Finanzwelt erst einmal zu Ende zu sein. Schließlich sind die Ereignisse der vergangenen Wochen nur der vorläufige Höhepunkt der Finanzkrise, die schon mehr als ein Jahr die internationalen Märkte in Atem hält. Schon Wochen und Monate vor der jüngsten Zuspitzung hat so mancher Banker seinen Einkaufszettel gehörig zusammenstreichen müssen. So beschränkte sich ein Kunde vor rund zwei Monaten auf eine geringere Auswahl an Arbeiten, nachdem er gerade zwei Millionen Dollar an der Wall Street verloren hatte, sagt etwa Daniel Lechner von der Galerie Cheim and Read. Viele Banker haben in den vergangenen Jahren einen beträchtlichen Teil ihrer exorbitanten Wall-Street-Boni in Kunstwerke investiert - ein Luxus, den sie sich angesichts der Krise wohl bald nicht mehr leisten wollen, fürchtet man im New Yorker Galeristen-Viertel Chelsea. Viele Kunsthändler spüren den Rückgang in der Nachfrage schon deutlich, doch derzeit prägt noch Unsicherheit das große Geschäft mit der Kunst. "Es wird auf jeden Fall Auswirkungen haben, wir wissen nur noch nicht, wie groß sie sein werden", beschreibt Georg Henoch Shechtman, Direktor der Henoch Galerie, die Stimmung unter seinen Kollegen. Deshalb starren alle wie gebannt auf den Beginn der Auktionssaison im Oktober, wenn die ersten Bilder unter den Hammer kommen. Dann wird sich deutlicher abzeichnen, wie viel die Kunstliebhaber noch gewillt sind, in ihre kostspielige Leidenschaft zu stecken. Shechtman setzt dabei große Hoffnungen auf das Rettungspaket, das der amerikanische Kongress erst vergangene Woche nach einem mühevollen politischen Tauziehen gebilligt hat. Das könne die Lage wieder entspannen, meint er. Unverbesserliche Optimisten zitieren in diesen Zeiten immer wieder die inzwischen fast schon legendäre Londoner Auktion mit Werken von Damien Hirst, die ausgerechnet am Tag des Lehman-Brothers-Fiaskos Ende September über die Bühne ging. Das stolze Gesamtergebnis von rund 111 Millionen Pfund (143 Millionen Euro) lässt Liebhaber hoffen, dass zumindest die zeitgenössische Kunst ohne weitere Blessuren aus dem Debakel herauskommt. Immerhin: Noch gibt es Banker, die ungeduldig auf Arbeiten von bestimmten Künstlern warten, versichert Jeff Stricoff, Direktor der gleichnamigen New Yorker Galerie. Schließlich ist auch alles eine Frage der Perspektive. "Jemand, der früher 50 Millionen Dollar wert war, ist jetzt nur noch 25 Millionen Dollar wert", erklärt er nüchtern. "Vielleicht fliegen sie jetzt nur noch Business Class und nicht mehr First Class, aber das wird ihren Lebensstil nicht groß verändern." Außerdem könne man sich auf die Europäer verlassen, schwärmt Stricoff. Die kämen immer noch in Scharen und ergatterten mit ihrem starken Euro wahre Schnäppchen auf dem Kunstmarkt. Daniel Lechners Erfahrung ist allerdings, dass am Anfang einer Krise noch ein großes Interesse für die Kunst da ist, weil sie als ein relativ stabiler Sockel gelte. "Wenn jedoch irgendwann die gesamte Wirtschaft betroffen ist, schlägt sich das natürlich auch auf den Kunstmarkt nieder." Auch Andrea Teschke, Direktorin der Friedrich Petzel Galerie in Chelsea, ist besorgt. Die Primärmarktverkäufe seien zwar noch nicht eingebrochen. Es wendeten sich aber inzwischen viel mehr Kunden an die Galerie, die ihre für viel Geld erstandenen Arbeiten wieder verkaufen müssten, seufzt sie. Ungewöhnliche Maßnahmen müssen auch die Kulturinstitutionen der Metropole wegen der Finanzkrise ergreifen. Seit neuestem beobachtet etwa der Sprecher der New Yorker Asia Society, Todd Galitz, voller Sorge den Verlauf der wichtigsten Aktienindizes am Computer. Seit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers vergehe kein Tag ohne Krisensitzung zum Budget des Kulturinstituts. "Wir überprüfen jeden Posten und versuchen sicherzustellen, dass wir so wenig Risiko wie möglich eingehen", sagt er. "Wir sparen, wo es nur geht." Die nächsten Monate werden es zeigen: Am Ende des Jahres sind die Amerikaner normalerweise besonders großzügig. Deshalb sei es misslich, dass die Finanzkrise ausgerechnet jetzt so hart zuschlage, bedauert Galitz. Inzwischen fühlten sich die meisten Menschen viel ärmer als noch vor drei oder sechs Monaten. Er rechnet damit, dass Unternehmen ihre Unterstützung in nächster Zeit zurückschrauben werden. Schwieriger einzuschätzen sei dagegen, wie sich die Spenden von Einzelpersonen in nächster Zeit entwickeln würden. "Das ist für die Finanzen vieler kultureller Institutionen wahrscheinlich sogar noch wichtiger als die Zuwendungen von Unternehmen." Trotz aller Hiobsbotschaften kann die Galeristin Teschke der Finanzkrise noch einen Vorteil abgewinnen, denn sie hofft auf eine reinigende Wirkung. Die Entwicklung der vergangenen Jahre, in denen Werke von jungen Künstlern plötzlich vom einen auf den anderen Tag 200 000 Dollar wert waren, werde wohl erst einmal gestoppt, sagt sie. "Damit reguliert sich der ganze Wahnsinn der letzten Jahre vielleicht endlich ein bisschen." FAZ 2008/10/07 Staatsanleihen. Teure Sicherheit. ruh. Finanzmarkt Meldung BRD Seite 27 kA Staatsanleihen. Teure Sicherheit. Bundesanleihen gelten in der Finanzkrise als einer der sichersten Häfen. Sie sind jederzeit handelbar und werden von jedermann bedingungslos als Sicherheit akzeptiert. Deshalb sind insbesondere die Banken bereit, Höchstpreise zu zahlen. Dadurch sind Bundesanleihen aber so teuer geworden, dass Titel mit zehn Jahren Restlaufzeit nur noch eine Rendite von 3,8 Prozent ermöglichen. Das ist wenig mehr als die Inflationsrate, und berücksichtigt man auch noch die Steuerlast der Privatanleger, stimmt die Rechnung noch trübsinniger. Dafür kommen die Gläubiger des deutschen Staates bislang aber auch recht gut durch die Krise. Sie müssen bislang nur einen scharfen Anstieg der Inflation fürchten. Etwas mehr Rendite ermöglichen die Anleihen der Nachbarstaaten Frankreich, Österreich und Niederlande. Hier sind Renditen von etwas mehr als 4 Prozent möglich, wobei die Bonitätsnoten ebenso wie die der Bundesrepublik Deutschland erstklassig sind. ruh. FAZ 2008/10/07 Einlagen. Der Staat garantiert. ruh. Finanzmarkt Bericht BRD Seite 27 kA Einlagen. Der Staat garantiert. In kaum einem anderen Land ist die private Sicherung der Bankeinlagen so umfangreich wie in Deutschland. Doch inzwischen hat die Finanzkrise ein Ausmaß erreicht, dass dies allein nicht ausreicht, um das Vertrauen der Sparer zu erhalten. Die gesetzliche Einlagensicherung deckt 90 Prozent der Guthaben bis maximal 20 000 Euro. Die meisten Banken sind in zusätzlichen Einrichtungen organisiert, die für jeden Kunden auch Millionensummen abdecken. Der Sicherungsfonds für die privaten Banken wird auf 4,5 Milliarden Euro geschätzt. Sparkassen und Genossenschaftsbanken versprechen, sich untereinander zu stützen. Doch was wäre das wert, wenn in einer Kettenreaktion eine Bank nach der anderen umfiele. Schon die im letzten Moment abgewendete Insolvenz der Hypo Real Estate hätte den Sicherungsfonds überfordert. Bei diesem Grad der Verunsicherung hilft nur noch der Staat weiter, und so hat die Bundesregierung nun eine Garantie für alle Spareinlagen in Deutschland ausgesprochen. Das birgt zumindest ein hohes Maß an Sicherheit für die Sparer. Deshalb sollte die kurzfristig flexible Geldanlage weiterhin die erste Wahl bleiben. ruh. FAZ 2008/10/08 Zittern um isländische Einlagen. Kaupthing erhält Kredit der Notenbank. ruh. Finanzmarkt Bericht Island Seite 19 kA Zittern um isländische Einlagen. Kaupthing erhält Kredit der Notenbank. ruh. FRANKFURT, 7. Oktober. Die Finanzkrise lässt Deutschlands Sparer bangen. Das gilt erst recht für Kunden ausländischer Institute, die nicht dem deutschen Sicherungssystem angehören. Ein besonders heikler Fall ist die isländische Kaupthing Bank. Seit vergangenem Jahr sammeln die Isländer auch in Deutschland das Geld der Sparer ein und locken mit besonders hohen Zinsen, derzeit 5,65 Prozent. Islands Bankensystem galt schon vor Beginn der weltweiten Finanzkrise als schwieriger Fall, jetzt helfen dort nur noch Verstaatlichungen. Am Dienstag übernahm die Finanzaufsicht in einer Rettungsaktion die Kontrolle über die zweitgrößte Bank des Landes, Landesbanki. Tags zuvor hatte das Parlament der Regierung per Notgesetz erlaubt, Finanzinstitute zu übernehmen, zu fusionieren oder für bankrott zu erklären. Zur Abwendung einer Staatspleite wird der Inselstaat nach Angaben seiner Notenbank milliardenschwere Hilfen aus Russland erhalten. Kaupthing kam am Dienstag zunächst mit einem Kredit der Notenbank über 500 Millionen Euro aus. Deutsche Kaupthing-Kunden sind nicht über den deutschen, sondern nur über einen isländischen Sicherungsfonds geschützt. Gedeckt sind bis zu 20 887 Euro je Kunde. Allerdings ist fraglich, wie viel dieses Sicherungsversprechen wert ist. Islands Ministerpräsident Geer Haarde sagte: "Es besteht eine sehr reelle Gefahr, dass die isländische Wirtschaft im schlimmsten Fall mit den Banken in einen Abwärtssog gerät und das Ergebnis ein Staatsbankrott sein könnte." Wie viel Geld deutsche Sparer bei Kaupthing angelegt haben, war am Dienstag nicht in Erfahrung zu bringen. Ein Kundenbetreuer der Kaupthing sagte am Telefon, der Zahlungsverkehr laufe ganz normal. Eine Sprecherin der Schweizer Niederlassung in Genf sagte einer Nachrichtenagentur, für die Schweiz würden keine Zahlen veröffentlicht, wie viel Geld Kaupthing bei den Sparern gesammelt habe. Wie es weitergehen werde, sei ihr nicht bekannt. "Wir warten selbst auf Mitteilungen aus Island." FAZ 2008/10/08 Notsitzung in London. Gerüchte über Kapitaleinlagen des Staates verunsichern. bes. Unternehmen Bericht GB Seite 16 kA Notsitzung in London. Gerüchte über Kapitaleinlagen des Staates verunsichern. bes. LONDON, 7. Oktober. Der britische Premierminister Gordon Brown berief am Dienstag nach Börsenschluss eine Notsitzung ein, um mit Schatzkanzler Alistair Darling, dem britischen Notenbankgouverneur Mervyn King und dem Chef der Finanzaufsicht, Adair Turner, einen Lösungsansatz zur Bankenkrise in Großbritannien zu finden. Darling kündigte dazu eine Erklärung für Mittwochmorgen vor Handelsbeginn an. Brown reagierte mit diesem Treffen auf die sich immer weiter zuspitzende Bankenkrise und vor allem auf den starken Kurseinbruch, den britische Bankaktien - allen voran die Titel der Royal Bank of Scotland (RBS) - verkraften mussten. Seit Montagabend schwelt in Großbritannien in der Panik um die Bankenkrise eine Diskussion darüber, ob Banken über eine staatliche Kapitaleinlage gestützt werden sollten. Nach einem Treffen von Darling, King und Turner mit den Vorstandsvorsitzenden der RBS, Barclays und Lloyds TSB hatte es in den britischen Medien geheißen, hinter den Kulissen werde an einem Rettungspaket gearbeitet, das eine Kapitalzuführung von 45 Milliarden Pfund, umgerechnet knapp 60 Milliarden Euro, in die drei Großbanken bedeuten könnte. Die Debatte war ausgelöst worden, weil aus vertraulichen Verhandlungen der Regierung herausgesickert war, dass Überlegungen zur Rettung der Banken von der Regierung offenbar erwogen werden. John Varley, Vorstandsvorsitzender von Barclays, gab noch am Dienstagmorgen eine Erklärung ab: "Entgegen Presseberichten hat Barclays die britische Regierung nicht um eine Kapitaleinlage gebeten und braucht diese auch nicht." Auch die Royal Bank of Scotland dementierte, bei der Regierung um eine Kapitalspritze nachgefragt zu haben. Die Gerüchte hatten jedoch dramatische Auswirkungen auf den Aktienkurs der Banken. Der Kurs der RBS schloss am Dienstag mit einem Minus von 39 Prozent. Die Notierung von Barclays sank um 9 Prozent auf 285 Pence je Aktie. Den Markt beunruhige zudem, dass die amerikanische Ratingagentur Standard & Poor's das Kontrahentenrisiko von RBS nach Jahren das erste Mal heraufsetzte, hieß es in London. Während die Deutsche Bank eine Kernkapitalquote von derzeit etwa 10 Prozent hat, liegt diese Quote bei Barclays nach der Übernahme von Lehman Brothers bei etwa 6,8 Prozent. Die RBS hatte nach dem letzten, im Juni veröffentlichten Stand eine Kernkapitalquote von 5,7 Prozent. Nachdem sich zu Beginn der Bankenkrise zahlreiche Staatsfonds bei Instituten weltweit eingekauft haben, ist ihr Enthusiasmus für ein weiteres Engagement bei Banken in jüngster Zeit verflogen. Institutionelle Investoren und Privatanleger halten sich ebenfalls zurück, Banken mit Kapitalerhöhungen unter die Arme zu greifen. In Großbritannien wurde nun spekuliert, um Ruhe in die Finanzkrise zu bringen, könne der Staat gegen lang laufende Vorzugsaktien in Form einer Beteiligung bei den Banken Kapital einschießen. Ähnlich war dies auch in der schwedischen Bankenkrise. Dies würde Banken, die diese Kapitalspritze in Anspruch nehmen wollten, zunächst helfen, ihre Abschreibungsverluste zu schultern und dem Kreditausfallrisiko einer Rezession zu begegnen. Auch würden sie sich in einem Marktumfeld mit Kapital stärken, in dem sie sich nicht mehr so leicht am Markt verschulden können wie bisher. So werden im März kommenden Jahres Schuldverschreibungen und Wandelanleihen der RBS, Barclays und Lloyds TSB in Höhe von 54 Milliarden Pfund fällig, heißt es bei Bloomberg. Die drastisch gesunkenen Aktienkurse britischer und auch europäischer Banken zeigen freilich, was Aktionäre von partieller Verstaatlichung des Bankensektors halten. "Es wäre ein katastrophaler Ansatz und würde dem Bankensystem und der Wirtschaft langfristig enorm schaden", hieß es aus Kreisen einer Großbank gegenüber dieser Zeitung. Ein besserer Ansatz wäre, den Banken zu erlauben, alle zweifelhaften Risikopositionen offenzulegen, buchhalterisch auszugrenzen (ringfencing) und über mehrere Jahre hinweg abzuschreiben. Das würde Transparenz schaffen, die Banken säubern und sofort wieder Vertrauen am Interbankenmarkt herstellen. Eine andere Notrettung wäre, wenn die Notenbanken direkt das gesamte Kontrahentenrisiko am Geldmarkt übernähmen und damit dem Markt die Furcht vor dem Zusammenbruch des Vertragspartners nähmen. Aus Kreisen der Banken hieß es am Dienstag fast resigniert, es müsse dringend eine politische Rettungslösung für den Markt gefunden werden, da die Wirtschaft sonst in eine katastrophale Rezession schlittere. FAZ 2008/10/08 Stellenabbau bei der HVB. kA theu. Unternehmen Meldung Italien Seite 14 kA Stellenabbau bei der HVB. theu. MÜNCHEN, 7. Oktober. Die italienische Großbank Unicredit streicht wegen der Finanzmarktkrise jede fünfte Stelle in ihrem Kapitalmarktgeschäft (Investmentbanking). 700 von bislang rund 3500 Arbeitsplätzen des Bereichs sollen im kommenden Jahr wegfallen, erfuhr diese Zeitung aus Bankenkreisen. Der Abbau, den Unicredit-Vorstandschef Alessandro Profumo am Mittwoch bekanntgeben wird und der weltweit erfolgen soll, wird voraussichtlich stark die Münchner Tochtergesellschaft Hypo-Vereinsbank (HVB) treffen. Bei der HVB ist der größte Teil des Investmentbankings in der Unicredit-Gruppe angesiedelt. München ist neben London der größte Standort im Kapitalmarktgeschäft des Konzerns. In den anderen Sparten der HVB sei dagegen kein zusätzlicher Stellenabbau zu erwarten, hieß es. Bereits im Sommer war bekanntgegeben worden, dass bei der Münchner Bank bis zu 2500 Arbeitsplätze wegfallen sollen. Unicredit, die größte italienische Bank und eines der führenden Geldhäuser in Europa, ist zuletzt durch die Finanzkrise immer stärker unter Druck geraten. Am Montag mussten die Italiener eine Kapitalerhöhung ankündigen. Die Risiken im Investmentbanking sollen nun wegen der Krise gesenkt werden. FAZ 2008/10/08 Jetzt werden überall weniger Autos gebaut. Längere Werksferien, flexible Arbeitszeitkonten, Produktionskürzungen und Entlassungen. Henning Peitsmeier Unternehmen Reportage BRD; global Seite 14 kA Jetzt werden überall weniger Autos gebaut. Längere Werksferien, flexible Arbeitszeitkonten, Produktionskürzungen und Entlassungen. Von Henning Peitsmeier. FRANKFURT, 7. Oktober. Bei Opel hängt der Haussegen schief. Mal wieder. Da steuert die gesamte Autoindustrie auf einen großen Nachfrageeinbruch zu, reagiert mit Produktionskürzungen und sogar Entlassungen, und ausgerechnet im krisenerprobten General-Motors-Konzern streiten Management und Betriebsrat. Der Grund: General Motors kündigte am Dienstag einen Produktionsstopp von 40 000 Fahrzeugen an all seinen europäischen Standorten an, ohne die Belegschaft zu informieren. "Wenn das der neue Stil ist, dann werden wir entsprechend antworten", sagte der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Klaus Franz dieser Zeitung. "Eine Krise bewältigt man nur gemeinsam mit den Mitarbeitern. Wir können auch viel Ärger machen." Die Schnelligkeit, mit der GM reagierte, unterstreicht die Dringlichkeit des Problems. Denn von dem Produktionsstopp ist sogar das Werk in St. Petersburg betroffen, obgleich dem russischen Markt bisher noch Wachstum nachgesagt wurde. Die Entrüstung des Gewerkschaftsvertreters werden die GM-Verantwortlichen wohl in Kauf genommen haben. In seinem Heimatmarkt steht der amerikanische GM-Konzern schon mit dem Rücken zur Wand. Verglichen dazu, sind die geplanten Kürzungen in Europa, die nach Angaben eines GM-Sprechers über den Abbau von Überstunden auf Arbeitszeitkonten abgegolten werden können, noch harmlos. Immerhin ist bei Opel von Kündigungen nicht die Rede. Ob mit Zustimmung der Betriebsräte oder ohne: Wie bei GM stellen sich viele Hersteller der schon länger anhaltenden Absatzflaute. "Wir haben schon im Sommer an den Auftragseingängen gesehen, dass wir auf eine handfeste Krise zusteuern", sagte ein Automanager noch vor wenigen Tagen auf dem Pariser Autosalon. Zu groß waren die Marktverwerfungen in Nordamerika und Westeuropa, zu gering das Wachstum in den aufstrebenden Schwellenländern Brasilien, Russland , Indien und China. Obendrein rächt es sich, dass die Hersteller - allen voran die französischen Konzerne Renault und PSA Peugeot Citroën - nicht vorher ihre Überkapazitäten beschnitten haben. "Es ist richtig, wenn jetzt die Kapazitäten aus dem Markt genommen werden", sagt Ralf Landmann von der Unternehmensberatung Roland Berger. Für den Automobilfachmann wäre ein weiterer Lageraufbau bei den Herstellern in der augenblicklichen Lage unvertretbar. Fahrzeuge, die heute ohne Kundenauftrag gefertigt werden, mindern morgen den Restwert der Gebrauchten. Wohin das führt, zeigt die Autokrise in Amerika, wo einige Hersteller bereits das Leasing- und Finanzierungsgeschäft aufgegeben haben. Selbst die deutschen Premiumhersteller sind betroffen. In der Branche hält sich das Gerücht von 300 000 Mercedes-Benz, BMW und Audi, die schon "auf Halde" produziert worden sind. BMW-Chef Norbert Reithofer kündigte bereits im Zuge der Krise in Nordamerika an, bis zu 25 000 Autos weniger fertigen zu lassen. Den Anfang macht nun der Standort Leipzig, an dem BMW die Einser- und die Dreier-Reihe baut. Dort stehen in der letzten Oktoberwoche die Bänder vier Tage still, 2800 Autos werden nicht gebaut. "Welche Maßnahmen wie und wann ergriffen werden, darüber entscheiden die einzelnen Standorte", sagte ein BMW-Sprecher. Daimler gab am Dienstag ein weltweites Absatzminus von 2 Prozent im Monat September bekannt, wobei das Minus bei Mercedes-Benz größer ausfiel, vom Kleinstwagen Smart hingegen 10 Prozent mehr verkauft wurden. Doch Kürzungen von 45 000 Einheiten hat der Daimler-Vorstandsvorsitzende Dieter Zetsche längst beschlossen, über weitere 35 000 wird gemunkelt. Vorbereitet sind die Schwaben: in der Produktion gibt es seit kurzem noch flexiblere Arbeitszeitmodelle mit mehr Zusatz- und Absageschichten. Entlassungen von Mitarbeitern, die in besseren Zeiten wieder gebraucht werden, sollen so vermieden werden. Andere Hersteller entlassen schon: Die schwedische Ford-Tochtergesellschaft Volvo hat eine dritte Schicht herausgenommen und trennt sich auf diesem Weg von 1200 Beschäftigten. Die amerikanische Muttergesellschaft greift in Europa ebenfalls durch. Ford entlässt an seinem Standort in Saarlouis 204 Zeitarbeiter früher als geplant. Bis zum Jahresende befristete Verträge wurden schon zum 31. Oktober gekündigt. Wie verheerend die Lage in einzelnen Ländern schon ist, zeigt der Blick nach Spanien. Dort hat die Immobilienkrise die Konsumlust der Verbraucher derart gebremst, dass die Neuzulassungen im September um 32 Prozent einbrachen. Die Autohersteller im Land reagieren mit Kürzungen. Ford lässt die Produktion angesichts der Verkaufseinbrüche in Spanien ruhen, und auch bei der Volkswagen-Marke Seat werden im Werk bei Barcelona im November und Dezember 750 Beschäftigte in Kurzarbeit geschickt, im kommenden Jahr noch einmal rund 500 Mitarbeiter. Nach Angaben der Gewerkschaften sollen rund 20 000 Fahrzeuge weniger gebaut werden. Damit nicht genug: Gerüchten zufolge soll sich das Seat-Management schon mit Entlassungen von Mitarbeitern befassen. Im Zuge der Finanzkrise rufen jetzt die europäischen Autohersteller - wie zuvor die Banken - nach staatlicher Hilfe. Am Dienstag bat der Herstellerverband Acea die Europäische Union, "eine Reihe von Unterstützungsmaßnahmen" zu prüfen. Dabei geht es um ein niedrig verzinstes Kreditpaket von 40 Milliarden Euro für die Entwicklung umweltfreundlicher Fahrzeuge. Denn Europas Autoindustrie fühlt sich gegenüber der amerikanischen Konkurrenz benachteiligt, die bereits durch ein Kreditprogramm gestützt wird. Weil der Fahrzeugbestand auf Europas Straßen immer älter wird, wollen die Hersteller obendrein eine staatliche Verschrottungsprämie für Altautos durchsetzen. Damit könnten Autofahrer ihre älteren Fahrzeuge günstig durch neue und sparsame Modelle ersetzen, argumentiert Acea-Präsident und PSA-Chef Christian Streiff. 20 Megatonnen umweltschädlicher Kohlendioxidemissionen könnten eingespart werden, rechnet er vor. Im Kern dient eine derartige Maßnahme freilich dazu, die Nachfrage nach Neufahrzeugen wieder anzukurbeln. Nicht alle Hersteller sind mit der augenblicklichen Nachfragesituation unzufrieden. Die VW-Marke Audi meldete am Dienstag unverdrossen steigende Verkaufszahlen und wagte eine fast abenteuerlich klingende Prognose: "Das hohe Wachstum im September gibt den Startschuss für unser stärkstes Quartal. Unser Ziel für 2008 lautet bei Audi 1 Million verkaufte Automobile", sagte Audi-Vertriebsvorstand Peter Schwarzenbauer. 000 Fahrzeuge weniger gebaut werden. FAZ 2008/10/08 Die Unternehmen fahren auf Sicht. Die Banken- und Finanzmarktkrise erreicht die Realwirtschaft. SAP berichtet von Kunden, die Bestellungen verschieben. Andere Unternehmen sitzen zwar auf vollen Auftragsbüchern, wissen aber nicht, wie es vom kommenden Frühjahr an weitergeht. kA Unternehmen Bericht BRD Seite 14 kA Die Unternehmen fahren auf Sicht. Die Banken- und Finanzmarktkrise erreicht die Realwirtschaft. SAP berichtet von Kunden, die Bestellungen verschieben. Andere Unternehmen sitzen zwar auf vollen Auftragsbüchern, wissen aber nicht, wie es vom kommenden Frühjahr an weitergeht. DÜSSELDORF/FRANKFURT, 7. Oktober. Europas größten Softwarehersteller SAP hat die Finanzkrise mit voller Wucht getroffen. "SAP konnte sich den Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise, wie sie seit der zweiten Septemberhälfte die Märkte erfasst, nicht entziehen", hat der SAP-Vorstandsvorsitzende Henning Kagermann eingeräumt. Als Grund nannte er Finanzierungsschwierigkeiten, die durch die Kreditklemme entstanden seien: Kunden, die sich überlegt hätten, bei SAP zu bestellen, seien abgesprungen. Damit steht SAP nicht alleine. Die Realwirtschaft spürt die Auswirkungen der Finanzkrise immer stärker, was auch der Bundesverband der Deutschen Industrie einräumt. Es ist zwar häufig schwer zu trennen, was Folge der allgemeinen Konjunkturabschwächung und was Folge der Finanzmarktkrise ist. Aber was sich in dem Spezialchemie-Unternehmen Cognis schon zum Halbjahr abzeichnete, ein Rückgang im Auftragseingang speziell im Geschäft mit Chemikalien für Farben oder Klebstoffe, dürfte nach den Meinung von Analysten in den kommenden Wochen in vielen Quartalsberichten zu sehen sein. Nach mehreren Jahren ungebrochenen Wachstums gehen in zahlreichen Unternehmen die Auftragseingänge zurück. Wegen der vorgeschriebenen Schweigepflicht wird von börsennotierten Gesellschaften derzeit nur unter der Hand bestätigt, was der Unternehmer Friedhelm Loh (Friedhelm-Loh-Group) aussprechen darf: "Im Objektgeschäft spüren wir eindeutig Verzögerungen." Auch wenn seine Gruppe wie die gesamte Elektroindustrie noch Auftragsbestände vor sich herschiebe, die in den kommenden zwei bis drei Monaten für Vollauslastung sorgen, ist die Ungewissheit groß, was dann folgt. "Der Puls ist in Erregung übergegangen", heißt es in dem Konzern mit einem Umsatz in Milliardenhöhe. "Das größte Problem ist, dass zur Zeit nichts planbar ist", sagt Loh und warnt vor den psychologischen Folgen der Unsicherheit. Nicht wenige Hersteller hoffen, dass der befürchtete Nachfrageeinbruch in Nordamerika und in Europa durch weiteres Wachstum in Asien, vor allem in China, aufgefangen werden könnte. Manche sehen sogar den Zeitpunkt gekommen,zu dem Asien die Vereinigten Staaten als Wachstumslokomotive ablösen wird. Bei Dornbracht, dem Hersteller hochwertiger Armaturen für Bad und Küche, sind allerdings auch die ersten Projekte im Objektgeschäft in Fernost verschoben worden. "Die Investoren werden überall vorsichtiger", sagt Geschäftsführer Andreas Dornbracht. Zweistellige Auftragsrückgänge hat Dornbracht in jüngster Zeit in Russland, Frankreich, Großbritannien und Spanien verzeichnet. In den Vereinigten Staaten schwächelt das Geschäft schon seit Anfang des Jahres. Statt des geplanten zweistelligen Umsatzzuwachses erwartet das Familienunternehmen aus Iserlohn für 2008 nur noch "ein leichtes Wachstum". Bei der Kreditaufnahme bemerkt Dornbracht keine Schwierigkeiten. "Das hängt wohl mit unserer guten Bonität zusammen", sagt der Firmenchef selbstbewusst. Diese Aussage teilen viele deutsche Mittelständler, die in den vergangenen Jahren ihre Hausaufgaben gemacht und hohe Liquidität und eine komfortable Eigenkapitalausstattung aufgebaut haben. "Die Frage ist nicht, welche Bank uns einen Kredit gibt, sondern welcher Bank wir unser Geld anvertrauen können", sagt selbstbewusst der Baumarktinhaber Albrecht Hornbach aus der Pfalz. Die Auswirkungen scheinen mit Nähe zum Endverbraucher abzunehmen - noch. Bei Deutschlands größtem Handelskonzern, der Metro-Gruppe aus Düsseldorf, jedenfalls sind bisher keine nennenswerten Auswirkungen auf das Geschäft festzustellen. Was die Finanzierung des Geschäftes angehe, verfüge Metro über komfortable Spielräume, sagte ein Sprecher. Das Familienunternehmen Electronic-Partner aus Düsseldorf, das zu den größten europäischen Verbundgruppen für selbständige Elektronikfachhändler zählt, bereitet sich nach den Worten von Unternehmenschef Oliver Haubrich zwar auf ein rauheres Klima vor und wagt keine langfristigen Prognosen. Derzeit sei die Lage aber als stabil zu bezeichnen. "Vor allem im hochwertigen Konsumbereich stellen wir derzeit sogar ein lebhaftes Wachstum fest." Die noch stabile Situation im Einzelhandel wird auch von dem Logistiker Pfenning bestätigt. Noch spüre man keine Nachfrageschwäche, bereite sich aber auf ein schwächeres Geschäft vor. Gerade mit Luxusgütern läuft das Geschäft offenbar nicht überall so gut. Aus der Finanzmetropole New York wird berichtet, dass die Juweliere für das Weihnachtsgeschäft wesentlich weniger teure Uhren aus der Schweiz bestellt haben. Eine Zurückhaltung der Kunden in den Vereinigten Staaten und Großbritannien registriert auch der Luxusküchenhersteller Poggenpohl. Zudem werde in den beiden für Poggenpohl wichtigsten Auslandsmärkten das Projektgeschäft zurückgefahren, sagt Sprecher Thomas Oberle. Auch auf dem Heimatmarkt lässt der Auftragseingang nach. "Wir sehen, dass sich die Krise negativ auf die Stimmung auswirkt." In der Golfregion, Osteuropa und Asien registriert Poggenpohl dagegen keine Folgen der Finanzkrise. "Wir sind nach wie vor gut ausgelastet", betont Oberle. Komfortabel stehen auch die Heizungsbauer da. Das nordhessische Familienunternehmen Viessmann spürt bisher keinen Auftragseinbruch. Im Gegenteil: Weil viele Verbraucher im Vorjahr wegen der Energiepreisentwicklung verunsichert waren und Investitionen in die Heizung zurückgestellt hatten, verzeichne man derzeit sogar ein Wachstum. "Wir liegen vielleicht auch deshalb besser, weil sich bei den hohen Energiepreisen Investitionen in die Heizung schnell amortisieren", sagt ein Unternehmenssprecher. "Wir sind gut ausgelastet", heißt es auch beim Landmaschinenhersteller Claas in Harsewinkel. Landwirte und Lohnunternehmer prüften wie jeder andere Wirtschaftsbetrieb geplante Investitionen intensiv. Derzeit bestätige das Verhalten der Kunden aber die Existenz einer Sonderkonjunktur im Bereich Landwirtschaft und Agrartechnik. Was die Finanzierung der großen Traktoren und Mähdrescher angehe, gebe es auch weniger kapitalintensive Möglichkeiten wie Miete oder Leasing. Auch bei dem Werkzeugmaschinenbauer Klingelnberg aus dem Bergischen Land bei Köln hat sich die Krise noch nicht bemerkbar gemacht. "Ich rechne damit, dass die Nachfrage nachlässt, aber bisher ist unsere Auftragslage stabil", sagt Geschäftsführer Jan Klingelnberg. Die Bücher seien voll, die Produktion für die nächsten zwölf Monate ausgelastet. "Wir fürchten aber, dass wir Stornierungen bekommen." FAZ 2008/10/08 Metallrunde im Südwesten. kA kA Wirtschaft Meldung BRD Seite 13 kA Metallrunde im Südwesten. Zum Auftakt der Metalltarifrunde in Baden-Württemberg am Dienstag in Sindelfingen haben die Arbeitgeber die Forderung der Gewerkschaft nach 8 Prozent mehr Lohn zurückgewiesen. Eine solche Forderung passe überhaupt nicht in diese Zeit, sagte Südwestmetall-Chef Jan Stefan Roell angesichts der Folgen der Finanzkrise. Er erwarte deutliche Auswirkungen für die Metall- und Elektroindustrie. Dagegen erhöhte IG-Metall-Bezirksleiter Jörg Hofmann den Druck: Liege für die zweite Verhandlungsrunde am 22. Oktober kein Angebot vor, werte er dies als Zeichen, dass die Arbeitgeber an einer Lösung kein Interesse hätten. Sollte sich im Oktober keine Lösung abzeichnen, hat die IG Metall für Anfang November Warnstreiks angekündigt. FAZ 2008/10/08 Russland weitet Hilfe für Banken aus. Krisensitzung nach starken Kursverlusten an den Aktienmärkten. gho. Wirtschaft Meldung Russland Seite 12 kA Russland weitet Hilfe für Banken aus. Krisensitzung nach starken Kursverlusten an den Aktienmärkten. gho. MOSKAU, 7. Oktober. Die russische Regierung hat ein weiteres Hilfspaket im Umfang von 950 Milliarden Rubel (36,3 Milliarden Dollar) zur Unterstützung der russischen Banken in der Finanzkrise angekündigt. Nachdem am Montag der Aktienindex RTS um gut 19 Prozent gefallen war, der größte Tagesverlust in der dreizehnjährigen Geschichte des russischen Börsenbarometers, kam es am Dienstag zu einer regelrechten Krisensitzung, an der der russische Präsident Dmitrij Medwedjew und die Vertreter der größten staatlichen Banken teilnahmen. Der russische Finanzminister Alexei Kudrin bezeichnete im Anschluss daran die Möglichkeit zur Vergabe von nachrangigen Krediten, die den Banken für einen Zeitraum von bis zu fünf Jahren gewährt werden soll, als präventive Maßnahmen. Durch die Transaktion soll die Kapitalbasis der Banken gestärkt werden und nicht nur kurzfristig Geld in das Bankensystem gepumpt werden. Kudrin sagte, dass derzeit Banken vor allem keine langfristigen Kredite an die "Realwirtschaft" vergeben würden. Die staatlich kontrollierte Sberbank soll dabei 500 Milliarden Rubel bekommen, die ebenfalls staatlichen Banken VTB und Rosselchosbank 200 Milliarden Rubel und 25 Milliarden Rubel. Die restliche Summe wird auf verschiedene Finanzinstitute aufgeteilt. Kudrin führte aus, dass zur Finanzierung des Hilfspakets auf die internationalen Währungsreserven zurückgegriffen werden könne. Im September sind diese um knapp 26 Milliarden Dollar auf 556 Milliarden Dollar zurückgegangen, was auf den Abzug von Kapital aus Russland sowie auf Währungsveränderungen zurückzuführen ist. Damit hat Russland gemäß einer Aufstellung der Tageszeitung "Wedomosti" zuzüglich dem gestrigen Hilfspaket rund 4,65 Billionen Rubel (knapp 180 Milliarden Dollar) in die Hand genommen, um den Auswirkungen der Finanzkrise Herr zu werden. Das entspricht einem Anteil am russischen Bruttoinlandsprodukt von 10,7 Prozent. Die Berechnung ist aber einigermaßen schwierig, da die russische Regierung sehr viele Maßnahmen trifft, deren Folgen für den Haushalt nicht absehbar sind. Weitere 100 Banken sollen zudem in den Genuss kommen, ungesicherte Kredite bei der Zentralbank aufnehmen zu können. FAZ 2008/10/08 Amerikas Notenbank will Kreditklemme verhindern. IWF warnt: Banken drohen Verluste von 1,4 Billionen Dollar - Fed deutet Zinssenkung an. ctg. Wirtschaft Meldung USA Seite 11 kA Amerikas Notenbank will Kreditklemme verhindern. IWF warnt: Banken drohen Verluste von 1,4 Billionen Dollar - Fed deutet Zinssenkung an. ctg. WASHINGTON, 7. Oktober. Die amerikanische Notenbank (Fed) unternimmt weitere Schritte zur Überwindung der Kreditklemme. Die Währungshüter unter Führung von Ben Bernanke werden in großem Umfang ungesicherte, kurzfristige Unternehmensanleihen kaufen. Gespräche darüber werden derzeit mit dem Finanzministerium geführt. Viele Unternehmen sind auf diese Schuldverschreibungen zur Finanzierung ihres Geschäftsbetriebs angewiesen, beispielsweise zur Bezahlung von Rechnungen oder von Löhnen. Im aktuellen Marktumfeld fällt es den Unternehmen zunehmend schwerer, Käufer für diese Anleihen zu finden. Die Fed, die gewöhnlich nur Geschäftsbanken und seit einiger Zeit auch anderen Finanzmarktakteuren Kredite gewährt und dafür Wertpapiere als Sicherheiten annimmt, käme damit einer direkten Kreditvergabe an Unternehmen so nah wie nie zuvor. Am Montag hatte die Fed angekündigt, über ihre KreditFAZilitäten für Finanzinstitute vorübergehend rund 900 Milliarden Dollar in die Märkte zu pumpen, sechsmal so viel wie bisher. Bernanke warnte am Dienstag, Amerika stehe vor einem "Problem mit historischer Dimension". Die Konjunkturaussichten hätten sich durch die Zuspitzung der Krise deutlich verschlechtert, während die Inflationsgefahr etwas geringer geworden sei. "In Anbetracht dieser Entwicklung wird die Federal Reserve überlegen müssen, ob die Geldpolitik noch angemessen ist", sagte der Zentralbankchef und stützte damit die Erwartung vieler Börsianer, die Fed werde bald den Leitzins weiter senken. Unterdessen hat der Internationale Währungsfonds (IWF) davor gewarnt, dass Banken und anderen Finanzmarktakteuren durch faule Kredite und den Ausfall von Wertpapieren Verluste von insgesamt rund 1,4 Billionen Dollar drohen. Der Höhepunkt der Finanzkrise sei auch mehr als ein Jahr nach deren Ausbruch noch nicht erreicht, heißt es im neuen IWF-Bericht zur Stabilität des globalen Finanzsystems. Banken rund um die Welt benötigen nach Einschätzung der Kapitalmarktexperten des IWF in den kommenden Jahren insgesamt 675 Milliarden Dollar frisches Kapital, um ihre angeschlagenen Bilanzen aufzubessern und weiterhin Kredite an Unternehmen und Verbraucher vergeben zu können. "Die Finanzmärkte und ihre Akteure sind derzeit ungeheuer verwundbar. Um das verlorene Vertrauen wiederherzustellen, bedarf es einer entschlossenen und einheitlichen Antwort auf internationaler Ebene", sagte Jaime Caruana, Leiter der Kapitalmarktabteilung des IWF. Ein systemischer Ansatz zur Rettung des Finanzsystems sei notwendig, damit der Prozess der Entschuldung der Marktakteure so geordnet wie möglich ablaufen könne. Der Fonds nennt in dem Bericht einige Grundsätze, die bei den Hilfsmaßnahmen beachtet werden sollten: Es müsse zügig und umfassend gehandelt werden. Außerdem müsse die Hilfe grenzüberschreitend koordiniert werden. Und es müsse sichergestellt werden, dass "die Notfallmaßnahmen der Regierungen zeitlich befristet und die Interessen der Steuerzahler geschützt sind". Mittelfristig müsse es darum gehen, ein gesundes, vom Wettbewerb beherrschtes Finanzsystem aufzubauen, rät der IWF. "Das schließt auch den geordneten Untergang jener Finanzinstitute ein, die aus eigener Kraft nicht fortbestehen können." Das sei unter Umständen politisch nicht leicht zu vermitteln, zeuge aber von dem Willen, ein wettbewerbsfähiges, ausreichend kapitalisiertes Bankensystem zu schaffen. Nur im äußersten Notfall solle die Regierung eine umfassende, aber befristete Garantie für alle Spareinlagen im Land abgeben. Der IWF bezeichnet die Vereinigten Staaten als das "Epizentrum der Finanzkrise". Fallende Hauspreise und ein Abschwung der Konjunktur hätten zu einer Verschlechterung der Kreditqualität geführt; nicht nur die Schuldner von privaten und gewerblichen Hypothekendarlehen gerieten immer häufiger mit ihren Zahlungen in Rückstand, sondern auch Unternehmen und Verbraucher. Viele Banken hätten Versuche unternommen, zusätzliches Kapital aufzutreiben, und seien damit zunächst auch einigermaßen erfolgreich gewesen. Jetzt aber habe sich das Umfeld erheblich verschlechtert.e die Hilfe grenz\'fcberschreitend koordiniert werden. FAZ 2008/10/08 EU-Finanzminister beschließen Rettungspaket. Eine höhere Einlagensicherung, eine Garantie für wichtige Banken und neue Bilanzierungsregeln sollen aus der Krise helfen. wmu. Wirtschaft Meldung EU Seite 11 kA EU-Finanzminister beschließen Rettungspaket. Eine höhere Einlagensicherung, eine Garantie für wichtige Banken und neue Bilanzierungsregeln sollen aus der Krise helfen. wmu. LUXEMBURG, 7. Oktober. Die EU-Finanzminister haben am Dienstag ein Paket von Maßnahmen beschlossen, mit denen sie die Folgen der Finanzkrise bewältigen sowie Sparer und Unternehmen schützen wollen. Dazu gehören die Erhöhung der gesetzlichen Mindesteinlagensicherung in der EU von 20 000 auf 50 000 Euro für mindestens ein Jahr, eine Änderung der Bilanzierungsregeln für Banken, die Zusage, dass "systemrelevante" Banken im Notfall grundsätzlich gerettet würden sowie die Einigung auf "gemeinsame Prinzipien" für die Rekapitalisierung angeschlagener Institute. Die amtierende EU-Ratsvorsitzende, Frankreichs Finanzministerin Christine Lagarde, sagte nach dem Treffen in Luxemburg, Ziel sei es, die Sparer zu schützen und nicht die Manager. Deshalb wurden außerdem Prinzipien für eine transparentere Managerentlohnung verabschiedet. Die Erhöhung der Mindesteinlagensicherung in der EU auf 50 000 Euro für mindestens ein Jahr soll auf dem europäischen Gesetzeswege erreicht werden. Der EU-Binnenmarktkommissar Charlie McCreevy kündigte dafür wie für die Bilanzierungsregeln schnell neue Vorschläge an. Da das Gesetzgebungsvorhaben aber Zeit erfordert, haben sich in Luxemburg alle Mitgliedstaaten verpflichtet, die Mindestgrenze sofort auf mindestens 50 000 Euro anzuheben. Dies bedeutet auch für Deutschland eine Änderung der bisherigen Mindestgrenze von 20 000 Euro. Einige Länder erklärten, sie wollten die Grenze auf 100 000 Euro steigern oder sie hätten dies schon getan. Die EU-Minister erklärten sich in Luxemburg weiter bereit, "systemrelevante" Banken vor dem Ende zu bewahren. Darunter sind Institute zu verstehen, deren Konkurs die Stabilität des Finanzsystems bedroht. Wie genau entsprechende Interventionen zu erfolgen haben, legten die Minister nicht fest; sie einigten sich aber auf allgemeine Prinzipien. Zu ihnen gehört, dass staatliche Rettungsaktionen nicht dauerhaft sein dürfen, dass die Interessen der Steuerzahler berücksichtigt werden müssen, und dass auch die Aktionäre die Konsequenzen der Intervention mittragen müssen. Außerdem wollen die Minister die Manager für Missmanagement zur Rechenschaft ziehen. Die Grundsätze zur Bankenrettung waren in der Nacht von den in der Euro-Gruppe versammelten 15 Euro-Finanzministern und dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, vorbereitet worden. Der Chef der Euro-Gruppe, Luxemburgs Premier- und Finanzminister Jean-Claude Juncker, sagte danach, keine systemrelevante Bank dürfe in den Konkurs gehen. Trichet sagte am Abend in einer Rede im französischen Evian, die Krise habe mittlerweile das Herz des Weltfinanzsystems erreicht. Notwendig sei nun eine umfangreiche Reform, dabei müsse dringend die Transparenz der Finanzmärkte erhöht werden. Gefordert seien international abgestimmte Lösungen. Ungeordnete Reformmaßnahmen seien überhaupt nicht hilfreich, sagte der EZB-Präsident. Der spanische Ministerpräsident Luis Rodriguez Zapatero kündigte an, seine Regierung werde den Finanzsektor des Landes mit 30 Milliarden Euro unterstützen. Es solle ein Fonds geschaffen werden, der den Banken neue Finanzmittel zuführen soll. "Mit der Aufstockung dieser Summe können die spanischen Bürger darauf vertrauen, dass ihre Ersparnisse sicher sind", sagte Zapatero. Der Fonds bedeute keine Subvention von Banken. "Mit dem Geld sollen hochwertige Aktiva zu Marktpreisen gekauft und keine faulen Darlehen übernommen werden." Der französische Premierminister François Fillon sagte in Paris, seine Regierung setze im Notfall auf die Stützung von angeschlagenen Banken durch eine zwischenzeitliche Verstaatlichung. Der Staat werde dazu in den betroffenen Banken die Kontrolle übernehmen, "die gescheiterten Manager entlassen und sie durch Manager ersetzen, die das volle Vertrauen der Regierung haben". Dann werde das Institut saniert und "die staatlichen Anteile wieder auf den Markt gebracht, wenn es die Umstände erlauben", sagte Fillon. FAZ 2008/10/08 Viele Jahre von den erzielten Gewinnen geblendet. kA Nobert Balthasar Briefe an die Herausgeber Leserbrief global Seite 7 kA Viele Jahre von den erzielten Gewinnen geblendet. Die von Bettina Schulz im Wirtschaftsleitartikel "Das Versagen der Aufsicht" (F.A.Z. vom 25. September) genannten Ursachen für das Entstehen der gegenwärtigen Finanzkrise kann man zum großen Teil akzeptieren. Für nicht gerechtfertigt halte ich jedoch die Aussage, dass die Verteufelung der Banker am Kern der Sache vorbeigehe, da sie in der Regel in dem ihnen gesetzten aufsichtsrechtlichen Rahmen gehandelt und keine illegalen Geschäfte betrieben hätten. Diese Einschätzung verkennt, dass die handelnden Vorstandsmitglieder der betroffenen Institute eine Eigenverantwortung haben und in erster Linie verpflichtet sind, Schaden von ihren Häusern und deren Kunden abzuwenden, auch wenn ihre Entscheidungen im Rahmen von Gesetzen und Verordnungen liegen sollten. Meines Erachtens sind die von Bettina Schulz eingeräumten "verhängnisvollen Managemententscheidungen" die eigentlichen Ursachen für die entstandene Misere. Die Krise ist in erster Linie durch die inflationäre Verbriefung von sogenannten "Subprime-Hypotheken" entstanden. Die Bankvorstände, die diese Titel in großem Stil erworben haben, können sich nicht damit entschuldigen, dass sie die komplizierten Konstruktionen nicht verstehen konnten. Jedem Kleinanleger wird schließlich empfohlen, dass er keine Geldanlagen tätigen soll, die er nicht versteht. Man hätte sich nur das Grundgesetz vor Augen halten sollen: Fachleute hätten wissen müssen, dass Hypothekendarlehen an bonitätsmäßig schwache Schuldner (dazu noch in einer Niedrigzinsphase zu variablen Zinssätzen, die in den ersten Jahren noch unterhalb des Marktzinssatzes angesetzt wurden) unausweichlich in einem Desaster enden mussten. Es ist zu vermuten, dass die Aufsichts- beziehungsweise Verwaltungsräte der Banken über diese Zusammenhänge nicht hinreichend aufgeklärt wurden, sondern dass auf die viel zu guten Noten der Ratingagenturen hingewiesen wurde, die meines Erachtens wesentlich zum Entstehen der Krise beigetragen haben. Zudem ließen sie sich vermutlich durch die lange Jahre erzielten Gewinne aus derartigen Geschäften blenden. Ein gewisses Problem ist allerdings darin zu sehen, dass in vielen Aufsichtsgremien - so zum Beispiel bei den Landesbanken, die wohl am stärksten von der Krise betroffen sind - fachfremde Mitglieder (sprich Politiker) vertreten sind, die die Zusammenhänge noch weniger erkennen können als die handelnden Vorstände. Am ehesten hätten die Wirtschaftsprüfer, die die Bankbilanzen testiert haben, und die Aufsichtsbehörden die verhängnisvolle Entwicklung erkennen können. Darauf hat auch Bettina Schulz zu Recht hingewiesen. Ohne entsprechende Hinweise dieser Stellen dürfte auch der Gesetzgeber lange Zeit ahnungslos gewesen sein. NORBERT BALTHASAR, KLOTTEN FAZ 2008/10/08 Tanz auf der Vulkaninsel. Ein Notstandsgesetz ermächtigt Islands Regierung, Banken zu übernehmen. Der Ministerpräsident sagt: Das System muss sich ändern. Dabei hat er es selbst mit geschaffen. Sebastian Balzter Politik Bericht Island Seite 3 kA Tanz auf der Vulkaninsel. Ein Notstandsgesetz ermächtigt Islands Regierung, Banken zu übernehmen. Der Ministerpräsident sagt: Das System muss sich ändern. Dabei hat er es selbst mit geschaffen. Von Sebastian Balzter. FRANKFURT, 7. Oktober Mit einem Stoßgebet entließ der Ministerpräsident seine Landsleute in die Nacht. "Gott segne Island", sagte Geir Haarde am Montagabend nach einer gut 20 Minuten dauernden Fernsehansprache. Seitdem wissen es zwischen Reykjavik und Akureyri, zwischen Hafnafjördur und Kopavogur alle auf der Insel der Fjorde und Geysire: Der Abgrund ist nah. Denn Haarde, seit gut zwei Jahren im Amt, fünffacher Vater und Vorsitzender der konservativen Unabhängigkeitspartei, ist ein erfahrener Politiker. Seit 1987 sitzt er im Parlament, davor war er im Finanzministerium angestellt, in Amerika hat er Wirtschaftswissenschaften studiert. Wenn sogar er den Staatsbankrott als realistisches Szenario beschreibt, die Hände auf dem Tisch faltet und Beistand von oben sucht, ist am Ernst der Lage nicht mehr zu zweifeln. Haarde berichtete über die vom Allthing, dem isländischen Parlament, mit umgehender Wirkung genehmigte Notstandsgesetzgebung, um schwer angeschlagene Banken komplett übernehmen oder Fusionen anordnen zu können. An Glitnir, dem größten Finanzinstitut des Landes, hält der Staat schon seit gut einer Woche 75 Prozent, umgerechnet 600 Millionen Euro kostete diese Rettungsaktion. Am Montagmorgen nahm die Börsenaufsicht in Reykjavik die Aktien von fünf weiteren großen Banken, darunter die auch in Deutschland vertretene Kaupthing Bank, nach spektakulären Kursstürzen aus dem Handel. Nur 24 Stunden später war Landsbanki verstaatlicht, die Nummer zwei unter den Finanzkonzernen. Kaupthing habe sich die Finanzaufsicht dagegen noch nicht mit einer ähnlichen Absicht genähert, hieß es am Dienstag aus der Unternehmenszentrale. Allerdings habe die Notenbank "einen großen Kredit" gewährt, um den Fortgang der Geschäfte zu sichern - von bis zu 500 Millionen Euro war am Markt die Rede. So überschlagen sich inzwischen die Nachrichten von der Vulkaninsel am Nordrand Europas. Warum ausgerechnet Island? Geir Haarde sollte darauf auch ohne übermenschliche Hilfe eine Antwort geben können. In seine Zeit als Finanzminister nämlich, die Jahre zwischen 1998 und 2005, fällt die Liberalisierungswelle, die aus dem beschaulichen Finanzsektor der rund 315 000 Einwohner zählenden Insel ihren wichtigsten Wirtschaftszweig gemacht hat. Noch im Mai standen Glitnir, Kaupthing und Landsbanki für vier Fünftel des Börsenwerts aller isländischen Aktiengesellschaften. Die Schattenseite davon: In den Bilanzen der Banken haben sich Verbindlichkeiten aufgetürmt, die nach Haardes Worten zusammengenommen fast zwölfmal so groß sind wie das isländische Bruttoinlandsprodukt von zuletzt 14,6 Milliarden Euro. Ökonomen veranschlagen eine Summe von 75 bis 100 Milliarden Euro - das wären gut 300 000 Euro je Einwohner. Das also ist die Quittung für rasantes Wachstum auf verseuchtem Boden. Denn die Gewinnaussichten im internationalen Finanzgeschäft waren zu verlockend, als dass die Verantwortlichen in den Banken auf die Warnungen vor faulen Krediten gehört hätten, und die staatliche Aufsicht ließ sie gewähren. "Das ganze Bankensystem muss verändert werden", sagt Haarde nun - auch so kann es klingen, wenn ein Politiker eigene Fehler eingesteht. Allein ist er nicht in dieser Situation: David Oddsson, einer seiner Vorgänger als Ministerpräsident und nicht nur kraft des Parteibuchs mit ihm befreundet, ist heute Chef der isländischen Notenbank. Dass aus der Insel der Glückseligen, als die Island einige Jahre lang galt, eines der schwarzen Löcher der Finanzkrise geworden ist, macht dennoch nicht nur in Island viele ratlos: Stehen dem Land nicht kaum zu erschöpfende Energiequellen zur Verfügung? Hatten, je nach Standpunkt, Gott oder die Natur Island nicht schon mit dem unermüdlichen Strom warmen Wassers gesegnet, den die Geysire aus den Tiefen der Erde gen Himmel spuckten? Konnten es sich die Behörden deshalb nicht sogar leisten, im Winter die Bürgersteige in Reykjavik zu beheizen? Standen nicht die Aluminiumproduzenten aus aller Herren Ländern an, um an den Wasserfällen der Insel ihre Fabriken zu bauen? Waren schließlich die reichsten Männer des Landes, Björgolfur Thor Björgolfsson und Jon Asgeir Johannesson, mit ihren Investmentgesellschaften nicht wie eine neue Generation von Wikingern auf dem Kontinent auf Beutezug gegangen, um ein Imperium von Unternehmen aufzukaufen? Doch - all das war kein Traum. Aber die Wirklichkeit dieses Booms endet nun noch schneller, als sie einst gekommen ist. "Unsere Reallöhne sind zwischen 1994 und 2007 um 75 Prozent gestiegen", hatte Geir Haarde noch im vergangenen Mai gesagt, kurz vor den Parlamentswahlen. "Ich kenne kein vergleichbares Land." Ins Düstere gewendet, treffen die Worte aus dem Wahlkampf jetzt wieder die Situation. Die Isländer haben begonnen, ihre Konten abzuräumen, trotz einer staatlichen Garantie für alle Einlagen, trotz der Zusicherung, dass die Banken ihre Aktivität im Ausland reduzieren und Firmenanteile verkaufen werden. Die Rede des Ministerpräsidenten minderte die Sorgen kaum. "Es ist möglich, dass die isländische Wirtschaft zusammen mit den Banken untergeht", sagte Haarde. Die Dramatik der Worte findet in Zahlen Rückhalt. Allein am Montag hat die isländische Krone 23 Prozent ihres Wertes gegenüber dem Dollar verloren, seit Jahresbeginn liegt sie mit 70 Prozent im Minus. Gegenüber dem Euro ist der Wertverlust ähnlich groß. Um den Währungsverfall aufzuhalten, hat die Zentralbank schon vor Monaten den Leitzins auf 15,5 Prozent geschraubt. Ihr eigentliches Ziel erreichte sie damit nicht; aber viele Isländer finanzierten in der Folge ihre Häuser und Wohnungen über Kredite in Fremdwährungen. Jetzt übersteigen ihre Schulden den Wert ihrer Immobilien. "Die Leitung der Zentralbank ist unfähig, die Chefs der Banken sind Idioten", schimpft deshalb etwa Jakob Thor Haraldsson, ein Unternehmer aus Reykjavik. Selbst zurückhaltendere Köpfe glauben nicht mehr daran, dass Island seine Probleme aus eigener Kraft lösen kann. Auf den Internationalen Währungsfonds und ausländische Zentralbanken setzt beispielsweise Vilhjalmur Bjarnasson, ein Wirtschaftswissenschaftler der Universität des Landes. Das ganze Wochenende über sollen Direktoren der Notenbank mit den Kollegen in Dänemark, Schweden und Norwegen verhandelt haben, zu einem Ergebnis sind sie bislang nicht gekommen. Stattdessen meldete die isländische Notenbank auf ihrer Internetseite am Dienstagmittag, Russland habe einen Kredit über 5,4 Milliarden Dollar mit einer Laufzeit von bis zu vier Jahren zugesichert. Kurz darauf kam das Dementi aus dem russischen Finanzministerium, die Bitte der Isländer werde aber "wohlwollend geprüft". Jetzt soll so schnell wie möglich eine Abordnung der Regierung nach Moskau fliegen, um die Sache zu klären, versprach Geir Haarde. Ob die Isländer nun eher die peinliche kommunikative Panne oder die Tatsache an sich beunruhigt, dass ihre Regierung Zuflucht in Russland sucht, lässt sich zurzeit nicht sagen. Dass ihr Pensionsfonds sich schon zu einer Finanzspritze für die taumelnden Banken bereit erklärt hat, schürt in der Bevölkerung jedenfalls die Angst, ihre Altersversorgung werde aufs Spiel gesetzt. Eine passende Beschreibung dessen, was viele nun fürchten, hält die nordgermanische Mythologie bereit, die auf der Insel im Atlantik jedes Schulkind kennt. Der "Fimbulvetr", der "riesige Winter", eine drei Jahre dauernde Kälteperiode mit Schnee, klirrendem Frost und eisigen Stürme kündigt in der Edda die Götterdämmerung Ragnarök an. Ist das Islands Zukunft? "Nein, nein, nein. Schon 2010 wird unsere Wirtschaft wieder wachsen wie im Rekordjahr 2007", versicherte Finanzminister Arni Mathiesen in der vergangenen Woche; lediglich ein Knick in der Konjunktur sei festzustellen. Vier Tage später ist daraus die größte Wirtschaftskrise in der neueren Geschichte des Landes geworden. Mit Prognosen ist die Regierung nun vorsichtiger. Geir Haardes vorläufig letzte Bestandsaufnahme am Dienstag: "Nichts ist sicher." FAZ 2008/10/08 Bankgarantien - Sorge vor einem neuen Chaos. kA kA Politik Zitat Europa Seite 2 Stimmen der Anderen Bankgarantien - Sorge vor einem neuen Chaos. Zur internationalen Finanzkrise und der Reaktion europäischer Staaten darauf schreibt die Tageszeitung "El País" (Madrid): "Die Bankenkrise in Europa hat rasch zu Nervosität unter Bürgern geführt, die um ihre Spareinlagen bangen. Aus diesem Grund traten mehrere europäische Regierungen auf den Plan und ergriffen drastische Maßnahmen. Sie wollten ein Problem an der Wurzel packen, das zu einer unkontrollierbaren Panik zu führen drohte. Länder wie Großbritannien, Irland, Belgien, Deutschland oder Portugal leiteten interventionistische Schritte ein. Damit konnten sie Panik zunächst einmal verhindern. Aber die Konsequenzen sind chaotisch. Nun besteht die Gefahr, dass große Kapitalmengen in Länder flüchten, die eine bessere Garantie bieten als andere." FAZ 2008/10/08 Heftiges Redigieren bis zum Schluss. Politik in ungewissen Zeiten: Die Verwerfungen auf den Finanzmärkten bereiten der Koalition große Sorgen. Die Regierungserklärung der Bundeskanzlerin musste von ihren Mitarbeitern mehrmals aktualisiert werden. Günter Bannas Politik Bericht BRD Seite 2 kA Heftiges Redigieren bis zum Schluss. Politik in ungewissen Zeiten: Die Verwerfungen auf den Finanzmärkten bereiten der Koalition große Sorgen. Die Regierungserklärung der Bundeskanzlerin musste von ihren Mitarbeitern mehrmals aktualisiert werden. Von Günter Bannas. BERLIN, 7. Oktober. Regierungserklärungen im Bundestag sind keine gewöhnlichen Debattenbeiträge, sondern offiziell innerhalb der Bundesregierung abgestimmte Stellungnahmen, und weil das so ist, werden sie gewöhnlich schon vorher, spätestens aber mit Beginn der Rede an Kabinettsmitglieder und damit befasste professionell Neugierige verteilt. Doch es sind keine gewöhnlichen Zeiten. Es sind Zeiten der Ungewissheiten, der immer wieder neuen Überraschungen und der Gerüchte. Von Meldungen, Russland helfe dem offenbar maroden Island mit einem Kredit von 5,4 Milliarden Euro aus, konnte die Bundesregierung am Montag nichts ahnen. Sie sollten sich als falsch erweisen: Russische Hilfe gebe es doch nicht, hieß es am Dienstag. Dass die angesehene Royal Bank of Scotland am Dienstag in Schwierigkeiten geriet, dass dann der Handel mit ihren Aktien sogar ausgesetzt wurde, ahnte Bundeskanzlerin Angela Merkel am Dienstagvormittag auch nicht. So gesehen war es beinahe zwangsläufig, dass ihre Regierungserklärung "Zur Lage auf den Finanzmärkten" erst mit Beginn des Vortrages fertiggestellt war. Abermals gab es Sondersitzungen der Bundestagsfraktionen. Als sie festgesetzt wurden, galten noch die Themen Afghanistan und der Einsatz der Bundeswehr dort als Schwerpunkt. Das Kabinett - so lauteten die Planungen - werde eine Vorlage beschließen, das Isaf-Mandat um 14 Monate zu verlängern und das Bundeswehrkontingent um 1000 Soldaten zu erhöhen. Das Parlament werde das in erster Lesung beraten. So kam es auch. Doch in seiner politischen Bedeutung wurde es von den Finanzkrisen weggewischt. Dass das Bundeswehrmandat verlängert wird, ist - trotz mancher Bedenken - sicher. Wie sich die Märkte, mithin die Krise, entwickeln, ist den Führungspolitikern unklar. "Das können wir im Moment nicht einschätzen", hat der SPD-Fraktionsvorsitzende Struck gesagt. In der Politik aber pflegen Ungewissheiten Gewissheiten zu überlagern. Die Oppositionsfraktionen und vor allem der FDP-Vorsitzende Westerwelle hatten sich in der vergangenen Woche und dann noch einmal am Montag heftig beklagt, über die Kenntnisse und die Maßnahmen der Bundesregierung unzureichend informiert worden zu sein. Westerwelle und Bundeskanzlerin Angela Merkel telefonierten darüber. Am Montag kam es dann zu einer Unterrichtung der Führungen aller fünf Bundestagsfraktionen durch Frau Merkel, weswegen sogar die - an sich intern schon informierten - Vorsitzenden der Koalitionsfraktionen, Kauder (CDU/CSU) und Struck (SPD), die Verhandlungsrunde der Koalition verließen, die sich gleichzeitig mit der Erbschaftsteuer befasste. Stellungnahmen hernach, die auch den Verlauf des Tages danach prägen sollten. Von der FDP Guido Westerwelle: "Man muss unterm Strich sagen, dass viele Fragen offen sind und offen bleiben." Von den Grünen Fritz Kuhn: "Wir haben auch nach der gerade vollzogenen Unterrichtung eine starke Skepsis über die Frage, ob die Bundesregierung genügend Einfluss auf die Abwicklung oder die weitere Verwertung der HRE, der Hypo Real Estate, tatsächlich hat, ob eine Vertrauensbeziehung noch da ist." Von der Linkspartei Gesine Lötzsch: "Die Bundesregierung versucht, Beruhigungspillen zu verteilen an die Bürgerinnen und Bürger. Die entscheidende Frage ist, wie es den Banken gelungen ist, der Bundesregierung auf der Nase herumzutanzen." In schweren Zeiten rückten die Fraktionen der großen Koalition zusammen. Sogar im internen Streit der CDU/CSU-Fraktion über die Erbschaftsteuer mahnten führende CDU-Politiker - Innenminister Schäuble gehörte dazu - zum Zusammenhalt. Gerade jetzt, in den Zeiten der Ungewissheiten, wurden sie vernommen, sei die große Koalition wichtig. Die SPD beschwerte sich nicht öffentlich darüber, dass die Bundeskanzlerin mit ihrer Regierungserklärung dem Finanzminister und stellvertretenden SPD-Vorsitzenden Steinbrück die Gelegenheit nahm, sich auch im Parlament als Krisenmanager darzustellen. Es blieb bei dem Brauch, dass nach einer Regierungserklärung der Kanzlerin kein weiteres Kabinettsmitglied spricht. In der Unionsfraktion wurde dem Vernehmen nach keine Kritik an Steinbrück geübt - wie das der CDU-Haushaltspolitiker Kampeter im Gespräch mit der Agentur Reuters getan hatte. Kampeter bezog sich auf Bemerkungen Steinbrücks über einen angeblichen "Plan B" zur Bewältigung der HRE-Krise. "Ein solcher Plan B ist kein Luftballon und nicht zum Spielen geeignet. Entweder man hat einen solchen Plan B oder nicht. So etwas muss mit harten Fakten unterlegt sein", hatte Kampeter gesagt, und er kritisierte auch Steinbrücks Äußerungen, dass über den Börsengang der Deutschen Bahn wegen der Finanzkrise möglicherweise noch einmal nachgedacht werden müsse. "Die Bundesregierung muss die Frage des Börsenganges der Bahn rasch entscheiden und nicht durch solche Äußerungen die Investoren verunsichern." Steinbrück wiederum suchte in der Sitzung seiner Fraktion nach Klarstellungen. "Es gibt keinen Plan B", sagte er. Doch müsse es Möglichkeiten geben, auf immer neue Herausforderungen schnell Antworten zu finden. FAZ 2008/10/08 Vor allem: Keine Panik!. kA kA Politik Zitat BRD Seite 2 Stimmen der Anderen Vor allem: Keine Panik!. "Zum deutschen Vorgehen bei der Finanzkrise heißt es in der Züricher Tageszeitung "NZZ": "Die plötzlich auch in Deutschland akut gewordene Finanzkrise hat die große Koalition in Berlin bisher kaum belastet. Der Feind ist erkannt, die Einigkeit groß, und nichts symbolisiert sie besser als die Bilder von Kanzlerin Merkel und Finanzminister Steinbrück beim gemeinsamen Versuch, die Bürger durch die Ankündigung einer dauerhaften staatlichen Bürgschaft für alle privaten Bankeinlagen von einem Run auf ihre Konten abzuhalten. "Nur ja keine Panik" lautet das Motto, und bis jetzt haben die Politiker weitgehend der Versuchung widerstanden, in den Flammen der Krise ihr eigenes parteipolitisches Süppchen zu kochen." FAZ 2008/10/08 Unverständlich, diese Deutschen. kA kA Politik Zitat BRD Seite 2 Stimmen der Anderen Unverständlich, diese Deutschen. Die Tageszeitung "Le Monde" (Paris) bemerkt zur Haltung Berlins in der Finanzkrise: "Berlin hat die Idee eines Rettungsplans für die Banken, der in Paris und in den Niederlanden entstand, torpediert, bevor er noch recht entwickelt wurde. Diese Haltung ist unverständlich, da das deutsche Bankensystem erschüttert ist. Der Zusammenbruch der Hypo Real Estate zeigt, wie krank die Banken der ersten Wirtschaftsmacht der Euro-Zone wirklich sind. Diese unvermutete Schwäche bedroht das gesamte Finanzsystem des Kontinents . . . In Berlin argumentiert man heute nach den Mustern der neunziger Jahre: Man will nicht für die Europäer zahlen und bekräftigt den Grundsatz der Subsidiarität. Als ob nicht alle von der schwersten Finanzkrise seit achtzig Jahren betroffen wären." FAZ 2008/10/08 Vater Staat. kA Reinhard Müller Politik Kommentar BRD Seite 1 Leitartikel Vater Staat. Von Reinhard Müller. In der Krise schlüpft der Staat wieder in seine altbekannte Rolle als Hüter des Gemeinwohls. Er kann's nicht. Dieses harte Urteil wurde bis vor kurzem noch über den Staat gefällt. Er kann nicht wirtschaften, Private können alles besser. Die Lösung lag auf der Hand: Nicht nur Post und Bahn müssen privatisiert werden, sondern auch Gefängnisse, Gerichtsvollzieher und sogar die Sicherheit. Besser und billiger - mit diesen Schlagworten brachten selbst Staatsgläubige die öffentliche Hand und ihre Betriebe nicht mehr in Verbindung. Das Dogma lautete: Liberalisierung und Deregulierung. Das geschah freilich nicht nur aus Glaubensgründen, sondern auch aus Sparsamkeit. Und tatsächlich: Privatisierung und Wettbewerb brachten dem Bürger durchaus Vorteile. Man denke nur an die heute unzweifelhaft günstiger gewordenen Telefongebühren. Doch wie hat sich die Lage geändert? Der Staat soll auf einmal nicht mehr nur die klassischen Feuerwehraufgaben "retten, löschen, bergen" übernehmen. Die einstigen Prediger einer radikalen Marktideologie rufen nach Bürgschaften, Garantien, Verstaatlichung - auch in den Vereinigten Staaten von Amerika. Und als im Mai sogar der Bundespräsident und ehemalige Präsident des Internationalen Währungsfonds die Weltfinanzmärkte als "Monster" geißelte, klang das wie ein Hilfeschrei von höchster Stelle - wie ein Ruf nicht nur nach staatlicher Aufsicht, sondern nach der Staatsanwaltschaft. Dabei ist es nichts Neues, dass der Staat nicht alles schlecht macht und Private nicht alles besser können. Privatisierungsversuche im Strafvollzug oder bei der Bundeswehr lieferten schon mehrfach auch Beispiele mit negativem Ausgang. Die Wäscherei eines Gefängnisses oder die Logistik der Bundeswehr mag man ausgliedern. Doch überwiegen die Kostenvorteile (schon die sind umstritten) die Nachteile für das Gemeinwesen? Gerade wenn es nicht gut läuft, in Zeiten der Not, ist es umso wichtiger, dass bestimmte Güter für alle zur Verfügung stehen. Nicht zuletzt der Blick auf den schnellen Euro hat auch die öffentliche Hand dazu verführt, Partnerschaften mit der Privatwirtschaft einzugehen. Sie ist sogar dazu verpflichtet, ständig zu überprüfen, wie sie ihren Aufgaben, auch der Gewährleistung wichtiger Güter, am besten nachkommen kann. Das darf aber nicht geschehen, indem der Staat vor allem die Risiken übernimmt. In der Finanzkrise schlüpft nun der Staat wieder in seine altbekannte Rolle als Hüter des Gemeinwohls. Nicht nur Sozialisten erinnern sich an gar nicht so entlegene Vorschriften des Grundgesetzes: Es gewährleistet das Eigentum, erlegt aber auch die Pflicht auf, "sein Gebrauch soll zugleich dem Wohl der Allgemeinheit dienen". Zu diesem Zweck darf der Staat sogar (gegen Entschädigung) enteignen. Kein Recht ohne Pflicht. Ja, Grund, Boden und Produktionsmittel können "zum Zweck der Vergesellschaftung" in Gemeineigentum überführt werden. Das mag man als vollkommen überholt ansehen. Doch die Vorschrift, deren Streichung bisher kaum ernsthaft gefordert wurde, verdeutlicht nicht nur die Lage nach dem Zweiten Weltkrieg - nach dem Ersten war es ähnlich -, sie zeigt ebenso wie ähnliche Normen in Landesverfassungen, welche Gestaltungsfreiheit der Gesetzgeber hat. Und erinnert nicht diese Finanzkrise an jene große zwischen den Kriegen? Die von der Bundesregierung ausgesprochene "Garantie" für die Sparer zeigt Vater Staat in seiner ganzen Güte. Keine Panik, lautet die Botschaft an die so sensiblen Märkte und Bürger im Sparer- und Sparkassenland Deutschland. Der Markt selbst kann womöglich manches, aber offenbar kein Vertrauen herstellen. Die neue Liebe zum Staat ist auch eine zur Regulierung. Das Wort hatte bis vor kurzem noch einen üblen Klang, etwa wie Strangulierung. Nun ist eine stärkere, gerade auch internationale Kontrolle des Finanzsektors wieder in aller Munde. Das birgt zweifellos auch Gefahren, ist aber verständlich angesichts der bisherigen Tendenz, Gewinne zu individualisieren, Verluste aber zu sozialisieren. Dass Abgesänge auf den Staat verfrüht sind, zeigt zudem die europäische Dimension der Bankenkrise. Auch von Brüssel aus ist sie nicht zu beherrschen. Offenbar kann am ehesten noch die jeweilige Regierung ihre Bürger beruhigen. Nur sie ist ihnen verantwortlich. Von den unmittelbar demokratisch legitimierten Organen wird Hilfe erwartet - und gewährt. Das ist kein Widerspruch zur europäischen Integration, sondern kennzeichnet ihren derzeitigen Stand. Genauso schließen sich Marktwirtschaft und Privatisierung auf der einen sowie Aufsicht und Regulierung auf der anderen Seite nicht gegenseitig aus. Sie bedingen sogar einander. Die Macht transnationaler Unternehmen und Spekulanten ist sehr groß. Sie kann offenbar ganze Gemeinwesen an den Abgrund bringen. Man will sich kaum ausmalen, was der Zusammenbruch des Zahlungsverkehrs für die öffentliche Ordnung bedeuten würde. Das Debakel zeigt aber auch, wer das letzte Wort hat. Transaktionen, Spekulationen und Blasen sind Erscheinungen staatlich gesetzter Ordnungen. Es muss nun nicht alles in Frage gestellt werden. Aber die Staaten müssen ihre Monster wieder einfangen. FAZ 2008/10/08 Frankreich empört über deutschen "Alleingang". kA mic. Politik Bericht Frankreich; BRD Seite 2 kA Frankreich empört über deutschen "Alleingang". mic. PARIS, 7. Oktober. In Frankreich wächst der Unmut über das Krisenmanagement der Bundesregierung in der Finanzkrise, das als nationaler Alleingang wider europäische Interessen wahrgenommen wird. Den Vertrauensverlust an den europäischen Börsenplätzen führte der Unternehmensberater, Essayist und frühere Aufsichtsratsvorsitzende von "Le Monde", Alain Minc, am Dienstagmorgen auf eine "verfehlte Strategie" von Bundeskanzlerin Merkel zurück. "Die Deutschen sind schuld!", sagte Minc im französischen Privatsender RTL (dessen Mehrheitseigner die deutsche Bertelsmann AG ist). Minc, eine der schillernden Persönlichkeiten im französischen Wirtschaftsleben, der auch Präsident Sarkozy berät, begründete die Nervosität an den Börsen mit der Enttäuschung über das deutsche Veto gegen einen europäischen Schutzschirm für den Bankensektor. "Normalerweise sagen wir immer: Die Franzosen sind schuld. Aber ein so föderalistisch gesinnter Europäer wie ich darf auch einmal sagen: Die Deutschen sind schuld", erläuterte Minc. "Angela Merkel hat einen Fehler begangen: Sie hat vergessen, dass das deutsche Bankensystem das schwächste in Europa ist", sagte der Berater, der etwa die Fusion zwischen den Energiekonzernen Suez und Gaz de France angebahnt hatte. Frau Merkel habe sich für einen nationalen Alleingang entschieden, doch sei fraglich, ob diese Position dauerhaft zu halten sei. Die Kritik Mincs fügt sich ein in eine Serie von Kommentaren in Zeitungen wie "Le Figaro", "Le Monde" oder "Libération" am Dienstag, in denen das mangelnde europäische Denken in der Führungsriege der stärksten Wirtschaftsmacht der Eurozone beklagt wird. Auch wenn überall vermerkt wird, dass Sarkozy es vielleicht an diplomatischem Takt mangeln lasse, habe der derzeitige EU-Ratspräsident mit dem G-4-Treffen in Paris zumindest versucht, eine europäische Antwort auf die Finanzkrise zu finden. Es wird auch erinnert an den Brief Sarkozys, den er im August 2007 an die damalige G-8-Vorsitzende Merkel schrieb, mit der Bitte, konzertiert auf die Finanzkrise zu reagieren. Doch habe die Bundeskanzlerin vorgezogen, die Entwicklung abzuwarten. Auch jetzt habe die Bundesregierung jeglichen Versuch einer "Europäisierung der Risiken" vereitelt. Das Vertrauen in die politische Handlungsfähigkeit in der Euro-Zone sei damit weiter gesunken. "Ungeniertes Deutschland" betitelte "Le Monde" einen Leitartikel, der der Bundesregierung ein "Denkschema aus den neunziger Jahren" nachsagt. Die unerwartete Schwäche des deutschen Bankensystems gefährde "das gesamte Finanzsystem auf dem alten Kontinent". Deutschland nehme nach seinen Reformen den Rang als internationale wirtschaftliche Großmacht wieder ein, der ihm aber auch Verantwortung auflade. "Doch leider scheint Deutschland nicht bereit, diese Verantwortung tragen zu wollen." Der "Figaro" weist darauf hin, dass die Bundeskanzlerin, kurz nachdem sie die irische Regierung für ihre nationale Einlagensicherung gerügt hatte, eine ebenso isolierte Garantie für die deutschen Sparer und Kontoinhaber aussprach - ohne jegliche Koordinierung mit den EU-Partnern. Die kurzfristige Absage des deutschen Finanzministers Steinbrück, am Treffen der Finanzminister der Euro-Zone und am Dienstag am Ecofin-Treffen aller 27 teilzunehmen, wird in Paris als weiteres Zeichen für eine Missachtung der europäischen Schicksalsgemeinschaft gewertet. "Libération" kritisiert unter der Überschrift "Merkel: 180 Grad Kehrtwende", dass Deutschland jetzt Irland nachahme, um seine Sparer in Sicherheit zu wiegen. Von einem gesamteuropäischen Geist sei wenig zu spüren. FAZ 2008/10/08 Mit Unternehmergeist gegen die Finanzkrise. DFL will in Eigenregie neue Geschäftsfelder gewinnbringend bestellen. Akzeptanz bei den Vereinen wächst. Roland Zorn Sport Bericht BRD Seite 30 kA Mit Unternehmergeist gegen die Finanzkrise. DFL will in Eigenregie neue Geschäftsfelder gewinnbringend bestellen. Akzeptanz bei den Vereinen wächst. FRANKFURT. Die Zeiten, da die Deutsche Fußball-Liga (DFL) als eine Art Ligasekretariat in einem schmuckeren Gewand angesehen wurde, sind Vergangenheit. Gleichwohl ist die unternehmerische Potenz der Frankfurter Geschäfts- und Servicezentrale der 36 Erst- und Zweitligaklubs noch längst nicht ins Bewusstsein aller Vereine oder gar der Öffentlichkeit gedrungen wie etwa die Strahlkraft der englischen Premier League. Sie ist neben der Qualität ihrer Spitzenklubs längst zu einer eigenen, faszinierenden Marke geworden. Die Bundesliga ist sportlich weit von der Premier League entfernt und holt auf anderen Geschäftsfeldern frühere Versäumnisse erst allmählich auf. Die DFL ist inzwischen wenigstens dabei, zukunftsweisende Marktstrategien in bare Münze umzuwandeln. So hat sie 2006 die längst profitable Kölner Produktionsfirma Sportcast gegründet, ein hundertprozentiges Tochterunternehmen wie die jüngst aus der Taufe gehobene Vermarktungsfirma DFL Sports Enterprises. Ein erster sichtbarer Beleg für die daran geknüpften Hoffnungen auf Rentabilität sind die wachsenden Erlöse bei der Auslandsvermarktung von zuletzt 18,27 Millionen auf die nunmehr realistisch anmutenden 35 Millionen Euro per annum. "Wir wollen", sagt Christian Seifert, der Vorsitzende der DFL-Geschäftsführung, "die Erlöse und die Qualität des Produkts Bundesliga weiter steigern. Wir haben uns hohe Ziele gesteckt und erwarten in den kommenden drei Jahren 105 Millionen plus x, denn immerhin gehen 96 Prozent dieser Einnahmen direkt an die Klubs. Damit wollen wir dafür sorgen, dass die Bundesliga auch noch in fünf oder sechs Jahren auf einem vernünftigen Fundament steht." Wurde die bis zum Ende der vergangenen Saison erreichte Marke noch vom Wettanbieter Bwin als Vermarktungspartner der Liga garantiert, soll Sports Enterprises in DFL-Eigenregie bis einschließlich der Spielzeit 2010/11 die anvisierten 105 Millionen Euro aus der Auslandsvermarktung einspielen. 63,2 Millionen Euro sind aufgrund neu geschlossener Verträge schon sicher. "Wenn wir etwas machen, machen wir es konsequent", sagte Seifert am Dienstag, als er die neue Gesellschaft gemeinsam mit deren Geschäftsführern Robert Niemann und Jörg Daubitzer vorstellte. Produktion aus einer Hand, Vermarktung in eigener Regie: Die DFL stärkt in diesen Wochen der internationalen Finanzkrise ihre Selbständigkeit, nachdem der ursprünglich geschlossene Fernsehdeal mit der Firma Sirius des Medienunternehmers Leo Kirch nach einer Intervention des Bundeskartellamts geplatzt ist. Seifert nutzte die Gelegenheit, auch gegenüber manchem Vereinsvertreter deutlich zu machen, dass die Spiele der Bundesliga in vollen Stadien "nur ein Teil des Produkts sind, bei dem anderen Teil schauen jedes Wochenende zehn Millionen Menschen zu". Das "Erschließen von Geschäftsfeldern entlang der Wertschöpfungskette von Sportrechten" haben sich die DFL-Unternehmen, zu denen auch die Reiseagentur Liga Travel (zu 51 Prozent in DFL-Besitz) gehört, vorgenommen. Den unternehmerischen Spielraum der DFL zu erweitern ist in wirtschaftlich schwierigen Zeiten eine Aufgabe, die auch die Solidarität der Klubs erfordert. Da 11 der 36 Ligavereine in den Gremien des Profifußballs mitarbeiten, ist das Verständnis für die Ziele der DFL gewachsen. Von dem, was die DFL jährlich für die Klubs erlöst, profitiert sie selbst am wenigsten. Der operativen Einheit der Fußball-Bundesliga bleibt davon nur ein Prozent. An diesem Verteilerschlüssel, orientiert an der klassischen Verbandsabgabe, möchten Seifert und seine Mitstreiter etwas verändern. Wer ein aufwendiges Ligamagazin fertigen lässt, eine in 140 Länder ausgestrahlte Magazinsendung ("Goal") und eine Highlight-Show der Bundesliga neben einem Newsletter produziert, braucht wohl größere Eigenmittel für die alltägliche Arbeit. "Die DFL", sagt Seifert voraus, "wird zunehmend auf Augenhöhe mit den Vereinen agieren." Zu den Zielen, die sie in ihrem Ehrgeiz anpeilt, gehört die Einführung eines einheitlichen Ligaballs, die Neuvergabe der Trikotärmelwerbung, eine partielle Zentralvermarktung der Banden in der Bundesliga sowie das Thema Ligasponsor. Seifert sagt, dass der größte Teil der Liga mitziehe bei der Erweiterung der unternehmerischen Basis der DFL. "Die Skepsis gegenüber der - in der Premier League üblichen - Gruppenvermarktung nimmt ab." Stolz fügte er hinzu: "Wir zeigen Ergebnisse und machen aus dem, was da ist, zunehmend mehr." Bei allem Optimismus in Sachen Auslandsvermarktung, die Vergabe der Bundesligarechte auf dem inländischen Markt - immer noch die wichtigste Einnahmequelle der Vereine - verspricht auf den ersten Blick nicht vergleichbare Wachstumspotentiale, zumal der bewährte Premium- und Pay-TV-Partner Premiere in die Verlustzone geraten ist, die Abonnentenzahl nach unten korrigierte (auf 2,4 Millionen) und einen zuletzt halbierten Börsenkurs verkraften muss. Ende Oktober wird neu ausgeschrieben, nachdem der Vertrag mit Sirius, der für sechs Jahre Fernseherlöse von durchschnittlich 500 Millionen Euro per annum versprochen hatte, aufgelöst wurde. Seifert wurde in dieser Frage am Dienstag nicht konkret und sprach lediglich von "attraktiven Paketen". Wären sie es nicht, die Hoffnung auf eine Fortschreibung des Status quo (409 Millionen Euro pro Jahr) käme einer Illusion gleich. ROLAND ZORN FAZ 2008/10/08 Finanzkrise belastet Kurse in Lateinamerika. Brasilianischer Bovespa verliert 15 Prozent. Argentinien macht neues Anleihe-Angebot. jul. Finanzmärkte und Geldanlage Bericht Lateinamerika Seite 20 kA Finanzkrise belastet Kurse in Lateinamerika. Brasilianischer Bovespa verliert 15 Prozent. Argentinien macht neues Anleihe-Angebot. jul. FRANKFURT, 7. Oktober. Auch Lateinamerika bleibt von dem neuerlichen Aufflammen der Krise nicht verschont. Zum zweiten Mal innerhalb einer Woche wurde die Region von der Panik an den Finanzmärkten erfasst. An der Börse von Buenos Aires sackte der Merval-Index am Montag zeitweise um mehr als 11 Prozent ab. Noch größer waren die Turbulenzen im brasilianischen São Paulo: Dort stürzte der Leitindex Bovespa sogar um 15 Prozent in die Tiefe. Zu Börsenschluss betrugen die Verluste der Aktionäre an Südamerikas größten Finanzplätzen im Durchschnitt 5,9 beziehungsweise 5,5 Prozent. Schon im September und Anfang Oktober haben Aktien- und Anleihemärkte deutliche Verluste verkraften müssen, da die Krise zu einer höheren Risikoaversion der Anleger geführt hat. "Diese Kursverluste sind deutlich überzogen", meint jedoch Heinz Mewes, Herausgeber des Finanzmarkt-Monitors und früherer Chefvolkswirt der Dresdner Bank Lateinamerika. Die brasilianischen Banken seien von der Hypothekenkrise in den Vereinigten Staaten überhaupt nicht betroffen, und außerdem stehe die Wirtschaft des größten Landes Lateinamerikas auf einem soliden Fundament. Die negative Stimmung beeinträchtigt auch den Kurs der brasilianischen Währung. Den Real belastet, dass immer mehr Investoren in sichere Anlagen flüchten. Seit Anfang September verlor die Währung 14 Prozent gegenüber dem Dollar. Auch der argentinische Anleihemarkt ist in Bewegung. Staatspräsidentin Kirchner hatte vor einem Monat angekündigt zu prüfen, ob das Umschuldungsangebot aus dem Jahre 2005 für nicht umgeschuldete Teile der Anleiheverbindlichkeiten abermals geöffnet werden soll. Gläubiger, die das Umschuldungsangebot vor drei Jahren nicht akzeptiert hatten, die sogenannten "Holdouts", halten Anleihen in Höhe von rund 20 Milliarden Dollar. Die auf diese Anleihen nicht gezahlten Zinsen dürften mittlerweile etwa 9 Milliarden Dollar betragen. Doch die Finanzkrise hat auch immer mehr Auswirkungen auf die Realwirtschaft in Lateinamerika. Schon seit Monaten haben die meisten Zentralbanken einen restriktiven Kurs eingeschlagen, um die Inflation unter Kontrolle zu bringen. Die hohen Leitzinsen bleiben für die Konjunktur nicht ohne Folgen. Dass das Gespenst der Inflation zudem trotz sinkender Rohstoffpreise noch nicht gebannt ist, beweist ein Blick nach Brasilien. Im September sind die Konsumentenpreise weiter leicht gestiegen. Für das laufende ebenso wie für das kommende Jahr geht die brasilianische Zentralbank von einer erhöhten Inflationsrate aus - kein Zeichen dafür, dass die Notenbank den Leitzinssatz von 13 Prozent allzu bald senken wird. In Mexiko hingegen hat sich die Preisentwicklung unterdessen verlangsamt, was vor allem auf einen geringeren Anstieg der Agrarpreise zurückzuführen ist. Von Analysten wird unter diesen Umständen eine Beibehaltung des Leitzinses bei 8,25 Prozent erwartet. Eine Erhöhung würde Mexikos Konjunktur zu sehr schwächen, die ohnehin schon hart von der Wachstumsschwäche in den Vereinigten Staaten getroffen wird. Dabei leiden nicht alle Länder Lateinamerikas gleichmäßig unter der Abschwächung der amerikanischen Konjunktur. Während Mexiko, Kolumbien sowie die anderen zentralamerikanischen Länder eng mit der amerikanischen Wirtschaft verflochten sind, pflegen Brasilien und Argentinien engere Wirtschaftsbeziehungen zu Europa. Peru und Chile sind hingegen vor allem von der Rohstoffnachfrage in Asien abhängig.r nicht ohne Folgen. FAZ 2008/10/08 Der Devisenmarktbericht. Euro im Krisenstrudel. CLAUS TIGGE Finanzmarkt Bericht EU Seite 20 Devisenmarktbericht Der Devisenmarktbericht. Euro im Krisenstrudel. Mit großer Wucht ist die Finanzkrise nun auch in Europa angekommen, die Rezessionsangst hat die Finanzmarktakteure gepackt. Die europäische Gemeinschaftswährung Euro hat unter diesem Eindruck in den vergangenen Tagen ganz erheblich an Wert verloren. Rund 1,36 Dollar, 7 amerikanische Cent weniger als noch vor einer Woche, müssen derzeit für einen Euro bezahlt werden; am Montag waren Kurse um 1,35 Dollar je Euro genannt worden, so wenig wie zuletzt vor etwas mehr als einem Jahr. Das Geschehen, auch auf den Währungsmärkten, ist in diesen Tagen wahrlich nichts für schwache Nerven. Die Erfolgsaussichten der verschiedenen Rettungspakete, die diesseits und jenseits des Atlantiks geschnürt werden, sind noch ungewiss. Sicher ist hingegen, dass die wirtschaftlichen Schwierigkeiten hüben und drüben nicht allein dadurch aus dem Weg geschafft werden, dass das Finanzsystem auf Kosten der Steuerzahler vor noch größerem Schaden bewahrt wird. Die beteiligten Notenbanken, hier die Europäische Zentralbank (EZB), dort die Federal Reserve (Fed), erwägen offenbar Zinssenkungen in der Hoffnung, den Konjunkturabschwung zu bremsen. Jedenfalls hat EZB-Präsident Jean-Claude Trichet die Tür zu einer Lockerung der Geldpolitik kürzlich aufgestoßen, und auf dem amerikanischen Markt halten sich hartnäckig Gerüchte, die Fed werde spätestens Ende Oktober den Leitzins von 2 auf 1,5 Prozent senken. Dem Euro macht die Zinsdiskussion derzeit mehr zu schaffen als dem Dollar, was vermutlich auch daran liegt, dass es sich bei der EZB um eine deutlichere Kursänderung handelt als bei der Fed. Immerhin hat die EZB noch im Sommer den Zins angehoben, um dem Inflationsrisiko zu begegnen. Ralf Umlauf von der Helaba in Frankfurt hat noch eine andere Erklärung für die Euro-Schwäche anzubieten, die ebenfalls plausibel klingt: "Amerikanische Finanzmarktakteure sind gezwungen, ausländische Vermögenswerte abzustoßen, um die Liquiditätsklemme auf dem heimischen Dollar-Markt zu linden." Darauf deuteten die extrem hohen Zinssätze auf dem Dollar-Geldmarkt hin. "Die Dollar-Stärke liegt auch in der Repatriierung von Auslandsvermögen begründet, ungeachtet der schwachen Fundamentaldaten der amerikanischen Wirtschaft und der aufkommenden Zinssenkungserwartungen auch für die Fed", kommentiert Umlauf das Marktgeschehen. Der Devisenfachmann rechnet damit, dass der Euro noch eine Weile unter Druck stehen wird, nicht zuletzt deshalb, weil die europäische Währung auch charttechnisch angeschlagen sei. "Die entscheidende Bewegung war der Bruch von 1,3830 Dollar je Euro. Damit wurde der langfristige Aufwärtstrend des Euro beendet, der seit November 2005 bestand", sagt auch Roberto Mialich von der HVB in Mailand. Seiner Einschätzung nach wird der Euro noch eine Weile unter Druck stehen, doch einen lange dauernden, einseitigen Trend zu Lasten des Euro befürchtet Mialich nicht. Sofern kein weiterer signifikanter zusätzlicher Rettungsbedarf bei einem europäischen Finanzinstitut bestehe, sollte sich der Euro langsam wieder der Marke von 1,40 Dollar nähern, meint der Währungsexperte. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, hat einen Blick in die Geschichte geworfen und kommt zu dem Schluss: "Bankenkrisen müssen die Währung des betroffenen Landes nicht unbedingt in Mitleidenschaft ziehen, entscheidend ist die erwartete Entwicklung von Zinsen und Konjunktur." Krämer hat sich sowohl die amerikanische Bankenkrise 1988 als auch jene in Finnland und Schweden (1991) und jene in Japan (von 1997 an) angeschaut. "Es erscheint danach sinnvoll, auch in Krisenzeiten die Wechselkursprognose an der Einschätzung zu Zinsen und Wachstum auszurichten. Und diese sprechen für einen stärkeren Dollar", meint der Ökonom. Die EZB werde den Leitzins 2009 wohl kontinuierlich senken, die Fed hingegen werde vom dritten Quartal an die Geldpolitik sogar straffen. "In den nächsten Monaten dürfte der Wechselkurs um das aktuelle Niveau schwanken. Auf mittlere Sicht aber ist mit einer Dollar-Aufwertung zu rechnen, die den Kurs bis Ende 2009 auf rund 1,25 Dollar je Euro bringen dürfte", meint Krämer. CLAUS TIGGE FAZ 2008/10/08 Prognosen für Amerikas Unternehmen fallen. Bank of America eröffnet die Bilanzsaison der Wall Street mit schwachen Ergebnissen. Die Finanzdienstleister dürften im dritten Quartal abermals die schwächste Branche im S&P 500 werden. Aber auch konjunkturabhängige Konsumaktien stehen unter Druck. nks. Finanzmarkt Bericht USA Seite 19 kA Prognosen für Amerikas Unternehmen fallen. Bank of America eröffnet die Bilanzsaison der Wall Street mit schwachen Ergebnissen. Die Finanzdienstleister dürften im dritten Quartal abermals die schwächste Branche im S&P 500 werden. Aber auch konjunkturabhängige Konsumaktien stehen unter Druck. nks. NEW YORK, 7. Oktober. Analysten an der Wall Street haben angesichts der anhaltenden Finanzkrise und der Kurseinbrüche an den Börsen die Gewinnprognosen für amerikanische Unternehmen deutlich zurückgenommen. Zu Beginn der Berichtssaison für das dritte Quartal erwarten die Auguren einen durchschnittlichen Rückgang der Gewinne um 4,8 Prozent für die im breitgefassten Aktienindex S&P 500 abgebildeten Unternehmen. Das berichtet der Finanzinformationsdienst Thomson Reuters. Am Anfang des Quartals hatten Analysten noch mit einem Wachstum um 12,6 Prozent gerechnet. Allein in der vergangenen Woche wurden die Erwartungen um 3,1 Prozentpunkte gesenkt. Der Grund waren reduzierte Prognosen für Banken, die unter der Kreditkrise und der schwachen Konjunktur leiden. Auch die Prognosen für Ölkonzerne wurden reduziert. Analysten hatten wegen des wieder gefallenen Ölpreises die Erwartungen für Exxon Mobil, Conoco Phillips und Chevron von insgesamt hohem Niveau etwas zurückgenommen. "Die Bilanzsaison wird düster werden", glaubt Hugh Johnson, Chefanleger im Wertpapierhaus Johnson Illington Advisors. Obwohl einige Aktien mittlerweile unterbewertet erscheinen, werde die Angst der Börsianer für Zurückhaltung sorgen. "Es braucht eine Menge Mut und Geld, um sich in diesen Märkten zu engagieren", sagt Johnson. Der S&P 500 ist in diesem Jahr um 28 Prozent gefallen. Börsianer achten stark auf die Gewinne der Unternehmen, weil diese langfristig der wichtigste Indikator für die Entwicklung der Aktienkurse sind. Im Zentrum der Quartalssaison werden die Finanzwerte stehen. "Seit Beginn des Quartals kann der Rückgang der allgemeinen Wachstumsrate den rückläufigen Prognosen im Finanzsektor zugeschrieben werden", schreibt Analyst John Butters von Thomson Reuters. Analysten hatten viel zu früh auf eine Linderung der Krise gesetzt. Am Anfang des Quartals hatten sie mit einem Rückgang der Gewinne um nur 4 Prozent gerechnet. Dann folgten Ereignisse wie der Zusammenbruch von Lehman Brothers und die dramatische staatliche Rettungsaktion für den größten amerikanischen Versicherer AIG. Jetzt prognostizieren die Bilanzfachleute den Banken und Versicherungen einen Gewinneinbruch um drastische 68 Prozent. Aber auch diese Prognosen könnten noch zu optimistisch sein. Denn am Montag nach Börsenschluss enttäuschte die Bank of America die Börse mit schwächer als erwarteten Quartalszahlen. Marktteilnehmer werteten das als weiteres schlechtes Signal für die gesamte Branche. "Die Dinge stehen nicht gut für die Finanzunternehmen, das zeigt sich hier", sagte Lou Brian, Marktstratege beim Handelshaus DRW Trading. Die im Dow Jones enthaltene Bank of America hatte ihr Quartalsergebnis zwei Wochen früher als geplant vorgelegt. Traditionell gibt unter den Dow-Jones-Titeln der Aluminiumhersteller Alcoa den Startschuss zur Berichtssaison. Mit dem Ergebnis von Alcoa wurde am Dienstag nach Börsenschluss in New York gerechnet. Am Freitag dieser Woche steht noch der Quartalsbericht von General Electric (GE) an, bevor die Bilanzsaison in den Wochen danach ihren Höhepunkt erreicht. Der größte amerikanische Mischkonzern GE, der als Konjunkturindikator gilt, hatte jüngst seine Prognosen für das Quartal und das Gesamtjahr zurückgenommen. GE machte dafür eine "noch nicht dagewesene Schwäche und Schwankungen in den Finanzdienstleistungsmärkten" verantwortlich. GE betreibt eine große Finanzsparte. Die schwache Wirtschaftslage belastet auch das Geschäft der konjunkturabhängigen Konsumwerte. Für zyklische Konsumtitel rechnen Analysten mit einem Gewinnrückgang um 9 Prozent. Damit wären diese Unternehmen der zweitschwächste Bereich im S&P 500. Die Schlagzeilen über die Finanzkrise und das im Kongress verabschiedete Rettungspaket für die Banken scheinen in den vergangenen Wochen die Zurückhaltung der Verbraucher verstärkt zu haben. "Die fühlen sich alle arm", sagt Walter Loeb von der Beratungsgesellschaft Loeb Associates. Die Automobilbranche wird überdurchschnittlich zum erwarteten Gewinnrückgang beitragen. Amerikanische Automobilkonzerne leiden nicht nur unter allgemeiner Kaufunlust, sondern auch unter einer verfehlten Modellpolitik. Der Absatz der einst populären Geländewagen und Kleinlaster, die viel Benzin brauchen, ist wegen der insgesamt gestiegenen Treibstoffpreise eingebrochen. Die Benzinpreise sorgen aber trotz der jüngsten Korrektur immer noch für sprudelnde Gewinne der Ölkonzerne. Für die Energiebranche erwarten Analysten einen Gewinnzuwachs von 52 Prozent - der Energiesektor dürfte somit den stärksten Beitrag zum Gewinnwachstum im S&P 500 liefern. FAZ 2008/10/09 Die Verkaufszahlen von BMW brechen ein. kA theu. Unternehmen Meldung BRD Seite 18 kA Die Verkaufszahlen von BMW brechen ein. theu. MÜNCHEN, 8. Oktober. BMW bekommt immer stärker die Folgen der weltweiten Finanzkrise zu spüren. Im September brachen die Verkaufszahlen des Münchner Autobauers in den Vereinigten Staaten im Vorjahresvergleich um 26 Prozent auf 18506 Fahrzeuge ein. Nordamerika ist der wichtigste Absatzmarkt für den Autobauer. Weltweit verbuchte BMW vergangenen Monat ein Absatzminus von 15 Prozent auf 121621 Fahrzeuge. Damit fällt der Rückgang deutlich stärker aus als beim Stuttgarter Hauptkonkurrenten Daimler, der 2 Prozent weniger Autos verkaufte. In den ersten neun Monaten des Jahres kommt BMW noch auf einen um 1,7 Prozent auf rund 1,114 Millionen Autos der Marken BMW, Mini und Rolls-Royce gestiegenen Absatz. Der Hersteller hat ähnlich wie andere Autokonzerne Produktionsunterbrechungen angekündigt. FAZ 2008/10/09 Gewinn von Alcoa bricht ein. Niedrige Aluminiumpreise und eine schwache Nachfrage belasten Alcoa. Das Unternehmen hat sein Aktienrückkaufprogramm gestoppt. Die Zahlen dürften Signal für eine schlechte Quartalssaison sein. nks. Unternehmen Meldung USA Seite 17 kA Gewinn von Alcoa bricht ein. Niedrige Aluminiumpreise und eine schwache Nachfrage belasten Alcoa. Das Unternehmen hat sein Aktienrückkaufprogramm gestoppt. Die Zahlen dürften Signal für eine schlechte Quartalssaison sein. nks. NEW YORK, 8. Oktober. Die Finanzkrise und das nachlassende Wirtschaftswachstum wirken sich negativ auf die Ergebnisse von Rohstoffproduzenten aus. Der drittgrößte Aluminiumhersteller der Welt, die amerikanische Alcoa Inc. aus Pittsburgh, berichtete für das dritte Quartal einen Rückgang des Nettogewinns um 52 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Konzern begründete dies mit deutlich gefallenen Aluminiumpreisen, nachlassender Nachfrage und gestiegenen Kosten. Besonders hart wurden der Auto- und der Lastwagenmarkt getroffen. Auch der Flugzeugmarkt, für den die Aluminiumhersteller unter anderem Tragflächenteile produzieren, zeige Anzeichen von Abschwächung, teilte Alcoa mit. "Alle unsere nordamerikanischen Märkte werden zurückgehen", sagte Vorstandschef Klaus Kleinfeld. Niedrige Energiepreise und ein starker Dollarkurs könnten die negativen Trends aber etwas ausgleichen, hieß es. Der Konzern reagierte auf die schwachen Ergebnisse mit einer Aussetzung des Aktienrückkaufprogramms, um Kapital zu sparen. Aktienrückkäufe stützen in der Regel den Aktienkurs von Unternehmen. "Wir werden weiterhin auf die Abschwächung reagieren und aggressive Maßnahmen ergreifen, damit wir in einer guten Ausgangsposition sind, wenn sich der Markt wieder erholt", sagte Kleinfeld. Der Aktienkurs von Alcoa reagierte auf das Quartalsergebnis und das Ende der Rückkäufe im frühen Handel an der New Yorker Börse mit drastischen Abschlägen von fast 15 Prozent. Alcoa ist traditionell der erste Dow-Jones-Wert, der seine Quartalsergebnisse vorlegt. Anleger interpretieren das häufig als richtungsweisenden Auftakt für die Quartalssaison. Analysten rechnen für die im Aktienindex S&P 500 abgebildeten Unternehmen mittlerweile mit einem Gewinnrückgang um mehr als 5 Prozent. Insgesamt wies Alcoa einen Nettogewinn von 268 Millionen Dollar oder 33 Cent je Aktie aus. Der Umsatz ging um zwei Prozent auf 7,23 Milliarden Dollar zurück. Der Gewinn enttäuschte die Analysten an der Wall Street, die im Durchschnitt mit einem Überschuss von 50 Cent je Aktie gerechnet hatten. Nach Angaben von Kleinfeld rechnet Alcoa derzeit mit einem Wachstum der weltweiten Nachfrage nach Aluminium um 6 Prozent. Die erwartete Nachfragesteigerung aus China bezifferte Kleinfeld für 2008 auf 15 Prozent. Zuvor hatte Alcoa mit einem Wachstum um 22 Prozent kalkuliert. Zwar würde die Nachfrage aus Brasilien, dem Rest Asiens und Osteuropa weiter steigen. Das reiche aber nicht aus, um den Rückgang in den Vereinigten Staaten und anderen europäischen Ländern auszugleichen. Der Konzern hat seine Prognosen damit um 2 Prozentpunkte reduziert. Im Juli hatte Alcoa wegen der Schwäche der amerikanischen Autohersteller Entlassungen in Mexico und Honduras angekündigt. Analyst Mark Liinamaa von der Bank Morgan Stanley hatte schon vor dem Quartalsergebnis die Gewinnschätzungen reduziert. "Nachlassendes Wachstum, Risiken wegen der Finanzkrise und steigende Lagerbestände belasten den Aluminiummarkt", schrieb der Analyst. FAZ 2008/10/09 Russisches Hilfspaket verfehlt seine Wirkung. Aktienhandel wird bis Freitag eingestellt. gho. Unternehmen Bericht Russland Seite 14 kA Russisches Hilfspaket verfehlt seine Wirkung. Aktienhandel wird bis Freitag eingestellt. gho. MOSKAU, 8. Oktober. Die russische Finanzaufsicht hat am Mittwoch wieder zum schärfsten Mittel gegen den Kursverfall an den russischen Aktienmärkten gegriffen. Nachdem die Kurse des auf Dollar basierenden RTS-Indexes um 11,2 Prozent und des in Rubel denominierte Micex um 14,4 Prozent gefallen waren, wurde der ordentliche Aktienhandel eingestellt und gar bis Freitag ausgesetzt. Seit dem Rekordwert im Mai sind die Kurse an den russischen Aktienmärkten um knapp 70 Prozent gefallen. Offenbar hat die Ankündigung der russischen Regierung, russischen Großbanken Kredite in der Höhe von 36,4 Milliarden Dollar aus der Staatskasse zukommen zu lassen, ihre Wirkung verfehlt. Eines der ersten publik gewordenen "Opfer", die Investmentbank Kit Finance, hat nun - eher ungewöhnliche - Käufer gefunden. Der staatlich kontrollierte Diamantenproduzent Alrosa und die Russische Eisenbahn RSchD kaufen jeweils eine Beteiligung von 45 Prozent am Finanzinstitut. Kit Finance hatte Probleme, Verpflichtungen am kommerziellen Repo-Markt zu erfüllen. Zunächst war die Gesellschaft Lider, die den Pensionsfonds des Erdgaskonzerns Gasprom verwaltet, als Käufer im Gespräch. Trotz der starken Geldspritzen durch die Regierung und die Zentralbank sowie der Mobilisierung staatlicher Einheiten zur Rettung notleidender Finanzinstitute bauen die Banken lieber ein Liquiditätspolster auf, als ihr Kapital in Form von Krediten an andere Finanzinstitute oder Unternehmen weiterzugeben. Laut der Agentur Interfax sollen die Energieunternehmen Gasprom, Lukoil, Rosneft und TNK-BP bei der Regierung um Unterstützung bei der Finanzierung von "strategisch" wichtigen Investitionsprojekten angesucht haben. Dabei soll es sich vor allem um Umschuldungen von Krediten ausländischer Banken drehen. Mit rund 80 Milliarden Dollar stehen russische Energieunternehmen bei Instituten im Ausland in der Kreide. Insgesamt müssen russische Unternehmen bis Ende 2008 rund 45 Milliarden Dollar an ausländische Gläubiger zurückzahlen, bis Ende 2009 sind es weitere 120 Milliarden Dollar. Es wird von der Dauer und Tiefe der Finanzkrise abhängen, inwiefern auch bei diesen Schulden der russische Staat eingreifen wird. Russland ist zwar aufgrund seiner Petrodollars gut gerüstet, die Reserven dauern allerdings nicht ewig. Laut der Investmentbank Uralsib betragen die Bruttoschulden des russischen Staates und der russischen Unternehmen insgesamt mit gut 527 Milliarden Dollar mehr als die internationalen Reserven, was zuletzt im zweiten Quartal des Jahres 2007 der Fall war. Dies ist aber nur eine Momentaufnahme und die Einkünfte aus dem Erdölexport fließen ständig. Durch die Finanzkrise wird Russland aber noch abhängiger von einem einzigen Preis, der Erdölnotierung. In der vergangenen Zeit ist dieser jedoch auf ein Niveau von knapp über 80 Dollar je Fass (Marke Brent) gefallen. Das russische Finanzministerium hatte vor kurzem gesagt, dass ein ausgeglichener Haushalt im kommenden Jahr bis zu einem Erdölpreis von 70 Dollar erreicht werde. Die Legitimation der derzeitigen Führung beruht in großem Maße auf dem wirtschaftlichen Erfolg der vergangenen Jahre. Das Führungstandem Putin und Medwedjew muss nun auch in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten zeigen, ob der Aufstieg der russischen Wirtschaft nachhaltig ist. Die derzeitig vorgetragene Analyse, die Vereinigten Staaten seien an allem schuld, wird sich immer weniger aufrechterhalten lassen, je länger die vertiefte Krise in Russland anhält. Die russische Führung verweist gerne darauf, dass die "fundamentalen" Werte in Russland stimmen. Es werde weder eine Militarisierung der Wirtschaft noch zum Entstehen einer administrierten Ökonomie kommen, hatte Präsident Medwedjew noch Mitte September vor einer Zuhörerschaft von Großindustriellen gesagt, um Bedenken den Wind aus den Segeln zu nehmen. Ein Rückgang der Fahrzeugverkäufe und die Einfrierung von Projekten in der Immobilienbranche sind aber Vorzeichen einer wirtschaftlichen Verlangsamung. Dennoch erwartet der Internationale Währungsfonds für dieses Jahr ein Wirtschaftswachstum von 7 Prozent.reduziert. FAZ 2008/10/09 Kein zweites Island im Euro-Raum. Die Krise muss den Haushalt nicht in den Abgrund reißen. wmu. Wirtschaft Bericht EU Seite 13 kA Kein zweites Island im Euro-Raum. Die Krise muss den Haushalt nicht in den Abgrund reißen. wmu. BRÜSSEL, 8. Oktober. Weil derzeit alles möglich scheint, haben die Nachrichten über Islands drohenden Staatsbankrott Fragen aufgeworfen, die sich vor ein paar Tagen noch niemand vorstellen konnte: Kann die Bankenkrise Ähnliches auch in einzelnen Staaten des Euro-Raums bewirken? Welche Folgen hätte es für den Staatshaushalt, müsste ein Staat tatsächlich für eine "systemrelevante" Bank einstehen, wie es die EU-Finanzminister zugesagt haben? Und wie wäre die Währungsunion betroffen, für die die Maastrichter Regeln über Staatsdefizit und Neuverschuldung ja nicht ohne Hintergedanken ersonnen wurden? Einige Fragen lassen sich noch leicht beantworten. So sind sich die Fachleute einig, dass Island mit seiner extrem einseitigen Wirtschaftsstruktur und seinen global sehr expansiv tätigen Banken ein Sonderfall ist: Nirgendwo haben sich die Risiken, umgerechnet in staatliche Defizite je Einwohner, so kumuliert wie dort. Mit Irland gibt es aber auch im Euro-Raum einen Wackelkandidaten, weil sich dort viele Finanzinstitute angesiedelt haben. Müsste der irische Staat wirklich, wie versprochen, für eine Bank einspringen, überstiege dies wohl seine Möglichkeiten. Auch wenn es die EU-Finanzminister nur zwischen den Zeilen haben verlauten lassen: Wenn sie sich an ihre Selbstverpflichtung gebunden fühlen, keine "systemrelevante" Bank pleitegehen zu lassen, müssten sie den Iren notfalls doch unter die Arme greifen und es käme zu jener europäischen Lösung, die derzeit nicht offizielle EU-Beschlusslage ist. Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka-Bank, warnt vor allzu dramatischen Szenarien. "Erstens sind wir in Irland längst nicht so weit wie in Island. Zweitens, und das gilt für den Euro-Raum insgesamt: Der Staat, die Kreditwirtschaft und die Zentralbanken haben die Mittel, um im Notfall einzuspringen. Sie müssen das nur auch tun." Kater verweist darauf, dass das amerikanische 700-Milliarden-Dollar-Paket die Staatsschuld um etwa 6 Prozentpunkte des Bruttoinlandsprodukts (BIP) steigern werde. "Das ist weiß Gott nicht wenig, aber es ist verkraftbar. Um ähnliche Größenordnungen ginge es in Europa auch." Eine Gefährdung der Währungsunion könne er nicht erkennen. Und was wäre, wenn die Bundesregierung ernst machen müsste mit ihrer Garantie für alle Spareinlagen? Rechnet man die in Rede stehende, unvorstellbare Summe von 1000 Milliarden Euro auf die Kategorien des EU-Stabilitätspakts hoch, so kommt man auf Größenordnungen, die in diesem Kontext schon einmal aufgetaucht sind: Die Staatsschuld stiege von derzeit rund 60 Prozent des BIP um 40 Punkte auf etwa 100 Prozent. Das ist unvorstellbar viel, doch sind Italien und Belgien mit (anteilig) noch höheren Schulden in die Währungsunion gestartet. Nichts spricht dafür, dass ein großer Euro-Staat wie Deutschland derart in die Bredouille kommt. Nach Ansicht der Europäischen Kommission sind solche Zahlenspielereien auch unverantwortlich. Sie hat klargestellt, dass die Finanzkrise als "außergewöhnliches Ereignis" zu verstehen ist, das nach den reformierten Regeln des Pakts ein Überschreiten des Maastrichter Defizit-Referenzwerts von 3 Prozent des BIP ausnahmsweise gestattet - was auch eine Erhöhung der Staatsschuld über den Maastrichter Grenzwert von 60 Prozent impliziert. Welche Größenordnungen die EU-Behörde akzeptieren will, hat sie offengelassen. Über die 3 Prozent des BIP, mit denen nach einem bislang verworfenen Vorschlag der niederländischen Regierung die EU-Staaten einen Rettungsschirm finanzieren sollen, wird sie aber sicher nicht hinausgehen. FAZ 2008/10/09 "Ich hätte nie gedacht, dass wir das noch mal machen". Im Gespräch: Bo Lundgren, bis 1994 stellvertretender Finanzminister Schwedens und Manager der damaligen Bankenkrise. Stefan Ruhkamp; Sebastian Balzter Wirtschaft Interview global Seite 13 Im Gespräch "Ich hätte nie gedacht, dass wir das noch mal machen". Im Gespräch: Bo Lundgren, bis 1994 stellvertretender Finanzminister Schwedens und Manager der damaligen Bankenkrise. Schweden hatte schon in den neunziger Jahren eine Bankenkrise. Die Ursachen ähnelten denen der heutigen Krise: Billiges Geld und eine gelockerte Regulierung animierten zur Spekulation auf dem Immobilienmarkt. Als sich die Hauspreise halbierten, geriet das schwedische Bankensystem ins Taumeln. Die gute Nachricht: Es gibt ein Leben nach Verstaatlichung und Pleiten. Herr Lundgren, haben Sie angesichts der Finanzkrise ein Déjàvu? Ja, wirklich. Als ich neulich mit unseren Notenbank-Gouverneur Stefan Ingves sprach - er war während der schwedischen Bankenkrise Anfang der neunziger Jahre als einer meiner engsten Berater dabei und hat nun wieder die Märkte mit Liquidität unterstützt -, da sagte er: "Ich hätte nicht gedacht, dass wir das noch einmal machen müssen." Wir erleben etwas Ähnliches, aber in einer ganz anderen Größenordnung. Die Savings-and-loans-Krise der Amerikaner, die Krisen in Schweden und Finnland, das war auch schlimm, aber eben regional begrenzt. Kann man trotzdem aus der schwedischen Bankenkrise lernen? Klar, wir haben damals auch die amerikanischen Krise von 1933 studiert. Es gibt immer zwei große Probleme: Vertrauensverlust und mangelndes Kapital. Wir versuchten Lösungen zu finden, die für den Steuerzahler die Kosten begrenzen. Wie haben Sie das getan? Wir haben damit begonnen, die Notlagen der Banken Fall für Fall zu behandeln, so wie es die Amerikaner und Europäer derzeit tun. Wir hatten sieben große Banken in Schweden. Eine davon war eine Sparkasse, die zu schnell gewachsen war und sich auf Hypotheken konzentriert hat. Wir begannen damit, Garantien auszusprechen - nur für diese Bank, aus der später die Swedbank wurde. Dann gingen wir einen Schritt weiter. Der Staat war schon Mehrheitseigentümer an Nordbanken, aus der später Nordea wurde; der Staat hält immer noch rund 20 Prozent. Das machte es einfacher, dort eine "bad bank" für die notleidenden Kredite abzuspalten. Dann gab es eine weitere Schieflage bei der privaten Gota Bank. Wir wickelten sie geordnet ab, auch mit einer "bad bank". Die drei ersten Schieflagen wurden also einzeln behandelt. Doch dann verschärfte sich die Situation im September 1992, und wir garantierten alle Einlagen und Anleihen der schwedischen Banken. Das ist mehr, als die Deutschen heute bislang getan haben, aber weniger als die Iren, die ihre Garantie über mehre Jahre gegeben haben. Um wie viel Geld ging es? Rund 1800 Milliarden Kronen. Das entsprach etwa 120 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung Schwedens. Aber das war nicht der letzte Schritt. Nein. Zum selben Zeitpunkt haben wir ein Unterstützungspaket beschlossen, zu sehr harten Konditionen für die Banken. Wir sagten, alle können Unterstützung vom Staat bekommen. Das war zum Beispiel in einem Fall die Verpflichtung des Staates, bei Bedarf Kapital zu geben. Die Bank erhielt also eine Option, musste sie aber nicht in Anspruch nehmen. Bei der Swedbank und SEB dachten wir, wir müssten nationalisieren. Aber wir sagten ihnen, wenn wir Kapital geben, wollen wir einen unserem Anteil entsprechenden Einfluss. Das hat die Eigentümer dazu getrieben, eine private Lösung für die Kapitalerhöhung zu erreichen. Aber es gab auch Verstaatlichungen. Ja, in zwei Fällen. Wir verstaatlichten den Teil von Nordbanken, der noch nicht im Besitz der Regierung war. Außerdem verstaatlichten wir die mittelgroße Gota Bank aus Göteburg. Sie hatte 37,3 Prozent ihrer Kreditforderungen verloren. Und dieses schwarze Loch haben wir übernommen. Der später überlebende Teil dieser Bank ging in Nordea auf. Gab es weitere "bad banks"? Jede schwedische Bank hat eine eigene "bad bank" gegründet, für die Abwicklung ihrer faulen Kredite. Dadurch konnte sich das Management auf das gesunde Geschäft konzentrieren. War es schwierig für die damalige konservative schwedische Regierung, die Bankenrettung durchzusetzen? Populär war das nicht, wir haben die Wahlen 1994 verloren. Ich habe es selbst nicht gemocht. Ich bin ein Marktliberaler und Pragmatiker. Deshalb schätze ich eine kleine Regierung, die stark ist, wenn sie gebraucht wird. Wie nah war ein Bankenrun? Die Schweden vertrauen ihrer Regierung. Es war erstaunlich: Alles, was es brauchte, um die Situation zu stabilisieren, war, dass ich vor die Presse trat und sagte: Wir garantieren. Welche Schritte werden die Europäer nun als Nächstes gehen? Ich glaube, anders als in Amerika wird es keine gemeinsame europäische Lösung geben. Die EZB kann Liquidität bereitstellen, aber dann muss es nationale Lösungen geben. Wird es nach der Krise Reprivatisierungen geben? Wenn das Vertrauen wiederhergestellt ist, werden auch bald wieder private Investoren da sein. Die Staatsfonds haben ja schon zu Beginn der Krise gekauft. Das kann rasch gehen nach der Erholung, schon nach ein paar Jahren vielleicht. Was hat sich in der schwedischen Aufsicht und Regulierung geändert? Leider nicht viel. Unsere Notfallgesetzgebung, die 1992 verabschiedet wurde, wurden später mit dem Ende der Garantie kassiert. Später sollten Gesetze verabschiedet werden, die den Umgang mit Banken in einer Systemkrise regeln sollten, eine Art Notfallplan. Das geschah aber bislang nicht. Es hat sich also nichts geändert? Nicht in Regulierung und Aufsicht. Aber wir haben heute ein starkes Bankensystem, das hat mit Lehren aus der Krise zu tun. Die Notfallregeln sind zwar noch nicht verabschiedet, aber sie signalisieren den Eigentümern der Banken, dass sie in einer Krise zuerst getroffen werden. Das diszipliniert und macht risikoscheuer. Auch sonst hat sich diese Haltung durchgesetzt. Das Risikomanagement hat sich verbessert, und in der schwedischen Politik ist die Neigung, sich zu verschulden, viel geringer als in anderen Ländern. Wie teuer war die Rettung? Die Rekapitalisierung der Banken hat damals rund 7 Milliarden Euro gekostet, 4 Prozent der Wirtschaftsleistung. 1997 hatten sich die Werte erholt und damit die Kosten auf 2 Prozent reduziert. Kürzlich kam eine Studie zu dem Ergebnis, dass es einen kleinen Gewinn für den Staat gegeben hat. Vor allem aber haben wir heute ein widerstandsfähiges Bankensystem und eine Wirtschaft, die mit geringer Verschuldung gut arbeitet. Das ist eine Menge wert. Das Gespräch führten Stefan Ruhkamp und Sebastian Balzter. Bo Lundgren war von 1991 bis 1994 als stellvertretender Finanzminister einer der wichtigsten Akteure in Schwedens Bankenkrise. Seit 2004 ist er Generaldirektor der Finanzagentur Riksgälden. FAZ 2008/10/09 DIW warnt vor Panik. Bankenverband: Keine Anzeichen für weltweite Rezession. mmue. Wirtschaft Bericht BRD Seite 12 kA DIW warnt vor Panik. Bankenverband: Keine Anzeichen für weltweite Rezession. mmue. BERLIN, 8. Oktober. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat der Automobilindustrie vorgeworfen, vor der anstehenden Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie "Zweckdramatisierung" zu betreiben. DIW-Präsident Klaus Zimmermann reagierte damit am Mittwoch in Berlin auf die von BMW und Opel angekündigte Drosselung der Produktion. "Wir sollten vorsichtig sein, das, was aus einzelnen Branchen oder einzelnen Unternehmen berichtet wird, sofort mit der Finanzkrise in Verbindung zu bringen", fügte der DIW-Konjunkturexperte Stefan Kooths an. So gebe es in der Autoindustrie Schwierigkeiten, wie etwa eine verfehlte Modellpolitik der amerikanischen Produzenten oder bestehende Überkapazitäten in Europa, die mit der Finanzkrise nichts zu tun hätten. Das Berliner Institut warnte vor Panik. "Was derzeit an den Aktienmärkten passiert, ist Entertainment auf höchstem Niveau", betonte Zimmermann. Die Börse löse sich von Zeit zu Zeit von der realen Wirtschaft ab. In diesem Jahr rechnet das DIW mit einem Wachstum von 1,9 Prozent, im kommenden Jahr immer noch mit einem Plus von einem Prozent. Die Wirtschaftsforscher warnten - allerdings erfolglos - zudem die amerikanische Notenbank vor einer Zinssenkung. Denn die lockere Zinspolitik in den vergangenen Jahren sei die Keimzelle für die nun geplatzte Spekulationsblase an den amerikanischen Immobilienmärkten gewesen. "Alan Greenspan wird sicherlich nicht als der beste Notenbankpräsident in die Geschichte eingehen", sagte Zimmermann in Anspielung auf die Rolle des ehemaligen FED-Präsidenten. Fachleute werfen Greenspan vor, durch seine expansive Geldpolitik den Boden für die Spekulationsblasen bereitet zu haben. Dagegen sei die Inflationsrate im Euroraum, die derzeit noch deutlich über dem Zielwert der Europäischen Zentralbank (EBZ) von 2 Prozent liegt, nicht auf eine expansive Geldpolitik zurückzuführen, heißt es im Konjunkturbericht des DIW. Angesichts sinkender Nahrungsmittel- und Energiepreise habe die EZB die Möglichkeit, die Zinsen zu senken. Zudem sieht das DIW keine Anzeichen für eine Kreditklemme in Deutschland. Da die Unternehmen in den vergangenen Monaten ihre Eigenkapitalbasis gestärkt hätten, seien Kredite an die Betriebe für die Banken ein "relativ gutes Geschäft", sagte Dorothea Schäfer vom DIW. Pessimistischer fiel die Prognose des Bundesverbands Deutscher Banken aus. Die deutsche Wirtschaft werde in der zweiten Hälfte dieses Jahres stagnieren und sich 2009 wieder etwas erholen, teilte der Verband mit. Ein noch stärkerer Einbruch sollte durch die zurückgehenden Inflationsraten verhindert werden. Für das kommende Jahr sei dann mit einem Wachstum von 0,5 Prozent zu rechnen. Noch Ende Juli hatte der Bankenverband für 2009 ein Wachstum zwischen 1,0 und 1,5 Prozent prognostiziert. Allerdings sei trotz der eingetrübten weltwirtschaftlichen Perspektiven keine weltweite Rezession zu befürchten, schränkte der geschäftsführende Vorstand des Verbandes, Manfred Weber, ein. Große Bedeutung misst er den in Amerika und Europa eingeleiteten Stützungsmaßnahmen für die Finanzbranche bei. "Sie sollten dazu beitragen, dass es nicht zu einer Ausweitung der Krise mit abrupten realwirtschaftlichen Folgen kommt", sagte Weber. FAZ 2008/10/09 IWF sieht Weltwirtschaft am Rand des Abgrunds. Die schlimmsten Folgen der Finanzkrise kommen erst noch, warnt der Internationale Währungsfonds. Eine schnelle Erholung sei nicht in Sicht. ctg. Wirtschaft Bericht global Seite 12 kA IWF sieht Weltwirtschaft am Rand des Abgrunds. Die schlimmsten Folgen der Finanzkrise kommen erst noch, warnt der Internationale Währungsfonds. Eine schnelle Erholung sei nicht in Sicht. ctg. WASHINGTON, 8. Oktober. Die globale Finanzkrise treibt die Weltwirtschaft an den Abgrund. Zu dieser Einschätzung gelangt der Internationale Währungsfonds (IWF) in seinem aktuellen Bericht zur Lage der Weltwirtschaft, der kurz vor der Jahrestagung von IWF und Weltbank am Wochenende in Washington veröffentlicht wurde. Die Volkswirtschaften einer Reihe von Industrieländern werden demnach in der nächsten Zeit kaum noch wachsen, einige sogar in eine Rezession gleiten. Hoffnung auf eine rasche Erholung besteht kaum, denn die Turbulenzen im Finanzsystem dürften noch geraume Zeit fortbestehen. "Die Finanzkrise ist in den vergangenen Wochen immer schlimmer geworden. Mit voller Wucht wird das aber erst noch auf die Realwirtschaft durchschlagen", warnte Olivier Blanchard, Chefvolkswirt des IWF bei der Vorstellung des Berichts am Mittwoch. Es bestehe kein Zweifel mehr, dass die Weltwirtschaft sich in einem ganz massiven Konjunkturabschwung befinde. Die Krise auf den Finanzmärkten sei so schlimm wie seit der Großen Depression in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts nicht mehr. Die Funktionsfähigkeit des Finanzsystems hänge vom gegenseitigen Vertrauen der Marktakteure ab: "Ich leihe dir Geld, wenn ich einigermaßen sicher sein kann, dass du es mir später zurückbezahlst. Dieses Vertrauen ist praktisch völlig verlorengegangen." Die Rettungsmaßnahmen, die in Amerika und anderen Ländern ergriffen worden seien, würden die Krise zwar vermutlich eindämmen können, sagte Blanchard. Aber es werde noch eine Weile dauern, bis das Vertrauen wiederhergestellt sei und damit die Kreditvergabe wieder in Gang komme. Darum rechnet der IWF auch nur mit einer ungewöhnlich langsamen Konjunkturerholung in vielen Industrieländern, die frühestens in der zweiten Hälfte des kommenden Jahres einsetzen werde. Die Ökonomen des IWF haben für sämtliche Länder die Wachstumsprognosen für 2009 gesenkt, mitunter sogar ganz erheblich. Amerika, die größte Volkswirtschaft der Welt, hat sich bisher verhältnismäßig gut geschlagen, unter anderem wegen der kräftigen Zinssenkungen, des schwachen Doller und eines Konjunkturpakets, das früher in diesem Jahr beschlossen wurde und den Konsum vorübergehend beflügelt hat. Für 2009 erwartet der IWF aber eine Stagnation in den Vereinigten Staaten, ebenso wie für Deutschland, die größte Volkswirtschaft des Euro-Raums. Für Italien und Spanien befürchtet der Fonds sogar ein Schrumpfen des Bruttoinlandsprodukts, und auch die britische Wirtschaft dürfte 2009 weniger leisten als noch in diesem Jahr. Als positiv nennt der Fonds die Stabilisierung zahlreicher Rohstoffpreise seit dem Sommer, wenngleich deren Niveau immer noch recht hoch sei. Dies verringere aber den Inflationsdruck. Als einen der wichtigsten Übertragungskanäle vom Finanzsystem zur Realwirtschaft nennt der IWF die Verknappung des Kreditangebots. Viele Banken, sowohl in Amerika als auch in Westeuropa, hätten die Bedingungen für die Kreditvergabe erheblich verschärft in dem Bemühen, ihre Bilanzen aufzubessern. "Viele Banken halten derzeit lieber Bargeld vor, als dass sie neue Darlehen vergeben", sagte Blanchard. Einige Schwellen- und Entwicklungsländer drohen nach Einschätzung des Fonds ebenfalls in den Strudel der Krise zu geraten, weil Investoren zunehmend Risiken scheuten und deshalb womöglich nicht mehr so viel Kapital in diese Länder fließe. Außerdem spürten Schwellen- und Entwicklungsländer die schlechte Konjunktur in den Industrienationen in Form einer schwächeren Exportnachfrage. Gleichwohl dürften sich die Anteile an der Weltwirtschaft weiter zugunsten dieser Ländergruppe verschieben, weil dort das Wachstum nicht so stark einbrechen werde. In China beispielsweise sagt der IWF für 2009 ein Wachstum von 9,3 Prozent voraus, verglichen mit erwarteten 9,7 Prozent in diesem Jahr. weniger leisten als noch in diesem Jahr. FAZ 2008/10/09 Die Notenbanken zücken ihr schärfstes Schwert. Die großen Notenbanken stemmen sich mit einer konzertierten Leitzinssenkung gegen die Finanzmarktkrise. Aber der Dank der Anleger fällt sehr verhalten aus. hpa./ctg. Wirtschaft Bericht global Seite 11 kA Die Notenbanken zücken ihr schärfstes Schwert. Die großen Notenbanken stemmen sich mit einer konzertierten Leitzinssenkung gegen die Finanzmarktkrise. Aber der Dank der Anleger fällt sehr verhalten aus. hpa./ctg. FRANKFURT/WASHINGTON, 8. Oktober. Zum zweiten Mal in ihrer Geschichte haben die großen Notenbanken ihre Leitzinsen in einer weltweiten, konzertierten Aktion gesenkt. Es war der Versuch, neues Vertrauen und Stabilität an den Finanzmärkten zu schaffen. Vorausgegangen war eine intensiv geführte Telefonkonferenz der Währungshüter am Vorabend, die unter dem Eindruck der jüngsten, schweren Kursverluste an den Aktienmärkten stand. Angesichts der Zuspitzung der Turbulenzen an den Finanzmärkten habe man entschlossen handeln müssen, sagte Bundesbankpräsident Axel Weber, der auch Mitglied im EZB-Rat ist. "Die Zentralbanken haben damit ein klares Signal gesendet, dass sie alles tun werden, um eine weitere Verschärfung der Finanzkrise zu verhindern", sagte er. Obwohl Weber den Forderungen nach einer Leitzinssenkung im Euroraum lange Zeit ablehnend gegenüberstand, sei er nun eine der treibenden Kräfte gewesen, hieß es in der Frankfurter Finanzwelt. Die Europäische Zentralbank (EZB) senkte am Mittwochmittag ihren Leitzins um 0,5 Prozentpunkte auf 3,75 Prozent. Zugleich verringerte sie auch ihren Zinssatz für die Geldausleihung an die Banken um denselben Satz. Das letzte Mal hatte die EZB ihren Leitzins im Juni 2003 gesenkt. Auch die amerikanische Notenbank (Fed) sowie die Zentralbanken von Großbritannien, Kanada, Schweden und der Schweiz senkten ihren jeweiligen Leitzins um einen halben Prozentpunkt. Die Bank von Japan war an der Aktion nicht beteiligt. Man unterstütze die anderen Notenbanken aber, hieß es in Tokio. Die chinesische Notenbank reihte sich mit einer Zinssenkung von 0,5 Prozentpunkte ebenfalls in das Geschehen ein. "Die Zentralbanken haben ein Zeichen gesetzt, dass sie entschlossen sind, ihr Möglichstes zur Krisenbewältigung beizutragen", urteilte Michael Heise, Chefvolkswirt der Allianz-Gruppe. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sowie Spitzenvertreter der deutschen Wirtschaft lobten die überraschende Zinssenkung als vertrauensbildende Maßnahme. Damit werde dem Finanzsystem und der Realwirtschaft geholfen, da sowohl die Refinanzierung der Banken als auch die Kreditvergabe an die Unternehmen erleichtert werde, hieß es. Die EZB begründete die konzertierte Zinssenkung auch damit, dass der Inflationsdruck in einigen Ländern schon nachgelassen habe. Damit wollten die Eurohüter signalisieren, dass sie nicht von ihrem Ziel der Sicherung der Preisstabilität abgewichen seien, hieß es in Finanzkreisen; wirklich überzeugend sei das Inflationsargument aber nicht. Ähnlich wie im Fall der ersten gemeinsamen Zinsaktion nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 seien die Notenbanken auch dieses Mal schlicht die Getriebenen der Märkte gewesen. "Über Inflationsrisiken sollte man sich in dieser Ausnahmesituation nicht allzu viele Sorgen machen", sagte jedoch Allianz-Chefvolkswirt Heise. Der Dank der Anleger fiel jedoch verhalten aus, der Deutsche Aktienindex schloss 5,88 Prozent im Minus mit 5013 Punkten. Vor der Zinssenkung hatte der Leitindex sogar 8 Prozent verloren. Das fehlende Vertrauen der Banken untereinander lasse sich durch Leitzinssenkungen nicht herbeizwingen, zumal die Zinsmaßnahmen ihre Wirkung ohnehin erst nach einiger Zeit entfalten könnten, sagten Marktbeobachter. Besser verlief der Handel zunächst an den amerikanischen Börsen, die zeitweise kräftig im Plus lagen. Kurz vor Handelsschluss realisierten jedoch viele Anleger die Gewinne, so dass die Börsen im Minus schlossen. In Washington erklärte die Notenbank, man habe die Entscheidung "angesichts von Hinweisen getroffen, dass die Wirtschaft schwächer wird und der Inflationsdruck abnimmt". Nach Einschätzung der Fed wird die Zuspitzung der Finanzkrise sich negativ auf die Konsumausgaben auswirken, unter anderem deshalb, weil Haushalte es schwerer haben, Kredite zu bekommen. Die Inflationsrate sei zwar hoch, doch der Rückgang der Energiepreise und die Konjunkturschwäche hätten die Gefahr einer Beschleunigung des Preisauftriebs verringert. Die Fed lobte die Zusammenarbeit mit anderen Notenbanken während der Krise, unter anderem in Form einer gemeinsamen Bereitstellung von Liquidität zur Überwindung der Spannungen auf den Geldmärkten. Die Fed hat den Leitzins seit September 2007 nun um insgesamt 3,75 Prozentpunkte verringert.nkten. FAZ 2008/10/09 Scheinwelt. kA Holger Appel Wirtschaft Kommentar BRD Seite 11 kA Scheinwelt. Von Holger Appel. Da reibt man sich verwundert die Augen und fragt sich, wo mancher Volkswirt lebt. Trotz der alarmierenden Nachrichten aus der Bankenbranche rechnet das DIW nicht mit einem Überspringen der Finanzkrise auf die Realwirtschaft. Außerhalb des Bankensektors gebe es keinerlei Anzeichen für eine Kreditverknappung an Unternehmen, heißt es in dem neuesten Gutachten des Wirtschaftsforschungsinstituts. Es sei auch kein Anstieg der Arbeitslosigkeit zu erwarten, der als typisches Anzeichen einer Rezession gelte. Nun muss man nicht alles auf die Finanzkrise schieben, aber dass sie Auswirkungen auf die übrige Wirtschaft hat, ist allerorten mit Händen zu greifen. Eine Vielzahl von Firmen hat Einstellungsstopps verhängt, aus den Unternehmen hagelt es Ergebniswarnungen. Die versammelte Autoindustrie legt über Wochen die Produktion still, weil sich die Fahrzeuge auf Halden stapeln. Selbst wenn man der Metallindustrie eine gewisse Dramatisierung zur Verbesserung ihrer Verhandlungsposition im unverdrossen fortgesetzten Tarifpoker unterstellt, bleiben noch genügend dunkle Wolken. Die Kreditvergabe wird restriktiver und teurer. Es gibt keinen Zweifel. Die Krise springt über. FAZ 2008/10/09 Briten zwingen Banken zur Kapitalerhöhung. Spanien stellt bis zu 50 Milliarden Euro zur Sicherung des Finanzsystems bereit. bes./jul. Wirtschaft Bericht GB; Spanien Seite 11 kA Briten zwingen Banken zur Kapitalerhöhung. Spanien stellt bis zu 50 Milliarden Euro zur Sicherung des Finanzsystems bereit. bes./jul. LONDON/FRANKFURT, 8. Oktober. Die britische Regierung hat einen umfassenden Rettungsplan für ihr Bankensystem verkündet, der sechs britischen Großbanken und Hypothekenbanken mit Kapital, Liquidität und einer Garantie für die mittelfristige Refinanzierung unter die Arme greift. Nachdem die britische Regierung bereits die strauchelnden Hypothekenbanken Northern Rock und Bradford & Bingley mit Staatshilfe stützen musste und die Bankenkrise dennoch immer weiter eskalierte, reagierten Premierminister Gordon Brown und Schatzkanzler Alistair Darling in Absprache mit Notenbankgouverneur Mervyn King, dem Chef der Finanzaufsicht Adair Turner und den Vorstandsvorsitzenden britischer Großbanken mit einem "kühnen Plan", wie Brown betonte. Die Bundesregierung begrüßte die Maßnahmen. Der Vorstoß trage zur Stabilisierung des Finanzsystems bei. Ob das britische Rettungspaket zu Wettbewerbsverzerrungen führe, könne nach so wenigen Stunden jedoch nicht gesagt werden. Unterdessen hat EU-Binnenmarktkommissar Charlie McCreevy die nationalen Aufsichtsbehörden der EU-Staaten aufgefordert, den Banken umgehend die Bilanzierung von Finanzderivaten zum Anschaffungswert zu erlauben. Diese Änderung solle schon für die Bilanzierung des noch laufenden dritten Quartals gelten, sagte McCreevy laut Agenturmeldung im Europäischen Parlament. Ohne es explizit zu sagen, verlangt der britische Staat, dass das Eigenkapital der britischen Banken (Tier 1) bis Ende des Jahres auf etwa 10 Prozent erhöht wird. Die Regierung hat mit den britischen Banken daher eine Einigung erzielt, ihr Eigenkapital insgesamt um 25 Milliarden Pfund aufzustocken. Die britischen Banken haben im Vergleich zu deutschen Banken eine deutlich schwächere Eigenkapitalausstattung. Um den hohen Risiken des Bankgeschäfts derzeit gewachsen zu sein und das Kreditgeschäft an die Realwirtschaft fortsetzen zu können, müssen die Banken ihr durch die jüngsten Verluste reduziertes Kapital stärken. Der britische Staat verlangt nun, dass die Banken dies bis Ende des Jahres allein tun oder eine Kapitalzuführung des Staates gegen verzinsliche Vorzugsaktien in Form von einer Staatsbeteiligung akzeptierten. Der britische Staat stellt für diese Maßnahme 25 Milliarden Pfund, umgerechnet mehr als 30 Milliarden Euro, zur Verfügung, so dass jede Bank, die sich am Markt nicht kapitalisieren kann, das Geld nutzen kann. Weitere 25 Milliarden Pfund können bei Bedarf nachgeschossen werden. HSBC und Standard Chartered verkündeten bereits, sie müssten das Staatsangebot nicht in Anspruch nehmen. Barclays muss sein Kapital erhöhen, will aber mit den Aktionären absprechen, ob dies mit Hilfe der bisherigen Aktionäre geschehen soll, oder ob auch das Regierungsangebot genutzt werden soll. Je nachdem, welchen britischen Banken der Staat mit einer Kapitalspritze aushelfen muss, dürfte der britische Steuerzahler künftig Beteiligungen bei Abbey, Barclays, HBOS, Lloyds TSB, der Nationwide Building Society und der Royal Bank of Scotland (RBS) eingehen. Nehmen die Banken an dem Rettungskonzept teil, müssen sie einer Beschneidung ihrer Dividenden zustimmen und einer Kürzung der Managementbezüge. Gleichzeitig zahlen die Aktionäre für die Staatshilfe mit einer Verwässerung ihres Aktienanteils, weil der Zinskupon dem Staat zufließt. Der britische Staat könnte sich später voraussichtlich von seiner Beteiligung wieder mit einem Gewinn trennen. Die Royal Bank of Scotland, die den größten Kapitalbedarf in Großbritannien hat, und Barclays betonten, dass sie den Staat nicht um Kapitalhilfe gebeten hätten, sich aber an das Versprechen, ihr Eigenkapital aufzustocken, halten würden. Da am Markt noch nicht bekannt ist, welches Ausmaß die Staatsbeteiligung bei den britischen Banken annehmen wird, haben britische Bankaktien in den vergangenen Tagen mit extremen Kursabschlägen reagiert, sich am Mittwoch nach Ankündigung des Rettungsangebotes der Regierung aber etwas erholt. Um die mittelfristige Refinanzierung der britischen Banken zu ermöglichen, bietet die Regierung den Banken, die ihr Kapital erhöhen, zudem eine Staatsgarantie für ihre Schuldtitel an. Dies erleichtert es den Geldinstituten, nach der Tilgung ihrer in wenigen Monaten fälligen mittelfristigen Finanzierung neues Kapital aufzunehmen. Die Regierung ist bereit, Schuldtitel der Banken in Höhe von bis zu 250 Milliarden Pfund zu garantieren. Die Bank von England führte zudem einen Strauß von technischen Maßnahmen ein, mit denen die kurzfristige Geldaufnahme der Banken bei der Notenbank erleichtert und ausgeweitet wird. Auch der spanische Präsident Zapatero verkündete am Montagabend, die einheimischen Banken zu stützen. Die Regierung stelle 30 Milliarden Euro bereit, die im Notfall auf 50 Milliarden Euro aufgestockt werden könnten, sagte Zapatero in Madrid. Mit dem Geld solle die Liquidität der Banken sichergestellt werden, damit sie die spanischen Bürger und Unternehmen auch weiterhin mit Krediten versorgen könnten. Die spanische Regierung will den Fonds nutzen, um illiquide Risikopositionen aus den Bankbilanzen aufzukaufen. Im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten sollen jedoch keine unbesicherten Wertpapiere übernommen werden. Außerdem teilte die Regierung mit, die Einlagengarantie auf 100 000 Euro zu erhöhen. Die EU-Staaten hatten zuvor eine Mindestsicherung ihrer privaten Spareinlagen von 50000 Euro garantiert. Bislang haben sich spanische Banken in der Finanzkrise gut geschlagen. Allerdings haben sie in der jüngeren Vergangenheit sehr viel stärker Kredite der Europäischen Zentralbank in Anspruch genommen, was auf einen Liquiditätsengpass schließen lässt. Unterdessen hat der Internationale Währungsfonds für das kommende Jahr eine Rezession für Spanien vorausgesagt. Das spanische Bruttoinlandsprodukt werde 2009 das erste Mal seit 1993 wieder um 0,2 Prozent sinken. FAZ 2008/10/09 Britischer Rettungsdienst. kA Bettina Schulz Wirtschaft Kommentar GB Seite 11 kA Britischer Rettungsdienst. Von Bettina Schulz. Die Banker können in Sack und Asche gehen. Vor allem in London und an der Wall Street. Wir können ein wenig durchatmen. Das tut in dieser Panik am Markt zwar niemand. Aber der Zenit der Krise könnte überschritten sein. Große Bankenkrisen enden gewöhnlich dann, wenn der Staat ordnungspolitische Bedenken hintanstellt und allerorten eingreift. Die Finanzkrise war so lange gefährlich, wie sie eskalierte, die Banken auf die Hilfe aus der Politik angewiesen waren, die Politiker den Ernst der Krise aber unterschätzten. Das dürfte sich jetzt geändert haben. Dass die Politik in den Vereinigten Staaten, Großbritannien und auf Ebene der EU-Finanzminister 14 Monate nach Ausbruch der Krise eingreift, ist vielversprechend, zeigt aber auch, wie dramatisch diese Bankenkrise ist. Bei anderen großen Bankenkrisen hat die Reaktion des Staates oft länger auf sich warten lassen. Je radikaler die Politik mit ihren Eingriffen am Kernproblem der Krise ansetzt, desto mehr lassen sich die fatalen Auswirkungen der Turbulenzen auf die Realwirtschaft begrenzen. Eine Rezession wird sich dennoch kaum vermeiden lassen, auch wenn die Notenbanken dieser Gefahr mit ihrer konzertierten Leitzinssenkung am Mittwoch (zunächst erfolglos) versuchten entgegenzutreten. Großbritannien war das erste Land in Europa, das einen grundlegenden Lösungsansatz präsentiert hat, um den Banken mit Kapital und Liquidität unter die Arme zu greifen. Das geht über den Ansatz einzelner Bankenrettungen und einer Erhöhung der Einlagensicherung hinaus. Der britische Ansatz stützt das Bankensystem im Kern. Damit erübrigt sich eine Staatsgarantie aller Einlagen. Banken brauchen für die Stützung einer Volkswirtschaft durch ihre Kreditvergabe Kapital, die Chance, sich zu refinanzieren, und Liquidität. Dies haben viele Institute nicht mehr ausreichend und können es sich an den kollabierten Märkten auch nicht mehr beschaffen - daher die Panik am Markt. Die britische Rettung setzt an genau diesen Punkten an. So fordern die Briten von ihren Banken, ihr Eigenkapital zu erhöhen. Jede Bank, die dies nicht eigenständig tun kann, muss die bittere Medizin einer staatlichen Kapitalzufuhr schlucken. Der Steuerzahler erhält dafür eine Beteiligung an der Bank, die sich hoch verzinst. Langfristig hat der Steuerzahler die Chance, diese Beteiligung gewinnbringend am Markt zu veräußern. Die Aktionäre müssen den Verlust einer Verwässerung ihres Anteils und einer niedrigeren Dividende in Kauf nehmen, und das Management der Banken muss auf seine üppige Entlohnung verzichten. Sie zahlen also den Preis für die Hilfestellung des Staates. Das ist der Grund, warum die Bankaktien an den Börsen in den Keller rauschen, obwohl dieser Rettungsansatz dem Bankensystem hilft. Kreditinstitute müssen sich mittelfristig refinanzieren. Geld, das sie sich bisher von Investoren für wenige Jahre geliehen haben, müssen sie sukzessive zurückzahlen. Angesichts des Vertrauensverlustes können sie aber kein neues Geld aufnehmen. In Großbritannien springt nun der Staat ein und garantiert - wenn erwünscht - neue Bankschulden bis zu einer Laufzeit von 3 Jahren. Jetzt ist gesichert, dass britische Banken sich refinanzieren können, denn wenn sie ihr geborgtes Geld später nicht zurückzahlen können, tut es der Staat. Es ist also künftig nicht mehr so riskant, Banken Geld auszuleihen. Die Bank von England hat durch technische Hilfsmaßnahmen zudem die kurzfristige Geldaufnahme weiter erleichtert. Mit all diesen Maßnahmen sollte sich die Blockade am Kredit- und Geldmarkt lösen, die derzeit die Kreditvergabe an Unternehmen und Privatpersonen abzuwürgen droht. Der britische Alleingang und diese systemische Bankenkrise haben gezeigt, dass die Welt immer noch nicht darauf vorbereitet ist, in einer wirklich schweren Finanzkrise an einem Strang zu ziehen. Hier steht den Politikern, Aufsichtsbehörden und Notenbanken in Zukunft noch ein großer Abstimmungsprozess bevor. Kurzfristig aber geht es darum, dass alle von einer schweren Bankenkrise betroffenen Länder ähnliche Rettungskonzepte umsetzen, damit die Rahmenbedingungen der Bankensysteme und der Realwirtschaft einzelner Nationalstaaten nicht zu sehr auseinanderklaffen. Anderenfalls landet die Welt noch bei Kapitalverkehrsbeschränkungen und einem drohenden Auseinanderbrechen der Währungsunion. Die Banker können derweil in Sack und Asche gehen - vor allem in London und an der Wall Street. Das ganze Getöse, die Branche könne sich schon selbst regulieren und habe alles im Griff, weil die Marktteilnehmer professionelle Fachleute seien, ist ein gigantischer Reinfall. Vor allem in London werden die Banker, die Aufsichtsbehörde, die Notenbank und das Schatzamt mit dem Ansatz ihrer freizügigen Regulierung künftig kleinere Brötchen backen. Dennoch gilt: In den vergangenen Jahren wurde mehr als die Hälfte des globalen Kreditvolumens mit Hilfe moderner Kreditprodukte verteilt. Die Welt braucht Kredite. Es wird die große Kunst der nächsten Jahre sein, dieses Geschäft ohne Rache und Vergeltung wieder in vernünftige Bahnen zu lenken und dabei kluges Augenmaß zu bewahren. FAZ 2008/10/09 Fürbitten für Frankfurter Finanzjongleure. kA stah. Deutschland und die Welt Bericht BRD Seite 9 kA Fürbitten für Frankfurter Finanzjongleure. stah. FRANKFURT, 8. Oktober. Stifte und gelbe Zettelchen liegen bereit. Die Kirche erkennt die Finanzkrise. Jeffrey Myers, Pfarrer der evangelischen Nikolaikirche am Frankfurter Römer, hat einen Krug aufgestellt, in den "betroffene Banker, Anleger und andere Besucher" ihre Fürbitten werfen sollen. Pfarrer Myers verspricht, täglich für die Menschen zu beten. Denn sein Gotteshaus sieht er in der Verantwortung. Im Jahr 1402 wurde vor der Nikolaikirche die erste Bank Frankfurts gegründet. Und der heilige Nikolaus sei schließlich Schutzpatron der Banker. Vielleicht, vermutet der Amerikaner, weil Nikolaus sein Geld anzulegen wusste - nämlich zugunsten der Armen. "Gott sammle meine Tränen in deinen Krug; ohne Zweifel, du zählst sie." Psalm 56,9 brachte den Pfarrer auf die Idee. Seit Montag steht der Halbmeterkrug neben den Opferkerzen. Küster Carsten Schwöbel führt am Mittwoch die erste Leerung der Woche durch. Die Auszählung ergibt 20 Fürbitten. Nur zwei handeln von der Finanzkrise: "Mach, dass mein Geld seinen Wert behält", liest er vor. "Das war eine Frau." Und: "Mit weniger kommen wir auch zurecht." Öfter gefunden als Bankergeheimnisse hat Schwöbel vor allem eines: "Liebeskummer." Der Zuspruch der Besucher hält sich bislang in Grenzen. "Nicht zu fassen", sagt eine Frau mit um die Hüften gebundenem Pullover zu ihrem Ehemann. Sie habe kein Verständnis dafür, dass für Aktienhändler gebetet werden soll. "Die sind doch selber schuld!" Er, Glatze, Hemd und Fotoapparat, lässt sich nichts anmerken. Schnell verlassen sie die Kirche, die "internationalste Gemeinde Frankfurts". Da, japanische Touristen. Den Krug beachten sie nicht. Nur Altar und Kirchenschiff halten Einzug in den Fotoapparat. Dass hier Betroffene der Finanzkrise ihre Fürbitten einwerfen können? "Good, very good", findet das Pärchen aus Osaka die Idee. Sie nicken heftig, lächeln und suchen eilig das Weite. Die Kirche und der Krug sind von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Da arbeitet der Banker normalerweise. Über die Mittagsstunden jedenfalls wirft niemand einen Zettel ein. Montag werden sie frühestens wieder gelesen. Dann kommt Pfarrer Myers aus dem Urlaub zurück. FAZ 2008/10/09 Fortschritt durch Eigennutz? Die Finanzkrise weist auf deutliche Schwächen modischer Strömungen der Wirtschafts- und Staatswissenschaften hin. Nötig ist ein grundsätzliches Umdenken. Rolf Stürner Staat und Recht Zitat BRD Seite 6 kA Fortschritt durch Eigennutz? Die Finanzkrise weist auf deutliche Schwächen modischer Strömungen der Wirtschafts- und Staatswissenschaften hin. Nötig ist ein grundsätzliches Umdenken. Von Rolf Stürner. Noch vor wenigen Monaten schrieb ein Jungunternehmer aus gutem politischen Hause, er habe an den Staat gegenwärtig nur einen Wunsch: "Geh mir aus der Sonne." Man kann das Lebensgefühl des überzeugten Neoliberalen kaum besser zum Ausdruck bringen. Dieser Satz bringt auf den Punkt, was von den modernen Wirtschaftswissenschaften politisch wirksam in der Gesellschaft angekommen ist und auch die Staatswissenschaften nach und nach zu prägen begonnen hat. Die Ideologie des Marktes mit ihren einfachen Rezepten konnte klassische Vorstellungen von der Aufgabenverteilung zwischen Staat, Wirtschaft und Gesellschaft mehr und mehr dominieren und teilweise verdrängen. Es lohnt, sich die Kernthesen dieser mächtigen Zeitströmung noch einmal zu vergegenwärtigen, ehe man ihre Zukunftsfähigkeit vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Krise beurteilt. Wirtschaftlicher, technischer und deshalb auch sozialer Fortschritt - so der Ausgangspunkt neoliberaler Theoriebildung - finden ihre optimalen Entwicklungsbedingungen im freien Markt, der das gewinnmaximierende Individuum im Wettbewerb zu Höchstleistungen anspornt und optimale Qualitätsauslese durch informierte Marktteilnehmer erlaubt. Neu war dieser Grundgedanke nicht, neu war seine Verabsolutierung und Dogmatisierung als Modell für möglichst alle Lebensbereiche. Präventive staatliche Regulierung stellt dieses Gesellschaftsmodell unter strengen Rechtfertigungszwang, das Ideal ist der in den freien Markt mit seinen Risiken entlassene Bürger. Die gesellschaftlichen und rechtlichen Konsequenzen einer solchen Grundentscheidung sind tiefgreifend. Regulierte Gebühren freier Berufe, wie Architekten, Wirtschaftsprüfer, Rechtsanwälte, fallen oder geraten ebenso unter Druck wie Qualifikationsvoraussetzungen für handwerkliche oder rechtsberatende Dienstleistungen. Moderne Formen der Geld- und Kapitalanlage vollziehen die volle Auslagerung von Gewinnchancen und Verlustrisiken auf den Abnehmer, wobei die freie Gestaltung der Finanzprodukte eine informierte Auswahl eher erschwert. Unternehmen bis in den bisher handwerklichen Bereich werden zu Investitionsobjekten von Investoren, die ihrerseits wieder von einer Vielzahl von Anlegern und ihrer Risikoeinschätzung abhängen können - der Konflikt langfristiger und kontinuierlicher Unternehmensplanung mit der Volatilität des Kapitals ist vorgegeben. Öffentlich-rechtliche Daseinsvorsorge vor allem im Bereich der Alters- und Krankenversicherung soll der Verantwortung des Einzelnen weichen, Kapitaldeckung für den Versicherungsfall zu schaffen und dabei die Kreativität des gewinnmaximierenden Marktes durch seine Nachfrage zu fördern und zu wecken. Das öffentliche Bankensystem sieht sich kritischer Fragestellung ausgesetzt, der Internationale Währungsfonds, deren Direktor der heutige Bundespräsident über lange Jahre war, hat ebenso wie die EU-Kommission unverhohlen die Privatisierung des öffentlichen Bankenbereichs gefordert. Universitäten beginnen nach dem Vorbild angebotsorientierter produzierender oder dienstleistender Unternehmen organisiert zu werden: wissenschaftliche Erkenntnis und wissenschaftliche Ausbildung als geldwerte Marktprodukte mit stimulierender Gewinnträchtigkeit. Ein systemimmanenter Schwachpunkt des neoliberalen Marktmodells ist das rationale Verhalten ("rational choice") der Marktteilnehmer. Korrekte Information des einzelnen Marktakteurs als Entscheidungsbasis lässt sich durch Professionalisierung und marktmäßige Organisation der Information, zum Beispiel mit Hilfe von Ratingagenturen und anderen Evaluationsinstitutionen, nur sehr eingeschränkt erreichen. Die an sich nicht gerade neue Erkenntnis, dass auch der informierte Marktteilnehmer nur zum Teil rational entscheidet, hat der aufblühende wirtschaftswissenschaftliche Zweig der "behavioral finance" verfeinert und um Detailforschung bereichert. Teile der Wirtschaftswissenschaften wollen die Fehlsamkeit einer auf angeblicher "rational choice" beruhenden Entscheidung dadurch kompensieren, dass sie potentielles Marktverhalten mit seinen Irrationalitäten durch spieltheoretische und stochastische Modelle zu erfassen versuchen. Die gegenwärtige Finanzmarktkrise hat die Grenzen der "rational choice" und kompensierender finanzwissenschaftlicher Stochastik deutlich werden lassen. Wirtschaftswissenschaftliche Nobelpreisträger vor allem angloamerikanischer Provenienz beschäftigen sich mit der Erläuterung des Versagens ihrer Modelle vor der Wirklichkeit. Weniger ins Blickfeld genommen ist bisher eine grundsätzliche Fehlleistung des Neoliberalismus, nämlich die Segmentierung sozialer Ethik. Im wirtschaftlichen "öffentlichen" Sektor gelten ihm Rücksicht und Solidarität als Formen systemschädlicher Quersubventionierung, Eigennutz wird als Motor des Fortschritts zum Akt der Gemeinnützigkeit, Egoismus zum Altruismus. Nur im sogenannten Pro-Bono-Bereich privater Mildtätigkeit bleibt für Solidarität Raum. Die deutsche und kontinentale Gesellschaft hat aber in der Vergangenheit ein sozial integriertes Unternehmertum vorgezogen, das nicht nur durch Gewinnschöpfung, sondern auch durch ein unternehmerisches Ethos im Dienste der Allgemeinheit und Arbeitnehmerschaft motiviert war und dabei die soziale Funktion einer wohlfunktionierenden Wirtschaftsstruktur als Gestaltungsaufgabe erkannte und akzeptierte. Die Finanzkrise sollte Anlass zu einem grundsätzlichen Umdenken sein, das zur Ausgewogenheit zurückkehrt und Formeln wie "Dem Eigennutz sei Dank" wieder als billige Halbwahrheiten einordnet. Der gesellschaftliche Geltungsanspruch wirtschaftswissenschaftlichen System- oder Modelldenkens ist deutlich einzuschränken, und die anderen Sozialwissenschaften müssen aufhören, sich zu seinem willigen Vollstrecker zu machen. Vor allem in der Rechtswissenschaft ist teilweise ein eigenartiger Verlust an Eigenständigkeit zu beobachten, und die Rechtspolitik tut es ihr darin gleich, auf nationaler und europäischer Ebene. Es reicht nicht, die Rezepte neoliberaler amerikanischer Modelle zu reproduzieren, die in der Finanzkrise teilweise ihr Cannae erleben. Niemand kann vernünftigerweise angesichts der Finanzkrise umfassender staatlicher Regulierung das Wort reden, um ins andere Extrem zu verfallen und die unverkennbaren Vorteile von Markt und Wettbewerb dabei preiszugeben. Aber auf einigen Gebieten sind Fehlentscheidungen und falsche Weichenstellungen zu korrigieren und Tendenzen zur eindimensionalen Modellbildung zu überdenken. Die Aufgabe eines ausreichenden, für alle Finanzdienstleister obligatorischen Portfolios mit standardisierten und transparenten klassischen Finanzprodukten war ein Grundfehler der Rechtspolitik im Bereich der Finanzmärkte; nicht standardisierte Produkte sind zwar zur Innovation notwendig, dürfen aber einen deutlich beschränkten Anteil um ihrer Risikoträchtigkeit und Intransparenz willen nicht überschreiten. Es war falsch, unter dem Motto der "Aktionärsdemokratie" wirtschaftliche Verflechtungen der "Deutschland AG" generell anzufeinden. Volatiles Kapital bedarf des Gegengewichts regional integrierter langfristiger Beteiligung, deren Vorteil man gerade unter dem Begriff des "Ankeraktionärs" wieder neu zu entdecken beginnt. Stiftungsmodelle, zu denen in weiterem Sinne auch das rechtstechnisch nicht optimale VW-Gesetz gehört, verdienen dabei ebenso Förderung wie regional orientierte Familienunternehmen oder Arbeitnehmerbeteiligungsmodelle. Die Privatisierung öffentlicher Daseinsvorsorge, verbunden mit einem Rückzug des Staates auf bloße Gewährleistung von Rahmenbedingungen, sollte man nicht weiter als Königsweg betrachten und deshalb in vielen Bereichen, zum Beispiel im Gesundheits- und Bildungswesen sowie bei infrastrukturellen Maßnahmen, teilweise etwas unbedacht weiter fördern. Überwachende Administration - das lehrt die Entwicklung im Bereich der Energieversorgung - ist durchaus aufwendig und verlagert nicht selten notwendige politische Grundentscheidungen in die Kompetenz wettbewerbsrechtlicher Aufsicht. Sie soll auf der Basis vermeintlich objektivierter Erkenntnis einen Rahmen zur Festsetzung gerechter Konditionen und Preise geben - mit notwendigerweise unbefriedigenden Ergebnissen, weil ihre Entscheidungskompetenz so beschränkt ist wie der Regelungsgehalt des Wettbewerbsrechts. Die staatliche Auffangverantwortung macht den Staat unter der Insolvenzdrohung erpressbar; er läuft Gefahr, wie etwa in der Finanzkrise nicht nur die finanziellen Folgen verfehlter, staatlich vorher nur schwer beeinflussbarer unternehmerischer Entscheidung ausgleichen zu müssen, sondern dabei auch den Zugriff auf bereits abgeschöpftes Kapital zu verlieren. Somit muss er sich an der Belohnung wirtschaftlichen Versagens und fragwürdiger Vermögensumverteilung beteiligen. Die Finanzkrise zeigt auch, dass es Daseinsvorsorge im Bereich des Bankwesens geben muss und die gemischte deutsche Bankenstruktur ihre Vorteile hat. Ausreichende Stabilität haben generell nur gemischte Gesamtstrukturen. Wo sich eine einzige Grundidee rein verwirklichen und Wirtschaft und Gesellschaft monistisch gestalten will, beginnt eine Ideologisierung, die nicht nur Zusammenbrüche provoziert, sondern auch das mehrdimensionale Wesen menschlicher Natur verkennt und falsch einschätzt. Soweit die Europäische Kommission und der Europäische Gerichtshof wie etwa beim VW-Gesetz dazu neigen, unter Berufung auf Marktfreiheiten nationale und regionale Wirtschaftsstrukturen ohne demokratisch legitimierte europäische Gesetzgebung und gegen den Willen nationaler Gesetzgebung marktpuristisch bis ins Detail gestalten zu wollen, ist ihnen voller politischer Widerstand entgegenzusetzen. Im globalen und gesamteuropäischen Wettbewerb haben regionale Strukturen sozialer Ausgewogenheit nur eine Überlebenschance, wenn ihnen ein gewisses Maß an abgrenzender Eigenorganisation möglich bleibt. Das aber muss vorläufig zuvörderst die Aufgabe des Regionalstaates sein. Die Europäische Union ist ein Staatenverbund zwischen Staaten vielfältiger gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Kultur, und der Weltstaat ist auf absehbare Zeit eine sehr idealistische, aber gerade deshalb gefährliche Illusion. Falls die Volksparteien nicht den Mut haben, ausgewogene Gesamtkonzepte zu entwickeln, die Markt und Wettbewerb mit dem Gedanken staatlich organisierter Solidarität versöhnen, werden sie weiter an Zustimmung verlieren und wird dadurch Regierbarkeit und Entwicklungsfähigkeit der deutschen Gesellschaft gefährden. Prof. Dr. Rolf Stürner ist Direktor des Instituts für deutsches und ausländisches Zivilrecht an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. FAZ 2008/10/09 Zeit zu Handeln. Kommunen prüfen ihre "Cross-Border-Verträge". Rüdiger Soldt Politik Reportage BRD Seite 3 kA Zeit zu Handeln. Kommunen prüfen ihre "Cross-Border-Verträge". Von Rüdiger Soldt. STUTTGART, 8. Oktober. Die Fassade des "Restmüllheizkraftwerks Böblingen" ist mit einem Regenbogen verschönert. Derzeit bereitet das Kraftwerk aber weniger den Landschaftsschützern Sorgen, sondern dem Landratsamt in Böblingen, einer Kreisstadt im Südwesten von Stuttgart. Denn das Kraftwerk ist im Jahr 2000 für 24 Jahre mit einem "Cross-Border-Leasing" (CBL) genannten Verfahren an einen amerikanischen Investor vermietet und dann zurückgemietet worden. 1,6 Millionen Euro pro Jahr bekommen die Betreiber des Kraftwerks anteilig aus dem Steuervorteil, der dieses Geschäft den amerikanischen Investoren einbringt; bis 2004 abgeschlossene Leasinggeschäfte dieser Art werden in den Vereinigten Staaten steuerlich begünstigt. Wolf Eisenmann, Geschäftsführer des "Zweckverbandes Restmüllheizkraftwerk", hält sich mit Auskünften über die Schwierigkeiten der Leasinggeschäfte zurück. Dazu ist er vertraglich verpflichtet. Bekannt ist, dass die "Bank of America" an dem Geschäft beteiligt ist, über weitere Vertragspartner - Versicherungsgesellschaften oder Treuhänder - darf und will er nichts sagen. Für die Bürger sind solche Leasinggeschäfte schwer zu durchschauen, deshalb protestierten Globalisierungskritiker immer wieder dagegen. Eisenmann sagt, das Geschäft werde vermutlich trotz der Finanzkrise vorteilhaft bleiben, deshalb könne er noch "ruhig schlafen". Doch der stellvertretende Landrat gibt zu, dass die Verträge mit den beteiligten Kreditinstituten von einer international tätigen Anwaltskanzlei derzeit geprüft werden - und eine Prüfung schreiben die meisten CBL-Verträge für den Fall vor, dass sich die Bonität der beteiligten Banken oder Versicherungen verändert. "Wir haben eine Bank, die unser Geld anlegt und garantiert, dass wir unseren Mietverpflichtungen nachkommen. Müssten wir diese Bank austauschen, hätten wir einen Nachteil, nämlich schlechtere Bedingungen bei der neuen Kreditvergabe", sagt Eisenmann. Die Folgen seien jedoch überschaubar und nicht größer als andere geschäftliche Risiken auch. Die Frage sei, ob das von den amerikanischen Banken verwaltete Vermögen zu den vereinbarten Konditionen zurückgezahlt werden könne, wenn die Bank wegen schlechter Bonität ausgetauscht werden müsse. Der Grund für die Überprüfung der Verträge trägt vermutlich im Fall des Böblinger Heizkraftwerks den Namen American International Group (AIG). Der in Ratings heruntergestufte und vor kurzem mit einem Kredit der amerikanischen Notenbank vor dem Kollaps bewahrte Versicherungskonzern ist an vielen CBL-Geschäften beteiligt. Für CBL-Verträge werden oftmals eine kreditgebende Bank und zwei Depotbanken eingesetzt; eine von ihnen ist in vielen Fällen die AIG gewesen. Der Finanzberater Gerben Hillebrand hat den Abschluss von CBL-Transaktionen zu Beginn dieses Jahrzehnts begleitet. Er sagt, Anlass zur Panik gebe es nicht, aber Anlass zum Handeln. "Es handelt sich bei diesen Geschäften um Anlagen von Kommunen. Das heißt, die Kommunen müssen sich mit der Frage beschäftigen, ob das Kreditrisiko der AIG für ihr Vertragswerk noch akzeptabel ist." Auch müsse geklärt werden, was zu tun sei, wenn die AIG die Bonitätsanforderungen der Verträge nicht mehr erfülle. Das Böblinger Restmüllheizkraftwerk ist nur ein Beispiel. Nach Auffassung von Fachleuten gibt es in Deutschland mindestens 140 solcher CBL-Verträge. In Baden-Württemberg und vor allem in Nordrhein-Westfalen griffen viele Kämmerer vor etwa zehn Jahren, als die Gewerbesteuereinnahmen eingebrochen und die Stadtkassen leer waren, zum Rettungsanker "Cross-Border-Leasing". In Mannheim sind die Kläranlage und das Abwassernetz der Stadt betroffen. Auch die größten Wasserversorgungsunternehmen im Südwesten, die kommunalen Verbände "Bodensee-Wasserversorgung" sowie die "Landeswasserversorgung", gingen CBL-Verträge ein. Das erste Unternehmen erzielte hiermit einen Erlös von 35 Millionen Euro, der zweite Wasserversorger nahm 24 Millionen Euro ein. Beide Unternehmen liefern Trinkwasser an Stadtwerke und versorgen somit etwa vier Millionen Bürger. In den Jahren 2001 und 2002 wollten die Verbandsmitglieder die CBL-Verträge unbedingt abschließen, um den Wasserpreis zu senken. Nun überprüfen beide Verbände bis zum Jahresende ebenfalls aus Anlass der Finanzmarktkrise ihre Verträge. "Wir müssen etwas ändern, und wir sind da dran", sagt Ortwin Rau, stellvertretender Geschäftsführer der Bodensee-Wasserversorgung. Hoffentlich seien die aus dem finanziellen Vorteil gebildeten Rücklagen von der Krise nur in einem geringen Umfang berührt: "Ich hoffe, wir müssen unsere Rücklagen nicht aufbrauchen, auch Bankfachleute geben hierüber zur Zeit keine Prognosen ab." Wenn stark auf die Rücklagen zurückgegriffen werden muss, sind die Wasserversorger gezwungen, die Preise zu erhöhen. Eine solche Preiserhöhung würden die Kommunen vermutlich an die Verbraucher weitergeben. FAZ 2008/10/09 Jetzt eine Senkung der Leitzinsen?. kA kA Politik Zitat EU Seite 2 Stimmen der Anderen Jetzt eine Senkung der Leitzinsen?. Zur Reaktion der Europäischen Union auf die Finanzkrise meint die Tageszeitung "El Periódico de Catalunya" (Barcelona): "Die Europäische Union hat Vernunft bewiesen. Die Finanzminister der 27 EU-Staaten waren zuletzt in der Lage, eine Linie zu entwerfen, die einer gemeinsamen Reaktion auf die Finanzkrise sehr nahe kommt. Ihre Beschlüsse erlauben den einzelnen Ländern zugleich eine gewisse Flexibilität. Es lässt sich noch nicht abschätzen, wie die Banken darauf reagieren. Aber es sieht so aus, als gingen die Entscheidungen der Minister in die richtige Richtung. Eine Senkung der Leitzinsen wäre jetzt die Medizin, die das wirtschaftlich kranke Europa zu einer Besserung vielleicht noch benötigte." FAZ 2008/10/09 Keine Atempause in Sicht Zinssenkung, Hilfspakete, Börsenkrach. Der Dax bricht abermals ein. Sarkozy rügt Merkel. London übernimmt Banken. hap. Politik Bericht EU Seite 1 kA Keine Atempause in Sicht Zinssenkung, Hilfspakete, Börsenkrach. Der Dax bricht abermals ein. Sarkozy rügt Merkel. London übernimmt Banken. hap. FRANKFURT, 8. Oktober. Die wichtigsten Notenbanken der Welt haben sich am Mittwoch mit einer konzertierten Aktion gegen die Finanzkrise zu stemmen versucht. Die Europäische Zentralbank (EZB), die amerikanische Notenbank sowie die Zentralbanken von Großbritannien, China, Schweden, der Schweiz und Kanada senkten die Leitzinsen um einen halben Prozentpunkt. Die japanische Notenbank nahm nicht an der Aktion teil, doch unterstütze sie die Schritte der anderen Notenbanken mit Nachdruck, hieß es in einer Mitteilung der EZB. Der Effekt der Zinssenkungen ist an den Börsen allerdings binnen zweier Stunden wieder weitgehend verpufft. Der Deutsche Aktienindex Dax schloss mit einem Minus von 5,88 Prozent bei 5013 Zählern. Am Vormittag hatte der Dax zum ersten Mal seit November 2005 die Marke von 5000 Punkten unterschritten. Auch die amerikanischen Börsen erlitten am Mittwoch abermals Verluste. Nach einem Bericht der französischen Zeitung "Le Canard Enchaîné" übte der französische Präsident Nicolas Sarkozy scharfe Kritik am Krisenmanagement Bundeskanzlerin Merkels. Sarkozy sagte demnach: "Wenn es ein Reinfall war, dann aber nicht meiner, sondern Merkels." Am Abend teilte das Präsidialamt in Paris jedoch mit, Frau Merkel und Sarkozy hätten in einem Gespräch volle Zusammenarbeit vereinbart. Die Regierungen bemühen sich um weitere Rettungsmaßnahmen. Mit einem umfangreichen Hilfspaket will die britische Regierung den Bankensektor des Landes vor den Folgen der Finanzkrise schützen. Sie schießt den größten Banken Liquidität zu, im Gegenzug erhält der Staat Vorzugsaktien. Das Paket umfasst umgerechnet rund 65 Milliarden Euro. Italien und Spanien kündigten ähnliche Hilfspakete an. Auch Österreich, die Slowakei und Griechenland erhöhten die Einlagensicherung. Die G-7-Finanzminister und -Notenbankchefs wollen auf ihrem Treffen am Freitag unter anderem neue Bilanzregeln erwägen, um den Banken weitere Milliarden-Abschreibungen zu ersparen. Bundesfinanzminister Steinbrück schlägt einen Acht-Punkte-Plan zur Stabilisierung des Weltfinanzsystems vor. Die Welt sei nicht annähernd aus dem Gröbsten heraus: "Es gibt bisher keine Anzeichen, wann diese Krise enden könnte." Aus Berlin verlautete, die Bundesregierung erwarte für das kommende Jahr nur noch ein Wachstum von 0,5 Prozent. Die Prognose wird kommende Woche vorgestellt. FAZ 2008/10/09 Risse im Fundament. kA Claus Tigges Politik Kommentar global Seite 1 kA Risse im Fundament. Von Claus Tigges. Die Schwierigkeiten im amerikanischen Finanzsystem haben sich zu einer globalen Finanzkrise ausgeweitet, die die Weltwirtschaft an den Rand einer Rezession treibt. An dieser Einschätzung kann kaum noch ein Zweifel bestehen, nachdem die amerikanische Federal Reserve, die Europäische Zentralbank und weitere führende Notenbanken aus der ganzen Welt gemeinsam ihre Leitzinsen gesenkt und die Geldhähne weiter aufgedreht haben. Das Vorgehen der Währungshüter ist ebenso beeindruckend wie beängstigend: Um die Märkte wie auch um die Volkswirtschaften insgesamt muss es schlimm bestellt sein, wenn die Notenbanker sich zu solch einer konzertierten Aktion entschließen. In der Tat wird immer deutlicher, dass von der Misere auf dem amerikanischen Häusermarkt mehr abhängt als nur das Schicksal einiger Banken, Versicherungen und Investmentfonds. Die Stabilität des gesamten Finanzsystems ist in Gefahr, weil dessen Fundament, das gegenseitige Vertrauen der Marktakteure, große Risse bekommen hat. Darunter leiden inzwischen auch Unternehmen und Haushalte, die nur noch schwer an notwendige Kredite kommen, um Investitionen oder den Kauf eines neuen Autos, geschweige denn eines Hauses zu finanzieren. Die Absicht der Zentralbanken ist klar: Mit ihrem abgestimmten Vorgehen wollen sie die Wirtschaft aus der gefährlichen Kreditklemme befreien und mit dem billigen Geld den Banken einen zusätzlichen Anreiz zur Darlehensvergabe bieten. Außerdem hegen sie die Hoffnung, dass die Zinssenkung auch die zum Zerreißen gespannten Nerven der Börsianer etwas beruhigen möge. Das ist aller Ehren wert, doch die Zweifel an den Erfolgsaussichten sind erheblich: Die Verstopfung im Wirkungskanal zwischen Geldpolitik und Wirtschaft, die vor allem bei den Kreditinstituten eingetreten ist, wird sich nicht über Nacht und durch eine Zinssenkung beseitigen lassen. Nur wenn das Vertrauen wieder wächst, wird auch die Bereitschaft größer werden, neue Risiken einzugehen. Die für ein gedeihliches Wachstum unentbehrliche Kreditvergabe wird erst dann wieder in Gang kommen, wenn sich der amerikanische Häusermarkt stabilisiert und die Banken sich gesundgeschrumpft haben. Bis dahin werden eher Monate als Wochen ins Land gehen. FAZ 2008/10/09 Stoßgebetszeit. kA bat. Feuilleton Kommentar BRD Seite 33 kA Stoßgebetszeit. Angesichts der sich stündlich verschärfenden Finanzkrise gibt uns die tägliche Fünfminutensendung "Börse im Ersten" festen Halt. Denn mit sonorem Grundton und gelegentlichen launigen Anmerkungen zu Bankern, Aktionären und anderen Leichtgläubigen verströmen die Moderatoren Anja Kohl und Michael Best Beruhigung. Wo noch so viel ironische Distanz möglich ist, kann der Börsenkrach nicht das Ende der Welt einläuten. Oder? Das glaubten wir zumindest bis zum 6. Oktober, als uns an diesem Abend plötzlich die Worte Anja Kohls wie die Glocken der Apokalypse im Ohr dröhnten. Der Papst, so hörten wir, habe erklärt, die akute Finanzkrise beweise: "Geld ist nichts." Die Börse, dieser Inbegriff des Weltlichen, hört auf das Oberhaupt der katholischen Christenheit? Sie, die Prophetin aller Finanzen, schwört dem Grundsatz "Geld regiert die Welt" ab? Was Anja Kohl uns eigentlich sagen wollte, lautet vor diesem Hintergrund wohl: "Da hilft nur noch beten." Derart um letzte Zuversichten gebracht, fallen uns anderntags die sonderbar vielen Lieferwagen von Aktenvernichtungsfirmen ins Auge, die in Frankfurts Bankenviertel kreisen. Zufall? Überreaktion unsererseits? Oder doch Indiz, dass das bisherige Bankenschwanken nur Vorbeben eines kompletten Zusammenbruchs ist? Versteh noch einer die Welt: Während die Börse das Beten lernt, lehrt die Kirche krisenfeste Geldanlagen. Als es in der vorigen Woche bei Frank Plasbergs "Hart aber fair" hieß "Börsencrash und Bankenpleite - wie sicher ist unser Geld noch?", wiesen Experten auf Kardinal Lehmann hin, dessen Stiftung "Hoher Dom Mainz" im Oktober 2007 via Landesbank Rheinland-Pfalz "Dom-Anleihen" ausgegeben hat. Kurzfristiger Dom-Gewinn infolge von je einem Prozent Spende der jeweiligen Anlagesumme aller Anleger: 56 000 Euro. Perspektive: Die Rendite hängt vom Dax und Div-Dax ab, im besten Fall erhalten die Investoren einen Aufschlag von fünfzig Prozent, im schlechtesten nach fünf Jahren ihre Investitionssumme. Genau solche Konditionen aber bot die kollabierte Investmentbank Lehman Brothers auch ihren Kunden. Deren Chef Richard Fuld widersprach vor zwei Tagen bei einer Anhörung im Kongress in Washington heftig, als man ihm vorwarf, er habe seinerzeit 500 Millionen Dollar an Gehalt und Prämien eingenommen, weigere sich nun aber, Verantwortung zu übernehmen. Es seien, so Fuld, seit dem Jahr 2000 lediglich 310 Millionen gewesen. Der Mann hat offenkundig weder dem Papst zugehört noch "Börse im Ersten" geschaut. bat. FAZ 2008/10/09 Köhlers Schweigen. Warum der Bundespräsident in der Finanzkrise versagt. Stefan Dietrich Feuilleton Kommentar BRD Seite 33 kA Köhlers Schweigen. Warum der Bundespräsident in der Finanzkrise versagt. Sage niemand, er habe die Augen vor der Wirklichkeit verschlossen. Im Mai, als viele hierzulande die amerikanische Immobilienkrise noch für ein fernes Wetterleuchten hielten - kein Grund, die Sonnenschirme einzuklappen -, da brach es mit ungewohnter Drastik aus Bundespräsident Köhler heraus: Die Finanzwelt habe sich gründlich blamiert, sagte er damals der Zeitschrift "Stern". Jedem verantwortlich Denkenden in dieser Branche müsse nun klar sein, "dass sich die internationalen Finanzmärkte zu einem Monster entwickelt haben, das in die Schranken gewiesen werden muss". Es war nicht das erste Mal, dass Horst Köhler das Monster-Wort in den Mund nahm. Drei Jahre zuvor hatte er es schon in einem Gespräch mit dem "Spiegel" benutzt. Die Globalisierung könne "zum Monster werden", wenn sie nicht durch Regeln eingehegt werde, hieß es da. Was jedoch für Regeln? Darauf kam Köhler nicht näher zu sprechen. Es wird denn auch niemand behaupten wollen, dass die Zustände auf den Finanzmärkten das Thema seiner Präsidentschaft seien. Das sind ganz andere Fragen. In der Außenpolitik ist es Afrika - unser heuchlerischer Umgang mit armen Ländern, die zwar alimentiert, aber gleichzeitig durch Billigimporte aus den Industrieländern an der eigenen Entwicklung gehindert werden. Innenpolitisch trat der Bundespräsident vom ersten Tag seiner Amtszeit an unermüdlich als Antreiber in Sachen Sozialstaatsreform auf. "Wir können uns kein verlorenes Jahr mehr leisten", sagte er bereits in seiner Antrittsrede. Köhler hat sich weit mehr als seine Vorgänger in die Politik eingemischt. Was er der Politik ins Aufgabenheft diktierte - Vorfahrt für Arbeit, Anpassung der Sozialsysteme an die demographische Entwicklung, Sanierung der Haushalte -, kam aus seinem Munde merkwürdigerweise immer viel besser an als aus dem Munde der Regierenden. Während seine Beliebtheitswerte stiegen, kam etwa Bundeskanzler Schröder ins Trudeln. Der Sturz dieses Kanzlers, dem er noch den Weg dazu ebnete, konnte Köhler aber nicht von seiner Ansicht abbringen, dass die Deutschen eigentlich viel reformfreudiger seien, als es die Bedenkenträger wahrhaben wollten. Mutmachen schien seine wahre Mission zu sein. Nur gelegentlich jedoch kam Köhler auch auf die "Gerechtigkeitslücke" zu sprechen, die nach der Agenda 2010 das Thema Arbeitslosigkeit von Platz eins verdrängte. Es entging ihm nicht, dass sich "vergleichsweise wenige enormer Einkommenszuwächse erfreuen, während die Einkommen der breiten Mittelschicht in Deutschland stagnieren oder real teilweise sogar sinken". Das war erfrischend offen, aber doch nicht das, was man von einem international erfahrenen Finanzfachmann an dieser Stelle erwarten durfte. Es fehlte ein Wort darüber, wie diese enormen Einkommenszuwächse bei den wenigen entstanden sind. Während der Nichtpolitiker Köhler jeweils recht genau weiß, was die Regierenden als Nächstes zu tun hätten, schweigt ausgerechnet jetzt der ausgewiesene Finanzexperte Köhler - wenn auch nicht nur er - darüber, dass sich innerhalb weniger Jahre die zwischen Banken und sogenannten Finanzdienstleistern hin- und hergeschobenen Gelder vervielfacht haben, ohne dass entsprechende Werte geschaffen worden wären. Wie konnte ihm entgehen, dass der (angebliche) Wert aller in der Welt umlaufenden Papiere nur noch zu einem Zehntel durch tatsächlich produzierte Ware gedeckt ist? Der Rest ist virtuelles Geld, das sich bei einigen wenigen materialisiert hat, bei vielen Kleinanlegern aber gerade in Luft auflöst beziehungsweise von den Politikern nun in reale Münze eingetauscht werden soll. Als das Wetterleuchten schon zum hyporealen Sturm über Deutschland angewachsen war, sprach Köhler vor Genossenschaftsbankern zum zweihundertsten Todestag ihrer Gründerfigur Hermann Schultze-Delitzsch. Er pries den Mittelstand, die Genossenschaftsidee und die Verantwortung als Voraussetzung für Freiheit. "Sie werden gemerkt haben", sagte er zum Schluss, "dass ich in meinem Grußwort bewusst nicht ausdrücklich auf die Finanzkrise eingegangen bin. Aber im Grunde ist es auch ein Kommentar auf diese Krise, wenn ich von Bankgründern mit Gemeinsinn spreche und von Bankvorständen mit wachem Bewusstsein auch für ihre soziale Verantwortung." Auch ein Kommentar: Das ist das Eingeständnis von Ratlosigkeit nach so vielen Reden, in denen uns das Heil von Flexibilität, Mobilität und Verzicht auf Besitzstände versprochen, das drohende Unheil aber tunlichst beschwiegen worden war. Es wird Zeit, dass der Bundespräsident das Thema wechselt. Eine zweite Amtszeit müsste Horst Köhler sich damit verdienen, dass er die Politikerrolle abstreift und zum Finanzberater der Republik wird. STEFAN DIETRICH FAZ 2008/10/09 Islands Banken in Trümmern. kA lzt. Finanzmärkte und Geldanlage Bericht Island Seite 22 kA Islands Banken in Trümmern. lzt. FRANKFURT, 8. Oktober. Die Geldautomaten auf Island funktionieren noch, aber der Finanzsektor des Landes gleicht einem Trümmerfeld. Seit der Nacht zum Mittwoch kontrolliert die staatliche Finanzaufsicht ISFA die Glitnir-Bank. Schon am Dienstag hatte die Behörde die Führung von Landsbanki übernommen. Beide Eingriffe hat die am Montagabend im isländischen Parlament verabschiedete Notstandsgesetzgebung zur Abwendung eines Wirtschaftskollapses möglich gemacht. An dessen Rande taumelt im Sog der Finanzkrise die knapp 315 000 Einwohner zählende Insel, weil ihre seit 2003 rasant gewachsenen Großbanken Verbindlichkeiten von bis zu 100 Milliarden Euro aufgenommen haben. Nun steuert der Staat, der schon vor zehn Tagen die Mehrheit der Anteile an Glitnir gekauft hat, zwei der drei größten Finanzkonzerne des Landes. Auch der dritte hängt am öffentlichen Tropf: Die Kaupthing-Bank, der die isländische Notenbank schon am Dienstag mit bis zu 500 Millionen Euro unter die Arme gegriffen hat, stellte am Mittwoch auch die schwedische Notenbank einen Notfallkredit von 5 Milliarden Kronen (516 Millionen Euro) zur Verfügung. Der schwedische Arm der Bank steht zum Verkauf, in Stockholm wurde der Handel mit der Kaupthing-Aktie ausgesetzt. Für die Tages- und Festgeldkonten der deutschen Kunden gelte weiterhin die gesetzliche Einlagensicherung bis zu einer Höhe von 20 887 Euro, sagte ein Sprecher der Bank. Liquidität und Kreditwürdigkeit hat auch die inzwischen verstaatlichte Landsbanki ihren Kunden in Europa lange zugesichert - zu lange, wie die niederländischen Finanzbehörden am Mittwoch befanden. Sie haben die Guthaben von Icesave, der niederländischen Online-Sparte von Landsbanki, beschlagnahmt. Die britische Regierung hat Schadenersatzklagen gegen Island angedroht, weil dessen Regierung sich weigert, für Konten von Icesave zu haften. Auf der Suche nach Hilfe verhandeln Regierung und Notenbank nun mit dem internationalen Währungsfonds und der russischen Regierung über Milliardenkredite. FAZ 2008/10/09 Zinssenkung ohne die Bank von Japan. kA pwe./hig. Finanzmärkte und Geldanlage Bericht Japan Seite 22 kA Zinssenkung ohne die Bank von Japan. Japan hat sich der jüngsten Zinssenkungsrunde von sechs großen Notenbanken nicht angeschlossen. Die dortigen Finanzmärkte seien relativ stabil, lautet die Begründung. pwe./hig. TOKIO, 8. Oktober. Die Aktienkurse in Japan fallen von einem Mehrjahrestief zum nächsten, und der Yen wertet kräftig auf. Dennoch hat die Bank von Japan sich am Mittwoch der Zinssenkungsrunde von sechs großen Notenbanken in Nordamerika und Europa nicht angeschlossen. Der Leitzins in Japan bleibt weiterhin bei 0,5 Prozent. Dieses "sehr niedrige" Niveau ist ein Teil der Erklärung für die Zurückhaltung der Bank von Japan, wie die Zentralbank am Mittwochabend in Tokio in einer Stellungnahme hervorhob. Zugleich aber wies die Bank von Japan darauf hin, dass die heimischen Finanzmärkte im Vergleich mit denen in anderen der Industriestaaten "vergleichsweise stabil" seien. Seit Ausbruch der Finanzkrise im Sommer des vergangenen Jahres ist in Japan noch keine Bank untergegangen, wenngleich die Gewinne schrumpften. Doch sind die Belastungen aus dem Wertpapiergeschäft mit amerikanischen Hypotheken und infolge der Verwerfungen an den Finanzmärkten bislang weitaus niedriger als in den westlichen Industriestaaten. Japans große Banken seien zumindest kurzfristig die Gewinner dieser Finanzkrise, sagte der Chefvolkswirt von Nomura Securities, Takahide Kiuchi, jetzt in Tokio. Sie seien stark genug für die Expansion im Ausland. Kleinere Banken könnten aber auch in Japan noch in Schwierigkeiten kommen. Auch der Geldmarkt ist in Japan in den vergangenen Wochen weniger ausgetrocknet als anderswo. Die heimischen kapitalstarken Banken erhalten Tagesgeld im Interbankenhandel für weniger als den Leitzins. Misstrauen herrscht in Tokio freilich gegenüber ausländischen Banken, die höhere Zinsen für Tagesgeld zahlen müssen. Der Lombardsatz von 0,75 Prozent aber begrenzt den Aufschlag nach oben. Die Bank von Japan steht bereit, mit weiterer Liquiditätszufuhr in den Geldmarkt die Stabilität des Finanzsystems zu stützen. Auch kündigte die Zentralbank am Mittwoch eine schnelle Überprüfung des Reservesystems an, um die Effektivität der monetären Steuerung zu verbessern. Die tiefsten Spuren hat die Finanzkrise bislang am Aktien- und am Währungsmarkt hinterlassen. Am Mittwoch fiel der Nikkei-225-Index um 9,4 Prozent und schloss mit 9203 Punkten. So niedrig lag der Leitindex zuletzt im Juni 2003. Seit Jahresbeginn hat der Börsenindex nun 40 Prozent verloren. In den Kursverlusten spiegelt sich die allgemeine Schwäche der japanischen Wirtschaft im Abschwung, aber auch der zunehmend wegbrechende Export nach Nordamerika und Europa. So drückt die Finanzkrise indirekt auf die Gewinnaussichten der Unternehmen. Die Aufwertung des Yen, der seit Jahresbeginn rund 12 Prozent gegenüber dem Dollar gewonnen hat, trägt zu den Exportsorgen bei. Die Entscheidung der Bank von Japan, sich an der Zinssenkungsrunde nicht zu beteiligen, stärkt den Yen dabei zusätzlich. Nach der Ankündigung der Zentralbanken wertete der Yen weiter auf und wurde zeitweise mit weniger als 99 Yen je Dollar gehandelt. Der Yen-Kurs könne noch auf 95 Yen je Dollar fallen, erwartet Satoru Ogasawara, Ökonom von Credit Suisse in Tokio. Der Kapitalabfluss aus Japan verlangsame sich, weil die Risikoneigung abnehme. "Es gibt derzeit keinen Grund für Ausländer, in Japan Yen aufzunehmen und anderswo zu investieren", sagte Ogasawara. Aus Sicht von Kiuchi von Nomura Securities wird der japanische Aktienmarkt zum Jahresende den Boden erreichen. Der Nikkei-Index könne bis dahin auf 9000, vielleicht sogar auf 8000 Punkte fallen. Bis ins zweite Quartal des kommenden Jahres hinein werde sich die japanische Wirtschaft noch etwas abschwächen, erwartet Kiuchi: "Der Ende 2007 begonnene Abschwung wird aber insgesamt schwächer ausfallen als frühere und vor allem kleine und kleinste Unternehmen treffen." Wenn der Anstieg des Ölpreises gebremst werden könne, werde die japanische Wirtschaft im dritten Quartal 2009 wieder Fahrt aufnehmen. FAZ 2008/10/09 Der Emissionskalender. Alles ist möglich. Stefan Ruhkamp Finanzmarkt Bericht global Seite 21 Emissionskalender Der Emissionskalender. Alles ist möglich. Die Finanzkrise treibt ihrem Höhepunkt entgegen. Alle Versuche, die Lage zu stabilisieren - staatliche Garantieerklärungen und die ständige Bereitstellung von Liquidität durch die Notenbanken -, wirkten nur kurzfristig. So wird immer deutlicher, dass es ohne noch weitreichendere Eingriffe der Staaten nicht gehen wird. Großbritannien und Island haben schon damit begonnen, Teile ihres Bankensystems zu verstaatlichen. Andere werden folgen. Dieser Trend muss auch die Anleiheinhaber interessieren, denn sie sind Gläubiger der Staaten und werden wohl über kurz oder lang um weiteres Geld gebeten. Sind also Renditen von deutlich weniger als 4 Prozent bei Bundesanleihen angesichts einer Inflationsrate von 3,6 Prozent für Anleger ein schlechter Witz? Dann sollte man die Finger von langen Laufzeiten lassen und sein Vermögen flüssig halten. Oder wird man sich vielmehr in einigen Monaten oder Jahren nach solchen Zinsen zurücksehnen, weil das Zinsniveau sich wie einst in Japan der Null-Linie nähert? Dann müsste man sich die - vermeintlich unattraktiven Zinsen - für lange Zeit sichern, denn es wäre mit noch niedrigeren zu rechnen. Beide Möglichkeiten sind - so paradox es klingt - im Bereich des Möglichen. Entscheidend wird sein, wie die Staaten und die Notenbanken mit der Finanzkrise und den aus ihr entstehenden Kosten umgehen werden. Die gemeinsame Notfall-Leitzinssenkung der großen Notenbanken am Mittwoch lässt sich auf zwei Arten lesen. Sie könnte der Beginn einer Inflationierungspolitik sein. Der Staat würde sich in einem solchen Szenario hoffnungslos verschulden, um die Rettung des Finanzsektors zu bezahlen. Durch die Teuerung würden diese Schulden schleichend oder in hohem Tempo entwertet. Andererseits sind die wirtschaftlichen Aussichten inzwischen aber so schlecht, dass die Teuerung auf absehbare Zeit das geringste Problem sein könnte. Manche Rentenstrategen halten die Neigung des Staates, die Kosten der Finanzkrise per Inflation umzuverteilen, in Amerika für ausgeprägter als in Europa. Die Europäische Zentralbank hat sich in der Finanzkrise bislang souveräner und weniger hektisch gezeigt als die Amerikaner. Die Beteiligung an der gemeinschaftlichen Zinssenkung dürfte in der EZB keine Begeisterung ausgelöst haben, aber immerhin gibt es, abgesehen von der Notlage auf den Kreditmärkten, andere gute Gründe dafür, dass man sich einen solchen Schritt leisten kann. Die Rohstoffpreise sind stark gefallen. Gegenüber dem Rekordhoch hat sich der Ölpreis nahezu halbiert. Und so sind die Inflationsraten schon jetzt rückläufig, obwohl der absehbare wirtschaftliche Abschwung, der in einer Rezession münden dürfte, gerade erst begonnen hat. Die Schieflage des Bankensystems führt schon jetzt zu einer Verknappung der Kreditvergabe. Noch sind die Kassen der Unternehmen leidlich gefüllt. Und wer jetzt schon an Geld kommen muss, bekommt es im Regelfall auch - wenngleich für einen stark erhöhten Zins. Aber über kurz oder lang werden die Banken ihre Kreditvergabe so stark einschränken, dass es für viele Unternehmen wirklich schmerzhaft wird. In einem solchen Umfeld wird es schwieriger, Preiserhöhungen durchzusetzen. Wenn also auf die erste Zinssenkung der EZB nicht weitere ungezügelte Schritte folgen, um die panische Stimmung unter den Banken und auf den Kapitalmärkten um jeden Preis zu beruhigen, dann gibt es für Anleiheinvestoren keinen Grund zur Beunruhigung. Dann wären sie mit Anleihen erstklassiger Qualität gut bedient. Doch was verdient heutzutage das Prädikat "erstklassig"? Sicher Bundesanleihen, wenn man mal die Inflationsphantasien beiseitelässt. Bundesanleihen sind derzeit aber so begehrt und teuer, dass die jährliche Rendite sich der Inflationsrate annähert. Viel mehr als 3,7 Prozent sind nicht möglich. Dafür gibt es allerdings auch ein Höchstmaß an Sicherheit. Wer selbst dem Bund nicht traut, dem bleibt nichts als der Kauf von Goldmünzen. Das klingt in Krisenzeiten verlockend, kann aber nicht weniger riskant sein als der Kauf einer Aktie. Etwas höhere Renditen bei vertretbaren Risiken sind möglich. Staatsanleihen anderer Euro-Länder zählen sicher dazu, auch wenn Spanien gerade den Preis für seinen überhitzten Immobilienmarkt zahlt. Die Spanier tun das immerhin aus einer soliden Position heraus. Der Staat hat in den vergangenen Jahren sparsam gewirtschaftet. Wer dennoch misstrauisch ist, kann sich wenigstens für Frankreich oder die Niederlande erwärmen, deren lang laufende Anleihen jährliche Renditen von gut 4 Prozent ermöglichen. Eine solide Anlage sind auch heimische Pfandbriefe - trotz der Beinahepleite der Hypo Real Estate. Die Rettung der Münchener Bank hat gezeigt, dass der deutsche Staat bereit ist, den Pfandbriefmarkt gegen jeden Zweifel abzuschirmen. Mit einer Quasi-Staatsgarantie ausgestattet, können Inhaber der mit Hypotheken oder Staatskrediten besicherten Anleihen gelassen bleiben. Sie müssten selbst im Fall, dass doch noch ein Emittent in die Pleite geschickt wird, keinen Totalverlust fürchten. Pfandbriefe sind für den Insolvenzfall mehr als ausreichend besichert. Allerdings müssen die Anleger damit leben, dass der Handel gestört ist. Einmal gekaufte Titel können derzeit nur mit prohibitiv hohen Kursabschlägen wieder verkauft werden. Stefan Ruhkamp FAZ 2008/10/09 Die Börse heute. Baldrian für die Märkte. ruh. Finanzmarkt Bericht global Seite 21 kA Die Börse heute. Baldrian für die Märkte. Vielleicht setzt die Wirkung ja doch noch ein. Nachdem die Not-Zinssenkungen der Zentralbanken am Mittwoch wirkungslos verpufft sind, müssen sich die Aktienanleger an jeden Strohhalm klammern. Und so bleibt die Hoffnung, dass Staat und Notenbank noch mehr Baldrian verabreichen. Die Ergebniszahlen der Unternehmen - am Freitag berichtet General Electric - werden angesichts der Bankenkrise nur nachrangige Bedeutung haben. Das gilt erst recht für den Arbeitsmarktbericht. Es dürfte sich aber dennoch lohnen, hinzuschauen. Denn die Finanzkrise beginnt schon jetzt, die Wirtschaft zu lähmen. ruh. FAZ 2008/10/10 Die Geschichte wiederholt sich nicht. Wirtschaftshistoriker betonen Unterschiede der jetzigen Finanzkrise zu der großen Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre. ppl. Wirtschaft Bericht global Seite 15 kA Die Geschichte wiederholt sich nicht. Wirtschaftshistoriker betonen Unterschiede der jetzigen Finanzkrise zu der großen Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre. ppl. FRANKFURT, 9. Oktober. Die Kurse an den Börsen rund um die Welt brechen ein, große Banken taumeln. Verzweifelt versuchen die Regierungen, mit Garantieerklärungen das Finanzwesen zu stabilisieren. Ängstliche Gemüter sehen eine Wiederholung der Weltwirtschaftskrise der frühen dreißiger Jahre kommen. Es gibt erschreckende Parallelen. Doch Ökonomen betonen, dass sich die heutigen Verhältnisse von den damaligen erheblich unterscheiden. "Wir haben eine völlig andere Lage der Notenbanken", sagt der Wirtschaftshistoriker Christoph Buchheim von der Universität Mannheim. "Die damaligen Währungen waren alle an den Goldstandard gebunden, daher konnten die Zentralbanken nicht spontan Liquidität schaffen, um den Banken zu Hilfe zu eilen." Der amerikanische Ökonom Barry Eichengreen hat dies als "goldene Fesseln" bezeichnet. Je mehr Kapital aus Deutschland abfloss, desto stärker musste die Reichsbank die Geldmenge einschränken, erklärt Buchheim, der daran erinnert, dass der Bankenkrise von 1931 zwei Jahre scharfe Rezession mit hoher Arbeitslosigkeit und einem allgemeinen Verfall der Güterpreise von mehr als 25 Prozent vorausgingen. Auch der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser von der Universität Bielefeld betont, dass die Bankenkrise damals Folge eines schweren realwirtschaftlichen Einbruchs war. "Ab 1928/1929 hatten wir einen Abschwung, diese Krise erreichte dann Anfang 1931 die Banken." Eine der vier damaligen Großbanken, die Berliner Danat-Bank, kam in eine Schieflage, als im Mai 1931 die mit ihr verflochtene Wiener Creditanstalt pleiteging und wenig später ein norddeutsches Textilunternehmen Konkurs anmeldete. Es kursierten Gerüchte, dass auch die Danat zahlungsunfähig sei. Dies löste im Juli 1931 einen "Run" auf das Kreditinstitut aus: Sparer und Anleger wollten ihr Geld abheben. "Die anderen Großbanken wollten die Danat nicht retten, sie freuten sich sogar insgeheim, dass ein Konkurrent unterging", sagt Abelshauser. Wenig später erfasste die Vertrauenskrise alle deutschen Banken, vor den Schaltern bildeten sich lange Schlangen. Die Regierung sah keinen anderen Ausweg, als die Banken zu schließen. Es gab "Bankfeiertage", während derer der gesamte Zahlungsverkehr ruhte. Um die Banken zu retten, entschloss sich die Regierung von Heinrich Brüning zur Verstaatlichung der mit der Dresdner Bank fusionierten Danat-Bank, indem das Reich die Aktienmehrheit übernahm. Auch die Commerzbank wurde zwangsfusioniert, ging in Staatseigentum über und wurde erst 1937 privatisiert. "Verschärft wurde die Bankenkrise in den dreißiger Jahren dadurch, dass es zwischen den nationalen Zentralbanken und den Regierungen ein extremes Misstrauen gab", erklärt Abelshauser. So wollte Frankreich Hilfskredite an die Bedingung knüpfen, dass es keine deutsch-österreichische Zollunion gebe. Das Misstrauen lähmte die Versuche zu einer koordinierten Lösung der Krise. "Heute ziehen sie alle an einem Strang", sagt Abelshauser. "Die Wirtschaftspolitik hat aus den damaligen Fehlern gelernt", sagt Buchheim. "Heute stemmen sich die Zentralbanken und die Regierungen gemeinsam gegen die Krise." Er schätzt, dass die staatliche Garantie für die Einlagen die Bürger beruhigen wird. "Mit dem Staat assoziiert man einen sicheren Hafen, der Bund ist solvent", sagt Buchheim. Die Garantie werde den Steuerzahler auch nichts kosten, wenn damit ein "Run" auf die Banken verhindert werde. Abelshauser betont, dass der Staat sich in der heutigen Krise handlungsfähig zeige. "Damals hatten wir zusätzlich eine Staatskrise." Derzeit bestätige sich, dass der Nationalstaat nicht überholt sei. Er zitiert den Staatsrechtler Carl Schmitt: "Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet." Jetzt habe die Bundesregierung über den Ausnahmezustand entschieden. Abelshauser sieht aber eine neue Herausforderung am Horizont. Auf die Bankenkrise von 1931 folgte bald das Zerbrechen des Weltwirtschaftssystems, als Großbritannien den Goldstandard aufgab und sich auf den Markt des Commonwealth konzentrierte. Zuvor hatte sich schon Amerika hinter Zollmauern verschanzt, worauf sich protektionistische Handelsblöcke bildeten. Im gegenwärtigen Wahlkampf in Amerika sehe er ähnliche Tendenzen. FAZ 2008/10/10 Die Castells führen ihre Bank wie ihren Wald. Seit 1774 gibt es die Castell-Bank, und sie ist noch in Händen der Gründerfamilie. Wie in ihrem Wald zählt bei der Bank vor allem die Langfristigkeit. Christian v. Hiller Finanzmärkte und Geldanlage Reportage BRD Seite 27 kA Die Castells führen ihre Bank wie ihren Wald. Seit 1774 gibt es die Castell-Bank, und sie ist noch in Händen der Gründerfamilie. Wie in ihrem Wald zählt bei der Bank vor allem die Langfristigkeit. Von Christian v. Hiller. CASTELL, 9. Oktober. Über die Folgen der Finanzkrise, die derzeit die Welt erschüttert, denkt Ferdinand Graf zu Castell-Castell am liebsten in seinem Wald nach. Es ist nicht allein die Ruhe, die er im Steigerwald, 40 Kilometer östlich von Würzburg, sucht. Der Besitzer der Castell-Bank zeigt aus seinem Landrover auf eine kahle Stelle, die der letzte Sturm in seine Fichtenbestände gerissen hat. Der Anblick ist so schrecklich wie der Blick in viele Wertpapierdepots. "Im 19. Jahrhundert wurde der traditionelle Mischwald hier zugunsten der Fichte geopfert", erzählt Castell. Die wuchs schnell und erbrachte hohe Erträge. Die Risiken dieser Monokultur wurden vernachlässigt. Doch die Jagd nach dem schnellen Geld kam die Castells teuer zu stehen. Stürme, Schneebrüche und Ungeziefer setzen den Beständen zu. "Das ist eine Katastrophe, was hier passiert", sagt Castell. Der Graf redet nur scheinbar über Waldbau. Ihm geht es um die Finanzkrise: "Die Banken sind den hohen Erträgen nachgejagt und haben darüber die Risiken vergessen." Castell zieht daraus für die Bank und den Forst dieselben Lehren: Im Wald wendet er sich von der Monokultur ab und setzt auf Artenvielfalt, Naturverjüngung und eine Mischung aus alten und jungen Bäumen, aus Substanz und Wachstumswerten. Läuft Buche nicht, dann vielleicht Edelkirsche oder Riegelahorn - das ist sein Motto. Auch in der Bank muss die Familie vorsichtig agieren. "Wenn wir Dummheiten machen, fängt uns niemand auf", sagt Castell unter Anspielung auf die Rettung des angeschlagenen Immobilienfinanzierers Hypo Real Estate: "Wir müssen selbst auf uns aufpassen." Die Grafen Castell sind eines der ältesten Adelsgeschlechter Deutschlands. Seit dem Jahr 1057 nachgewiesen, bis zum Jahr 1806 souveräne Herren über die Grafschaft Castell, seit dem Jahr 1905 im Fürstenstand. Die Familie besteht aus zwei Linien - Castell-Castell und Castell-Rüdenhausen. Mit den Bleistift-Königen, den Grafen von Faber-Castell, sind sie weitläufig verwandt. Die Grafen Castell - das sind 5000 Hektar Wald, 400 Hektar Landwirtschaft und 70 Hektar Wein. Hinzu kommt seit dem Jahr 1774 eine Bank, die Fürstlich Castell'sche Bank, eine der ältesten deutschen Privatbanken und immer noch im Besitz der Gründerfamilie. Im Vergleich zu anderen Banken plagen derzeit Luxusprobleme den Grafen Castell und Bankvorstandsmitglied Wolf-Christian Maßner. "Wir haben regelmäßig einen Überschuss an Liquidität, den wir am Geldmarkt plazieren", sagt der Bankmanager. Während viele Banken verzweifelt frisches Geld suchen, bringen die Kunden der Castell-Bank mehr Geld auf ihre Konten, als sie abheben. Doch dies ist nicht die einzige Besonderheit der Castell-Bank - Ungewöhnliches zieht sich durch ihre gesamte Geschichte. Allein dass sich eine Adelsfamilie überhaupt in Geldgeschäfte engagierte, ist selten, war das Finanzgewerbe doch dem Adel lange Zeit vielerorts verboten. Die Castell-Bank wurde nicht aus Profitstreben gegründet. Im 18. Jahrhundert trieb eine Hungersnot viele Menschen in Unterfranken in die Not. Daraufhin entschieden die Herren über die Grafschaft, eine Sparkasse zu gründen, die wohltätigen Zwecken verpflichtet war und den Castellschen Untertanen durch die schwere Zeit helfen sollte. Die Gräflich Castell'sche Credit-Casse war nicht nur dem Geiste nach Sparkasse. Sie war es tatsächlich und wurde später sogar Mitglied im bayerischen Sparkassenverband. 1857 gründeten die Castells eine zweite Bank, eine klassische Privatbank, die Unternehmen finanzierte und Vermögen verwaltete. Im Jahr 1941 wurden die Alte Credit-Casse und die Neue Credit-Casse - so hießen die beiden Castell-Banken tatsächlich - fusioniert. 1972 folgte der Umzug nach Würzburg. Der Zusammenschluss änderte an dem Geschäftsmodell wenig. Auch heute noch ist die Bank gleichzeitig Regionalbank mit derzeit 14 Filialen, die für viele Privatkunden die Girokonten führt, und Privatbank, die anspruchsvolle Bankgeschäfte wie Unternehmensfinanzierungen und Vermögensverwaltung anbietet. Mit dem einen Standbein sieht sie sich regional verwurzelt, mit dem anderen ist sie weitflächig aktiv. Auf etwas mehr als eine Milliarde Euro Bilanzsumme kam die Bank Ende 2007 und auf ein Eigenkapital von 64 Millionen Euro. Rund 270 Beschäftigte zählt sie. Damit ist die Castell-Bank von der Bilanzsumme her in etwa so groß wie eine mittlere Sparkasse, die von Garmisch-Partenkirchen oder von Wittenberg, Bitterfeld oder Cuxhaven zum Beispiel. Vergleichbare Privatbanken sind größer: Metzler kommt auf 2,5 Milliarden Euro, Hauck & Aufhäuser auf 2,9 Milliarden Euro, die Berenberg-Bank auf 3,6 Milliarden Euro. Eine Bank wie ein Mischwald: Dieser Vergleich mag in den vergangenen Jahren in den Großbanken belächelt worden sein. Doch in der jetzigen Krise zahlt das Konzept sich aus. Denn das regionale Geschäft bringt Stabilität. Hier kommt die Liquidität herein, dank deren die Castell-Bank nun zu ihrer eigenen Finanzierung nicht auf das Wohlwollen anderer Banken angewiesen ist. "Es ist auch Teil unserer Identität, dass unsere Bank für alle in der Region offen ist", sagt der Graf. Das Dorf Castell ist ein kleiner Flecken in Unterfranken mit 520 Einwohnern. Malerisch schmiegen sich die Häuser an einen Bergrücken. Der Turm der längst abgerissenen Stammburg der Familie ragt weit ins Land. Im Ortskern liegt die Filiale der Castell-Bank. Ansonsten bietet der örtliche Einzelhandel wenig, einen Bäcker, den Gemischtwarenladen von Hermine Schaller und unten an der Durchgangsstraße Ernas Saftladen. Hier wohnt auch der Zweig Castell-Castell in einem herrschaftlichen Schloss. Der andere Zweig lebt im Nachbarort Rüdenhausen, drei Kilometer entfernt. Im Jahr 1803 bildeten sich die beiden Familienzweige heraus, verwalten aber auch heute noch gemeinsam ihren weitgespannten Besitz. Für Castell-Castell macht dies der 1965 geborene Ferdinand Erbgraf zu Castell-Castell. Für den anderen Zweig führt Johann-Friedrich Fürst zu Castell-Rüdenhausen die Geschäfte - sein Vater ist vor einem Jahr im Alter von mehr als 90 Jahren verstorben. Das Eigentum am Wald beispielsweise ist zwar geteilt - jede Linie besitzt in Unterfranken rund 1800 Hektar, und der Zweig Castell-Rüdenhausen hat für sich noch 1400 Hektar in Thüringen gekauft. Aber geführt wird der Forst aus einer Hand. Weinbau jedoch betreiben nur die Castell-Castells. Die Bank wiederum gehört beiden Linien je zur Hälfte. Wie bei allen Unternehmen der Castells besorgen Angestellte das operative Geschäft. Bei der Bank kommt auch der Aufsichtsratsvorsitzende von außen. Es ist Hans Hermann Reschke, der lange Jahre in der Führung des Bankhauses Metzler aktiv war. Den stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitz haben die beiden Vettern, die ihren jeweiligen Familienzweigen vorstehen. Diese Konstellation ist für die externen Manager nicht immer leicht. "Ich musste erst lernen, was es bedeutet, in einem Familienunternehmen zu arbeiten", sagt Bankvorstand Maßner, der erst für einen amerikanischen Finanzdienstleister und dann für das Bankhaus Delbrück gearbeitet hatte, bis dieses zu Delbrück Bethmann Maffei fusioniert wurde. Die Bank wird ähnlich wie der Wald geführt, wo sich die Zeiträume in Jahrzehnten messen. "Natürlich sind für uns Quartale, Monate und manchmal auch Tagesabrechnungen wichtig", sagt Graf Castell, "aber wir stellen uns immer auch die Frage: Was ist langfristig für uns gut?" Um eine Antwort zu finden, schaut Castell in seinen Wald. Mit Fichten war der Betrieb nicht mehr wettbewerbsfähig. Zu groß ist der Konkurrenzdruck aus Skandinavien und Russland für einen - gemessen am Weltmarkt - doch kleinen Anbieter wie die Castells. "Wir müssen weg vom Massensortiment, hin zu den Spezialitäten", sagt Castell, während sein Blick über die vom Sturm kahl gefegten Waldflächen schweift, und meint damit auch die Bank. Diese positioniert sich ebenfalls als Spezialist, der, wenn nötig, auf die Produktexpertise anderer Banken zurückgreift. Zum Beispiel bei Ratenkrediten arbeitet die Castell-Bank mit einem Anbieter zusammen, der dies besser könne. "Bei den Preisen der Konsumentenfinanzierer können wir nicht mithalten", sagt Maßner. "Aber der Kunde muss so etwas wissen", fügt Castell an. Die Zukunft der Bank sehen Maßner und Castell vor allem in der Privatbank. Hier betreibe die Bank das Firmenkreditgeschäft sehr regional. "Der Kunde sollte nicht weiter als eine Autostunde von seinem Berater sein", formuliert Castell den Grundsatz: "Wir wollen den Kunden kennen." Deshalb sei die Bank auch nicht in amerikanischen Immobilienkrediten engagiert, wie sie die IKB oder die Hypo Real Estate an den Rand des Zusammenbruchs geführt haben. Auch verkaufe die Bank aus Prinzip keine Kredite weiter. Das hat sich jetzt in der Finanzkrise ausgezahlt. Doch für die Eigner ist dies teuer. Sie beschränken sich zurzeit auf eine Gewinnausschüttung von einer Million Euro im Jahr für jeden der beiden Familienzweige. Was darüber hinausgeht, soll die Eigenkapitalausstattung der Bank stärken, weil dies für das Kreditgeschäft wichtig ist. Selbst unter den deutschen Privatbanken zählt die Castell-Bank zu den kleineren. Eine Zeitlang hatte Graf Castell Zweifel, ob die Bank die Unabhängigkeit bewahren könne. "Ich glaube nicht mehr, dass wir zu klein sind und vom Karussell fliegen", sagt der Graf heute. "Vielmehr stelle ich fest, dass die Nachfrage nach der Art, wie wir Bankgeschäft verstehen, steigt." Und wieder schweift Ferdinand gedanklich in den Wald: "Katastrophen sind im Waldbau normal", sagt er. In seine Fichtenbestände reißt der Borkenkäfer derzeit tiefe Löcher, und er wird sich mit rasender Geschwindigkeit weiter ausbreiten. Doch die Buchen, Eichen, Kirschen und anderen Bäume bleiben verschont. Damit verzichtet der Betrieb vielleicht auf kurzfristig maximalen Profit. Doch langfristig hält Graf Castell dies für die solidere Strategie: "Wissen Sie, uns gibt es auch deshalb noch, weil wir eine Reihe von Geschäften nicht gemacht haben." FAZ 2008/10/10 Industriemetalle in der Baisse. Konjunkturschwäche lässt sinkenden Bedarf erwarten. Der Rohstoffbericht. gap. Finanzmärkte und Geldanlage Bericht global Seite 26 kA Industriemetalle in der Baisse. Konjunkturschwäche lässt sinkenden Bedarf erwarten. Der Rohstoffbericht. gap. FRANKFURT, 9. Oktober. Die börsengehandelten Industriemetalle befinden sich auf steiler Talfahrt. Die jüngste Verkaufswelle stellt jedoch in den meisten Fällen nur die Fortsetzung einer Baisse dar, die schon im vergangenen Jahr, ja schon 2006 begann. Die gegenwärtige Schwächephase ist nach allgemeiner Deutung Ausdruck der Sorge, dass die Weltwirtschaft als Folge der Finanzkrise stark einbricht und dass dies den Bedarf an Metall erheblich schwinden lassen könnte. Händler sprechen jedoch eher von einem Käuferstreik an den einzelnen physischen Märkten als von massivem Angebot dort. Die Verarbeiter hätten begonnen, sich von der Hand in den Mund zu versorgen. Sie brauchten noch vorhandene Vorräte auf und kauften nur noch die Mengen, die sie unbedingt benötigten, heißt es. Dahinter steht gewiss die Überlegung, dass die Metalle noch billiger werden könnten. Doch auch die schwierig beziehungsweise teuer gewordene Finanzierung von Vorräten spielt in vielen Fällen sicherlich eine Rolle. Wenig wird nach Meinung von Fachleuten beachtet, dass die zurückliegenden, im Rückblick meist krass überzogen erscheinenden Preissteigerungen an den Metallmärkten auch massive Anreize zu höherer Produktion gegeben haben. Da die Bergbauunternehmen und die Metallproduzenten eine sich meist über Jahre erstreckende Vorlaufzeit benötigen, bevor sie das Angebot aus neuen Projekten und erweiterten Kapazitäten bereits vorhandener Betriebsstätten nennenswert steigern können, muss man schon einige Zeit zurückblicken, um erkennen zu können, wann die Zeichen für spürbar steigendes Angebot gesetzt wurden, mit der sich die Märkte nun und wohl auch in Zukunft konfrontiert sehen. Für viele Produzenten scheint jetzt der Punkt gekommen zu sein, den sie am meisten gefürchtet haben: Zunehmendes Angebot trifft auf schwindende Nachfrage. Dabei bleibt noch zu beachten, dass die Produktionskosten in den zurückliegenden Jahren steil gestiegen sind. Dafür sind vor allem die sehr viel teurer gewordene Energie, der Mangel an geeigneten Fachkräften und auch unzureichendes Angebot an technischem Gerät verantwortlich. Kupfer und Aluminium sind die beiden börsengehandelten Industriemetalle, die als letzte die Talfahrt angetreten haben. Viele Experten sind der Ansicht, dass die Baisse in beiden Fällen bereits überzogene Ausmaße angenommen hat. Diese Metalle seien nach wie vor knapp, heißt es. Die Gegenmeinung bezweifelt diese These. Sie glaubt, dass im Zuge der Baisse sowie der teuer gewordenen Finanzierung von Vorräten mehr und mehr Ware auf den Markt gelangen werde, die bisher "unsichtbar" war und damit in den gängigen Statistiken nicht auftauchte. Es handelt sich unter anderem um Mengen, die einzelne finanzkräftige Privatleute und ganze Gruppen privater Investoren zu Anlagezwecken erworben hatten. Dies hat eine lange Tradition und mit den Aktionen der Hedge-Fonds nichts zu tun, denn diese sind fast ausschließlich an den einschlägigen Terminbörsen tätig, die genannten privaten Anleger jedoch an den jeweiligen physischen Märkten. Die These vom Rückfluss "unsichtbarer" Bestände auf den offenen Markt wird gestützt von dem in letzter Zeit beobachteten starken Anstieg der Aluminiumvorräte in den von der Londoner Metallbörse (LME) lizenzierten Lagerhäusern. Die Zunahme nicht nur der "sichtbaren" Aluminiumbestände wird ferner damit erklärt, dass der finanzielle Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers und der Versicherungsgesellschaft AIG die Liquidation von Engagements erzwungen hat, die vor allem der Unterlegung von Index-Positionen mit physischer Ware dienten. AIG ist Verwalterin des zweitgrößten Rohstofffonds (gewesen). Trotz der augenfälligen Schwäche der Metallpreise und der zunehmenden konjunkturellen Schwierigkeiten geht unverändert die These um, der aufwärts gerichtete Superzyklus der Metalle sei nur unterbrochen, nicht aber gebrochen. Das Hauptargument lautet, China und Indien hätten auch in Zukunft einen schier unersättlichen Bedarf an Metallen. Grundsätzlich wird dies nicht bezweifelt, doch meinen kritische Fachleute, diese These sei im Augenblick eher visionär als greifbar. Die kritischen Stimmen geben ferner zu bedenken, dass China selbst über enorme Metallvorkommen verfügt und dass deren Erschließung voranschreitet. Der Anteil des Bedarfs, der aus der eigenen Produktion gedeckt werden könne, werde in Zukunft spürbar zunehmen, heißt es. Daher dürfte der Weltmarkt für viele Metalle den wachsenden chinesischen Bedarf in Zukunft nicht mit voller Macht zu spüren bekommen. FAZ 2008/10/10 Das Parkettgespräch. Auf und Zu. Fallende Energiepreise belasten die Aktienkurse in Moskau. Gerald Hosp Finanzmarkt Bericht Russland Seite 25 Das Parkettgespräch Das Parkettgespräch. Auf und Zu. Fallende Energiepreise belasten die Aktienkurse in Moskau. Charles-Henri Kerkhove ist Experte für Schwellenländer bei Fortis Investment. Es herrscht Verwirrung an den russischen Aktienmärkten. Am Montag war der in Dollar denominierte Aktienindex RTS um gut 19 Prozent gefallen, was den größten Tagesverlust in der 13-jährigen Geschichte des Börsenbarometers bedeutete. Der auf Rubel basierende Micex-Index hatte Verluste in einer ähnlichen Größenordnung zu verbuchen. An beiden Börsen war der Handel ausgesetzt worden. Am Mittwoch hieß es nach weiteren starken Kursverlusten, dass der Aktienhandel, abgesehen von einigen Transaktionsarten, bis Freitag ausgesetzt werde. Die Finanzaufsicht änderte am Donnerstag die Meinung, die Börsen wurden - normal - geöffnet; diesmal wurde der Handel aber wegen zu starken Kursanstiegen unterbrochen. Charles-Henri Kerkhove, Spezialist für Emerging Markets bei Fortis Investment, hat Verständnis für die russischen Behörden, die wohl eine Panikreaktion vermeiden möchten. Das ständige "Auf und Zu" der russischen Börsen in den vergangenen Wochen unterminiere aber deren Glaubwürdigkeit bei den ausländischen Investoren und verkompliziere den Handel. Nach den Aussichten für den russischen Markt gefragt, sagt Kerkhove, dass die internationale Stimmung die Märkte bewege und dass das Vertrauen der Investoren derzeit auf einem Rekordtief stehe. Russische Aktien seien zurzeit tatsächlich attraktiv. Damit spricht der Analytiker vielen russischen Politikern und Börsenspezialisten aus der Seele, die verwundert auf die niedrigen Bewertungen blicken. So wird das Beispiel herumgereicht, dass der gesamte, an der Börse gehandelte Teil der russischen Erdölbranche - die Infrastruktur ist über den Pipeline-Konzern Transneft enthalten - mit einer Bewertung von aktuell 118 Milliarden Dollar weniger wert ist als der brasilianische Energiekonzern Petrobras, der täglich deutlich weniger Erdöl fördert als die russischen Unternehmen zusammen. Kerkhove zufolge meiden die Investoren Anlagen, die als risikoreich empfunden werden. Fundamentale ökonomische Daten werden dabei nicht berücksichtigt. Die langfristige "Russland-Story" habe sich jedoch nicht verändert; als Einschränkung erwähnt Kerkhove aber das erhöhte politische Risiko, das er vor allem mit dem Stichwort Georgien-Konflikt beschreibt. Das schlechte Abschneiden des russischen Aktienmarktes gegenüber anderen Schwellenlandmärkten führt Kerkhove vor allem auf die Kombination zwischen fallenden Rohstoff- und Energiepreisen sowie einem negativen politischen Klima zurück. Die heftigen Auseinandersetzungen zwischen den russischen Aktionären und dem britischen Energiekonzern BP um den Erdölkonzern TNK-BP sowie die deftigen Worte des Ministerpräsidenten Wladimir Putin gegen den Stahl- und Kohlekonzern Mechel sowie dessen Hauptaktionär hatten den Aktienmarkt in Russland schon vor dem Ausbruch des Georgien-Konflikts und der derzeitigen "heißen" Phase der Finanzkrise beeinträchtigt. Die relativ kleinen russischen Aktienmärkte werden vor allem von den Energie- und Rohstoffunternehmen geprägt. Russlands Exporteinnahmen kommen zu 80 Prozent aus diesen Branchen. Zu schlechter Letzt führte dann noch die in den Vereinigten Staaten ausgebrochene Finanzkrise zu Liquiditäts- und schließlich zu Vertrauensproblemen im Finanzbereich, was in einer Ausverkaufsstimmung gegenüber den Aktien der russischen Großbanken Sberbank und VTB resultierte. Die Schritte der Regierung und der Zentralbank, Mindestreservevorschriften zu senken und Geldspritzen zu verabreichen, würden in die richtige Richtung gehen, aber weitere Maßnahmen seien erforderlich, um das Vertrauen wiederherzustellen. Wo Verlierer sind, gibt es aber möglicherweise auch Gewinner. Kerkhove vermutet, dass vor allem Unternehmen mit einer geringen Verschuldung, stetigen "Cashflows" und einer gesunden Bilanz als Gewinner aus dem "Massaker" der vergangenen Woche herausgingen. Als höchstgefährdet betrachtet Kerkhove Unternehmen mit hohem Kredithebel im Finanz- und Immobilienbereich. In diesen Branchen könnte es auch zu einer erhöhten Übernahmeaktivität kommen. Kleinere und mittlere Banken sind gefährdet, im Strudel einer Konsolidierungswelle unterzugehen. Vor kurzem waren einige russische Unternehmen heiße Kandidaten für einen Börsengang. Der Drang an die Börse sei derzeit aber praktisch zum Stillstand gekommen. Die Pipeline für potentielle Erstplazierungen sei randvoll. Die Marktumstände würden sich aber kurzfristig nicht derart ändern, dass die "Schleusen" geöffnet würden, meint Kerkhove. Es bleibt die Verwirrung an den russischen Märkten und die Einsicht, dass das Vertrauen der Investoren auf der ganzen Welt zurückkommen muss, bevor sich Russland wieder dauerhaft erholt. GERALD HOSP FAZ 2008/10/10 Rechnungshof rügt Beteiligungsverwaltung der KfW. "Das Risikomanagement weist Mängel auf". Kritik auch am Bundesfinanzministerium. mas. Wirtschaft Meldung BRD Seite 13 kA Rechnungshof rügt Beteiligungsverwaltung der KfW. "Das Risikomanagement weist Mängel auf". Kritik auch am Bundesfinanzministerium. mas. BERLIN, 9. Oktober. Der Bundesrechnungshof sieht große Defizite in der Beteiligungsverwaltung und der Risikosteuerung der staatseigenen Förderbank KfW. "Das Risikomanagement und -controlling der KfW weist Mängel auf", schreibt er, nachdem er die geschäftlichen Verbindungen zwischen der KfW und der Deutschen Industriebank AG (IKB) analysiert hat. "So hatte die IKB die von der KfW eingeräumten Kreditlimits in Folge hoher Zusagevolumina wiederholt überschritten, ohne dass dies von der KfW als grundlegend problematisch eingestuft wurde", heißt es in seinem Bericht an den Haushaltsausschuss des Bundestags vom 8. Oktober. Die KfW habe die unter der Position "Andere Verbindlichkeiten" ausgewiesenen Eventualverbindlichkeiten der IKB nicht auf Risiken hinterfragt. Die Prüfung reichte von 2001 bis zum Bekanntwerden der Finanzkrise der IKB im Juli 2007. Die Stützungsmaßnahmen zur Rettung der IKB waren nicht Gegenstand der Prüfung. Die unabhängigen Prüfer fürchten, dass es durch die Konzentration bankenrechtlicher, aufsichtsrechtlicher und beteiligungsführender Aufgaben und Befugnisse in der Abteilung VII des Bundesfinanzministeriums zu Interessenkollisionen kommen kann. Die Abteilung VII, die für Finanzmarktpolitik zuständig ist, leitete in der fraglichen Zeit Jörg Asmussen, einer der engsten Mitarbeiter von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD). Steinbrück beförderte ihn vor wenigen Wochen zum Staatssekretär. In dieser Funktion ist Asmussen stark in die akuten Rettungsaktionen eingebunden. Der Hof empfahl dem Finanzministerium, die Beteiligungsführung sowie die Wahrnehmung des Verwaltungsratsmandats für die KfW in eine andere Abteilung zu verlagern. Zudem bemängelten die Prüfer, dass sie - anders als bei Vertretern des Bundes im Aufsichtsrat privater Unternehmen - die Ausübung des Aufsichtsratsmandats der KfW bei der IKB nicht prüfen konnten. Die KfW-Vertreter seien nämlich uneingeschränkt zur Verschwiegenheit verpflichtet. Im Ergebnis sei damit ein Teil der Wirtschaftsführung der staatseigenen KfW der externen Finanzkontrolle entzogen. Grundsätzliche Defizite sehen die Prüfer in der Beteiligungsverwaltung und dem Beteiligungscontrolling der KfW. Sie bezeichnen sie als "nicht voll funktionsfähig". In den Jahren 2006 und 2007 habe man dafür eine Projektgruppe eingerichtet, aber "bis zum Zeitpunkt der Erhebungen waren keine nennenswerten Maßnahmen umgesetzt", rügen die Prüfer. FAZ 2008/10/10 Deutsche Bank will ihr Filialnetz deutlich ausbauen. Die Finanzkrise lässt das traditionelle Privatkundengeschäft der Banken wieder in einem hellen Licht erstrahlen - auch bei der Deutschen Bank. hpa. Unternehmen Bericht BRD Seite 20 kA Deutsche Bank will ihr Filialnetz deutlich ausbauen. Die Finanzkrise lässt das traditionelle Privatkundengeschäft der Banken wieder in einem hellen Licht erstrahlen - auch bei der Deutschen Bank. hpa. FRANKFURT, 9. Oktober. Nach Jahren der Dominanz des Investmentbankings erhält das klassische Privatkundengeschäft auch bei der Deutschen Bank wieder einen deutlich höheren Stellenwert. Bis zum Jahr 2012 will das größte deutsche Geldhaus seine Präsenz auf dem Heimatmarkt sowie in Italien und Polen mit insgesamt 400 neuen Filialen ausbauen. In Deutschland sind 150 neue Standorte in Regionen geplant, die von der Bank bisher noch nicht so stark abgedeckt werden, kündigte Rainer Neske, der Leiter des Privat- und Geschäftskundenbereichs (PBC) der Deutschen Bank, auf einer Veranstaltung in Frankfurt an. Dabei wird unterschieden zwischen 60 Städten und deren Umland im Süden und Westen Deutschlands, die oberste Priorität genießen, sowie 90 weiteren Städten im west- und südostdeutschen Raum, die danach folgen. "Die Deutsche Bank ist noch nicht so groß, als dass wir in Deutschland nicht noch weiter wachsen könnten", sagte er. Derzeit hat das Geldhaus 930 Niederlassungen für das Privatkundengeschäft auf dem Heimatmarkt. Insgesamt sollen bei der Expansion rund 2500 neue Mitarbeiter gewonnen werden, die Hälfte davon in Deutschland. Zugleich will das Kreditinstitut aber auch die technischen Systeme innerhalb Europas stärker zusammenführen und dabei rund 1100 Stellen streichen. Welcher Anteil davon auf Deutschland entfallen wird, ist noch offen. Der Arbeitsplatzabbau soll sozialverträglich geschehen, es gebe dazu aber "keine Alternative", betonte Neske. Der Ausbau in der Fläche und die Optimierung der technischen Plattformen sollen der Bank in den kommenden vier Jahren sowohl ein Ertragswachstum als auch bessere Kostenstrukturen bringen. Neske kündigte an, dass der Gewinn vor Steuern im Bereich PBC von 1,15 Milliarden Euro (Stand: Ende 2007) bis zum Jahr 2012 auf rund 2 Milliarden Euro steigen soll. Bei der Aufwand-Ertrags-Relation habe man im Privat- und Firmenkundengeschäft mit 71 Prozent derzeit einen Nachteil gegenüber der internationalen Konkurrenz, angestrebt werde ein Wert von weniger als 65 Prozent. Die Erträge von PBC sollen bis 2012 auf mehr als 8 Milliarden Euro gesteigert werden, zum Jahresende 2007 waren es 5,8 Milliarden Euro gewesen, im ersten Halbjahr des laufenden Jahres 2,9 Milliarden Euro. Welche Rolle das Privat- und Firmenkundengeschäft künftig für den Gesamtkonzern als Gegenpart des Investmentbankings spielen soll, ließ Neske offen. Das Gewinnverhältnis zwischen den beiden Bereichen werde nicht von oben herab gesteuert, sagte er. "Wie immer die laufende Finanzmarktkrise auch ausgehen wird, es wird auch danach noch ein Privatkundengeschäft geben", sagte Neske weiter. Und die grundsätzlichen Bedürfnisse der Kunden, wie zum Beispiel die steigende Bedeutung der privaten Altersvorsorge, existierten weiter. Das Privatkundengeschäft bleibe deshalb auf einem stabilen Wachstumstrend. Zu erwarten sei allerdings eine Renaissance einfacherer Bankprodukte, obwohl die Welt auch nach der Krise nicht einfacher werde. Hier seien die Banken gefordert, die richtigen Lehren aus der Krise zu ziehen. "Wir haben ein Glaubwürdigkeitsproblem, aber wir sind auch diejenigen, die die Antworten geben müssen." Am Vortag hatte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Josef Ackermann, in London gesagt, dass auch in Asien das Filialnetz weiter ausgebaut werden soll. Laut Neske stehen dabei vor allem China und Indien auf der Prioritätenliste. Allerdings sei es gerade in Indien sehr schwer, die Genehmigung für neue Standorte zu bekommen. Die Deutsche Bank hat dort bisher 13 Filialen, "und man bekommt im Jahr maximal drei bis fünf neue genehmigt", erläuterte der PBC-Chef. "Der Markt wird sich aber irgendwann öffnen, und dann ist die Deutsche Bank schon da", fügte er hinzu. Nach Aussage von Ackermann wird auch der Bereich Investmentbanking weiter eine tragende Rolle für das Geldhaus spielen. Trotz der Finanzkrise bleibe das Kapitalmarktgeschäft wichtig. Der Deutsche-Bank-Chef kündigte zudem an, die Kernkapitalquote dauerhaft auf dem jetzigen Niveau von 10 Prozent zu halten. FAZ 2008/10/10 Die Kunden der Kaupthing-Bank zittern um ihr Geld. Nach Übernahme durch isländischen Staat ist Kontenzugriff gesperrt. Deutsche Einlagensicherung haftet nicht. jagr. Unternehmen Bericht Island Seite 17 kA Die Kunden der Kaupthing-Bank zittern um ihr Geld. Nach Übernahme durch isländischen Staat ist Kontenzugriff gesperrt. Deutsche Einlagensicherung haftet nicht. jagr. FRANKFURT, 9. Oktober. Island stellt seine größte, mit vielen Milliarden Euro verschuldete Bank Kaupthing unter staatliche Aufsicht. Wie die nationale Finanzaufsicht IFSA am Donnerstag mitteilte, sei dies ein notwendiger Schritt zur Stabilisierung des isländischen Finanzsystems gewesen. Kaupthing selbst gab an, ein starker Kapitalabzug infolge der Internationalen Finanzkrise - und insbesondere des jüngsten isländischen Bankenchaos und Währungszerfalls der Krone - habe die an sich "solide wirtschaftende" und "ein gutes Quartalsergebnis erwartende" Bank ins Wanken gebracht. Am Donnerstag sperrte Kaupthing für deutsche Kunden den Zugriff auf die Online-Konten. In Deutschland zittern jetzt nach Informationen dieser Zeitung 30 800 Anleger um ihre Einlagen von insgesamt 308 Millionen Euro. Noch bis vor wenigen Tagen hatte Kaupthing Edge mit hohen Fest- und Tagesgeldzinsen aggressiv um Kunden geworben. Die deutsche Finanzaufsicht Bafin verhängte über die deutsche Niederlassung der isländischen Bank ein unbefristetes Moratorium, also Zahlungs- und Veräußerungsverbot. Dies solle einen ungeordneten Abzug von Einlagen verhindern, hieß es. In Österreich reagierte die Finanzaufsichtsbehörde mit einer faktischen Schließung der Kaupthing-Filialen. Alle Spareinlagen seien bis auf weiteres eingefroren worden und weitere Einlagen von Spargeldern seien untersagt worden, hieß es. Auch Finnland stoppte am Donnerstag die Zahlungsströme nach Island. In dieser Woche hatte Island im Sog der internationalen Finanzkrise bereits die zweitgrößte Bank Landsbanki sowie, seit der Nacht zu Mittwoch, ebenfalls das drittgrößte Geldinstitut Glitnir verstaatlicht. Der Betreiber der isländischen Börse in Reykjavik, OMX, stoppte den Aktienhandel aufgrund der "ungewöhnlichen" Marktsituation bis zum kommenden Montag. "Das Tagesgeldkonto mit der Langzeitgarantie" - dieser Werbeslogan erschien selbst am Donnerstagnachmittag noch groß auf der Internetseite des Geldinstitutes. Der Link zum "Online-Banking" wurde am Nachmittag hingegen ganz entfernt, unter dem einige Stunden lang zu lesen war: "Derzeit ist der Zugriff auf die Online-Konten nicht möglich." Beim Bundesverband deutscher Banken hieß es, Kaupthing sei nicht Mitglied des freiwilligen Einlagensicherungsfonds und als ausländisches Institut auch nicht in der deutschen gesetzlichen Einlagensicherung. Betroffene müssen sich also an die isländische Zentralbank wenden, die gesetzlich für Einlagen bis zu 20 887 Euro haftet. Bei der Kundenhotline der deutschen Niederlassung war am Donnerstag kein Durchkommen. Die isländische Finanzaufsicht erklärte nur, die Einlagen isländischer Kunden seien nach nationalem Recht gesichert. Agenturmeldungen zufolge gilt die "Patronatserklärung" der deutschen Bundesregierung, wonach die Ersparnisse deutscher Anleger staatlich garantiert seien, nicht für Sparkonten bei ausländischen Banken. Die Kaupthing-Bank selbst stellte sich am Donnerstag als Opfer der Finanzkrise dar. Zu der "Serie von unvorhersehbaren Ereignissen", die zum Vertrauens- und Kapitalabzug geführt hatten, zählte das Institut in einer Pressemeldung den freien Fall der isländischen Krone, verschlechterte Ratings für isländische Staats- und Bankenanleihen und das rapide gesunkene Vertrauen der Banken untereinander. Schon am Dienstag hatte die Isländische Notenbank der Kaupthing mit bis zu 500 Millionen Euro ausgeholfen, die schwedische Nationalbank hatte zudem einen Kredit über umgerechnet 510 Millionen Euro bewilligt, um die Kunden der schwedischen Tochterbank von Kaupthing zu schützen. Die rechtliche Grundlage der jüngsten Bankverstaatlichungen war ein Notstandsgesetz zur Abwendung eines Wirtschaftskollapses, das am Wochenbeginn vom Parlament verabschiedet wurde. Die isländische Bankenkrise könnte bald auf andere Finanzmärkte übergreifen. Rund 300 000 Briten sollen über Konten bei der ebenfalls staatlich zwangsverwalteten isländischen Bank Icesave, dem Internetableger der Landsbanki, verfügen. Zahlreiche Kommunen in Großbritannien sollen ferner um Einlagen von rund 500 Millionen Pfund fürchten. Die britische Regierung will Agenturberichten zufolge mit rechtlichen Schritten für diese Einlagen kämpfen. Seit Mitte März dieses Jahres warb die Kaupthing-Bank auch aus ihrer deutschen Niederlassung in Frankfurt mit einer aggressiven Anzeigenkampagne um Kunden. Mit Zinsen von zunächst 5,65 Prozent auf Tagesgeldkonten und zuletzt 6,1 Prozent auf 12-Monats-Festgeld bot sie vermeintlich attraktive Konditionen. In einem Interview hatte der Deutschland-Chef des Institutes, Michael Kramer, noch vor wenigen Monaten beteuert, Kaupthing setze auf "langfristige Kundenverbindungen". Islands Banken hatten in den vergangenen Jahren stark expandiert. Kaupthing wurde nach eigenen Angaben 1982 als eine Agentur für Finanz- und Wertpapierberatung gegründet und stieg durch zahlreiche, schuldenfinanzierte Übernahmen in wenigen Jahren zu einem der größten Geldhäuser Nordeuropas auf. Die jetzige Schuldenlast der Banken übersteigt den Wert des isländischen Bruttoinlandsprodukts bei weitem. Der isländische Ministerpräsident Haarde hatte zu Wochenbeginn gesagt, Island sei in "reeller Gefahr", in einen Staatsbankrott gezogen zu werden. FAZ 2008/10/10 "Ein neues System muss her". Im Gespräch: Luc Chatel, französischer Industrie-Staatssekretär. Christian Schubert Unternehmen Interview Frankreich; EU Seite 17 Im Gespräch "Ein neues System muss her". Im Gespräch: Luc Chatel, französischer Industrie-Staatssekretär. Sind die staatlichen Institutionen derzeit hilflos? Es handelt sich um eine Finanzkrise ohne Beispiel. Man muss mit Entschlossenheit vorgehen und koordiniert handeln. Wie Präsident Sarkozy sagte, halten wir es nicht für den besten Weg, die Banken von schlechten Aktiva zu entlasten, sondern das Kapital der Banken zu unterstützen. Deshalb sind wir bei Dexia mit einer Sperrminorität eingestiegen. Auf diese Art schützen wir die Sparer und gewinnen zum Schutz der Steuerzahler Einfluss auf das Unternehmen. Bei Dexia haben wir den Rücktritt der beiden Spitzenmanager erreicht, durchgesetzt, dass die Herren auf ihre Abfindungen verzichten und wir haben eine neue Führungsstruktur eingeführt. Wäre es nicht besser, in Europa gemeinschaftlich vorzugehen? Jedes Land hat eine andere Finanzstruktur. Europa ist kein föderal strukturiertes Land mit einem Wirtschaftsminister wie die Vereinigten Staaten. Aber die 27 EU-Länder haben beschlossen, sich abzustimmen. Zudem haben sie sich gemeinsam für eine Reform des Rechnungswesens ausgesprochen, was noch vor einigen Wochen unmöglich gewesen wäre. Die vier Länder, die am Samstag in Paris zusammenkamen, sind sich mit Nicolas Sarkozy auch einig, dass ein neues Finanzsystem geschaffen werden soll, ein neues Bretton Woods. Wir brauchen ein System, das transparenter ist, weniger Platz für Spekulationen lässt und enger mit der Realwirtschaft verbunden ist. Frankreich ist also nicht für einen europaweiten Rettungsfonds? Solch ein Fonds wäre vertretbar, aber Nicolas Sarkozy hat dargelegt, warum er nicht dafür ist: Wie soll er verwaltet, wie sollen die Gelder eingesetzt werden? Wer entscheidet, wer wie viel ausgibt? Wir brauchen Strukturen für schnelle Reaktionen. Bei Dexia mussten die Entscheidungen zwischen 5 und 6 Uhr morgens fallen. Folgt Frankreich dem britischen Beispiel mit der Teilverstaatlichung von Banken? Es gibt in Frankreich, außer bei Dexia, nicht die gleiche Dringlichkeit. Wir haben das Glück, dass unsere Banken ihr Engagement auf den spekulativen Märkten in Grenzen hielten, sich stärker diversifizierten und daher ihren Kontakt mit der realen Ökonomie behielten. Die Fragen stellte Christian Schubert. FAZ 2008/10/10 "Besonders die Arbeiter und Tagelöhner leiden". Im Gespräch: Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus. Nadine Bös Wirtschaft Interview global Seite 15 Im Gespräch "Besonders die Arbeiter und Tagelöhner leiden". Im Gespräch: Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus. Ist mein Geld noch sicher? Das fragen sich im Moment fast alle. Doch was bedeutet die Finanzkrise für die Armen dieser Welt? Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus, der mit seiner Grameen Bank der wohl bekannteste Kreditgeber der Armen ist, spricht darüber im Interview - und darüber, warum er seine Mikrokredite inzwischen auch in Amerika verkauft. Herr Yunus, Sie sagen, dass viel Armut entsteht, weil Menschen zu wenig Zugang zu Finanzmärkten haben. In der Finanzkrise scheint es, als entstünde viel Armut, weil Menschen zu viel Zugang zu den Finanzmärkten hatten. Im Prinzip haben Sie recht mit Ihrer Beobachtung. Aber Sie vergessen: Armut wird nicht von den Armen gemacht. Armut entsteht durch Institutionen und Systeme. Wenn wir das momentan kränkelnde System nicht reparieren, wird es unmöglich sein, Armut zu beseitigen. Mit der von uns gegründeten Grameen Bank versuchen wir das. Sie vergeben Kredite an Tagelöhner, Bauern, ja sogar an Bettler, die nur gelegentlich arbeiten. Was macht Sie so sicher, dass sie verlässlichere Kunden sind als amerikanische Häuslebauer? Den Amerikanern, die es sich eigentlich nicht leisten konnten, Häuserkredite zu geben, war riskant. Was wir machen, ist - wenn es nach der Kreditwürdigkeit der Leute geht - ungleich riskanter. Aus westlichem Blickwinkel betrachtet, ist unser Sektor der Sub-Sub-Subprime-Sektor. Klingt nicht nach einem guten Geschäft. Wir sehen es nicht als riskant, vielmehr als absolut sicher. Denn wir sehen jeden Tag, dass quasi all unser Geld wieder zurückkommt. Unsere Leute geben uns keine Sicherheiten, wir haben keine formaljuristischen Verträge. Weil wir unsere Leute kennen und die Betriebe, in denen sie arbeiten. Und Sie sehen: Es sind nicht wir, die in dieser Krise Geld verlieren, es sind Sie im Westen, mit all Ihren Sicherheiten und Verträgen. In der jetzigen Krise weiß keiner so recht, wie er sein Geld noch sicher anlegen soll. Sind Mikrokredit-Fonds eine Alternative? Absolut. Sie würden Ihr Geld letztlich in kleine Betriebe investieren, die relativ unabhängig von der strauchelnden Weltwirtschaft sind. Aber wenn Sie das große Geld machen wollten, würde ich Ihnen abraten. Da gibt es andere Produkte, die Ihnen viel höhere Renditen bringen. Ist nicht zu befürchten, dass die Krise auch den Mikrofinanzsektor trifft? Nicht direkt. Aus dem simplen Grund, dass wir nicht mit den internationalen Finanzmärkten verbunden sind. Von dieser Seite her ist der Mikrofinanzsektor derzeit einer der sichersten überhaupt. Was ist mit Ihren Kunden? Wird die Krise nicht früher oder später zur Katastrophe, gerade für den Tagelöhner in Bangladesch? Selbstverständlich wird die Krise auch unsere Kreditnehmer treffen. Sie wird sie sogar besonders hart treffen. Wenn die amerikanische Ökonomie wankt, schickt sie ihre Schockwellen um die Welt. Die meisten unserer Kunden sind darauf angewiesen, dass Bangladesch Waren exportiert. Besonders die Arbeiter und Tagelöhner leiden, weil ihren Textilfabriken die Nachfrage aus Übersee ausgeht. Wie schlimm wird die Krise für die Armen? In New York verliert der Milliardär eine halbe Milliarde. Er hat dann aber noch eine halbe Milliarde. Und der Millionär verliert eine halbe Million. Aber er hat immer noch eine halbe Million übrig. Wenn ein Tagelöhner in der Dritten Welt seinen Arbeitsplatz verliert, verliert er alles. Die aktuelle Krise wird für die Armen schlimmer als die Asien-Krise. Wenden wir uns den westlichen Ländern zu. Sie haben vor kurzem ein Mikrokreditprogramm in Amerika gestartet. Brauchen die Amerikaner das? Seit acht Monaten arbeiten wir mit amerikanischen Kunden mitten in New York City im Stadtteil Queens. Wir haben dieses Programm für diejenigen eingerichtet, die sich außerhalb des Sozialsystems bewegen. Die meisten sind Migranten, die erst kürzlich angekommen sind. Im Moment sind wir dort drüben noch ganz klein; wir haben etwa 375 Kunden. Sogar ohne die Finanzkrise könnten wir die Zahl ohne Probleme verdoppeln. Und jetzt verlieren die Leute schon ihre Jobs. Sie erwarten steigende Nachfrage nach Ihren Kleinstkrediten in Amerika? Nun ja - unsere Arbeit dort steht ein wenig im Konflikt mit dem Sozialsystem. Wenn ein amerikanischer Kreditnehmer einer Arbeit nachgeht oder ein kleines Unternehmen betreibt, wird das Sozialsystem ihm das verdiente Geld wieder von der Sozialhilfe abziehen - jedenfalls solange, wie er gleichzeitig Leistungen bezieht. Verzichtet er auf die Sozialleistungen, so fliegt er automatisch aus der Krankenversicherung, wovor sich viele zu Recht fürchten. Also ist es uns kaum möglich, all diejenigen zu erreichen, die von der Sozialhilfe leben. Aber die meisten Amerikaner, die aufgrund der Krise ihre Jobs verlieren, bewegen sich innerhalb des sozialen Sicherungssystems. Also theoretisch besteht Bedarf, der aber in der Praxis nicht ausgeschöpft wird? Der Bedarf ist riesig. Ich schätze, dass 20 Millionen Menschen in den Vereinigten Staaten kein Bankkonto eröffnen können, weil ihre Bank ihnen keines gibt. Macht 20 Millionen potentielle Kunden. Wie leben die denn ohne Bankkonto? In amerikanischen Medien finden Sie Tausende Werbeanzeigen für sogenannte "Payday Loans". Die Anbieter sind informelle Stellen, die Geld verleihen, ohne Nachfragen und ohne Sicherheiten. Ihre Zinsen reichen von 50 Prozent bis hin zu 1000 Prozent. Wir dagegen verlangen 15 Prozent. Und nicht nur in Amerika gibt es Nachfrage für unsere Kleinstkredite - sondern in der ganzen westlichen Welt. Die Nachfrage ist schon jetzt riesig; sie wird noch wachsen, wenn sich die Finanzkrise ausbreitet. In Zahlen heißt das? Alle Sozialhilfeempfänger sind potentielle Kleinstkreditnehmer. Meine Prognose ist: Heute gibt es rund 130 Millionen Kreditnehmer mit durchschnittlich 200 Dollar Kredithöhe. Macht 26 Milliarden Dollar. Das Ziel im Jahr 2015 ist, etwa 375 Millionen Menschen zu erreichen - mit einem Durchschnittskredit von 250 Dollar. Macht eine Kreditsumme von 93,75 Milliarden Dollar. Das Gespräch führte Nadine Bös. FAZ 2008/10/10 Amerika prüft Teilverstaatlichung von Banken. Finanzminister Henry Paulson will angeschlagenen Kreditinstituten direkte Kapitalspritzen geben. Dafür soll die Regierung an ihnen beteiligt werden. ctg. Wirtschaft Meldung USA Seite 13 kA Amerika prüft Teilverstaatlichung von Banken. Finanzminister Henry Paulson will angeschlagenen Kreditinstituten direkte Kapitalspritzen geben. Dafür soll die Regierung an ihnen beteiligt werden. ctg. WASHINGTON, 9. Oktober. Die amerikanische Regierung erwägt angesichts der schweren Finanzkrise, angeschlagenen Banken direkte Kapitalspritzen zu verabreichen und sie zumindest teilweise zu verstaatlichen. Das hat Finanzminister Henry Paulson in Aussicht gestellt. "Wir werden alle uns zur Verfügung stehenden Mittel nutzen, um unser Finanzsystem zu stärken. Das schließt auch eine Verbesserung der Kapitalisierung von Finanzinstituten aller Größen ein", sagte Paulson auf einer Pressekonferenz. Amerika ginge auf ähnliche Weise vor wie die britische Regierung, die mindestens acht Banken des Landes Kapital in Höhe von 50 Milliarden Pfund (rund 64 Milliarden Euro) zuschießen will in der Hoffnung, die Vertrauenskrise zu beenden und die ins Stocken geratene Kreditvergabe in Gang zu setzen. Der amerikanische Finanzminister sieht sich zur Eigenkapitalhilfe durch das in der vergangenen Woche beschlossene 700 Milliarden Dollar schwere Rettungspaket ermächtigt. Im Gegenzug erhielte die Regierung Vorzugsaktien oder eine andere Beteiligung an den Kreditinstituten, um an späteren Gewinnen teilzuhaben und auf diese Weise den Steuerzahlern ein Stück Sicherheit zu bieten. Die Kapitalspritzen, deren Details derzeit noch im Finanzministerium diskutiert werden, sollen zusätzlich zum geplanten Kauf fauler Kredite und problematischer Wertpapiere eingesetzt werden. Vorgesehen ist bisher, dass Banken nicht zur Teilnahme an dem Rekapitalisierungsprogramm gezwungen werden, sondern dies freiwillig machen. "Das Finanzministerium, die Notenbank Federal Reserve und die Einlagensicherungsgesellschaft FDIC werden alles tun, um die Gesundung des Finanzsystems voranzubringen und den Schaden zu begrenzen, der durch Probleme einzelner Institute entstehen könnte", sagte Paulson. Der Minister dämpfte zugleich Erwartungen, die Finanzminister und Notenbankgouverneure der sieben führenden Industrienationen (G 7) würden sich auf ihrem Treffen an diesem Freitag in Washington auf einen globalen Rettungsplan für das Finanzsystem verständigen. "Die Länder sind sehr unterschiedlich, von unterschiedlicher wirtschaftlicher Größe, und sie haben Finanzsysteme mit unterschiedlichen Bedürfnissen. Es ergäbe keinen Sinn, nun mit einer einheitlichen Politik vorzugehen", sagte Paulson. Der langjährige Investmentbanker fügte hinzu, dass trotz der Hilfsmaßnahmen ein schnelles Ende der Krise nicht abzusehen sei. Die G 7 wird unter anderem über den Acht-Punkte-Plan von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück für eine Neuordnung der Finanzmarktregeln diskutieren. Die Federal Reserve hat unterdessen dem angeschlagenen Versicherungskonzern AIG einen weiteren Kredit zur Verfügung gestellt, um dessen Überleben zu sichern. Die Notenbank teilte mit, AIG 37,8 Milliarden Dollar zu leihen. Als Sicherheit dienen festverzinsliche Wertpapiere mit guter Bonität (Investment Grade), die zuvor von Tochtergesellschaften der AIG gehalten wurden. Im September hatte die Fed bereits 85 Milliarden Dollar in das Unternehmen gepumpt und dafür 80 Prozent der Kapitalanteile übernommen. Die neuerliche Finanzhilfe bestätigt die Einschätzung von Notenbank und Finanzministerium, dass ein Zusammenbruch des größten Versicherungskonzerns der Welt verheerende Folgen für das Finanzsystem hätte. Auch AIG ist durch die Krise auf dem amerikanischen Häusermarkt und die Schwierigkeiten auf dem Markt für Hypothekendarlehen in die Klemme geraten, vor allem durch ein Engagement in komplizierten Kreditderivaten. Der Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn, warnte vor nationalen Alleingängen in der Krisenbewältigung. "Wir brauchen dringend und schnell eine internationale Kooperation, nicht nur unter den Notenbanken, die gemeinsam ihre Zinsen schon gesenkt haben", sagte Strauss-Kahn kurz vor Beginn der Jahrestagung des IWF am Wochenende in Washington. Besonders die Europäer rief der frühere französische Wirtschaftsminister auf, zu einer gemeinsamen Lösung zu kommen. Priorität müssten derzeit Versuche haben, das Vertrauen an den Finanzmärkten wiederherzustellen. Dazu stünden verschiedene Instrumente zur Verfügung, vom Kauf fauler Kredite durch Regierungen bis zur staatlichen Garantie von Bankguthaben. "Ohne eine Rekapitalisierung der angeschlagenen Banken wird die Krise nicht zum Ende kommen", fügte Strauss-Kahn hinzu. Sofern dafür öffentliche Mittel eingesetzt würden, müsse auch sichergestellt werden, dass Steuerzahler an späteren Gewinnen der geretteten Finanzmarktakteure beteiligt werden. FAZ 2008/10/10 Gabriel: Klima trotz Finanzkrise schützen. kA km. Politik Meldung BRD Seite 2 kA Gabriel: Klima trotz Finanzkrise schützen. km. BERLIN, 9. Oktober. Umweltminister Gabriel (SPD) sowie führende deutsche Klimaforscher haben davor gewarnt, wegen der Finanzkrise im Klimaschutz zu sparen. "Wer den Staat auffordert, er solle Casino-Schulden bezahlen, der kann nicht verlangen, dass man das Geld bei der Caritas, in Schulen oder im Klimaschutz holt", sagte Gabriel am Donnerstag in Berlin. Der Klimaforscher und ehemalige Berater von Kanzlerin Merkel (CDU) Schellnhuber sagte, die Situation habe sich in letzter Zeit dramatisch verschärft. Weil die Gletscher im Himalaja und der Eisschild Grönlands schneller schmölzen, sei bis 2100 mit einem Anstieg des Meeresspiegels von bis zu einem Meter zu rechnen. Der Klimaforscher verwies ferner auf eine neue Studie, wonach die Konzentration von Treibhausgasen schon jetzt für eine Erwärmung um 2,4 Grad ausgereicht hätte. Dieser Effekt sei nur deshalb nicht eingetreten, weil Schmutzpartikel in der Luft (Aerosole) wie ein Filter wirkten. Der Meteorologe Marotzke nannte dies einen Sonnenschirm, der die Erwärmung verlangsame. FAZ 2008/10/10 Dies ist eine zähe Krise. kA kA Politik Zitat global Seite 2 Stimmen der Anderen Dies ist eine zähe Krise. Die Tageszeitung "De Telegraaf" (Amsterdam) meint dazu: "Das Vertrauen in die Finanzwirtschaft ist weiter zerbröckelt, es ist gewiss nur noch gering. Denn wenn eine gemeinsame Aktion nahezu aller Zentralbanken zur Verringerung der Leitzinsen keine positive Reaktion der Börsen bewirkt, dann ist das Ende der Finanzkrise noch lange nicht in Sicht. Ein Hoffnungsschimmer ist immerhin, dass nun die Erkenntnis reift, dass weltweite Zusammenarbeit nötig ist, damit die größten Gefahren beseitigt werden können. Die Rettung der Weltwirtschaft hat nun die höchste Priorität." FAZ 2008/10/10 Sorgloser Umgang mit Steuergeld. Steuerzahlerbund kritisiert vor allem Swap-Geschäfte. mmue. Wirtschaft Meldung BRD Seite 14 kA Sorgloser Umgang mit Steuergeld. Steuerzahlerbund kritisiert vor allem Swap-Geschäfte. mmue. BERLIN, 9. Oktober. Die Finanzkrise wird für die deutschen Kommunen ein teures Nachspiel haben. "Experten schätzen, dass bundesweit rund 700 Kommunen Swap-Geschäfte abgeschlossen haben und noch viele Millionen Steuergelder verlorengehen", monierte der Präsident des Steuerzahlerbundes, Karl Heinz Däke, am Donnerstag in Berlin bei der Präsentation des Schwarzbuches 2008. In dem Schwarzbuch sind 119 Fälle von Steuergeldverschwendung durch die öffentliche Hand aufgelistet. Am Pranger stünden zudem auffällig viele Projekte, die aus Geldern der Kommunen, Länder, des Bundes und der Europäischen Union mischfinanziert seien. Manches werde größer oder aufwendiger geplant und gebaut, um den Richtlinien der zahlenden Ebene zu genügen oder um Zuschüsse nicht verstreichen zu lassen, kritisierte Däke. Besonders scharf ging er mit den Städten Hagen, Remscheid, Neuss und Mühlheim ins Gericht. Diese hätten durch Swap-Geschäfte insgesamt 79 Millionen Euro "verzockt". Dabei hätten die Städte mit Banken langfristige Kredite mit hohen Zinssätzen gegen kurzfristige Kredite mit niedrigeren Sätzen getauscht, um die Belastung zu mindern. Allerdings hätten diese Städte auch darauf gewettet, dass sich die Differenz zwischen den Zinssätzen noch vergrößern werde. Doch das Gegenteil trat ein. Die Städte verloren nach Däkes Worten die Wette und damit viele Millionen Euro. Aber auch das Scheitern der Mittelstandsbank IKB und die Fehlspekulationen der Bayerischen Landesbank wären für die Steuerzahler teuer. Das Ausmaß der Lasten aus der Finanzkrise für Bund, Länder und Gemeinden sei derzeit kaum abzuschätzen. In dem Schwarzbuch gibt es viele weitere Beispiele für Investitionen, die den sorglosen Umgang mit Steuergeld dokumentieren. So errichtete die thüringische Gemeinde Finsterbergen mit Hilfe des Landes einen "Klimapavillon" für 153 000 Euro und ein "Klimatherapiezentrum" für 161 000 Euro, um Kurgäste zu gewinnen - obwohl es in Finsterbergen weder stationäre Kurpatienten noch ambulante Klimakuren gäbe. Im oberschwäbischen Bad Schussenried sei ein Bewegungsbad für 3,4 Millionen Euro gebaut worden, das nie eröffnet und schließlich für 226 000 Euro versteigert worden sei. Das niedersächsische Delligsen habe mehr als 165 000 Euro in eine Dorfchronik investiert, die nie fertig geworden sei. Auch das Bundesverkehrsministerium wird kritisiert. Bei der Sanierung der Autobahn A72 zwischen Stollberg und Zwickau seien acht Brücken aufwendig mit Natursteinverblendung und Porphyr saniert worden. Das habe 450 000 Euro gekostet. FAZ 2008/10/10 Die Sprachregelung heißt jetzt "totale Koordinierung". Die Frage ist so alt wie der Euro: Kann es gutgehen, wenn die Geldpolitik europäisch, aber die Finanzpolitik den Staaten vorbehalten ist? Brüssel erlebt eine Bewährungsprobe. Werner Mussler Politik Bericht EU Seite 3 kA Die Sprachregelung heißt jetzt "totale Koordinierung". Die Frage ist so alt wie der Euro: Kann es gutgehen, wenn die Geldpolitik europäisch, aber die Finanzpolitik den Staaten vorbehalten ist? Brüssel erlebt eine Bewährungsprobe. Von Werner Mussler. BRÜSSEL, 9. Oktober Existiert eine europäische Strategie zur Bewältigung der Finanzkrise? Oder zumindest ein gemeinsames Verständnis davon, welche politischen Reaktionen jetzt sinnvoll wären und welche nicht? Bankvolkswirte - zumal jene, die anders als sonst in diesen Tagen lauthals nach dem Staat rufen - verweisen als Antwort auf den Außenwert des Euros. Dass dieser in den vergangenen Wochen gegenüber dem amerikanischen Dollar deutlich an Wert verloren habe, spiegele die unterschiedliche Bewertung der politischen Krisenbewältigung durch die Märkte wider, sagt der Chefvolkswirt einer großen deutschen Bank: "Die Amerikaner sind deutlich weiter als die Europäer." Die europäische Politik wird durch die Dynamik der Krise in eine Atemlosigkeit gezwungen, für die die europäischen Institutionen nicht geschaffen sind. Ohnehin hat jeder Mitgliedstaat seine eigenen Vorstellungen, wie auf die Krise zu reagieren sei - und wie viel "Europa" dafür nötig ist. Mag die Geldpolitik längst europäisch sein und auch eine faktisch globale Zinssenkung wie am Mittwoch vergleichsweise leicht zu bewerkstelligen sein: Eine Abstimmung der EU-Staaten auf jenen Politikfeldern, auf denen sie weiterhin souverän sind, fällt schwer - schon weil ungeklärt bleibt, wo sie nötig ist. So wirft die Krise ein Schlaglicht auf einen alten Streit noch aus den Gründungszeiten der Währungsunion: Kann es gutgehen, wenn die Geldpolitik europäisiert ist, die Finanzpolitik aber in den Händen der Mitgliedstaaten bleibt? Nicht nur an den Finanzmärkten, auch auf dem EU-Parkett haben sich die Ereignisse in den vergangenen zehn Tagen überschlagen. Als die Europäische Kommission am Mittwoch vergangener Woche ihre Vorschläge zur Verschärfung der Eigenkapitalunterlegung der Banken vorlegte, kündigte Kommissionspräsident Barroso zugleich neue Bilanzierungsregeln für Banken und eine Kommissionsinitiative zur Begrenzung von Managergehältern an; zudem verwies er auf die anstehenden Vorschläge zur Regulierung von Rating-Agenturen. Mehrfach haben die Vertreter der Mitgliedstaaten in den vergangenen Tagen diese Initiativen bekräftigt und zum Teil so getan, als ob sie sie gerade erfunden hätten: am Samstag, als in Paris die Staats- und Regierungschefs der vier größten EU-Staaten zusammenkamen, wie am Dienstag beim EU-Finanzministerrat in Luxemburg. Inhaltlich dürften die Vorhaben auf dem EU-Gipfeltreffen in der kommenden Woche in Brüssel kaum strittig sein. Nur die Reform der Bilanzierungsregeln dürfte freilich kurzfristig Wirkung erzielen. Europäische Banken sollen Aktien in ihren Büchern künftig nicht mit ihrem - derzeit oft sehr niedrigen - Marktwert angeben müssen, sondern mit dem - teils deutlich höheren - Kaufpreis. Dadurch würden sich in Zeiten fallender Kurse auf einen Schlag die Bilanzen der Banken verbessern. Da solche Regeln in den Vereinigten Staaten schon seit Ende September gelten, geht es für die EU darum, Wettbewerbsnachteile ihrer Banken gutzumachen. Die neuen Regeln sollen deshalb schon für das dritte Quartal 2008 angewendet werden. Die Verschärfung der Regeln zur Einlagensicherung und die stärkere Regulierung der Rating-Agenturen werden dagegen, wenn überhaupt, erst langfristig Wirkung erzielen. Und die Beschlüsse zur Begrenzung der Managergehälter sind kaum mehr als ein politischer Appell. Die Konfliktlinien zwischen den Mitgliedstaaten verliefen in den vergangenen Tagen auf anderen Feldern. Fast täglich änderten überdies die nationalen Akteure ihre Argumente, je nachdem, vor welcher Kulisse sie sprachen. Waren von der Regierung in Paris vor einer guten Woche noch deutliche Forderungen nach einem europäischen "Rettungsfonds" für Banken in Höhe von 300 Milliarden Euro zu hören, behauptete Präsident Sarkozy nach dem Pariser Treffen am Samstag, einen solchen Fonds nie gefordert zu haben. Kaum war das Treffen vorbei, ließ der Staats- und EU-Ratspräsident intern verlauten, Bundeskanzlerin Merkel habe den Fonds blockiert. Dass das ein Fehler sei, sehe sie nun ja wohl selbst ein, da sie sich mit der Sanierung der Hypo Real Estate allein herumschlagen müsse. Frau Merkel wiederum erweckte den Eindruck, mit ähnlich gespaltener Zunge zu sprechen: Hatte sie in Paris noch die unbegrenzte Staatsgarantie Irlands für heimische Banken getadelt, verkündete sie am Tag darauf in Berlin eine ganz ähnliche Staatsgarantie, wenn auch nicht für Banken, sondern für Spareinlagen. Beide Seiten sprechen von einer "suboptimalen" Kommunikation in den vergangenen Tagen. In Brüssel heißt es freilich, dass das Luxemburger Treffen der Finanzminister die Irritationen ausgeräumt habe. Deren derzeitige Vorsitzende, Frankreichs Finanzministerin Christine Lagarde, lässt ihre Kollegen bis zum EU-Gipfeltreffen in ständiger Tagungsbereitschaft, und es gilt als wahrscheinlich, dass die Runde vorher noch einmal tagt. Zwischen Frau Merkel und Sarkozy gilt nach mehreren Telefongesprächen die Sprachregelung der "totalen Koordinierung". Und in der EU-Kommission ist zu hören, allen Partnern sei klarer als noch vor einer Woche, dass jede nationale Maßnahme unmittelbare Auswirkungen auf EU-Ebene haben könne und man sich besser abstimmen müsse. Das "Bewusstsein der dauernden Koordination" habe sich in allen Mitgliedstaaten tiefer eingegraben. Wie zur Bekräftigung hat Barroso sofort nach Bekanntwerden die Teilverstaatlichung britischer Banken begrüßt und als vereinbar mit dem EU-Recht bezeichnet - obwohl am Tag zuvor in Luxemburg davon noch keine Rede gewesen war. Vorläufig wird sich die Diskussion über die richtige Antwort auf die Krise auf die internationale Ebene verlagern: Die Finanzminister und Notenbankchefs der sieben führenden Industrieländer (G 7) treffen sich von diesem Freitag an in Washington. Freilich werden die EU-Staaten auch danach mit unterschiedlichen Konzepten an die Krise herangehen. Ein gemeinsamer Fonds bleibt vorerst undenkbar. Immer mehr Mitgliedstaaten spannen dagegen nationale Rettungsschirme auf. Den Briten sind die Spanier gefolgt, und auch Italien hat am Donnerstag die rechtlichen Voraussetzungen für staatliche Stützungsaktionen geschaffen. Ob eine staatliche Rettungsaktion im Ernstfall wirklich eine nationale Angelegenheit bliebe, ist eine andere Frage. Schließlich haben sich die Finanzminister in Luxemburg auch darauf geeinigt, jede "systemrelevante" Bank vor dem Konkurs bewahren zu wollen. Das kommt einer Selbstverpflichtung gleich, im schlimmsten Fall eben doch grenzüberschreitend einzuspringen. Worin unterscheidet sich diese Lösung von einem europäischen Fonds? Dessen Gegner sagen, ein Fonds wäre einer Einladung an die Banken gleichgekommen, noch mehr Geld zu verbrennen. Diese Gefahr sei nun zumindest etwas geringer. FAZ 2008/10/10 Wie der Giftmüll im Finanzsystem entsorgt werden soll. kA kum.; ctg.; ama.; Mü.; jja.; sibi. Politik Bericht global Seite 3 kA Wie der Giftmüll im Finanzsystem entsorgt werden soll. Um die Finanzkrise einzuhegen, gibt es mehrere Modelle: das Rettungspaket in Amerika, die "Garantie" der Regierung in Berlin, die sogenannte Verstaatlichung von Banken wie in Island oder Großbritannien. Begleitet werden solche Schritte von Zwischenlösungen: der Geldpumpe nationaler Notenbanken. Manche glauben auch noch an einen Rettungsanker namens "Basel". Die Fondslösung: Amerikas Paket. Das sogenannte Rettungspaket der amerikanischen Regierung besteht im Kern aus einem Fonds von 700 Milliarden Dollar, aus dem das Finanzministerium schöpfen kann. Das Geld, das über die Ausgabe neuer amerikanischer Staatsanleihen auf dem Kapitalmarkt aufgebracht werden soll, wird dem Ministerium schrittweise zur Verfügung stehen. Damit die Staatsanleihen am Markt plaziert werden können, wird die Höchstgrenze der amerikanischen Staatsverschuldung von 10,6 auf 11,3 Billionen Dollar heraufgesetzt. Die "faulen" Kredite und Wertpapiere, deretwegen der Fonds ins Leben gerufen wird, sollen den notleidenden Banken vom Finanzministerium so billig wie möglich abgekauft werden. Das soll wahrscheinlich in Form von "umgekehrten Auktionen" geschehen, in der nicht der Käufer, sondern der Verkäufer steigert: Banken und andere Finanzinstitute können Gebote für ihre Wertpapiere abgeben. Den Zuschlag erhalten jene, die der Regierung den niedrigsten Preis bieten. Das Finanzministerium wird sich dabei auf den Kauf der einfachsten Wertpapiere konzentrieren, die mit Forderungen aus Hypothekenanleihen besichert sind. Die Regierung solle im Gegenzug zur Finanzhilfe an den geretteten Banken beteiligt werden. Dies wird in Form von stimmrechtslosen Aktien geschehen. Auf diese Weise soll sichergestellt werden, dass spätere Gewinne über die Dividenden an das Ministerium und damit an die Steuerzahler zurückfließen. Von den geretteten Banken soll außerdem nach fünf Jahren eine angemessene Entschädigung verlangt werden, sollten bis dahin über den Verkauf der Wertpapiere und Kredite an private Investoren die ursprünglichen Ausgaben von 700 Milliarden Dollar nicht hereingeholt worden sein. Der Fonds soll außerdem den Hausbesitzern zugutekommen, denen eine Zwangsversteigerung droht, weil sie ihre Hypotheken nicht mehr bedienen können. (ctg.) Patronatslösung: Merkels Garantie. Es kursieren viele Fachbegriffe für das Versprechen der deutschen Bundeskanzlerin an die deutschen Sparer: Bürgschaft, Garantie, Patronatserklärung. Alle Begriffe bezeichnen Instrumente zur Sicherung von Krediten. Eine Bürgschaft ist die Aussage der Kanzlerin jedenfalls nicht. Dann würde die Bundesregierung versprechen, selbst für die Verbindlichkeiten der Banken gegenüber den Sparern einzustehen, wenn die Geldhäuser einstürzen. Dann würde der Staat für diese Ansprüche haften, als wäre er selbst der Schuldner. So ist die Aussage der Kanzlerin aber nicht zu verstehen. Es handelt sich vielmehr um das Versprechen, dafür zu sorgen - wie auch immer -, dass die Sparer ihr Geld nicht verlieren. Juristen interpretieren dieses Versprechen als "Patronatserklärung". Solche Erklärungen werden normalerweise allerdings von Unternehmen als vertrauensbildende Maßnahme gegenüber den Gläubigern ihrer Tochtergesellschaften abgegeben. Der Unterschied zur Bürgschaft: Der "Patron" haftet nicht selbst für die Schulden seines Schützlings, sondern schafft die Grundlage dafür, dass dieser das Vertrauen seiner Geschäftspartner bewahrt. Man unterscheidet solche "weichen" von den "harten" Patronatserklärungen. Hierbei verpflichtet sich der Patron, der Schutzherr der Tochtergesellschaft, diese finanziell gut auszustatten oder Bürgen aufzutreiben. Gesetzlich sind Patronatserklärungen nicht geregelt, es gibt für sie keinen festen Inhalt und keine Formvorschriften. Das gilt auch für die "Garantie": Sie ist nicht gesetzlich geregelt. Verbraucher denken bei diesem Begriff an die Garantie zum Beispiel eines Autohändlers, dass das Fahrzeug mängelfrei ist. Im Fall der Erklärung für die Sparer ist eine andere Art von Garantie gemeint: Damit verspricht ein Akteur, für einen bestimmten wirtschaftlichen Erfolg einzustehen. So kann beispielsweise der Verkäufer einer Immobilie dafür einstehen, dass der Käufer bestimmte Mieteinnahmen erzielt. In ihrer Regierungserklärung hat Angela Merkel ihre Garantieerklärung wiederholt: "Kein Sparer muss um seine Einlagen fürchten. Ich sage hier noch einmal: Diese Erklärung gilt." Wie man das Versprechen auch wertet: Wenn die Bürger es einlösen wollen, wird dies jedenfalls nicht daran scheitern, dass die Summe noch nicht im Haushaltsplan vorgesehen ist. Denn die Bundeshaushaltsordnung erlaubt außerplanmäßige Ausgaben, wenn ein "unvorhergesehenes und unabweisbares Bedürfnis" besteht. (ama.) Die Zwischenlösung: Geldpumpen. Den Kampf gegen die Finanzkrise führen die Notenbanken durch Zinssenkungen, vor allem aber schon seit Tagen und Wochen dadurch, dass sie "Liquidität in den Markt pumpen". Was verbirgt sich dahinter? Die Notenbanken versorgen die Banken auf diesem Weg mit Geld. Damit reagieren sie auf ein zentrales Phänomen der Krise: Die Banken trauen sich untereinander nicht mehr. Deshalb leihen sie sich gegenseitig kein Geld mehr - oder nur noch gegen sehr hohe Zinsen. Für ihr Geschäft aber müssen die Banken sich immer wieder Geld ausborgen, sich "refinanzieren". Deshalb springt die Notenbank ein und leiht den Banken befristet hohe Milliardenbeträge. Das Geld dafür muss sie allerdings nicht drucken. Vielmehr handelt es sich um sogenanntes Buchgeld, also Geld, das physisch nicht existiert, sondern nur als Zahlen im Computer. Jede Bank im Euro-Raum etwa muss bei der Europäischen Zentralbank ein Konto unterhalten. In Notsituationen bietet die Zentralbank den Banken über diese Konten befristet zusätzliche Kredite an, für die sie in der Regel Wertpapiere hinterlegen müssen. Das "Pumpen" geschieht somit nur elektronisch: Die Notenbank schreibt den Konten der Geschäftsbanken zusätzliche Beträge gut, während im Gegenzug Wertpapiere der Notenbank als Pfand gutgeschrieben werden. Das macht die Notenbank immer nur befristet. Sobald die akute Notlage vorbei ist, verlängert die Notenbank diese Kreditgeschäfte nicht mehr. Damit zieht sie das Geld, das sie ausgegeben hat, wieder ein. Mit diesem Instrument kann die Notenbank vorübergehend das Krisensymptom bekämpfen, dass die Banken sich kein Geld leihen. Die Ursache dahinter, das mangelnde Vertrauen der Banken untereinander, lässt sich damit aber zumindest kurzfristig nicht ändern. Die Notenbank kann nur hoffen, dass mit dem Fluten der Märkte auf Dauer auch ein Grundvertrauen zurückkehrt, dass das Bankensystem sich stabilisiert. (sibi.) Die Radikallösung: Verstaatlichung. Der Staat kann auf vielfältige Weise auf Unternehmen Einfluss nehmen - oder sie sich sogar ganz einverleiben. Den Begriff der Verstaatlichung kennt das Grundgesetz nicht ausdrücklich, wohl aber den der Enteignung und der Vergesellschaftung. Eine Enteignung ist nur zum "Wohle der Allgemeinheit" zulässig. Sie muss auf gesetzlicher Grundlage erfolgen, die zugleich eine Entschädigung regelt. Das betrifft in der Regel Grund und Boden. Der Staat muss auch entschädigen, wenn Eigentum zwar nicht formal entzogen, es aber durch einen staatlichen Eingriff wertlos wird. Auf Unternehmen zugeschnitten ist dagegen die Vergesellschaftung von "Produktionsmitteln". Auch hierfür ist ein Gesetz erforderlich, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt. Wie bei der Enteignung ist die Höhe der Entschädigung "unter gerechter Abwägung der Interessen der Allgemeinheit und der Beteiligten zu bestimmen". Ferner erlaubt das Kreditwesengesetz der Bankenaufsicht, "Missständen entgegenzuwirken". Dazu kann die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht einzelne Institute schließen, deren Geschäftsleiter abberufen oder Inhabern größerer Beteiligungen ihre Rechte entziehen. Zudem kann die öffentliche Hand nicht nur Bürgschaften für Kredite gewähren, sondern auch Aktien eines notleidenden Bankhauses aufkaufen. Zudem kann eine Kapitalerhöhung beschlossen werden, wie das jüngst bei der strauchelnden Mittelstandsbank IKB geschehen ist. Dazu kann das Bezugsrecht der bisherigen Anteilseigner für die neuen Aktien ausgeschlossen werden. Der Bundesfinanzminister kann die bundeseigene Bankengruppe KfW einschalten oder einen der Schattenhaushalte nutzen, die als "Sondervermögen" nicht im Bundesetat selbst auftauchen. Zum Jahreswechsel waren der Bund und seine verschiedenen Sondervermögen unmittelbar an 110 Unternehmen beteiligt. Voraussetzung für einen Neueinstieg bei einem Privatunternehmen ist ein "wichtiges Interesse des Bundes" daran. (Mü./jja.) Die Vorbeugung: Basel I und II. Wenn angesichts der Finanzkrise eine stärkere Regulierung der Märkte und mehr Transparenz gefordert werden, sind vor allem die Vereinbarungen über schärfere Vorgaben für das Eigenkapital der Banken gemeint. Die internationalen Regeln dazu tragen die Namen "Basel I" und "Basel II", weil in Basel die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich und der zuständige Ausschuss ihren Sitz haben. Besonderes Augenmerk gilt derzeit den "Basel II"-Richtlinien, weil sie in Europa seit diesem Jahr für alle Geldinstitute gelten, ihre Einführung in Amerika aber immer wieder verschoben wurde. Die Regeln von Basel II schreiben vor, ständig ein Minimum an Eigenkapital vorzuhalten, nämlich in Höhe von acht Prozent der risikogewichteten Vermögenswerte der Bank. Verluste im Kreditgeschäft sollen so zu Lasten des Eigenkapitals gehen, nicht auf Kosten der Sparer. Die Banken sind dagegen nicht an einem hohen Eigenkapital interessiert. Machen sie Gewinn, ist die Eigenkapitalrendite umso höher, je niedriger das Eigenkapital - die Rendite ist wiederum das, was an der Börse zählt. Viele Banken haben in den vergangenen Jahren deshalb Wege und Lücken gesucht, um "Basel" zu umgehen. Dazu lagerten sie Risikogeschäfte in sogenannte Zweckgesellschaften aus, die kein Eigenkapital haben mussten und - weil sie nicht in der Bilanz auftauchen mussten - von der Bankenaufsicht unbehelligt blieben. Kreditlinien, die Banken solchen Gesellschaften gewährten, mussten zudem nicht mit Eigenkapital unterlegt werden, wenn ihre Laufzeit kürzer als ein Jahr war. Ebendiese Zweckgesellschaften ("Conduits") standen im Zentrum der "Subprime"-Krise. Sie waren das Finanzierungsvehikel, um riskante Kredite "verbriefen" zu können, also zu bündeln und als Wertpapiere ("Asset Backed Securities" - kurz: ABS) international zu verkaufen. Die ABS wurden von Zweckgesellschaften ausgegeben, von Zweckgesellschaften auch wiederum gekauft, die den Kauf durch die Emission kurzlaufender Wertpapiere refinanzierten. Der Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin), Jochen Sanio, bezeichnete solche Gesellschaften deshalb als Teile einer weltweiten Deponie, auf denen der "Giftmüll im internationalen Finanzsystem" gelagert worden sei - drittklassige amerikanische Hypothekarkredite. "Basel II" und seine Folgeabkommen wären dafür so etwas wie die Müllabfuhr. (kum.). FAZ 2008/10/10 "Der Neoliberalismus ist am Ende". Im Gespräch Juso-Vorsitzende Franziska Drohsel. Majid Sattar Politik Interview BRD Seite 4 Im Gespräch "Der Neoliberalismus ist am Ende". Im Gespräch Juso-Vorsitzende Franziska Drohsel. Die 28 Jahre alte Juso-Vorsitzende Franziska Drohsel sieht sich durch die Finanzkrise bestätigt: Heute seien es neoliberale Hardliner, die ihre Thesen verträten. Frau Drohsel, leben wir nun wegen der Finanzkrise wieder in guten Zeiten für linke Staatsanbeter? Die Finanzkrise bestätigt uns darin, dass unsere Kritik am Kapitalismus richtig war und ist. Man kann sagen: Dieses System fährt vor die Wand. Das sieht man jetzt sehr deutlich. Ich finde es sehr bezeichnend, dass man noch vor einigen Wochen als Sektierer oder Träumer bezeichnet wurde, wenn man über Verstaatlichung gesprochen hat - heute reden neoliberale Hardliner davon, Teile des Finanzsektors zu verstaatlichen. Diese Leute nehmen heute Attac-Positionen an. Insofern: Ja, für linke Positionen gibt es wieder großen Raum. Der Neoliberalismus ist am Ende. Sie sind 1995 unter dem SPD-Vorsitzenden Lafontaine den Jusos beigetreten - bekommt der Mann heute verspätet recht auf seinem Weg nach links? Oskar Lafontaine war nicht der einzige Linke, der vor den Auswüchsen des ungebändigten Kapitalismus gewarnt hat. Er war auch nicht der Einzige, der gefordert hat, der Finanzmarkt müsse reguliert werden. All diejenigen, die das getan haben, können sich heute bestätigt fühlen. Vergangenen Sommer mussten diese sich noch in Heiligendamm von Wasserwerfern wegräumen lassen. Sie fordern eine Änderung des Strafgesetzbuches und eine "intelligente Lösung" für eine persönliche Haftung von Bankmanagern. Wie soll die aussehen? Ich bin dafür, die Managerhaftung zu verschärfen. Es werden Milliardenverluste gemacht - und die Leute, die das alles zu verantworten haben, bekommen überhaupt keine Konsequenzen zu spüren. Man muss über eine finanzielle Haftung nachdenken. Die Jusos sind seit einigen Jahren so etwas wie der Hort der Stabilität innerhalb der SPD, wo sich ein Vorsitzender nach dem anderen verabschiedet. Was erwarten Sie von der Doppelspitze Müntefering/Steinmeier? Klare Signale, denn an der Basis ist immer noch ziemlicher Pogo*. Wir fordern vom Bundesparteitag klare Zeichen: Kein Zurück zu Basta-Politik - wir brauchen die innerparteiliche Demokratie - und auch inhaltliche Korrekturen. Der Schwerpunkt soziale Gerechtigkeit muss bei den Themen Kinderarmut, Leiharbeit, Mindestlohn weiterverfolgt werden. Weder Müntefering noch Steinmeier kommen am Wochenende zu Ihrem Bundeskongress nach Weimar - sind sie nicht gerne bei Ihnen gesehen? Steinmeier war im letzten Jahr bei uns. Müntefering 2005. Zudem hat sich in der SPD ja zuletzt auch einiges recht kurzfristig entwickelt. Da konnten wir nicht mehr reagieren. Sie selbst fordern - anders als die Parteilinke um Andrea Nahles und Björn Böhning - ein rot-rot-grünes Bündnis schon 2009. Ist das eine geschickte Aufgabenteilung? Die Jusos haben seit langer Zeit eine klare Position: Wir müssen uns inhaltlich auseinandersetzen. Pauschale Denkverbote helfen nicht weiter. Es ergibt keinen Sinn, in Wahlkämpfe hineinzugehen und vorher zig Koalitionen auszuschließen. Wir müssen mit inhaltlichen Positionen in den Wahlkampf gehen und nachher schauen, wie wir diese durchsetzen können. Das gilt auch für 2009. Das Gespräch führte Majid Sattar. * Pogo ist ein Tanz, der Mitte der siebziger Jahre in der Punkrock-Szene entstanden ist - als Gegenbewegung zum als uniform und langweilig empfundenen Disko-Tanz. Die Tanzenden springen dabei wild durcheinander und vor allem gegeneinander. Beim Pogo gilt es jedoch, stets solidarisch auf Schwächere Rücksicht zu nehmen und Gestürzten sofort wieder auf die Beine zu helfen. FAZ 2008/10/10 Eingeschränkter Handel mit Pfandbriefen in Stuttgart. Anleger unterscheiden kaum noch nach Risikoklassen und verkaufen fast wahllos. jur. Finanzmarkt Meldung BRD Seite 25 kA Eingeschränkter Handel mit Pfandbriefen in Stuttgart. Anleger unterscheiden kaum noch nach Risikoklassen und verkaufen fast wahllos. jur. FRANKFURT, 9. Oktober. Die Handelsbeschränkungen an der Börse in Stuttgart werden immer gravierender und haben jetzt sogar den Markt für Pfandbriefe erreicht. Aufgrund der hohen Verkaufsbereitschaft der Anleger sei der Handel in Jumbo-Pfandbriefen, Niedrig-Zins-Anleihen und in Unternehmensanleihen nur noch stark eingeschränkt möglich, heißt es von der Börse Stuttgart. Mit Pfandbriefen trennen sich verunsicherte Anleger nun auch von Schuldtiteln, die mit Hypotheken oder Staatskrediten besichert sind und bei Experten als fast so sicher wie Bundesschatzbriefe gelten. "Privatanleger stoßen Anleihen ab, die sie als risikoreich empfinden", sagt Karlheinz Pfeiffer, Anleihenexperte bei der Börse Stuttgart. Dabei würfen manche Anleger alle Formen der Anleihen in einen Topf, und die Banken könnten als Marktmacher aufgrund von Liquiditätsengpässen nicht alle Verkäufe sofort aufnehmen. Anleger müssten daher zum Teil sehr hohe Verluste hinnehmen. Betroffen seien davon nicht Pfandbriefe einzelner Emittenten, sondern der ganze Pfandbriefmarkt. Bei den Unternehmensanleihen sei der Handel mit Bank-, Versicherungs- und Automobiltiteln stark beeinträchtigt, Anleihen von Versorgern seien hingegen bisher geringer betroffen, berichtet Pfeiffer. Auch hätten die Anleger das Vertrauen in Zertifikate verloren, der Handel sei sehr stark eingeschränkt. "Wir tun alles, um den Markt aufrechtzuerhalten, versuchen die Verkaufsaufträge so gut wie möglich unterzubringen." Aber im Moment sei es schwierig, gibt Pfeiffer zu. Bundesanleihen seien im Gegenzug sehr stark gefragt. Es sei bizarr, dass die Anleger mit großem Verlust Pfandbriefe verkauften, die Staatsanleihen sehr ähnlich seien, nur um sich dann "echte" Staatsanleihen zuzulegen, sagt der Anleihenexperte. Die Finanzkrise sorgte bei der Börse in Stuttgart im Handel schon mehrmals für Turbulenzen. Die Pfandbriefe sind nun erstmals betroffen. Zuletzt kam es im März dieses Jahres im Handel mit einigen Derivateemittenten zu Ausfällen. Anleger konnten an der Börse teilweise über Stunden hinweg zahlreiche Finanzprodukte weder kaufen noch verkaufen. Von den Banken wurden keine Preise gestellt. Die Institute begründeten dies mit technischen Problemen. Auch in Frankfurt hat die Derivatebörse Scoach am Mittwoch abermals mitgeteilt, dass aufgrund der Marktbewegungen der Handel bei diversen Emittenten nur eingeschränkt, zum Teil gar nicht möglich sei. Der Markt für Pfandbriefe an der Frankfurter Börse sei im Moment jedoch nicht eingeschränkt, teilte eine Sprecherin mit. Es gebe auf dem Markt aber eine große Zurückhaltung, es sei zum Teil nicht einfach, Käufer zu finden. Der Verband Deutscher Pfandbriefbanken versucht unterdessen zu beruhigen. "Die Pfandbriefe werden gerade zu Unrecht in Sippenhaft genommen, dabei sind sie eine sehr solide Geldanlage", sagt eine Sprecherin. In der mehr als 100 Jahre dauernden Geschichte der Pfandbriefe sei es noch nie zu einem Ausfall gekommen. Die Laufzeit der festverzinslichen Wertpapiere beträgt bis zu zehn Jahre, jährlich erhält der Anleger eine Zinsgutschrift. Nach Angaben des Verbands hat der Pfandbriefmarkt ein Volumen von etwa 900 Milliarden Euro, die Anleihen werden zu 92 Prozent von institutionellen Anlegern gehalten. Der Pfandbriefmarkt ist der zweitgrößte Markt unter den festverzinslichen Wertpapieren, nur die Schuldverschreibungen des Staates haben noch ein größeres Volumen. Das Besondere an Pfandbriefen ist, dass selbst im Falle einer Insolvenz des Emittenten das Pfandbriefvermögen streng vom Kapital der emittierenden Bank getrennt sei. Zudem haben die Anleger das sogenannte Insolvenzvorrecht, das heißt, die Deckungsmasse steht im Ernstfall allein den Pfandbriefgläubigern zur Bedienung ihrer Forderungen zur Verfügung. "Die Leute reagieren panisch, stellen einfach ihre Depots glatt und gehen in Bargeld", beobachtet auch Dirk Ahrens, Kursmakler bei ICF. Es werde kein Unterschied mehr gemacht zwischen gedeckter oder ungedeckter Ware, dabei seien Pfandbriefe mit das Sicherste, was man kriegen könne. Relativ problemlos, jedoch mit großen Abschlägen ließen sich Pfandbriefe mit kurzen Fälligkeiten umsetzen. So gebe es zum Beispiel gerade gedeckte Pfandbriefe mit einer Fälligkeit im Dezember dieses Jahres für eine Rendite von 15 Prozent - "ein echtes Schnäppchen", urteilt der Kursmakler. "Für alles, was länger läuft als zwei Jahre, gibt es jedoch keinen Geldkurs mehr." FAZ 2008/10/10 Südafrikas Banken zeigen Stärke. Devisenkontrollen schotten die Institute ab. Indirekte Folgen setzen der Wirtschaft zu. clb. Finanzmärkte und Geldanlage Bericht Südafrika Seite 27 kA Südafrikas Banken zeigen Stärke. Devisenkontrollen schotten die Institute ab. Indirekte Folgen setzen der Wirtschaft zu. clb. JOHANNESBURG, 9. Oktober. Die internationale Finanzwelt steckt in einer schweren Krise, doch in Südafrikas schicker Bankenmetropole Sandton läuft das Geschäftsleben nahezu in normalen Bahnen weiter. Zwar gaben im Sog der internationalen Abwärtsbewegung auch die Kurse der Bankaktien nach, aber bei weitem nicht so stark wie die Aktien vieler internationaler Konkurrenten. Kein Institut bangt derzeit um seine Existenz. Wegen strikter Devisenkontrollen sind die Banken von den internationalen Finanz- und Immobilienmärkten weitgehend abgeschottet. Galten die Regulierungen vor kurzem noch als Ausdruck einer antiquierten, wirtschaftsfeindlichen Politik, sind Unternehmer und Ökonomen mit einem Mal voll des Lobes darüber. "Gott sei Dank haben wir Devisenkontrollen", sagte Johann Rupert, Vorstandsvorsitzender des Luxusgüterkonzerns Remgro und Angehöriger einer der angesehensten Unternehmerfamilien Südafrikas. "Glaubt wirklich jemand, dass unsere genialen südafrikanischen Banker der Subprime-Party ferngeblieben wären, wenn sie die Möglichkeit gehabt hätten, dabei zu sein?" Dank der Politik des Finanzministeriums und der Zentralbank befinde sich Südafrika derzeit in einer "außerordentlich guten Position". Banken, Unternehmen und private Investoren in Südafrika dürfen nur einen sehr geringen Teil ihres Vermögens im Ausland, insbesondere außerhalb des afrikanischen Kontinents anlegen. Damit versucht die Regierung Kapitalflucht einzudämmen. Zwar wurde das Regelwerk stetig gelockert, dennoch sind die Devisenkontrollen immer noch einer der Gründe, weshalb viele Unternehmen Südafrika verlassen oder sich mit Investitionen zurückhalten. Die vier großen Banken - Nedbank, Absa, First Rand und Standard Bank - konzentrieren sich fast ausschließlich auf den südafrikanischen Markt und andere afrikanische Länder. "Wir haben überhaupt nichts mit diesen giftigen Finanzinstrumenten zu tun, die den internationalen Banken zu schaffen machen", sagte Sam Moss von First Rand. "Unsere direkten Beziehungen zum amerikanischen Markt sind vernachlässigbar gering", teilte Nedbank mit. Da Unternehmen und private Investoren gezwungen sind, ihr Vermögen großenteils im Heimatland zu deponieren, sind die Banken nicht auf Kapital aus dem Ausland oder Interbanken-Geschäften mit ausländischen Instituten angewiesen. Liquiditätsschwierigkeiten gebe es nicht, heißt es. "In Südafrika bestimmen große, stabile, sehr konservativ geführte Banken mit diversifizierten Geschäftsfeldern den Markt", sagte Iraj Abedian, Chef der Beteiligungsgesellschaft Pan-African Capital Holdings. Sie hielten sich traditionell von riskanten Transaktionen fern. Beispielsweise seien Kredite im Durchschnitt zu fast 98 Prozent gedeckt. Dies sei deutlich mehr als bei vielen europäischen Banken. Im internationalen Vergleich sehr strikte Auflagen gebe es auch zur Vergabe von Krediten und Wagniskapital. Südafrika ist dennoch weit davon entfernt, ein "sicherer Hafen" für Anleger zu werden. Ökonomen warnen davor, dass die Finanzkrise die Wirtschaft indirekt belasten wird. Mit zunehmender Risikoaversion kehren Investoren vor allem Schwellenländern den Rücken. Seit Beginn dieses Jahres flossen netto bereits fast 20 Milliarden Rand (1,6 Milliarden Euro) ausländischen Kapitals aus Südafrika ab. In der Folge büßte die Landeswährung Rand fast 20 Prozent zum Dollar und 15 Prozent zum Euro an Wert ein. In dieser Woche stürzte die Währung auf den niedrigsten Stand seit sieben Jahren. Abedian warnte davor, dass ein langfristig schwacher Rand-Kurs die schon bei mehr als 13 Prozent liegende Inflation anheizen und zu weiteren Zinserhöhungen der Zentralbank führen könnte. Außerdem verteuern sich die Importe, die für das Infrastrukturprogramm zur Fußball-Weltmeisterschaft 2010 benötigt werden. "Die Aussichten auf eine Belebung des Wirtschaftswachstums könnten sich eintrüben, wenn der Rand weiter schwach bleibt", sagt der Ökonom. Derzeit wird mit einem Wachstum für 2007 zwischen 3,5 und 4 Prozent gerechnet. Mit Sorge sehen die Südafrikaner die Verluste an den Rohstoffmärkten. Der Platinpreis ist auf den tiefsten Stand seit drei Jahren gesunken. Seit Beginn des Jahres verlor das Edelmetall 35 Prozent an Wert, weil Autobauer wegen der Rezessionsgefahren weniger produzieren. Platin wird unter anderem zur Herstellung von Katalysatoren eingesetzt. In Südafrika liegen fast drei Viertel der Platinvorkommen der Welt. Das Edelmetall gehört zu den wichtigsten Exportartikeln. Nervös verfolgen Investoren die politische Lage. Vor kurzem traten der Staatspräsident und ein großer Teil des Kabinetts zurück. "Die Südafrikaner und ihre Banken sind an Krisenzeiten und starke Volatilität gewöhnt", sagt Abedian, "vermutlich sind sie auch deswegen besser gewappnet und stehen jetzt besser da als viele andere Institute." FAZ 2008/10/11 Anlagegold ist in Europa fast ausverkauft Händler können Fülle der Anfragen nicht mehr abarbeiten. Prägeanstalten kommen nicht mehr nach. jul./ufe. Finanzmarkt Bericht global Seite 21 kA Anlagegold ist in Europa fast ausverkauft Händler können Fülle der Anfragen nicht mehr abarbeiten. Prägeanstalten kommen nicht mehr nach. jul./ufe. FRANKFURT/LONDON, 10. Oktober. Wer in dieser Woche versucht hat, in Deutschland physisches Gold zu erwerben, wurde enttäuscht. Egal, ob in Münzen, Barren oder Unzen: Auf den Internetseiten der großen privaten Handelshäuser für Edelmetall stand überall die gleiche Botschaft: Weil die Nachfrage das Angebot im Moment bei Weitem übersteige, könne für einige Wochen kein Gold mehr ausgeliefert werden. Das Edelmetall dient seit jeher als Gradmesser für die Krisenstimmung in der Wirtschaft. Je unsicherer die Zeiten scheinen, desto begehrter ist Gold als sichere Form der Geldanlage. "So einen Ansturm habe ich noch nie erlebt", sagt Robert Hartmann, Inhaber von Pro Auru, dem größten privaten Handelshaus für Edelmetall. Im vergangenen Jahr sei es zwar immer wieder einmal zu Lieferengpässen gekommen, aber mittlerweile seien die Anfragen von seinem Team trotz Überstunden nicht mehr zu bewältigen. Goldbarren und österreichische Goldmünzen, die Philharmoniker, könne er wohl schon wieder in zwei bis vier Wochen liefern. Wann er jedoch wieder Krügerrand, die am weitesten verbreitete Goldmünze der Welt bekomme, stehe in den Sternen. Hartmann weist darauf hin, dass nicht Gold an sich knapp sei. Es sei jedoch in der falschen Form und am falschen Ort, da die Prägestätten mit der Produktion nicht nachkommen würden. "Die vorhandene Infrastruktur wird der momentanen Nachfrage nicht gerecht", sagt auch Hans-Günter Ritter, Geschäftsführer der Heraeus Metallhandelsgesellschaft. Im Moment seien die Hersteller komplett ausgelastet. Seit Anfang der achtziger Jahre seien die Produktionskapazitäten in aller Welt zurückgefahren worden, sodass nun eine steigende Nachfrage auf eine geschrumpfte Industrie treffe. Die Produktion in Südafrika, einem der wichtigsten Förderländer der Welt, ist im August um 23 Prozent im Vergleich zum Vorjahr geschrumpft. Dass der Anstieg des Goldpreises, der derzeit rund 900 Dollar beträgt, in den vergangenen Wochen noch moderat ausgefallen sei, liegt nach Ansicht von Ritter vor allem am Stillhalten der Schmuckindustrie, die normalerweise drei Viertel der Goldproduktion nachfrage. "Die Schmuckindustrie kauft im Moment nur sehr wenig Gold, das schafft einen gewissen Ausgleich", sagt Ritter. Sven Streitmayer, Rohstoffanalyst der Landesbank Baden-Württemberg, glaubt jedoch, dass der Goldpreis bis zum Jahresende noch auf 1000 Dollar steigen wird. Er rät Anlegern, die einen sicheren Hafen suchen, zum Einstieg. "Der Dollar ist in den vergangenen Tagen im Verhältnis zum Euro gesunken. Das begünstigt Gold", sagt er. Zudem seien mit der Leitzinssenkung der Europäischen Zentralbank auch die Opportunitätskosten für Gold gesunken. Zudem glaubt er nicht, dass die Fördermenge in näherer Zukunft wieder steigen wird. Auch im Finanzzentrum London flüchten immer mehr Privatanleger in physische Goldinvestments, um sich gegen die Folgen der Finanzkrise abzusichern. Die führenden Goldhändler des Landes, ATS Bullion und Baird & Co., berichten jeweils von einer fast täglich steigenden Nachfrage nach Goldbarren und den weltweit gängigen Goldmünzen wie American Buffalo, den kanadischen Marple Leaf Dollar oder Krügerrand. Mit konkreten Zahlen hielten sich die Sprecher am Freitag in London zurück. Doch seriöse Schätzungen in der britischen Bankenszene gehen davon aus, dass sich der Absatz allein in den vergangenen sechs Monaten um mehr als 30 Prozent vergrößerte. Der Trend hält an. "Mit jedem Tag, mit der britische Aktienindex fällt, wird bei uns auch die Schlange der wartenden Kunden größer", sagt Manager Graham Fallowes, der in der Zentrale von ATS in der Londoner Innenstadt arbeitet. In Großbritannien zog die Nachfrage nach Gold in nennenswertem Umfang an, als im vergangenen Frühjahr die notleidende Hypothekenbank Northern Rock verstaatlicht wurde. "Die Fernsehbilder von britischen Sparern, die um ihre Einlagen bangen, trieben uns Kunden zu, die bis dahin noch nie über den Kauf von Goldbarren nachgedacht haben", sagt ein Händler des ATS-Konkurrenten Baird & Co. Wobei sich darunter sowohl britische Staatsbürger sowie Ausländer aus Europa befänden. Dabei nutzten Käufer vom Kontinent den unter Druck stehenden Kurs des britischen Pfundes, um von Währungsvorteilen zu profitieren und sich günstig mit Goldbeständen einzudecken, bestätigen die beiden Händler in London. "Alles, was wir gegenwärtig verkaufen, beziehen wir vom freien Goldmarkt", sagt Fallowes. Die Möglichkeit, auf die Reserven der Bank of England zurückzugreifen, bestehe für die Händler oder die britischen Großbanken nicht. Als Gold in Großbritannien zuletzt vor neun Jahren knapp wurde, forderte der damalige Schatzkanzler und heutige Premierminister Gordon Brown die heimische Notenbank auf, einen Teil ihrer Goldreserven zu veräußern. Die Bank of England stellte daraufhin 395 Tonnen Gold über 17 landesweite Auktionen zum Verkauf. Die damaligen Einnahmen aus dieser Transaktion sollen sich nach Schätzungen auf 3,5 Milliarden Dollar belaufen haben. FAZ 2008/10/11 "Die Einschläge kommen näher, aber Grund zur Panik gibt es nicht". Im Gespräch: Manfred Wittenstein, Präsident des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau. Rüdiger Köhn Unternehmen Interview BRD Seite 16 Im Gespräch "Die Einschläge kommen näher, aber Grund zur Panik gibt es nicht". Im Gespräch: Manfred Wittenstein, Präsident des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau. Zum dritten Mal findet der Deutsche Maschinenbaugipfel an diesem Dienstag in Berlin statt. Er ist überschattet von der Finanzkrise. VDMA-Präsident und Unternehmer Manfred Wittenstein weiß, dass seine Branche die Turbulenzen zu spüren bekommen wird, nur nicht so hart wie andere. Herr Wittenstein, geraten Sie in Panik? Ich persönlich nein. Aber ich bereite mich auf schwierigere Zeiten vor. Bisher kannten wir nur den Weg nach oben. Nun müssen wir uns auf den Weg nach unten einstellen. Ich habe einen Plan B, der ein behutsames Vorgehen vorsieht. Der da lautet? Als Unternehmer muss ich zunächst nach innen schauen. Wo kann ich noch Speck abbauen? Da hat noch jedes Unternehmen in einem gewissen Korridor Handlungsmöglichkeiten. Wenn man klug und angemessen, vor allem aber rechtzeitig handelt, fallen später notwendige Maßnahmen weniger drastisch aus. Macht auch die Industrie zu viel Panik? Nicht von uns. Aber wir leben auch nicht in einer fremden Welt. Wir sehen das Gefahrenpotential. Die Einschläge kommen näher. Das jedoch gibt längst noch keinen Grund zur Panik. Die Finanzkrise ist also in Ihrem Unternehmen und bei den Maschinenbauern insgesamt angekommen? Klar ist, dass sie zu steigenden Zinsen führt. Aber immerhin bekommen wir noch Kredite. Es gibt keine Probleme, nicht zuletzt auch wegen einer hohen Eigenkapitalquote unserer Unternehmen von durchschnittlich 30 Prozent. Bei den 3000 Mitgliedern des VDMA gibt es keine Kreditklemme? Bisher gibt es keinerlei Anzeichen für Störungen in der Kreditvergabe. Das würden wir schnell spüren, wenn es Behinderungen gibt. Ich bin überzeugt, dass es für uns auch kein ernstes Thema sein wird. Sind Mittelständler als Schuldner bei den Banken lieber gesehen als Banken? Es ist vorstellbar, dass in dieser Krisensituation der Maschinenbau mit seinen Familienunternehmen für die Banken auch eine Chance bedeutet. Wir müssten eigentlich ein Triple-A-Rating haben. Die Welt hat sich gedreht. Vor wenigen Jahren galt der Maschinenbau für die Kreditinstitute als wenig attraktiv. Heute haben sich die Gewichte völlig verschoben. Müssen sich die Maschinenbauer 2009 warm anziehen? Wir müssen den Gürtel enger schnallen. Wir können nicht immer die hohen Wachstumsraten der vergangenen Jahre erzielen. Irgendwann ist einfach der Superboom zu Ende. Die Frage wird sein, wie sich das nächste Jahr herausbildet. Da ist es schwer, angesichts der turbulenten Umstände eine abschließende Aussage zu machen. Wagen Sie keine Prognose für 2009? Nicht jetzt. Aber am Dienstag werde ich mich auf dem Maschinenbaugipfel in Berlin dazu äußern; allein schon deshalb, weil das alle erwarten. Doch es wird eine kommentierte Prognose sein, in der die Risiken klar herausgestellt werden müssen. Grundsätzlich gilt jedoch: Der Maschinenbau ist in seiner Struktur, in der Technologie und in der Produktivität hervorragend aufgestellt. Die grundsätzlichen Themen wie Energie- und Rohstoffeffizienz sowie Ökologie sind ja nicht aus der Welt. Daher bleibt die Grundrichtung absolut positiv. Die Branche ist flexibler und kann stabiler in einen schwächeren Zyklus hineingehen als früher. Sie haben einmal gesagt, der Maschinenbau wächst schneller als die Industrie insgesamt. Gilt die Aussage noch? Die halte ich als Durchschnittsbetrachtung für die nächsten Jahre aufrecht. Ob die Aussage für 2009 gilt, halte ich heute für äußerst gewagt. Das Risikopotential ist gestiegen. Es wird spannend. Das Jahr 2008 ist dagegen gesichert? Es bleibt bei 5 Prozent Produktionsplus? Die sind gebunkert. Das Jahr 2008 ist für uns gelaufen, was Umsatz und Produktion angeht. Allerdings ist schmerzlich, dass sich die Gewinnsituation der Unternehmen deutlich verschlechtert. Hohe Energie- und Rohstoffpreise sowie der schwache Dollar-Kurs haben sichtbare Bremsspuren hinterlassen. Unternehmen haben damit begonnen, Aufträge zu schlechteren Konditionen hereinzunehmen, weil sie entweder durch den starken Euro dazu gezwungen worden sind oder weil sie ihren Kunden nicht an einen Wettbewerber verlieren wollten. Bislang erreichte die Bruttorendite im Schnitt 6 Prozent, die Rendite nach Steuern etwa 3,5 Prozent. Was kommt nun? Der Rückgang wird nicht dramatisch, aber messbar sein. Damit meine ich also eine Abschwächung um mindestens einen halben Prozentpunkt. Die Verzinsung ist gerade so okay. Aber im internationalen Vergleich, etwa zu Großbritannien oder zu den Vereinigten Staaten, ist sie deutlich schlechter. Das ist schon per se ein Wettbewerbsnachteil. Wir liegen da in der unteren Hälfte. Wir müssten viel weiter oben stehen, wenn wir unsere Aufgabe als Innovationstreiber richtig erfüllen wollen. Seit vier Monaten gehen die Aufträge zurück, besonders im Ausland. Setzt sich das fort? Im Auslandsgeschäft wird sich die Situation wieder entkrampfen, das Minus kleiner werden. Allein mit Blick auf die verbesserte Wechselkursrelation mit einem abgeschwächten Euro-Kurs in den vergangenen Wochen wird es eine Stabilisierung geben. Dafür läuft es doch im Inland mit einem Plus von 6 Prozent im August gut? Das stimmt so nicht. Die Inlandsnachfrage müsste höher ausfallen. Denn es gibt immer noch Nachholbedarf. Das Durchschnittsalter der Maschinen und Anlagen ist erschreckend hoch. Im Juli hat der Maschinenbau mit 33000 neuen Arbeitsplätzen das Jahresziel schon überschritten. Geht der Aufbau weiter? Der setzt sich bis zum Jahresende fort, verlangsamt sich allerdings. Die Unternehmen sind vorsichtiger geworden. Dennoch erhöhen wir unsere Prognose noch einmal auf 40000 neue Stellen für das Jahr 2008, nachdem wir sie im April von 10000 auf 30000 neue Arbeitsplätze aufgebessert hatten. Ohne Finanzkrise wären es mehr geworden. Zum Jahresende liegen wir bei 975000 festangestellten Mitarbeitern. In den zurückliegenden drei Jahren haben wir damit deutlich mehr als 100 000 neue Stellen geschaffen. Dass muss uns erst einmal einer nachmachen. Und die sind sicher, auf Dauer? Wir werden nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen, qualifizierte Kräfte zu entlassen. Das sind sichere und dauerhafte Arbeitsplätze - immer unter der Maßgabe, dass die Tariferhöhungen uns nicht zum Abbau zwingen. Was machen Sie, wenn Sie 8 Prozent mehr Lohn zahlen müssen? Das wäre eine absolut unverantwortliche Zahl. Im Maschinenbau gibt es keine von der IG Metall monierte Gerechtigkeitslücke. Durchschnittlich wurden in den vergangenen Jahren 3,1 Prozent mehr gezahlt, mehr als doppelt so viel wie in anderen Branchen. Hinzu sind noch einmal 3,5 Prozent an Gewinnbeteiligungen gekommen. Bei einem derart hohen Abschluss müssten wir reagieren. Wie? Die Folgen wären katastrophal. Alles, was wir in Deutschland aufgebaut haben, würde in Frage gestellt. Der Rationalisierungs- und Verlagerungsprozess würde sofort beginnen. Das geht schnell, da die Unternehmen heute meist international vernetzt sind. Das kann bei einigen innerhalb eines Jahres erfolgen, bei anderen zwei bis drei Jahre dauern. Wir brauchen ein Netzwerk im Inland mit Zulieferern, denen es nicht so gut geht und die wegen der einfacheren Produkte niedrigere Renditen erzielen. Ansonsten würden die Unternehmen im Ausland zukaufen, was die Produktionsabläufe komplizierter macht. Der Exodus würde Tempo aufnehmen. Glauben Sie noch an eine Änderung der Erbschaftsteuerreform zugunsten der Familienunternehmen mit einer deutlich verkürzten Haltefrist? Die Erbschaftsteuer mit ihrer Haltefrist sollte ein Staatsbegräbnis erster Klasse bekommen. Diese Reform würde die Familienunternehmen in eine schwierige Lage bugsieren. Ich kann nur hoffen, dass die Politik noch Sachverstand zeigt. Was geben Sie Bundeskanzlerin Angela Merkel mit auf dem Weg, wenn sie den Maschinenbaugipfel in Berlin eröffnet? Ich werde ihr sagen, wie ernst das Problem der Erbschaftsteuerreform ist. Familienunternehmen sind im Gegensatz zu Hedge-Fonds und anonymen Gesellschaften überschaubar und vor allem transparent. Eine solche Reform würde die Grundlage für die Unternehmen mit Erbnachfolge verschlechtern und schwächen. Aber es gibt noch mehr, was ich Frau Merkel sagen möchte. Was? Besonders mit Blick auf die Finanzkrise sollten mehr denn je die Rahmenbedingungen im Zusammenhang mit Abschreibungen verbessert werden. Wir haben eine so schlechte Investitionstätigkeit in Anlagen wie in Portugal oder in der Türkei. Als Exportweltmeister liefern wir unseren Wettbewerbern im Ausland die Munition, mit der uns das Leben auf den Weltmärkten schwergemacht wird. Und in Deutschland verkümmern die Anlagen. Die degressive Abschreibung sollte eingeführt oder Zusatzinvestitionen mit einem Schlag abgeschrieben werden können. Das würde unseren Kapitalstock modernisieren und produktiver machen. Das wird Frau Merkel nicht beeindrucken, weil die Forderung alt ist und Geld kostet. Das mag sein. Es kommt aber auf den Zeitpunkt an. Die Verbesserung der Abschreibungsbedingungen verursachen Kleinstbeträge, einen Bruchteil dessen, was der Staat den Banken nachschmeißt. Plötzlich sind die Geldschleusen geöffnet. Für die Industrie aber wird nichts getan. Das ist die neue Gerechtigkeitslücke. Das Gespräch führte Rüdiger Köhn. FAZ 2008/10/11 Japan schlägt neuen Fonds vor. Hilfe für kleinere Länder in der Finanzkrise. pwe. Unternehmen Meldung Japan; global Seite 15 kA Japan schlägt neuen Fonds vor. Hilfe für kleinere Länder in der Finanzkrise. pwe. TOKIO, 10. Oktober. Japan will unter Einsatz von Teilen seiner und der Währungsreserven anderer Länder einen neuen Fonds beim Internationalen Währungsfonds (IWF) einrichten, aus dem kleinere Länder in der globalen Finanzkrise unterstützt werden sollen. "Wir stehen bereit, unsere Fonds dem IWF zur Verfügung zu stellen", sagte Finanzminister Shoichi Nakagawa am Freitag in Washington. Japan hält in diesem Jahr den Vorsitz der Siebenergruppe, deren Finanzminister und Notenbankchefs am Freitag in Washington über die Finanzkrise beraten wollten. Japan will dabei den Fonds-Vorschlag präsentieren. Nach japanischen Medienberichten will das Land auch China und die Ölstaaten des Mittleren Ostens zur Beteiligung an dem Fonds auffordern. Der Fonds soll teils aus Währungsreserven und teils aus Beiträgen der IWF-Mitgliedsländer finanziert werden. Der IWF soll nach dem Plan finanzielle Umstrukturierungspläne der Länder prüfen, bevor Kapital auch zur Zuführung in Banken gegeben wird. Japan wird im Kreis der Siebenergruppe auch dafür werben, die Eigenkapitalbasis von Banken gegebenenfalls durch die Injektion von Staatsgeldern zu verbessern. Nakagawa hat es als"begrüßenswert" bezeichnet, sollten die Vereinigten Staaten einen ähnlichen Plan umsetzen. Japan hatte zur Überwindung seiner Bankenkrise Ende der neunziger Jahre mit der Zuführung von Eigenkapital und der zeitweisen Verstaatlichung mancher Banken nach eigener Einschätzung gute Erfahrungen gemacht. Der Siebenergruppe gehören neben Japan die Vereinigten Staaten, Kanada, Deutschland, Frankreich, das Vereinigte Königreich und Italien an. Ministerpräsident Taro Aso erklärte derweil in Tokio, er wolle gegebenenfalls ein Sondertreffen der Staats- und Regierungschefs der G-8-Staaten einberufen, sollte die Siebenergruppe sich bei ihrem Treffen in Washington nicht auf Maßnahmen gegen die Finanzkrise einigen. Er erwäge ein solches G-8-Sondergipfeltreffen, "je nachdem, wie die Dinge sich in Washington entwickelten", sagte Aso am Freitag vor Journalisten. Den G-8-Staaten gehört neben der Siebenergruppe Russland an. Japans Währungsreserven belaufen sich derzeit auf 980 Milliarden Dollar. Mit dem Fonds-Vorschlag will Japan Initiative in der Lösung der Finanzkrise zeigen. In Asien dringt derweil Südkorea auf eine regionale Zusammenarbeit, um sich der Finanzkrise entgegenzustemmen. Präsident Lee Myung-bak hatte gerade Japan und China aufgefordert, eine gemeinsame Antwort auf die Finanzkrise zu diskutieren, die in Korea einen Dollar-Mangel und eine rapide Won-Abwertung hervorgerufen hat. Japan hatte den Vorschlag reserviert aufgenommen und setzt offenbar eher auf eine globale Lösung. FAZ 2008/10/11 Alle Räder stehen still. Die Finanzkrise ist in Deutschlands Vorzeigeindustrie angekommen. Jetzt werden überall weniger Autos gebaut. Mit allen Konsequenzen für Händler, Lieferanten und Beschäftigte. Henning Peitsmeier Die Lounge Bericht BRD Seite 14 kA Alle Räder stehen still. Die Finanzkrise ist in Deutschlands Vorzeigeindustrie angekommen. Jetzt werden überall weniger Autos gebaut. Mit allen Konsequenzen für Händler, Lieferanten und Beschäftigte. Von Henning Peitsmeier. Auf dem geteerten Platz, direkt neben dem Eingang des schmucklosen Autohauses, dürfen nur Opel-Kunden parken. Vor dem Schaufenster reihen sich Opel an Opel, vom "aeroblauen" Corsa 1,2 TP für 13 290 Euro bis zum "saphirschwarzen" Vectra Caravan für 39 535 Euro. Modernste Technik versprechen sie ihren potentiellen Fahrern, sparsam sind sie allesamt und günstig zu haben sowieso. Als Tageszulassung schon mal gern 30 Prozent billiger. Nur die Kunden fehlen. An diesem Morgen ist es besonders trostlos, niemand verirrt sich auf das Gelände des Frankfurter Autohändlers Georg von Opel. Geschäftsführer Claus Bauernfeind ist seit 25 Jahren im Geschäft, kennt das Auf und Ab. "Wir spüren natürlich die Verunsicherung", sagt er. "Mir haben sogar schon Kunden erzählt, sie hätten ihr Geld von der Bank geholt." Aber die Kunden holen nicht das Geld, um es zum Autohändler um die Ecke zu tragen. Wer denkt in diesen Tagen schon an den Autokauf, wenn ihm das Geld sogar auf dem Bankkonto nicht mehr sicher scheint? Der Ansturm auf das Edelmetall Gold ist jedenfalls größer. Glaubt man den Erzählungen von Börsianern, dann steht der Autoindustrie eine ähnliche Krise bevor, wie sie die Banken in aller Welt gerade durchmachen. So manch einer redet gar von Übernahmen und Fusionen. Da könnte aus den Überlegungen, wie Daimler und BMW gemeinsam Teile einkaufen oder Motoren für Kleinwagen entwickeln, in der Krise schnell mal ein Fusionskonzern gezimmert werden. Unter tatkräftiger Mithilfe der Bundesregierung, versteht sich. Auch wenn das manchem Beobachter heute noch abwegig erscheint, so sind sich die Fachleute seit dieser Woche einig, dass die Finanzkrise in der Realwirtschaft angekommen ist. Und zwar zuerst in Deutschlands Vorzeigeindustrie. "Das, was zunächst nach einer Bankenkrise aussah, ist eine echte Wirtschaftskrise", sagt etwa Norbert Wittemann, Direktor der internationalen Unternehmensberatung PRTM. Und die Autoindustrie, fügt er hinzu, "ist ein Konjunkturindikator." Und für Christoph Stürmer vom Prognoseinstitut Global Insight steht fest: "Nächstes Jahr wird noch härter als dieses Jahr." Hohe Materialpreise und Rohstoffkosten, fehlende Nachfrage in gesättigten Märkten, noch dazu ein gestiegenes Refinanzierungsrisiko, und das in Zeiten, in denen sich viele Autokonzerne große Investitionsprogramme genehmigt haben, um Milliarden in die Entwicklung sparsamer und umweltfreundlicher Autos zu stecken: "Das zusammen", sagt Stürmer, "ist alles sehr heftig." Ziemlich heftig waren bereits die Meldungen in dieser Woche aus den Zentralen der großen Autokonzerne. Von General Motors bis zu BMW und Daimler - fast alle Hersteller müssen schon jetzt ihre Produktion drosseln, weil die Nachfrage in aller Welt wegbricht. Vom kommenden Montag an brauchen die Opel-Beschäftigten in Eisenach nicht mehr in den Fabrikhallen zu erscheinen. Im ostdeutschen Opel-Werk stehen in den kommenden drei Wochen die Bänder still, ebenso in Bochum, Saragossa, Antwerpen. Gut 40 000 Corsa, Astra oder Meriva werden nicht gebaut. Opel-Händler Bauernfeind hält die angekündigten Produktionskürzungen für eine Vorsichtsmaßnahme. Autos zu bauen, für die es keine Nachfrage gibt, träfe auch ihn: "Unter Preis verkaufen wäre viel schlimmer." Die Produktionskürzungen sind erst der Anfang So sinnvoll Produktionskürzungen in der augenblicklichen Lage auch sein mögen, sie können auch Angst machen. Dann nämlich, wenn es nur der Auftakt für eine Krise ist, die im Verlust Tausender von Arbeitsplätzen mündet. Allein in Deutschland hängt jeder siebte Job an der Autoindustrie. Erste Fachleute sehen von den 750 000 Stellen in Deutschland gleich 100 000 in Gefahr. Die Sorgen des Opel-Händlers sind auch die Sorgen der Opel-Belegschaft. Der Mann, der ihre Interessen vertritt, ist Klaus Franz. Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende von General Motors Europe macht sich keine Illusionen darüber, dass er die Produktionskürzungen aufhalten könnte. "Jetzt ist der Damm gebrochen", sagt er. Franz muss das zur Kenntnis nehmen, und er muss auch das Große und Ganze im Blick haben, die Absicherung der Arbeitsplätze in Europa, ohne dass Werke gegeneinander ausgespielt werden. So zumindest versteht Franz seinen Job. Noch stellt Opel die meisten Autos in Deutschland her, in Bochum, Eisenach und Rüsselsheim. Aber der Geländewagen Antara kommt schon aus Südkorea. Und im russischen St. Petersburg hat GM eine neue Fabrik hochgezogen und will dort weiter ausbauen. "Der Gang nach Osteuropa", vermutet Franz, "wird jetzt bestimmt abgebrochen." GM braucht dringend Liquidität, verliert aber immer mehr an Kreditwürdigkeit. Ebenfalls in dieser Woche wurde bekannt, dass der am Rand der Insolvenz wirtschaftende Autogigant seine Unternehmenszentrale in Detroit zu Geld machen will. Gerüchten zufolge sollen auch Zahlungsziele gegenüber Lieferanten noch weiter nach hinten hinausgeschoben worden sein. Denn die Absatzkrise auf dem amerikanischen Automarkt hat GM mit voller Wucht getroffen. In Deutschland hat GM schon vor drei Jahren gut 12 000 Stellen gestrichen. GM-Europa-Chef Carl-Peter Forster hält das eigene, "schlanke und ultraproduktive Unternehmen" seither für gut aufgestellt. "Der Anzug", sagt Forster gern, "ist maßgeschneidert." Bei anderen sitzt er scheinbar noch zu locker. Zum Beispiel bei Renault. Dort hat der Vorstandsvorsitzende Carlos Ghosn den Abbau von rund 5000 Stellen angekündigt. Zwar hat der Jobabbau Frankreichs Regierung alarmiert, die die Pläne als "nicht hinnehmbar" bezeichnete, aber wenn die Renault-Werke nicht einmal zur Hälfte ausgelastet sind, fehlen auch Staatspräsident Nicolas Sarkozy die Argumente. Amerikanische Leasingfahrzeuge werden zum Problem in Europa Ford hat in seinem saarländischen Werk in Saarlouis, in dem die Modelle Focus, C-Max und Kuga vom Band rollen, 200 Zeitarbeitern gekündigt. Ebenfalls in dieser Woche musste die schwedische Ford-Tochtergesellschaft Volvo das eigene Sparprogramm nochmals verschärfen, müssen nun weitere 3300 Arbeitsplätze abgebaut werden. Was für ein Start für Stephen Odell, den neuen Mann an der Volvo-Spitze! Ford-Manager Odell hat erst vor zehn Tagen als erster Nicht-Skandinavier die Nachfolge des glücklosen Volvo-Chefs Fredrik Arp angetreten. "Mein Job ist es, Volvo nachhaltig profitabel zu machen", sagt der Brite fast ein wenig trotzig. Die Schweden leiden besonders unter der Autokrise jenseits des Atlantiks. Ohne dort zu produzieren, verkaufen sie die Hälfte ihrer Modelle in Amerika. Die Dollar-Schwäche hat Volvo zusätzlich belastet, von Quartal zu Quartal häufen sich die Verluste. Ähnliche Probleme machen auch den deutschen Herstellern zu schaffen, wenngleich sie noch profitabel wirtschaften. Wie hoch die Belastungen sein werden, wird die Öffentlichkeit jedoch erst mit Vorlage der Quartalszahlen in einigen Wochen erfahren. So lange dürfen sich Pessimisten ein Schreckenszenario in dem Zahlenwerk ausmalen. Gerade die in Amerika abgesetzten Leasingfahrzeuge könnten zum Problem werden - so wie die Immobilien. BMW hat das Risiko bereits früh eingeräumt und für den Ausfall von Leasingverträgen Rückstellungen von 695 Millionen Euro gebildet. Aber reicht das? Und wie stellt man sich auf das schleppende Geschäft in Westeuropa ein? Der einst erfolgsverwöhnte BMW-Konzern hat unter seinem Vorstandsvorsitzenden Norbert Reithofer schon ein milliardenschweres Sparprogramm aufgelegt, Leiharbeiter entlassen und auch schon die Produktion gekürzt. Mit Prognosen ist Reithofer jetzt so vorsichtig wie seine Kollegen. So mancher Zulieferer bereitet sich zu spät auf den Abschwung vor Nur in der Inszenierung ihrer Produkte ist die Autoindustrie immer noch ganz mutig. Volkswagen führt in diesen Tagen den Golf ein. An diesem Samstag werden bei allen VW-Händlern bunte Luftballons aufsteigen. Während der Opel-Händler noch immer auf Kundschaft wartet, werden gewiss einige Neugierige einen Abstecher zur Golf-Premiere bei ihrem VW-Betrieb machen. VW hat die sechste Generation des Bestsellers in einer riesigen Anzeigenkampagne eingeführt: stahlblauer Himmel, grauer Asphalt, eine silbern glänzende Karosserie - "Wertigkeit neu erleben". Aber was heißt Wertigkeit? Sind es wirklich die Nähte der Ledersessel, ist es tatsächlich die Klavierlackoptik des Kühlergrills, wie die PS-Kampagne von VW suggeriert? Oder fragen die Kunden in der Wertigkeit eines Autos nicht doch eher nach dem Preis, den sie beim Wiederverkauf ihres Gebrauchten erzielen? Vielleicht verschieben sich in der Krise auch die Maßstäbe, nach denen Autos gekauft werden? Und bekommen diejenigen, die ein neues Auto finanzieren wollen, überhaupt einen Kredit? In vielen Werkstätten sieht es düster aus. So mancher Kfz-Betrieb hat Schwierigkeiten, die laufenden Geschäfte zu finanzieren. "Jeder fünfte Autohändler spürt schon jetzt die Kreditklemme", sagt Robert Rademacher, der Präsident des Deutschen Kraftfahrzeuggewerbes. Im Kreis der Unternehmensberater heißt es, die Autohersteller hätten zu lange das Krisenszenario ignoriert. "Da wurde lange noch Gas gegeben, obwohl die scharfe Kurve längst in Sicht war", sagt einer. Von dem drohenden Absturz sind auch die Lieferanten überrascht. "Viele Zulieferer bereiten sich jetzt auf die Krise vor, manche sind damit spät dran", sagt Jörn Niewiadomsky, Vizepräsident der Unternehmensberatung Growtth Consulting Europe. Er berät überwiegend kleine Unternehmer, hat das Ohr am Mittelstand. "Die Angst der Lieferanten ist, dass sie nicht abschätzen können, wie lange der Abschwung dauert und wie schlimm es werden wird." Wenig ermutigend ist der Ruf der europäischen Autoindustrie nach dem Staat. Ihr Spitzenverband Acea sorgte am Montag mit einer überraschenden Forderung für Aufsehen: Acea-Präsident Christian Streiff, zugleich Vorstandschef des französischen Konzerns PSA Peugeot Citroën, beklagte erst die konjunkturellen Auswirkungen der Finanzkrise und den hohen Druck durch die Klimaschutzauflagen der EU-Kommission, um dann Gegenmaßnahmen zu fordern: Es solle doch bitte ein Paket mit zinsvergünstigten Krediten von 40 Milliarden Euro geschnürt werden, damit die Autohersteller verbrauchsarme Fahrzeuge entwickeln können. Und obendrein wünscht sich Streiff eine "Verschrottungsprämie", um die Erneuerung der Fahrzeugbestände - und damit den Autoabsatz - zu beschleunigen. Die Rufe nach Staatshilfen sind gar nicht lange her. Sie kamen von den notleidenden Banken. Die Finanzkrise ist in der Autoindustrie angekommen. FAZ 2008/10/11 Auf einen Espresso. Noch da, John Maynard? Carsten Knop Die Lounge Kommentar global Seite 14 Auf einen Espresso Auf einen Espresso. Noch da, John Maynard? Von Carsten Knop. Die "Schwalbe" fliegt über den Erie-See, Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee; von Detroit fliegt sie nach Buffalo - die Herzen aber sind frei und froh, und die Passagiere mit Kindern und Fraun im Dämmerlicht schon das Ufer schaun, und plaudernd an John Maynard heran tritt alles: "Wie weit noch, Steuermann?" Der schaut nach vorn und schaut in die Rund: "Noch dreißig Minuten . . . Halbe Stund." GESPANNTE ERWARTUNG auf immer noch bessere Zeiten - so wie Theodor Fontane am Beginn seiner Ballade "John Maynard" die Stimmung der Passagiere auf dem Dampfer "Schwalbe" skizziert, könnte man die Lage der Wirtschaft im Allgemeinen und der Finanzmärkte im Besonderen in den Jahren zwischen Anfang 2004 und Ende 2007 beschreiben. Die Aktienkurse stiegen, die Auftragsbücher der Unternehmen waren voll - und immer mehr Bürger immer neuer Länder traten als Nachfrager und Investoren auf den Plan. Ob in China, Russland oder der amerikanischen Vorstadt, überall fragten die Bürger die Steuermänner in den Banken: Wie lange noch bis zum nächsten großen Wohlstandsgewinn? Der Himmel schien die Grenze der Hoffnungen zu sein, doch blicken konnte man nur bis zum Horizont. ALLE HERZEN SIND FROH, alle Herzen sind frei - da klingt's aus dem Schiffsraum her wie Schrei: "Feuer!" war es, was da klang, ein Qualm aus Kajüt und Luke drang, ein Qualm, dann Flammen lichterloh, und noch zwanzig Minuten bis Buffalo. ZWANZIG MINUTEN, die bei Fontane zur Ewigkeit werden. In unserer realen Welt ist die Lage ähnlich. Eben noch schien alles in Ordnung zu sein - und jetzt stirbt die Hoffnung auf die schnelle Rückkehr zu alten Zeiten, zuerst an den Finanzmärkten und dann in den Unternehmen unserer Wirtschaft. Die Banken haben das Rad überdreht, sie haben zunächst in den Vereinigten Staaten und unter den wohlwollenden Blicken des dortigen Staates und seiner Aufsichtsbehörden zu viele Kredite an Menschen vergeben, die sie nicht bedienen können - und diese dann noch zu immer neuen Finanzprodukten verpackt, die auf der ganzen Welt verkauft wurden. Danach haben die Banken in allen Ländern die Risiken, die sie eingegangen sind, nicht mehr überschaut. Sie haben dem eigenen Drängen und dem ihrer Kunden nach mehr Rendite nachgegeben, ohne überhaupt noch den genauen Überblick darüber zu haben, welche Risiken damit verknüpft sind. Zur Rettung können die Banker, die sich untereinander schon lange nicht mehr vertrauen, sich kein Geld mehr leihen und ihre eigenen Schäfchen längst ins Trockene gebracht haben, nicht mehr kommen. Jetzt sind allein die Steuermänner auf den Staatsschiffen gefragt. Ihre Finanzminister treffen sich an diesem Wochenende in Washington. IN DIESER PHASE sind wir jetzt. John Maynard, das sind heute die noch entscheidungsfähigen Minister oder Aufsichtsbeamten um den scheidenden amerikanischen Präsidenten George Bush, in Europa sind es Nicolas Sarkozy, Gordon Brown oder Angela Merkel. Sie werden angerufen: "Noch da, John Maynard?" Und Antwort schallt's mit ersterbender Stimme: "Ja, Herr, ich halt's!" Und in die Brandung, was Klippe, was Stein, jagt er die "Schwalbe" mitten hinein. Soll Rettung kommen, so kommt sie nur so. Rettung: der Strand von Buffalo!" Aber der Strand ist in unserer Welt noch lange nicht erreicht: Die Steuermänner jagen durch die Finanzkrise, sie verstaatlichen Banken, sie garantieren Einlagen, sie kaufen Banken ihre faulen Kredite ab. Sie versuchen die Nerven ihrer Bürger zu beruhigen. Aber der rettende Strand ist noch immer nicht in Sicht. Denn die Banken vertrauen sich noch immer nicht. WENN NOTENBANKPRÄSIDENTEN wie Jean-Claude Trichet von der Europäischen Zentralbank auf die Börsenhändler schimpfen, weil die Aktienkurse sich erdreisten, selbst nach einer konzertierten Leitzinssenkung der Notenbanken weiter zu sinken, dann liegen die Nerven blank. Wenn die Trichets der Welt so reden, verunsichern sie die Menschen nur noch weiter. "Auf den Strand! In die Brandung! Ich halte drauf hin. Und das Schiffsvolk jubelt: "Halt aus! Hallo!" Und noch zehn Minuten bis Buffalo. BEI FONTANE kommt das Ende so: "Das Schiff geborsten. Das Feuer verschwelt. Gerettet alle. Nur einer fehlt!" Hoffentlich ist es bei uns am Ende nicht der Euro. FAZ 2008/10/11 Wenn Staaten pleitegehen. In der Geschichte hat es immer wieder spektakuläre Staatsbankrotte gegeben. Philip Plickert Wirtschaft Bericht Island Seite 12 kA Wenn Staaten pleitegehen. In der Geschichte hat es immer wieder spektakuläre Staatsbankrotte gegeben. Von Philip Plickert. FRANKFURT, 10. Oktober. Der Staat kann alles: Die systemrelevanten Banken retten, alle Spareinlagen sichern und das Vertrauen wiederherstellen. Das hoffen die meisten Bürger. Der Staat kann alles - auch pleitegehen, sagen Skeptiker. Und sie können auf historische und aktuelle Beispiele verweisen. Das wäre der Fall Island: Die Auslandsschulden der drei nun verstaatlichten isländischen Banken Kaupthing, Glitnir und Landsbanki summieren sich nach Berechnung der Finanznachrichtenagentur Bloomberg auf mehr als 60 Milliarden Dollar. Zum aktuellen Wechselkurs wäre dies das Sechsfache des Bruttoinlandsprodukts der 315 000 Isländer. Es ist also nicht ausgeschlossen, dass Island in absehbarer Zeit den Offenbarungseid leisten muss. "Angesichts der immensen Auslandsverbindlichkeiten von Island relativ zu seiner Wirtschaftskraft war diese Entwicklung im Zuge der Finanzkrise eigentlich schon seit Monaten absehbar", sagt der Wirtschaftshistoriker Albrecht Ritschl von der London School of Economics. "Island ähnelt in allen wesentlichen Kriterien einem lateinamerikanischen Schuldenland." Als da wäre Argentinien, das Ende 2001 nach einer heftigen realwirtschaftlichen Krise offiziell Staatsbankrott machte und den Schuldendienst einstellte. Bis heute wird über eine Umschuldung gestritten. Die Regierung in Buenos Aires stellte jüngst eine Ausgleichszahlung von 6,7 Milliarden Dollar in Aussicht, die Gläubigerstaaten des Pariser Clubs fordern aber 7,9 Milliarden Dollar, Deutschland ist mit 2,7 Milliarden Euro das größte Gläubigerland. Argentinien hat eine lange Historie wiederkehrender Schuldenkrisen mit weitreichenden Folgen: Die Staatspleite von 1890 löste gar eine internationale Finanzkrise aus. Nur mit Mühe wurde damals die Baring Bank, die große Summen in Argentinien investiert hatte, von der Bank von England gerettet. Die erste große Schuldenkrise in Europa kam, als das Reich der Habsburger, von langen Kriegen zermürbt, 1557 zahlungsunfähig war. König Philipp II. erklärte sämtliche Forderungen seiner Bankiers für unwirksam und speiste sie mit festverzinslichen Staatspapieren ab, deren Wert aber rasch verfiel. Die Fugger und die Welser verloren enorme Summen, andere Finanziers der Krone gingen unter. Auch Frankreich, das sich zahlreiche Kriege und einen teuren Hofstaat leistete, war mehrfach völlig überschuldet. Bis zur Revolution 1789 gab es allein acht Staatsbankrotte. Die französischen Könige ließen Schuldner zuweilen einfach exekutieren. "Das war eine frühe Form der Schulden-Restrukturierung", sagt Kenneth Rogoff, der für den Internationalen Währungsfonds (IWF) eine Studie über Finanzkrisen in den vergangenen acht Jahrhunderten geschrieben hat. Im neunzehnten Jahrhundert ging es Schlag auf Schlag: Nach der Niederlagen gegen Frankreich waren Preußen 1806 und Österreich-Ungarn 1811 pleite. Als sich das Kriegsglück gegen Napoleon wendete, war diese 1812 bankrott, flüchtete in Papiergeldinflation, die 1816 in einem Währungsschnitt endete. Die Verschuldungsgeschichte Lateinamerikas begann kurz nach der Unabhängigkeit im frühen neunzehnten Jahrhundert. Argentinien, Chile, Bolivien, Kolumbien und Venezuela finanzierten ihre Armeen auch durch ausländische Kredite, bald überstiegen aber Zins und Tilgung ihre Möglichkeiten. 1827 entledigten sie sich erstmals der Auslandsschulden durch Zahlungseinstellung. Weitere Beispiele für große Staatsbankrotte waren die Türkei (1875), Peru (1876), Ägypten (1890), Griechenland (1893) und Brasilien (1898). Nach dem argentinischen Bankrott 1890 und der Baring-Krise herrschte kurzzeitig Schockstarre in den Finanzzentren der Welt. "Erstaunlich ist, dass Investoren nach solchen Erfahrungen doch relativ schnell wiederkommen", sagt Ritschl. "Viele reiten auf einer Spekulationswelle und hoffen, rechtzeitig abspringen zu können, bevor die Blase platzt." Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts galt Südamerika wieder als attraktives Ziel für Investoren. In der Zwischenkriegszeit, als die Preise für Agrargüter mehr und mehr verfielen, gerieten die meisten lateinamerikanischen Länder aber in eine Schuldenfalle. Die Wirtschaftskrise nach 1928/1929 stürzte sie in den Ruin, abermals wurde der Auslandsschuldendienst eingestellt. Nach Rogoffs IWF-Studie schnellte in der Weltwirtschaftskrise die Quote der bankrotten Staaten auf 50 Prozent hoch. Nach 1945 blieb das Weltfinanzsystem bis in die siebziger Jahre recht stabil. Die größten Erschütterungen erlebten im vergangenen Jahrzehnt vor Argentinien die asiatischen Länder und Russland 1998. Auch Deutschland, das heute als Stabilitätsgarant im Euro-Raum gilt, hat bittere Erfahrungen mit staatlichen Schuldenkrisen. Im zwanzigsten Jahrhundert hat Deutschland vier Staatsbankrotte erlebt, zwei innere und zwei äußere, zählt Ritschl auf: 1923, 1933, 1948 und 1989. Weitgehend vergessen ist die unilaterale Streichung der Auslandsschulden in den frühen dreißiger Jahren. Ebenso wurde der Staatsbankrott der DDR verdrängt, die sich seit den siebziger Jahren immer stärker in Westdeutschland verschuldete. Nach dem Zusammenbruch wurden diese Schulden stillschweigend gestrichen. Noch stark im Gedächtnis sind aber die beiden Inflationskrisen nach den Weltkriegen, die 1923 und 1948 durch Währungsschnitte beendet wurden. 1923 löste die Rentenmark die Reichsmark im Kurs 1 zu 1 Billion ab. Viele Sparer verloren fast ihr gesamtes Vermögen. Nach einem Bankrott müsse ein Land glaubhaft machen, dass es künftig eine solidere Finanzpolitik betreiben wolle, sagt Ritschl. "Meistens hilft nur noch Regimewechsel, wie in der Bundesrepublik, die in den fünfziger und sechziger Jahren eine sehr konservative Fiskalpolitik betrieben hat." Sonst komme das Vertrauen der Anleger nicht wieder. FAZ 2008/10/11 Franzosen kaufen Tresore. Immobilienpreise und Wirtschaftsleistung im Abschwung. chs. Wirtschaft Meldung Frankreich Seite 12 kA Franzosen kaufen Tresore. Immobilienpreise und Wirtschaftsleistung im Abschwung. chs. PARIS, 10. Oktober. Wenigstens die Hersteller von Tresoren profitieren in Frankreich von der Finanzkrise. Denn die Franzosen horten ihr Vermögen zunehmend zu Hause, manche kaufen auch Gold und bewahren es zwischen den eigenen vier Wänden auf. Umsatzzuwächse von 30 bis 40 Prozent verzeichnen die Pariser Tresorverkäufer. "Seit der Wahl von Mitterrand haben wir solch einen Ansturm nicht mehr erlebt", berichtet einer von ihnen. Als der Sozialist 1981 Präsident wurde, fürchteten viele Franzosen aufgrund der angekündigten Verstaatlichungen um ihr Geld. Heute dagegen wird das Engagement des Staates willkommen geheißen. Wie Präsident Nicolas Sarkozy schon bei seiner programmatischen Rede am 25. September in Toulon klarmachte, akzeptierte er nicht, "dass ein Sparer auch nur einen Euro verliert, weil ein Finanzinstitut seine Engagements nicht einhalten kann". Wie die Regierung beim belgisch-französischen Sorgenkind Dexia gezeigt hat, ist sie zum Einstieg ins Kapital der Banken bereit. Das scheint bei den Franzosen anzukommen. Nach einer Umfrage des Instituts "Opinion Way" finden 82 Prozent der Befragten, dass die staatliche Garantie für die Spareinlagen der beste Weg sei, "um die Auswirkungen der Finanzkrise zu begrenzen". 79 Prozent haben angeblich Vertrauen in ihre Bank. Die Umfrage stammt freilich vom 8. und 9. Oktober. Seitdem hat der Leitindex CAC-40 weitere 11 Prozent an Wert verloren. Von einem Run auf die Banken kann zwar keine Rede sein, denn abgesehen von Dexia hat Frankreich bisher keine Beinahe-Pleite erlebt; der Marktführer BNP Paribas nutzte die Krise sogar, um den belgisch-niederländischen Konkurrenten Fortis zu übernehmen. Doch mit den fortgesetzten Kursstürzen wächst natürlich die Unruhe. Erstmals seit mehr als zehn Jahren werden in diesem Jahr zudem die Immobilienpreise fallen. "Die Brutalität der aktuellen Ereignisse ist ohne Beispiel. Das Umfeld hat sich in drei Monaten komplett geändert", berichtete der Präsident des Maklerverbandes Fnaim, René Palincourt. Im dritten Quartal seien die Preise um 2,9 Prozent gegenüber dem Vorquartal und um 2,6 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal gefallen. Die Zahl der Transaktionen ist im ersten Halbjahr um 25 Prozent auf das Niveau der Jahres 1993/1994 gesunken. Der Abschwung am Immobilienmarkt könnte die Konsumbereitschaft der Haushalte beeinträchtigen, das wichtigste Standbein der Konjunktur. Der Internationale Währungsfonds sagt für Frankreich im kommenden Jahr nur ein Wachstum von 0,2 Prozent voraus, für 2008 rechnet das Statistikamt Insee mit einem Rückgang des Bruttoinlandsproduktes von jeweils 0,1 Prozent im dritten und vierten Quartal. Nach der Abnahme von 0,3 Prozent im zweiten Quartal befindet sich Frankreich damit schon in der Rezession. Beunruhigend sind auch die jüngsten Zahlen über das Exportdefizit von 5,4 Milliarden Euro im August. Seit Jahresanfang liegt es damit kumuliert um die Hälfte höher als im Vorjahreszeitraum. Und die Industrieproduktion ist in den drei Monaten bis Ende August um 1,5 Prozent gefallen. "Die französische Industrie ist nicht wettbewerbsfähig genug", räumte Industrie-Staatssekretär Luc Chatel im Gespräch mit dieser Zeitung ein. FAZ 2008/10/11 Die Krise trifft auch die Altersvorsorge. An den Börsen der Welt kracht es, die Banken stehen vor dem Abgrund - ist da wenigstens noch das Fundament der Altersvorsorge in Deutschland stabil? Die ehrliche Antwort auf die einfache Frage der Sparer wird in der Finanzkrise immer länger: Lebensversicherer und Versorgungskassen haben ihr Geld überwiegend risikoarm angelegt. Sie sind damit weitaus stabiler als die meisten Banken. Absolute Sicherheit aber gibt es derzeit dennoch nicht. ruh. Wirtschaft Bericht BRD Seite 11 kA Die Krise trifft auch die Altersvorsorge. An den Börsen der Welt kracht es, die Banken stehen vor dem Abgrund - ist da wenigstens noch das Fundament der Altersvorsorge in Deutschland stabil? Die ehrliche Antwort auf die einfache Frage der Sparer wird in der Finanzkrise immer länger: Lebensversicherer und Versorgungskassen haben ihr Geld überwiegend risikoarm angelegt. Sie sind damit weitaus stabiler als die meisten Banken. Absolute Sicherheit aber gibt es derzeit dennoch nicht. ruh. FRANKFURT, 10. Oktober. Die beruhigenden Worte der Behörde zuerst: Nach Ansicht der europäischen Versicherungsaufseher sind die Turbulenzen auf den Finanzmärkten für die Versicherer nicht bedrohlich. Das europäische System sei robust, teilte das Komitee der Aufsichtsbehörden (Ceiops) mit. Ein Zusammenbruch wie der des japanischen Versicherers Yamato Life Insurance sei nicht zu erwarten. Die Aufsichtsbehörden würden die Lage an den Finanzmärkten weiterhin beobachten und die grenzüberschreitende Zusammenarbeit verbessern. "Wir sollten berücksichtigen, dass die Märkte in diesen schwierigen Zeiten überreagieren", sagte Thomas Steffen, der oberste deutsche Versicherungsaufseher. "Dies passierte in ähnlicher Weise auch 2002. Versicherungen sind sehr langfristig orientiert. Es wäre deshalb grundfalsch, sie nur an Marktübertreibungen zu messen." Ist die Altersvorsorge also in sicheren Händen? Leider ist es nicht ganz so einfach. In der Finanzkrise sind fast alle Anlageklassen unter Preisdruck geraten. Das gilt vor allem für Aktien, die in diesem Jahr fast die Hälfte ihres Wertes eingebüßt haben. Aber auch der Handel mit Zinstiteln ist zum Erliegen gekommen, weshalb die Bewertung der Papiere schwierig geworden ist.Wie steht es also um die Altersvorsorge der Deutschen? Für die gesetzliche Rentenversicherung gibt es keine unmittelbaren Folgen der Krise. Ihre Auszahlungen werden im Umlageverfahren finanziert. Die arbeitende Bevölkerung zahlt also, sofern sie sozialversicherungspflichig beschäftigt ist, aus dem laufenden Einkommen die Auszahlungen an die Rentner. Es gibt also keine Kapitaldeckung, die an Wert verlieren könnte. Die Krise könnte im schlimmsten Fall allerdings in einer wirtschaftlichen Depression enden und so dazu führen, dass die Kaufkraft der Renten stagniert oder gar fällt. Wichtigster Träger der privaten Altersvorsorge sind die deutschen Lebensversicherer. Die Finanzkrise wirkt sich auf die Produkte der Branche unterschiedlich aus. Bei fondsgebundenen Verträgen trägt der Kunde das Risiko des Wertverlusts allein. Der größere Teil der Anlagen, knapp 700 Milliarden Euro, stammt dagegen aus Verträgen, für die die Versicherer eine Mindestverzinsung von 2,25 bis 4 Prozent garantieren. Weil die Lebensversicherer Mindesterträge garantieren, müssen sie solide anlegen. Im Durchschnitt sind deshalb mehr als 80 Prozent in Zinsanlagen vermeintlich guter Qualität investiert, ein kleiner Teil in Immobilien und weniger als 10 Prozent in Aktien. Bisher führt besonders der Aktienanteil zu Verlusten. Allerdings haben manche Gesellschaften - darunter die Allianz Leben, die eine der höchsten Aktienquoten hatte - schon im vergangenen Jahr Teile ihres Aktienbestands verkauft. Die Verluste sind zwar immer noch schmerzhaft, dürften aber zu verkraften sein, zumal finanzschwächere Versicherer ohnehin kaum oder keine Aktien halten dürfen. Gleichwohl ist absehbar, dass viele Lebensversicherer für das kommende Jahr die Überschussverzinsung senken müssen. Das schmälert die erwartete Ablaufleistungen. Es ist also beim Beginn des Ruhestands mit weniger Geld zu rechnen. Wäre das die gesamte Folge der Krise, könnten die Kunden aufatmen. Es besteht aber das Risiko, dass es schlimmer kommen könnte. Die Liquidität - also die Verfügbarkeit von Geld - dürfte anders als bei den Banken für die meisten Lebensversicherer zwar derzeit keine Schwierigkeit sein. Denn sie erhalten weiter die Sparraten ihrer Kunden, die größer sind als die Auszahlungen für private Renten und fällige Kapitalpolicen. Allianz Leben, der Marktführer, kann deshalb samt der eingenommen Zinsen und Dividenden jeden Tag 100 Millionen Euro neu anlegen. Dennoch könnte es aber bei einem besonders schlimmen Verlauf der Krise auch für die Lebensversicherer bedrohlich werden. Sie haben überwiegend in solide Anleihen investiert - unter anderem auch in deutsche Staatsanleihen, die sogar an Wert gewonnen haben. Aber rund die Hälfte der Anleihen stammt von Banken. Sollten diese reihenweise ausfallen, käme es zu größeren Verwerfungen. Von Vorteil ist, dass ein großer Teil dieser Bankenanleihen Pfandbriefe sind, die umfangreich mit Hypotheken und Staatskrediten besichert sind. Aber auch hier greift inzwischen die Verunsicherung um sich: Der Handel mit Pfandbriefen ist seit Tagen zum Erliegen gekommen. Sollte doch noch eine Versicherungsgesellschaft in Schwierigkeiten geraten, dann würde zunächst die deutsche Aufsichtsbehörde Bafin stabilisierend eingreifen. Reicht das nicht, hält die Branche die Auffanggesellschaft Protektor für eine Abwicklung bereit. Wie bei den Banken ist diese Sicherung aber nur für kleinere und mittlere Gesellschaften geeignet. Eine Pleitewelle - für die es derzeit keine Anzeichen gibt - würde sie überfordern. Lebensversicherungen sind auch meist die Grundlage für die steuerlich geförderten Riester- und Rürup-Verträge, die schon mehr als 10 Millionen Deutsche abgeschlossen haben. Werden diese Policen bei Fondsgesellschaften abgeschlossen, sind die Anlagerisiken größer. Allerdings müssen sie mindestens den Erhalt der Beiträge garantieren. Auch die Riester-Sparpläne der Banken gelten als sicher. In den Versorgungswerken sind rund 700 000 Ärzte, Steuerberater, Architekten, Anwälte, Notare und andere Freiberufler organisiert. Sie haben sich von der Pflicht zur Mitgliedschaft in der gesetzlichen Rentenversicherung befreien lassen und zahlen stattdessen in die berufständischen Einrichtungen ein. Diese sind überwiegend kapitalgedeckt finanziert und zu einem kleineren Anteil über Umlagen. Bisher war das ein Vorteil, weil die Renten höher sind als in der gesetzlichen Rentenversicherung. In der Finanzkrise birgt die Kapitaldeckung allerdings ein Risiko, falls der Kapitalstock stark an Wert verlieren sollte. Die Versorgungswerke arbeiten bei der Geldanlage - es geht um rund 100 Milliarden Euro - ähnlich wie die Lebensversicherer. Die Aktienquote ist zwar deutlich höher, dafür verfügten die Kassen nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft berufständischer Versorgungseinrichtungen aber auch zuletzt noch über stille Reserven. Diese Reserven enstehen, wenn die bilanzierten Werte der Aktien unter dem Börsenpreis liegen. Die Versorgungswerke haben aber wie die Lebensversicherer viel in Anleihen investiert und tragen deshalb ein ähnliches Systemrisiko. Ihre Stabilität dürfte jedoch noch größer sein, weil sie ihren Mitgliedern keine Mindestverzinsung garantieren. Außerdem handelt es sich um eine Pflichtversicherung, die Mitglieder können also nicht kündigen und ihr Geld abziehen. Das bedeutet, dass es kein Liquiditätsrisiko gibt. Im Extremfall könnten die Versorgungswerke obendrein die Umlagekomponente erhöhen. Dann würden weniger Mittel der zahlenden Mitglieder für den Aufbau des Kapitalstocks ausgegeben und mehr für die Auszahlungen an die Pensionäre. Betriebsrenten sind auf unterschiedliche Arten finanziert und deshalb auch unterschiedlich krisenanfällig. Ein Teil der Vorsorgeverträge ist nach Art der Lebensversicherung organisiert. Es gilt also das gleiche Maß an Risiko und Sicherheit. Ein großer Teil der von Arbeitgebern gewährten Betriebsrenten wird von den Unternehmen aber auch mit Rückstellungen finanziert, die Unternehmen stehen dann auch mit ihrem Vermögen für die Rente gerade. Wenn in einem wirtschaftlichen Abschwung Unternehmen zahlungsunfähig werden sollten, springt der Pensions-Sicherungs-Verein ein, der von der deutschen Wirtschaft im Umlageverfahren finanziert wird. Sollte wegen einer größeren Zahl von Insolvenzen mehr Geld benötigt werden, kann er die Beitragssätze erhöhen. Manche Sparer fragen sich, ob sie wegen der Finanzkrise ihre Altersvorsorge-Verträge kündigen sollen, um ihr Geld anders in Sicherheit zu bringen. Dagegen spricht viel. Absolute Sicherheit gibt es nicht, aber die Anlagen der Versicherer, Pensionsfonds und Versorgungswerke sind solide, die Risikopuffer trotz aller erlittenen Verluste noch immer ausreichend. Die Kündigung einer langlaufenden Lebensversicherung ist mit hohen Kosten verbunden. Außerdem müsste der Sparer sein Geld anderweitig sicher unterbringen, was in der aktuellen Situation keine triviale Angelegenheit ist. FAZ 2008/10/11 Auch die Stadtkämmerer zockten. kA kA Politik Zitat BRD Seite 2 Stimmen der Anderen Auch die Stadtkämmerer zockten. In der Koblenzer "Rhein-Zeitung" lesen wir zum "Schwarzbuch" des Deutschen Steuerzahlerbunds: "Dass die Finanzkrise nicht an den Kommunen spurlos vorbeigehen wird, überrascht nicht. Etwas anderes erstaunt aber: mit welcher Chuzpe sich die kommunalen Kämmerer offenbar an hochspekulativen Geschäften beteiligt haben, in der Erwartung, die Stadtkasse schnell auffüllen und Schulden abbauen zu können. Von wegen nur die Bankiers. Millionen sind so verzockt worden. Wenn die Zahlen des Steuerzahlerbunds tatsächlich stimmen, wird das sicherlich nicht ohne Folgen bleiben für die Bürger. Und hoffentlich auch nicht für die verantwortlichen Stadtkämmerer." FAZ 2008/10/11 Das Ende des amerikanischen Jahrhunderts? kA kA Politik Zitat USA Seite 2 Stimmen der Anderen Das Ende des amerikanischen Jahrhunderts? Das Mailänder Blatt "Corriere della Sera" wagt einen Blick auf die Zeit nach der internationalen Finanzkrise: "Wenn die Finanzkrise vorbei ist, dann wird der Kapitalismus nicht zusammengebrochen sein. Wahrscheinlich stehen wir dann aber vor dem Ende des ,amerikanischen Jahrhunderts'. Die Vereinigten Staaten werden noch für eine gewisse Zeit die führende Militärmacht des Planeten sein, doch das ,Spiel' wird dann multipolar geführt, und das Gefälle zu den anderen großen Mächten wird dazu tendieren, geringer zu werden. Wird aber eine derartige Welt dann auch ,friedlicher' und ,freier' sein? Wohl nicht. Es wird sich wohl um eine Welt handeln, die noch gefährlicher sein wird als die uns bekannte." FAZ 2008/10/11 Panik an der Deutschen Börse. Der Dax zeitweise um 12 Prozent im Minus. Merkel: Wir brauchen internationale Regeln. Öl billiger. F.A.Z. Politik Meldung BRD Seite 1 kA Panik an der Deutschen Börse. Der Dax zeitweise um 12 Prozent im Minus. Merkel: Wir brauchen internationale Regeln. Öl billiger. F.A.Z. FRANKFURT, 10. Oktober. Die Kurse an den deutschen Börsen sind am Freitag abermals eingebrochen. Der Dax verlor zeitweise 12 Prozent. Der Index schloss 7 Prozent unter dem Vortagesstand mit 4544 Punkten. Auch die Aktien an der Wall Street notierten zeitweise deutlich im Minus und schlossen uneinheitlich. Der Nikkei-Index in Tokio war zuvor um 9,6 Prozent gefallen. In Wien wurde der Handel ausgesetzt. In Moskau blieb die Börse wegen der Turbulenzen geschlossen. Händler sprachen von Panik und Ausverkaufsstimmung. Öl erreichte einen Jahrestiefstand, ein Barrel kostete zeitweise 77 Dollar - so wenig wie zuletzt im September 2007. Alle Blicke richten sich nun auf das Treffen der Finanzminister und Notenbankchefs in Amerika an diesem Wochenende. Die EU-Staats- und -Regierungschefs treffen sich am Sonntag zu einem Krisengipfel, um einen gemeinsamen Aktionsplan auszuarbeiten, wie das französische Präsidialamt mitteilte. In den Niederlanden haben sich Regierung und Zentralbank schon am Freitag darauf verständigt, als Sicherheitsnetz für die niederländischen Banken 20 Milliarden Euro bereitzustellen. Anspruch auf die Notkredite erheben können alle Finanzinstitutionen, die "von Grund auf gesund und lebensfähig sind", hieß es in einer Erklärung. Die Regelung soll für ein Jahr gelten. Russland will den heimischen Börsen mit dem Kauf von Aktien im Volumen von umgerechnet knapp fünf Milliarden Euro in diesem Jahr beistehen. Mindestens die gleiche Summe werde die Regierung im nächsten Jahr aufbringen, sagte Ministerpräsident Putin. Der Staat kaufe aber nur Aktien russischer Unternehmen. Die Entwicklungsbank werde damit in der kommenden Woche beginnen. In Deutschland gibt es weiterhin keine Pläne für eine Verstaatlichung von Banken. "Es gibt im Augenblick in Deutschland keine aktuellen Überlegungen in diese Richtung", sagte ein Sprecher von Bundesfinanzminister Steinbrück. Derzeit würden die Entwicklungen an den Märkten "sehr, sehr sorgfältig beobachtet". Bislang seien Lösungen gefunden worden, die in den Fällen, in denen man tätig geworden sei, sehr hilfreich gewesen seien. Bundeskanzlerin Merkel forderte in Dresden internationale Lösungen: "Regeln im eigenen Land oder auf europäischer Ebene reichen nicht mehr aus. Damit sich eine Finanzmarktkrise wie derzeit nicht wiederholt, brauchen wir internationale Regeln." Der amerikanische Präsident Bush kündigte an, seine Regierung werde "aggressiv" gegen die Krise vorgehen. Dabei werde man mit anderen Ländern zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass Aktionen koordiniert und effektiv seien. Trotz der Turbulenzen glauben die meisten deutschen Verbraucher noch, dass sie ihren Banken und Versicherungen weiterhin vertrauen können. Das geht aus einer Umfrage des Beratungsunternehmens Grass Roots hervor. Nur 17 Prozent gaben an, sie vertrauten "gar nicht" mehr darauf, dass ihre Bank sie über die "persönlichen Risiken im Rahmen der Finanzkrise" richtig beraten werde. Von der Krise direkt betroffen sahen sich bisher nur etwa 26 Prozent. In Brüssel forderten führende Vertreter des Europäischen Parlaments, den für die Finanzmärkte zuständigen irischen EU-Binnenmarktkommissar McCreevy wegen Untätigkeit auf einen anderen Posten zu versetzen. Eine Kommissionssprecherin wies die Forderung zurück. FAZ 2008/10/11 Die Drehbuchschreiber der Krise. Schuld an der russischen Finanzkrise sind russische Banken, nach Meinung russischer Analysten aber auch amerikanische Anleger. Der Staat versucht einzugreifen - auch mit einer restriktiven Medienpolitik. Michael Ludwig Politik Bericht Russland Seite 2 kA Die Drehbuchschreiber der Krise. Schuld an der russischen Finanzkrise sind russische Banken, nach Meinung russischer Analysten aber auch amerikanische Anleger. Der Staat versucht einzugreifen - auch mit einer restriktiven Medienpolitik. Von Michael Ludwig. MOSKAU, 10. Oktober. Am besten totschweigen oder wenigstens schönreden. Das ist die Handlungsanweisung, an die sich die vom Staat kontrollierten russischen Fernsehsender seit Wochen halten, wenn es um die Berichterstattung über die Folgen der Finanzkrise für Russland und die Turbulenzen auf dem russischen Kapitalmarkt geht. Das jedenfalls haben Beobachtungen ergeben, von denen die "Moscow Times" dieser Tage berichtete. "Kollaps" oder "Krise" seien auf Anweisung des Kremls zu Unworten geworden. Wenn sich wieder ein "Blutbad" auf dem Moskauer Börsenparkett ereignet habe, werde am Abend im Fernsehen lieber von "Abschwung" gesprochen. Eine Rede des Finanzministers Aleksej Kudrin, in der er vor Finanzfachleuten vergangene Woche eine schonungslose Lagebeurteilung abgegeben hatte, wurde dem breiten Publikum nicht zugemutet. Sprecher der staatlich kontrollierten Fernsehsender bestritten, dass der Kreml Anweisungen gegeben habe, die Lage weichzuzeichnen. Das Bestreben, Reportern Zügel anzulegen, beschränkt sich aber nicht auf die Staatsmacht. In einer bekannten russischen Wirtschaftszeitung soll, abermals laut "Moscow Times", Anweisung von oben ergangen sein, jene Analysten nicht zu zitieren, deren Meinung geeignet sein könnte, den Kapitalmarkt weiter zu destabilisieren. Ein russischer Großunternehmer der Baubranche ging sogar mit einem offenen Brief an die Öffentlichkeit. Er wollte Journalisten bewegen, ein positives Bild von der ins Schleudern geratenen Branche zu verbreiten: Das Wohlergehen der Bevölkerung hänge davon ab. Wenigstens in der Presse kann Russlands oberster Kassenwart Kudrin seine Landsleute darauf einstimmen, was sie erwartet: Die Krise in Russland und in der Welt habe längst aufgehört, eine Börsen- oder Finanzkrise zu sein. Die gesamte Wirtschaft sei erkrankt, wurde er in russischen Zeitungen zitiert. Die Symptome dieser Krankheit sind ohnehin schon für alle Russen sichtbar. Zuvor hatten manche Politiker gesagt, dass das mit Rohstoffen und Energieträgern gesegnete Land von der Finanzkrise nichts oder nur wenig Unbill zu befürchten habe. Leicht hämisch hatten sie mit dem Finger auf Amerika gezeigt, den großen Konkurrenten im politischen Machtspiel. Jetzt machen Verkäufe von Großunternehmen zu Schleuderpreisen Schlagzeilen und Rettungsaktionen des Staates für einige Großbanken. Dass Geldinstitute keine längerfristigen Kredite mehr vergeben, bekommt der gesamte unternehmerische Mittelstand in Russland zu spüren. Große Bauvorhaben werden abgebrochen, Belegschaften in Betrieben verkleinert, Löhne gekürzt. Kredite für den Erwerb von Wohnungen oder Autos sind immer schwerer und nur noch zu hohen Zinsen zu bekommen. Kudrin rechnet für das nächste Jahr mit einem Rückgang der Wachstumsdynamik der russischen Wirtschaft um gut ein Prozent als Folge der Krise. Der Wirtschaftsberater von Präsident Medwedjew, Arkadij Dworkowitsch, sagte, wenn auch noch China in wirtschaftliche Schwierigkeiten gerate, würde sich das Wachstum in Russland, das in großem Umfang Rohstoffe an China liefert, noch mehr verlangsamen. In den vergangenen Jahren war Russlands Wirtschaft, vor allem von den hohen Preisen für exportiertes Öl und Gas getrieben, durchschnittlich um sieben Prozent gewachsen. Einer der Großabnehmer war China. Aber es geht beileibe nicht nur um China, sondern generell darum, dass das Rohstoffland Russland den Schaden davon hat, wenn wegen der Finanzkrise der befürchtete weltweite Abschwung der Wirtschaft kommt. Dann werden die Nachfrage für jene Güter, die Russlands exportiert, zurückgehen und die Preise für Öl und Gas weiter verfallen. Die großen Entwicklungspläne im Rahmen der "Agenda 2020" dürften dann weitgehend Makulatur bleiben. Ein weiterer Grund für Befürchtungen ist die hohe Verschuldung der beiden Flaggschiffe unter staatlicher Kontrolle, des Ölkonzerns Rosneft und des Gasmonopolisten Gasprom, deren Börsenwert dramatisch gefallen ist. Das fatale Drehbuch für die russische Finanzkrise wurde an der Börse und in den Banken geschrieben, und obschon nur etwa eine Million Russen an der Börse handeln und viele Russen keine Sparguthaben besitzen, deren Wert von der Finanzkrise bedroht werden könnte, ist die Allgemeinheit von den Folgen der Krise dennoch betroffen. Wie immer deutlicher wird, waren russische Banken, aber auch Unternehmen immer häufiger dazu übergegangen, angesichts einer ohnehin zunehmenden Liquiditätskrise im Bankensystem als Sicherheit für dringend notwendige Kredite oder wegen Fälligkeit bestehender Kredite den Kreditgebern Aktienpakete aus ihren Portfolios anzubieten. Das seit Mai zu beobachtende Abgleiten der Aktienkurse an der Moskauer Börse brachte Banken und Unternehmen immer stärker in eine finanzielle Schieflage, weil der reale Wert ihrer Aktienvermögen dahinschmolz. Dass es so kam, hat nach Auffassung der meisten russischen Analysten seinen Grund jedoch in Amerika, genauer: im Verhalten amerikanischer Anleger auf dem russischen Kapitalmarkt. Diese gehörten demnach ebenfalls zu den Drehbuchschreibern der russischen Krise. Denn amerikanische Anlagefonds spielen seit Jahren eine überragende Rolle auf dem russischen Parkett. Manche sagen sogar, sie bestimmten das Geschehen. Als die Schwierigkeiten auf dem amerikanischen Kapitalmarkt immer größer wurden, hätten die Fondsmanager, zum Teil durchaus in Panik, Kapital aus Russland abgezogen und die Aktienkurse durch ihre Verkäufe ins Rutschen gebracht. Die Turbulenzen auf den Finanzmärkten haben zu einem Rückgang der Devisenreserven Russlands geführt. Allein im dritten Quartal betrug der Rückgang 16,7 Milliarden Dollar. Aber trotz dieser Einbußen und trotz vieler Milliarden Dollar, die für die Rettung des Finanzsektors ausgegeben wurden, hat der russische Staat seinen finanziellen Handlungsspielraum keineswegs eingebüßt. Die Devisenreserven gehören mit 556 Milliarden Dollar noch immer weltweit zu den größten, die einzelne Länder aufzuweisen haben. Doch wurde zumindest ein Teil des aus Ölerlösen geschaffenen russischen Stabilisierungsfonds für schlechte Zeiten ausgerechnet in amerikanischen Wertpapieren angelegt. Den Ort, den russische Politiker nun als Quelle allen finanziellen Übels auf der Welt bezeichnen, hatten sie zuvor selbst als sicheren Hafen für eingesammelte Petrodollarmilliarden angesehen. FAZ 2008/10/11 Staatsbeteiligung in Deutschland? Bundesbankpräsident Weber: Nicht ausgeschlossen. bf./ctg. Wirtschaft Meldung BRD Seite 12 kA Staatsbeteiligung in Deutschland? Bundesbankpräsident Weber: Nicht ausgeschlossen. bf./ctg. WASHINGTON, 10. Oktober. Angesichts der Zuspitzung der Finanzkrise haben Bundesregierung und Deutsche Bundesbank umfassende Stützungsmaßnahmen für die Banken ins Auge gefasst. Bundesbankpräsident Axel Weber schließt nicht aus, dass sich auch in Deutschland der Staat an angeschlagenen Banken beteiligt. Bundesfinanzminster Peer Steinbrück äußerte sich nicht konkret zu diesem Vorschlag, wies aber darauf hin, dass die Krise ein Stadium erreicht habe, in dem fallweise Hilfsmaßnahmen nicht mehr ausreichten. Es müsse eine systemische Lösung gefunden werden, sagte Steinbrück auf einer Pressekonferenz am Freitag vor dem Treffen der Notenbankgouverneure und Finanzminister der sieben führenden Industrienationen (G 7) in Washington. Das G-7-Treffen dauerte bei Redaktionsschluss noch an. Unter dem Eindruck der Verluste an den Aktienbörsen in Asien und Europa sagte Steinbrück, die Abwärtsspirale an den Finanzmärkten habe am Freitag noch mal deutlich an Fahrt gewonnen. Die internationale Politik müsse auf die Krise koordiniert reagieren. Die Maßnahmen müssten sich aber von Land zu Land unterscheiden können, da die Schwierigkeiten in den einzelnen Ländern unterschiedlich gelagert seien. Die milliardenschweren Rettungspakete für Finanzinstitute seien für breite Kreise der Bevölkerung "absolut unfassbar", sagte der Minister. Sie seien aber nötig, da die Finanzstabilität ein "öffentliches Gut" sei. Nachdem sich die Krise so dramatisch zugespitzt habe, müssten alle Staaten der Kreditwirtschaft "Hilfe zur Selbsthilfe geben", sagte Bundesbankpräsident Axel Weber. Die Rekapitalisierung von Banken durch den Staat könne ein Mittel dazu sein, solange privates Kapital zu diesem Zweck nicht verfügbar sei. Weber betonte, etwaige Notfallbeteiligungen müssten mit strengen Auflagen verbunden und zeitlich befristet sein. Die Politik müsse die Maßnahmen international so koordinieren, dass es nicht zu Wettbewerbsverzerrungen komme. Zugleich appellierte Weber an die Anleger und Sparer in Deutschland, nicht in Panik zu verfallen, sondern besonnen zu handeln. In Deutschland sei vieles besser als in anderen Ländern. Steinbrück wies darauf hin, dass es in Deutschland im Gegensatz zu anderen Ländern keine Preisblase auf dem Immobilienmarkt gegeben habe und das Banksystem besser aufgestellt sei: "Die Sparkassen, und ich meine nicht die Landesbanken, erweisen sich derzeit als wichtiger Stabilitätsanker, insbesondere für die Finanzierung des Mittelstands". Steinbrück stellte in Aussicht, dass die EU-Kommission in der nächsten Woche eine Änderung der Bilanzierungsregeln beschließen werde. Die Bewertung von Vermögenswerten zu Marktpreisen könne möglicherweise schon für das dritte Quartal verändert werden, um den Abschreibungsbedarf der Banken zu verringern. Weber sagte dazu, viele Marktpreise seien nur noch durch die Liquiditätsnöte zu erklären und verzerrt. Der Bundesbankpräsident, der auch Mitglied im geldpolitischen Rat der Europäischen Zentralbank ist, lehnte eine Äußerung zur Zinspolitik ab. Viele Marktakteure rechnen derweil fest damit, dass die EZB und andere Notenbanken die Leitzinsen nach der gemeinsamen Senkung in dieser Woche schon bald weiter verringern werden. FAZ 2008/10/11 Eine skurrile Berginsel. Niemand in der Schweiz will die Krise bemerken. Jürg Altwegg Feuilleton Kommentar Schweiz Seite 33 kA Eine skurrile Berginsel. Niemand in der Schweiz will die Krise bemerken. GENF, 10. Oktober Der Herbst begann mit einer Niederlage auf dem Spielfeld. Eins zu zwei lautete das Resultat der Schweizer Nationalmannschaft gegen die Fußballzwerge aus Luxemburg, die den größten Erfolg ihrer Geschichte auf dem grünen Rasen feierten und mit denen die Schweiz eigentlich nicht einmal als Finanzplatz rivalisiert. Doch das Vertrauen in die eigene Nationalmannschaft hatten die Eidgenossen realistischerweise schon während der Europameisterschaft in der Heimat verloren. Wie zuvor schon den Glauben an die Banken. Nach dem Absturz der Swissair, die in den Turbulenzen des 11. September Bankrott machte, protestierte die Bevölkerung mit Transparenten gegen die "United Bandits of Switzerland". Die Großbank UBS war mitverantwortlich für den Untergang des nationalen Mythos. Fast gleichzeitig kam es zum Brand im Gotthard-Tunnel und zum Amoklauf eines Bürgers, der im Amtshaus des Steuerparadieses Zug rund ein Dutzend Menschen erschoss. Das war im Herbst vor sieben fetten Jahren. Seither ist das Verhältnis der Schweizer zu Behörden und Banken gleichermaßen gestört. Christoph Blocher wurde in die Regierung gewählt und wieder rausgeworfen. Blocher hatte die Politik der letzten beiden Jahrzehnte geprägt. Seine Schweizerische Volkspartei SVP kämpfte gegen die Ausländer, gegen die Aufarbeitung der Vergangenheit, gegen Europa und für das Bankgeheimnis. Seit dem Putsch des Parlaments gegen den Minister Blocher, der zurück in die Regierung will, sind in der SVP Auflösungserscheinungen zu beobachten. Die Partei muss fürchten, Blochers Millionen, mit denen sie ihren Kulturkampf finanzierte und die Abstimmungen gewann, zu verlieren. Als die Finanzkrise ausbrach, befand sich der Schweizer Finanzminister Merz im Koma. An ihrem Verlauf hat das rein gar nichts geändert. Wie verwundbar selbst eine Schweizer Großbank ist, hatte die Nation in den Monaten zuvor erkennen müssen. Milliardenverluste trieben die UBS an den Rand des Ruins. Sie reagierte wie alle anderen: mit Massenentlassungen und "goldenen Fallschirmen" für die Manager. Kein Aufschrei ging da durchs Land. Kein Artikel, der auch nur im entferntesten an die patriotische Erschütterung nach dem Swissair-Debakel hätte denken lassen, wurde publiziert. Den Paulsen-Plan begrüßten die Schweizer, weil sie ihn als Beitrag zur Sanierung der UBS sehen. Aber als Kleinsparer sind sie auf der Flucht vor den Heuschrecken eh zu den Kantonalbanken, den Raiffeisen-Kassen und zur Postbank abgewandert. Bei den genossenschaftlichen Geldinstituten fühlen sie sich inzwischen sehr viel heimischer als bei den Großbanken, die in den Jahren des Booms und der Blasen die von ihrem Gehalt lebenden Kunden mit Verachtung gestraft hatten. Einmal ganz abgesehen davon, dass im Bankenparadies die Gelder im Falle eines Konkurses nur bis zu einer Höhe von 30 000 Franken garantiert sind. So wenig Schutz gewährt kaum ein anderes entwickeltes Land den Sparern. Ist alles so schlimm wie 1929? Damals war auch die Schweiz von der Pleitewelle und Massenarbeitslosigkeit betroffen. 1934 wurde das Bankgeheimnis im Gesetz verankert - nachdem man kurz zuvor die Spielbanken verboten hatte. Überall an der Grenze blühten die Kasinos. Das Bankgeheimnis sollte die Menschen vor dem Zugriff der immer dreister werdenden Staaten schützen und kann sich sogar auf eine antitotalitäre Herkunft berufen. Viele Juden haben ihm vertraut und Geld und Gold aus Deutschland in Sicherheit gewähnt. Es beschleunigte den Aufstieg des Finanzplatzes Schweiz, der bereits im Ersten Weltkrieg begonnen hatte. Zwischen 1939 und 1945 wurde er nicht gebremst, und die neutrale Schweiz, die zuvor ein armes Land der Auswanderer war, verdankt ihm ihren Wohlstand. Und die harte Währung. Bei der geringsten internationalen Krise spielte sich das ewig gleiche Szenario ab: Massenhaft strömte Geld in die Schweiz, der Franken kletterte nach oben. Ihre Banken waren als Tresore der Tyrannen und Waschmaschinen der Drogenbarone berüchtigt. Auch als Eldorado der Steuerhinterziehung, die nach schweizerischem Rechtsempfinden im Ausland kein Delikt ist. Mit seiner Kritik an den Banken wurde Jean Ziegler zum weltweit berühmtesten Schweizer. Sie bekam eine nicht mehr erwartete Brisanz, als es vor zehn Jahren um die nachrichtenlosen Vermögen und die Goldgeschäfte im Krieg ging. Tapfer verteidigten die Schweizer und die SVP ihre Banken und das Bankgeheimnis. Doch seit dem 11. September 2001 ist alles anders. Vielleicht ist es aber auch der Euro, der vieles verändert hat. Seit die Schweizer nicht mehr an ihre eigenen Mythen glauben, funktioniert selbst der Finanzplatz wie jeder andere auch. Die aktuelle Krise hat keinen Höhenflug des Frankens ausgelöst und keine Welle von Fluchtgeldern auf der Suche nach einem sicheren Hafen ins Land gespült. In Genf, wo man gerade das Steuersystem den Hedge-Fonds angepasst hat, werden in diesem Bereich schon bis zu zwanzig Prozent der investierten Gelder abgezogen. Mehrere Milliarden werden so fällig - am Ende des Jahres, denn die Kündigungsfristen betragen drei Monate. Vor einer Woche hat Thomas Straubhaar in der "Weltwoche" geschrieben, die Finanzkrise treffe "die Schweiz zum besten aller schlechtestmöglichen Zeitpunkte". Wieder einmal? In der neuen Ausgabe lautet die Schlagzeile: "Wohlstands-Réduit Schweiz". Gewiss ist die "Alpenrepublik krisenfester als andere Länder". Und immer noch ein bisschen weniger hysterisch. Aber selbst Chefredakteur Roger Köppel wird es leicht schwindelig angesichts der eidgenössischen Weltfremdheit: "Die Schweiz gibt ein Bild von fast skurril wirkender Beschaulichkeit ab." Einst hatte jeder Schweizer sein Geld auf der Bank und die Bank im Kopf. Heute beschäftigt sich die Öffentlichkeit mit Tierschutz - gerade ging es vor dem Bundesgericht über das Blaulicht für Tierambulanzen - und Rauchverbot. Ende Oktober wird über die Legalisierung von Haschisch abgestimmt. Die Fußball-WM in Südafrika hat die Bevölkerung trotz des neuen Nationaltrainers Ottmar Hitzfeld, der wie ein Heilsbringer erwartet wurde, bereits abgeschrieben - mit Erleichterung, denn die Teilnahme hätte viel zu sehr an die Verwicklung der Banken in die Apartheid erinnert. Die Schweiz freut sich über die fortschreitende Genesung des Finanzministers, der ankündigt, dass er nächstes Jahr ins Amt zurückkehren möchte. Selbst der "Neuen Zürcher Zeitung" scheint Afghanistan wichtiger zu sein als die Wall Street. Und in seiner aktuellen Ausgabe freut sich das Westschweizer Nachrichtenmagazin "L'Hebdo" auf sechzehn Seiten schon über alles, "was billiger wird: Benzin, Heizen, Miete, Essen, Ferien." JÜRG ALTWEGG FAZ 2008/10/11 Europäische und amerikanische Börsen. Dramatische Kursstürze rund um die Welt. re./AFP/Reuters Deutsche und Europäische Aktien Meldung global Seite 24 Europäische und amerikanische Börsen Europäische und amerikanische Börsen. Dramatische Kursstürze rund um die Welt. Die andauernde Panik wegen der Finanzkrise lässt die meisten Börsen weiter abstürzen. Der Dax erlebte den zweiten schweren Einbruch binnen weniger Tage und fiel am Freitag zeitweilig um fast 12 Prozent auf 4308 Punkte. Er schloss schließlich 7 Prozent im Minus auf 4544 Punkten. Der Euro Stoxx 50 verlor fast 8 Prozent auf 2422 Punkte. In New York erholten sich die Aktienkurse im Handelsverlauf von ihren Tagestiefstkursen und schlossen uneinheitlich. Zuvor waren an den asiatischen Börsen die Kurse abermals schwer eingebrochen. Viele Deutsche sorgen sich laut einer Umfrage trotz der Einlagen-Garantie der Bundesregierung um ihre Ersparnisse. Japan regte einen Sonder-Gipfel der G-8 zur Rettung des Weltfinanzsystems an. Der Dax in Frankfurt fiel sofort nach dem Handelsstart um mehr als 10 Prozent bis auf 4371 Punkte. Schwere zweistellige Verluste mussten vor allem Finanztitel wie Deutsche Bank oder Allianz hinnehmen. Aber auch die Aktien von Industriekonzernen wie BASF oder Siemens wurden mit in die Tiefe gerissen. Volkswagen dagegen legten abermals kräftig zu und gingen mit einem Kursplus von 16 Prozent aus dem Handel. An den übrigen Börsen in Europa fiel der CAC-40-Index in Paris um 7,7 Prozent auf 3176 Punkte. In London gab der FTSE-100 rund 8,9 Prozent auf 3932 Punkte nach. Der SMI-Index in Zürich verlor 7,8 Prozent auf 5347 Punkte. Der Nikkei 225-Index an der Börse in Tokio fiel am Freitag um 9,6 Prozent und damit noch stärker als am Mittwoch, als er mit 9,4 Prozent bereits die bis dahin schwersten Kursverluste seit mehr als 20 Jahren verzeichnet hatte. Nach dramatischen Kursabstürzen schloss die Börse in Wien am Freitag für mehrere Stunden den Handel und änderte ihre Regeln. Der Handel war nach starken Verlusten im Vorhandel und in den vergangenen Tagen gleich am Morgen ausgesetzt worden. Dies sei einmalig in der Geschichte der Wiener Börse und solle den Markt beruhigen, sagte eine Sprecherin. Doch auch kurz nach Handelsbeginn zur Mittagszeit rasselte der Leitindex ATX abwärts, im späten Handel lag er gut 7 Prozent tiefer auf 2002 Punkten. Die amerikanischen Aktienmärkte haben am Freitag zunächst ihre Talfahrt fortgesetzt. Händler in New York sprachen von Panikverkäufen im Eröffnungsgeschäft. Die Anleger hätten Angst vor einem von der Finanzkrise ausgelösten weltweiten Wirtschaftsabschwung. "Die Panik und die Angst, die wir sehen, haut einen um. Es scheint so, als ob der Markt eine Depression eingepreist", sagte Matt McCall von Penn Financial Group. Der Dow-Jones-Index der Standardwerte brach im frühen Handel um bis zu 8,1 Prozent auf 7883 Punkte ein. Zeitweise lag das Börsenbarometer sogar im Plus, um zum Handelsende 1,5 Prozent auf 8451 Punkte zu verlieren. Der breiter gefasste S&P-500 fiel um 1,2 Prozent auf 899 Punkte und lag damit unter der psychologisch wichtigen Marke von 900 Punkten. Der Index der Technologiebörse Nasdaq verbuchte zuletzt ein Plus von 0,3 Prozent auf 1650 Punkte. Zudem machten schlechte Konjunktur-Nachrichten den Börsen zu schaffen. Die Staatsanleihen verzeichneten Verluste. Die Zehnjährige rentierte mit 3,87 nach zuvor 3,78 Prozent. An der New York Stock Exchange wechselten am Freitag rund 2,94 Milliarden Aktien den Besitzer. 1123 Werte legten zu, 2283 gaben nach und 40 blieben unverändert. Neue Höchststände hatte kein Titel, neue Tiefstände dagegen 2591. re./AFP/Reuters. FAZ 2008/10/11 Ungarn gilt als verwundbar. Spekulanten setzen die Aktie der OTP-Bank unter Druck. Forint verliert kräftig. ela. Finanzmärkte und Geldanlage Meldung Ungarn; Osteuropa Seite 22 kA Ungarn gilt als verwundbar. Spekulanten setzen die Aktie der OTP-Bank unter Druck. Forint verliert kräftig. ela. WIEN, 10. Oktober. Die Finanzkrise hat inzwischen auch die bislang vergleichsweise robusten Märkte Osteuropas erreicht. Unter den neuen EU-Mitgliedsländern steht vor allem Ungarn unter Druck. Am Donnerstag verbuchten die Landeswährung Forint und Staatsanleihen kräftige Verluste, weil unter den Anlegern offenbar die Sorge über die hohe Verschuldung des Landes zunahm. Für einen Euro mussten am Freitag 264,03 Forint bezahlt werden. Das ist gegenüber Donnerstag eine Verteuerung von 5 Prozent, seit Wochenbeginn sind es 6,5 Prozent. Damit ist der Wechselkurs jedoch noch immer etwas von seinem Höchststand von 285 Forint entfernt, der im Juni 2006 erreicht wurde. Der Gouverneur der Notenbank in Budapest, András Simor, sagte am Freitag, es gebe keine fundamentalen Gründe für die Schwäche des Forint. Simor gab zu verstehen, bei Notwendigkeit wieder an der Zinsschraube zu drehen. Derzeit liegen die Leitzinsen bei 8,5 Prozent, womit in Ungarn die höchsten Risikoprämien unter den etablierten osteuropäischen Märkten bezahlt werden. Fünfjährige Staatsanleihen haben seit Wochenbeginn 10 Prozent verloren, zehnjährige rund 7 Prozent. Der Handel mit Festverzinslichen brach zeitweise zusammen. Unter Druck kamen auch die Aktien des größten Geldhauses des Landes, die OTP Bank. Ihr Wert schrumpfte allein am Donnerstag um 14 Prozent auf 3660 Forint. Sie wurden am Freitag abermals niedriger zu 3600 Forint gehandelt. Gerüchte, wonach OTP vor der Verstaatlichung steht, wurden von der sozialistischen Regierung unter Ferenc Gyurcsány und dem Institut selbst zurückgewiesen. Das Institut befindet sich zu vier Fünfteln in der Hand von ausländischen Investoren, die offenbar von Panik erfasst sind. Ökonomen halten Ungarn für verwundbar, weil das Land hoch verschuldet ist und das Bankensystem stark von ausländischem Geld abhängt. Die externe Verschuldung belief sich Ende des zweiten Quartals auf 117 Milliarden Euro, wovon fast 90 Milliarden auf Fremdwährungen entfielen. Damit sei Ungarn dem Fremdwährungsrisiko wesentlich stärker ausgesetzt als andere Länder in der Region, sagt Kai Stukenbrock, Analyst von Standard & Poor's. Die Nettoverschuldung des Bankensektors im Verhältnis zu den Leistungsbilanzeinnahmen belief sich Ende des Jahres 2007 auf 26 Prozent. Ungarn wird von Standard & Poor's mit "BBB+" in der Region nach Rumänien am schwächsten bewertet. OTP befindet sich in vielen Osteuropafonds. Wegen der starken Rückflüsse werde der Finanztitel von Hedge-Fonds massiv verkauft, sagt Tarek Saffaf, Manager des Magyar Budapest Fonds der Berenberg Bank in Hamburg. Dabei weist OTP im europäischen Vergleich eine gesunde Bilanz- und Ertragsstruktur auf. Im Vergleich zu deutschen Großbanken verfügt OTP über deutlich mehr bilanziertes Eigenkapital. Gleichzeitig erwirtschaftet sie im Vergleich zu diesen Banken mit 30 Prozent die höchste Eigenkapitalrendite im Durchschnitt der zurückliegenden fünf Jahre. OTP sei risikoärmer finanziert, erziele höhere Renditen und betreibe gleichzeitig das risikoärmere Geschäft, argumentiert Saffaf. Aus seiner Sicht dürfte es das Geldhaus wegen seiner robusten Aufstellung leichter haben, aus der Krise zu kommen. FAZ 2008/10/13 Ökonomen erwarten eine Rezession in Amerika. Die Finanzkrise wird die Wirtschaft schwer belasten. bf. Wirtschaft Meldung USA Seite 11 kA Ökonomen erwarten eine Rezession in Amerika. Die Finanzkrise wird die Wirtschaft schwer belasten. bf. WASHINGTON, 12. Oktober. Die Auswirkungen der Kreditkrise werden die amerikanische Wirtschaft nach Einschätzung von Volkswirten stark in Mitleidenschaft ziehen. "Die Wirtschaft geht in eine schmerzhafte Rezession", sagt Jan Hatzius, Chefvolkswirt Amerika der Bank Goldman Sachs. Thorsten Slok, ein Ökonom der Deutschen Bank in New York, sieht das ähnlich. In den Vereinigten Staaten, aber auch in Europa habe sich eine schwere "Kreditklemme" entwickelt, die das Wirtschaftswachstum hemmen werde, sagt Slok voraus. Auch Roger Kubarych, Ökonom von Unicredit in New York, sieht den Ausblick getrübt. Der Wirtschaft stehe eine Phase der Anpassung bevor, die zwei bis drei Jahre daure. Hatzius geht davon aus, dass der Abschwung der amerikanischen Wirtschaft noch weiter an Fahrt gewinnen wird. Die steigende Arbeitslosigkeit bremse den Konsum, was wiederum zu zusätzlichen Entlassungen führen werde. Als Folge werde die Arbeitslosenquote von ihrem Tief von 4,5 Prozent im April 2007 bis Dezember 2009 auf das zyklische Hoch von 8 Prozent steigen. Dies wäre der größte Anstieg seit Mitte der siebziger Jahre. Dabei werde die amerikanische Wirtschaft im vierten Quartal 2008 auf Jahresbasis um 2 Prozent schrumpfen, sagt Hatzius voraus. Erst im zweiten Halbjahr 2009 werde die Wirtschaft wieder langsam zu wachsen beginnen. Die Jahreswachstumsraten dürften 2008 plus 1,5 Prozent und 2009 minus 0,2 Prozent betragen - wobei diese Schätzwerte eher optimistisch seien. Die Frage sei, ob die Politik die Krise in den Griff bekomme, sagt Hatzius. Deutsche-Bank-Ökonom Slok sieht auch in dem starken Anstieg wichtiger Zinssätze ein Konjunkturrisiko. Zum Beispiel seien die Risikoaufschläge für amerikanische Kreditkartenkredite seit dem Juni von rund 50 auf rund 350 Basispunkte gesprungen, die Risikoaufschläge für Studienkredite von 25 auf 175 Basispunkte. Dies hemme die Kreditnachfrage und damit letztlich den Konsum, argumentiert Slok. Die Erfahrung lehre, dass die negativen Folgen einer solchen Kreditklemme umso besser begrenzt werden könnten, je früher die Geld- und Fiskalpolitik gegensteuere. In der gegenwärtigen Situation unbedingt notwendig sei, dass die Politik in den wichtigen Industrieländern nun endlich koordiniert vorgehe. Denn die Risikoprämien im Interbanken-Kredithandel dürften sich erst dann ermäßigen, wenn praktisch alle größeren Banken wieder als vertrauenswürdige Schuldner angesehen würden. Allerdings ist nach Ansicht der Ökonomen noch keineswegs sicher, dass die bahnbrechenden fiskal- und geldpolitischen Maßnahmen der vergangenen Tage und Wochen die Finanzkrise tatsächlich eindämmen werden. Kubarych weist darauf hin, dass die Krise gerade erst angefangen habe, die reale Wirtschaft zu erfassen. Dies lasse befürchten, dass es auch im Unternehmenssektor noch zu größeren Konkursen kommen werde - welche die ohnehin angespannten Bankbilanzen weiter belasten würden. Auch Hatzius bereiten die Bilanzen der Banken Sorgen. Nach seiner Schätzung beträgt der Wertberichtigungsbedarf bei Hypotheken und anderen Krediten insgesamt rund 1400 Milliarden Dollar, von denen noch 600 Milliarden Dollar nicht verbucht seien; amerikanische Banken müssten wohl noch rund 300 Milliarden Dollar an Verlusten verkraften. Slok und Hatzius befürworten vorsichtig die Überlegungen, dass sich der amerikanische Staat an angeschlagenen Banken mit Eigenkapital beteiligt. Eine Rekapitalisierung der Banken sei nötig, damit diese wieder mehr Kredite zu günstigeren Konditionen vergeben könnten, sagt Slok. Dies wiederum sei nötig, um die negativen Folgen der Kreditkrise für die reale Wirtschaft möglichst gering zu halten. Solch eine Einmischung des Staates in die private Wirtschaft sei in den Vereinigten Staaten allerdings nicht populär, sagt Hatzius. Sollte sich die Krise weiter zuspitzen, dürfte die Politik dazu aber Zuflucht nehmen. FAZ 2008/10/13 Der Währungsfonds und die Krise. Einen Mehrwert bietet der IWF nur, wenn sein Rat aufgegriffen wird. Das ist oft nicht der Fall. Claus Tigges Wirtschaft Kommentar global Seite 11 Leitartikel Wirtschaft Der Währungsfonds und die Krise. Einen Mehrwert bietet der IWF nur, wenn sein Rat aufgegriffen wird. Das ist oft nicht der Fall. Von Claus Tigges, Washington. Die Jahrestagung von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank hat diesmal ein anderes Drehbuch als in den vergangenen Jahren: Die globale Finanzkrise und ihre Folgen für die Weltwirtschaft sind das beherrschende Thema auf dem Treffen der 185 Mitgliedsländer der beiden multilateralen Institutionen in der amerikanischen Hauptstadt. Zuletzt, als es der Wirtschaft so gut erging wie lange nicht und eine Eintrübung des Konjunkturklimas als verhältnismäßig geringes Risiko galt, haben sich IWF und Weltbank auf ihren Tagungen vor allem mit sich selbst und ihrer Zukunft beschäftigt. Am Wochenende aber kreisten nahezu sämtliche Gespräche zwischen Finanzministern und Notenbankgouverneuren um die Krise und um die Suche nach einem rettenden Weg aus jener Misere, die als eine der schwersten in die Geschichte eingehen wird. Im Grundsatz besteht zwar Einvernehmen darüber, dass die Spielregeln im Finanzsystem geändert werden müssen. Auf ein einheitliches Vorgehen haben sich die Teilnehmer aber nicht verständigt, trotz des eindringlichen Appells von IWF-Chef Strauss-Kahn. Das muss kein Nachteil sein, denn in der Tat weisen die nationalen Finanzsysteme trotz der engen globalen Verflechtung beträchtliche Unterschiede auf, die in einer globalen Lösung wohl nur unzureichend berücksichtigt werden könnten. Die aktuelle Krise unterscheidet sich von früheren vor allem dadurch, dass diesmal private Marktakteure und nicht souveräne Staaten zahlungsunfähig geworden sind - sieht man einmal von Island ab, das in den Strudel der Bankpleiten geraten ist und nun mit Russland über einen Milliardenkredit verhandelt. Damit ist der IWF, der einst geschaffen wurde, um Mitgliedsländern aus Zahlungsbilanzschwierigkeiten zu helfen, als Krisenfeuerwehr nicht gefragt. Das ist durchaus erfreulich, wenngleich freilich nicht auszuschließen ist, dass in den kommenden Monaten noch das ein oder andere Schwellen- oder Entwicklungsland den IWF um finanzielle Hilfestellung bitten wird, falls verunsicherte Anleger ihr Kapital abziehen sollten. Die Wahrscheinlichkeit, dass Kreditpakete geschnürt werden, ist allerdings ungleich geringer als in früheren Zeiten, denn viele aufstrebende Nationen haben die Lehren aus den Finanzkrisen Ende der neunziger Jahre und zu Beginn des Jahrhunderts gezogen und sich wirtschaftspolitisch besser aufgestellt. Das gilt vor allem für die Auslandsverschuldung; sie ist nicht nur langfristiger, sondern auch häufiger in nationaler Währung aufgelegt - das verringert die Verwundbarkeit. Der Währungsfonds hält sich nun aber keineswegs für entbehrlich, wittert in der Krise sogar eine Chance, sich als Forum wirtschaftlicher Zusammenarbeit zu profilieren. Das ist eine schöne Vorstellung, für die sich auch durchaus gute Argumente finden lassen: Der IWF verfügt nicht nur über ausgezeichnete Expertise in der Analyse makroökonomischer Rahmendaten und Entwicklungen, sondern auch in der Beobachtung der globalen Finanzmärkte. Letzteres ist übrigens Horst Köhler zu verdanken, der während seiner Zeit an der Spitze des Fonds die Kapitalmarktabteilung geschaffen hat. Damit ist der Fonds wie kaum eine andere Institution in der Lage, die vielen unterschiedlichen Fäden zu einem Strang zusammenzufügen und Gefahren und Risiken in einer immer enger verflochtenen Weltwirtschaft aufzudecken. Einen nennenswerten Mehrwert bietet der IWF gleichwohl nur dann, wenn seine Warnungen ernst genommen und seine Ratschläge von den Mitgliedern aufgegriffen werden. Das ist bisher meist nicht der Fall. Oft verhallen die Mahnungen des Fonds ungehört, sofern sie nicht als Bedingungen für einen Milliardenkredit formuliert sind. Der IWF ist häufig nur ein Ort des Palavers, nach dessen Ende die Mitglieder in alle Himmelsrichtungen enteilen und weiterwursteln wie zuvor. Nicht nur Länder wie die Vereinigten Staaten, Deutschland und andere Industrienationen, sondern mehr und mehr auch aufstrebende Schwellenländer wollen sich nicht ernsthaft vom Fonds in ihre Wirtschafts- und Finanzpolitik hereinreden lassen. Daran wird sich etwas ändern müssen, wenn der IWF, wie vielfach bekundet, eine zentrale Rolle in der globalen Wirtschaftspolitik spielen soll. Die Bemühungen um eine Stärkung des Fonds sollten freilich nicht so weit gehen, ihn zu einer Art Weltwirtschaftsregierung aufbauen zu wollen. Eine einheitliche Geldpolitik, selbst für eine größere Gruppe von Ländern, mag sich noch erfolgreich ins Werk setzen lassen - die Europäer machen dies seit 1999 vor; andere Felder der Wirtschaftspolitik lassen sich mit einem Ansatz des "one size fits all" nicht beackern. Der IWF sollte im Grundsatz den Weg weiter gehen, den er schon eingeschlagen hat: so weit weg wie möglich von milliardenschweren Kreditpaketen, die nur rücksichtsloses Verhalten von Regierungen und Investoren schüren, und hin zu einer sorgfältigen Beobachtung und Überwachung weltwirtschaftlicher Entwicklungen. Wenn er darüber hinaus die ökonomische Zusammenarbeit seiner 185 Mitglieder stärkt, umso besser. FAZ 2008/10/13 Amerika treibt Verstaatlichung voran. Der Kauf fauler Kredite rückt bei der Rettung der amerikanischen Banken in den Hintergrund. Jetzt soll zum Teil verstaatlicht werden. Währungsfonds und Siebenergruppe wollen gemeinsam handeln. ctg. Wirtschaft Meldung USA Seite 11 kA Amerika treibt Verstaatlichung voran. Der Kauf fauler Kredite rückt bei der Rettung der amerikanischen Banken in den Hintergrund. Jetzt soll zum Teil verstaatlicht werden. Währungsfonds und Siebenergruppe wollen gemeinsam handeln. ctg. WASHINGTON, 12. Oktober. Die amerikanische Regierung ihren Kurs: Während in Deutschland Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) an einem eigenen Rettungsplan für heimische Banken feilten, erwägt nun auch Henry Paulson direkte Kapitalspritzen für angeschlagene Kreditinstitute und eine staatliche Beteiligung an ihnen. Zwei Wochen nachdem der Kongress 700 Milliarden Dollar bewilligt hat, rückt in Washington der ursprüngliche Plan, faule Kredite und problematische Wertpapiere von Banken und anderen Marktakteuren zu kaufen, in den Hintergrund. "Wir können das Geld der Steuerzahler sinnvoller und effizienter einsetzen, wenn wir ein standardisiertes Programm für den Kauf von Aktien von Finanzinstituten aufstellen", sagte Paulson am Wochenende. Die Regierung will sich vermutlich schon innerhalb der kommenden beiden Wochen an den ersten Banken beteiligen in der Hoffnung, durch eine solche Rekapitalisierung die Vertrauenskrise auf den Kreditmärkten zu beenden und die Darlehensvergabe an Unternehmen und Verbraucher wieder in Gang zu setzen. Zwar plant das Ministerium auch weiterhin Auktionen, in denen es illiquide gewordene Wertpapiere von den Banken kauft; doch der Umfang ist nicht klar. Paulson hatte sich ursprünglich gegen direkte Beteiligungen an Finanzinstituten ausgesprochen. Die Regierung will aber keinen beherrschenden Einfluss auf die Institute ausüben, sondern sicherstellen, an künftigen Gewinnen beteiligt zu sein. Die Finanzminister und Notenbankgouverneure der sieben führenden Industrienationen (G 7) und auch der Lenkungsausschuss des Internationalen Währungsfonds (IWF) verständigten sich derweil auf einen Aktionsplan zur Überwindung der Finanzkrise. Er enthält unter anderem das Versprechen, systemisch wichtige Banken und Finanzmarktakteure mit staatlicher Hilfe vor einem Zusammenbruch zu bewahren. Außerdem sollen die Einlagensicherungsprogramme gestärkt werden, um das Vertrauen der Sparer zu erhalten. "Die internationale Gemeinschaft ist fest entschlossen, alle zur Verfügung stehenden Instrumente einzusetzen, um diese Krise zu beenden", sagte der Vorsitzende des IWF-Lenkungsausschusses, der ägyptische Finanzminister Youssef Boutros-Ghali. IWF-Direktor Dominique Strauss-Kahn äußerte sich zufrieden, dass es nun ein international abgestimmtes Vorgehen gebe. "Wir haben seit Monaten argumentiert, dass in einer solchen Krise gemeinsame Lösungen gefunden werden müssen. Nationale Alleingänge bringen nicht weiter, sind sogar schädlich", sagte Strauss-Kahn. Der IWF stehe bereit, Mitgliedsländern mit Krediten zu helfen, sollten diese in Zahlungsbilanzschwierigkeiten geraten. "Wir stecken gemeinsam in dieser Krise, und wir werden gemeinsam herausfinden. Dafür werden wir alles tun, und die Weltwirtschaft wird gestärkt daraus hervorgehen", sagte der amerikanische Präsident George Bush nach einem Treffen mit den G-7-Finanzministern im Weißen Haus. Bundesfinanzminister Steinbrück und Bundesbankpräsident Axel Weber sagten, es sei trotz des Schulterschlusses mit den G-7-Partnern wichtig, dass Länder Spielräume für eigene Rettungspläne behielten. Steinbrück sprach sich gegen einen gemeinsamen europäischen Topf zur Rettung von Banken aus und verwies auf Besonderheiten des deutschen Bankensystems mit seinen drei Säulen. "Die Sparkassen erweisen sich derzeit als wichtiger Stabilitätsanker." Weber sagte, es gebe bisher in Deutschland keine Kreditklemme, lediglich die Konditionen für die Darlehensvergabe hätten sich verschlechtert. Laut Steinbrück muss eine staatliche Beteiligung an Banken an klare Bedingungen geknüpft sein; das schließe auch ein Eingreifen in das Management, die Dividendenpolitik und in die Vergütungsstruktur der Bankmanager ein. Nicht durchsetzen konnte sich der Minister im Kreis seiner G-7-Partner mit dem Vorschlag, Leerverkäufe von Aktien zu verbieten. Hingegen sei sein Plan, Kreditrisiken nicht mehr zu 100 Prozent von den ursprünglichen Darlehensgebern an Investoren weiterreichen zu können, auf große Zustimmung gestoßen, sagte Steinbrück. Steinbrück sprach sich auch dafür aus, dass der IWF eine bedeutendere Rolle in der wirtschaftspolitischen Zusammenarbeit spielen solle. Auch Strauss-Kahn äußerte Sympathie vor Pläne, den IWF zum Koordinationsforum nationaler Wirtschaftspolitik auszubauen. FAZ 2008/10/13 LÄNDERBERICHT: Südkorea. Die Korea AG stemmt sich gegen die Krise. Korea kämpft darum, nicht weiter in den Strudel der Finanzkrise gerissen zu werden. Doch die Wirtschaftsaussichten haben sich spürbar eingetrübt. Patrick Welter Wirtschaft Bericht Südkorea Seite 12 Länderbericht LÄNDERBERICHT: Südkorea. Die Korea AG stemmt sich gegen die Krise. Korea kämpft darum, nicht weiter in den Strudel der Finanzkrise gerissen zu werden. Doch die Wirtschaftsaussichten haben sich spürbar eingetrübt. Von Patrick Welter. TOKIO, 12. Oktober. Die Bank von Korea hat die Notbremse gezogen. Tagelang hatte sie den Kursverlust des Won eher laufen lassen, wissend, dass im Ausverkauf der Währung Interventionen herausgeworfenes Geld sind. Am Freitagnachmittag aber, so berichteten Devisenhändler in Seoul, griff die Bank von Korea in den Markt ein. Wohl kein Zufall war es, dass zugleich drei große koreanische Unternehmen große Dollar-Bestände in den Markt gaben. Der Stahlhersteller Posco und der Automobilbauer Hyundai verkauften je 100 Millionen Dollar; auch Samsung Electronics war an der Aktion beteiligt. In einer beeindruckenden Wende stieg der Außenwert der Währung. Beim Tagestiefpunkt des Won erhielt man für einen Dollar 1460 Won, später sank der Dollar-Wert auf 1225 Won. Das war eine zwischenzeitliche Aufwertung des Won um 16 Prozent. Zum Handelsschluss in Seoul reichte es zwar nur für ein Tagesplus von 5,1 Prozent. Die Korea AG aber hatte der Welt gezeigt, dass sie sich dagegen wehren wird, von der globalen Finanzkrise in den Abgrund gerissen zu werden. Fachleute haben ihre Zweifel, ob das gelingen wird. "Asien ist das Opfer der weltweiten Finanzkrise", sagt Dong Tao, der Asien-Chefvolkswirt von Credit Suisse. Korea sei stärker getroffen als andere Länder, weil Kapital aus dem Land fliehe. Die Schwierigkeiten ließen sich erst überwinden, wenn die globale Finanzkrise ende. Die Regierung in Seoul könne alleine eigentlich nichts erreichen. Was im Laufe des Jahres undramatisch begann, indem das Land über die ölpreisbedingt hohen Einfuhrrechnungen in ein Leistungsbilanzdefizit hineinrutschte, hat sich seit dem Zusammenbruch der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers drastisch zu einer akuten Dollar-Knappheit verschärft. Der Won ist darob in den freien Fall übergegangen. Seit Jahresbeginn hat er 40 Prozent an Wert verloren, zwischenzeitlich waren es schon mal mehr als 46 Prozent. Von stürzenden Börsenkursen im Heimatland gebeutelte Ausländer ziehen in ihrer Not Kapital aus dem koreanischen Aktienmarkt ab; der Kospi-Index hat seit Jahresbeginn rund 32 Prozent verloren. Auch die Koreaner bringen ihr Geld in Sicherheit, heißt es. "Das koreanische Finanzsystem ist von Panik ergriffen", sagt Hong Sun-Young, der Vizepräsident des Samsung Economic Research Instituts (Seri). Zugleich fordert die hohe Importabhängigkeit des Landes angesichts der hohen Nahrungs- und Energiepreise ihren Tribut und verschärft die Dollar-Nachfrage. Die Regierung führt den "übertriebenen" Verfall des Won auf Spekulation zurück; Präsident Lee Myung-bak bezichtigt Unternehmen und andere der Dollar-Hortung. Die Aktion der Großunternehmen am vergangenen Freitag ist auch ein Versuch, sich gegen diese Vorwürfe zu wehren. Von diesem Montag an müssen die Banken täglich ihren Währungshandel der Finanzaufsicht offenlegen, damit die Kontrolleure mögliche Spekulation aufdecken können. Mit der Dollar-Knappheit ist die Finanzkrise voll in Korea angekommen. Finanzminister Kang Man-Soo empfiehlt den Banken, Wertpapieranlagen im Ausland zu verkaufen, um ihre Liquidität in Devisen zu sichern. Die Ratingagentur Standard & Poor's warnt, dass der Dollar-Engpass die Kreditwürdigkeit der Finanzinstitute bedrohe. Ende Juni waren die Banken mit 127 Milliarden Dollar im Ausland finanziert. Kang hat zwar wiederholt erklärt, man werde gegebenenfalls die hohen Währungsreserven von zuletzt 239,7 Milliarden Dollar einsetzen, um die Dollar-Knappheit der Finanzinstitute zu lindern. Bislang hat die Regierung in den vergangenen Monaten aber vor allem rund 20 Milliarden Dollar eingesetzt, um den Wechselkurs zu stützen. In koreanischen Finanzkreisen wird dies kritisiert. Sinnvoller wäre es, die Dollar an die Geschäftsbanken zu verleihen, sagen Bankiers. Damit würden die Dollar-Knappheit gelindert, die Banken gestärkt und die Devisenreserven nicht verschleudert. Die rasante Abwertung der Währung weckt in Korea die Erinnerung an die Asien-Krise der Jahre 1997 und 1998, als Kapital das Land floh, der Won abstürzte, viele Unternehmen in Konkurs gingen und die Wirtschaft 1998 um 6,9 Prozent schrumpfte. Diesen Vergleich weist man in Seoul nicht ohne Grund weit von sich. Unternehmen und Banken stünden weitaus gesünder da als vor zehn Jahren, erklärte Vizefinanzminister Noh Dae-Lae unlängst in einem Gespräch mit dieser Zeitung. Der durchschnittliche Verschuldungsgrad erreichte Ende 1997 425 Prozent; Ende März dieses Jahres waren es 93 Prozent. Die Kapitalquote der Banken lag Ende März bei 11 Prozent, Ende 1997 waren es nur 7 Prozent. Noh verwies zugleich auf die Vorsorge, die Korea nach der Asien-Krise bewusst angehäuft hat: Die Währungsreserven summierten sich im vergangenen Jahr auf 27 Prozent des BIP, 1997 waren es nur 4 Prozent. Ähnlich beruhigend äußern sich die Ökonomen des Samsung-Instituts. Das Leistungsbilanzdefizit, das derzeit so viele ausländische Investoren beunruhigt, werde in diesem Jahr mit etwa 1 Prozent des BIP deutlich geringer ausfallen als im Vorkrisenjahr 1996 mit 4,1 Prozent, heißt es. Auch wirken das Ausmaß und die Struktur der kurzfristigen Auslandsverschuldung nicht so bedrohlich wie vor zehn Jahren. Gleichwohl sind die Risiken für Koreas Wirtschaft aus der drohenden Kreditklemme nicht zu übersehen, zumal es schon vor der jüngsten Zuspitzung Zeichen für eine Abschwächung der Konjunktur gab. Die Industrieproduktion ist im Abwärtstrend, das Geschäftsklima ist zuletzt rasant gefallen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) prognostiziert Korea für das kommende Jahr ein Wachstum von 3,5 Prozent, nach 4,1 Prozent im vergangenen Jahr. Auf der Positivseite steht, dass der Export bis zuletzt um 20 Prozent zulegte. Mit der Wirtschaftsabschwächung in Europa und den Vereinigten Staaten aber trüben die Aussichten sich hier zunehmend ein. Indes werden dies nicht alle Branchen direkt merken. Die Auftragsbücher der Werftindustrie sind auf etwa vier Jahre gefüllt; selbst Stornierungen können den Aufschwung hier nicht so schnell beenden. Positiv schlägt auch zu Buche, dass die hohe Inflation, die Realeinkommen und den Konsum belastet, im September von 5,6 auf 5,1 Prozent fiel. Eine weitere Entspannung wird erwartet und veranlasste die Bank von Korea vergangene Woche zur Zinssenkung von 5,25 auf 5 Prozent - wenngleich diese den Won weiter schwächt. "Die Stimmung ist schlechter als die Lage", sagt Jürgen Wöhler, der Generalsekretär der Koreanisch-Deutschen Handelskammer in Seoul. Wöhler ist dennoch nur sehr verhalten positiv gestimmt. Dem kriselnden Immobilienmarkt stehen noch weitere Wertrückgänge bevor, welche nicht nur den privaten Konsum dämpfen, sondern auch die Bilanzen der Banken belasten werden. Die in den vergangenen Aufschwungjahren deutlich gewachsene Verschuldung der privaten Haushalte hat diese anfälliger werden lassen für die mit einer Kreditklemme steigenden Zinsen. Der Verfall der Aktienkurse lässt zudem den Verschuldungsgrad der Unternehmen steigen, die ohnehin schon durch hohe Einfuhrpreise und schlechtere Exportaussichten belastet sind. Und vom Verfall des Ölpreises profitieren Koreas Unternehmen nicht, solange der Won noch schneller abwertet. Doch will die Regierung von ihrem Wachstumsoptimismus bislang nicht lassen. Kurzfristig setzt sie darauf, dass mit dem sinkenden Ölpreis das Leistungsbilanzdefizit in einigen Monaten wieder zurückgeht. Für das kommende Jahr erwartet sie eine Wachstumsrate von rund 5 Prozent, deutlich mehr als die IWF-Prognose von 3,5 Prozent. Sie verweist auf eine schrittweise Entspannung an den Finanzmärkten sowie auf die geplanten Steuersenkungen, Privatisierungen und eine weitere Deregulierung. Freilich sind von den vielen Ankündigungen des Präsidenten Lee Myung-bak bislang nur wenige umgesetzt, und Beobachter sprechen von einem "sehr mäßigen Start" der Regierung, die erst im Frühjahr ihr Amt antrat. Zum Misstrauen ausländischer Investoren trug schon vor den jüngsten Kapitalmarktunruhen bei, dass Finanzminister Kang mehrere Wochen brauchte, um sich überzeugen zu lassen, dass eine Abwertung des Won der ebenso import- wie exportabhängigen Wirtschaft mehr schadet als nutzt. Nun aber will die Regierung den Fall des Won mit aller Macht bekämpfen. Präsident Lee hat China und Japan aufgefordert, im Dreierbündnis gegen die Finanzkrise anzugehen und einen zusammen mit den Asean-Staaten verabredeten Währungsstabilisierungsfonds schnell aufzulegen. Die Resonanz in den beiden Nachbarländern auf den Vorstoß ist verhalten. Japan sieht vorerst auch keine Notwendigkeit, Südkorea mit einem bilateralen Währungsabkommen im Kampf gegen die Abwertung zu stützen. Tokio verweist auf die großen Devisenreserven in Seoul. FAZ 2008/10/13 Bange Banker. Finanzgrößen betteln um Staatshilfe. Benedikt Fehr Wirtschaft Reportage global Seite 13 kA Bange Banker. Finanzgrößen betteln um Staatshilfe. Von Benedikt Fehr. WASHINGTON, 12. Oktober. Das Wetter ist prächtig, und auch die Empfänge und Arbeitsessen am Rande der Jahrestagung von Währungsfonds und Weltbank sind so opulent wie eh und je. Doch bei den meisten der zu Tausenden angereisten Bankmanager ist die Stimmung gedrückt wie nie zuvor. Es ist, als ob uns die sieben biblischen Plagen gleichzeitig heimgesucht hätten, umreißt ein alter Fahrensmann des Bankgewerbes die Lage: Erdbeben an den Aktienmärkten, Trockenheit an den Geldmärkten, Wirbelstürme über den Rohstoffmärkten - und eine Flut von Nachrichten, dass die Finanzkrise überall auf der Welt die Wirtschaft erfasst hat. Eine Abwärtsspirale, wie sie in den vergangenen Tagen in Gang gekommen ist, hat noch keiner erlebt, hätte sich niemand auch nur vorstellen können. Je nach persönlichem Temperament mehr oder minder kleinlaut, räumen die ansonsten so selbstbewussten Banker ein, die Probleme aus eigener Kraft nicht mehr meistern zu können. Es handele sich um eine Systemkrise, ist der Tenor aller Gespräche, jetzt müsse der Staat ran, sprich der Steuerzahler. Alles hänge nun daran, dass die Politik in den nächsten Tagen konkrete Maßnahmen ergreife, um die Märkte zu stabilisieren. Nur so könne das in den Grundfesten erschütterte Vertrauen wieder zu heilen beginnen. Mit dem Eingeständnis eigener Schuld, wie von Bundespräsident Horst Köhler gefordert, tun sich die meisten Banker allerdings schwer. Anders die Verbandspräsidenten: Am Samstag Heinrich Haasis für die Sparkassen und am Sonntag Klaus-Peter Müller für die privaten Banken räumten unumwunden ein, dass die Finanzbranche Verantwortung für die Krise und deren Folgen trage. Gleichzeitig üben sich die meisten Banker aber fleißig im Fingerzeigen. Demnach haben vor allem die amerikanischen Finanzinstitute die Krise mit fahrlässiger Kreditvergabe heraufbeschworen. Die Ratingagenturen haben versagt, die Aufseher geschlafen, die Notenbanken die Zinsen zu lange zu niedrig gehalten. Und natürlich gibt es auch Kritik an den Reaktionen der Politik, die als Feuerwehr gerufen wurde, um ungezählte Großbrände gleichzeitig zu löschen. Die Investmentbank Lehman nicht mit Steuergeld zu retten, sondern fallenzulassen, habe die Abwärtsspirale erst richtig in Fahrt gebracht, ist oft zu hören. Anschließend habe es an internationaler Koordination gefehlt. So habe sich eine Krise des Gesamtsystems entwickelt, die nun alle Banken mit in den Strudel ziehe - auch die eigene. Anders als sonst ist das Gipfeltreffen der Banker in diesem Jahr aber nicht der Nabel der Finanzwelt. Die Musik, darin sind sich alle einig, spielt beim Treffen der europäischen Staats- und Regierungschefs in Paris. Voll Bangen hoffen die Banken, dass die Politiker ein wirkungsvolles Rettungspaket schnüren - und dass die Börsen und Märkte darauf am Montag mit Erleichterung reagieren werden. Was passiert, wenn es nicht so kommt? Das wolle er sich gar nicht vorstellen, antwortet Bankenpräsident Müller. FAZ 2008/10/13 Großbritannien wird Großaktionär der Banken. London stockt die Hilfe für die Finanzhäuser auf 75 Milliarden Pfund auf. Die Hälfte der Royal Bank of Scotland könnte an den Staat gehen. bes. Wirtschaft Meldung GB Seite 13 kA Großbritannien wird Großaktionär der Banken. London stockt die Hilfe für die Finanzhäuser auf 75 Milliarden Pfund auf. Die Hälfte der Royal Bank of Scotland könnte an den Staat gehen. bes. LONDON, 12. Oktober. Der britische Staat wird Großaktionär bei nahezu allen britischen Großbanken, mit Ausnahme von HSBC und Standard & Chartered. Schon am heutigen Montag wird voraussichtlich bekanntwerden, wie viele Milliarden Kapital die britischen Banken beim Staat nachfragen müssen. Die Umwälzungen durch die massive Staatsbeteiligung ist ein gewaltiger Schock für die Bewertung der Banken an den Aktienbörsen. In London wurde am Wochenende daher vermutet, die Börsen müssten möglicherweise ein bis zwei Tage geschlossen werden, um das internationale Rettungskonzept der Banken ohne die Panik der Märkte im Nacken auf den Weg bringen zu können. Die britische Regierung hat ihr Angebot, britischen Banken mit Eigenkapital unter die Arme zu greifen, von 50 auf 75 Milliarden Pfund aufgestockt. Gleichzeitig hieß es in Großbritannien am Wochenende, die Bank von England poche hinter den Kulissen darauf, dass das Kernkapital der Banken bis Ende des Jahres von 6 auf 9 Prozent des Gesamtkapitals erhöht werde. Zum Vergleich: Die Deutsche Bank verfügt derzeit über eine Kernkapitalquote von etwa 10 Prozent. Britische Banken sind jedoch mit chronisch weniger Eigenkapital ausgestattet. Kernkapital ist das Eigenkapital der Banken, das sie gegen die Ausgabe von Aktien erhalten haben und das als existentiell wichtiger Risikopuffer für etwaige Verluste vorgehalten werden muss. Es dient zudem dazu, das Verlustrisiko im Rahmen der Kreditvergabe abzudecken. Die massiven Abschreibungsverluste der letzten 12 Monate und die bevorstehenden Risiken aus der Rezession erfordern es, dass die Banken ihr Kapital schleunigst aufstocken. Ohne eine ausreichende Kapitalausstattung fehlt es Kapitalgebern am Markt an Vertrauen, den Banken bei ihrer mittel- und kurzfristigen Finanzierung zu helfen. Der den Banken normalerweise offenstehende Weg, Eigenkapital über eine Kapitalerhöhung an der Börse aufzunehmen, bleibt ihnen nach dem dramatischen Kursverfall am Markt verschlossen. Auch halten sich die Staatsfonds mit neuen Kapitaleinschüssen zurück. In der vergangenen Woche brachen die Aktienkurse von Royal Bank of Scotland 62 Prozent ein und von Barclays 48 Prozent. Mit Ausnahme von HSBC und Standard Chartered, die bereits betont haben, sie brauchten den Staat für Kapitalerhöhungen nicht, rauschten die Aktienkurse der Banken in die Tiefe. Die Royal Bank of Scotland (RBS) hat aufgrund des dramatischen Aktienkursverfalls jetzt nur noch eine Marktkapitalisierung von knapp 12 Milliarden Pfund, Barclays von 17 Milliarden Pfund, HBOS von 6,7 und Lloyds TSB von 11,3 Milliarden Pfund. All diese Banken müssen eine Kapitalerhöhung mit Hilfe des Staates vornehmen. Am schlimmsten getroffen ist die RBS, die lediglich ein Kernkapital von 5,7 Prozent hat und voraussichtlich zwischen 10 bis 15 Milliarden Pfund Kapital vom Staat erbeten muss. Investoren werden kaum gewillt sein, RBS nochmals Kapital zur Verfügung zu stellen. Nach der teuren Übernahme von Teilen der ABN Amro und dem Ausbruch der Finanzkrise hatte die RBS die Aktionäre schon im Sommer mit der Bitte um 12 Milliarden Pfund neues Kapital überrascht. Diese Mittel haben sich jetzt praktisch in Luft aufgelöst. Spekulationen, nach denen der Vorstandsvorsitzende der RBS, Sir Fred Goodwin, durch Stephen Hester, den ehemaligen Finanzvorstand von Abbey, ersetzt werden soll, halten sich daher hartnäckig in London; ebenso Berichte, der Verwaltungsratsvorsitzende der RBS, Tom McKillop, müsse gehen. Um die Kapitalerhöhungen schneller durchziehen zu können, haben die Briten ihr Rettungssystem angepasst: voraussichtlich werden die geplanten Kapitalerhöhungen mit Hilfe normaler Aktien vorgenommen, die zwar zunächst dem Markt und den Altaktionären angeboten werden, aber vom Staat gezeichnet werden. Das bedeutet, dass der britische Staat das Kapital an die Banken zahlt und dafür eine Beteiligung erhält, sollten die Aktionäre und Investoren am freien Markt nicht mitspielen. Nach Angaben der "Sunday Times" wird die Royal Bank of Scotland um bis zu 15 Milliarden Pfund Kapital bitten. Barclays wird 3 Milliarden Pfund Kapital aufnehmen wollen, da ihre Kernkapitalquote nach der Übernahme von Lehman Brothers bei etwa 6,8 Prozent liegt. HBOS sucht 10 Milliarden Pfund und Lloyds TSB 7 Milliarden Pfund. Sollten diese Beträge stimmen und Investoren nicht bereit sein, sich an den Kapitalerhöhungen zu beteiligen, würde dies bedeuten, dass der britische Staat nach der Kapitalspritze eine Beteiligung von mindestens 50 Prozent an der RBS halten würde, von 70 Prozent an HBOS, von 17 Prozent an Barclays und 38 Prozent an Lloyds TSB. FAZ 2008/10/13 "Nicht nur der Markt, auch die Politik hat versagt". Jürgen Stark, Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank, zu den Ursachen und den Folgen der Finanzkrise. ctg. Wirtschaft Zitat EU Seite 14 kA "Nicht nur der Markt, auch die Politik hat versagt". Jürgen Stark, Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank, zu den Ursachen und den Folgen der Finanzkrise. ctg. WASHINGTON, 12. Oktober. Die globale Finanzkrise sollte nicht leichter Hand ausschließlich auf ein Versagen des Marktes und der marktwirtschaftlichen Ordnung geschoben werden. Zu den Ursachen der Misere, die ihren Ursprung auf dem amerikanischen Häusermarkt hat, zählt auch ein Versagen der Politik. Diese Einschätzung hat Jürgen Stark, Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), im Gespräch mit dieser Zeitung geäußert. "Wir sollten nun nicht vergessen, dass eine expansive makroökonomische Politik und eine fehlende Regulierung für neue Finanzprodukte mit ins Bild gehören und das Wohneigentum hier in Amerika über Jahre hinweg in erheblichem Maße staatlich gefördert worden ist. Die Aufweichung der Kreditstandards auf Teilen des Hypothekenmarktes war politisch gewollt", sagte der europäische Währungshüter während der Jahrestagung von Internationalem Währungsfonds und Weltbank am Wochenende in Washington. Die Übertreibungen an den Märkten, die sich derzeit auf so schmerzhafte und für die Gesamtwirtschaft gefährliche Weise entladen, seien aber letztlich von den Bankvorständen zu verantworten, nicht nur in Amerika, sondern auch in Europa und anderswo. "Die Frage ist, sind die Bankmanager diese Risiken bewusst eingegangen, womöglich um angesichts niedriger Zinsen ihren Renditehunger zu stillen? Oder wussten sie eigentlich gar nicht so genau, welche Risiken sie sich aufladen?" Scharfe Kritik übte Stark an den Entlohnungsstrukturen in der Finanzwelt. "Mir geht es gar nicht um die Höhe von Gehältern. Aber die Anreize zu einem nachhaltigen Wirtschaften sind nicht richtig gesetzt, wenn Bankvorstände nur Bonuszahlungen erhalten und kein Verlustrisiko übernehmen, wenn die Geschäfte schlechter laufen. Hier wird sich etwas ändern müssen", forderte Stark. Für notwendig hält der Notenbanker auch eine Änderung der Bilanzregeln und der Eigenkapitalvorschriften für Finanzinstitute. Es dürfe nicht so leicht wie bisher möglich sein, komplizierte und risikoträchtige Engagements auf speziell eingerichtete Gesellschaften (Conduits) zu übertragen und sie damit aus der eigenen Bilanz zu entfernen. Die Möglichkeit, durch eine Verbriefung von Forderungen Risiken zu streuen, beurteilt Stark nach wie vor grundsätzlich positiv. "Das Problem ist nur gewesen, dass auch Marktakteure mit hypothekenbesicherten Wertpapieren und komplizierten Kreditderivaten gehandelt haben, die sie selbst nicht verstanden. Wir brauchen insgesamt ein höheres Maß an Transparenz. Es wäre nicht richtig, dieses Marktsegment insgesamt zu verteufeln." Stark rechnet damit, dass es noch eine Weile dauern wird, bis die "tief greifende Restrukturierung des Finanzsystems" abgeschlossen sein wird. Das Gewicht des Finanzsektors in der Gesamtwirtschaft werde geringer, eine Schrumpfung, die nach den Übertreibungen der vergangenen Jahre notwendig sei, sagte Stark. Und er ist zuversichtlich, dass die Banken in Europa insgesamt die Krise verkraften werden: "Wir sind zwar keineswegs immun, das ist ja schon deutlich geworden. Ich halte das europäische Finanzsystem aber insgesamt für etwas flexibler und widerstandsfähiger." Die Versorgung des Finanzsektors mit frischem Kapital, die in vielen Ländern notwendig sei, solle nach Möglichkeit von den Banken selbst übernommen werden. Nur wo dies aufgrund der Marktlage derzeit nicht in Frage komme, "sollte der Staat in der Rekapitalisierung einspringen". Dafür müssten aber Bedingungen vereinbart werden, die die Belastungen für die Regierung und damit letztlich für die Steuerzahler so gering wie möglich hielten. Ziel der EZB, die seit Monaten den Marktakteuren zusätzliche Liquidität bereitstellt, sei es, den Interbankenmarkt schnell wieder funktionsfähig zu machen. Das sei nicht leicht, zumal die strukturellen Verwerfungen und der Vertrauensverlust inzwischen so groß seien, dass sie allein mit zusätzlicher Liquidität nicht überwunden werden könnten. Die jüngste Zinssenkung, die im Konzert mit anderen Notenbanken vorgenommen wurde, sei "vor allem als Signal an die Märkte und nicht so sehr als kurzfristige Hilfe" zu verstehen. Sie sei unter anderem deshalb möglich geworden, weil der Preisdruck und auch die Inflationserwartungen im Euro-Raum geringer geworden seien. Die Geldpolitik sei gefordert, ihren Analyserahmen für die Zukunft zu erweitern und die Entwicklung von Vermögenspreisen wie Immobilienpreisen sorgfältig zu beobachten. Die Währungshüter müssten sich bewusst sein, welche Übertreibungen sich dort ergeben könnten und welche gesamtwirtschaftlichen Folgen dies habe. Noch nicht abzusehen ist nach den Worten Starks, auf welche Weise sich der Übertragungsmechanismus der Geldpolitik auf die Realwirtschaft sich durch die Umbrüche im Finanzsektor mittelfristig verändern werde. FAZ 2008/10/13 "Alles leergeräumt". Szenen aus der Wall Street. Corinna Budras Wirtschaft Reportage USA Seite 14 kA "Alles leergeräumt". Szenen aus der Wall Street. Von Corinna Budras. NEW YORK, 12. Oktober. "Entschuldigen Sie, wo ist denn der Bulle?" Der Tourist aus Spanien steht vor der New Yorker Börse und ist sichtlich irritiert. Schließlich gehört die berühmte Bronzestatue auf die Prioritätenliste jedes Besuchs in Manhattan Aber er kann das Tier einfach nicht finden. Nicht vor der Börse, nicht hinter der Börse und schon gar nicht in der Börse. Am vergangenen Freitag war von einem Bullen in den engen Straßen der Stadt nichts zu sehen. Draußen mochte die Sonne zwar am Himmel scheinen. Doch drinnen auf dem Handelsparkett der Stock Exchange herrschte finstere Stimmung. Die Woche war nicht nur schlecht, sie war für viele eine Katastrophe. Am Donnerstag stürzte in den letzten Minuten vor Handelsschluss der Aktienindex Dow Jones in die Tiefe. Am Freitag sackten die Indizes aller großen Aktienbörsen auf der der Welt ab. Am Wochenende herrschten Angst und Furcht. Dort, wo der Schock seinen Ausgang nahm, regiert Ratlosigkeit. Schon seit Wochen versuchen sich amerikanische Regierung und Kongress mit aller Kraft gegen die Finanzkrise zu stemmen. Sie schnürten ein 700 Milliarden Dollar schweres Rettungspaket, doch die Aktienkurse rutschen tiefer in den Keller. Einen "Crash im Zeitlupentempo" nennt das "Wall Street Journal" die Ereignisse der Woche. "Wenn wir wüssten, woran es liegt, wären wir in einer sehr viel besseren Verfassung", erklärt ein junger Banker. Er sitzt mit seinem Kollegen zur Mittagszeit auf den Stufen vor der Börse, kaut lustlos an seinem Sandwich und weiß nichts mehr zu sagen. Die sonst so geschwätzige Branche ist verstummt. Anleger, Analysten und Händler sind geschockt. Guter Rat ist teuer. Wer sich doch auf das glatte Parkett der Spekulationen begibt, gerät schnell ins Schlingern. Das Ende des Verbots von Leerverkäufen habe seinen Teil zu dem Absturz beigetragen, erzählt ein anderer Händler. Die amerikanische Börsenaufsicht hatte vor drei Wochen diese Handelsmethode großer und kleiner Spekulationsfonds kurzfristig untersagt. Damit sollten die Finanzmärkte vor größeren Turbulenzen verschont werden. In der Nacht vom Mittwoch auf Donnerstag lief dieses Verbot aus. Dann kam der Crash, schließlich das Schweigen. Wenn rationale Gründe versagen, bleibt immer noch der Verweis auf Emotionen. Gefühle dienen im Spiel um das ganz große Geld oft als Erklärung. Psychologie ist die Hälfte des Geschäfts. Die blanke Panik habe die Investoren dazu getrieben, am Ende der vergangenen Woche noch schnell einige Positionen abzustoßen, sagt ein Banker und blickt kaum von seinem Mobiltelefon auf. Ein junger Mann von Morgan Stanley räumt ein, sicherheitshalber einen Teil seines Vermögens in Gold angelegt zu haben. Gerne hätte er auch noch mehr als zehn Unzen gekauft, aber derzeit sei auf dem Markt einfach kein Gold zu ergattern. "Alles leergeräumt." Einige Experten hätten schon seit geraumer Zeit vorausgesagt, dass es eine gewaltige Kurskorrektur auf den globalen Märkten geben werde. "Das erschien logisch", gibt er zu. Diejenigen, die die Gründe für die aktuelle Misere zu kennen scheinen, sind dagegen viel zu beschäftigt, um Auskunft zu geben. "Credit Default Swaps", keucht ein älterer Herr im Nadelstreifenanzug, der schwingenden Schrittes an der New Yorker Börse vorbeieilt. Da sind sie wieder diese drei Wörter, die seit dem Beginn der Krise die Nachrichten dominieren, ohne dass jemand in einem kurzen Satz erklären könnte, was sich dahinter verbirgt. Die inzwischen insolvente Investmentbank Lehman Brothers habe an diesem Freitag einiges verkaufen müssen, sagt er kurzatmig. Aber warum dann der Kurssturz? "Das war im Vorgriff auf diese Verkäufe", erklärt er hastig und schiebt dann nach: "Es ist leider nicht ganz so einfach, aber das ist ein großer Teil davon." Immerhin hat er noch ein paar tröstende Worte, bevor er geht: "Bald ist der Tiefpunkt erreicht." Gary Krasinsky hat immerhin Zeit, in der Sonne noch eine Zigarette zu rauchen, um seine Nerven zu beruhigen. Er ist Händler auf dem heißen Parkett und versucht, gute Miene zum bösen Spiel zu machen: Alle bemühten sich an diesem Tag, positive Stimmung zu verbreiten, sagt er über die Atmosphäre unter den Kollegen, und es ist ihm anzusehen, dass dies nicht so ganz gelingen mag. Auch der Aktienkurs scheint das ständige Auf und Ab der Gefühlswallungen nachzuzeichnen: Im Laufe der Tage zitterte sich der Dow Jones Index durch eine Bandbreite von mehr als tausend Punkten. Damit ist er so volatil wie noch nie zuvor in seiner mehr als hundertjährigen Geschichte. In nur fünf Handelstagen hatte er 18 Prozent verloren. Für eine zwanglose Stimmung vor dem Handelssaal sorgen nur die Besucher aus Übersee, die mit ihren japanischen Videokameras das gute Wetter zum Filmen nutzen. Schließlich findet auch der Tourist aus Spanien, wonach er so suchte: Der Bulle steht nicht vor der New York Stock Exchange mit der Adresse Wall Street Nummer 11. Er steht um die Ecke, ganz in der Nähe des Broadway. Auf der Vergnügungsmeile liegt in einem der Schaufenster eines großen Buchladens der Titel zur Zeit: John Irvings "Lasst die Bären los". FAZ 2008/10/13 Geld abheben oder nicht? Szenen aus der Provinz: Die Finanzkrise hat den Alltag erreicht. Geld abheben oder nicht, das ist hier die Frage. Jan Grossart Wirtschaft Reportage BRD Seite 14 kA Geld abheben oder nicht? Szenen aus der Provinz: Die Finanzkrise hat den Alltag erreicht. Geld abheben oder nicht, das ist hier die Frage. Von Jan Grossart. OBERVIECHTACH, 12. Oktober. Schon am Mittag riecht es am Kirchplatz nach Kaminrauch, der wie ein Vorbote des Winters über den Dächern Oberviechtachs liegt. Eineinalb Stunden Autofahrt sind es von Nürnberg bis in die Kleinstadt nahe der tschechischen Grenze, der Weg führt durch hügelige Wälder, die rot, gelb und tannengrün leuchten. Gelb leuchtet auch das Werbetransparent der Commerzbank, das groß vor der Bankfiliale an der Hauptstraße für Kontoneueröffnungen wirbt. In dem Gebäude wartet ein Anlageberater an seinem Schreibtisch unter einem Kruzifix auf Kundschaft. Nervös sagt der Mann mit gelber Krawatte, nichts dazu sagen zu dürfen, wie Kunden in Oberviechtach auf die Bankenkrise reagieren; diese Anweisung sei aus Frankfurt gekommen. Im Ortskern von Oberviechtach gibt es drei Metzger, drei Bäcker, drei Bankfilialen. Auch in der Filiale der Sparkasse findet sich eine Spur dessen, was Wirtschaftshistoriker als die größte Finanzkrise seit 1929 bezeichnen: An einer Litfaßsäule im Vorraum hängt neben Fahndungsplakaten und Postern, die eine Altkleidersammlung und das Gastspiel eines Kosakenchors ankündigen, ein Fax aus Berlin. Darauf hat ein Mitarbeiter der Sparkasse mit orangenem Textmarker unterstrichen: "Washington Mutual keine Sparkasse", "kein Anleger muss sich Sorgen um Einlagen bei seiner Sparkasse machen." Popmusik beruhigt, und wenige ziehen ein paar Euro für das Feuerwehrfest am Abend aus den Automaten. Und die Ängste sind doch in Oberviechtach angekommen. Ein Anlageberater, der seinen Namen nicht nennen will, sagt, fast jeder zweite seiner 250 Kunden sei in der vergangenen Woche besorgt zum Beratungsgespräch erschienen, doch am Ende habe nur einer sein Geld abgehoben, eine ordentliche Summe. Die Anleger seien verunsichert, sagt er, und ließen jetzt alles verkaufen, was "Fonds" heißt oder "Zertifikat" oder in ihren Ohren sonstwie dubios klingt. "Leider flüchten sie auch aus offenen Immobilien- oder Geldmarktfonds, wirklich konservativen Anlagen." In der Filiale der "Raiffeisenbank im Naabtal" surrt der Geldautomat, ein Brunnen plätschert, und der Mann, der mit rosigem Gesicht hinter dem Schalter steht, erzählt, die Kunden seien erst recht verunsichert, seit Angela Merkel mit ihrer Staatsgarantie für Spareinlagen vor die Presse getreten sei. In der Nachmittagssonne füllt sich das Café am Kirchplatz etwas. Ein kantiger Bayer, der dort in grüner Strickjacke Platz genommen hat, berichtet, auf einer Beerdigung vorgestern, da sei die Bankenkrise das große Thema gewesen und auch die Frage, ob man sein Geld abheben solle. Einige Pessimisten seien entschlossen gewesen, ihr Geld jetzt von den Privatbanken zu nehmen und bei Genossenschaftsbanken und Sparkassen anzulegen, die mit "denen da oben" möglicherweise nicht so viel zu tun hätten. "Am Ende kann doch sowieso niemand nachvollziehen, was die da oben für Rädchen drehen, und wir hier können nur abwarten, was passiert", sagt der pensionierte Lehrer. So sähen es hier die meisten. Einige Wochen lang war in Oberviechtach die Bayern-Wahl das wichtigste Thema und was vom Zustand der CSU zu halten sei. Erst seit wenigen Tagen hebt die Lokalzeitung die Banken auf ihre Titelseite. "Krise des Finanzsystems bedroht Weltwirtschaft" steht im "Neuen Tag". Dessen Lokalteil befasst sich an diesem Freitag aber lieber mit dem Schicksal einer Katze, die sich nach einer Schwanzamputation "pudelwohl" fühle, anstatt die Frage aufzugreifen, was die Oberpfalz denn so mit dem Weltfinanzsystem zu tun hat. Die Stammtische diskutieren dieses Thema allerdings schon seit einigen Tagen. Im Gasthof "Zur Goldenen Sonne" sagt der erste Gast, der sein frühes Feierabendbier trinkt: "Hier im Ort will jetzt keiner mehr eine Lebensversicherung, du kannst keinem mehr trauen, ich will jetzt auch meine Riester-Rente kündigen." Der kleine, grauhaarige Mann in blauer Latzhose, der als Lastwagenfahrer arbeitet, sagt, die Leute hier sähen seit der Krise noch etwas schwärzer, als sowieso. Die Wirtin nickt, spricht von den irren Heizkosten und ist sich zunächst sicher, ,,die da oben" würden ihr Geld jetzt sowieso wieder in der Schweiz in Sicherheit bringen. Sie staunt sehr, als sie hört, dass selbst mindestens eine sehr große Schweizer Bank in der Finanzkrise wankt. Nebenan im Gasthof Pösl schimpft der Inhaber Karl Pösl lieber über die Gier des kleinen Mannes. Die Leute seien selbst schuld, wenn sie ihr Tagesgeld unbedingt bei einer isländischen Bank wie der eben zwangsverstaatlichten Kaupthing anlegten müssten. "Das ist, als wenn ich meine Lasagne für 2,50 Euro verkaufe, das steht gegen jeden Wert, und am Ende bin ich pleite." Am Friedhof, der ruhig an einer Anhöhe nahe dem Dorfweiher liegt, pflanzt eine ältere graue Dame gelbe Chrysanthemen auf das Grab ihres Mannes. Sie erzählt, auch sie besitze "so ein Zertifikat", und obwohl sie sich sorgt, will sie es behalten. Denn der Raiffeisenbank gehe es schließlich seit 40 Jahren gut, und man habe ihr versprochen, das Geld und das Zertifikat seien sicher. Gemeinsam mit einer zweiten Witwe im roten Mantel lacht die Dame viel: Die beiden lachen, wenn sie vom Tod ihrer Männer erzählen, und sie lachen, wenn sie von den jetzigen Sorgen ums Geld sprechen. "Was sollen wir denn sonst machen als lachen, wir Oberpfälzer Weiber", sagt die Graue. "Wir verstehen doch sowieso nicht, was da in Amerika los ist", sagt die Rote. Am Ortsausgang hält Tina Breitschafter in ihrem kleinen Kiosk einen Bogen Panini-Fußballsticker in der Hand, knetet diesen nervös hin und her und antwortet auf die Frage, ob nicht auch die Raiffeisenbank in Oberviechtach werde kippen können, da habe sie noch gar nicht drüber nachgedacht, aber jetzt, wo sie nachdenke, sei die Antwort ein klares "Ja", denn die Banken hingen doch alle irgendwie zusammen. "Für mich hat es fast den Eindruck", sagt sie, "man muss das alles kaputtgehen lassen, damit man dann wieder neu anfangen kann". Seit einigen Tagen werde auch in ihrem Laden viel über Banken geredet, deren Namen hier vor zwei Monaten noch niemand gehört habe. Tina Breitschafter lässt ihre Brille von einer Hand in die andere wandern und sagt: "Ich habe den Eindruck, dass wir alle so ein bisschen den Kopf im Sand vergraben. Viele sagen, eigentlich müsste man das Geld nach Hause holen, aber dann geht doch niemand." FAZ 2008/10/13 Krise bedroht Entwicklungsländer. Weltbank: Arme dürfen nicht den höchsten Preis zahlen. ctg. Wirtschaft Meldung global Seite 14 kA Krise bedroht Entwicklungsländer. Weltbank: Arme dürfen nicht den höchsten Preis zahlen. ctg. WASHINGTON, 12. Oktober. Die Finanzkrise bedroht nicht nur die Volkswirtschaften von Industrienationen, sie ist auch eine Gefahr für arme Entwicklungsländer. Die Menschen dort, die schon seit Monaten unter den hohen Nahrungsmittel- und Energiepreisen gelitten haben, werden nun womöglich noch weiter zurückgeworfen in ihrem Bemühen, der Armut zu entkommen. Davor hat Weltbankpräsident Robert Zoellick während der Jahrestagung von Internationalem Währungsfonds und Weltbank am Wochenende in Washington eindringlich gewarnt und die internationale Gemeinschaft zur Hilfe aufgerufen. "Wir müssen nicht nur die Finanzwelt retten, sondern auch die Menschen", sagte Zoellick. "Die Ärmsten dürfen nicht den höchsten Preis der Krise bezahlen." Der Weltbankpräsident rechnete vor, dass die Wachstumsrate der Entwicklungsländer von 6,6 Prozent in diesem auf rund 4 Prozent im kommenden Jahr sinken werde. "Das ist ein harter Schlag." Der für viele dieser Länder wichtige Export werde sinken, weil die Konjunktur in den Abnehmerländern schwächer werde. Damit stehe auch ein Rückgang der Investitionen zu befürchten. Bundesentwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul pflichtete Zoellick bei: "Die Entwicklungsländer leiden unter der dreifachen Krise. Sie sind massiv von den gestiegenen Nahrungsmittelpreisen betroffen. Ihre Kosten für Öleinfuhren sind dramatisch gestiegen, und jetzt gefährdet die Bankenkrise ihr Wachstum zusätzlich." Nach Auskunft Zoellicks sind seit Mai rund 850 Millionen Dollar in die ärmsten und von der Nahrungsmittelkrise am härtesten betroffenen Entwicklungsländer geflossen, um dort Hungersnöten vorzubeugen. Die Weltbank hatte im Mai als Reaktion auf die Krise einen Hilfstopf von 1,2 Milliarden Dollar geschaffen. FAZ 2008/10/13 Banken räumen Fehler ein. Verbandspräsident Müller unterstützt britische Pläne. bf. Wirtschaft Meldung global Seite 14 kA Banken räumen Fehler ein. Verbandspräsident Müller unterstützt britische Pläne. bf. WASHINGTON, 12. Oktober. Bankenpräsident Klaus-Peter Müller hat sich am Sonntag in Washington zuversichtlich gezeigt, dass der Gipfel der Euro-Länder in Paris und die Beschlüsse der Siebener-Gruppe (G 7) in Washington zu einem Wendepunkt in der Finanzkrise werden. "Das Beispiel Großbritannien zeigt, dass umfassende Strategien sinnvoll und möglich sind", sagte der Präsident des Bundesverbands deutscher Banken (BdB). Wenn schnell und entschlossen gehandelt werde, bestehe die Chance, die realwirtschaftlichen Folgen der Krise einzugrenzen. Müller betonte, dass es sich bei etwaigen Beteiligungen des Staates an Kreditinstituten nicht um Verstaatlichungen oder auch nur Teilverstaatlichungen handele. Denn es sei nur an eine zeitlich befristete Zufuhr von Kapital gedacht, bis die Kapitalmärkte wieder funktionierten. Der BdB unterstütze die Pläne, aufgrund der Krise die Regeln hinsichtlich der Bewertung von Wertpapieren zu Marktpreisen zu ändern. Den Banken solle die Möglichkeit eingeräumt werden, Wertpapiere vom Handelsbuch in das Bankenbuch zu übertragen und ihren Wert im dritten Quartal auf gleicher Höhe wie im zweiten Quartal anzusetzen. Dass soll weiterem großen Wertberichtigungsbedarf und Verlusten der Banken vorbeugen. Wichtig sei, dass die Krisenstrategie in allen Ländern aufeinander abgestimmt werde. Es dürfe nicht zu Wettbewerbsverzerrungen kommen. Weiter sagte Müller: "Banken haben Fehler gemacht, sie tragen deshalb einen Teil der Verantwortung für die Krise." FAZ 2008/10/13 Bankangestellte stehen bei den Anwälten Schlange. Die Finanzkrise wird Folgen für den Arbeitsmarkt haben. Schon sorgen sich Tausende Angestellte um ihre Arbeitsplätze. Anwälte haben viel zu tun. geg. Unternehmen Bericht BRD Seite 18 kA Bankangestellte stehen bei den Anwälten Schlange. Die Finanzkrise wird Folgen für den Arbeitsmarkt haben. Schon sorgen sich Tausende Angestellte um ihre Arbeitsplätze. Anwälte haben viel zu tun. geg. FRANKFURT, 12. Oktober. So etwas hat es noch nie gegeben. Bankangestellte rennen den Anwälten, vorzugsweise den Arbeitsrechtsanwälten, die Türen ein. Tomas Mielert von der Frankfurter Anwaltskanzlei Kestler, Mielert & Otto hat schon viel in seinem Berufsleben gesehen. Dass aber noch nicht entlassene Beschäftigte scharenweise zum Anwalt gehen, das sei neu. "In früheren Krisen kamen die Mitarbeiter erst, wenn sie entlassen waren", sagt Mielert. Jetzt stünden viele Bankangestellte vor der Tür, die sich für den Fall der Fälle vorbereiten. Die Fragen sind zahlreich: Darf mich meine Bank versetzen? Kann sie einen Umzug verlangen? Muss ich eine Gehaltsreduzierung akzeptieren? Muss ich eine Änderungskündigung hinnehmen? Gehen meine Prämien im Fall der Kündigung in die Berechnung der Abfindung mit ein? Was geschieht mit mir in einer eventuellen Beschäftigungsgesellschaft? Was ist mit meinem Firmenkredit, wenn ich entlassen werde? Hafte ich für Anlageempfehlungen? Was passiert, wenn sich die Kunden, die mich jetzt "nur" am Telefon beschimpfen, bei der Bank offiziell beschweren, mich oder die Bank sogar anzeigen wegen angeblicher Falschberatung? Die Liste der Fragen ist lang und lässt viele Beschäftigte kaum noch schlafen. Auch die Länge der Beratungen zeigt, wie viele offene Fragen bestehen und wie hochgradig verunsichert die Beschäftigten in den Banken derzeit sind. Zwei Stunden Erstberatung seien durchaus nicht unüblich, sagt Mielert. Die Beschäftigten von Banken sind in der Krise der Finanzbranche besonders gefährdet. Wenn aber die Finanzkrise auf die Realwirtschaft überschwappt, dann sind bald auch in anderen Bereichen wieder viele Mitarbeiter von Entlassungen bedroht. Die Angst um den Arbeitsplatz und den Lebensstandard nimmt in Deutschland eindeutig wieder zu und wahrscheinlich schneller, als es Statistiken zu zeigen vermögen. Die am Ende eines jeden Quartals von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlichte Übersicht über die angekündigten Neueinstellungen und Entlassungen zeigt schon seit einem dreiviertel Jahr nach unten. Im ersten Quartal dieses Jahres wurden erstmals nach zwei Jahren öffentlich mehr Stellenstreichungen als Stellenschaffungen angekündigt. Da diese Übersichten die Ankündigungen der Unternehmen auswerten, sind sie der offiziellen Arbeitsmarktstatistik voraus, in der die vollzogenen Entlassungen oder Einstellungen gezählt werden. Es ist daher auch kein Widerspruch, dass die offizielle Arbeitsmarktstatistik bis in den September hinein steigende Beschäftigtenzahlen gezeigt hat. In den Ankündigungen der Unternehmen hatte sich im Sommer die Tendenz, mehr Stellen zu streichen, als zu schaffen, zwar auch etwas verlangsamt, aber im dritten Quartal wieder beschleunigt. Auch zwischen Juli und September wurden mehr Stellenstreichungen - gezählt werden die Ankündigungen von jeweils mehreren hundert Stellenschaffungen oder Stellenstreichungen - angekündigt als neue Stellenschaffungen. Da waren bei den Stellenstreichkandidaten mit der Commerzbank/Dresdner Bank und mit der HSH Nordbank erste Finanzinstitute darunter. Allerdings gab es auch weiterhin Unternehmen, die neue Stellen schaffen und Mitarbeiter einstellen wollten. Dazu gehörten Touristikunternehmen, der Internethändler Amazon, der Tiefkühl-Lieferdienst Eismann oder auch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Aber gerade in der Touristik dürfte schon bald ein anderer Wind wehen. Vor allem Geschäftsreisen werden derzeit storniert, heißt es. Während bei Banken weitere Entlassungen bevorstehen, versuchen Unternehmen anderer Branchen erst einmal, mit Einstellungsstopps oder auch mit zeitlich befristeten Produktionsunterbrechungen wie die Autohersteller (F.A.Z. vom 11. Oktober) auszukommen. Ob diese Stillhaltemaßnahmen ausreichen oder in den kommenden Wochen Unternehmen gezwungen sind, sich über Entlassungen an die neue wirtschaftliche Lage anzupassen, wird stark davon abhängen, wie lange die Finanzkrise anhält und wie stark andere Wirtschaftszweige in Mitleidenschaft gezogen werden. Die Bundesregierung geht davon aus, dass das Wachstum im kommenden Jahr nur noch zwischen 0,1 und 0,5 Prozent betragen wird. Das reicht nicht aus, um neue Stellen zu schaffen. Insofern sind jetzt alle gegenteiligen Prognosen über günstige Aussichten am Arbeitsmarkt hinfällig, wenn sie nicht auch die letzten zwei Wochen berücksichtigen. So hieß es noch Anfang September, viele Unternehmen planten Neueinstellungen. Das Ergebnis einer entsprechenden Umfrage dürfte heute sehr viel negativer ausfallen. Die Tabelle über die international angekündigten Stellenstreichungen zeigt, dass der Stellenabbau kein deutsches Phänomen ist. Hier steht überraschenderweise sogar ein chinesisches Unternehmen an der Spitze der Rangliste, gefolgt von zwei amerikanischen Unternehmen. Hier tauchen im oberen Teil recht häufig Banken, Fluggesellschaften und Hersteller von Autos auf. Alle drei Branchen, deren Krisen noch längst nicht beendet sind. FAZ 2008/10/13 Arbeitsmarkt. Wohl dem, der seinen Platz hat. ham. Branchen und Märkte Meldung BRD Seite 23 kA Arbeitsmarkt. Wohl dem, der seinen Platz hat. Die Finanzkrise trifft einen Großteil der Mitarbeiter hart. In nahezu allen Banken ist mehr oder weniger offen ausgesprochen Einstellungsstopp. Oft stehen zudem Stellenstreichungen an. Das gilt vor allem im Investmentbanking. Da die Anleger derzeit nur schwer dazu zu bewegen sind, Unternehmen Kapital zur Verfügung zu stellen, sind die Geschäftsaussichten für die Begleitung und Beratung von Kapitalmaßnahmen mau. An der Spitze der Stellenstreichungen in Europa liegt die Schweizer Großbank UBS, die in diesem Jahr 7500 Stellen abbauen will. Auch die Bayern LB streicht ihr Kapitalmarktgeschäft zusammen. 430 Arbeitsplätze sollen verlorengehen, rund 10 Prozent der Belegschaft der "Kernbank" in München. Auch in Reaktion auf die Finanzkrise kommt es plötzlich zu lange nur diskutierten Fusionen und Übernahmen. Dann stehen die Arbeitsplätze in zentralen Verwaltungstätigkeiten als Erstes auf dem Spiel. Die Logik, die aus Sicht der Vorstände zum Beispiel hinter der Übernahme der Dresdner Bank durch die Commerzbank steckt, liegt ganz wesentlich darin, die zwei Zentralen in Frankfurt zu einer zusammenzuschieben. Ein ähnliches Konzept steckt auch hinter dem Zusammenschluss von DZ Bank in Frankfurt und WGZ-Bank in Düsseldorf zum vereinten Spitzeninstitut der Volks- und Raiffeisenbanken. Mitarbeiter in Stabsabteilungen, in der Informationstechnik, im Marketing und im Personal sind nach derartigen Fusionen in der Regel doppelt vorhanden und daher aus Sicht der Vorstände überflüssig. Auch in den Landesbanken herrschen unbestritten große Überkapazitäten - vor allem dann, wenn es wenigstens zu einigen der vieldiskutierten Fusionen käme. Im Gespräch ist zum Beispiel ein Zusammengehen von Bayern LB und LBBW in Stuttgart. Wegen der Versäumnisse, die durch die Finanzkrise in den Banken zutage getreten sind, sind Risikomanager und Controller in sicherer Position. Auch Vertriebsmitarbeiter bleiben gefragt. Schließlich wenden sich so gut wie alle Banken stärker den Privatkunden zu und versuchen, auch im Filialgeschäft den Verkauf von Fonds, Zertifikaten und Baufinanzierungen zu forcieren. Ob die Finanzkrise und die erkennbar gewordenen Fehlanreize den Trend zu mehr erfolgsabhängiger Vergütung im Privatkundengeschäft stoppen, ist fraglich. ham. FAZ 2008/10/13 BANKEN: Die Erschütterungen der Finanzkrise. Am Abgrund. Die Finanzkrise ist ein Kampf ums Überleben. Deutsche Bank und Commerzbank zeigen mit Zukäufen Stärke. Die Spargroschen der Privatkunden sind begehrt wie selten. Hanno Mußler Branchen und Märkte Kommentar BRD Seite 23 kA BANKEN: Die Erschütterungen der Finanzkrise. Am Abgrund. Die Finanzkrise ist ein Kampf ums Überleben. Deutsche Bank und Commerzbank zeigen mit Zukäufen Stärke. Die Spargroschen der Privatkunden sind begehrt wie selten. Von Hanno Mußler. Man hat den Eindruck, als fiele aus den Bankentürmen gerade Stein um Stein. Die einzigen verbliebenen amerikanischen Investmentbanken Goldman Sachs und Morgan Stanley werden freiwillig zu Universalbanken, nachdem ihre Konkurrenten Bear Stearns und Merrill Lynch von anderen Banken aufgefangen werden mussten und Lehman Brothers sogar insolvent ist. In Europa werden reihenweise Banken verstaatlicht, angefangen im liberalen Großbritannien mit HBOS und Bradford & Bingley über Dexia und Fortis in Belgien bis hin zu Island, wo die drei größten Banken Kaupthing, Landesbanki und Glitnir inzwischen unter staatlicher Aufsicht stehen. Am traditionsreichen Finanzplatz Zürich gilt eine Notfusion zwischen Credit Suisse und UBS nicht mehr als abwegig. Dabei gehört die UBS noch zu den Adressen, die rechtzeitig vor der jüngsten Verschärfung der Finanzkrise neue Aktionäre, darunter Singapurs Staatsfonds GIC, aufgenommen und so die Kapitalbasis gestärkt hat. Für viele Banken auf der Welt geht es ums nackte Überleben. Nach Daten von Bloomberg haben sie seit Ausbruch der Krise auf Kreditwertpapiere einen Abwertungsbedarf von insgesamt 520 Milliarden Dollar gebucht. Den Löwenanteil davon mussten amerikanische Banken verkraften - an der Spitze die Citigroup mit 55 Milliarden. Die europäischen Banken folgen nicht weit dahinter mit insgesamt 235 Milliarden Dollar an Belastungen - an vorderster Stelle die UBS mit 44 Milliarden Dollar. Allein Asiens Banken kommen mit 24 Milliarden Dollar bislang glimpflich davon. Sie sind mit ihrer relativen Stärke als Aktionäre und neue Eigenkapitalgeber in den Banken der westlichen Welt begehrt wie nie zuvor. Auch unternehmenskulturell spannende Verbindungen entstehen: Die japanische Bank Nomura übernimmt weite Teile des Investmentbankings von Lehman, und UFJ Mitsubishi steigt bei Morgan Stanley ein. Der Kampf ums Überleben ist ein Ringen der Banken um Kapital. Zunächst ging es um das Abdecken der Wertpapierverluste mit Eigenkapital. Inzwischen hat sich das "Kapitalproblem" erweitert. Spätestens seit die Europäische Zentralbank (EZB) im Juli den Leitzins im Euro-Raum auf 4,25 Prozent erhöht hat, sind die Basiszinsen für Fremdkapital im kurzen Laufzeitenbereich für viele Banken unbequem hoch. Zwar hat die EZB gemeinsam mit anderen Notenbanken die Zinsen in der vergangenen Woche gesenkt - auf 3,75 Prozent. Doch seitdem der amerikanische Staat Lehman Brothers Mitte September - anders als andere wankende Finanzakteure wie Fannie Mae und Freddie Mac in der Woche zuvor und der Versicherer AIG wenige Tage später - insolvent gehen ließ, hat das Misstrauen der Banken untereinander ein nie dagewesenes Niveau erreicht: Auf dem Interbankenmarkt, auf dem in normalen Zeiten die Banken problemlos Geld handeln, bietet so gut wie keine Bank mehr Geld an - aus Angst, ihr Geschäftspartner werde es nicht zurückzahlen. Die EZB muss aushelfen; nahezu jeden Tag stellt sie Liquiditätsspritzen in dreistelliger Milliardenhöhe bereit. Auch ist die EZB dazu übergegangen, in Auktionen Geld in flexiblen Mengen, aber zum Festzins auszugeben. Zuvor waren die Banken bereit gewesen, kräftige Risikoaufschläge zu zahlen. Doch der Leitzins als Basis ist weiterhin hoch, gemessen am Markt für Staatsanleihen. Dort ist im Euro-Raum Geld mit Laufzeit von zwei Jahren für 3 und für 5 Jahre für 3,5 Prozent zu bekommen - deutlich unter dem Leitzins der EZB von 3,75 Prozent. Ein Opfer des ausgetrockneten Interbankenmarktes ist der Münchener Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate, der Anfang Oktober mit staatlicher Hilfe gerettet werden musste. Damit hat die Finanzkrise auch die deutschen privaten Banken erreicht. Das deutsche Bankensystem hatte sich bis dahin als stabil erwiesen. Nur öffentlich-rechtliche Landesbanken wie Sachsen LB, West LB und Bayern LB sowie der Sonderfall IKB/KfW waren zuvor in Schieflage geraten. Dass viele Landesbanken eine Finanzkrise nicht überstehen würden, ist keine Überraschung. Die meisten hätten über ihre Aufgabe als regionale Zentralinstitute der Sparkassen hinaus kein Geschäftsmodell, warnen Fachleute schließlich seit Jahren. Vor dem Wegfall der staatlichen Haftungsgarantien im Juni 2005 hatten sich die Landesbanken noch günstig mit staatlich garantiertem Fremdkapital eingedeckt; da die meisten jedoch nur vergleichsweise wenig dauerhafte Kundenbeziehungen haben, in die sie das Geld hätten stecken können, landete es zum großen Teil am Kapitalmarkt. Dieses vielerorts völlig überdimensionierte "Kreditersatzgeschäft", wie die Banker die Finanzanlagen nennen, ist einigen nun zum Verhängnis geworden. Andere, wie die Landesbank Hessen-Thüringen, stehen dagegen gut da, auch weil sie durch die 2005 übernommene Frankfurter Sparkasse über Privatkundengeschäft verfügt. Das Privatkundengeschäft erfährt in der Finanzkrise eine Renaissance. Dies liegt vor allem an den Spargroschen der Privatkundschaft. Wer als Bank keine Einlagen hat und seinen Refinanzierungsbedarf ausschließlich am Kapitalmarkt aufnehmen muss, ist derzeit kaum überlebensfähig. Das ist der Grund, warum die reinen amerikanischen Investmentbanken am Ende sind. Und das ist auch der Grund, warum die Deutsche Bank ihr Einlagengeschäft stärkt, indem sie sich mit der Postbank zusammentut. 2,8 Milliarden Euro zahlte die Deutsche Bank Anfang September für knapp 30 Prozent an der größten eigenständigen Privatkundenbank in Deutschland, die 14,7 Millionen Kunden hat, davon knapp 5 Millionen "aktive". Nach der Übernahme der Postbank durch die Deutsche Bank entsteht ein Institut, das mit der heutigen Deutschen Bank stark im Kapitalmarktgeschäft ist und diese Position aufgrund der Schwäche der anderen in den nächsten Jahren wohl noch ausbauen kann. Darüber hinaus sollen künftig gehobenen Privatkunden (Deutsche Bank) und einfachen Privatkunden (Postbank) dieselben Fonds, Versicherungen und Immobilienfinanzierungen verkauft werden. Während die Deutsche Bank ihr Privatkundengeschäft um eine neue Absatzklientel erweitert, ist die Übernahme der Dresdner Bank durch die Commerzbank vor allem darauf angelegt, Kosten einzusparen. Das kann gar nicht anders sein, schließlich sind sich beide Banken sehr ähnlich. Aber auch hier zeigt sich, dass Kostenvorteile im Privatkundengeschäft durch Filialschließungen und Entlassungen weniger stark gehoben werden sollen, als es zum Beispiel der Plan der schließlich im Jahr 2001 gescheiterten Fusion von Deutscher Bank und Dresdner Bank vorsah. Damals stand das Investmentbanking viel höher im Kurs. Jetzt will die Commerzbank trotz Übernahme erstmals sei den 60er Jahren 100 neue Filialen eröffnen, die Deutsche Bank 150. Die Margen im Privatkunden- und mittleren Firmenkundengeschäft sind indes niedrig, nicht zuletzt auch, weil die Refinanzierungskosten im kurzfristigen Laufzeitenbereich hoch sind. Davon können 450 Sparkassen und 1100 Volks-und Raiffeisenbanken ein Lied singen, die als selbständige Banken vor Ort diese Felder seit Jahrzehnten unermüdlich beackern und auf Marktanteile von bis zu 60 Prozent (Sparkassen) und 25 Prozent (Volksbanken) kommen. Die niedrigen Margen werden in diesen kleinen Banken oft noch aufgefressen durch hohe Kosten für Informationstechnik und Aufsicht. Deshalb ist der Fusionsdruck in beiden Bankengruppen auf Ortsebene groß. Bei den Volksbanken ist auffällig, dass sich oft mittelgroße Banken zu Instituten mit Bilanzsummen von mehr als 1 Milliarde Euro zusammenschließen, aber 75 Prozent aller Banken sehr klein bleiben mit Bilanzsummen deutlich unter 500 Millionen Euro. Der Fusionsdruck entsteht jedoch nicht durch die aktuelle Finanzkrise, sondern ist Ausdruck des harten Tagesgeschäfts. Die großen Risiken der Verbünde liegen in den Zentralinstituten. Hier sind die Sparkassen mit den Landesbanken, allen voran mit der West LB, deutlich stärker betroffen als die Genossenschaftsbanken. Diese dürfen sogar auf eine Kostenlinderung im Tagesgeschäft hoffen, wenn im Jahr 2009 tatsächlich die Fusion von DZ und WGZ zum einzigen Zentralinstitut der Volks- und Raiffeisenbanken und zur drittgrößten deutschen Bank gelingt. FAZ 2008/10/13 Europlatz Frankfurt Der Kredithahn bleibt geschlossen Thomas Mayer Finanzmarkt und Wetter Zitat global Seite 26 kA Europlatz Frankfurt Der Kredithahn bleibt geschlossen Von Thomas Mayer. Mit der Pleite der amerikanischen Bank Lehman erreichte die Finanzkrise eine neue Dimension. Die für die Finanzierung der Banken so wichtigen institutionellen Anleger drehten den Geldhahn zu und zwangen die Zentralbanken, die Lücke zu füllen. Nach und nach froren die Kreditmärkte ein, und es drohte der Kollaps. Dies und der daraus folgende wahrscheinliche Absturz der globalen Wirtschaft löste eine massive Reaktion der Wirtschaftspolitik aus. Das unter anderem in der Erklärung der Gruppe der sieben großen Industrieländer skizzierte Muster entspricht im Wesentlichen dem, was man sich als Krisenmanagement schon länger gewünscht hätte: Erstens haben sich die Regierungen der G-7-Länder verpflichtet, keine weitere wichtige Bank untergehen zu lassen. Zweitens haben die Regierungen die Absicht verkündet, Banken mit ungenügender Eigenkapitaldecke mit Geld des Staates zu rekapitalisieren. Drittens haben die Zentralbanken keinen Zweifel daran gelassen, dass sie die Krise durch Bereitstellung von Liquidität und Zinssenkungen bekämpfen werden. Vor Öffnung der Märkte am Montag waren noch viele Beobachter skeptisch, ob die in Washington und Paris abgegebenen Erklärungen der Staatschefs und Finanzminister die Panik an den Märkten beenden können. Aber wenn die Finanzmärkte diese wirtschaftspolitischen Maßnahmen vollständig begriffen haben, besteht die Hoffnung, dass die Kernschmelze im Finanzsektor verhindert werden kann. Es wäre jedoch vermessen, zu glauben, dass damit eine Kreditklemme und eine Rezession abgewendet ist. Denn auch wenn sich die Situation an den Finanzmärkten in den nächsten Wochen stabilisiert, werden die Banken nicht gewillt oder in der Lage sein, die Kreditversorgung der Wirtschaft schnell wiederaufzunehmen. Aus Bankensicht werden die Kreditrisiken angesichts einer drohenden Rezession zu hoch sein, um den Kredithahn zu öffnen. Auch eine staatlich finanzierte Rekapitalisierung der Banken wird allein nicht das Eis brechen. In dieser Situation bleibt nur der Staat als kreditwürdiger Schuldner, um den Kreditzyklus wieder zu beleben und die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zu stärken. Obwohl die Wirtschaftspolitiker inzwischen den Ernst der Lage erkannt haben, dürfte es schwer für sie sein, althergebrachte Denkmuster zu durchbrechen. Am ehesten wird dies in Amerika der Fall sein. Dort wird die neue Regierung nach den Wahlen wahrscheinlich schnell ein Konjunkturpaket schnüren, das spätestens Mitte 2009 wirksam sein wird. Im Euro-Land wird es dagegen schwer sein, die im Stabilitätspakt festgeschriebene orthodoxe Ausrichtung der Fiskalpolitik in dieser Ausnahmesituation auszusetzen. Vermutlich wird es fiskalpolitische Alleingänge geben, die wenig effektiv sein werden. Falls sich Euro-Land auch auf dem Gebiet der Fiskalpolitik nicht schnell zu einer gemeinsamen Aktion aufrafft, werden sich die Vereinigten Staaten, die wahrscheinlich einen größeren Anteil an der Entstehung der Krise hatten, schneller davon erholen. Der Autor ist Chefvolkswirt Europa der Deutschen Bank. FAZ 2008/10/13 Inland in Kürze. kA AFP Politik Meldung BRD Seite 6 kA Inland in Kürze. "Trotz Krise Bildung fördern" - Trotz der Finanzkrise will die Bundesregierung bis 2012 sechs Milliarden Euro zusätzlich für Bildung ausgeben. Das kündigte Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) in der Zeitung "Bild am Sonntag" an. Die Auswirkungen der Finanzkrise seien gravierend, schrieb sie in einem Beitrag für das Blatt. Die Folgen für die öffentlichen Haushalte seien noch nicht absehbar. Bessere Bildung, mehr Durchlässigkeit und neue Aufstiegswege seien deshalb "bedeutsamer denn je". Die sechs Milliarden Euro sollen nach dem Willen Frau Schavans in die Schaffung zusätzlicher Studienplätze, in Weiterbildungskonzepte sowie in Benachteiligten- und Begabtenförderung fließen. Bis 2015 müssten zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes in Bildung und Forschung investiert werden. (AFP) FAZ 2008/10/13 Bald wird der Bürger die Krise spüren. kA kA Politik Zitat global Seite 2 kA Bald wird der Bürger die Krise spüren. Die komplette Verstaatlichung der Banken müsse angesichts der internationalen Finanzkrise in Erwägung gezogen werden, meint die Amsterdamer Tageszeitung "de Volkskrant": "Der Weg unorthodoxer Maßnahmen muss wahrscheinlich noch weiter beschritten werden, neben der weiteren Verringerung der Zinsen. Die komplette Verstaatlichung der Banken muss dabei zumindest als eine Möglichkeit in Erwägung gezogen werden. Auch die Finanzierung von Unternehmen direkt durch die Zentralbanken, wie das in den Vereinigten Staaten die Fed bereits getan hat, ist eine ernstzunehmende Option. Solche Maßnahmen sind zwar sehr weitreichend, doch das ist diese Krise ebenfalls. Der normale Bürger spürt davon noch relativ wenig, doch es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Krise sein Leben direkt beeinflusst." FAZ 2008/10/13 Köhler: Markt braucht auch Moral. Steinmeier für erweiterte G 8 als "Weltfinanzgruppe". pca./wus. Politik Bericht BRD Seite 2 kA Köhler: Markt braucht auch Moral. Steinmeier für erweiterte G 8 als "Weltfinanzgruppe". pca./wus. BERLIN/MÜNSTER, 12. Oktober. Bundespräsident Köhler hat in bislang beispielloser Deutlichkeit Moralmängel, Zynismus und Selbstzufriedenheit in der Finanzbranche kritisiert. Während Bürgerinnen und Bürger, die infolge des Konjunktureinbruchs vielleicht sogar ihren Arbeitsplatz verlören, "viel härter getroffen" seien, hätten "viele von den Finanzakrobaten, die jetzt alt aussehen, trotzdem ausgesorgt", sagte Köhler der Zeitschrift "Der Spiegel". Der Bundespräsident war vergangene Woche aufgefordert worden, deutlicher Stellung zur Finanzkrise zu nehmen und seine Berufserfahrung in der Finanzwelt für seine gegenwärtige Amtsführung zu nutzen. Köhler, an seine Warnung vor den "Monstern" der internationalen Finanzwelt erinnert, sagte: "Heute würde ich sagen, ich hätte das noch energischer aufgreifen sollen." Der Bundespräsident, der im kommenden Jahr abermals zur Wahl antritt, plädierte für eine Weltkonferenz, um einen "wirksamen internationalen Ordnungsrahmen" zu erarbeiten. Köhler erinnerte dabei an das Vorbild der Konferenz von Bretton Woods, die im Jahr 1944 Lehren aus der vorhergegangenen Weltwirtschaftskrise gezogen hatte. Außenminister Steinmeier (SPD) sagte, über das aktuelle Krisenmanagement hinaus werde die Regierung systematische Lösungen entwickeln, damit sich die Banken untereinander wieder vertrauen könnten und der Geldfluss gewährleistet bleibe. Im "Spiegel" schlug er vor, eine Gruppe der wirtschaftlich prosperierenden Nationen zu gründen, die eine Neuordnung des weltweiten Finanzsystems beraten solle. "Wir brauchen eine Weltfinanzgruppe, eine erweiterte G 8, um über eine Neuordnung der globalen Finanzbeziehungen zu reden", sagte er. Dazu sollten neben den G-8-Staaten aufsteigende Wirtschaftsmächte wie Brasilien, Indien, China mit gleichen Rechten und Pflichten gehören, "vielleicht auch das eine oder andere Land aus dem arabischen Raum". Das entspricht Vorstellungen des französischen Staatspräsidenten Sarkozy, der die G 8 grundsätzlich erweitern möchte. Steinmeier, der am Wochenende in Münster das Krisienmanagement der Bundesregierung gegen internationale Kritik verteidigte, sprach sich zudem für eine völlig neue, globale Finanzaufsicht beim Internationalen Währungsfonds (IWF) aus. "Der IWF ist das einzige etablierte Instrument mit breitem Verantwortungsbereich und hoher Autorität in den Märkten", sagte der Außenminister. Mit IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn habe er schon darüber gesprochen. Es gehe eine Epoche zu Ende, sagte der designierte Kanzlerkandidat der SPD, nämlich die des "Thatcherismus" und der "Reagonomics", eine Zeit, in der "schnelle und maximale Rendite höchste Priorität" gehabt habe. Köhler warf den Akteuren am Finanzmarkt mangelnde Selbstkritik vor. Es wäre manches glaubwürdiger, wenn aus der Finanzbranche eigene Vorschläge auf den Tisch kämen, die zeigten: "Wir stellen uns unserer Verantwortung, auch unserer eigenen Haftung." Der Markt brauche, so sagte Köhler weiter, "auch Moral. Da war eine Menge Unaufmerksamkeit, Selbstzufriedenheit, Zynismus." Die gegenwärtigen Zustände hätten ihre Ursache in mangelnder Transparenz des Finanzgeschehens und in der Tatsache, dass niemand gewusst habe, wer die Risiken des Finanzgeschäfts eigentlich gekauft habe. Man habe gedacht, man könne "aus nichts Gold machen". Das Investmentbanking, sagte Köhler, habe sich von der Realwirtschaft abgekoppelt, und dann habe man sich "von den ethischen Grundlagen des Wirtschaftens verabschiedet und sich aus der Mehrheitsgesellschaft ausgeklinkt". Ein Teil der Finanzbranche habe "das Zocken kultiviert", sagte Köhler, der vor seinem Amtsantritt 2004 Chef des IWF in Washington war und davor Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes. Der Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, Kauder (CDU), äußerte die Hoffnung, man werde "vielleicht mit ein paar Schrammen" aus der Krise herauskommen. Die Union prüfe, ob Straftaten auf dem Finanzmarkt strenger geahndet und ob Manager künftig persönlich in die Haftung genommen werden könnten, sagte Kauder der Zeitung "Bild am Sonntag". Die Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende Merkel sagte zu den Rettungsmaßnahmen. "Wir tun das nicht im Interesse der Banken, sondern im Interesse der Menschen." FAZ 2008/10/13 Bundesregierung stellt ausgeglichenen Haushalt 2011 in Frage. Steinbrück: Das Ziel aber nicht aus den Augen verlieren. Institute sagen für 2009 nur 0,2 Prozent Wachstum voraus. enn. Politik Meldung BRD Seite 2 kA Bundesregierung stellt ausgeglichenen Haushalt 2011 in Frage. Steinbrück: Das Ziel aber nicht aus den Augen verlieren. Institute sagen für 2009 nur 0,2 Prozent Wachstum voraus. enn. BERLIN, 12. Oktober. Das Rettungspaket für die deutsche Banken- und Finanzbranche wird sich auf die Haushaltsplanung der Bundesregierung auswirken. Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) gestand am Sonntag ein, dass der geplante komplette Abbau der Neuverschuldung bis 2011 kaum noch zu schaffen sei. "Unser Etatziel eines ausgeglichenen Haushalts verlieren wir nicht aus den Augen, auch wenn es jetzt länger dauern dürfte", sagte er nach Angaben der "Bild"-Zeitung. Zuvor hatte schon der haushaltspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Carsten Schneider, einen Nachtragshaushalt als wahrscheinlich bezeichnet. "Wie die staatlichen Haushalte belastet werden, lässt sich aber heute noch nicht seriös sagen. Das hängt vor allem davon ab, wie hoch die staatlichen Beteiligungen an Banken ausfallen - wenn es denn welche gibt - sowie in welchem Umfang es Liquiditätshilfen gibt." Auch der haushaltspolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, Steffen Kampeter, sieht in Beteiligungen und "Rekapitalisierungen" das größte Risiko für den Haushalt. "Wenn es dazu kommt, werden wir unsere Budgetziele dieses Jahr nicht erreichen", sagte Kampeter. Die Grünen-Finanzpolitikerin Christine Scheel sagte am Sonntag im Deutschlandfunk: "Das, was Finanzminister Steinbrück bislang vorgelegt hat, um einen ausgeglichenen Haushalt bis 2011 zu erreichen, basiert auf einer Finanzplanung, die inzwischen Makulatur ist." Das Wirtschaftswachstum werde statt der prognostizierten 1,2 Prozent im kommenden Jahr "Richtung null" tendieren. "Deswegen verlangen wir jetzt, dass der Haushalt auf den neuen Zahlen aufgebaut wird." Der Vorsitzende des Bundestags-Haushaltsausschusses, Otto Fricke (FDP), hatte schon nach der Sparereinlagengarantie am vergangenen Wochenende einen Nachtragshaushalt gefordert. Er hält einen bloßen Beschluss seines Ausschusses politisch für nicht ausreichend. Ein Bankenrettungspaket steigert Ausgaben des Staates. Er muss seine Nettokreditaufnahme erhöhen. Die Gesamtausgaben des Bundes addieren sich im laufenden Etat auf gut 283 Milliarden Euro. Die Neuverschuldung ist in jüngster Vergangenheit zurückgegangen. Nach den bisherigen Plänen soll sie in diesem Jahr 11,9 Milliarden Euro betragen. 2007 lag sie bei 14,3 Milliarden Euro. Nach dem Haushaltsentwurf der Regierung für 2009, über den der Bundestag noch berät, ist eine Nettokreditaufnahme von 10,5 Milliarden Euro vorgesehen. 2010 plant die Regierung mit einem Defizit von sechs Milliarden Euro. Eine einfache Übertragung der voraussichtlich dreistelligen Milliardensumme aus dem Rettungspaket in die Neuverschuldung ist indes nicht zulässig, denn nicht alle Liquiditätshilfen und Bürgschaften werden in voller Höhe abgerufen. Für die Staatsfinanzen bleibt es zudem nicht ohne Folgen, wenn sich die Finanzkrise nach und nach auf die Realwirtschaft auswirkt. So könnten die Steuereinnahmen hinter den Erwartungen zurückbleiben. Hier wird allerdings darauf verwiesen, dass die Finanzmarktkrise für die Abschwächung der Konjunktur nicht allein ursächlich sei, sondern sie spürbar verschärfe. Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute rechnen wegen der Finanzkrise nur noch mit einem geringen Wirtschaftswachstum im kommenden Jahr. In ihrem Gemeinschaftsgutachten sagen die Fachleute für 2009 nur noch ein Wachstum von 0,2 Prozent voraus, wie am Sonntag aus der Bundesregierung zu hören war. Das Gutachten wollen die Institute am Dienstag vorlegen. Sie sagen voraus, 2009 werde zum ersten Mal seit Jahren auch die Arbeitslosigkeit wieder steigen. Im vergangenen Jahr war das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland noch um 2,5 Prozent gewachsen. Für dieses Jahr rechnet der Internationale Währungsfonds (IWF) noch mit einem Wachstum von 1,8 Prozent in Deutschland, 2009 dann mit einer Stagnation. Die Bundesregierung will sich erst kurz vor Veröffentlichung ihres Wirtschaftsberichts am Donnerstag auf die Prognose für das nächste Jahr festlegen. Die Berechnungen seien sehr schwierig. Immer noch sei unklar, wie stark die Realwirtschaft von der Entwicklung getroffen werde, hieß es am Sonntag. Bliebe das Wachstum im nächsten Jahr um rund einen Prozentpunkt hinter früheren Erwartungen zurück, müssten die öffentlichen Haushalte mit Steuermindereinnahmen von rund zehn Milliarden Euro rechnen, etwa die Hälfte davon ginge dem Bund verloren. Haushaltspolitiker Kampeter plädiert dafür, diese Ausfälle durch mehr Privatisierungen zu kompensieren. Der Haushalt würde zusätzlich belastet, würden sich jene durchsetzen, die die Folgen der Finanzkrise durch Konjunkturprogramme lindern wollen. Konjunkturanreize in Milliardenhöhe forderten am Wochenende der DGB-Vorsitzende Sommer und die stellvertretende SPD-Vorsitzende Andrea Nahles. FAZ 2008/10/13 Feuer unterm sozialen Kessel. kA kA Politik Zitat Frankreich Seite 2 Stimmen der Anderen Feuer unterm sozialen Kessel. Die Tageszeitung "Le Monde" (Paris) schreibt zum rauher werdenden sozialen Klima im Land: "Je tiefer die Börsen stürzen und je mehr Banken Konkurs anmelden, desto mehr wird die Finanzkrise die Wirtschaft destabilisieren und das Feuer unter dem sozialen Kessel schüren. In Frankreich hat die Rezession ihr Antlitz schon vor den Stürmen auf den Finanzmärkten gezeigt. Die Arbeitslosigkeit ist im August so stark angestiegen wie seit 15 Jahren nicht mehr. Die Kaufkraft der Angestellten und Rentner ist gesunken, und sie werden die schärfer gewordenen Kreditbedingungen zu spüren bekommen. Die Krise droht die Armut und die Ungleichheiten zu verschärfen." FAZ 2008/10/13 Berlin plant Bürgschaften und Kapitalspritzen. Euro-Staaten stimmen in Paris Pläne zur Rettung der Banken ab. Bundesgesetz im Eilverfahren. hap./chs. Politik Meldung global Seite 1 kA Berlin plant Bürgschaften und Kapitalspritzen. Euro-Staaten stimmen in Paris Pläne zur Rettung der Banken ab. Bundesgesetz im Eilverfahren. hap./chs. FRANKFURT/PARIS, 12. Oktober. Europa und Amerika wollen unter der Federführung der Regierungen in Berlin, Paris, London und Washington ein international abgestimmtes Rettungspaket für die Finanzmärkte auf den Weg bringen. Es soll von diesem Montag an gleichzeitig in einer gemeinsamen Aktion nationalstaatlich verwirklicht werden und das Überleben systemisch wichtiger Institute wie Banken und Versicherungen sicherstellen. Dabei soll jedem Staat überlassen bleiben, welche Maßnahmen er auf den Weg bringt. Die Staats- und Regierungschefs des Euro-Raumes einigten sich jedoch während eines Gipfeltreffens in Paris auf einen Maßnahmenkatalog, der die Ausstattung strauchelnder Banken mit staatlichem Kapital und Regierungsgarantien für die Kreditvergabe unter den Banken vorsieht. Die Ausgestaltung des Rettungsplans für die Banken in Deutschland will Bundeskanzlerin Merkel an diesem Montag bekanntgeben. Dem Vernehmen nach plant die Bundesregierung ein Gesetz, das zwei große Schritte vorsieht. Berlin will den zum Erliegen gekommenen Geldfluss zwischen den Banken mittels Bürgschaften über rund 300 Milliarden Euro garantieren. Da auch erstklassige Adressen einander misstrauten, sei es notwendig, das Ausfallrisiko vom Staat tragen zu lassen, hieß es. Zweitens ist vorgesehen, die Kapitalausstattung der Banken mit Staatsgeld zu verbessern. Hierfür steht ein Betrag zwischen 50 und 100 Milliarden Euro zur Debatte. Es herrscht große Sorge vor einer Kreditklemme. Letztlich geht es auch darum, Banken vor der Schließung zu bewahren. Die Bundeskanzlerin sprach nach dem Gipfeltreffen in Paris von einem "erfolgreichen, aber auch wichtigen Gipfel" der Staaten des Euro-Raums. "Wir haben uns auf ein gemeinsames Vorgehen verständigt, was den Instrumentenkasten anbelangt", sagte sie. Auf nationaler Ebene könne dann jeder "diesen Kasten so verwenden, wie es für jedes Land notwendig ist". Sie sagte, man habe sich auf Instrumente geeinigt, die die Finanzmarktkrise "ein Stück weit beherrschbar" machen würden. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy sagte nach einem Treffen der Staats- und Regierungschefs der 15 Euro-Länder am Sonntagabend in Paris: "Es geht nicht darum, den Banken ein Geschenk zu machen, sondern darum, unsere Wirtschaft am Funktionieren zu halten." Manager, die ihre Arbeit nicht richtig machten, müssten ihren Platz räumen. IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn lobte die Beschlüsse der Euro-Länder als einen "sehr nützlichen Schritt vorwärts". Er glaube, dass sich das auch positiv auf die Finanzmärkte auswirken werde. Die Europäische Zentralbank (EZB) will prüfen, wie sie an die Banken noch großzügiger Kredite vergeben kann. Dabei will sie als Sicherheiten neue Kategorien von Wertpapieren akzeptieren. Bei dem Euro-Gipfel hielt man aber nicht an der Idee fest, dass die EZB im Notfall direkt an Unternehmen außerhalb des Finanzsektors Geld leiht. Dies sei aus juristischen Gründen nicht möglich, sagte EZB-Präsident Trichet. (Fortsetzung und weitere Berichte Seite 2 sowie Wirtschaft, Seiten 11, 13 und 14.) In den Vereinigten Staaten ist die amerikanische Zentralbank dazu übergegangen auch Industrie- und Dienstleistungsunternehmen Geld zu leihen. Trichet machte deutlich, dass "die EZB mit ihren Maßnahmen gegen die Krise nicht viel weiter über das bisher Geleistete hinaus gehen kann". Daher würden jetzt die Regierungen gebraucht. Der EZB-Chef zeigte sich eigenen Worten "beeindruckt von den Beschlüssen der Regierungen". Ihnen liege eine hohe Kooperationsbereitschaft zugrunde und sie setzten ein wichtiges Signal. In Deutschland soll sich nach dem Plan der Bundesregierung der Staat an einzelnen Banken beteiligen, was bei Aktiengesellschaften recht einfach über die Ausgabe von Aktien geht, bei Genossenschaftsbanken und Sparkassen aber ebenfalls zur Diskussion steht. Hierzu seien umfängliche rechtliche Fragen vom Bankenrecht bis zum Verfassungsrecht zu klären, hieß es in Berlin. Das Paket soll binnen einer Woche in Gesetzesform gebracht werden. Die Regierung verbindet ihre Beteiligung an den Banken mit der Bedingung, dass sie Einfluss auf deren Geschäftsgebaren nehmen kann. Hierzu zählen vielmehr organisatorische Belange oder Vergütungsfragen. "Es kann zum Beispiel nicht sein, dass eine Bank mit Steuergeld gerettet wird und hinterher großzügige Bonuszahlungen geleistet werden", hieß es. Die Regierungen arbeiten an dem Plan, den zum Beispiel auch Australien oder China eingebunden sind, seit mehreren Tagen. Dabei ist die Erkenntnis gereift, dass die Einzelpakete etwa des amerikanischen Finanzministers Paulson oder des britischen Premierministers Brown die Börsen mit ihren taumelnden Aktienkursen nicht erreicht haben. Die Regierungschefs haben sich deswegen auf ein weltweit abgestimmtes Vorgehen verständigt. Allerdings hat man von dem ursprünglich von niederländischer Seite für Europa vorgeschlagenen Einheitsfonds rasch Abstand genommen. Die Idee einer von 27 EU-Staaten verwalteten riesigen Summe sei untauglich. Wie es heißt, ist die Bundeskanzlerin im Gegensatz zu anderen europäischen Staats- oder Regierungschefs nicht der Ansicht, der Staat sei der bessere Unternehmer. Doch in der akuten Notlage sei staatliches Handeln geboten. Sarkozy schlug zur Koordinierung der Maßnahmen einen Krisenstab vor. Er wünsche sich, dass dem Gremium auch Trichet angehöre, sagte er. Wie Sarkozy, die Präsidenten der Euro-Gruppe und der EU-Kommission, Jean-Claude Juncker und José Manuel Barroso in Paris erläuterten, haben sich die 15 Euro-Regierungen darauf verständigt, die Finanzunternehmen mit ausreichender Liquidität auszustatten, ihre Refinanzierung zu erleichtern, und sie so mit Kapital auszustatten, dass sie der Realwirtschaft weiter Kredite geben. Dabei sollten die Bilanzregeln so gelockert werden, dass die Banken Wege aus ihren Schwierigkeiten finden. .Zudem müssten die Kooperation zwischen den europäischen Ländern verstärkt werden. In Bezug auf die angestrebte Belebung der Kreditvergabe unter den Banken haben die europäischen Regierungen beschlossen, dass sie "bis zu fünf Jahren" Garantien, Versicherungen oder ähnlich wirkenden Instrumente für die Schuldtitel von Banken vergeben können. Sie könnten auch selbst Schuldtitel von Banken kaufen, ihnen also direkt Geld leihen. Dabei sollten sie aber darauf achten, dass die Regeln des "loyalen Wettbewerbs" nicht verletzt würden. Auch ausländische Institutionen mit wichtigen Vertretungen in den betroffenen Ländern sollten in den Genuss solcher Angebote kommen. Derartige Maßnahmen sollten bis zum 31. Dezember 2009 begrenzt bleiben. Zum Beteiligungserwerb durch die Staaten hieß es, dass "jedes Land seinen Banken neues Eigenkapital zur Verfügung stellt", etwa in Form von Vorzugsaktien oder Wandelschuldverschreibungen. Die Konditionen, unter denen diese Beteiligungen eingegangen werden, sollten keine Wettbewerbsverzerrungen zwischen den Ländern verursachen. Die Regierungen sollten etwa Aktien zu Preisen kaufen, die Marktpreise und die Finanzlage der betroffenen Banken berücksichtige. Die Banken haben im Gegenzug bestimmte "Einschränkungen" hinzunehmen. Die französische und die italienische Regierung wollen so wie die Bundesregierung am heutigen Montag in ihren Hauptstädten konkrete Maßnahmen gegen die Krise erläutern. Der Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, Kauder, sagte am Sonntagabend im ARD-Fernsehen, die Hilfsmaßnahmen der der Bundesregierung sollten Ende 2009 auslaufen. FAZ 2008/10/14 Was uns arm gemacht hat. Paul Krugman, der diesjährige Nobelpreisträger für Wirtschaft, ist der Blogger einer neuen moralischen Wirtschaftsordnung. Frank Schirrmacher Feuilleton Bericht global Seite 35 Aufmacher Feuilleton Was uns arm gemacht hat. Paul Krugman, der diesjährige Nobelpreisträger für Wirtschaft, ist der Blogger einer neuen moralischen Wirtschaftsordnung. Von Frank Schirrmacher. Uns stehen sehr, sehr harte Jahre bevor", notierte er Ende letzter Woche in seinem Blog. Doch die Tatsache, dass Paul Krugman jetzt den Nobelpreis bekommt, ist ein gleißendes Licht am Ende des Tunnels. Diese Krise wird zu einem fundamentalen Durchdenken unserer Gesellschaften führen, sie wird Finanzökonomie wieder zu einer gesellschaftlichen und Globalisierung zu einer sozialen Angelegenheit machen, oder sie wird uns nirgendwohin führen. Als Krugman vor einigen Monaten in der "American Academy" in Berlin über sein neues Buch "The Conscience of a Liberal" diskutierte, beschrieb er das Entstehen neuer sozialer Ungerechtigkeit anhand eines liebgewordenen Vorurteils. Erziehung und Ausbildung, so der gängige Slogan, entschieden über die Chancen in der Gesellschaft. Gute Ausbildung, so Krugman, entscheide aber in Wahrheit über gar nichts mehr, außer der Chance, nicht zu untersten Unterschicht zu gehören: der bestbezahlte Hedge-Fund-Manager der Vereinigten Staaten verdient in einem Jahr so viel, wie sämtliche Lehrer des Bundesstaates New York in drei Jahren verdienen. Heute wissen wir, dass solche ökonomischen Superlative nicht nur zu einer völligen Abspaltung der Wall-Street-Eliten geführt, sondern die gegenwärtige weltweite Wertevernichtung ermöglicht haben. Es könnte sein, dass das System solche Ungerechtigkeiten noch eine Weile erträgt. Die Frage ist nur, wann die letzten Loyalitäten zu seinen Wohlstandsversprechungen zusammenbrechen werden. Nach Lage der Dinge wird das passieren, wenn das System für alle erkennbar eher Armut als Reichtum produziert. Paul Krugman ist ein Kritiker der Bush-Ära. Das sind viele. Aber keiner findet systematischere Gründe für ihr moralisches und soziales Scheitern. "Die Finanzkrise", so sagte er vor wenigen Tagen, "ist nicht allein die Schuld dieser Administration. Aber sie ist die Frucht der Philosophie dieser Regierung." Dass er nun den Wirtschafts-Nobelpreis bekommt, ist - nach dem Medizin-, und dem Literatur-Nobelpreis - der dritte Schlag gegen Bushs Amerika. "Schlechte Moral, schlechte Ökonomie", hat er lakonisch letzte Woche in einem Kommentar vermerkt. Das ist, nebenbei bemerkt, nicht nur ein Preis für einen großen Theoretiker. Es ist der erste Nobelpreis für einen Blogger. Krugmans Blog in der "New York Times" hat ihn zu einer öffentlichen Institution gemacht, so sehr, dass ein Teil der amerikanischen Wirtschaftselite über Bushs Rettungspaket erst das Urteil fällen wollte, als Krugman es in seinem Blog rezensierte. Die öffentliche Wirkung Paul Krugmans zeigt allen Verächtern des Geistes: Globalisierte Gedanken sind ein echter Feind der gedankenlosen Globalisierung. Krugman stellt eine einzige Frage: Wie kann es sein, dass die modernen ökonomischen Verhältnisse im Begriff sind, ein paar sehr Reiche, viele Arme und eine große, ständig um ihre Existenz fürchtende Mittelschicht produzieren? Was geschah mit der Gesellschaft, "in der wir Babyboomer aufgewachsen sind" - jene fünfundzwanzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, die einen historisch einzigartigen Wohlstand für die Mittelschicht brachten? Krugman weist nach, dass die neue soziale Ungleichheit in Amerika politisch gewollt und dirigiert wurde. Die hochelaborierte wissenschaftliche Debatte darüber, ob es den Menschen heute besser gehe als vor fünfundzwanzig Jahren, konterte er mit einer seine Fachkollegen sprachlos machenden Antwort: "Ist es nicht bezeichnend, dass wir das überhaupt debattieren? Damals gab es kein Internet, keine Computer, keine Handys, kein Bar-Code-Scanner, und trotzdem wissen wir nicht, ob es den Menschen heute ökonomisch besser geht? Wo sind die Rationalisierungeffekte denn hingegangen?" Handy und Internet sind für Krugman nur die materiellen Symbole der Globalisierung: Es wird, wenn wir nicht einschreiten, den breitesten Schichten in fünfundzwanzig Jahren noch schlechter gehen. Krugmans Held ist Franklin D. Roosevelt. Dessen Amerika fordert er zurück. Und liest man seine Bestandsaufnahme jener Jahre, dann wird man erkennen, dass das Ideal dieses Ökonomen in jener sozialen Marktwirtschaft besteht, die in Deutschland unter den aus dem Bush-Amerika importierten Theorien des Neoliberalismus verschüttet zu werden droht. Die einzigartige ökonomische Verfallsgeschichte der amerikanischen Mittelschichten ist gewiss härter als die vergleichbaren sozialen Einbußen hierzulande. Krugman lässt auch keinen Zweifel daran, dass das Ausmaß der Ungleichheit in Amerika weitaus größer ist als in Deutschland. Aber wir holen auf, Richtung Abgrund. Die Indikatoren sind da. Wer könnte bestreiten, dass die ökonomische Bedrohung der Mittelschichten und der noch bedrohtere ökonomische Aufstieg der unteren Schichten das große Thema unserer nächsten Jahre ist? Wer könnte bestreiten, dass sich die Wohlstandsversprechen des letzten Jahrzehnts umzukehren beginnen? Nicht lange, und eine jetzt noch in Schockstarre befindliche Gesellschaft wird ausrechnen, was nur eine Promille des augenblicklich in der Finanzkrise vernichteten Kapitals in der Bildung bewirkt hätte. Sie wird dieses Geld zurückfordern. Krugman fordert von der Bush-Regierung das wahre Amerika zurück. Sein modus operandi ist die Rückbesinnung. Ein deutscher bürgerlicher Liberalismus, der auf sich hielte, sähe in diesem Nobelpreisträger seine Zukunft. FAZ 2008/10/14 Die bösen Buben. kA Martin Wittmann Wirtschaft Kommentar global Seite 32 kA Die bösen Buben. Von Martin Wittmann. Zwei Krisen, ein Ursprung: Gier und Wettbewerb im Radsport und auf dem Finanzmarkt. Wer in Zeiten der Finanzkrise auf die freie Marktwirtschaft schimpft, meint eigentlich den maßlosen Turbokapitalismus. Die Normalkapitalisten, die sich immer brav an die Regeln gehalten haben, nervt der Groll der Masse freilich doppelt: Erst sind die bösen Buben mit ihren zwielichtigen Megarenditen an ihnen vorbeigezogen und haben mit ihrem falschen Glanz die Bürger verführt, und dann, als der große Betrug aufgeflogen und ein jeder, ob redlich oder nicht, in den Abgrund mitgerissen ist, muss der Ruf der ganzen Branche unwiderruflich leiden. An Kommentatoren fehlt es nicht: "Unsere Hirne haben das pervertierte System längst legalisiert", klagt eine Expertin und fordert ein Handeln der Politik. Ein Kenner der Szene, der einst als spielverderbender Wichtigtuer galt, nennt dieses System ein kriminelles und "voll konspiratives". Der Präsident des Branchenverbandes indes gibt sich leidlich kämpferisch: "Die Zeiten waren schon vergnüglicher. Das ist aber auch wirklich zweitrangig. Verantwortung ist entscheidend - und wie man sie wahrnimmt." Soziologen wie Karl-Heinrich Bette erklären die flächendeckenden Verfehlungen mit der fatalen Gewinngier der Akteure, die "gerade in der Mitte oder gegen Ende ihrer Karriere Dinge tun, die sie am Anfang strikt von sich gewiesen hätten". Standhaft zu bleiben falle oftmals schwer. "Man bewertet sich selbst nur dann als wichtigen und wertvollen Menschen, wenn man Erfolg hat." Diese Zitate sind freilich Monate alt und haben, so passend sie klingen, mit der zuvor (radsportgerecht) beschriebenen Finanzkrise herzlich wenig zu tun. Die Expertin ist vielmehr die ehemalige Leistungssportlerin Ines Geipel, der ausgewiesene Kenner Molekularbiologe Werner Franke, der Branchenverband ist nicht der Bundesverband deutscher Banken, sondern der Bund Deutscher Radfahrer mit seinem Präsidenten Rudolf Scharping, und der Soziologe Bette spricht nicht über die unlauteren Machenschaften von Finanzjongleuren, sondern, wie alle Zitierten, über die Doping-Misere des Sports. Gemeinsam scheinen den beiden Krisen also ihr Ursprung (Gier, Wettbewerbsdruck) und die Reaktionen sowohl der Verursacher (Schweigen oder Unschuldserklärungen) als auch der betrogenen Öffentlichkeit (wer hätte das gedacht, wie kann man bloß, wo bleibt die Moral, wem kann man in diesem Zirkus überhaupt noch trauen, Hölle, Hölle, Hölle). Vertraut man dieser Parallelität, hilft das ungemein: Die Diagnosen des chronisch fiebrigen Sports können einfach auf die erst jüngst heftig erkrankte Kapitalismuswelt übertragen werden. Die Medizin in beiden Fällen: mehr Kontrolle. Aber hilft das langfristig? Wenn nämlich, wie kürzlich in einem Interview, Peter Sloterdijk auf die Frage, ob dem Sport ein Neuanfang vergönnt sei, antwortet, man müsse "eher mit einem endlosen Fortgang der Malaise rechnen, folglich mit einem allmählichen Ruin der Sportidee überhaupt", dann bedeutet das, transferiert in die Welt des Geldes, nichts weniger als das Ende des Kapitalismus. Aber keine Sorge: So schlimm kann es erfahrungsgemäß gar nicht kommen, als dass ARD und ZDF nicht mehr live von der Börse senden würden. FAZ 2008/10/14 "Geld macht die Leute verrückt und dumm". Im Gespräch: Louis Thannberger, Gründer und Chef von Europe Finance et Industrie. Christian von Hiller Finanzmärkte und Geldanlage Interview global Seite 24 Im Gespräch "Geld macht die Leute verrückt und dumm". Im Gespräch: Louis Thannberger, Gründer und Chef von Europe Finance et Industrie. Die Börse hat ihre Rolle in der Finanzierung der Unternehmen vernachlässigt. Das hat zur Finanzkrise beigetragen und rächt sich jetzt. Monsieur Thannberger, Sie haben 400 Mittelstandsunternehmen an die Börse geführt. Bricht Ihr Geschäft jetzt unter dem Druck der Finanzkrise ein? Im Gegenteil, wir planen dieses Jahr 25 Börsengänge, nachdem wir im vergangenen Jahr trotz der Subprime-Krise 18 Unternehmen an den Aktienmarkt begleitet haben. Zehn Börsengänge haben wir in diesem Jahr schon abgeschlossen. Wo finden Sie die Unternehmen, die sich an diesen Markt wagen? Der große Gewinner dieser Finanzkrise ist China. Ich habe in meiner Laufbahn schon vier große Börsenkräche hinter mir. Das Neue an diesem ist, dass zum ersten Mal Länder wie China, Indien, Russland, Brasilien als große Akteure auftreten. Allein in China warten 3000 bis 4000 Unternehmen, die an die Börse Schanghai wollen. Und einige von ihnen begleiten wir an die Pariser Börse. Deshalb werden wir in diesem Jahr noch drei bis vier chinesische Unternehmen begleiten, aber auch ein bis zwei afrikanische und ein marokkanisches. Es ist schwer, sich vorzustellen, wie Unternehmen in diesem Umfeld Kapital aufnehmen können. Genau das ist das Problem: Heute ist die Börse in den Händen der Spekulation, und sie steht nicht mehr im Dienste der Unternehmen. Ich habe immer gesagt: Geld macht die Leute verrückt und dumm! Und das bewahrheitet sich jetzt wieder. Die Investmentbanker haben den Unternehmern und den Anlegern vorgegaukelt, an der Börse ließe sich das schnelle Geld verdienen. Hält man den Menschen einen großen Batzen Geld hin, verlieren sie den Verstand. Deshalb bin ich auch immer den Unternehmern gegenüber misstrauisch, die leicht überschnappen, wenn sie einen zu hohen Emissionserlös erzielen. Ich stehe für die Börse der Unternehmer und nicht für die Börse der Spekulanten. Was sagen Sie den Unternehmern jetzt? Ich sage ihnen, was ich ihnen seit 30 Jahren sage: "Vertrauen verschwindet im Galopp und kommt nur im Schritt zurück. Gehen Sie an die Börse, wenn die Stimmung am Boden ist und nicht mitten im Boom. Versuchen Sie nicht, ein möglichst hohes Emissionsvolumen zu plazieren, sondern bringen Sie Ihre Aktien zu einem niedrigen Kurs und bauen Sie von dieser Basis aus Schritt für Schritt Vertrauen auf." Deshalb sind Krisenzeiten für mein Metier die besten Zeiten. Im Grunde mag ich die Lage, die wir jetzt an den Märkten haben. Sie finden die Finanzkrise gut? Für uns gibt es nichts Besseres als den Tiefpunkt eines Zyklus. Wenn die Hotelpförtner wie zuletzt in China nur noch über schnelle Aktiengeschäfte nachdenken, dann läuft etwas falsch. Und wie überzeugen Sie die Anleger davon, in der Baisse Aktien zu kaufen? Ich kann jedem Anleger nur folgenden Rat geben: Kaufen Sie ausschließlich Aktien von Unternehmern, die mit dem Emissionserlös vorrangig in das Unternehmen investieren, nachhaltiges Wachstum damit finanzieren und Arbeitsplätze schaffen. Ich mag keine Börsengänge, die dazu dienen, Privatjets oder Yachten zu bezahlen, selbst wenn damit Kunden amüsiert werden sollen. Kann die Börse noch ihre Funktion zur Unternehmensfinanzierung erfüllen? Nein. Wenn an der Börse mehr Dividenden ausgeschüttet werden, als Kapital aufgenommen wird, erfüllt sie ihre Funktion nicht mehr. Solange die Börse ein Ort bleibt, an dem die Reichen die Reichen übers Ohr hauen, ist alles in Ordnung. Aber wenn die Unternehmen und die Kleinanleger in dieses Spiel gezogen werden, dann läuft etwas falsch. Wer ist schuld daran? Das Spiel lief falsch, als die Banken angefangen haben, Kreditportefeuilles am Markt zu plazieren. Aus Geld noch mehr Geld zu machen, ohne entsprechende Werte zu schaffen - das hat mit Börse nichts zu tun. Dafür gibt es Spielcasinos. Und dennoch bewegen Sie chinesische Unternehmen zum Gang an die Börse? Die chinesischen Unternehmen haben eigentlich alles, was sie brauchen, um international erfolgreich zu sein. Es fehlt ihnen nur eins: Sie sind unbekannt. Sie brauchen die Börse, um sich auf der Welt einen Namen zu machen. Was ist aus Ihrer Sicht schiefgelaufen? Früher hat die Börse wie ein Parlament funktioniert, in der alle - Analysten, Unternehmen, große Investoren und kleine Anleger - wie die Parteien vertreten waren. Heute haben wir an der Börse nur noch eine große Einheitspartei - und wenn die falsch liegt, gibt es kein Korrektiv mehr. Welchen Ausweg sehen Sie? Der Krach wird die Marktakteure auf den Boden der Tatsachen zurückholen, bis die Aktienkurse wieder einer gesunden Bewertung entsprechen. Aber lassen Sie mich dazu noch eines sagen: Wer sagt eigentlich, dass Banken an der Börse notiert sein müssen? Viele sind es nicht und haben trotzdem Erfolg. Nehmen Sie nur die Sparkassen und Volksbanken in Deutschland. Was ist daran schlimm? Die Banker haben angefangen, sich kurzfristig und spekulativ wie Aktienhändler zu verhalten. Das ist das Schlimme daran. Sie haben darüber ihre Wurzeln - das Kreditgeschäft - vergessen und sind jetzt drauf und dran, ihre Wetteinsätze zu verspielen. Und wie gehen Sie mit der Krise um? Ich blühe auf. In solchen Zeiten zeigt sich, dass meine Strategie richtig ist, die Unternehmen unten im Börsenzyklus an den Markt zu bringen. Europe Finance et Industrie hat schwere Zeiten hinter sich. Doch jetzt starten wir durch. Und ich werde weiter daran arbeiten, dass die deutsche Börse und die französische an einem Strang ziehen. Es war ein historischer Fehler, dass sich die Pariser Börse, Euronext, in die Arme der New Yorker Börse geworfen hat. Das Gespräch führte Christian von Hiller. FAZ 2008/10/14 Im Windschatten der Krise. In der Schweiz kamen die Großbanken früher als anderswo unter Druck - zum Glück. Jetzt sind staatliche Eingriffe nicht nötig. Jürgen Dunsch Unternehmen und Wetter Bericht Schweiz Seite 22 kA Im Windschatten der Krise. In der Schweiz kamen die Großbanken früher als anderswo unter Druck - zum Glück. Jetzt sind staatliche Eingriffe nicht nötig. Von Jürgen Dunsch. ZÜRICH, 13. Oktober. Überall in der Welt fallen Banken oder müssen mit riesigen Milliardenbeträgen gestützt werden. Nichts davon in der Schweiz - keine Staatshilfen, keine Rettungspakete und keine allgemeine Versicherung, die Spargroschen seien sicher. Die Eidgenossen segeln dieser Tage im Windschatten der großen Finanzkrise. Die Großbank UBS steht zwar vor neuen Milliarden-Abschreibungen für das dritte Quartal. Der Konkurrent Credit Suisse muss möglicherweise eine größere Wertminderung bei Firmenkrediten vornehmen. Und Julius Bär, der drittgrößte Vermögensverwalter des Landes, wird von Schwierigkeiten seines Hedge-Fonds-Anbieters GAM geplagt. Aber all diese Rückschläge erscheinen beherrschbar. Nur die Interventionen der Nationalbank an den Finanzmärkten zeigen, dass auch die Schweiz die Krise nicht unbeeindruckt lässt. Die Ruhe wirkt überraschend. Denn die Schweiz ist an dieser Stelle besonders verwundbar. Das Land ist einer der bedeutendsten Bankenplätze und verwaltet zum Beispiel die weitaus meisten Vermögen von Ausländern in der Welt. Die Gier einzelner Investmentbanker war hier nicht geringer als anderswo. Als eine der ersten Großbanken musste die UBS im vergangenen Sommer ihre schweren Fehlspekulationen auf dem amerikanischen Hypothekenmarkt bekennen. Bis heute sind hieraus Abschreibungen von rund 42 Milliarden Dollar entstanden, die stärksten Einbußen einer Bank in Europa. Im Rückblick hatte die früh ausgebrochene Krise in der UBS den Vorteil, dass sie sich rechtzeitig Kapital beschaffen konnte. Zwei Kapitalerhöhungen brachten insgesamt 29 Milliarden Franken herein. Heute wäre dies sicher nicht mehr möglich. Die Aktionäre würden nicht mehr wie beim Einstieg von Singapur im vergangenen Jahr über ihr fehlendes Bezugsrecht für neue Aktien lamentieren, das sie dann bei der zweiten Kapitalerhöhung erhielten. Vielmehr müsste auch hier der Staat einspringen. Daneben geriet die UBS - zu ihrem Glück - rechtzeitig unter Druck im eigenen Land. Die Nationalbank hatte schon im Juni 2007 den deutlich gestiegenen "Risikoappetit" der beiden Großbanken kritisiert und damit vor allem die UBS gemeint. Sie war es auch - viel mehr als zum Beispiel die Bankenkommission (EBK) -, die bei den Kapitalerhöhungen kräftig Tempo machte. Der neuerliche Personalabbau in der UBS um 2000 Stellen findet vor allem in ihren Investmentbanking-Abteilungen in New York und London statt. Bankenverbandspräsident Pierre Mirabaud streitet eine Krise unter den 330 Banken in der Schweiz rundweg ab. Sein Geschäftsführer Urs Roth sagt: "Unser Bankensystem ist stabil, das gilt auch für Banken ohne Staatsgarantie." Ganz so glatt stellt sich die Situation allerdings nicht dar. Schweizer Kunden wechseln scharenweise von den Großbanken zu den Raiffeisenbanken, der ebenfalls genossenschaftlichen Migros-Bank sowie zur staatlichen Postbank und den Kantonalbanken, von denen ebenfalls die meisten über eine Staatsgarantie verfügen. Hinzu kommen Systemschwächen, auf die unlängst der amerikanische Vermögensverwalter Bridgewater Associates hinwies. Nur in Deutschland und Belgien ist demnach der Verschuldungsgrad höher als in den beiden Schweizer Großbanken. Mehr noch: Die beiden Geldhäuser sind zu groß, als dass sie im Insolvenzfall von der kleinen Schweiz aufgefangen werden könnten. So sind allein die kurzfristigen Schulden von Credit Suisse und UBS zweieinhalb Mal so groß wie das Bruttoinlandsprodukt. Nur in Belgien ist das Verhältnis noch ungünstiger, für Deutschland nennt Bridgewater einen Wert von gut 50 Prozent. Der Vorteil eines kleinen Landes wie der Schweiz besteht andererseits darin, dass die engmaschigen Beziehungsnetze im Krisenfall rasch und effektiv genutzt werden können. Zugleich stehen Politiker weniger als etwa in Deutschland unter der öffentlichen Erwartungshaltung, "etwas zu tun". Um so mehr wirkte daher überraschend, wie stark die Nationalbank in aller Öffentlichkeit im Sommer eine bessere Eigenkapitalausstattung der beiden Großbanken anmahnte. Dies zielt nicht auf das risikogewichtete Eigenkapital ("Tier 1"), mit dem Credit Suisse und UBS gut ausgestattet sind, sondern auf das einfache Verhältnis von Eigenkapital zur Bilanzsumme, die "Leverage Ratio". Nach Überzeugung von Fachleuten sollte es ungefähr vier Prozent betragen, bei der UBS dürfte es lange weniger als die Hälfte gewesen sein. Dies war Ausdruck des riesigen Rades, das die Bank im Investmentbanking drehte. Inzwischen zeigt der Druck der Nationalbank Wirkung: Nach der UBS scheint auch Credit Suisse den Widerstand gegen eine gut gepolsterte "Leverage Ratio" aufgegeben zu haben. Die Finanzkrise macht sich für die Schweizer zunächst vor allem im Fall der Aktienkurse bemerkbar, der nicht weniger stark ausfällt als im Rest der Welt. Dies spüren vor allem die Pensionskassen, die in der Schweiz viel wichtiger sind als in Deutschland. In diesem Jahr sank ihr Vermögen bis Ende September um sechs Prozent - bei einem Garantiezins von 2,75 Prozent für die Versicherten. Doch der Konsum in der Schweiz ist noch hoch, der Immobilienmarkt weiterhin intakt. Viele Großunternehmen wie die Pharma- und Nahrungsmittelkonzerne können sich vom Auf und Ab der Wirtschaft einigermaßen abkoppeln. Dies sind drei Gründe, warum die Wirtschaft des Landes gegen eine Rezession gut geschützt ist. Doch auch die sogenannte Realwirtschaft beginnt zu leiden, wenngleich die Banken nach eigenen Angaben weiterhin Kredite wie bisher geben. Die Kantonalbanken schwimmen sogar im Geld. Erste Warnzeichen kommen nun vor allem aus der Exportindustrie, die 55 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt. Aber selbst in der krisengeschüttelten UBS ist die Welt noch relativ heil. Nach zehn Jahren Betriebszugehörigkeit stehen den Mitarbeitern auf der Direktorenstufe weiterhin sechs Wochen bezahlter Sonderurlaub zu. FAZ 2008/10/14 Krise erreicht die Agrarwirtschaft. Preise deutlich unter Druck. Offene Märkte gefordert. bü. Unternehmen Meldung BRD Seite 20 kA Krise erreicht die Agrarwirtschaft. Preise deutlich unter Druck. Offene Märkte gefordert. bü. BONN, 13. Oktober. Die Folgen der weltweiten Finanzkrise haben auch die Land- und Ernährungswirtschaft erfasst. Der Deutsche Raiffeisenverband (DRV) forderte seine Mitgliedsunternehmen auf, sich auf größere Schwankungen an den Märkten vorzubereiten. "Die Preise für Agrarrohstoffe sind an allen internationalen Börsen deutlich gefallen", sagte DRV-Präsident Manfred Nüssel. Durch die Verflechtung der Agrarbranche mit den anderen Rohstoff- und Finanzmärkten steige das Risiko für Handel und Landwirtschaft. Auf der anderen Seite eröffnen die Turbulenzen aber auch Chancen. Die Finanzkrise hat bereits zu einem verstärkten Engagement von Investoren auf dem Agrarmarkt geführt, berichtete Nüssel. Auf den Produktmärkten schlägt das Pendel aus Sicht der Landwirtschaft nun zurück. Denn nach der schwachen Ernte 2007 waren die Preise für Getreide und Ölsaaten noch sprunghaft gestiegen und hatten nie zuvor gesehene Höhen erreicht. Als eine Antwort auf die größere Volatilität nannte Nüssel den Ausbau von Lagerkapazitäten, um Mengen- und Preisänderungen bei Getreide besser ausgleichen zu können. Die Agrarunternehmen müssten ihr Risikomanagement verbessern, um schneller auf Änderungen der Marktlage reagieren zu können. Nachdrücklich wandte sich Nüssel gegen den Ruf nach einer Marktabschottung. Die Politik müsse sich verstärkt für den Abbau von Handelshemmnissen und für offene Märkte einsetzen. FAZ 2008/10/14 Insolvenzrecht wird gelockert. Überschuldete Unternehmen profitieren von Reform. ama. Unternehmen Meldung BRD Seite 16 kA Insolvenzrecht wird gelockert. Überschuldete Unternehmen profitieren von Reform. ama. FRANKFURT, 13. Oktober. Die Bundesregierung will den Unternehmen, die nur infolge der Finanzkrise zwischenzeitlich überschuldet sind, ein Insolvenzverfahren ersparen. Das Bundeskabinett hat am Montag eine entsprechende Änderung des Insolvenzrechts beschlossen. Bislang gilt, dass bilanziell überschuldete Unternehmen - deren Vermögen die Schulden nicht mehr decken - innerhalb von drei Wochen einen Insolvenzantrag stellen müssen. Nun habe die Finanzkrise aber dazu geführt, dass viele Unternehmen allein wegen erheblicher Wertverluste ihrer Aktien und Immobilien rechnerisch überschuldet seien, sagte Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD). Die Betriebe müssten Insolvenz beantragen - "selbst dann, wenn für das Unternehmen an sich eine positive Fortführungsprognose gestellt werden kann", sagte die Ministerin. Solche Betriebe, bei denen sich zudem ein "Turnaround" schon in wenigen Monaten abzeichne, will die Bundesregierung künftig von der Pflicht zu einem Insolvenzantrag befreien. Die Reform wird Unternehmen aller Branchen betreffen, nicht nur Banken oder Versicherungen. Zypries erklärte, die Lockerung solle vor allem kleinen und mittleren Unternehmen helfen, die trotz Überschuldung noch die Möglichkeit haben sollten, einen Großauftrag auszuführen, ein neues Produkt auf den Markt zu bringen oder einen neuen Exportmarkt zu erschließen. FAZ 2008/10/14 Forderungen nach einem zweiten Bretton Woods. Bundespräsident Köhler regt eine Konferenz für eine neue Finanzarchitektur an. ctg. Wirtschaft Bericht global Seite 15 kA Forderungen nach einem zweiten Bretton Woods. Bundespräsident Köhler regt eine Konferenz für eine neue Finanzarchitektur an. ctg. WASHINGTON, 13. Oktober. Bundespräsident Horst Köhler und der britische Premierminister Gordon Brown sind sich offenbar einig: Die Finanzkrise deckt schonungslos die Schwächen der globalisierten Ökonomie auf und erzwingt ein Nachdenken über einen neuen, internationalen Ordnungsrahmen für die Weltwirtschaft. Es solle eine Konferenz zur Neuordnung des Finanzsystems einberufen werden, fordern Köhler und Brown und erinnern an das Treffen von Bretton Woods, auf dem im Juli 1944 die Eckpfeiler für die Wirtschaftsordnung nach dem Zweiten Weltkrieg aufgestellt wurden. Damals berieten 44 Nationen auf einer Konferenz in Bretton Woods, einem Bergdorf in den "White Mountains" im amerikanischen Bundesstaat New Hampshire, darüber, wie nach dem Ende des Krieges Stabilität in die Weltwirtschaft gebracht und der grenzüberschreitende Handel gefördert werden könne. Es gab zwei konkurrierende Vorschläge: Der eine kam vom amerikanischen Ökonomen und Politiker Harry Dexter White, der andere vom britischen Ökonomen John Maynard Keynes. Whites Vorschlag setzte sich schließlich durch: Es wurde ein System fester Wechselkurse vereinbart, in dessen Mittelpunkt der Dollar stand. Der Wert des Dollar wurde an das Edelmetall Gold gekoppelt, und zwar im Verhältnis 35 Dollar je Unze. Die amerikanische Notenbank Federal Reserve (Fed) wurde verpflichtet, auf Wunsch Dollar gegen Gold einzulösen. Die Vereinigten Staaten waren in ihrer Geldpolitik autonom, die anderen Mitgliedsländer des Festkurssystems erkauften sich die Währungsstabilität mit ihrer Pflicht zur fortgesetzten Devisenmarktintervention. Veränderungen der Währungsrelationen, also Auf- oder Abwertungen im Verhältnis zum Dollar, bedurften einer internationalen Vereinbarung. Fast drei Jahrzehnte hatte das Festkurssystem Bestand, einige Krisen mussten während dieser Zeit gemeistert werden. Der Anfang vom Ende war die vom damaligen amerikanischen Präsidenten Richard Nixon im August 1971 verkündete Aufhebung der Dollarkonvertibilität zum Gold. Der Dollar hatte unter erheblichem Abwertungsdruck gestanden, insbesondere zur Deutschen Mark. Im Frühjahr schließlich stand das Bretton-Woods-System endgültig vor dem Aus, als zunächst Großbritannien und die Schweiz ihren Ausstieg bekanntgaben und ihre Währungen schwanken ließen. Zwei Institutionen, die in Bretton Woods geschaffen wurden, bestehen auch heute noch: der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Internationale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung, kurz Weltbank. Wie ein zweites Bretton Woods aussehen könnte, dazu haben Köhler und Brown noch keine konkreten Angaben gemacht. Die kommenden Monate werden zeigen, ob ihr Plan auf fruchtbaren Boden fällt. FAZ 2008/10/14 Beihilferegeln der EU werden nicht geändert. Die Europäische Kommission versucht den Balanceakt: Einerseits darf sie keine wettbewerbsrechtlichen Bedenken gegen die in Paris vereinbarten Staatsgarantien äußern, andererseits muss sie darauf achten, dass die EU-Wettbewerbsregeln eingehalten werden. wmu. Wirtschaft Meldung EU Seite 15 kA Beihilferegeln der EU werden nicht geändert. Die Europäische Kommission versucht den Balanceakt: Einerseits darf sie keine wettbewerbsrechtlichen Bedenken gegen die in Paris vereinbarten Staatsgarantien äußern, andererseits muss sie darauf achten, dass die EU-Wettbewerbsregeln eingehalten werden. wmu. BRÜSSEL, 13. Oktober. Die EU-Beihilferegeln müssen auch nach den Pariser Beschlüssen über die zusätzlichen Staatsgarantien und Rekapitalisierungsmöglichkeiten für Banken nicht geändert werden. Das hat die Europäische Kommission am Montag klargestellt. Auch will die EU-Behörde weiterhin jeden Staatsgarantiefall einzeln prüfen, die Verfahren aber deutlich beschleunigen. Das geht aus neuen Richtlinien hervor, die EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes am Montag in Brüssel vorstellte. Mit ihrer Hilfe soll die Genehmigung der in Paris vereinbarten Staatshilfen beschleunigt werden. Die Leitlinien enthalten zugleich einen Kriterienkatalog, in dem klargestellt wird, unter welchen Voraussetzungen nationale Schutzschirme für die Finanzinstitute genehmigungsfähig sind. Der Katalog soll den Mitgliedstaaten Orientierungshilfe und Rechtssicherheit verschaffen, wenn diese ihren Banken unter die Arme greifen. In Paris war nur die Rede davon gewesen, dass die Regeln des "loyalen Wettbewerbs" nicht verletzt werden dürften. Die Kommission hat nun konkretisiert, wie sie dies versteht. Die Staaten müssen ihre Maßnahmen zwar weiter in Brüssel anmelden, die Genehmigung kann aber als sicher gelten, wenn bestimmte Mindestanforderungen eingehalten werden. Künftig soll jede Staatshilfe, die diesen Kriterien entspricht, nach den eigenen Vorgaben der Kommission binnen 24 Stunden genehmigt werden. Als wichtiges Kriterium nennt die Kommission zunächst, dass ein Mitgliedstaat eine Garantie oder Rekapitalisierungsmaßnahme für jede "systemrelevante" Bank gleichermaßen bereitstellt, egal ob sie aus dem In- oder Ausland kommt. Die EU-Behörde hat in der Nacht zum Montag signalisiert, dass sie die in der vergangenen Woche stark umstrittenen irischen Garantien in Kürze freigeben wird. Zuvor hatte die Regierung in Dublin zugesagt, ihren bislang auf sechs irische Banken beschränkten Schutzschirm auch auf ausländische Institute auszudehnen. Außerdem werden von den Staaten "Begleitmaßnahmen" gefordert, die "strukturellen Mängeln" bestimmter Institute abhelfen sollten. Dies gilt als Indiz dafür, dass die West LB nicht von den neuen Bestimmungen profitierten dürfte. Der Rettungsschirm für die Düsseldorfer Landesbank war von der EU-Behörde in einem ersten Schritt als Rettungsbeihilfe genehmigt worden; derzeit untersucht die Kommission in einer vertieften Prüfung, ob die Beihilfen zur Restrukturierung des Instituts rechtmäßig sind. Kroes hatte klargestellt, dass sie von der West LB ein neues Geschäftsmodell erwartet, etwa einen Eigentümerwechsel in der Bank und eine drastische Verringerung der Bilanzsumme dadurch, dass sich das Institut von verschiedenen Aktivitäten trennt. Dies ließe sich als typisches Beispiel der Beseitigung "struktureller Mängel" interpretieren. Weiter fordert die Kommission, dass die Staatshilfe "klar definiert und in der Höhe begrenzt" auf das ist, was zur Bekämpfung der Finanzkrise jeweils erforderlich ist. Außerdem müssten die Empfänger der Hilfe Auflagen bekommen, die deren "Missbrauch" ausschließe, etwa "aggressive Marktstrategien". Wie die Kommission solchen Missbrauch ausschließen will, ist unklar. Schließlich darf jede Hilfe nur zeitlich begrenzt gewährt werden. Dabei gibt die EU-Behörde keinen Zeitrahmen vor, sondern fordert, dass die Hilfe beendet wird, sobald es die "Marktbedingungen" erlauben. Nach den Vorstellungen der Kommission sollen die Mitgliedstaaten selbst dafür einstehen, dass die genannten Kriterien eingehalten werden. Die EU-Behörde werde die Einhaltung aber "beobachten". Kroes sagte am Montag, sie werde an einer "soliden Wettbewerbspolitik" festhalten. "Ohne sie würde die europäische Wirtschaft ins Chaos stürzen. Wenn die Unternehmen keinen Anreiz mehr zum Wettbewerb haben, würde künftig das Gesetz des Dschungels regieren und Betrug belohnt." Die Leitlinien zeigten, dass es sehr wohl möglich sei, flexibel und schnell auf die Finanzmarktkrise zu reagieren, ohne die europäischen Beihilferegeln auf den Kopf zu stellen. FAZ 2008/10/14 Währungsfonds sagt Ungarn Hilfe zu. Die Regierung benötigt in der Finanzkrise Unterstützung für ihren Sparkurs. ela. Wirtschaft Meldung Ungarn Seite 15 kA Währungsfonds sagt Ungarn Hilfe zu. Die Regierung benötigt in der Finanzkrise Unterstützung für ihren Sparkurs. ela. WIEN, 13. Oktober. Die Europäische Union hat gemeinsam mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) Unterstützung für Ungarn angekündigt. "Wir sind bereit, alle zur Verfügung stehenden Instrumente zu nutzen, damit Ungarn seine Wirtschaft durch diese schwierigen Zeiten steuern kann", erklärten Vertreter des französischen EU-Ratsvorsitzes gemeinsam mit der Europäischen Kommission. Hintergrund ist die Schwäche der ungarischen Währung Forint. Die Währung hatte in der Vorwoche mit einem Verhältnis von 265 zu einem Euro in der Spitze gegenüber dem Euro rund 10 Prozent an Wert verloren, während Investoren Geld aus dem Land abzogen. Wie hoch der Kapitalabfluss war, war am Montag nicht feststellbar. Die ungarische Zentralbank sprang stützend ein. Damit war aber der Wechselkurs noch immer deutlich von seinem Höchststand von 285 Forint entfernt, die im Sommer 2006 für einen Euro bezahlt wurden. Beobachter werten deshalb die Einschaltung des Währungsfonds als präventive Unterstützung der Regierung in der allgemeinen Krisenstimmung. Der ungarische Ministerpräsident Ferenz Gyurcsány sagte, er hoffe, dass Ungarn diese Hilfe niemals in Anspruch nehmen müsse. Möglicherweise wird Ungarn als erster europäischer Staat IWF-Kredite beantragen. Der IWF erklärte am Montag, er stehe deswegen in Gesprächen mit der Regierung in Budapest sowie mit Vertretern der EU und sei zur Unterstützung Ungarns bereit. Ökonomen halten Ungarn für verwundbar, weil das Land hoch verschuldet ist und das Bankensystem stark von ausländischem Geld abhängig ist. Mit rund 4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) wird Ungarn in diesem Jahr vermutlich das größte Haushaltsdefizit innerhalb der gesamten Europäischen Union ausweisen. Jedoch wurde der Fehlbetrag seit dem Jahr 2006 mehr als halbiert. Im kommenden Jahr wollte Gyurcsány das Haushaltsdefizit nahe an das für die Europäische Währungsunion notwendige Konvergenzkriterium von 3 Prozent des BIP heranzuführen. Juraj Kotian, Analyst in der Erste Bank in Wien, spricht mehr von psychologischer Notwendigkeit als von ökonomischer. Ähnlich argumentiert Wolfgang Ernst, Analyst in der Raiffeisen Zentralbank (RZB) in Wien: "Wenn die am Wochenende erarbeiteten Finanzmaßnahmen Wirkung zeigen, sehen wir keine Gefahr für die Währung in Ungarn." FAZ 2008/10/14 Finanzkrise bisher ohne Folgen für den Arbeitsmarkt. kA km. Wirtschaft Meldung BRD Seite 15 kA Finanzkrise bisher ohne Folgen für den Arbeitsmarkt. km. BERLIN, 13. Oktober. Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass die Finanzkrise den Arbeitsmarkt im kommenden Jahr in nur abgeschwächter Form trifft. "Wir haben bisher keine Daten, dass die Krise massiv durchschlägt auf Beschäftigung und Ausbildungsmarkt", sagte der Minister am Montag in Berlin. Zum Beweis verwies Scholz auf die sehr gute Lehrstellenbilanz, die er zusammen mit der Wirtschaft präsentierte. Erstmals seit sieben Jahren gibt es keine Lehrstellenlücke mehr. Den 14 500 Bewerbern, die zum Ende des Ausbildungsjahres 2007/08 noch eine Lehrstelle suchten, standen 20 000 offene Stellen zur Verfügung. Mit den unbesetzten Plätzen in überbetrieblichen Ausbildungsprogrammen sind es gar 48 000 offene Stellen. Scholz lobte den Ausbildungspakt mit der Wirtschaft, der dafür sorgte, dass im vierten Jahr nacheinander die Zahl der Ausbildungsverträge gestiegen ist. "Trotz der guten Zahlen dürfen wir jedoch nicht nachlassen, dafür zu sorgen, dass jedem Bewerber eine Lehrstelle garantiert ist", sagte Scholz. Mit Blick auf den weiterhin hohen Anteil von Altbewerbern (51 Prozent) verteidigte er daher seinen Ausbildungsbonus für jene Betriebe, die zusätzliche Stellen für schlechtqualifizierte Jugendliche schaffen. Der Minister teilte mit, dass in 1000 Schulen berufliche Einstiegsbegleiter tätig werden sollen. Auch Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt sieht trotz der sehr positiven Zwischenbilanz des Ausbildungspaktes weitere Aufgaben für die Politik. "Es gibt immer noch zu viele Jugendliche, denen der Übergang in die Ausbildung nicht oder nur sehr schwer gelingt." Daher seien größere Anstrengungen notwendig, um vor allem Jugendliche aus Migrantenfamilien zu qualifizieren. Er verlangte vom Bildungsgipfel der Kanzlerin in der kommenden Woche, dass dort Maßnahmen beschlossen werden, um bis zum Jahr 2015 die Quote der Schulabbrecher auf 4 Prozent zu halbieren.ngarns bereit. FAZ 2008/10/14 Japan: Aktienkauf ohne Grenze. Neue Regeln und ein zweites Konjunkturpaket. pwe. Wirtschaft Meldung Japan Seite 15 kA Japan: Aktienkauf ohne Grenze. Neue Regeln und ein zweites Konjunkturpaket. pwe. TOKIO, 13. Oktober. Die japanische Regierung plant neue Regeln für die Kapitalmärkte und ein zweites Konjunkturpaket, um die Folgen der Finanzkrise zu lindern. Ministerpräsident Taro Aso hat die Finanzaufsicht angewiesen, die täglichen Obergrenzen für Aktienrückkäufe von Unternehmen aufzuheben. Aso setzt darauf, dass so weitere Kursverfälle am Aktienmarkt gemindert werden können. Die Neuregelung soll bis zum Jahresende gelten. Der Nikkei-225-Index hatte in der vergangenen Woche 24 Prozent an Wert verloren, seit Jahresbeginn ist er um 46 Prozent gefallen. Zudem hat Aso die Koalitionsparteien gebeten, neue Vorschläge für ein zweites Konjunkturpaket zu entwerfen. Der Ministerpräsident, der zugleich der größten Koalitionspartei der Liberaldemokraten (LDP) vorsteht, wies darauf hin, das erst vergangene Woche im Unterhaus beschlossene Konjunkturpaket mit zusätzlichen Staatsausgaben von 1,81 Billionen Yen (rund 13 Milliarden Euro) sei noch vor der jüngsten Zuspitzung der Kapitalmarktkrise beraten worden. Das neue Konjunkturpaket, das womöglich noch vor dem Asien-Gipfel in Peking am 24. Oktober beschlossen werden soll, wird nach den Wünschen aus den Regierungsparteien Maßnahmen zur weiteren Stimulierung der heimischen Nachfrage wie Steuersenkungen und öffentliche Investitionen umfassen. Zugleich sollen die Finanzmärkte und der Aktienmarkt gestützt werden. Die LDP wünscht, dass eine höhere Neuverschuldung nicht ausgeschlossen wird. Als Teil des neuen Konjunkturpakets will Aso der Regierung ferner die Möglichkeit verschaffen, die Kapitalbasis regionaler Banken durch staatliche Einlagen zu stützen. Erst im März hatte die Regierung damals noch unter Ministerpräsident Yasuo Fukuda ein entsprechendes Gesetz faktisch auslaufen lassen. Damals ergab eine Prüfung durch die Finanzaufsicht, dass staatliche Kapitalspritzen nicht mehr notwendig seien. Auf Druck von Abgeordneten der LDP hat Finanzminister Shoichi Nakagawa nun aber eine abermalige Prüfung angeordnet. Die Maßnahme ist in der Regierung umstritten. "Die Banken sind derzeit nicht in einer so schlechten Lage, dass sie staatliche Kapitalspritzen brauchen", sagte der Minister für Wirtschafts- und Finanzpolitik, Karuo Yosano. FAZ 2008/10/14 Folgen für europäischen Stabilitätspakt offen. kA wmu. Wirtschaft Meldung EU Seite 15 kA Folgen für europäischen Stabilitätspakt offen. wmu. BRÜSSEL, 13. Oktober. Die Europäische Kommission sieht keine unmittelbaren Folgen staatlicher Rettungspakete für den EU-Stabilitätspakt. Die Sprecherin von Währungskommissar Joaquín Almunia sagte am Montag in Brüssel, solange die Staatsgarantien nicht zahlungswirksam würden, wirkten sie sich auch nicht auf das Staatsdefizit und die Staatsschuld aus. "Es ist müßig zu überlegen, was wir täten, wenn ein Staat wirklich einmal für eine Bank einspringen muss. Der Sinn der Beschlüsse von Paris ist doch, dass das gerade nicht nötig wird", sagte sie. Der Betrag, der für die Rekapitalisierung von Banken zur Verfügung gestellt werde (in Deutschland 70 Milliarden Euro), erhöht nach Darstellung der Sprecherin nur vorübergehend - für die Dauer der Gewährung der Rekapitalisierung, also bis Ende 2009 - die Staatsschuld, also nicht das Staatsdefizit, das für die Einleitung eines Defizitverfahrens in der Regel relevanter ist. Die Kommission hatte schon mehrfach darauf hingewiesen, dass die Finanzkrise als "außergewöhnliches Ereignis" im Sinne des Pakts zu werten ist. Es erlaubt eine großzügige Interpretation des Maastrichter Referenzwerts für das Staatsdefizit von 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Insofern gilt es als wahrscheinlich, dass das von der Bundesregierung nun geplante Sondervermögen von der Kommission nicht beanstandet wird. Unabhängig davon gilt es mittlerweile als sicher, dass die Euro-Staaten ihr vor einem Jahr in Berlin vereinbartes Ziel nicht erreichen können, bis 2010 ihre Haushalte auszugleichen. Der Grund hierfür ist aber nicht direkt die Finanzkrise, sondern der mittelbar auf die Krise zurückgehende Konjunkturabschwung. FAZ 2008/10/14 Kapitalspritzen und Garantien rund um die Welt. kA mas.; chs.; du.; ctg.; bes.; pso.; now.; tp.; ela. Wirtschaft Meldung global Seite 14 kA Kapitalspritzen und Garantien rund um die Welt. Mit Kapitalspritzen, Bürgschaften, Garantien und neuen Bilanzierungsregeln wollen Europäer und Amerikaner der Finanzkrise Herr werden. Am Montag haben Deutschland, Frankreich, Spanien und Österreich ihre Rettungspläne konkretisiert. Die Pläne anderer Länder sind schon länger bekannt. Am Sonntag hatten sich die Staats- und Regierungschefs der Euro-Länder in Paris getroffen, um ihr Vorgehen abzustimmen und ein Rahmenprogramm zu beschließen, für das das britische Modell Pate steht. Danach ist es den Regierungen wichtig, die Refinanzierung der Banken zu erleichtern. Sie sind auch bereit, in abgestimmter Weise den Markt für länger laufende Schuldtitel zu stützen. Außerdem wollen die Regierungen den Banken frisches Kernkapital durch den Kauf von Vorzugsaktien oder Wandelschuldverschreibungen zur Verfügung stellen. Die Preise dafür sollen die Marktpreise und die finanzielle Lage der betroffenen Banken reflektieren. Zu den befürworteten Maßnahmen gehört auch, Banken in Schwierigkeiten zu retten, vor allem solche, von denen ein "systemisches Risiko" ausgeht. Auch eine Teilverstaatlichung soll, wenn nötig, möglich sein. Wichtig sei auch eine höhere Flexibilität von Bilanzregeln, hieß es in Paris. Wenn es für Aktiva von Unternehmen wegen fehlender Liquidität keinen Markt mehr gibt, dann sollten diese nicht zu Marktpreisen in der Bilanz bewertet werden. (chs.) Deutschland. Garantien und frisches Geld. Die Bundesregierung hat am Montag Garantien für Bank-zu-Bank-Geschäfte über 400 Milliarden Euro beschlossen. Damit will sie dafür sorgen, dass die Banken einander wieder Geld leihen. Für 5 Prozent oder 20 Milliarden Euro wird in dem dazu eingerichteten "Finanzmarktstabilisierungsfonds" Vorsorge getroffen. Außerdem will die Regierung den Banken bis zu 80 Milliarden Euro an Kapital zur Verfügung stellen, wenn diese sich an Regeln halten: Die Auflagen können die Managervergütung, die geschäftspolitische Strategie und die Kreditvergabe betreffen. In Ausnahmefällen sollen notleidende Unternehmen auch Papiere verkaufen können, die derzeit nicht gehandelt werden. Die Bundesregierung beschloss zudem, sich "mit Nachdruck" für eine rasche Änderung der Bilanzierungsvorschriften einzusetzen, damit diese noch für die Abschlüsse zum dritten Quartal 2008 wirken können. Davor hat die Regierung eine Garantieerklärung für alle privaten Spareinlagen abgegeben und für den Münchener Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate gebürgt. mas. Frankreich. Kredite für die Banken. Frankreich will zur Stützung seiner Banken eine neue staatliche Einrichtung schaffen, die den Geschäftsbanken Kredite gibt. Damit soll der Handel am Interbankenmarkt wieder in Gang kommen. Die neue Einrichtung soll über eine staatliche Garantie von 320 Milliarden Euro verfügen. Als Sicherheiten soll sie von den Banken Finanzprodukte akzeptieren, die die Europäische Zentralbank nicht anerkennt, beispielsweise Immobilienkredite oder Kredite an Unternehmen. Mit der Staatsgarantie soll die neue Einrichtung auf dem Markt Geld aufnehmen, um dies den Banken mit maximal fünf Jahren Laufzeit weiterzuleihen. Die Banken sollen diese Kredite zu Marktzinsen bedienen. Die Garantie gilt bis Ende 2009. Zudem ist der französische Staat bereit, sich am Kapital der Banken zu beteiligen. Dafür stellt Frankreich 40 Milliarden Euro zur Verfügung und gründet die Gesellschaft SPPE. Die Regierung hofft, dass sie der Plan weniger teuer kommt als der von Großbritannien. Bisher musste die Regierung nur bei der belgisch-französischen Bank Dexia mit einer Staatsgarantie und Kapital einspringen. Einige Banken haben schon signalisiert, dass sie kein staatliches Kapital brauchen. chs. Schweiz. Regierung hält sich zurück. Während die Schweizerische Nationalbank zum Wochenbeginn wieder einmal das Finanzsystem unterstützte, sieht die Schweizer Regierung für die einheimischen Banken keinen besonderen Handlungsbedarf. Die UBS war im vergangenen Jahr mit als Erste in die Krise geschlittert. Sie wird Jahre der Sanierung brauchen, aber sie konnte sich zumindest rechtzeitig mit frischem Kapital versorgen. Ihre Eigenkapitalquote von gut 11 Prozent (Tier 1) liegt heute relativ hoch. Dessen ungeachtet hat die Regierung in Bern dieser Tage durch Wirtschaftsministerin Doris Leuthard die Staatsgarantie für die beiden "systemrelevanten Institute" UBS und Credit Suisse allgemein bekräftigt. Zugleich bahnt sich eine Erhöhung der Eigenkapitalvorschriften an, und es wird über einen höheren Sparerschutz diskutiert. Mit 30000 Franken je Konto ist er relativ niedrig. du. Vereinigte Staaten. Beteiligungen an Banken möglich. Regierung und Kongress in den Vereinigten Staaten haben sich Anfang Oktober auf ein 700 Milliarden Dollar schweres Rettungspaket für das Finanzsystem verständigt. Vorangegangen waren einzelne Maßnahmen, die das Finanzministerium und die Notenbank Federal Reserve (Fed) ins Werk gesetzt hatten. Im März hatte die Fed durch einen Notfallkredit über 29 Milliarden Dollar den Zusammenbruch der Investmentbank Bear Stearns verhindert; im September folgte die Verstaatlichung der beiden staatlich geförderten Immobilienfinanzierer Freddie Mac und Fannie Mae. Kurz darauf wurde ein Rettungspaket für den Versicherungskonzern AIG geschnürt. Zu einem anfänglichen Kredit der Fed über 85 Milliarden Dollar sind inzwischen weitere 38 Milliarden Dollar hinzugekommen. Die Fed hat dafür rund 80 Prozent der Kapitalanteile von AIG übernommen. Finanzminister Henry Paulson hat seinen ursprünglichen Widerstand gegen Kapitalspritzen für Banken aufgegeben und prüft derzeit die Details einer staatlichen Beteiligung an Kreditinstituten. Die Regierung hält darüber hinaus an dem Plan fest, faule Kredite und problematische Wertpapiere von Banken und anderen Marktakteuren im Rahmen von Auktionen zu kaufen. Teil des Rettungspakets ist auch die vorübergehende Anhebung des Höchstbetrages für die Einlagensicherung von 100 000 auf 250 000 Dollar. Auch staatliche Ausfallbürgschaften gelten als möglich. ctg. Großbritannien. Umfassendes Rettungskonzept. Die britische Regierung hat nach intensiven Gesprächen mit Vorstandsvorsitzenden der britischen Großbanken, der Finanzaufsicht und der Bank von England ein Rettungskonzept ausgearbeitet, das sehr dem Modell ähnelt, das in der schwedischen Bankenkrise 1992 zum Einsatz kam. Premierminister Gordon Brown und Schatzkanzler Alistair Darling erkannten schnell, dass die Rettung einzelner Institute wie Northern Rock oder Bradford & Bingley und überstürzte Bankenübernahmen wie der Kauf von HBOS durch Lloyds TSB oder Alliance & Leicester durch Santander am Kern der Krise nichts änderten. Auch richtete eine Erhöhung der Einlagensicherung auf 50 000 Pfund nicht viel aus. Den Banken musste mit Kapital und Liquidität geholfen werden. Die Krise erforderte einen grundlegenden Ansatz, der sogar über das amerikanische Rettungsmodell hinausging. Die britische Regierung ging in dieser globalen Krise daher als Erste mit einem umfassenden Rettungskonzept voran, das nun von mehreren Staaten, auch Deutschland, in ähnlicher Weise angewendet wird: Die Banken müssen ihr Eigenkapital auf etwa 9 Prozent erhöhen. Sie können dies allein tun, müssen sonst aber den Staat um Kapital bitten. Der Staat bietet dieses Kapital gegen Vorzugsaktien oder Stammaktien an, erhält wie bei der RBS eine Beteiligung von 55 oder bei Lloyds TSB von 43 Prozent und verkauft diese Beteiligung mittelfristig wieder mit Gewinn. Die betroffenen Banken müssen die Dividendenzahlung aussetzen, bis die Vorzugsaktien zurückbezahlt wurden. Gleichzeitig ermöglicht eine Staatsgarantie von 250 Milliarden Pfund die mittelfristige Refinanzierung der Banken am freien Kapitalmarkt, und umfangreiche Liquiditätshilfe rettet die Banken über kurzfristige Liquiditätsengpässe hinweg. bes. Spanien. Hohe Reserven. Auch Spanien hat jetzt beschlossen, dem Bankensektor mit 100 Milliarden Euro unter die Arme zu greifen. Die Mittel sollen zum einen das ausgetrocknete Interbankengeschäft wieder in Gang setzen und zum anderen als Bürgschaften für Bankkredite an die Realwirtschaft dienen. Es sollen aber nur Kredite spanischer Banken an Unternehmen mit Sitz in Spanien gestützt werden. Damit reagiert die spanische Regierung unter Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero auf eine wachsende Kreditklemme spanischer Banken, deren Markt für Zwischenfinanzierungen annähernd ausgetrocknet ist. Somit stecken auch die spanischen Banken in der Klemme, obwohl sie in der ersten Runde der Finanzmarktkrise noch zu den Gewinnern gehörten: Sie hatten sich überwiegend vom amerikanischen Hypothekenmarkt ferngehalten und somit Fehlspekulationen vermieden. Das Hilfspaket bringt den spanischen Staat indes nicht in Verlegenheit: Durch eine höchst solide Finanzpolitik hat die Regierung den Schuldenstand unter die Marke von 40 Prozent des Bruttoinlandsproduktes gedrückt. Zwar muss auch Spanien mit einem starken Rückgang des Wirtschaftswachstums 2008 und 2009 oder gar mit einer Rezession rechnen. Doch die gesunden Staatsfinanzen bieten Spanien mehr als jedem anderen Land die Möglichkeit, unterstützend einzugreifen. pso. Irland. Garantie für alle Einlagen. Der irische Staat hat bisher kein komplettes Rettungskonzept vorgelegt, hat jedoch mit einer kompletten Staatsgarantie reagiert und damit zumindest die kurz- und mittelfristige Liquidität und Finanzierungskraft der sechs irischen Banken sichergestellt. Im Gegensatz zu dem bis Montag geltenden deutschen Plan, nur die Einlagen der privaten Sparer zu garantieren, kam Irland mit dem Vorstoß an den Markt, sofort die Einlagen von Privatpersonen und Unternehmen zu garantieren, aber auch sämtliche Verbindlichkeiten der Banken mit Ausnahme des Aktienkapitals. Diese Garantie bezog sich auf die Allied Irish Bank, Bank of Ireland, Anglo Irish Bank, Irish Life and Permanent und die Hypothekenbanken Irish Nationwider Building Society und Educational Building Society. Die Bürgschaft soll bis zum Jahr 2010 gelten, wenn sich die Krise hoffentlich gelegt hat. Mit der Staatsgarantie erreichte der irische Staat zweierlei: Erstens legte sich die Panik der Sparer und Unternehmen, und das Risiko wurde gebannt, dass möglicherweise Gelder abgezogen würden und damit die letzte Refinanzierungsmöglichkeit der Banken erodiert. Zweitens wurde dem Markt das Kontrahentenrisiko mit irischen Banken genommen. Ihre kurz- und mittelfristige Finanzierung am Markt war wieder möglich. Der irische Ansatz setzte allerdings nicht daran an, die irischen Banken mit höherem Kapital auszustatten. Zudem führte die einseitig ausgesprochene Staatsgarantie der Irischen Republik sofort zu Friktionen mit Großbritannien, da verängstigte Bankkunden begannen, ihre Liquidität auf irische Banken zu verlagern. Großbritannien musste sofort mit einer höheren Einlagensicherheit nachziehen, präsentierte danach aber ein umfassenderes Rettungsprogramm. bes. Österreich. Verbot von Leerverkäufen. Die österreichische Bundesregierung unterstützt Banken mit bis zu 100 Milliarden Euro. Von der Gesamtsumme sollen bis zu 85 Milliarden Euro auf staatliche Garantien entfallen. Bis zu 15 Milliarden Euro stehen zur Verfügung, wenn eine Stärkung des Eigenkapitals der Kreditinstitute notwendig werden sollte. Die Höhe dieses Pakets übersteigt die Einnahmen des österreichischen Bundeshaushalts 2008 um ein Drittel. Zudem gibt es eine Garantie für alle Einlagen natürlicher Personen sowie das Verbot von "Leerverkäufen", also das Veräußern von Aktien, die der Verkäufer selber nicht besitzt. Obwohl in Österreich die Geldhäuser dank ihrer Geschäfte in Osteuropa vergleichsweise gut dastehen, werden Verstaatlichungen nicht mehr ausgeschlossen. ela. Italien. Bisher keine Notfälle. Italiens Regierung garantiert bis Ende 2009 in unbegrenzter Höhe für neue Schuldtitel, die von Banken ausgegeben werden. Die Garantie für diese Papiere mit einer Laufzeit höchstens fünf Jahren, müssen die Banken bezahlen. Zuvor hatte die Regierung beschlossen, sich im Notfall an Banken zu beteiligen. Ministerpräsident Silvio Berlusconi vertritt jedoch die Meinung, dass die italienischen Banken besser aufgestellt seien als diejenigen in anderen Ländern. Tatsächlich gab es in italienischen Kreditinstituten bisher weder Verluste wegen Wertberichtigungen noch Liquiditätsprobleme. tp. Belgien, Luxemburg. Staatsgarantien für die Banken. In Belgien mussten mit Fortis und Dexia zwei der drei größten Banken des Landes vor dem Zusammenbruch bewahrt werden. In der vergangenen Woche sah sich die Regierung gezwungen, für alle Banken des Landes staatliche Garantien für Mittelaufnahmen bei anderen Banken und institutionellen Anlegern zu übernehmen. Außerdem soll die gesetzliche Einlagensicherung auf 100 000 Euro steigen. Auch Luxemburg ist grundsätzlich bereit, Garantien für die im Land ansässigen Banken zu geben, soweit sie von zentraler Bedeutung für das Großherzogtum sind. Dexia wurde mit einer Staatsgarantie von mehr als 6 Milliarden Euro geholfen. now. Niederlande. Bürgschaft über 200 Milliarden. Die Niederlande übernehmen eine staatliche Bürgschaft für Kredite zwischen den Banken in Höhe von 200 Milliarden Euro. Vergangene Woche wurde bereits ein Fonds von 20 Milliarden Euro eingerichtet, der Banken und Versicherungen aus finanziellen Schwierigkeiten befreien soll. Auf die Mittel zurückgreifen können Kreditinstitute, die "grundsätzlich gesund" sind. Außerdem soll die Zentralbank die wöchentlich beantragten Finanzmittel bis zum 20. Januar 2009 zu festen Bedingungen zur Verfügung stellen. Ziel ist es, Zahlungsfähigkeit und Kapitalausstattung der Banken zu stärken. Zuvor hatte der Staat für 16,8 Milliarden Euro die niederländischen Geschäfte des belgisch-niederländischen Fortis-Konzerns übernommen. now. FAZ 2008/10/14 Unter dem großen Schirm. kA Heike Göbel Wirtschaft Kommentar BRD Seite 13 Leitartikel Wirtschaft Unter dem großen Schirm. Von Heike Göbel. Das Rettungspaket löst die Bremsen für die Staatsverschuldung. Hier liegen die wahren Kosten. Im Konzert mit den europäischen Regierungen spannt nun auch die Bundesregierung den ganz großen Rettungsschirm für die Banken auf. Das rund 500 Milliarden Euro teure Paket beinhaltet im Wesentlichen befristete umfassende Garantien für den Interbankenhandel und die Möglichkeit, dass der Staat bedrängten Banken neues Eigenkapital zur Verfügung stellt, also Miteigentümer wird. Zusammen mit der schon ausgesprochenen Staatsgarantie für die privaten Einlagen sollten die neuen Maßnahmen geeignet sein, um das wechselseitige Vertrauen der Banken in die Zahlungsfähigkeit zu stärken und den stockenden Geldhandel wieder in Fluss zu bringen. Die Erfahrung mit früheren Finanzkrisen zeigt: Im Dreiklang aus staatlichen Garantien, Liquidität und Kapitalhilfen können die Schlüssel zu einer Lösung liegen. Die notwendigen Gesetze für eine Beruhigung der Finanzmärkte und das allmähliche Abflauen der Krise sind damit in Kürze wohl geschaffen, auch wenn sich die Bundesländer noch dagegen wehren, ihren Teil der Kosten zu übernehmen. Auf den ersten Freudentaumel der Börsen am Montag sollte man aber noch nicht zu viel geben: Ob die neuen Maßnahmen hinreichen, um das Finanzsystem schnell genug aus der Krise zu bringen, damit die Realwirtschaft einer bedrohlichen Kreditklemme entgeht, ist nicht gewiss. Denn der Staat sichert mit seiner Hilfe zunächst unterschiedslos schlechte und gute Geschäftsmodelle, schwarze und weiße Schafe im Markt. Beiden kauft er Zeit. Doch werden Vertrauen und Stabilität in den Finanzmarkt nicht zurückkehren, solange die Teilnehmer argwöhnen, der Staat erhalte auf Dauer auch nicht tragfähige Institute am Leben. Die immensen Garantien und Kapitalspritzen sind daher nur dann gerechtfertigt und sinnvoll, wenn sie streng befristet und konditioniert werden: Nur dadurch ergibt sich der notwendige Druck, Spreu und Weizen am Kreditmarkt tatsächlich voneinander zu trennen. Das kann bedeuten, einzelne Kreditinstitute abzuwickeln oder zu verkaufen. Der staatliche Schirm trägt im besten Fall dazu bei, dass sich dieser Prozess geordneter und überlegter vollzieht, als es unter den derzeitigen Bedingungen eines intransparenten Marktes möglich ist, auf dem nicht mehr unterschieden werden kann, wo gute und wo schlechte Risiken liegen. Die Gefahr ist freilich groß, dass die staatliche Intervention letztlich dazu verführt, den Markt nicht voll zu bereinigen. Dass der Staat unter Inkaufnahme erheblicher Wettbewerbsverzerrungen zu einem direkten Mitspieler in der privaten Bankwirtschaft wird, kann niemandem gefallen, der sich bewusst macht, wie eng Demokratie und Markt zusammenhängen: Kein demokratisches System kommt auf Dauer ohne freie private Märkte aus. Der Staatseingriff in den Finanzmarkt ist daher nur befristet und als Notlösung akzeptabel. Es gehört zu den Aufgaben der Politik, dem Markt einen Rahmen vorzugeben, in dem der Preismechanismus wirken kann. Schließlich ist der Preis der zentrale Informationsparameter für Anbieter und Nachfrager. Diese Finanzkrise ist das Ergebnis verzerrter Preissignale und damit falscher Risikoeinschätzung. Und zwar verursacht nicht allein durch mangelnden Willen zur Risikokontrolle in den Banken, sondern auch durch unzureichende Regulierung und politische Instrumentalisierung der Kreditwirtschaft. Laxe Regeln für die Kreditvergabe waren nicht nur in Amerika Bestandteile einer Verteilungspolitik, die jedermann zum (Haus-)Besitzer machen wollte. Die Finanzkrise hat diese Fehler schonungslos offengelegt. Es ist ein sehr teurer Lernprozess, der hier in Gang kommt. Die Kosten erschöpfen sich ja nicht in den nun gegebenen expliziten oder impliziten Staatsgarantien und Kapitaleinlagen. Gut möglich, dass davon gar nicht so viel in Anspruch genommen wird und der Staat sich später von seinen Anteilen an Kreditinstituten - gar mit Gewinn wie in Schweden - trennt. Die wahren Risiken und Kosten des Bankenschirms liegen darin, dass er die Bremsen für die Staatsverschuldung langfristig lockert. Schon am Montag hat die Bundeskanzlerin das Ziel, 2011 im Bund keine neuen Kredite mehr aufzunehmen, aufgegeben. Damit ist der Geist aus der Flasche. Von nun an wird das Schuldenmachen politisch wieder sehr viel einfacher. Mit dem Hinweis auf die große Bankenrettung werden auch andere ihre Subventionen einfordern. Zum ersten Testfall wird die Konjunktur. Sollte sich abzeichnen, dass die neue Herbstprognose richtig liegt mit der Erwartung einer Stagnation im kommenden Jahr, wird die Debatte über ein Konjunkturprogramm losbrechen. Es gilt vielen als natürliche Ergänzung des Bankenschirms. Schwer anzunehmen, die große Koalition sei im Wahljahr willens, sich dagegen zu sperren. Die Finanzkrise führt dazu, dass der starke Staat, der seine fiskalischen Instrumente kraftvoll nutzt, um wahlweise hier und dort einzugreifen, nun wieder in hellem Licht erscheint. Im Schatten liegen die großen Nachteile dieser Politik, die schwer vereinbar ist mit vertrauenerweckender Planbarkeit und Verlässlichkeit, auf der Wachstum und Wohlstand letztlich am besten gedeihen. FAZ 2008/10/14 Deutschland am Rande einer Rezession. Forschungsinstitute: Wirtschaftsleistung könnte 2009 sogar um 0,8 Prozent sinken. km./mmue./itz. Wirtschaft Bericht BRD Seite 13 kA Deutschland am Rande einer Rezession. Forschungsinstitute: Wirtschaftsleistung könnte 2009 sogar um 0,8 Prozent sinken. km./mmue./itz. BERLIN, 13. Oktober. Deutschland droht im kommenden Jahr eine Stagnation der Wirtschaft selbst dann, wenn die Folgen der Finanzkrise weitgehend abgemildert werden können. Sollte jedoch die Verunsicherung von Unternehmen und Konsumenten andauern und es zu einer Kreditklemme kommen, dann ist in Deutschland sogar mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts zu rechnen. Das geht aus dem Herbstgutachten der Forschungsinstitute hervor, das an diesem Dienstag in Berlin vorgestellt wird. "Im Herbst 2008 befindet sich die deutsche Wirtschaft am Rande einer Rezession", schreiben die Ökonomen der acht Institute, die das Gutachten erstellt haben. Die Volkswirte haben zwei Szenarien berechnet, weil die Unsicherheitsmarge dieses Mal besonders groß sei. In ihrem Basisszenario für 2009 unterstellen sie, dass sich die Produktion nach dem Jahreswechsel langsam wieder belebt, der Ölpreis von jetzt rund 80 wieder auf 100 Dollar je Barrel steigt und die Arbeitslosenquote sich mit 7,5 Prozent kaum verändert. In diesem Fall wird die deutsche Wirtschaft dennoch mit 0,2 Prozent kaum noch wachsen. In ihrem Risikoszenario für das kommende Jahr gehen die Forscher von gravierenden Folgen der Finanzkrise für die Gesamtwirtschaft aus. Die Forscher erwarten in diesem Fall eine Schrumpfung des Bruttoinlandsprodukts um 0,8 Prozent. "Damit geriete Deutschland in eine ausgeprägte Rezession, wie sie zum Beispiel nach den Ölpreisschocks in den siebziger Jahren und zu Beginn der achtziger Jahre zu beobachten war." Auch der private Konsum würde in diesem Fall zurückgehen, weil die Bürger aus Verunsicherung mehr sparten. Die Forscher rechnen in ihrem Risikoszenario damit, dass 2009 in einer Rezession fast 400 000 Arbeitsplätze verlorengehen würden und die Arbeitslosenquote um 0,8 Punkte auf 8,3 Prozent steigen würde. Die Institute schränkten zwar ein, dass sie das Risikoszenario "nach wie vor für weniger wahrscheinlich als ihre Basisprognose" hielten. Das Risiko, dass die ungünstigere Entwicklung eintreten werde, habe sich in den vergangenen Wochen aber vergrößert. Die Finanzmarktkrise und die Konjunkturschwäche treffen dabei das verarbeitende Gewerbe in Ostdeutschland nach Ansicht der Forscher weniger hart als in den alten Ländern. Zwar bleibe das gesamte Wirtschaftswachstum mit 1,3 Prozent hinter dem Westwert zurück, 2009 stagniere es sogar. Die Industrie lege aber stärker zu als im Westen und sei weniger anfällig für die Marktverwerfungen. Das sei der geringeren Abhängigkeit vom Weltmarkt geschuldet sowie der Ausrichtung auf das weniger krisengeschüttelte Osteuropa. Zudem stiegen die Lohnstückkosten langsamer als im Westen. Wie Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sieht auch Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) trotz der Finanzkrise noch keine Notwendigkeit für ein staatliches Konjunkturprogramm. Nach einem Gespräch mit den Spitzenverbänden der Wirtschaft plädierte Glos stattdessen für ein "Belastungsmoratorium". Der Minister wollte sich mit dem Treffen einen Überblick darüber verschaffen, wie sehr die Finanzkrise die Wirtschaft bereits infizierte. "Die deutsche Wirtschaft zeigt sich erfreulich resistent gegen die Wirkungen der Finanzkrise", sagte der Minister. Eine Kreditklemme gebe es bisher nicht. Diesen Befund bestätigte nach dem Gespräch auch Arbeitgeber-Präsident Dieter Hundt. Er appellierte an die Gewerkschaften, angesichts der Abschwächung der Konjunktur ihre Tarifforderungen zu reduzieren. Vor allem die IG Metall sollte nach Ansicht von Hundt ihre "überzogene Forderung" korrigieren, weil über der Autoindustrie dunkle Wolken aufgezogen seien. Am Donnerstag will die Regierung ihre Prognose für 2009 präsentieren. Aus Regierungskreisen ist zu hören, dass die frühere Prognose von 1,2 Prozent auf eine Zuwachsrate zwischen null und 0,5 Prozent gesenkt werden soll. FAZ 2008/10/14 Die Börsen feiern den Staatseingriff. Bedeutet das 500 Milliarden Euro teure Rettungspaket die Wende? "Vielleicht", lautet die Antwort auf dem Aktienmarkt, wo der Dax-Index um mehr als 11 Prozent zulegte. Die Anleger auf den Kreditmärkten wirken dagegen deutlich skeptischer, und der Geldhandel unter den Banken ist weiter gelähmt. ruh. Wirtschaft Bericht BRD Seite 13 kA Die Börsen feiern den Staatseingriff. Bedeutet das 500 Milliarden Euro teure Rettungspaket die Wende? "Vielleicht", lautet die Antwort auf dem Aktienmarkt, wo der Dax-Index um mehr als 11 Prozent zulegte. Die Anleger auf den Kreditmärkten wirken dagegen deutlich skeptischer, und der Geldhandel unter den Banken ist weiter gelähmt. ruh. FRANKFURT, 13. Oktober. An den Aktienbörsen haben die Anleger in aller Welt am Montag mit großer Erleichterung auf das Rettungspaket des deutschen Staates für die privaten Banken und die Aussicht auf weitere Hilfen in anderen Ländern reagiert. Der deutsche Aktienindex Dax legte 11,40 Prozent zu und erreichte zum Handelsschluss 5062 Punkte. In Amerika stiegen die Börsenindizes ebenfalls um mehr als 11 Prozent. Der Dow-Jones-Index der Standardwerte schloss mit einem Plus von 11,2 Prozent bei 9399 Punkte. Das sind zwar ungewöhnlich große Tagesgewinne, sie haben aber nur einen Teil der Verluste der Vorwoche ausgeglichen. Im Vergleich zum Jahresbeginn sind deutsche Aktien im Durchschnitt immer noch um knapp 40 Prozent gefallen. Besonders groß war das Aufatmen am Montag unter den Aktionären der großen Banken. Der Kurs der Hypo Real Estate, die nur dank einer staatlichen Garantie die vergangenen Tage überstanden hat, stieg um 40 Prozent. Titel der Commerzbank, bei der sich die Anleger vor allem um die Tochtergesellschaft Eurohypo sorgen, gewannen 15 Prozent an Wert. Der Aktienkurs der Deutschen Bank stieg um mehr als 12 Prozent. Für in Bedrängnis geratenen Banken stellt die Bundesregierung 80 Milliarden Euro zur Verfügung, um sie mit zusätzlichem Eigenkapital auszustatten. Außerdem garantiert der deutsche Staat für 400 Milliarden Euro an Verbindlichkeiten der Banken. Gestützt werden sollen auch der Pfandbriefmarkt und Geldmarktfonds, um die Finanzierungsquellen der Banken zu stabilisieren. Obendrein soll es den Banken schon vom dritten Quartal an erleichtert werden, verlustreiche Kreditgeschäfte zum Anschaffungswert und nicht - wie es die neuen Regeln für die Rechnungslegung vorschreiben - zum Marktwert zu bilanzieren. Das Rettungspaket beruhigte die Anleger auf den Aktienmärkten. Den Kern der Bankenkrise - das Misstrauen der Banken untereinander - hat es aber offenbar noch nicht erreicht. Die Sätze auf dem Geldmarkt entspannten sich nur geringfügig, berichteten Händler. Zwar wird Geld über Nacht wieder zu 3,77 Prozent, also in etwa zum Leitzins der Europäischen Zentralbank, verliehen. Aber bei Geschäften mit einer Laufzeit von drei Monaten, die für die Refinanzierung der Banken wichtig sind, werden immer noch hohe Risikoprämien verlangt und gezahlt. Nach der Veröffentlichung des Rettungspakets verringerte sich im Londoner Handel der Zinssatz für den Verleih von Euro-Beträgen nur geringfügig von 5,36 auf 5,29 Prozent. In einem völlig normalisierten Handel müsste dieser Zinssatz auf knapp 4 Prozent fallen. Bevor sich der Geldmarkt beruhige, müsste erst deutlich werden, welche Banken Hilfen in Anspruch nehmen werden und zu welchen Konditionen, sagten Händler. Bis das von den Vorständen der Banken geklärt sei, könnten noch einige Tage vergehen, berichteten Händler. Auch die Risikoprämien für Unternehmensanleihen haben kaum reagiert, berichtet Uwe Burkert, Anleiheexperte der Landesbank Baden-Württemberg. Die Risikoprämien hätten sich nur für Anleihen der Banken spürbar verringert. Schuldtitel anderer Branchen seien kaum im Kurs gestiegen. "Die Anleger wollen zunächst sehen, ob das Rettungspaket eine Kreditklemme abwenden kann." Die Furcht vor einer solchen Verknappung der Kreditversorgung und die Suche nach sicheren Anlagen waren in der vergangenen Woche Gründe für große Kursgewinne der Staatsanleihen, was die Renditen zehnjähriger Bundesanleihen auf 3,7 Prozent drückte. Am Montag verlor die Spekulation auf eine Rezession an Attraktivität. Die Kurse der Staatsanleihen gaben nach, und die langfristige Anlagerendite stieg in einer kräftigen Bewegung wieder auf mehr als 4 Prozent. Auch die Preise für andere Anlagen, die in der Finanzkrise als sichere Zuflucht bevorzugt sind, gerieten am Montag unter Verkaufsdruck. Die Feinunze (31,1 Gramm) Gold wurde mit 830 Dollar gehandelt, 4,5 Prozent günstiger als am Freitag. Der Außenwert des Euro, der sich während der jüngsten Verschärfung der Finanzkrise stark verringert hatte, erholte sich am Montag. Die nachlassende Spekulation auf einen langen Abschwung in Europa lockte neue Käufer an. Der Euro wurde im späten europäischen Geschäft mit 1,3527 Dollar gehandelt. FAZ 2008/10/14 Ein Brite auf der Weltbühne. Krisenmanager I: Brown nutzt seine neue Rolle. Johannes Leithäuser Politik Bericht GB Seite 3 kA Ein Brite auf der Weltbühne. Krisenmanager I: Brown nutzt seine neue Rolle. Von Johannes Leithäuser. LONDON, 13. Oktober. Gordon Brown hat am Montagmorgen einen sorgfältig improvisierten Besuch auf dem Schlachtfeld des tobenden Kapitalvernichtungskrieges gemacht - mit einem stolzen Siegerlächeln auf den Lippen. "Europa folgt Browns Rettungsplan", lautete eine der Schlagzeilen, die den Premierminister auf seinem Weg nach Canary Wharf begleiteten, in die Hochhaus-Heimat des britischen Finanzwesens. Dorthin hatte er sich kurzfristig eingeladen, um seine Vision einer künftigen Finanz-Friedensordnung vorzutragen. Ein "neues Bretton Woods" nannte Brown das in seinem Vortrag im Hauptquartier der Nachrichtenagentur Reuters, deren steinerner Rundbau im Herzen des neuen Bankenviertels erst vor einem Monat das Motiv zahlloser Fernsehbilder war: Das Haus trägt auf der Höhe des ersten Stockwerks ein digitales Leuchtband, auf dem in ewiger Folge leuchtend orangefarbene Börsenkurse mit ihren Plus- oder Minusszeichen ziehen, es steht direkt neben dem Büroturm, der bis vor einigen Wochen den Londoner Sitz der zusammengebrochenen Investmentbank Lehman Brothers beherbergte. Das Reuterssche Kursband bot damals die passende Kulisse für den Lehman-Sturz, jetzt gewährte Reuters dem Retter Brown ein Willkommen. Ob die Finanzkrise vielleicht "Browns Falkland-Krieg" sei (jener Kampfeinsatz im Südatlantik, mit dem einst Margaret Thatcher eine Wahlniederlage abwehrte), fragten sich einige englische Blätter am Wochenende. Brown selber plagen bei dieser Frage keine Zweifel: Er erschien überraschend auf Bühnen, die er in jüngster Vergangenheit noch gerne gemieden hätte, um nun dort sein Publikum zu beeindrucken. Am Samstagabend trat er unvermittelt auf dem bedeutendsten britischen Literaturfestival in Cheltenham auf. Als rechtfertigenden Anlass nutzte er die Präsentation seines Buches über britische Helden des Zweiten Weltkrieges: "Mut in Kriegszeiten", das acht tapfere Soldatenschicksale vereint. Als das Werk im November vergangenen Jahres im Vorabdruck verbreitet wurde, fand es kaum öffentliche Resonanz, nun aber kann der Autor es als trojanisches Vehikel für seine eigene Offensive nutzen. Brown will als regulierender Heiler des leidenden Finanzmarktes verstanden werden: Der Forderung, dem aktuellen Marktversagen mit neuen Regeln zu begegnen, folgen stets die grundsätzlichen Bekenntnisse zum Segen der Freiheit und der Marktwirtschaft - schon um der Zukunft des Finanzplatzes London willen, aber auch als Reverenz gegenüber dessen Grundsatzwerten. Risikobereitschaft und Offenheit hätten Großbritannien groß gemacht, Zusammenhalt, Ausdauer und Entschlossenheit blieben das Kennzeichen der britischen Nation. Die zweite Bühne suchte sich Brown am Sonntag in Europa. Früh flog er nach Paris, um zuerst alleine mit dem derzeitigen EU-Ratspräsidenten Sarkozy zu reden; in London wurde verbreitet, es seien dem französischen Staatschef sämtliche Elemente des britischen Aktionsplans zur Kapitalmarktrettung erläutert worden. Anschließend blieb Brown in Paris, als die Regierungschefs der Euro-Währungszone bei Sarkozy eintrafen, und nahm an deren Krisengipfel teil. Dass auf dem Verkündungszettel des Not-Treffens am Ende jene Maßnahmen zur Bankenrettung und Kreditverflüssigung standen, die in London schon drei Tage zuvor als Regierungsplan bekanntgemacht worden waren, verpackte Brown am Montag bescheiden in den Satz: "Ich begrüße außerordentlich die Tatkraft der Präsidenten Sarkozy, Barroso und Trichet, eine Einigung der Euro-Länder in den Fragen der Bankenhilfe erreicht zu haben." Brown plauderte sogleich weiter aus, er habe nach seiner Rückkehr aus Paris "mit Präsident Bush gesprochen" über gemeinsame künftige Aktionswege "unserer beiden Kontinente". So sprach ein Premierminister, der sich nicht bloß zu Hause durch seine Rolle als Krisenmanager besser bewertet sieht, sondern der sich auch in der Lage fühlt, die ganze Welt vor künftigen Finanzschäden zu bewahren. Schon vor zehn Jahren habe er in einem Vortrag an der Harvard-Universität dringend die Erneuerung des weltweiten Finanzsystems angemahnt, das überall geltende Regeln und stärkere Kontrolle brauche. So wie Roosevelt und Churchill noch im Weltkrieg über die Friedensordnung nachgedacht und die Kapitalmarktregeln von Bretton Woods eingeführt hätten, so "müssen wir mit derselben Tatkraft und Weitsicht" die Reform des Weltfinanzsystems betreiben, sagte Brown. Er bedauerte, dass seinen ersten dringenden Reformappellen vor einem Jahrzehnt keine Taten gefolgt seien. Und mit einer Stimme, die nicht besonders selbstgefällig klingen wollte, fügte Brown hinzu: "Manchmal braucht es eben eine Krise, damit die Leute zustimmen, dass das Offenkundige, das vor Jahren hätte erledigt werden sollen, nicht länger aufgeschoben werden kann." FAZ 2008/10/14 Mit einem Joker gegen Berlin. Krisenmanager II: Sarkozy regiert Europa. Premierminister Brown wurde zum Euro-Gipfel hinzugebeten wie ein begehrter Schwiegersohn. Michaela Wiegel Politik Bericht Frankreich Seite 3 kA Mit einem Joker gegen Berlin. Krisenmanager II: Sarkozy regiert Europa. Premierminister Brown wurde zum Euro-Gipfel hinzugebeten wie ein begehrter Schwiegersohn. Von Michaela Wiegel. PARIS, 13. Oktober. Kurz nach Nicolas Sarkozys spektakulärem Krisenmanagement im Kaukasus hat Frankreichs umtriebiger Präsident schon wieder die Führung an sich gerissen. Gegen die Finanzturbulenzen hat er gemeinsam mit dem britischen Premierminister Gordon Brown eine Rettungsfront im Euroland aufgebaut, die ihresgleichen sucht. Der luxemburgische Ministerpräsident Jean-Claude Juncker, der nicht zu den spontanen Bewunderern des Franzosen zählt, zollte dem amtierenden EU-Ratspräsidenten Lob: "Nie zuvor wurde Europa mit so viel Intensität regiert." Der Agentur Reuters gegenüber wollte Juncker, der die Eurogruppe leitet, sogar nicht verneinen, dass die Ergebnisse des Euro-Gipfels am Sonntag in Paris mit der Arbeit einer europäischen Wirtschaftsregierung verglichen werden könnten. "Wir haben keine Wirtschaftsregierung im französischen Sinne, aber ich sehe keinen Unterschied zwischen dem, was Frankreich wünscht, und dem, was wir machen", sagte Juncker. Zu Bestform als Krisenmanager ist Sarkozy dabei aufgelaufen, als der Widerstand am größten und die Lage am aussichtslosesten erschien. So jedenfalls wurde die Situation im Elysée-Palast nach dem verpatzten Gipfeltreffen der vier europäischen G-7-Länder vor einer Woche wahrgenommen. Bundeskanzlerin Merkel hatte dem Staatspräsidenten ein "Nein" entgegengehalten, das in den Ohren der Präsidentenberater nachhallt wie einst die "I want my money back"-Forderung Margaret Thatchers. Die Märkte indes wurden immer nervöser, die Lage wurde immer brenzliger, was die schon zum dritten Mal ins Präsidentenbüro einberufenen französischen Großbankenchefs Sarkozy bestätigten. In der Not raufte sich Sarkozy gar mit dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank, seinem Landsmann Jean-Claude Trichet, zusammen. Seit Sarkozys erstem Kabinettsposten im Budgetministerium - Trichet war damals französischer Notenbankchef - verbindet die beiden Männer heftige Abneigung. Noch vor kurzem hatte Sarkozy den EZB-Präsidenten "des Autismus" bezichtigt. Doch in der Krise rückten sie zusammen, Trichet unterstützte vorbehaltlos den Vorstoß Sarkozys, einen europäischen Krisenplan zu erarbeiten. Sarkozy besänftigte Zapatero, den spanischen Ministerpräsidenten, der vom G-4-Gipfel ausgeschlossen und darob beleidigt war. Der Spanier erhielt eine Privataudienz und strahlte entsprechend auf den Stufen des Elysée-Palastes. Blieben die Bundeskanzlerin und ihre Berater, über die der Präsident noch am Samstag witzelte: "Die machen mir schwer zu schaffen." Dann fügte der des Deutschen nicht mächtige Sarkozy hinzu: "Groß, groß Problem." Ausgerechnet der britische Premierminister Brown, der als Schatzkanzler Blairs Euro-Einführungspläne vereitelt hatte, sollte Bewegung in den festgefahrenen deutsch-französischen Dialog bringen. Browns Plädoyer für eine "gesamteuropäische Lösung" setzte die Bundesregierung unter Druck. Sarkozy tat alles, den Joker Brown gegen Berlin auszuspielen. Brown wurde zum Euro-Gipfel hinzugebeten wie ein begehrter Schwiegersohn, der um die Hand Europas anhalten soll. Sarkozys Berater werben seit langem für einen "ménage à trois" mit Großbritannien, um den deutschen Einfluss in der EU zu verringern. Auch die Idee eines Euro-Gipfels ist so alt wie Sarkozys Wahlkampfreden. Damals verlangte er, die Staats- und Regierungschefs der 15 Euro-Länder zusammenzutrommeln, um gegen die Dollar-Schwäche einen gemeinsamen Kurs zu vereinbaren. Doch legte Sarkozy, einmal gewählt, das Vorhaben auf Eis, mit Rücksicht auf Berlin. "Wenn ich die EU-Ratspräsidentschaft torpedieren will, dann brauche ich nur eine Initiative zum Euro, zur EZB und zu einer europäischen Wirtschaftsregierung zu ergreifen", sagte er im Mai, als er die französische Ratspräsidentschaft vorbereitete. Die Finanzkrise hat ihn schneller als erwartet darauf zurückkommen lassen. Dominique Strauss-Kahn, der sozialistische Generaldirektor des Internationalen Währungsfonds, applaudierte dazu im Radio am Montag besonders laut. Strauss-Kahn war es gewesen, der 1997 als französischer Finanzminister die Gründung der Eurogruppe (damals: Eurokomitee) durchsetzte - gegen starke Bedenken der Bundesregierung. FAZ 2008/10/14 Der Sozialismus der Reichen. kA kA Politik Zitat global Seite 2 Stimmen der Anderen Der Sozialismus der Reichen. Zur internationalen Finanzkrise lesen wir in der Tageszeitung "El País" (Madrid): "Gesagt hat es der Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF): Von nun an müssen die Finanzsysteme, vor allem jene, die die Weltwirtschaft an den Rand des Desasters gebracht haben, stärker reguliert und überwacht werden. Die Steuerzahler in allen betroffenen Ländern haben guten Grund, skeptisch zu sein angesichts dieser Art von Sozialismus der Reichen, in den sich die Therapien zur Stützung des globalen Finanzsystems verwandelt haben. Aber es gibt keine andere Medizin, als zu stützen. Die Untätigkeit als Alternative wäre für alle weitaus kostspieliger. Wichtig ist nun . . ., dass auch diejenigen bezahlen, die für den Untergang mitverantwortlich sind." FAZ 2008/10/14 Eine Frage der Auslegung: Steinbrück und die Finanzkrise. kA kA Politik Zitat BRD Seite 2 kA Eine Frage der Auslegung: Steinbrück und die Finanzkrise. "Ich warne ausdrücklich davor, in jedem Durchsacken des Dax im Verlauf eines einzigen Handelstages das untrügliche Vorzeichen des Beginns einer ausgeprägten Rezession in Deutschland zu sehen." 15. Februar im Bundestag "Wir sind da noch längst nicht raus. Allerdings hat das Krisenmanagement bisher in vielen Fällen gut funktioniert." 20. Juli in der Zeitung "Welt am Sonntag" auf die Frage, ob er trotz der Finanzkrise guten Gewissens in Urlaub fahren könne "Eine Wirtschaft mit einer positiven Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt ist nicht in einer Rezession." 16. September im Bundestag "Die ernste globale Finanzmarktkrise wird tiefe Spuren hinterlassen. Sie wird das Weltfinanzsystem tiefgreifend umwälzen." 25. September im Bundestag "Bisher sehe ich einen Bedarf für staatliche Übernahmen in Deutschland nicht, weil der deutsche Bankensektor zwar schlimm genug, aber bisher weniger stark von der Finanzkrise betroffen ist." 9. Oktober in der Tageszeitung "Handelsblatt" "Wann ist die Finanzmarktkrise zu Ende? Ich weiß es selber nicht." 10. Oktober in Washington "Unser Etatziel eines ausgeglichenen Haushalts verlieren wir nicht aus den Augen - auch wenn es jetzt länger dauern dürfte." 13. Oktober in der "Bild"-Zeitung "Kein Sparer muss Angst haben, dass er wegen der Krise auch nur einen Euro verliert. In Deutschland haben wir mit das beste und sicherste Einlagensicherungssystem weltweit." 13. Oktober in der "Bild"-Zeitung "Es ist Gefahr im Verzug." 13. Oktober in Berlin zu der Lage an den Finanzmärkten. FAZ 2008/10/14 Die Schulden heißen Sondervermögen. Die Finanzkrise macht es möglich: In kürzester Zeit werden horrende Summen aufgebracht und ein heikles Gesetz durchgepeitscht. Manfred Schäfers Politik Bericht BRD Seite 2 kA Die Schulden heißen Sondervermögen. Die Finanzkrise macht es möglich: In kürzester Zeit werden horrende Summen aufgebracht und ein heikles Gesetz durchgepeitscht. Von Manfred Schäfers. BERLIN, 13. Oktober. Die Kosten des Bankenrettungsplans sprengen den normalen Haushaltsrahmen. Der Bund übernimmt eine Garantie für Bankgeschäfte von 400 Milliarden Euro. Um diese erfüllen zu können, soll er 20 Milliarden Euro für Kredite aufnehmen können. Das bedeutet, dass die Bundesregierung ein Ausfallrisiko von fünf Prozent zugrunde legt. Da es praktisch keine Vergleichswerte gibt, auf die man zurückgreifen könnte, ist das eine heikle Schätzung. Im Falle höherer Ausfälle müssten später wohl weitere Schulden aufgenommen werden. Zudem übernimmt der Bund Anteile an Kreditinstituten im Gesamtwert von bis zu 70 Milliarden Euro, um den Banken frische Mittel zu verschaffen, damit sie ihrerseits wieder Kredite vergeben. Weitere zehn Milliarden könnte der Bund drauflegen, wenn der Haushaltsausschuss dem zustimmt. Alles in allem kann sich der Bund nach dem Gesetzentwurf also um bis zu 100 Milliarden Euro zusätzlich verschulden - das ist fast das Zehnfache der für das Jahr 2009 vorgesehenen Nettokreditaufnahme. Selbst ohne die Garantieerklärung von Bundeskanzlerin Merkel (CDU) und Finanzminister Steinbrück (SPD) für die Einlagen der Sparer, die sicher über eine Billion Euro geht, lässt sich dies nicht mehr in den Bundeshaushalt 2009 pressen. Deswegen hat man sich dafür etwas Besonderes einfallen lassen: Man schafft dafür ein nicht rechtsfähiges Sondervermögen, eine Art Nebenhaushalt. Der Name täuscht, da dahinter zunächst weniger Vermögen als Verschuldung steht. Der Fonds, der die Lasten aus der Bankenkrise tragen soll, erinnert an den sogenannten Erblastentilgungsfonds. Dieser übernahm Mitte der neunziger Jahre die Schulden der untergegangenen DDR aus der Wendezeit, die Verbindlichkeiten der zur Privatisierung der Staatsbetriebe eingerichteten Treuhandanstalt und andere Lasten aus der Wiedervereinigung. Der Gesamtbetrag der so gebündelten Verbindlichkeiten belief sich auf etwa 181 Milliarden Euro. Außerdem gab es noch den Fonds Deutsche Einheit. Daraus erhielten die neuen Länder Geld, bis sie in den Länderfinanzausgleich integriert worden sind. Mit Schulden von knapp 40 Milliarden Euro ist er jedoch deutlich kleiner gewesen als der Erblastentilgungsfonds. Während der Fonds Deutsche Einheit später im Bundeshaushalt aufging, läuft der Erblastentilgungsfonds weiterhin nebenher. In einer Generation sollte diese Altlast der DDR abgetragen werden. Zur Tilgung fließt Geld aus dem Bundeshaushalt, zudem überweist die Bundesbank den Teil aus ihrem Jahresgewinn an den Fonds, der 3,5 Milliarden Euro übersteigt. Je niedriger die Zinsen liegen, um so höher fällt jeweils die Tilgung aus - und umgekehrt. Das niedrige Zinsniveau der vergangenen Jahre sorgte für eine höhere Tilgungen als angenommen. 2011 sollen die Schulden dieses Fonds getilgt sein. Grundsätzlich wird der Bankenlastenfonds mit dem schönen Namen Finanzmarktstabilisierungsfonds ähnlich aufgebaut sein. Auch er wird neben dem Bundeshaushalt geführt. Gemessen am Ausgabenrahmen, ist er etwa halb so groß wie sein Vorläufer, gemessen an dem Garantieelement, ist er sogar mehr als doppelt so schwer. Jeder Spezialfonds widerspricht dem Prinzip, wonach der Bundeshaushalt vollständig zu sein hat. Doch verlangt die Krise Ausnahmen. Zudem hat die Konstruktion den Vorteil, dass im Schatten der speziellen Lasten nicht die allgemeinen Haushaltsziele untergehen können. "Unter zwei Übeln ist der Fonds die beste Möglichkeit, da er die transparenteste und haushaltsverträglichste Lösung ist", sagt der haushaltspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Kampeter. Im besten Fall würden die Steuerzahler gar nicht oder nur gering belastet. Dividendenabtretungen, Gebühren und Verwertungserlöse sorgten später für Einnahmen. Da es sich um einen völlig eigenständigen Haushalt handele, trage er auch seine Zinslast selbst. "Die wesentliche Bedrohung für den Bundeshaushalt kommt aus dem realwirtschaftlichen Dämpfungseffekt", sagt der CDU-Politiker. Die Frage, wie sich die Finanzmarktkrise auf den Bundeshaushalt 2009 auswirken wird, ist nicht abschließend zu beantworten. Bisher sind Ausgaben von etwas mehr als 288 Milliarden Euro vorgesehen. Die Regierung plante im Sommer mit einer Neuverschuldung von 10,5 Milliarden Euro. Die Haushaltspolitiker wollten sogar einen einstelligen Milliardenbetrag erreichen. Die Kosten der Rekapitalisierung der Banken belastet zwar den Haushalt nicht unmittelbar, aber dieser wird die Folgen der Krise zu tragen haben. Wenn Wachstum wegbricht, fehlen erwartete Steuereinnahmen, auch wenn sie derzeit noch über Plan liegen. Derzeit gilt es als wahrscheinlichstes Szenario, dass das Wachstum um einen Prozentpunkt schwächer als unterstellt ausfallen dürfte. Allein das dürfte den Bundeshaushalt mit fünf Milliarden Euro belasten. FAZ 2008/10/15 Washington beteiligt sich an vielen Banken. kA ctg. Politik Meldung USA Seite 1 kA Washington beteiligt sich an vielen Banken. ctg. WASHINGTON, 14. Oktober. Die amerikanische Regierung beteiligt sich in großem Umfang an amerikanischen Banken. Dafür sollen 250 Milliarden Dollar ausgegeben werden, teilte Finanzminister Paulson am Dienstag mit. Mit den Investitionen durch die Regierung, gegen die sich Banken und Sparkassen faktisch kaum wehren können, sind Auflagen für Manager verknüpft. Der amerikanische Plan zum Aufkauf von Kreditausfällen läuft dabei weiter. Washington hofft, durch die Kapitalinvestitionen die Finanzkrise in den Griff zu bekommen. Paulson erläuterte, die Regierung werde in die führenden Banken des Landes ebenso investieren wie in regionale Spar- und Darlehenskassen. Im Gegenzug werde sie stimmrechtslose Vorzugsaktien und Aktienoptionen erhalten, um an späteren Gewinnen der Institute beteiligt zu sein. "Wir hätten nie gedacht, dass wir diesen Schritt unternehmen müssen", sagte Paulson. Wie es heißt, machte er den Bankvorständen am Montag deutlich, dass sie keine andere Wahl hätten, als die Beteiligung zu ermöglichen, obwohl das formal freiwillig ist. FAZ 2008/10/15 Die CSU am Katzentisch. Die Entscheidungen in der Finanzkrise traf die Kanzlerin mit der SPD, die CSU informierte sie. Nun hat Bayern Bedenken gegen die Länderbeteiligung. Günter Bannas; Wulf Schmiese Politik Bericht BRD Seite 3 kA Die CSU am Katzentisch. Die Entscheidungen in der Finanzkrise traf die Kanzlerin mit der SPD, die CSU informierte sie. Nun hat Bayern Bedenken gegen die Länderbeteiligung. Von Günter Bannas und Wulf Schmiese. BERLIN, 14. Oktober. Der bayerische Finanzminister Huber, der formal die CSU noch führt, klang zufrieden, als er am Dienstag den Rückflug von Berlin nach München antrat. Denn das Treffen seiner Kollegen aus den anderen 15 Ländern mit Bundesfinanzminister Steinbrück war ohne Ergebnis geendet. Die Länder seien sich einig darin, dass sie dem Rettungsplan der Bundesregierung so nicht zustimmen wollten. Die Stimmung sei "ziemlich giftig" gewesen, berichtete Huber. Steinbrück habe "aggressiv" reagiert und die Landesminister "abwehrend". Huber fasste zusammen: "Das Treffen endete eisig." Es kennzeichnet abermals das gespannte Verhältnis zwischen der Bundesregierung und der sie - überaus grundsätzlich - tragenden CSU, dass die kritischsten Stimmen zum Finanzmarktrettungspaket der großen Koalition aus Bayern kamen. Huber, sein designierter Nachfolger und künftige Ministerpräsident des Freistaates, Seehofer, sowie der CSU-Landesgruppenvorsitzende Ramsauer meldeten Vorbehalte und Gesprächsbedarf an, kaum dass sich die restliche Führung der großen Koalition auf den 500 Milliarden Euro umfassenden Rettungsschirm verständigt hatten. Vor allem und vordergründig ging es ihnen um die von der Bundesregierung in ihrem Gesetzentwurf vorgesehene Kostenbeteiligung der Bundesländer. Durch die Interventionen der drei CSU-Politiker wurde zugleich jedoch die derzeitige Schwäche der CSU dokumentiert. Die zentralen Absprachen in der großen Koalition waren zwischen den Spitzen von CDU und SPD vereinbart worden - der Bundeskanzlerin Angela Merkel, Finanzminister Steinbrück und dem kommissarischen SPD-Vorsitzenden Steinmeier. Bei deren spätabendlicher Beratung am Sonntag war die CSU nicht beteiligt. Der Sitzung des Bundeskabinetts am Montag war Seehofer ferngeblieben, er hatte in München zu tun. Im Kanzleramt hieß es am Dienstag, es sei zurzeit schwer zu erkennen, wer in Fragen der Finanzmarktkrise der richtige Ansprechpartner beim Koalitionspartner CSU sei. Huber nähme sich zurück als Parteivorsitzender, Seehofer hätte noch anderes zu regeln. Wohl aber sei Bundeswirtschaftsminister Michael Glos "als einer der Ersten" über die geplanten Maßnahmen unterrichtet worden. Vage wurde versichert, Mitarbeiter seines Hauses hätten auch zugearbeitet. Doch im Wesentlichen, das wurde nicht bestritten, sei das Rettungspaket ein gemeinsames Werk von der Bundeskanzlerin und dem Bundesfinanzminister - also von CDU und SPD und weniger der CSU. Der Vorsitzende der CSU-Landesgruppe Ramsauer gab sich am Dienstag so, als könne er keine Ausgrenzung seiner Partei erkennen. "Die Bundeskanzlerin telefoniert regelmäßig mit beiden Bundesministern der CSU, und sie telefoniert auch mit mir", sagte er. "Ich fühle mich gut informiert." Für die CSU-Führung kann das nicht gelten, denn dort gab es durchaus Erstaunen über allerlei Auftritte des "nationalen Rettungsteams", wie es einer nannte, bestehend aus der Kanzlerin und den SPD-Ministern Steinbrück und Steinmeier - doch ohne Glos oder andere CSU-Politiker. Stattdessen wird die CSU wahrgenommen als Mahnerin und schärfste Kritikerin der Pläne. Außerdem scheint die CSU ganz konzentriert auf ihren Kampf gegen die geplante Erbschaftsteuerreform. Während CDU und SPD ein 500-Milliarden-Euro-Paket schnüren, arbeitet der kleinste Koalitionspartner sich an der vier Milliarden Euro umfassenden Erbschaftsteuer ab. Ramsauer sagte am Dienstag, beides hänge zusammen. In Zeiten der Finanzkrise dürften die Menschen nicht auch noch um zusätzliche Belastung durch Erbschaftsteuer fürchten, die Arbeitsplätze im Mittelstand vernichten könne. Während der Sitzung mit Steinbrück und den Landesfinanzministern tat sich Huber damit hervor, so wurde berichtet, "additive Belastungen" für die Länder durch das Rettungspaket abzulehnen. Auch andere Unionsminister, etwa der Niedersachse Möllring, hätten sich mit Steinbrück angelegt. Auf zwei Feldern der Regierungsvorhaben sind die Bundesländer vom Entwurf eines "Finanzmarktstabilisierungsgesetzes" betroffen. Zum einen ist bei den Schritten, die das Bundesfinanzministerium per Rechtsverordnung erwägen kann, jeweils festgehalten, dass diese der Zustimmung des Bundesrates nicht bedürften. Schon hat der baden-württembergische Ministerpräsident Oettinger Widerspruch eingelegt. Der CDU-Politiker hat darauf verwiesen, dass der Bund einerseits die Länder an den möglichen Kosten zur Stabilisierung des Finanzsystems in Höhe von 35 Prozent beteiligen, zugleich aber deren Mitwirkungsrechte beschneiden wolle. Ein "So kann man nicht wetten", sandte Oettinger aus Stuttgart nach Berlin. Zum anderen sind in dem Gesetzentwurf spezielle Regeln für die Landesbanken oder andere Finanzeinrichtungen der Länder festgehalten. Sollte der unter der Treuhandschaft der Bundesbank operierende Stabilisierungsfonds deren Kosten übernehmen, heißt es in dem Entwurf, müssten die jeweiligen Bundesländer die "hieraus resultierenden finanziellen Lasten" tragen. Ergo: Nordrhein-Westfalen müsste mögliche Kosten der West LB tragen und Bayern die der dortigen Landesbank. Schon zu Zeiten des Ministerpräsidenten Stoiber (CSU) gab es eine spezielle Beziehung zwischen Bayern und Nordrhein-Westfalen. Gemeinsame Interessen gibt es auch. Entsprechend wurden auch jetzt Bedenken in Düsseldorf geäußert. Zwar versicherte Ministerpräsident Rüttgers (CDU) am Dienstag im Landtag grundsätzlich, das "Gesamtpaket" der Bundesregierung sei "gut und richtig". Doch fügte er an: "Über die Haftung der Länder muss noch gesprochen werden. Wir wollen nicht zweimal zahlen müssen." Damit verwies er darauf, dass Nordrhein-Westfalen schon zu Jahresbeginn mit fünf Milliarden Euro für die West LB gebürgt hatte, als diese in Schwierigkeiten geraten war, wie in den vergangenen Wochen nun auch andere Kreditinstitute. So ist das auch in Bayern, wo der Freistaat mit 2,4 Milliarden Euro für die Bayern LB gebürgt hatte. Kleinere Bundesländer signalisierten rasch Zustimmung. Sie hängen stärker als die großen am Tropf des Bundes und können sich - wie Bremen, das Saarland oder Berlin - Widerspruch kaum leisten. Also hat sogar der Berliner Wirtschaftssenator Wolf von der Linkspartei schon am Dienstag Zustimmung angekündigt: "Ich glaube, dass es keine Möglichkeit gibt für Länder, sich jetzt gänzlich diesem Rettungspaket zu verweigern, das dringend notwendig ist, um einen Flächenbrand im Bankensystem zu verhindern." Zustimmung gab es auch aus Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Möglichen und tatsächlichen Beschwerden aus den Ländern war Steinbrück vorsorglich schon mit dem Vorhalt begegnet, in dem er die Stabilität der Finanzmärkte als ein "öffentliches Gut" klassifizierte. Am kommenden Donnerstag will Frau Merkel mit den Ministerpräsidenten in dem Sinne reden, dass in dem parlamentarischen Eilverfahren die erforderliche Zustimmung des Bundesrates am Freitag garantiert sei. Aus der Einladung der Bundeskanzlerin wird in Bayern auf die Kompromissbereitschsaft der Bundesregierung geschlossen.b es eine spezielle Beziehung zwischen Bayern und Nordrhein-Westfalen. FAZ 2008/10/15 Fluch und Segen. Die Finanzkrise erreichte Sachsen früh - zum Glück. reb. Politik Bericht BRD Seite 3 kA Fluch und Segen. Die Finanzkrise erreichte Sachsen früh - zum Glück. DRESDEN, 14. Oktober. Seit seinem Amtsantritt vor vier Monaten beginnt der sächsische Finanzminister Georg Unland (parteilos) jeden Arbeitstag mit einer Abfrage. Pünktlich um acht Uhr lässt er sich von Mitarbeitern über den Stand jener amerikanischen Hypotheken-Papiere berichten, die im Sommer vergangenen Jahres die Sächsische Landesbank (Sachsen LB) so in Bedrängnis brachten, dass das Institut nur durch eine konzertierte Aktion vor dem Zusammenbruch gerettet werden konnte. Zwar verkaufte Sachsen die Bank schließlich an die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), doch muss der Freistaat für ein Haftungsrisiko von 2,75 Milliarden Euro einstehen. "Bis heute ist noch nichts ausgefallen", sagt Unland. "Aber ich muss hart am Thema bleiben." Mit dem Debakel der Düsseldorfer Bank IKB und dem Sachsen LB-Desaster schwappte die amerikanische Immobilienkrise vor mehr als einem Jahr auf Deutschland über. Unter dem Eindruck der mittlerweile internationalen Finanzkrise meinen manche, Sachsen habe im Grunde Glück gehabt, dass seine Landesbank so früh in Schwierigkeiten geriet. Finanzminister Unland will jedoch keinesfalls von Glück sprechen. "Das wäre unangemessen und zynisch." Gleichwohl seien im vergangenen Jahr Lösungen möglich gewesen, die heute vermutlich nicht mehr denkbar wären. Tatsächlich erklärte sich die LBBW im vergangenen Dezember bereit, für weitere 6,4 Milliarden Euro zu haften, falls die sächsische Bürgschaft nicht ausreicht. Für zusätzlich 8,35 Milliarden Euro stehen als nachrangige Besicherung der abenteuerlichen Geschäfte der mittlerweile in "Sachsen Bank" umbenannten Sachsen LB die übrigen Landesbanken ein. Nachdem der Führung und den Gremien der Sachsen LB zuletzt jedes Gespür fürs Risiko abhandengekommen und die Bank mit immer aberwitzigeren Summen hochproblematische Engagements eingegangen war, muss sich Unland nun um konsequentes und konservatives Risikomanagement kümmern. "Was passieren könnte, versuchen wir finanziell abzubilden", sagt der Finanzminister mit Verweis auf eine gigantische Rückstellung, die er im Haushalt gebildet hat. Rund 1,1 Milliarden Euro sind für mögliche Ausfälle von Sachsen-LB-Papieren zurückgelegt. "Ich bin guter Hoffnung, dass die Bürgschaft nicht vollständig fällig wird." Denn alle Beteiligten hätten sich darauf geeinigt, nur dann Papiere zu verkaufen, wenn sich der Markt entsprechend entwickelt habe. "Das Verfahren kann sich noch zehn Jahre hinziehen." Hartmut Vorjohann (CDU), der Dresdner Stadtkämmerer, ist froh, nicht auf die Investmentbanker gehört zu haben, die 2006 bei ihm Schlange standen. "Die Banken boten mir damals genau jene Geschäfte an, die die Sachsen LB ins Verderben geführt haben", sagt Vorjohann. Vor zweieinhalb Jahren verkaufte Dresden die kommunale Wohnungsbaugesellschaft Woba für 1,7 Milliarden Euro an eine amerikanische Investorengruppe. Statt das Geld wie von den Bankern angeregt und selbst von manchem bei der kommunalen Rechtsaufsicht befürwortet, möglichst gewinnbringend anzulegen, tilgte Vorjohann wie vom Dresdner Rat beschlossen auf einen Schlag alle Schulden der sächsischen Landeshauptstadt. Auf den Woba-Verkauf habe die Finanzkrise keine Auswirkungen, denn das Geschäft sei längst abgeschlossen. Die weitreichenden Verpflichtungen aus der sogenannten Sozialcharta habe der Investor stets erfüllt. So hat sich die Stadt etwa ein Belegungsrecht für 8000 Wohnungen geben lassen; Mieter, die älter als 60 Jahre sind, haben ein lebenslanges Wohnrecht. Auch für Mieterhöhungen gibt es Beschränkungen. Befürchtungen von Verkaufsgegnern haben sich bisher auch deshalb als unbegründet erwiesen, weil in Dresden noch immer etwa zehn Prozent aller Wohnungen leer stehen und der Markt sehr mieterfreundlich ist. Im Grunde habe Dresden Glück gehabt, zur richtigen Zeit in finanzieller Not gewesen zu sein. "Heute wäre der Woba-Verkauf nicht mehr möglich und wir müssten weiter jährlich rund 70 Millionen Euro für Zinsen und Tilgung unserer Schulden aufwenden", meint Vorjohann. Städte, die ihre Kredite kurzfristig refinanzieren müssten, seien dagegen durch zum Teil stark steigende Zinsen unmittelbar von der Finanzkrise betroffen. "Dank des Woba-Verkaufs sind wir deutlich krisenfester geworden." Dresden könne schon heute deutlich mehr in Schulen und Straßen investieren als mancher Wettbewerber. "Und das bessere Angebot an öffentlichen Gütern wird auch dazu führen, dass wir im wirtschaftlichen Wettbewerb bessere Karten haben, mehr Arbeitsplätze entstehen und mehr Steuern eingenommen werden", sagt Vorjohann. reb. FAZ 2008/10/15 Hunger in der Welt wieder stark angestiegen. kA stah. Deutschland und die Welt Meldung global Seite 9 kA Hunger in der Welt wieder stark angestiegen. stah. FRANKFURT, 14. Oktober. Die Anzahl der hungernden Menschen ist nach Jahren sinkender Raten wieder stark angestiegen. Dies geht aus dem neuen Welthunger-Index hervor, den die Deutsche Welthungerhilfe zusammen mit dem International Food Policy Research Institute (IFPRI) aus Washington und der Dubliner Hilfsorganisation Concern Worldwide am Dienstag in Berlin vorgestellt hat. So sei die Zahl der hungernden Menschen im Jahr 2007 von 848 Millionen auf 923 Millionen angestiegen. In 33 von 88 untersuchten Ländern herrsche eine "sehr ernste" oder "gravierende" Situation. Besonders betroffen seien Kongo, Eritrea, Burundi, Niger und Sierra Leone. Deutlich verbessert hingegen habe sich die Lage in Peru und Vietnam. Nach Weltregionen gruppiert steht Afrika südlich der Sahara am schlechtesten da, danach kommt Südostasien. "Fast eine Milliarde Hungernde sind eine Schande für die Menschheit. Im Gegensatz zu den Banken sind sie nicht selbst schuld an ihrer Misere", sagte Ingeborg Schäuble, die Vorstandsvorsitzende der Welthungerhilfe. Die Hungerkrise sei "viel schlimmer als die Finanzkrise, denn sie bedroht millionenfach Menschenleben". Angesichts milliardenschwerer Hilfsfonds für Banken in den Industriestaaten sei ein "Rettungspaket gegen den Welthunger" nötig. Dazu müsse die Landwirtschaft in den Entwicklungsländern mit jährlich 14 Milliarden Dollar unterstützt werden. Joachim von Braun, Direktor des IFPRI, erwartet für 2008 eine abermalige Zunahme von hungernden Menschen mindestens um 75 Millionen. Sollten die Ausgaben auf dem bisherigen Niveau verharren, werde das UN-Millenniumsziel, den Hunger zu halbieren, erst in 30 Jahren statt wie versprochen 2015 erreicht. Die Finanzkrise trage zwar zum Absinken der Agrarpreise bei, reduziere aber gleichzeitig das Kapital für Agrarinvestitionen und Ernährungsprogramme. Obwohl sich demzufolge die Lage in einigen Regionen in Asien, Nordafrika, Lateinamerika und in Nahost verbessert hat, gebe es "auf breiter Front" keinen Fortschritt in der Hungerbekämpfung, sagte von Braun. Für den Index bewertet werden die Sterblichkeitsrate von Kindern unter fünf Jahren, der Anteil der Kinder unter fünf Jahren mit Untergewicht sowie der Anteil der Unterernährten an der Gesamtbevölkerung des Landes. Die Daten stammen von den UN-Organisationen für Ernährung (FAO) und Gesundheit (WHO) sowie vom UN-Kinderhilfswerk Unicef. Die jüngste Ernährungskrise unter anderem am Horn von Afrika ist in der Studie nicht berücksichtigt worden. Überdies liegen aus einigen Ländern wie Irak, Somalia oder Afghanistan keine Daten vor. FAZ 2008/10/15 Der Stratege. kA Claus Tigges Zeitgeschehen Bericht global Seite 10 kA Der Stratege. Dominique Strauss-Kahn will die Gunst der Stunde nutzen: Der Franzose, der seit bald einem Jahr an der Spitze des Internationalen Währungsfonds (IWF) steht, sieht in der globalen Finanzkrise die große Chance für seine Institution, sich als Forum wirtschaftspolitischer Zusammenarbeit zu profilieren. Strauss-Kahn, der wie zuvor in seiner Heimat nun im Fonds auch vielfach nur "DSK" genannt wird, geht dabei geschickt vor. Er verweist auf die Einzigartigkeit des IWF, der seit seiner Gründung vor mehr als sechs Jahrzehnten nicht nur eine außerordentliche wirtschaftspolitische Expertise aufgebaut habe, sondern sich seit einiger Zeit auch eingehend mit den Entwicklungen auf den Finanzmärkten beschäftige. Darum sei der Fonds bestens dazu geeignet, die Vorgänge in der globalen Ökonomie zu analysieren, Schlüsse zu ziehen und Ratschläge zu geben, wie Krisen wie die aktuelle künftig vermieden werden können. Strauss-Kahns Plan, das hat das Jahrestreffen von IWF und Weltbank gezeigt, fällt auf fruchtbaren Boden. Aus dem Kreis der 185 Mitgliedsländer des Fonds waren am vergangenen Wochenende einige Stimmen zu hören, die die Rolle des Fonds im Bemühen um eine bessere Abstimmung nationaler Wirtschaftspolitiken gestärkt sehen wollen. Zu ihnen zählt auch Bundesfinanzminister Peer Steinbrück. Dem früheren französischen Finanz- und Wirtschaftsminister könnte damit eine Reform des IWF gelingen, die umfassender ist als alle Umbaubemühungen der vergangenen Jahre. Einen wichtigen Erfolg hat der promovierte Ökonom und langjährige Wirtschaftsprofessor schon im Frühjahr dieses Jahres erzielt, als dank seines Engagements ein Konsens über eine Neuordnung der Machtverhältnisse im IWF erreicht wurde. Die Dominanz der Industrieländer, insbesondere der Vereinigten Staaten als größtem Kapitaleigner des Fonds, bleibt zwar vorerst ungebrochen, doch aufstrebende Schwellenländer wie China, Brasilien oder Mexiko erhalten nun ein größeres Mitspracherecht bei den Entscheidungen, unter anderem über die Vergabe von Krediten. Strauss-Kahn hat schnell begriffen, dass dies unvermeidbar ist, um das Interesse der Schwellen- und Entwicklungsländer an einer Mitgliedschaft im Fonds zu erhalten. Als Kreditgeber ist der IWF bisher in dieser Krise nicht gefragt. Noch sind es private Marktakteure, nicht Staaten, die in finanziellen Schwierigkeiten stecken. Dass sich das in Windeseile ändern kann, ist Strauss-Kahn, dem zehnten "Geschäftsführenden Direktor" der Bretton-Woods-Institution, klar. Schnell kann die Finanzkrise über verschiedene Wirkungskanäle auf ganze Länder überschwappen und diese in Bedrängnis bringen, ihre Verpflichtungen gegenüber ausländischen Gläubigern zu erfüllen. "Wir stehen bereit zu helfen", sagt Strauss-Kahn und will damit zur Beruhigung der Marktteilnehmer beitragen. Diejenigen Länder, die nach Lage der Dinge am ehesten die Hilfe des IWF in Anspruch nehmen müssen, liegen nicht in entfernten Winkeln der Welt: Island und Ungarn könnten womöglich bald Strauss-Kahn und seine Kollegen um Finanzhilfe der internationalen Gemeinschaft bitten. CLAUS TIGGES FAZ 2008/10/15 Der Staat nimmt Einfluss auf alle Banken. Die Gehaltsgrenze für Manager in Deutschland soll nicht nur gelten, wenn sich der Staat am Eigenkapital beteiligt, sondern schon, wenn die Bank eine Garantie zieht. mas. Wirtschaft Bericht BRD Seite 11 kA Der Staat nimmt Einfluss auf alle Banken. Die Gehaltsgrenze für Manager in Deutschland soll nicht nur gelten, wenn sich der Staat am Eigenkapital beteiligt, sondern schon, wenn die Bank eine Garantie zieht. mas. BERLIN, 14. Oktober. Die Finanzkrise erreicht die Vorstandsetagen der deutschen Finanzwirtschaft. Josef Ackermann, Martin Blessing und Kollegen müssen mit herben Gehaltseinbußen rechnen, wenn ihre Institute vom Finanzmarktstabilisierungsgesetz profitieren. Die Auflagen gelten nicht nur, wenn das Institut vom Staat Eigenkapital erhält, sondern auch, wenn es von der Garantie für Bankeinlagen profitiert oder Risikopositionen an den Fonds verkauft. Das bestätigte der Sprecher von Bundesfinanzminister Steinbrück (SPD). Die Frage, ob die Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank und der Commerzbank um ihr Gehalt fürchten müssen, auch wenn ihre Häuser nur auf die Garantie zurückgriffen, antwortete er: "Da ist das Gesetz eindeutig. Gilt immer. Träfe die Herren." In dem Fall müssten Ackermann und Blessing auf einiges verzichten. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück hat schon angekündigt, dass er an eine Gehaltsobergrenze für Bankmanager von 500 000 Euro denkt. Boni, Abfindungen und Dividendenausschüttungen sind für ihn so lange tabu, wie einem Institut vom Staat unter die Arme gegriffen wird. Laut Vergütungstabellen der Banken verdiente Ackermann knapp 14 Millionen Euro, Blessing als einfaches Vorstandsmitglied rund 2 Millionen Euro. Im Bundesverband deutscher Banken sieht man diese Frage als noch nicht entschieden an. Man müsse zunächst abwarten, welche Institute von dem Angebot Gebrauch machten. Auch sei noch nicht klar, ob schon für eine kurze Nutzung der Garantie die Auflage genauso hart sei wie bei einer Eigenkapitalhilfe. Es sei nicht zu erwarten, dass Eingriffsrechte schon bei einer kurzfristigen Garantie für ein Übernachtgeschäft greifen sollten. Grundsätzlich akzeptiert der Bankenverband, dass seinen Mitgliedern harte Auflagen drohen. Verbandspräsident Klaus-Peter Müller meinte selbstkritisch: Die Banken seien in einer Situation, in der sie Unterstützung benötigten, deswegen würden sie auch Eingriffe akzeptieren. Im Gesetzentwurf ist vorgesehen, dass das Bundesfinanzministerium mit Zustimmung des Bundesrates bestimmen darf, welche Anforderungen von den begünstigten Finanzunternehmen im Falle des Falles zu erfüllen sind. Dazu gehört "die geschäftspolitische Ausrichtung, bei Kreditinstituten insbesondere die Versorgung kleiner und mittlerer Unternehmen mit Krediten, und die Nachhaltigkeit des verfolgten Geschäftsmodells." Denkbar ist, dass beispielsweise ein Anteil vorgegeben wird, den kleine und mittlere Unternehmen am Kreditgeschäft haben sollen. Darüber hinaus können die Auflagen "die Verwendung der aufgenommenen Mittel, die Vergütung ihrer Organe, Angestellten und wesentlichen Erfüllungsgehilfen, die Eigenmittelausstattung, die Ausschüttung von Dividenden, den Zeitraum, innerhalb dessen diese Anforderungen zu erfüllen sind, und Maßnahmen zur Vermeidung von Wettbewerbsverzerrungen" betreffen. Die Auflagen würden auf der Grundlage des Gesetzes und der hierzu ergangenen Rechtsverordnung durch Vertrag, Selbstverpflichtung oder Verwaltungsakt festgelegt. Je nach Situation des betroffenen Unternehmens solle über jeden Einzelfall entschieden werden, heißt es ergänzend im Ministerium. Gesteuert wird der Rettungsfonds vom Bundesfinanzministerium, die operative Arbeit übernimmt die Bundesbank. Viele Details, die in Verordnungen geregelt werden sollen, liegen noch nicht vor. Doch gibt es in der Gesetzesbegründung eine erste Äußerung zu den Kosten für die Banken. So heißt es dort: "Das für die Übernahme von Garantien erhobene Entgelt sollte grundsätzlich eine Höhe von 2 Prozent im Jahr nicht unterschreiten." Wie Steinbrücks Sprecher am Dienstag hervorhob, wird das Sondervermögen sofort handlungsfähig sein. "Was am Freitag beschlossen wird, gilt ab sofort." Die Durchführungsverordnungen würden rechtzeitig vorliegen. Schon nächste Woche soll der Fonds bereitstehen. Doch wenn Vorstand und Aufsichtsrat eines börsennotierten Unternehmens sich für eine Finanzspritze entschieden, müssten sie dies in einer Ad-hoc-Mitteilung umgehend publik machen. Nach Angaben des Ministeriums existiert keine Liste über mögliche Kandidaten, die Geld aus dem Hilfsfonds beziehen wollen. FAZ 2008/10/15 Suche nach einer angepassten Rechnungslegung. Wirtschaftsprüfer verlangen kluge Entscheidungen aus Brüssel. bes. Wirtschaft Meldung EU Seite 12 kA Suche nach einer angepassten Rechnungslegung. Wirtschaftsprüfer verlangen kluge Entscheidungen aus Brüssel. bes. LONDON, 14. Oktober. Die EU-Kommission wird am Mittwoch in Brüssel Vorschläge zur Anpassung der europäischen Rechnungslegungsvorschriften an die extreme Krisensituation der Banken zur sofortigen Abstimmung der Mitgliedsländer der Europäischen Union unterbreiten. Nach einem heftigen Kampf hinter den Kulissen zeichnete sich am Dienstag ab, dass die EU-Kommission die am Montag verkündete Anpassung der internationalen Rechnungslegungsvorschrift IFRS (International Financial Reporting Standards) zur Umsetzung empfehlen wird. Das deutsche Justizministerium schien diesem Weg am Dienstag offenbar zustimmen zu wollen. Die Forderung Frankreichs, in einem Alleingang der Europäischen Union den Banken wesentlich größere Freiheiten einzuräumen, schien sich damit nicht durchsetzen zu können. Vertreter europäischer Banken haben ihre Regierungen unter Druck gesetzt, ihnen mit Zugeständnissen in der Rechnungslegung entgegenzukommen, um dramatische Wertberichtigungen mit Blick auf die Bewertungsmethoden nach dem Marktpreis (fair-value) zu minimieren. Sie pochen darauf, dass ihnen erlaubt wird, Wertpapiere bereits bei den für Ende September fälligen Zwischenberichten so einzustufen, dass ihnen eine Bewertung nach dem aktuellen Marktwert (fair-value) so weit wie möglich erspart bleibt. Die EU-Kommission stand vor allem von Seiten Frankreichs unter Druck, einen entscheidenden Paragraphen der IFRS auszusetzen, der eine Umbuchung von Wertpapieren aus dem Handelsbuch und deren Neuklassifizierung nur in extremen Ausnahmefällen gestattet (Paragraph 50 der IAS 39). "Würde die EU-Kommission dem Druck nachgeben und den Banken generell erlauben, Wertpapiere vom Handelsbuch in das Anlagebuch zu verschieben und damit andere Bewertungsansätze anzuwenden, würde jegliches Vertrauen in die Rechnungslegung europäischer Banken unterminiert", warnte Sir David Tweedie, Verwaltungsratsvorsitzender der IASB, des Londoner International Accounting Standards Board, am Dienstag. Dieses Gremium ist für die Formulierung der internationalen Rechnungslegung, der International Financial Reporting Standards (IFRS) zuständig. In den Vereinigten Staaten dürfen nicht-derivate Wertpapiere nach den Regeln der amerikanischen Rechnungslegungsvorschriften (GAAP) in seltenen Ausnahmesituationen aus dem Handelsbestand, wo sie zum Marktwert bewertet werden müssen, in das Anlagebuch übertragen werden. Dort werden sie bis Endfälligkeit gehalten und ihr Wertverlust muss sukzessive abgeschrieben werden. Von dieser Regel ist selbst in dieser Krise nicht abgewichen worden. Nach GAAP können Kredite, die in der Klassifizierung "zur Veräußerung verfügbar" gebucht wurden, unter bestimmten Voraussetzungen in den langfristigen Anlagebestand übertragen werden. Die IFRS-Bestimmungen wichen bisher davon ab: Weder war nach IFRS eine Neuklassifizierung von Wertpapieren aus dem Handelsbestand heraus erlaubt. Noch war nach IFRS vorgesehen, Kredite aus dem Bestand "zur Veräußerung verfügbar" in das langfristige Anlagebuch zu übertragen. Das Notgesetz der Vereinigten Staaten zur Finanzkrise (Emergency Economic Stabilizsation Act, EESA) hat nun die bisherige Befugnis der amerikanischen Wertpapieraufsicht (Securities and Exchange Commission SEC) bekräftigt, in einem extremen Notfall die Bewertung von Wertpapieren zum Marktwert auszusetzen. Die SEC hat diese Befugnis bis jetzt jedoch nicht genutzt. Also gelten die Vorschriften zur Marktbewertung derzeit weiter. Der Ecofin-Rat hat die Londoner IASB gebeten, die europäischen IFRS-Vorschriften schnellstmöglich den amerikanischen Verhältnissen anzupassen, damit europäische Banken gegenüber ihren amerikanischen Konkurrenten mit Blick auf die Rechnungslegung in dieser Krise nicht benachteiligt seien. Dies hat die IASB getan und am Montag folgende Änderungen veröffentlicht: - Nach IAS 39 und Paragraph 50 dürfen jetzt auch Wertpapiere in extrem seltenen Ausnahmesituationen vom Handelsbestand in das Anlagebuch übertragen werden. Dabei wird die derzeitige Krise als dieser Ausnahmezustand definiert. Entscheidend ist, zu welchem Wert Banken Wertpapiere aus dem Handelsbestand herausnehmen dürfen. Hier hat das IASB als Stichtag den 1. Juli 2008 gewählt. Sollte die EU-Kommission diese Änderung empfehlen und sie von den EU-Mitgliedsländern akzeptiert werden, würden sich die Banken durch eine Neuklassifizierung von Wertpapieren Abschreibungen ersparen, die sonst mit Blick auf die Panikpreise im 3. Quartal fällig gewesen wären. Dies hätte erheblichen Einfluss auf die für Ende September noch fertig zu stellenden Zwischenberichte der Banken. - Kredite dürfen nach IFSR jetzt aus dem Handelsbestand in das Anlagebuch übertragen werden, wenn die Banken die Absicht und Fähigkeit haben, diese Kredite auf absehbare Zeit oder bis zur Endfälligkeit zu halten. Im Anlagebuch müssen die Kredite mit Blick auf zu erwartende Forderungsausfälle abgeschrieben werden. Das beträfe zum Beispiel Kreditforderungen gegenüber Lehman Brothers. Ähnliches gilt für Kredite, die im Bestand "zur Veräußerung verfügbar" gebucht wurden. "Mit diesen Änderungen haben wir Europäer unsere Rechnungslegung den amerikanischen Vorschriften GAAP in dieser Krise angepasst", betont Tweedie. "Ich hoffe inständig, dass die EU-Kommission diese Änderungen zur Anwendung empfiehlt." Der britische Bankenverband, die British Bankers Association (BBA), drängte am Dienstag darauf, dass die Änderungen der IASB, die "extrem hilfreich" seien, in Brüssel umgesetzt würden und auf von der IASB unabhängiger Alleingang der EU vermieden werde. FAZ 2008/10/15 Die Europäer brauchen die politische Union. kA kA Politik Zitat EU Seite 2 Stimmen der Anderen Die Europäer brauchen die politische Union. Zum Krisenmanagement der EU angesichts der Finanzkrise lesen wir in der Budapester Tageszeitung "Nepszabadsag": "Die Ereignisse der letzten Wochen führten zu der wichtigen Einsicht, dass ein Europa ohne wirkliche politische Union in Krisensituationen zu keiner anderen Reaktion fähig ist als zu jener, die es sich schließlich unter großen Mühen nun abrang. Für eine politische Union müssten aber die Staaten den Großteil ihrer Souveränitätsrechte abtreten und eine den Vereinigten Staaten ähnliche Regierungsstruktur herausbilden. Die Mitgliedsländer der EU wollen dies jedoch nicht. Als Instrumente fürs Krisenmanagement bleiben also weiterhin die Koordinierung der nationalstaatlichen Maßnahmen und die Ausarbeitung neuer Richtlinien." FAZ 2008/10/15 Sarkozy verordnet den Banken die Kreditvergabe. Der französische Staat hofft, dass sein Rettungspaket von 360 Milliarden Euro am Ende Gewinne bringt. Ob die Banken die Kapitalhilfe nutzen, ist noch unsicher. chs. Wirtschaft Bericht Frankreich Seite 12 kA Sarkozy verordnet den Banken die Kreditvergabe. Der französische Staat hofft, dass sein Rettungspaket von 360 Milliarden Euro am Ende Gewinne bringt. Ob die Banken die Kapitalhilfe nutzen, ist noch unsicher. chs. PARIS, 14. Oktober. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy hat die französischen Banken und Versicherer nach einer Zusammenkunft im Elysée-Palast am Dienstag aufgefordert, die Finanzierung von Haushalten und Unternehmen so schnell wie möglich sicherzustellen. Zur Überwachung gründet Sarkozy einen Arbeitsstab im Wirtschaftsministerium, der täglich verfolgen soll, ob die Banken die Haushalte mit genügend Krediten für Immobilienkäufe ausstatten und die Unternehmen unterstützen. "Die Banken werden sofort an alle ihre Netzwerke Anweisungen erteilen, dass die Finanzierung von Investitionen und von kurzfristiger Liquidität für die großen, mittleren und kleinen Unternehmen ohne Verzögerung und ohne zusätzliche Anforderungen erfolgt", lässt Sarkozy mitteilen. Der Ton ist unmissverständlich. Der Präsident sieht sich durch den Erfolg des Euro-Gipfels am Sonntag und die Börsenreaktion gestärkt. Seine Botschaft an die Banken lautet: Ich helfe euch, wenn Ihr den Schaden der Finanzkrise für die Realwirtschaft kleinhaltet. Die französischen Bankiers haben das Rettungspaket ihrer Regierung, das eine Staatsgarantie von 320 Milliarden Euro und die Möglichkeit staatlicher Beteiligungen von maximal 40 Milliarden Euro vorsieht, durchgehend begrüßt. Fast unisono heißt es in den Banktürmen des Pariser Finanzviertels La Defense jedoch, dass man die Kapitalhilfe durch den Staat nicht brauche. In richtige Existenznot ist in der Tat bisher nur die Dexia gekommen, die nur zum Teil französisch und andernteils belgisch ist. Die meisten anderen größeren Häuser, wie die Société Générale, Crédit Agricole und Natixis, haben vor dem Höhepunkt der Finanzkrise Kapitalerhöhungen in Eigenregie geschafft. Der Marktführer BNP Paribas, der ohne Kapitalerhöhung auskam, hat sich durch die Übernahme des Konkurrenten Fortis sogar gestärkt. Dennoch wollen sich einige Banken wie die BNP Paribas jetzt alle Türen offenhalten. Der Grund ist eine mögliche Wettbewerbsverzerrung durch großzügigere Hilfen in anderen Staaten. Wirtschafts- und Finanzministerin Christine Lagarde wäre nach eigenen Worten erstaunt, wenn die französischen Banken nicht auf das Angebot staatlichen Eigenkapitals zurückgriffen, "zumindest um auf gleiche Augenhöhe mit den Briten zu kommen", sagte sie am Montag. Die Briten kämen nach ihren Angaben bald auf eine Kernkapitalquote (Tier 1) von 9 Prozent, das ist mehr, als die meisten französischen Häuser aufweisen. Die Analysten sind in dieser Frage allerdings gespalten. Die Höhe des Eigenkapitals kann zwar ein Kriterium für die Refinanzierungskosten einer Bank sein, doch nicht das einzige. BNP Paribas beispielsweise hat nur eine Kernkapitalquote von 7,6 Prozent, die erst durch die Übernahme von Fortis auf rund 8 Prozent steigen wird. Dennoch verfügt die Bank als eines der wenigen Finanzhäuser über das gute Rating "AA" und gilt im Konkurrenzvergleich als solide. "Die Annahme des Kapitalangebotes könnte auch als Zeichen der Schwäche interpretiert werden", sagt Michel Martinez, Analyst bei Société Générale Asset Management. Die Société Générale, die Anfang des Jahres noch der Verlust von 5 Milliarden Euro durch den Skandalhändler Jérôme Kerviel erschüttert hatte, machte am Dienstag klar, dass sie keine staatliche Kapitalhilfe brauche. Am Montag war ihr Börsenkurs als einziger unter den französischen Banken eingebrochen, weil ein Gerücht über Verluste bei strukturierten Finanzprodukten aufkam. Die Bank dementierte heftig, und gab am Dienstag vorzeitig einen Ausblick auf die Zahlen des dritten Quartals: Trotz Verlusten aus Engagements mit Lehman Brothers werde ein Nettogewinn ausgewiesen. Während die Banken bei der Kapitalhilfe also zögern, sind sie umso mehr an der Inanspruchnahme der mit Staatsgarantie versehenen Kredite interessiert. Eine staatliche Einrichtung unter Aufsicht des Finanzministeriums und der Banque de France soll mit Hilfe dieser Staatsgarantie neue Mittel am Markt aufnehmen und diese an die Banken mit bis zu fünf Jahren Laufzeit weiterleihen, allerdings zu Marktkonditionen und gegen Hinterlegung von Sicherheiten wie Immobilien- oder Unternehmenskrediten. Solche Kredite akzeptiert die Europäische Zentralbank derzeit nicht. Die Regierung hofft, auf diese Art sogar Gewinn zu machen - vorausgesetzt, dass die Staatsgarantie nicht gebraucht wird. Denn der Staat könne sich billiger Geld verschaffen, als er es an die Banken weiterleihe, heißt es im Finanzministerium. Außerdem erhält er Zinszahlungen durch die Banken. "Wir glauben, dass unser Modell die Interessen der Steuerzahler besser schützt als das von Großbritannien", sagte Lagarde. Ob beim Angebot von Staatskapital Kosten für die Steuerzahler entstehen, hängt von der Nachfrage ab. Auf jeden Fall werde es nach den Maastricht-Kriterien nicht das Haushaltsdefizit erhöhen, sondern nur die Gesamtschulden des Staates, berichten die Experten im Finanzministerium, womit allerdings Zinsen fällig würden. Wenn das Kapital später teurer verkauft werde, mache der Staat auch hier einen Gewinn, meinen die Optimisten. FAZ 2008/10/15 Staat steigt in amerikanische Banken ein. Die Regierung lässt Instituten keine Wahl und beteiligt sich mit 250 Milliarden Dollar. Das verknüpft sie mit Auflagen für die Bankmanager. Ihr Plan zum Aufkauf fauler Kredite läuft parallel weiter. ctg. Wirtschaft Meldung USA Seite 13 kA Staat steigt in amerikanische Banken ein. Die Regierung lässt Instituten keine Wahl und beteiligt sich mit 250 Milliarden Dollar. Das verknüpft sie mit Auflagen für die Bankmanager. Ihr Plan zum Aufkauf fauler Kredite läuft parallel weiter. ctg. WASHINGTON, 14. Oktober. Die amerikanische Regierung wird sich mit Hunderten von Milliarden Dollar an heimischen Banken beteiligen in der Hoffnung, durch diese Kapitalspritzen der Finanzkrise ein Ende zu bereiten. Wie Finanzminister Henry Paulson in seiner Funktion als Vorsitzender der "Arbeitsgruppe Finanzmärkte" am Dienstag sagte, wird die Regierung in Washington rund 250 Milliarden Dollar in zahlreiche Finanzinstitute investieren, von den führenden Banken des Landes bis zu regionalen Spar- und Darlehenskassen. Im Gegenzug wird sie stimmrechtslose Vorzugsaktien und Aktienoptionen (warrants) erhalten, um an späteren Gewinnen der Institute beteiligt zu sein. "Wir hätten nie gedacht, dass wir diesen Schritt unternehmen müssen. Aber er ist notwendig, um der Wirtschaft zu helfen und den Wohlstand zu sichern", sagte Paulson. Nach Angaben Paulsons werden die Großbanken Citigroup, Bank of America, Wells Fargo und JP Morgan Chase jeweils 25 Milliarden Dollar als Hilfe zur Rekapitalisierung erhalten, Goldman Sachs und Morgan Stanley bekommen jeweils 10 Milliarden Dollar. Mit jeweils 2 bis 3 Milliarden Dollar wird sich die Regierung an der Bank State Street und der Bank of New York beteiligen. In den Beträgen für Wells Fargo und Bank of America sind jeweils 5 Milliarden Dollar für deren jüngste Übernahmen der Banken Wachovia beziehungsweise Merrill Lynch enthalten. Wie es heißt, hat Paulson den Bankvorständen in einer Unterredung am Montag deutlich gemacht, dass sie keine andere Wahl hätten, als die Beteiligung zu ermöglichen, obwohl die Teilnahme an dem Programm formal freiwillig ist. Das Finanzministerium will vermeiden, dass die staatliche Hilfe von den Finanzmarktakteuren als Stigma angesehen wird. Vorgesehen ist, dass die Banken auf die Vorzugsaktien eine Dividende in Höhe von 5 Prozent der Beteiligung bezahlen. Der Zins soll nach fünf Jahren auf 9 Prozent steigen. Die Optionen sollen 15 Prozent des Nominalwertes der Aktien entsprechen. Die Kapitalbeteiligung wird darüber hinaus an eine Reihe von Auflagen geknüpft, unter anderem mit Blick auf die Entlohnung der Bankmanager. Hohe Abfindungen, sogenannte goldene Fallschirme, sind nicht länger zulässig. Der Plan, den das Finanzministerium zusammen mit der Notenbank Federal Reserve und der staatlichen Einlagensicherungsgesellschaft Federal Deposit Insurance Corporation (FDIC) aufgestellt hat, umfasst auch Garantien für neu ausgegebene Schuldtitel von Banken für die Dauer von drei Jahren sowie eine vollständige Absicherung von Bankguthaben kleiner Unternehmen. Der amerikanische Kongress hatte Anfang des Monats im Rahmen des 700 Milliarden Dollar schweren Rettungspakets den Höchstbetrag der Einlagensicherung von 100 000 auf 250 000 Dollar angehoben; damit sind rund zwei Drittel der Guthaben kleiner Betriebe abgesichert. "Wir wollen das Vertrauen in die Banken wiederherstellen", sagte Notenbankchef Ben Bernanke. Zusätzlich zu den Beteiligungen treibt das Finanzministerium auch Pläne zum Kauf fauler Kredite und problematischer Wertpapiere von Banken im Rahmen von Auktionen voran. Unterdessen hat der demokratische Präsidentschaftskandidat Barack Obama neue Vorschläge für ein allgemeines Konjunkturpaket gemacht. Unternehmen sollten eine Steuergutschrift von 3000 Dollar für jeden neu eingestellten Mitarbeiter erhalten, und der Kredit der Regierung für die schwächelnde Automobilindustrie des Landes solle auf 50 Milliarden Dollar verdoppelt werden, sagte Obama. Darüber hinaus sollten die Steuern auf die Arbeitslosenunterstützung gestrichen und eine Beleihung der Guthaben der Altersvorsorge ohne steuerliche Nachteile möglich sein. FAZ 2008/10/15 "Für Marktbefürworter wird es schwerer". Im Gespräch: Daniel Zimmer, Mitglied der Monopolkommission. Werner Mussler Wirtschaft Interview BRD Seite 13 Im Gespräch "Für Marktbefürworter wird es schwerer". Im Gespräch: Daniel Zimmer, Mitglied der Monopolkommission. "Stimme des Wettbewerbs" wird die Monopolkommission gerne genannt, der Daniel Zimmer seit diesem Sommer als Nachfolger von Jürgen Basedow angehört. Der Direktor des Instituts für Handels- und Wirtschaftsrecht der Universität Bonn hat eine einfache Begründung, warum er gerne in dem Gremium mitarbeitet, das seit Jahrzehnten die wettbewerbliche Entwicklung im Land beobachtet: "Wettbewerb braucht eben eine Stimme - gegen die vielen Interessen, die auf seine Beschränkung gerichtet sind." Zimmer befürchtet, dass diese Stimmen nach den Staatseingriffen an den Finanzmärkten nun lauter werden. Wie wollen Sie nach dem bisherigen Verlauf der Finanzkrise noch erfolgreich für Markt und Wettbewerb werben? Offenbar kann doch nur noch der Staat Vertrauen schaffen. Ich fürchte in der Tat, dass die Anwälte des Wettbewerbs es in nächster Zeit schwerer haben werden. Es gibt nun einmal den Reflex, in schwierigen Zeiten dem Staat besonders viel zuzutrauen. Aber das ist gefährlich. Warum? Um Missverständnisse zu vermeiden: Ich will nicht bestreiten, dass das jetzt geschnürte Rettungspaket notwendig war. Es ist noch zu früh, zu beurteilen, ob es wirkt, und auch, welche Nebenwirkungen es hinterlässt. Aber mir macht Sorgen, dass sich jetzt ein Staatsvertrauen einstellen könnte, das der Staat nur enttäuschen kann. Wie meinen Sie das? Die Finanzkrise darf zum Beispiel nicht den Blick darauf verstellen, dass der ganze Wohlstand, den wir in den vergangenen Jahrzehnten erwirtschaftet haben, in einer Marktwirtschaft gewonnen wurde, deren Grundlage Handlungsfreiheit war. Ich befürchte, dass wir diese Freiheit nicht mehr hoch genug schätzen. Lässt sich schon sagen, inwiefern das staatliche Rettungspaket die Handlungsfreiheit einschränkt? Nein, dazu wissen wir noch zu wenig. Aber ich sehe die Gefahr, dass die Rettungsaktionen Strukturen schaffen, die wir schwer wieder loswerden. Zum Beispiel wo? Anschaulich machen lässt es sich derzeit anhand des Beispiels der Vereinigten Staaten. Dort hat die Regierung das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, hat bei den Immobilienfinanzierern Freddie Mac und Fannie Mae die Kontrolle über die Geschäftsführung übernommen und der heimischen Automobilindustrie einfach so riesige staatliche Zuschüsse gewährt. Solche staatlichen Übergriffe in das Marktgeschehen lassen sich schwer wieder rückgängig machen, es ist zu hoffen, dass sie in Europa nicht nötig werden. Es ist jedenfalls kein gutes Zeichen, dass die Kanzlerin der deutschen Autoindustrie auch schon Unterstützung versprochen hat. Wir drohen da in einen Wettlauf der Wettbewerbsverfälschungen hineinzulaufen, der unseren Wohlstand gefährdet. Aber ist der bisherige Verlauf der Krise nicht ein Beleg dafür, dass der Markt versagt hat? Nein. Die Krise ist zunächst einmal Beleg für ein drastisches Staatsversagen dort, wo sie ihren Ausgangspunkt hatte, in Amerika. Die Regierung hat dort die Menschen ermutigt, Häuser zu kaufen, die sie sich nicht leisten konnten, und die Zentralbank hat den Markt mit billigem Geld überschwemmt. Auch die Lücken in der Finanzaufsicht waren kein Marktversagen. Zu einer funktionierenden Marktwirtschaft gehört eine gute Bankenaufsicht. Die hat es in den Vereinigten Staaten nicht gegeben. Wie sieht es in Deutschland aus? Hierzulande waren zunächst vor allem Institute mit Staatsbeteiligung betroffen: die IKB und verschiedene Landesbanken. Und hinter den Problemen der Hypo Real Estate stehen in erster Linie die Refinanzierungsschwierigkeiten der Depfa, die früher ebenfalls in Staatshand war. Die Finanzkrise hat in Deutschland doch eine alte Frage wieder aktuell werden lassen: Warum soll der Staat Geschäftsbanken halten? Was ist Ihre Antwort? Das Wirtschaften überlässt der Staat besser Unternehmen in Privathand. Die EU-Kommission befindet sich derzeit in einer schwierigen Rolle. Sie darf - politisch gesehen - die Pariser Vereinbarungen nicht durch wettbewerbsrechtliche Bedenken torpedieren. Zugleich muss sie - als Hüterin der Verträge - darauf achten, dass die Staatsgarantien nicht gegen das Beihilferecht verstoßen. Wird ihr das mit den am Montag veröffentlichten neuen Leitlinien gelingen? Die Kommission muss vor allem deutlich machen, dass sich die staatlichen Hilfsmaßnahmen auf das unbedingt gebotene Maß beschränken müssen. Sie will das durch fortlaufende Überprüfung ihrer Erforderlichkeit sicherstellen. Das ist leichter gesagt als politisch durchgesetzt. Im Übrigen sehe ich ein wettbewerbliches Problem, wie zwischen "systemrelevanten" und anderen Banken differenziert werden soll. Erhalten nur große Institute - mit Blick auf die von ihnen ausgehenden "systemischen" Risiken - bestimmte Rettungsbeihilfen, so folgt hieraus eine ernstzunehmende wettbewerbliche Benachteiligung der anderen Banken. Sollte die Prüfung des West-LB-Falls weitergehen wie bisher? Jedenfalls ist der aktuelle Fortgang der Krise kein Grund, die West LB jetzt anders zu behandeln. Man kann sich allerdings auf den Standpunkt stellen, dass vor der Beihilfenprüfung die Frage zu klären wäre, welche Existenzberechtigung eine Landesbank überhaupt hat. Und man kann auch die Frage stellen, ob es Sinn eines Beihilfeverfahrens sein kann, einem Unternehmen - hier der West LB - so genaue Vorgaben zum Geschäftsmodell zu machen. Derart hoheitliche Planung ist eigentlich nicht Sinn der Wettbewerbspolitik. Die Kommission sieht sich auch in einem zweiten Fall mit dem Vorwurf konfrontiert, sie überschreite ihre Kompetenzen. Sie hat gegen Eon und RWE laufende Kartellverfahren dazu genutzt, den Unternehmen Zusagen zum Netzverkauf abzuringen. Ist das in Ordnung? Das eine - das laufende Verfahren - hat mit dem anderen - dem Entflechtungsziel, das die Kommission ansonsten ja gesetzlich erreichen will - im Prinzip nichts zu tun. Insofern liegt das sicher am Rand der Befugnisse, die die Kommission hat. Das Gespräch führte Werner Mussler. FAZ 2008/10/15 Forschungsinstitute gegen ein Konjunkturprogramm. "Rettungspaket für Banken verringert Rezessions-Risiko". km. Wirtschaft Bericht BRD Seite 13 kA Forschungsinstitute gegen ein Konjunkturprogramm. "Rettungspaket für Banken verringert Rezessions-Risiko". km. BERLIN, 14. Oktober. Das Rettungspaket für die Banken hat nach Ansicht der wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstitute das Risiko einer deutschen Rezession 2009 verringert. Die Ökonomen halten es nun für wahrscheinlicher, dass es lediglich zu einer Stagnation mit einer Wachstumsrate von 0,2 Prozent kommt. "Die Wahrscheinlichkeit für diese Entwicklung stufen wir jetzt mit 66 Prozent ein", sagte Udo Ludwig (Institut für Wirtschaftsforschung Halle), der Sprecher der acht Institute, die am Dienstag in Berlin ihr Herbstgutachten vorstellten. In dem Gutachten im Auftrag des Wirtschaftsministeriums wird bei einer fortdauernden Finanzkrise als "Risikoszenario" für Deutschland ein Rückgang der Wirtschaftsleistung um 0,8 Prozent prognostiziert (F.A.Z. vom 13. Oktober). Im Frühjahr hatten die Forschungsinstitute für 2009 noch ein Wachstum von 1,4 Prozent vorhergesagt. Die Forscher lobten das Rettungspaket der Regierung, weil es sich nicht auf Hilfe für schwache Banken konzentriert, sondern die Stabilität des gesamten Finanzsystems sichert. "Die Richtung stimmt", sagte Ludwig. Er schlug indes vor, dass im Notfall nicht allein der Staat an der Rekapitalisierung von Banken beteiligt, sondern auch privates Kapital hinzugezogen werden sollte. Trotz der deutlichen ökonomischen Abschwächung im kommenden Jahr, die selbst im Falle einer Stagnation die Zahl der Arbeitslosen bis Ende 2009 um 350 000 erhöhen dürfte, sprachen sich die Wissenschaftler gegen ein klassisches Konjunkturprogramm aus, weil dies wenig Erfolg verspreche. Sie plädierten stattdessen dafür, nicht nur Steuer- und Abgabensenkungen vorzuziehen, sondern auch Investitionen in Bildung, Forschung und Infrastruktur früher vorzunehmen, weil diese die Wachstumskräfte stärkten. "Wir leben in schwierigen Zeiten, daher muss man gewisse Belastungen für den Haushalt hinnehmen. Es ist kein Beinbruch, wenn das Ziel eines ausgeglichenen Haushaltes erst nach 2011 erreicht wird", sagte Ludwig. Gleichwohl dürften die Politiker den mittelfristigen Konsolidierungskurs nicht aufgeben. Um diesen Kurs einzuhalten, sollte man sich nach Ansicht der Wirtschaftsforscher verpflichten, ab 2010 die Subventionen stärker als geplant zu senken. Für die Forschungsinstitute, zu denen neben dem Ifo in München auch das RWI in Essen zählt, wäre es kein Konjunktur-, sondern ein Wachstumsprogramm, wenn man schon 2009 die Einkommensteuer verminderte, um die "kalte Progression" auszugleichen. Ferner sollte der Beitrag zur Arbeitslosenversicherung unter die jetzt geplante Höhe von 2,8 Prozent gesenkt werden. Außerdem wird empfohlen, nicht erst 2010, sondern bereits im kommenden Jahr die Beiträge zur Krankenversicherung von der Steuerschuld abzuziehen. Die Forschungsinstitute lehnten dagegen Sonderprogramme für einzelne Branchen ab, etwa für die Autoindustrie, die wegen rückläufiger Nachfrage die Produktionsbänder zeitweise stilllegen will. "Eine Prämie oder ein Öko-Bonus für den Kauf eines neuen Autos wäre die Erfindung einer neuen Subvention", sagte Joachim Scheide vom Weltwirtschaftsinstitut in Kiel. Dem widersprach Udo Ludwig. Für ihn wäre eine solche Prämie ein Ausgleich für Wettbewerbsnachteile, wenn in Amerika oder in anderen Ländern die Autobranche Hilfen erhält. Im Gegensatz zum Handwerk, das seine Forderung nach einem Konjunkturprogramm erneuerte und einen höheren Steuerbonus für haushaltsnahe Dienstleistungen verlangte, lehnte der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) solche Maßnahmen ab. "Anti-Rezessionsprogramme sind fehl am Platz. Sie sind teuer und bringen nichts", sagte Geschäftsführer Martin Wansleben. Ähnlich argumentierte Industrie-Präsident Jürgen Thumann: "Konjunkturprogramme sind Strohfeuer, die lediglich einen Haufen Asche hinterlassen." FAZ 2008/10/15 Der Staat wird also noch gebraucht. Wolfgang Schäuble über die Korrektur von Extremen und die Stabilität der Republik. Patrick Bahners; Alexander Cammann Feuilleton Interview BRD Seite 36 kA Der Staat wird also noch gebraucht. Wolfgang Schäuble über die Korrektur von Extremen und die Stabilität der Republik. Herr Minister, die Weltwirtschaft erlebt gerade schwere Erschütterungen. Wenn Sie als Innenminister auf die Lage schauen: Wie stellt sich die Krise unserer Ordnung Ihnen, der Sie für den Staat in besonderer Weise verantwortlich sind, dar? Menschen können durch Übertreibungen viel gefährden, aber sie können vieles wieder korrigieren. Im Zuge der Finanzkrise wird sich hoffentlich die Einsicht durchsetzen, dass kein Prinzip dominant sein darf - auch nicht das ökonomische. Wettbewerb funktioniert nicht grenzenlos; er braucht Regeln. Diejenigen, die uns noch vor kurzem geraten haben, der Staat solle die Finger von der Wirtschaft lassen, weil er davon sowieso nichts verstehe, zumal der Markt alles richten würde, diejenigen sagen jetzt, der Staat muss alles retten, damit nicht alles zusammenbricht. Wenn die Lage nicht so ernst wäre, müsste man das ironisch kommentieren. Aber daran erkennt man auch, wie sich Extreme korrigieren können. Wie ernst ist denn die Situation? Ich glaube immer noch, dass die wichtigen Akteure aus den Erfahrungen der Weltwirtschaftskrise Ende der zwanziger Jahren gelernt haben. Insofern bin ich eigentlich zuversichtlich, dass man die Lage einigermaßen beherrschen kann - aber man weiß es nicht. Gesellschaften bleiben stets gefährdet. In der Geschichte hat es nie endlose Perioden von unbegrenztem Fortschritt und Wohlergehen gegeben. Aber wenn es keine schlimmeren Krisen gibt - in früheren Zeiten wären längst Kriege ausgebrochen -, dann ist unsere Zeit immer noch die bessere Alternative. Kann die Gesellschaft den Absturz ganzer Schichten aushalten? Wird es zu neuen Spaltungen kommen? Freiheitliche Systeme tendieren zu Ungleichheiten. Es wird sie immer geben - aber vielleicht ist gerade die momentane Krise Anlass, mehr gegen Ungleichheit zu tun, vielleicht gerade in den Vereinigten Staaten. Die Entwicklung der Managergehälter hatte längst etwas Obszönes an sich, wer das nicht begreift, dem ist nicht zu helfen. Zumal sich die Glücklichen dann noch darüber beklagten, wie viel Steuern man dafür bei uns bezahlen müsse. Ich würde gerne Erbschaftssteuer bezahlen, habe nur leider keinen Anlass dafür. Plötzlich erwartet die Gesellschaft etwas von der Politik, alle rufen nach dem Staat - und die Bundesregierung entspricht dem, indem sie eine Garantie für die Spareinlagen abgegeben, obwohl dieser Bereich gar nicht der politischen Macht unterliegt. Geld ist geronnenes Vertrauen, jedenfalls seit es keinen Goldstandard mehr gibt. Nun hat sich der Finanzmarkt vom realen Austausch und der Absicherung von Waren und Dienstleistungen gelöst. Und wenn keiner mehr Geld zur Verfügung stellt, dann bricht alles zusammen. Deswegen musste die Bundesregierung diese Erklärung abgeben und das Rettungspaket auf den Weg bringen, damit keine irrationalen Kettenreaktionen eintreten. Am Beispiel Island sieht man, was passiert, wenn ein kleines Land sich zu sehr auf den Bankensektor konzentriert. In Deutschland sehe ich eine vergleichbare Situation nicht. Die Erklärung der Kanzlerin war richtig, um möglichst rasch wieder ein Minimum an Vertrauen in die Funktionsfähigkeit des gesamten Geld-, Währungs-, Zahlungs- und Bankensystems herzustellen. Aber das bedeutet, dass immer noch ein starkes Grundvertrauen in den Staat existiert. Denn die Kanzlerin hat ja nicht erklärt, worin die Sicherheit besteht. Sie hat ja nicht gesagt, wir zahlen Gold aus, wenn ihr die Guthaben einlösen wollt. Ob jemand in Afrika entführt wird oder ob eine Flutkatastrophe eintritt: Wenn die Menschen im irdischen Bereich riesige Probleme haben, hoffen sie auf den Staat. So ist es beim Finanzmarkt auch. Und der Finanzmarkt funktioniert nicht, ohne dass dieses Vertrauen eine Grundlage hat. In Hans-Ulrich Wehlers "Deutscher Gesellschaftsgeschichte" erscheint die korporative Organisation von Interessen als die kontinuierliche Verfassungssubstanz unterhalb der Regimewechsel. In der Bundesrepublik wurde der Korporatismus als Merkmal des schwerfälligen rheinischen Kapitalismus kritisiert, als Ausdruck des deutschen Missverhältnisses zu Markt und Freiheit. Stellt sich das in jetzt plötzlich anders dar? Wir brauchen unterschiedliche Regelungssysteme. Müssen wir wirklich die deutsche Handwerksordnung, einschließlich des großen Befähigungsnachweises, über Bord werfen, bloß weil sie manchen als schlimmste Verkörperung von altmodischem Hinterwäldlertum gilt? Ich habe meine Dissertation über das Berufsrecht von Wirtschaftsprüfern geschrieben und hänge seither der verstaubt erscheinenden Vorstellung an, dass freie Berufe ein anderes Regelwerk brauchen als den reinen wirtschaftlichen Wettbewerb. Und ob Gewinnmaximierung verfassungsrechtlich und verfassungspolitisch das einzige Kriterium für Presseunternehmen sein kann, darüber kann man wohl trefflich streiten. Wehlers Ansatz rückt die langfristigen, schwer veränderbaren gesellschaftlichen Strukturen ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Was haben Sie gelernt bei der Lektüre des fünften Bandes, der Ihre Lebenszeit behandelt? Zum Beispiel ist es sehr einleuchtend, dass soziale Ungleichheit nicht nur eine Frage von Einkommen oder Vermögen ist, sondern auch von Haltungen, Umgangs- und Erziehungsformen. Sie sind 1972 das erste Mal in den Bundestag gewählt worden. Wehler sagt, die zentralen politischen Grundentscheidungen sind am Anfang gefallen, danach gab es wenig Veränderungen. Sieht das der politische Akteur ähnlich? Ja, bei den politischen Grundentscheidungen sehe ich das genauso, also außenpolitische Orientierung, europäische Integration, Föderalismus, soziale Marktwirtschaft. Doch von der Dynamik, mit der sich politische und auch gesellschaftliche Prozesse vollziehen, enthält das Buch relativ wenig. Die verzögerte Modernisierung in den fünfziger Jahren, dann die beschleunigte in den sechziger Jahren: da gab es immense Veränderungen. Auch der enorme Einfluss der technologischen Innovationen kommt bei Wehler zu kurz, die Revolution unserer Gesellschaft durch die Informationstechnologie. Wehlers sehr kritische Passagen über die Achtundsechziger müssten Ihnen als Unionspolitiker gefallen haben. Ich glaube an Lernfähigkeit, im Zweifelsfall auch aus Irrtümern. An den Achtundsechzigern war vieles falsch und selbstgerecht; auf der anderen Seite sehe ich eine fast historische Notwendigkeit, dass es so eine Entwicklung geben musste. Die Beziehungen zwischen Männern und Frauen zum Beispiel haben sich in kurzer Zeit vollkommen verändert. In Deutschland war vieles war eine verspätete Anpassung, verzögert durch zwei Weltkriege und die Katastrophe der nationalsozialistischen Diktatur. Deswegen musste die Anpassung wohl beschleunigt nachgeholt werden, mit all den Verunsicherungen, die damit einhergingen. Diese Bundesrepublik Deutschland hat dabei in ihrer rechtlichen und politischen Grundverfassung ein ungeheures Maß an Stabilität und Anpassungsfähigkeit bewiesen. Wie stark hängt die Stabilität dieser Republik, die Legitimität der politischen Ordnung noch ab von der Erinnerung an die Phase des nie dagewesenen wirtschaftlichen Wachstums, das ja das Vertrauenskapital für die Bundesrepublik erzeugte? Das war am Anfang für diese traumatisierte Gesellschaft schon sehr hilfreich. Aber heute, nach sechzig Jahren - immerhin einem Zeitraum, der so lang ist wie die Spanne zwischen Reichsgründung 1871 und Adolf Hitler? Ich glaube nicht, dass unsere Ordnung fundamental von der wirtschaftlichen Entwicklung abhängt. Wir sind auch in der momentanen Phase tiefgreifender, über die Wirtschaft hinausreichender Verunsicherungen hinreichend krisenfest. Auch die abnehmende Wahlbeteiligung beispielsweise ist nicht wirklich dramatisch: Sie ist ein Zeichen für eine relative Abwesenheit tiefgreifender Krisen - eine Gesellschaft, der es einigermaßen gut geht, ist nicht sehr fröhlich, sondern meist ein bisschen unzufrieden. Das ist völlig in Ordnung, Hurra-Verehrung ist etwas für Diktaturen. In den letzten Jahren schien bei Meinungsmachen und Interessengruppen ein ultraliberaler, staatskritischer Konsens zu herrschen - hat die Politik sich davon zu sehr beeindrucken lassen und ihren eigenen Spielraum eingeschränkt? Wenn politische Entscheidungen unberührt blieben von den öffentlichen Debatten, würde unsere Demokratie nicht funktionieren. Deswegen müssen sie beeinflusst werden. Von Friedrich Merz stammt der Satz, dass Sabine Christiansens damalige Talkshow wichtiger sei als jede Bundestagsdebatte. Der Satz spiegelte damals einen Teil der Fernsehwirklichkeit wieder - es wurde ja gezählt, wer wie viele Auftritte bei "Christiansen" hatte. Heute sind Talkshows sind nicht mehr so wichtig; die meisten Politiker gehen gar nicht mehr gern hin. Da wirkt fast schon eine unsichtbare Hand nicht nur des Marktes, sondern auch der offenen Gesellschaft: Wir kriegen alles durch Übertreibungen satt. Und die Übertreibungen korrigieren sich dann auch wieder selber. Kann Politik noch entscheiden? Entscheidungen fallen wegen diverser Einflussnahmen schwer. Das wird oft kritisiert. Aber in Zeiten, in denen politische Entscheidungen scheinbar leicht gefallen sind, waren die Ergebnisse katastrophal. Und die Europäer haben ihre Verfassungskultur nicht entwickelt, um die Effizienz politischer Entscheidungen zu verbessern, sondern um die Gefahr des Machtmissbrauchs und der Übertreibung zu verringern. Wir sind alles in allem immer noch in einer glücklichen Lage. Ich glaube, dass wir auch diese Krise überleben werden. Und die Generationen nach uns werden noch ganz andere Krisen bestehen müssen. Ein hinreichendes Maß an Zuversicht ist da hilfreich. Die Fragen stellten Patrick Bahners und Alexander Cammann. FAZ 2008/10/15 "Weniger glamourös, aber gesünder, verlässlicher, planbarer". Im Gespräch: Christian Seifert, Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Fußball Liga. Roland Zorn Sport Interview BRD Seite 31 Im Gespräch "Weniger glamourös, aber gesünder, verlässlicher, planbarer". Im Gespräch: Christian Seifert, Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Fußball Liga. Die Finanzkrise trifft die Bundesliga weniger hart als die europäische Konkurrenz. Das Thema Investoren und Mehrheitsbeteiligung rückt fürs Erste an den Rand der Agenda. Viele Deutsche machen sich nach wie vor große Sorgen wegen der internationalen Finanzkrise. Auch die Fußball-Bundesliga? Wenn die Finanzkrise die Welt trifft, ist der Profifußball Teil davon. Die Bundesliga ist als Ganzes gut aufgestellt und wird mögliche Konsequenzen, wenn überhaupt, weniger stark verspüren als andere Märkte und Unternehmen - und ganz sicher als manch andere Profiliga Europas. Nun hat die Bundesliga aber anders als beispielsweise die englische Premier League noch nicht Tür und Tor für Investoren geöffnet. Sind Sie angesichts der derzeit globalen wirtschaftlichen Turbulenzen froh darüber? Ich bin der Meinung, das Thema der mehrheitlichen Beteiligung an Bundesligaklubs, Stichwort fünfzig plus eins, ist die falsche Fragestellung. Die richtige Frage ist: Wie können wir zusätzlich seriöses Kapital in die Liga bringen? Eine der ersten Antwort hat damals Schalke gegeben, das ausgelacht wurde, weil es sich mit dem Bau seines Stadions verschuldete. In Wahrheit ist das eine Immobilienfonds-Lösung, bei der Gelder aus Pensionsfonds in ein Fußballstadion investiert wurden. Damit war Schalke ein Vorreiter bei der Erschließung neuer Finanzierungsquellen. In diese Richtung weiterzudenken, scheint mir sinnvoller, als 50+1 schwarz oder weiß zu sehen. Ich habe auch manchmal den Eindruck, dass man Investor sagt und unbegrenztes Geld für neue Spieler meint. Die sogenannten Investoren in England müssen mir mal erklären, wie sie im Profifußball über drei Milliarden Euro Schulden plus Zinsen wieder einspielen wollen. Sie fordern also eine andere Betrachtungsweise? Wir neigen zwar zu einer punktuellen Betrachtung, doch Themen wie 50+1, die denkbare Aufstockung von 18 auf 20 Klubs, die ins Gespräch gebrachte Einführung eines Ligapokals gehören zusammen. Stockt man die Liga auf, kann es vermutlich keinen großen Ligapokalwettbewerb geben; wenn die Champions League ab 2010 an einem Samstag im Mai den Saisonabschluss darstellen will und auch das DFB-Pokalendspiel weiter samstags stattfinden soll, reicht vielleicht die jetzt ins Auge gefasste Verkürzung der Winterpause um ein, zwei Wochen nicht mehr. Wie bei 50+1 gilt auch hier: Wir tun gut daran, alles in seiner Gesamtheit, also auch mit den Folgen für andere Teilbereiche, zu diskutieren. Die Zeiten des großen Wachstums aber scheinen, unabhängig von der derzeitigen Finanzkrise, vorbei. Premiere hat die Zahl seiner wirklichen Abonnenten auf 2,4 Millionen nach unten korrigieren müssen, der Aktienkurs des Pay-TV-Unternehmens sank entsprechend; das Kartellamt hat der DFL nicht den nötigen Gestaltungsrahmen bei der bevorstehenden Neuvergabe der Fernsehrechte eingeräumt. Muss die Liga demnächst kräftig sparen? Aus heutiger Sicht eher nicht. Die Kosten der Spielerkader liegen in der Bundesliga bei etwa 40 Prozent, in anderen Ligen bei 60 bis 70 Prozent. In der vergangenen Saison haben alle Bundesliga-Klubs schwarze Zahlen geschrieben. Die Verbindlichkeiten wurden kontinuierlich abgebaut. Die Bundesliga ist vielleicht ein bisschen weniger glamourös als andere Ligen, aber dafür ganz sicher gesünder, verlässlicher, planbarer. Das sind Werte, zu denen man sich ruhig mal bekennen darf, statt verschämt zu Boden zu sehen, wenn mal wieder zwei Schuldenklubs im Champions-League-Finale stehen. Und dass das neue Management von Premiere neue Kundenkategorien einführt, hat erst mal nichts mit der Finanzkrise zu tun. Pay-TV braucht für mehr Kunden nationalen Fußball, nationaler Fußball braucht für mehr Geld Pay-TV, das ist seit 15 Jahren so und auch keine neue Erkenntnis. Bietet die Finanzkrise auch Chancen? Etwa dergestalt, dass man gezwungen ist, sich auf die eigenen Werte zu konzentrieren und die eigenen Möglichkeiten konsequenter umzusetzen? Ich habe mal ein schönes Zitat gelesen: Wenn man der Krise den Beigeschmack der Katastrophe nimmt, ist sie ein sehr produktiver Zustand. In dieser Situation wird sich, übertragen auf unsere Arbeit, die nachhaltige Strategie von Klubs und DFL auszahlen. Im spanischen Fußball stehen einige Klubs an der Grenze zur Insolvenz, weil sich dort traditionell immer wieder Bauunternehmer Profiklubs als Hobby gehalten haben und der Immobilienmarkt bekanntlich in der Krise ist. Die Serie A wird das Problem ihrer völlig veralteten Stadion-Infrastruktur kurzfristig nicht lösen können. Und über die Premier League ist auch genug geschrieben worden. Wir können für die Bundesliga nicht ausschließen, dass wir einmal in stürmische Gewässer kommen, aber unser Schiff ist in besserem Zustand. Darüber hinaus werden wir ein paar Dinge zu Ende diskutieren. Beispielsweise: Wollen wir einen einheitlichen Spielball, oder wollen wir ihn nicht? Hier die Vereine, da die DFL - von außen sieht es nicht immer so aus, als gebe es da ein symbiotisches Verhältnis. Natürlich ist die DFL manchmal Prellbock. Wir sind nicht mehr das Ligasekretariat von einst. Im Interesse der Klubs ist die DFL unternehmerisch tätig - und das mit Erfolg. Unsere Aufgabe ist es, neue Geschäftsfelder zu erschließen und Dinge vorzubereiten, die morgen auf der Tagesordnung stehen. Das können Klubs, die zuallererst auf ihren individuellen sportlichen Erfolg ausgerichtet sein müssen, nicht leisten. Mediale, technologische, rechtliche oder finanztechnische Entwicklungen werden immer komplexer. Für uns wird dabei die Vermittlung von Entscheidungen und Handlungszwängen immer wichtiger. Wollen wir gemeinsam Erfolg haben, ist wechselseitiges Vertrauen hierfür die Grundvoraussetzung. Dies wird glücklicherweise zunehmend verstanden. Das zeigen mir viele persönliche Gespräche. Sehen Sie sich gemeinsam auf einem guten Weg? Ich bin fest davon überzeugt, dass die Marke Bundesliga im Zusammenspiel von Klubs und DFL in eine erfolgreiche Zukunft geführt wird. Die Eigenvermarktung der Klubs funktioniert sehr gut. Auch auf dem Platz sind Fortschritte erkennbar. Vor zwei Jahren haben wir uns noch an den Rumänen gemessen, inzwischen haben wir die Franzosen überholt, und wenn die Saison international richtig gut läuft, kommen wir sogar an die Italiener heran. Dass sechs, sieben Klubs in der Breite gut aufgestellt sind, ist für die Uefa-Wertung von Vorteil - für die Champions League nicht. Und damit haben wir das nächste Thema, das wir konsequent zu Ende diskutieren müssen. Das Gespräch führte Roland Zorn. FAZ 2008/10/15 Aktienkurse in Island stürzen ab. Nach Ende der Handelspause fällt der Index um 77 Prozent. Reuters Finanzmarkt Meldung Island Seite 21 kA Aktienkurse in Island stürzen ab. Nach Ende der Handelspause fällt der Index um 77 Prozent. REYKJAVIK/MOSKAU, 14. Oktober (Reuters). An der isländischen Börse sind die Aktienkurse nach Aufhebung eines mehrtägigen Handelsstopps am Dienstag ins Bodenlose gestürzt. Wegen der Finanzkrise und der Sorgen vor einem Staatsbankrott fiel der Leitindex OMXI um 77 Prozent, obwohl die Papiere von sechs großen Banken weiterhin vom Handel ausgesetzt blieben. Die Regierung in Reykjavík schickte eine Delegation nach Moskau, um Russland um einen Kredit zu bitten. Zuvor hatte der von der Finanzkrise besonders stark getroffene Inselstaat bereits den Internationalen Währungsfonds (IWF) um Hilfe gebeten. Um einen Kollaps des isländischen Bankensystems zu vermeiden, hatte die Regierung zuletzt die drei größten Geldhäuser des Landes verstaatlicht: Kaupthing, Landsbanki und Glitnir. Die drei Finanztitel gehörten zusammen mit den Papieren von Straumur-Burdaras, Sparkasse Reykjavík und Exista zu den Aktien, die am Dienstag weiterhin nicht gehandelt werden durften. Die gesamte isländische Börse war wegen der Finanzkrise seit Mittwoch vergangener Woche geschlossen. Das russische Finanzministerium teilte mit, die isländische Delegation werde zunächst ihre genauen Wünsche hinsichtlich eines Milliardenkredits erläutern. Sollten beide Seiten eine grundsätzliche Einigung erzielen, würden Verhandlungen auf höherer Ebene folgen. Island hat einen russischen Notkredit in Höhe von 4 Milliarden Euro ins Gespräch gebracht, was etwa einem Prozent der russischen Gold- und Währungsreserven entspricht. Russische Vertreter bekräftigten die grundsätzliche Bereitschaft Russlands, Island finanziell zu helfen. Am Montagabend war aus Kreisen des Internationalen Währungsfonds verlautet, dessen Exekutiv-Gremium habe am Wochenende über die Bitte aus Reykjavík um einen Notkredit beraten, ohne aber eine konkrete Summe festzulegen. FAZ 2008/10/16 Island hofft auf Russland. Verhandlungen über Großkredit. Leitzins gesenkt. Weiter Angst vor dem Staatsbankrott. Th. Politik Meldung Island Seite 7 kA Island hofft auf Russland. Verhandlungen über Großkredit. Leitzins gesenkt. Weiter Angst vor dem Staatsbankrott. Th. REYKJAVIK, 15. Oktober. Island versucht, mit allen Mitteln einen Staatsbankrott zu verhindern. Am Mittwoch senkte die isländische Nationalbank die Leitzinsen von 15,5 auf 12 Prozent. Zur Begründung hieß es, wegen der internationalen Finanzkrise sei die Nachfrage in Island eingebrochen, viele Arbeitsstellen seien innerhalb kurzer Zeit weggefallen. Fachleute der isländischen Regierung und der Zentralbank verhandeln in Moskau zudem über einen russischen Kredit in Höhe von vier Milliarden Euro. Auch mit dem Internationalen Währungsfonds laufen Gespräche über Hilfsaktionen. Aus Norwegen und Dänemark erhält Island schon Unterstützung. Gemäß einem sogenannten Swap-Abkommen vom Mai konnte die isländische Zentralbank von den Zentralbanken Dänemarks und Norwegens einen Kredit von jeweils 200 Millionen Euro erhalten. Nach dem Abkommen kann Island von Dänemark, Norwegen und Schweden jeweils bis zu 500 Millionen Euro erhalten. Schon am Dienstagabend hatte Ministerpräsident Haarde angekündigt, dass die Zentralbank die Politik der hohen Leitzinsen nach dem Zusammenbruch des isländischen Bankensystems "gründlich überprüfen" werde. Die Lage der Wirtschaft habe sich grundlegend geändert. Die Zentralbank hatte in den vergangenen Monaten die Leitzinsen, die seit vergangenem Jahr von 14 auf 15,5 Prozent erhöht worden waren, unverändert gelassen, um der Inflation von gegenwärtig 20 Prozent entgegenzuwirken. Diese Zinspolitik hatte sich jedoch angesichts des freien Kapitalverkehrs als wirkungslos erwiesen. Denn wie viele isländische Unternehmer hatten auch Privatleute in den vergangenen Jahren ihre Kredite zur Finanzierung von Autos oder Wohnungen in Devisen mit wesentlich niedrigeren Zinsen aufgenommen. Das hat für die meisten schlimme Folgen, da sie angesichts des Verfalls der isländischen Krone inzwischen mehr als das Doppelte an Tilgungskosten haben. Auch der sozialdemokratische Wirtschaftsminister Björkvin Sigurdsson hatte wie Haarde im Rundfunk hervorgehoben, dass die Leitzinsen so rasch wie möglich gesenkt werden müssten. Er rechtfertigte am Mittwoch vor dem Parlament für die Regierung die Übernahme der drei großen zahlungsunfähigen Banken und die Staatsgarantien für isländische Einlagen. Zuvor hatte Ministerpräsident Haarde eingestanden, dass das ein waghalsiges Vorgehen gewesen sei, da die Verpflichtungen der drei Banken ein Vielfaches des Bruttoinlandsproduktes von Island ausmachen. Island hat etwa 316 000 Einwohner. Am Mittwoch wurde in Island zudem eine Vereinbarung der Zentralbank mit den wichtigsten Marktakteuren über die weitere Bewirtschaftung der Devisen getroffen, die über Auktionen und nach Bedarf verteilt werden sollen. Der künstliche Kurs liegt gegenwärtig bei 150 isländischen Kronen für einen Euro, was eine Verdoppelung gegenüber dem Vorjahr darstellt. FAZ 2008/10/16 Das Schleifen der heimischen Burgen. In Amerika begann die Finanzkrise als Immobilienkrise. In Großbritannien ist es umgekehrt. In London geht wieder die Angst um. Johannes Leithäuser Politik Reportage GB Seite 7 kA Das Schleifen der heimischen Burgen. In Amerika begann die Finanzkrise als Immobilienkrise. In Großbritannien ist es umgekehrt. In London geht wieder die Angst um. Von Johannes Leithäuser. LONDON, 15. Oktober. Einen Tag nach dem Motto "Aktien erholt" lauten Londoner Schlagzeilen schon: "Hauspreise um 20 Prozent abgestürzt" - der Strudel der Krise reißt auch stabil geglaubte Anlagen mit sich. Nicht weniger heftig als die Angst vor stürzenden Aktienkursen und verfallenden Bankguthaben packt britische Eigentümer die magenkrümmende Sorge im Blick auf ihre steil abrutschenden Immobilienwerte. Im Kleingedruckten seines gefeierten Bankenrettungsplanes hat der britische Premierminister Brown gleich Bedingungen aufgestellt, die nach dem Finanzkrach nun einen Absturz der Hauseigentumswerte verhindern sollen - das wäre für die britische Bevölkerung der schlimmere Sturm, für die britische Wirtschaft der tiefere Rezessionsgrund. Der Hauspreisverfall kam nicht über Nacht. Vor einem Jahr haben die Preise nach einem Jahrzehnte währenden, zuletzt schwindelerregenden Anstieg ihren Zenit erreicht - die Steigerungen lagen in der letzten Dekade bei 200, 300 Prozent und noch höher. Das langsame Abgleiten, das die Preisstatistiken seither verzeichneten, wurde freundlich "Korrektur" geheißen, auch von "gesundem Einpendeln" war die Rede. Inzwischen strafen die Zahlen aber solche streichelnden Formeln Lügen: Die Zahl der Hausverkäufe ist im letzten Monat im Vergleich zum Vorjahres-September um mehr als die Hälfte gesunken; die Zahl der Einstiegskäufer, die in jungen Jahren erstmals den in Großbritannien üblichen Apartment-, Wohnungs- oder Hauskauf wagen, hat sich ebenfalls mehr als halbiert (es waren noch 15 000 im letzten Monat in dem mehr als 60 Millionen Einwohner beherbergenden Vereinigten Königreich). Die Zahl neu abgeschlossener Hypothekenverträge fiel um fast 60 Prozent, das Finanzierungsvolumen sogar um 63 Prozent, gemessen am gleichen Vorjahresmonat. Die Klausel des Premierministers gegenüber den Banken lautete daher nun, wenn sie einerseits die staatlichen Angebote zur Kapitalbeteiligung annehmen wollten, dann müssten sie andererseits dafür sorgen, dass das Hypothekenangebot wieder auf das Niveau des Jahres 2007 steige. Und Brown führte gleich Zuversicht vor: Er versuchte sogar, zurückliegende Versäumnisse der Labour-Regierung jetzt in einen Vorteil umzumünzen: In Amerika, auch in Spanien sei ja die Immobilienkrise durch das inflationäre Überangebot an Häusern und Wohnungen entstanden - in Großbritannien hingegen herrsche Wohnungsknappheit, "weil wir über viele Jahre hinweg versäumt haben, genügend Häuser für die große Nachfrage zu bauen". Deswegen werde der britische Immobilienmarkt "schneller wieder durchstarten" als die Märkte in Amerika oder im südlichen Europa, lautete Browns tröstende Prophezeiung. Der von ihm entdeckte rettende Nachfragehunger nagt allerdings am entgegengesetzten, am unteren Ende des Immobilienmarktes, durch dessen brüchiges oberes Dach jetzt die Hauswerte stürzen. Vier Millionen Briten warten gegenwärtig auf die Zuteilung einer Sozialwohnung - nach der Privatisierungskampagne der konservativen Thatcher-Regierung vor fast dreißig Jahren ist die Quote der Mieter in Sozial- oder Genossenschaftswohnungen von 42 Prozent der Bevölkerung auf 18 Prozent gefallen. Die Panik-Rabatte beim Hausverkauf, die jetzt den Jägern nach Immobilienschnäppchen zugutekommen, finden aber nicht in den Armutsbezirken der britischen Städte statt, sondern in den gepflegten Vierteln des oberen Mittelstands, in den Londoner Stadtteilen Chelsea oder Notting Hill beispielsweise. Dort residierten die Makler und Manager der Krisenbanken, deren überraschende Kündigung jetzt Ausverkaufs-Kringel zieht. Eine Zweizimmerwohnung im Stuckaltbau nordwestlich des Hyde Park, kürzlich noch mit dem Preisetikett von 635 000 Pfund (etwa 800 000 Euro) ausgezeichnet, ist jetzt für 499 000 Pfund im Angebot; ein repräsentatives, sechs Schlafzimmer großes Stadthaus in Kensington rutschte vom Ausgangspreis (11,5 Millionen Pfund) auf achteinhalb Millionen. Das britische Mittelstandspublikum, das seinem Grundbesitz gegenüber schizophrene, einander ausschließende Wertvorstellungen hegt, betrachtet die welkenden Hauspreise mit masochistischem Gruseln. Die Geborgenheits-Funktion des englischen Eigenheims, die das Sprichwort von der "Burg" des Bewohners festhält, hat im Jahrzehnt des Preisbooms für eine Goldesel-Funktion Platz machen müssen. Viele Besitzer funktionierten ihre Reihenhaus-Burg in einen Steinbruch um: Die kräftig steigenden Häuserwerte gestatteten es, auch das Hypothekenvolumen zu erhöhen - so kam (geliehenes) Geld ins Haus für Urlaubsreisen, neue Autos, für die hohen Schulgebühren der Kinder. Der Boom nährte bald eine wachsende Schar von handwerklich geschickten oder verkaufsversierten Eigentümern, die vom "making-up" günstig gelegener, gut zu schminkender Immobilien lebten. Es entstand ein Wertsteigerungswettbewerb, den nicht bloß die Nachfrage - in London vor allem der Bedarf von Hunderttausenden ausländischer Dienstleistungsangestellter - befeuerte, sondern den eigene Fernsehsendungen, Bauherren-Magazine und das Beispiel der eigenen Nachbarn immer weiter antrieben. Es wurde Gegenstand von Party-Gesprächen, für welche Summe ein Objekt erworben ward, wie viel "hineingesteckt" werden musste und mit welcher Profitspanne es wieder veräußert werden konnte. Jemima Khan, die Londoner Society-Berühmtheit, die aus der Millionärsfamilie Goldsmith stammt, hätte beinahe die Liga der Amateur-Immobilien-Dealer mit ihrem eigenen Coup gekrönt. Sie hatte ein denkmalgeschütztes, neoklassisches Domizil in Chelsea (sechs Schlafzimmer, vier Badezimmer) vor zwei Jahren für 18 Millionen Pfund erworben, es dann für 2 Millionen für sich, ihre Söhne und Hugh erweitern und umbauen lassen und schließlich einen Käufer gefunden, der ihr 35 Millionen dafür bot. Der Verkauf scheiterte dann aber doch noch in letzter Minute. Ein Misserfolg auf noch höherem Niveau wurde im Juni von Lakshmi Mittal berichtet, jenem märchenhaft reichen indischen Stahlmagnaten, der in London vis-à-vis dem königlichen Palast von Kensington residiert, in einer Straße, die gerne mit der neckischen Adresse "Milliardärszeile" bezeichnet wird. Mittal, der in dieser Straße zwei Anwesen hat, wollte für seinen Sohn einen dritten Villenpalast erwerben, für den er - so sagt es der Teeküchenklatsch der Maklerszene - vergeblich 200 Millionen Pfund geboten habe. Der Sohn Aditya Mittal fand am Ende aber doch ein paar Häuser weiter in der ehemaligen philippinischen Botschaft für 70 Millionen Pfund ein Unterkommen. Abgesehen von solchen kapriziösen Abschlüssen erreichen auf dem Londoner Markt mittlerweile bloß noch die Zahlen der Zwangsversteigerungen neue Rekorde. Da viele Hypothekenbanken in den vergangenen Jahren bei ihren Beleihungsvolumen bis an die Grenze des Häuserwertes oder sogar darüber hinaus gingen - auch 120 Prozent Hypothekenvolumen waren im Kalkül auf weiter steigende Häuserpreise zu haben -, ist ihre Geduld nun knapp bemessen. "Negatives Eigenkapital" lautet die Alarmansage für viele Eigentümer, die ihr Heim zu hohen Preisen gekauft und mit hohen Hypotheken belastet haben. Ihnen bleibt als letztes Mittel mitunter bloß die Flucht in eine kleinere Mietwohnung - und die Zwischenvermietung des eigenen Hauses. In diesem Mechanismus steckt eine weitere schlechte Nachricht für die Labour-Regierung: Da gegenwärtig keiner kaufen will und niemand verkaufen mag, steigen die Mieten. FAZ 2008/10/16 Notstandsgesetz ohne Mehrkosten. Die Finanzkrise, die Kommunen und der Abbau von Bürokratie. Kommunale Bedienstete werden sogar ausgesandt, um Daten über Vieh und Obstbäume zu sammeln. Reinhard Müller Zeitgeschehen Zitat BRD Seite 10 kA Notstandsgesetz ohne Mehrkosten. Die Finanzkrise, die Kommunen und der Abbau von Bürokratie. Kommunale Bedienstete werden sogar ausgesandt, um Daten über Vieh und Obstbäume zu sammeln. Von Reinhard Müller. BERLIN, 15. Oktober. "Der Staatsapparat gehört entrostet, umgebaut und in Schwung gebracht." Das forderte Bundespräsident Köhler nicht im Angesicht der aktuellen Finanzkrise, sondern schon im Oktober 2004. Zum Staat gehören auch die Kommunen. Das wurde und wird vielfach übersehen, wenn mit Pathos eine Entschlackung der Verwaltung angemahnt wird - und das geschieht immerhin seit Jahrzehnten in schöner Regelmäßigkeit. Besonders beliebt ist der Satz, Bürokratieabbau dürfe kein Schlagwort bleiben. Dafür ist ein nationaler Normenkontrollrat geschaffen worden. Dieser Rat brauchte etwa drei Stunden, um am vergangenen Montag den Gesetzentwurf zur Bewältigung der Finanzkrise zu prüfen und durchzuwinken. Denn, man höre und staune, bei diesem monumentalen Rettungspaket über 480 Milliarden Euro entstehen keine Bürokratiekosten. Der Gesetzgeber verlässt sich auf Verträge und Selbstverpflichtungserklärungen der Banken, wie Henning Kreibohm, der ständige Berichterstatter des Normenkontrollrats, auf einer Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung am Mittwoch in Berlin hervorhob. Es würden marktwirtschaftliche Instrumente eingesetzt. Der parlamentarische Geschäftsführer der Unionsfraktion im Bundestag und gleichsam der Vater dieses Gremiums zum Bürokratieabbau, Norbert Röttgen, nannte die Finanzkrise die "Stunde Kontinentaleuropas", um "den Ordnungsrahmen, den wir entwickelt haben, durchzusetzen". "Rechtsetzung und Ordnung geben" seien "Bedingung und Teil erfolgreicher Wirtschaft". Eine Abgrenzung vom angelsächsischen Modell: Röttgen nannte es einen "Fehler" der Vereinigten Staaten, Lehman Brothers "vor die Wand fahren zu lassen", so fügte er im Gespräch mit dieser Zeitung hinzu. Das Zögern der Bundesregierung sei richtig gewesen, das gesamte Vorgehen "gut". Der CDU-Politiker lobte auch das zügige parlamentarische Verfahren unter Einschluss der Linksfraktion. Die Notstandslage, die zügiges Handeln erzwang, hat ein der Sache nach umfangreiches, aber doch schlankes Gesetz hervorgebracht, das Vorbild sein kann. Röttgen wies darauf hin, dass der Normenkontrollrat als eine Art vorgezogener Rechnungshof und Hilfsorgan des Parlaments die Regierung dazu zwinge, sich über die Bürokratiekosten Gedanken zu machen. Kreibohm wies darauf hin, dass die Regierung die Stellungnahmen des Rates meist ablehne und das Parlament sie dann doch durchsetze. Es hat sich gezeigt, dass die Beratung in laufenden Gesetzgebungsvorhaben mit dem Ziel, die Wirtschaft zu entlasten, inzwischen recht gut funktioniert: Schon jetzt führt demnach eine Verwirklichung der vom Normenkontrollrat vorgelegten Entwürfe zu einer Nettoentlastung von etwa 1,3 Milliarden Euro. Die Gesetze mit den höchsten Bürokratiekosten sind das Jahressteuergesetz und das Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz. Streit gibt es über die Höhe der Kosten für Informationspflichten (das sind im Kern die Bürokratiekosten) bei Buchführungen und Bilanzen. Sind es 5 oder 15 Milliarden Euro? Schwieriger ist es, den vorhandenen Bestand an Bürokratie zu verringern. Und die Kommunen? Auch die Kommunen sehen sich vor allem als Opfer von Informationspflichten. So hat die Stadt Bünde ermittelt, dass im Jahr 2000 Arbeitsstunden (Kosten: 90 000 Euro) aufgewendet wurden - um gesetzliche Informationspflichten zu erfüllen. Insgesamt sollen es bis zu 10 Millionen Arbeitsstunden jährlich sein, die zur Erfüllung solcher Pflichten gegenüber Bund und Ländern verwendet werden, aber nichts mit den eigentlichen Aufgaben der Kommunen gegenüber den Bürgern zu tun hätten. Von bis zu 400 Millionen Euro Personalkosten ist die Rede. Als herausragendes Beispiel nennen die Fachleute des Bürokratieabbaus das Agrarstrukturgesetz des Bundes. Auf dessen Grundlage werden regelmäßig kommunale Bedienstete ausgesandt, um für den Bund und die Europäische Gemeinschaft Daten etwa über Vieh und Obstbäume zu sammeln. Kommunen ermitteln die Zahl der Kirchenaustritte etwa, der Empfänger von Hilfen zur Erziehung, der Einbürgerungen, von Unbedenklichkeitsbescheinigungen nach Gewerberecht. Sind das alles noch Aufgaben der örtlichen Gemeinschaft - und wer kommt dafür auf? Das "Nationale Zentrum für Bürokratiekostenabbau" an der Fachhochschule des Mittelstandes in Bielefeld hat ermittelt, dass 40 Prozent der den Kommunen auferlegten Pflichten ihren Ursprung in Bundes- oder EU-Recht haben und 50 Prozent im Landesrecht. Hiervon waren aber nur die Hälfte Selbstverwaltungsaufgaben der Kommunen. Die Frage ist freilich, ob in vielen Fällen nicht schon die Datenerhebung als solche, sondern auch die Art und Weise der Informationsbeschaffung unsinnig sind. So wird von Fragebögen berichtet, die so kompliziert sind, dass Mitarbeiter sie mit den Landwirten durchgehen müssen. Und was geschieht mit den zahlreichen gesammelten Informationen? Sie landen oft auf Datenfriedhöfen. Mitunter fragten Kommunen nach, was denn mit den Daten geschehen sei, und das Land konnte keine Auskunft geben oder auch nur sagen, auf welcher Grundlage sie erhoben wurden. Doch darf der Anteil überflüssiger Bürokratiekosten auch nicht überschätzt werden. Der Oberbürgermeister von Baden-Baden, Wolfram Gerstner, sprach von insgesamt einem Prozent am Gesamthaushalt. Der Freiburger Oberbürgermeister Dieter Salomon deutete ebenfalls an, dass sie insgesamt nicht besonders ins Gewicht fielen. Das wollte aber niemand so verstanden wissen, dass Bürokratieabbau deshalb nicht wichtig sei. Vielmehr bedeute Bürokratie im Grunde, dass sich die Verwaltung mit sich selbst beschäftige. Und dieser Eindruck müsse vermieden werden - nicht zuletzt in den Augen der Bürger. Was die Verwaltung und die Bürger angeht, so steht der Normenkontrollrat noch vor großen Herausforderungen. Die Finanzkrise und das Rettungspaket der Bundesregierung würdigten die kommunalen Vertreter mit Gelassenheit. Von einer "Renaissance des Sparkassenwesens" sprach Hans-Günter Henneke, der Geschäftsführer des Deutschen Landkreistages. FAZ 2008/10/16 Browns Ideen. kA Werner Mussler Wirtschaft Kommentar GB Seite 11 kA Browns Ideen. Von Werner Mussler. Es ist derzeit viel die Rede davon, dass dem Krisenmanagement zur Bekämpfung der Finanzkrise schnell ein abgestimmtes Konzept für eine "neue" internationale Finanzarchitektur folgen müsse. Es ist begrüßenswert, dass der britische Premierminister Gordon Brown, der führende Krisenmanager dieser Tage, konkretisiert hat, was man sich darunter vorstellen könnte. Am Tag, an dem die 27 EU-Staats- und Regierungschefs den bislang nur von den Euro-Staaten (und ihm selbst) beschlossenen "Instrumentenkasten" zur Stützung des Finanzsystems beschlossen haben, macht Brown zu Recht darauf aufmerksam, dass sich die Europäer nicht selbst genügen dürfen, sondern globale Lösungen suchen müssen. Mindestens genauso wichtig ist sein Hinweis, dass in ein globales Forum nicht nur Finanz-, sondern auch Handelsfragen gehören, dass die Finanzkrise nicht in Protektionismus münden darf. Mutig ist indes seine Idee, man könne schnell eine globale Gruppenaufsicht über die 30 wichtigsten Finanzunternehmen der Welt auf die Beine stellen. Angesichts des langjährigen Streits über dieses Thema schon in der EU wird dieser Vorstoß Browns wohl noch viele Konferenzen beschäftigen. FAZ 2008/10/16 Europa will das Finanzsystem reformieren. Pünktlich zum EU-Gipfeltreffen haben sich die G8-Staaten darauf verständigt, bald einen "Weltfinanzgipfel" zu veranstalten. wmu. Wirtschaft Bericht EU Seite 11 kA Europa will das Finanzsystem reformieren. Pünktlich zum EU-Gipfeltreffen haben sich die G8-Staaten darauf verständigt, bald einen "Weltfinanzgipfel" zu veranstalten. wmu. BRÜSSEL, 15. Oktober. Nach der Einigung auf die Rettungspakete für die Banken haben sich die sieben größten Industriestaaten und Russland (G8) darauf verständigt, baldmöglichst ein globales Treffen zur Zukunft des Weltfinanzsystems zu veranstalten. Dies wurde in einer gemeinsamen Erklärung der G8 angekündigt, die am Mittwochabend zur selben Zeit in Washington und beim EU-Gipfeltreffen in Brüssel veröffentlicht wurde. Mehrere EU-Staats- und Regierungschefs sagten, die EU müsse zum Vorreiter für eine neue Weltfinanzarchitektur werden. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte in Brüssel, die gegenwärtige Krise dürfe sich nie wiederholen. Zuvor hatte bereits der britische Premierminister Gordon Brown für ein Treffen der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer nach Vorbild der Bretton-Woods-Konferenz 1944 geworben und die konkretesten Forderungen für eine Reform des Bankensystems und eine Art globaler Bankenaufsicht erhoben. Bereits am Dienstag hatte Jean-Claude Trichet, der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), eine Rückbesinnung auf die Disziplin gefordert, die in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg für Stabilität der Weltwirtschaft gesorgt habe. An der Konferenz teilnehmen sollen nach Browns Vorstellungen außer den G8 auch aufstrebende Wirtschaftsmächte wie China und Indien. "Das Finanzsystem wieder aufzubauen, wird einer Vision bedürfen wie in den vierziger Jahren bei der Schaffung des Internationalen Währungsfonds", sagte Brown. Es sei erforderlich, "sehr radikale und weit reichende Veränderungen" herbeizuführen. Alle Finanzprodukte, die "im Schatten lägen", müssten zur Disposition gestellt werden. Nach den Vorstellungen des britischen Premierministers soll außerdem bis zum Jahresende eine internationale Vereinbarung getroffen werden, die eine internationale Gruppenaufsicht über die 30 wichtigsten Finanzinstitute der Welt ermöglichen soll. Die bisher national organisierten Aufseher sollten künftig in einem Kollegium zusammentreten. Über eine solche Gruppenaufsicht auf europäischer Ebene wird bereits länger verhandelt, ohne dass bislang eine Einigung erzielt worden wäre. Brown forderte weiter, dass auch internationale Handelsfragen auf dem internationalen Forum verhandelt werden sollten. Ansonsten drohe infolge der vielen durch die Finanzkrise verursachten Staatseingriffe ein protektionistischer Wettlauf. "Wenn wir es binnen weniger Tage geschafft haben, uns zur Rettung der Banken zu koordinieren, muss es auch möglich sein, die blockierte Doha-Runde wiederzubeleben." Brown forderte außerdem ein international abgestimmtes Hilfspaket für die finanziell in Schwierigkeiten geratenen Staaten Mittel- und Osteuropas, speziell Ungarns. Zu den Hilfszusagen des Internationalen Währungsfonds müssten Programme der Osteuropabank und der Europäischen Investitionsbank kommen. Luxemburgs Regierungschef Jean-Claude Juncker warnte vor verfrühten Hoffnungen auf ein rasches Abklingen der Finanzkrise. "Wir sind noch nicht am Ende", sagte er. Die EU sei nun aber gut gerüstet und brauche augenblicklich keine "zusätzlichen Maßnahmen". EU-Währungskommissar Joaquín Almunia sagte, jetzt müsse ein Übergreifen der Finanzkrise auf die Realwirtschaft verhindert werden. Weitgehend einig waren sich die 27 EU-Staats- und Regierungschefs, dem "Instrumentenkasten" zur Rettung des Bankensystems zuzustimmen, den die Euro-Staaten unter Beteilung Browns in Paris beschlossen hatten. Auf Wunsch mehrerer osteuropäischer Staaten wird in der Abschlusserklärung des Gipfeltreffens aber festgehalten, dass die EU-Wettbewerbsregeln und der Stabilitäts- und Wachstumspakt unangetastet bleiben. Außerdem diskutierten sie über die Vorschläge der EU-Kommission zur Erhöhung der Mindestspareinlagen. Zur Bewältigung der Krise wollen die Staats- und Regierungschefs ein neues Gremium einrichten, dem Juncker (als Chef der Euro-Finanzminister), EZB-Präsident Trichet, EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und der amtierende EU-Ratsvorsitzende, Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy, angehören sollen. FAZ 2008/10/16 Mehr Flexibilität für die Banken. EU passt Rechnungslegungsstandards an. hmk. Wirtschaft Meldung EU Seite 12 kA Mehr Flexibilität für die Banken. EU passt Rechnungslegungsstandards an. hmk. BRÜSSEL, 15. Oktober. Die EU hat wegen der Finanzkrise die internationalen Rechnungslegungsstandards (IFRS) für die Bewertung von Wertpapieren geändert. Der Ausschuss für Rechnungslegung, in dem die Mitgliedstaaten vertreten sind, stimmte am Mittwoch in Brüssel dem Vorschlag des International Accounting Standards Board (IASB) in London zu, die Bewertung nach dem aktuellen Marktwert, dem sogenannten "Fair Value", flexibler zu gestalten. Damit dürfen Wertpapiere künftig in extremen Ausnahmesituationen vom Handelsbestand in das Anlagebuch übertragen werden. Die Finanzkrise wird dabei ausdrücklich als ein solcher Ausnahmezustand definiert. Dem Anlagebuch werden normalerweise all die Wertpapiere zugeordnet, mit denen Banken keine kurzfristigen Handelserfolge erzielen wollen. Entsprechend werden sie nicht nach dem aktuellen Marktpreis bewertet. Müssten die Institute die Papiere nach den aktuellen Kursen bewerten, müssten sie nach den jüngsten Kurseinbrüchen an den Börsen zum Ende des 3. Quartals drastische Wertberichtigungen vornehmen. Vertreter der Banken hatten die EU deshalb gedrängt, die Bilanzierungsregeln zu ändern. Dabei hatten sie sich darauf berufen, dass das in den Vereinigten Staaten schon geschehen ist. Die amerikanische Wertpapieraufsicht SEC hat die Möglichkeit, die Bewertung nach Marktpreisen auszusetzen, bisher aber noch nicht genutzt. Stichtag für das Herausnehmen von Wertpapieren aus dem Handelsbestand ist nach dem nun angenommenen Vorschlag der 1. Juli 2008. Im Anlagebuch müssen dann zu erwartende Ausfälle abgeschrieben werden. Das beträfe etwa Forderungen gegenüber der insolventen Bank Lehman Brothers. Frankreich hatte darauf gedrungen, Paragraph 50 der IAS 39 ganz auszusetzen. Damit hätten Kreditinstitute Wertpapiere generell in das Anlagebuch verschieben können. Nach Ansicht des IASB hätte das das Vertrauen in die Rechnungslegung der Banken untergraben. FAZ 2008/10/16 "Unsere Vernunft steckt nicht in einer Krise". Im Gespräch: Bernhard Emunds, Finanzmarktethiker. Alexander Armbruster Wirtschaft Interview BRD Seite 12 Im Gespräch "Unsere Vernunft steckt nicht in einer Krise". Im Gespräch: Bernhard Emunds, Finanzmarktethiker. Der Direktor des Nell-Breuning-Instituts für Wirtschaftsethik glaubt, dass die Marktwirtschaft bleibt. Er fordert aber einen Finanz-TÜV, ehrbarere Banker und erwartet eine größere Rolle des Staats. Haben wir momentan eine Finanzkrise, eine Wirtschaftskrise, oder steht gar unsere gesellschaftliche Vernunft zur Disposition? Was wir haben, das ist eine Finanzkrise, die Gefahr läuft, zu einer handfesten Weltwirtschaftskrise zu werden. Darüber hinaus haben wir allerdings auch eine Krise in der ideologischen Grundorientierung unserer Gesellschaft. Was meinen Sie damit? In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich die wirtschaftsliberale Idee als dominant behaupten können. Das ist eine Position, die darauf vertraut, dass die Privatwirtschaft in sich stabil ist und Märkte automatisch zu den besten Ergebnissen führen, wenn man sie nicht stört. Eine These, die in solch turbulenter Zeit in Frage gestellt wird, sogar von Ökonomen. Genau, und zwar fundamental. Wir haben allerdings keine Krise der abendländischen Vernunft, wie sie sich seit der Aufklärung durchgesetzt hat. Denn diese Vernunft ist nie einfach auf das Strategisch-Instrumentelle oder auf das Ökonomisch-Rationelle beschränkt gewesen. Sie ist umfassender und reflexiver und ordnet selbst das strategische und pragmatische Handeln ein, fragt kritisch nach dessen Zielen und kann die eigenen Einsichten immer neu in Frage stellen. Das bedeutet, auch die Marktwirtschaft steht grundsätzlich nicht in Frage und wird die Finanzkrise überdauern? Davon gehe ich aus. Wir haben kein alternatives System, das besser wäre. Trotz all der Kapitalismuskritik? Ja. Diese Kritik zielt allerdings auf ein gesellschaftliches Problem, das man als zu weitgehende Verselbständigung des Wirtschaftssystems und als Verengung seiner Eigenlogik beschreiben könnte ... ... in Anlehnung an die Systemtheorie des Soziologen Niklas Luhmann, der sich die Gesellschaft als funktional ausdifferenziert in verschiedene Handlungsbereiche vorgestellt hat. Erklären Sie das genauer. Im Unternehmenssektor und in der privaten Finanzwirtschaft werden die Handlungen der Individuen generell auf das Ziel hin koordiniert, möglichst hohe Gewinne zu erzielen. Langfristig sind wir damit gut gefahren und haben ein hohes Wohlstandsniveau erreicht. Offensichtlich haben wir die gesellschaftliche Einbindung dieser Eigenlogik vernachlässigt und zudem zugelassen, dass sie sich verengt. Worauf? Darauf, dass der gesamte wirtschaftliche Erfolg eines Unternehmens und seines Managements reduziert wurde auf eine Zahl: den Aktienkurs, der wiederum an den alle drei Monate ausgewiesenen Quartalsgewinnen hängt. Das hat bei wirtschaftlichen Entscheidungen zu einer unguten Kurzatmigkeit geführt. Und diese Fixierung auf den maximal möglichen Gewinn in der minimal möglichen Zeit ist ein Problem? Ja. Denn sie hat einen enormen Renditedruck erzeugt. Deshalb hat man gerade im Investmentbanking auf Innovationen gesetzt, mit denen staatliche Vorsichtsregeln umgangen werden konnten. Dadurch hat sich die Komplexität des Systems so stark erhöht, dass aktuell in den Finanzinstituten nicht einmal mehr die eigenen Spezialisten überschauen, welche Risiken in den Büchern stehen. Was dann wiederum dazu geführt hat, dass das Misstrauen der Banken untereinander gewachsen ist und eine wichtige kurzfristige Finanzierungsquelle, der Geldmarkt, ausgetrocknet ist ... ... mit der Folge, das einige Banken bankrottgegangen sind, ja. Kann man den Erfindern und Verkäufern dieser Finanzprodukte etwas vorwerfen? Immerhin haben sie das ja aus dem guten Willen heraus getan, den Gewinn des eigenen Instituts zu steigern. Das Problem ist, dass vergessen wurde, dass mit den hohen Gewinnen zwangsläufig hohe Risiken einhergingen, die einfach ignoriert worden sind. Die Marktakteure haben beispielsweise darauf vertraut, dass die amerikanischen Häuserpreise immer weiter steigen. Dass das nicht so sein konnte, war durchaus vorhersehbar. Alle großen Banken haben aber eigene Abteilungen, die sich mit den Risiken der Investitionen beschäftigen und die dafür stehen, dass es den Banken schon ernst ist mit der Risikokontrolle. Sicher, und die Risikomodelle sind sogar besser geworden im Laufe der Zeit. Das ändert aber nichts daran, dass sie immer nur vergangene Entwicklungen abbilden oder extrapolieren können und deshalb stets mit Unsicherheit behaftet bleiben. Von einem Bankmanager darf man verlangen, dass er sich dessen bewusst und auch in der Lage ist, die Aussagen der Modelle zu relativieren. Waren die Spitzenbanker also einfach zu gierig? Wenn man individualethisch argumentieren möchte, dann würde ich vor allem sagen: Sie sind auf der Jagd nach hohen Renditen ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden, weil sie fahrlässig die positive Entwicklung der vergangenen Jahre einfach fortgeschrieben haben. Von Gier zu sprechen und diese zu kritisieren, macht vor allem dann Sinn, wenn wir darüber reden, wie individuell Leben gelingen kann. Und wenn es um die Wirtschaft geht? Dann ist meiner Ansicht nach nicht so sehr die Unterscheidung zwischen Altruismus und Eigennutz wichtig, sondern die zwischen einem wohlverstandenen Eigennutz, der andere Interessen einbezieht, und einem Eigennutz, der nur versucht, opportunistisch und kurzfristig Vorteile auszunutzen. Sollte auch der Staat neben den momentan beschlossenen Milliarden-Rettungspaketen zusätzlich etwas tun, um das Finanzsystem aus der Krise zu führen? Auf jeden Fall, er muss künftigen Krisen vorbeugen. Es gibt dafür gleich mehrere Ansatzmöglichkeiten. Welche sind das? Zuerst sollte die enorme Innovationsdynamik im Investmentbereich, die viel Sicherheit vorgegaukelt hat und Komplexität erhöht hat, gebremst werden. Ich bin für eine Positivliste für Finanzprodukte und einen Finanz-TÜV. Und zwar nicht obwohl, sondern weil das Innovationen behindert. Innovationen zu behindern hört sich nicht gerade sehr fortschrittlich an. Auf den ersten Blick nicht. Neoklassisch könnte man allerdings argumentieren, dass auch kontinuierlich aufeinanderfolgende Innovationen über sinkende Grenzerträge verfügen und dass etwa jede neue Idee im Bereich strukturierter Finanzprodukte derzeit einen geringeren Grenzertrag haben dürfte als der Nachteil, der mit der Komplexitätssteigerung des Systems einhergeht. Eine heroische Forderung. Aber selbst wenn sie erfüllt würde, wie bekämen wir die gegenwärtig schon sehr hohe Komplexität in den Griff? Die Komplexität hat auch damit etwas zu tun, dass es in konjunkturell guten Zeiten eine wahre Flut kurzfristigen Finanzkapitals gibt. Deshalb bin ich auch dafür, eine Steuer auf jede Finanztransaktion zu erheben. Spekulative Anleger müssten dann mehr zahlen als langfristige Anleger, wodurch das Entstehen von Preisblasen erschwert würde. Außerdem müssen nicht alle institutionellen Anleger steuerlich gleich behandelt werden. Solche, die langfristiger investieren, könnten zum Beispiel niedrigere Sätze zahlen als aktiv gemanagte Fonds, die ihre Anlagen ständig umschichten. Der Staat greift also wieder stärker in die Wirtschaft ein. Wenn wir in zwanzig Jahren zurückschauen auf diese Krise, was werden wir hervorheben, außer dass die großen reinen Investmentbanken verschwunden sind? Wir werden die Krise auch als ein weiteres Beispiel dafür sehen, dass Märkte nur funktionieren können, wenn sie gesellschaftlich eingebettet sind und im Hintergrund staatliche Institutionen stehen. Frei nach Böckenförde lebt auch die Wirtschaft von Voraussetzungen, die sie selbst nicht schaffen kann. Die Wirtschaft ist auch angewiesen darauf, dass der Staat das Feld bereitet. Und der Staat ist, um mit Karl Polanyi zu sprechen, jetzt eben einfach wieder einmal am Zug? Ja, Märkte arbeiten dauerhaft nicht aus sich selbst heraus, diese Einsicht kommt wieder stärker zur Geltung. Die Dominanz des Ökonomischen wird in den kommenden Jahren in Frage gestellt und zugunsten einer stärkeren politischen Gestaltung der Wirtschaft zurückgedrängt werden. Das Gespräch führte Alexander Armbruster. FAZ 2008/10/16 "Wir Banker haben die Krise mitverschuldet". Die Bundesregierung will Bankgehälter deckeln und die Geschäftsmodelle der Banken auf Nachhaltigkeit prüfen, wenn sie staatliche Hilfen brauchen. West-LB-Chef Heinz Hilgert ist damit einverstanden. Er sieht darin die Chance, die Neuordnung der Landesbanken endlich in Gang zu bringen. Im Beilhilfe-Streit mit der Europäischen Kommission pocht er auf Gleichbehandlung. ham. Wirtschaft Bericht BRD Seite 13 kA "Wir Banker haben die Krise mitverschuldet". Die Bundesregierung will Bankgehälter deckeln und die Geschäftsmodelle der Banken auf Nachhaltigkeit prüfen, wenn sie staatliche Hilfen brauchen. West-LB-Chef Heinz Hilgert ist damit einverstanden. Er sieht darin die Chance, die Neuordnung der Landesbanken endlich in Gang zu bringen. Im Beilhilfe-Streit mit der Europäischen Kommission pocht er auf Gleichbehandlung. ham. FRANKFURT, 15. Oktober. Der Vorstandsvorsitzende der West LB, Heinz Hilgert, geht davon aus, dass viele Banken in Deutschland auf die von der Bundesregierung bereitgestellten 400 Milliarden Euro Staatsgarantien für Bankschuldverschreibungen zurückgreifen werden. "Es gibt derzeit keine Bank, der Bankschuldverschreibungen abgekauft werden. Deshalb hat die Bundesregierung mit ihren staatlichen Garantien für Refinanzierungmittel die Weichen richtig gestellt. Es gibt erste Anzeichen, dass der Handel auf dem Interbankenmarkt wieder in Gang kommt", sagt Hilgert. Im Gespräch mit dieser Zeitung zeigt der seit Mai amtierende West-LB-Chef viel Verständnis für die Gegenleistungen, die die Bundesregierung für die Inanspruchnahme der Staatshilfen verlangt. "Wir Banker haben die Krise teilweise selbst verschuldet. Jetzt dürfen wir nicht am Status quo kleben, sondern müssen uns gefallenlassen, dass die Politik Gehaltsverzicht durchsetzt und die Nachhaltigkeit unserer Geschäftsmodelle prüft", sagte Hilgert. Er rief das Landesbankenlager dazu auf, diese Gegenforderung der Bundesregierung nach tragfähigeren Geschäftsmodellen als Chance zu begreifen. "Wir in der West LB sind bereit, einen Beitrag zu leisten, dass nun nach jahrelangen Debatten endlich weniger und fokussiertere Landesbanken entstehen, die stärker auf die Bedürfnisse der Sparkassen zugeschnitten sind." Hilgert ließ durchblicken, dass er künftig Druck nach Veränderungen weniger von der EU-Kommission, sondern von der Bundesregierung erwartet. Schließlich hätten die anderen Landesbanken ähnliche Schwierigkeiten wie die West LB. Bislang jedoch kommt der Druck auf die West LB vor allem von der EU-Kommission in Brüssel. Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes lässt seit August verschärft prüfen, welche Auflagen die EU der West LB nach dem Beihilferecht zu machen sind. Dem Vernehmen nach fordert die Kommission einen Abbau der Bilanzsumme um 50 Prozent und einen Eigentümerwechsel in der Bank, die zu 38 Prozent dem Land Nordrhein-Westfalen, zu gut 50 Prozent den nordrhein-westfälischen Sparkassen und zu gut 11 Prozent den nordrhein-westfälischen Kommunen gehört. Hilgert sieht indes eine neue Lage, seitdem im Oktober weltweit mehr als 2000 Milliarden Dollar Staatsgarantien für Banken abgegeben wurden. Es handele sich um eine Systemkrise. Die EU-Kommission habe schon akzeptiert, dass für die Genehmigung der neuen Garantien die für eine Systemkrise vorgesehenen Ausnahmetatbestände griffen. Diese Ausnahmen müssten auch für das "alte" Verfahren der West LB zum Tragen kommen. Es sei mit seinem Verständnis von Gleichbehandlung nicht in Einklang zu bringen, wenn eine Bank "herausgedeutet" werde, sagte Hilgert. Der Grund für den Beihilfefall der West LB sind 5 Milliarden Euro Garantien, die das Land Nordrhrein-Westfalen schon im Februar übernommen und im August als dauerhafte Beihilfe in Brüssel zur Genehmigung angemeldet hat. Nach Verlusten mit Aktienspekulationen, die das Jahresergebnis 2007 mit 600 Millionen Euro belastet haben, war die West LB schon früher als andere Banken nicht mehr in der Lage gewesen, Risiken aus der Kreditkrise aus eigener Kraft abzuschirmen. Hielte die EU an ihren bislang nur inoffiziell erhobenen strengen Auflagen für die Genehmigung dieser staatlichen Hilfen fest, drohte der West LB die Zerschlagung. Zwei Fusionsanläufe mit der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) und der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) sind in den vergangenen zwölf Monaten schon gescheitert. Derzeit befindet sich die West LB abermals in Verhandlungen, diesmal mit der Dekabank in Frankfurt, dem zentralen Fondsdienstleister der Sparkassen. Hilgert wertet die Gespräche mit der Deka über eine Zusammenlegung des Kapitalmarktgeschäftes inzwischen aber weniger als Reaktion auf die Forderungen Brüssels denn als Beitrag zur Neuordnung des Landesbankenlagers: "Mit der Zusammenlegung der Kernkompetenzen von Deka und West LB würde ein nachhaltiger Dienstleister für die Sparkassen entstehen." Den Forderungen der EU stelle sich die West LB insofern, als sie ihre Bilanzsumme und ihre Verwaltungskosten im dritten Quartal weiter zurückgeführt habe und sich zum Beispiel in der Projektfinanzierung auf die Felder Energie, Infrastruktur, Rohstoffe und Finanzdienstleister konzentriere. Weltweit habe sich die West LB in der Projektfinanzierung von Rang 18 auf Rang 7 verbessert. "Wir sind der bedeutendste Projektfinanzierer aus Deutschland. Das ist wichtig, weil die Unternehmensfinanzierung über den Kapitalmarkt dauerhaft leiden und die Projektfinanzierung diese Lücke zumindest teilweise wird schließen können", sagte Hilgert. Der Zusammenhalt mit den Sparkassen in Nordrhein-Westfalen sei fester geworden. Von den steigenden Einlagen der Sparkassen in der Krise profitiere auch die West LB. Hilgert sprach von beachtlichen Sanierungsfortschritten, die jedoch in der gegenwärtigen Finanzkrise nicht deutlich genug würden. FAZ 2008/10/16 Unbegrenzte Dollar-Leihe in Japan. Bank von Japan verzichtet vorerst auf Aktienverkäufe. pwe. Finanzmarkt Meldung Japan Seite 21 kA Unbegrenzte Dollar-Leihe in Japan. Bank von Japan verzichtet vorerst auf Aktienverkäufe. pwe. TOKIO, 15. Oktober. Zur Stabilisierung des Finanzmarktes in Tokio verzichtet die Bank von Japan vorerst ebenso wie die Regierung auf Aktienverkäufe. Zentralbank und Regierung hatten sich in den Jahren nach 2001 an japanischen Banken beteiligt, um in der damaligen Bankenkrise die Kapitaldecke der Finanzinstitute zu stärken. Seit 2007 werden diese Aktien schrittweise wieder verkauft. Diese Programme würden zeitweise ausgesetzt, teilten die Bank von Japan und das Finanzministerium nun in Tokio mit. Die Bank von Japan erklärte am späten Dienstagabend zugleich, sie biete den Geschäftsbanken künftig unbegrenzte Möglichkeiten zur Dollar-Leihe an. Ferner hat die Zentralbank die Bedingungen geweitet, unter denen die Finanzinstitute sich bei ihr refinanzieren können. Mit dem Maßnahmenbündel leistet die Zentralbank ihren Beitrag zur globalen Absprache zur Bekämpfung der derzeitigen Finanzkrise. Die Bank wird wie auch etwa die Europäische Zentralbank in einer Übereinkunft mit der amerikanischen Federal Reserve den heimischen Geschäftsbanken gegen Sicherheiten einen unbegrenzten Zugriff auf Dollar-Liquidität zu festem Zinssatz einräumen. Sie vergrößert auch das Spektrum an japanischen Regierungsanleihen, die sie als Sicherheit für die Geldleihe akzeptiert. Und sie plant mehr Refinanzierungsgeschäfte mit Commercial Papers, um die Finanzierung der Unternehmen abzusichern. Die Regierung hat als Teil der globalen Absprache schon die Möglichkeiten der Unternehmen zum Aktienrückkauf erweitert und verlangt eine vollständige Offenlegung von Leerverkäufen. Sie erwägt als Beitrag zur Vertrauensbildung an den Finanzmärkten zudem, ein Gesetz wieder aufleben zu lassen, dass ihr die Möglichkeit zum abermaligen Kauf von Aktien regionaler Finanzinstitute einräumt. FAZ 2008/10/16 Der Emissionskalender. Das Gröbste steht noch bevor. Stefan Ruhkamp Finanzmarkt Bericht global Seite 21 Emissionskalender Der Emissionskalender. Das Gröbste steht noch bevor. Wer noch Zweifel hat, ob die Finanzkrise die Wirtschaft hart treffen wird, braucht sich nur einige Zahlen vor Augen zu führen: Amerikanische Unternehmen müssen im kommenden Jahr knapp 800 Milliarden Dollar an Schulden refinanzieren. Für einige Unternehmen könnte dies das Aus bedeuten, heißt es in einem Bericht der Ratingagentur S&P. In gewöhnlichen Zeiten sei die Refinanzierung per Anleihe oder Kredit Alltagsgeschäft, aber wegen der Kreditklemme falle es den Unternehmen schwerer, die Märkte anzuzapfen. Das gelte vor allem im spekulativen Bereich. Die von den Unternehmen benötigten Summen dürften in Europa etwas kleiner sein als in Übersee, aber die Schwierigkeiten sind in ihrem Ausmaß vergleichbar. Nach Angaben des Informationsdienstes Dealogic ist es im vergangenen Monat abgesehen von Banken und staatlichen Gesellschaften keinem europäischen Unternehmen gelungen, Anleihen zu begeben. Das stimmt zwar nicht ganz, so hat zum Beispiel der britische Lebensmitteleinzelhändler Tesco vor einigen Tagen Titel im Wert von 100 Millionen Pfund emittiert. Aber die Grundaussage ist richtig, der Markt ist nahezu gänzlich ausgetrocknet. Emissionen in der Größenordnung von 100 Millionen Euro sind angesichts der benötigten Summen allenfalls wie ein Schluck Wasser für den Verdurstenden. Es wäre ja alles halb so schlimm, wenn die Banken auch im nächsten Jahr noch ausreichend Kredite vergeben könnten. Dann ließen sich fällig werdende Anleihen durch Kredite ersetzen. Unglücklicherweise sind die Banken in der Finanzkrise aber gerade der Kern des Problems. Ihr Kapital ist zum Teil verloren; noch mehr wäre weg, wenn alle verlustreichen Kreditpositionen offengelegt würden. Und es drohen in einer Rezession weitere Kreditausfälle. Der Staat gibt den Banken in Notfällen neues Kapital, fordert aber im Gegenzug vorsichtigeres Wirtschaften. Damit ist sicher, dass die Kreditvergabe in den nächsten Jahren stark eingeschränkt wird. Vergleichsweise gut ist noch die Position der Pfandbrief-Emittenten. Das klingt angesichts der nur dank staatlicher Hilfe gerade noch abgewendeten Pleite der Hypo Real Estate paradox. Doch gerade diese Rettung hat dazu geführt, dass die Investoren zunächst eine implizite Staatsgarantie vermuten durften. Inzwischen ist die Garantie sogar ausgesprochen: Pfandbriefe seien schon jetzt sicher, heißt es in der Erklärung der Bundesregierung zum Finanzmarktstabilisierungsgesetz. Die Bundesregierung werde Sorge tragen, dass dies so bleibe. Das war eine Erklärung, die über die allgemeine 400-Milliarden-Garantie hinausgeht, mit der die deutschen Banken stabilisiert werden sollen. Die zitierte Garantie für den Pfandbriefmarkt ist für die Banken kostenlos - die allgemeine Garantie dürfte dagegen, sofern in Anspruch genommen, mindestens 2 Prozent jährlich kosten; zudem gilt die Pfandbriefgarantie für alle Pfandbriefe, also auch für solche, die schon auf dem Markt sind. Ist damit schon alles in Butter? Immer noch nicht. Der Handel mit Pfandbriefen ist trotz aller Zusagen weiter schwer gestört, weil sich die Banken misstrauen. Immerhin geht wieder etwas: Selbst nach der Insolvenz der amerikanischen Investmentbank Lehman, die Anfang September die jüngste Welle der Krise ausgelöst hat, haben die Pfandbriefemittenten Titel im Wert von 5 Milliarden Euro auf den Markt gebracht. Auf Dauer ist das aber viel zu wenig. Um die im kommenden Jahr fälligen Pfandbriefe refinanzieren zu können, wären Emissionen von etwa 15 Milliarden je Monat nötig. Auf dieses Niveau wird der Markt voraussichtlich nicht kommen, selbst nach einer Beruhigung der Märkte nicht. Also bauen die Banken ihr Geschäft ab. Das gilt vor allem für den Staatskredit; die Kommunen müssen sich deshalb neue Geldgeber suchen. Es gilt aber auch für die Finanzierung von gewerblichen Immobilien. Kredite für neue Großprojekte sind schon jetzt kaum zu haben. Auch dies wird die Wirtschaft bremsen und den Abschwung verstärken. Das alles hat Folgen für die Geldanlage auf dem Anleihemarkt. Nach der Ankündigung der staatlichen Rettungspakete hat sich die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen sprunghaft von 3,7 auf 4,1 Prozent erhöht. Mancher Anleger wird schon wieder auf aufkeimende Inflationssorgen spekuliert haben. Das kann langfristig auch ein plausibles Szenario werden. Doch kurz- und mittelfristig dürfte zunächst die Furcht vor einer Rezession, verbunden mit rasch fallenden Inflationsraten, dominieren. Lohnt sich also die langfristige Bindung des Geldes? Eher nicht. Dafür ist der langfristige Zins von wenig mehr als 4 Prozent zu niedrig. Die kurzfristige Anlage - 4 bis 5 Prozent sind bei augenscheinlich soliden Banken immer noch möglich - bietet mehr Flexibilität zu ansehnlichen Konditionen. Riskantere Anlagen sollte nur wagen, wer sie als Beimischung betrachten und Verluste ertragen kann, ohne gleich den ruhigen Schlaf einzubüßen. Stefan Ruhkamp FAZ 2008/10/16 Retter in der Not. kA Stefan Dietrich Politik Kommentar BRD Seite 1 kA Retter in der Not. Von Stefan Dietrich. Nur selten haben Politiker die Gelegenheit, als Retter in der Not aufzutreten. Hierzulande war das zuletzt während der Oderflut von 2002 der Fall. Auf einmal war Bundeskanzler Schröder, der zuvor tiefe Umfragetäler durchwandert hatte, wieder obenauf. Wie werden die Bundeskanzlerin Merkel und Finanzminister Steinbrück, das Rettungsteam dieser Tage, dastehen, wenn sich der Tsunami der Finanzkrise zurückgezogen hat? Frau Merkel, die sich bei der Haushaltsdebatte im September noch auffallend einsilbig über die heranrollende Welle geäußert hatte, ist im entscheidenden Moment aus der Deckung herausgekommen und hat das Heft des Handelns an sich gerissen. Sie hat damit auch ihre Stellung gegenüber der CSU gefestigt, die gegenwärtig so von der Rolle ist, dass sie zu allem nur nein sagen kann. Steinbrück, der am Mittwoch im Bundestag von einem Feuerwehreinsatz sprach, hat sich als beherzter und kompetenter Brandmeister gezeigt. Neben ihm verblasst der Außenminister und kommissarische SPD-Vorsitzende Steinmeier, der im Augenblick nicht einmal für die Koalitionsabsprache über die Änderung des Grundgesetzartikels 35 (Katastrophenhilfe) geradestehen kann; vom designierten Vorsitzenden Müntefering ganz zu schweigen. Diese unerwartete Konstellation könnte manches Kalkül für den kommenden Wahlkampf vorzeitig über den Haufen werfen. Dies ist die Stunde der Exekutive. Sie wird auch die möglichen Fehler verantworten müssen, die ihr bei der ersten Sichtung des Eilpakets vorgehalten wurden. Der Opposition blieb in dieser Lage nichts anderes übrig, als einen goldenen Mittelweg zwischen "patriotischer Pflicht" und parlamentarischer Selbstaufgabe zu suchen. Die Forderung der Grünen, das Parlament an der Vergabe von Milliardenkrediten für Finanzinstitute zu beteiligen, lag nicht in der Mitte. Wer würde seinem Wahlkreisabgeordneten allen Ernstes die Kompetenz dafür zutrauen? Auch die Länder werden ihre Einwände zurückstellen müssen. Es ist zwar verständlich, dass diejenigen, die noch über eigene Landesbanken verfügen, sich doppelt betroffen und belastet fühlen, doch dafür hatten sie bisher als Bankeigentümer auch schöne Zusatzgewinne. Und abgerechnet wird ohnehin erst, wenn feststeht, wie viel von den jetzt bereitgestellten Milliarden abgeschrieben werden muss.um anzuregen. FAZ 2008/10/16 Am Steuer sitzt nun die Finanzkrise kA kA Politik Zitat BRD Seite 2 Stimmen der Anderen Am Steuer sitzt nun die Finanzkrise Das Mailänder Blatt "Corriere della Sera" meint zu Auswirkungen der Finanzkrise auf die deutsche Umweltpolitik: "Dies sind keine Tage für Heldentum in der Schlacht gegen die Kohlendioxid-Emissionen. Auch die ,grüne Kanzlerin' Merkel schwenkt diese Fahne nicht mehr, die sie im gesamten Jahr 2007, als sie G-8-Präsidentin war, an allen Fronten hochgehalten hatte. Die Finanzkrise hat sich ans Steuer gesetzt, der Rest hat jetzt auf dem Rücksitz Platz genommen. Der Einbruch bei den Krediten ist klar der Grund dafür, dass auch in Deutschland gefordert wird, das Rennen um eine kostspielige Verringerung der Treibhausgase zu verlangsamen." FAZ 2008/10/16 Paris billigt Rettungsplan. kA mic. Politik Reportage Frankreich Seite 7 kA Paris billigt Rettungsplan. mic. PARIS, 15. Oktober. Das 360-Milliarden-Euro-Rettungspaket für die französischen Banken ist am Mittwoch im Senat, der zweiten Kammer, angenommen worden. Zuvor hatten schon die Abgeordneten der Nationalversammlung am Dienstagabend dem Vorhaben zugestimmt, bei nur 23 Gegenstimmen. Im Krisenmanagement hat sich die Linksopposition zwar nicht in eine von Premierminister Fillon beschworene "nationale Union" einbinden lassen, aber auch nicht gegen das Auffangnetz für die Banken gestimmt. "Wir brauchen ein starkes Zeichen für den gemeinsamen Willen" zur Bewältigung der Finanzkrise, sagte Fillon. Die Sozialisten, die sich abermals uneinig zeigten, verständigten sich schließlich darauf, sich der Stimme zu enthalten. Auch die Grünen enthielten sich. "Wir konnten nicht guten Gewissens gegen das Rettungspaket stimmen. Es geht um das Geld der kleinen Sparer", sagte der sozialistische Fraktionsvorsitzende Ayrault. Lediglich die Kommunisten lehnten die Idee eines "Burgfriedens" mit der Präsidentenpartei während der Finanzkrise ab. Der Grünen-Abgeordnete Noël Mamère sagte, die Linke wolle nicht als Alibi für Sarkozy dienen. Insgesamt scheint es jedoch, als ob die Finanzkrise dem Staatspräsidenten dabei helfen könnte, das Vertrauen der Franzosen zurückzugewinnen. Laut einer jüngsten Umfrage des Instituts Viavoice sind 53 Prozent der Befragten der Meinung, dass Sarkozy sich als Krisenmanager bewährt habe. Nur 21 Prozent glauben, dass die Linke es besser machen würde als die Präsidentenmehrheit. Der Linken fehlen Argumente, weil Sarkozy sich mit dem Rettungspaket alte Forderungen der Kapitalismuskritiker aneignet. Finanzministerin Lagarde erläuterte, dass Banken, die auf staatliches Kapital zurückgreifen, auf goldene Fallschirme für ihre Führungskräfte sowie auf Aktienrückkäufe zur Kursstützung verzichten müssen. Sie müssen zudem monatlich über die Verwendung des Staatskapitals und quartalsweise über die Kreditvergabe Bericht erstatten. Ähnlich wie in Deutschland werden die französischen Finanzinstitute, die Staatsgarantien in Anspruch nehmen, zu Zurückhaltung bei den Spitzengehältern verpflichtet. Über die Vergütung werden noch zu definierende Höchstgrenzen vereinbart. FAZ 2008/10/17 Düstere Zeiten für Hedgefonds. Investoren ziehen Kapital ab und verstärken den Trend. Strategien, die fast ein Jahr lang hohe Erträge einspielten, sind inzwischen nicht mehr möglich. bes. Unternehmen Bericht USA Seite 14 kA Düstere Zeiten für Hedgefonds. Investoren ziehen Kapital ab und verstärken den Trend. Strategien, die fast ein Jahr lang hohe Erträge einspielten, sind inzwischen nicht mehr möglich. bes. LONDON, 16. Oktober. Der Zusammenbruch von Lehman Brothers bedroht auch zahlreiche Hedge-Fonds. Die Branche hat über ihren amerikanischen Verband mitteilen lassen, dass liquide Mittel und Wertpapierpositionen in Höhe von schätzungsweise 65 Milliarden Dollar im Rahmen der Insolvenz von Lehman Brothers eingefroren wurden, die Hedge-Fonds bei der Bank - meist als Sicherheit für Kredite - unterhielten. Obwohl diese Wertpapierpositionen rechtlich den Hedge-Fonds gehören, werden sie so lange nicht an die Eigentümer ausgezahlt, bis der Insolvenzverwalter bestimmt hat, welchem Fonds welche Vermögenspositionen zustehen. Zwar hat der Londoner Insolvenzverwalter PWC vom Gericht die Zustimmung erhalten, mit diesem Prozedere zu beginnen. Im Umfeld von PWC hieß es allerdings, es könne Jahre dauern, bis der letzte Kunde von Lehman Brothers seine Sicherheiten zurückerhalten habe. Von Enron werden heute noch Positionen abgewickelt. Das Debakel trifft vor allem Hedge-Fonds, die regelmäßig bei ihren Hausbanken, den sogenannten Prime Brokern, Wertpapiere und liquide Mittel als Sicherheiten für ihre aufgenommenen Kredite hinterlegen müssen. Lehman Brothers war einer der größten Prime Broker im Geschäft mit Hedge-Fonds, und nicht alle Fonds hatten ihre Mittel rechtzeitig von der strauchelnden Bank auf andere, stabile Konkurrenten übertragen. Zahlreiche amerikanische Hedge-Fonds sind deshalb an die Bank von England und die britische Finanzaufsicht herangetreten mit der Bitte, sich für eine Auszahlung der Mittel einzusetzen. Ansonsten sei das Überleben der Branche gefährdet, und darunter könnten alle Finanzmärkte leiden, hieß es. Eine Möglichkeit nach britischem Recht wäre, PWC von etwaigen Sanktionen und einer Haftung zu befreien, sollte der Insolvenzverwalter dieser Bitte folgen. Dieser Vorschlag wurde jedoch nach Angaben der "Financial Times" von der Bank von England abgelehnt. Die Branche der Hedge-Fonds wird derzeit hart getroffen. Ihre Strategien gehen an den Märkten oftmals nicht mehr auf, weil die extreme Volatilität der Kurse die Absicherungskosten in die Höhe steigen lässt. Strategien, die fast ein Jahr lang hohe Erträge einspielten, wie der Leerverkauf von Bankaktien gegen den Kauf von Minen- und Rohstoffwerten, sind nicht mehr möglich. Gleichzeitig streichen die Prime Broker den Hedgefonds ihre Kreditlinien, so dass die Spekulanten nicht mehr mit so viel Fremdkapital arbeiten können wie zuvor. Einige Fonds können sich überhaupt nicht mehr fremdfinanzieren. Dies reduziert das Gewinnpotential des eingesetzten Kundenkapitals gewaltig. Die Angst vor einem Zusammenbruch zahlreicher Hedge-Fonds hat viele Geldgeber inzwischen veranlasst, Mittel abzuziehen. Diese Entwicklung dürfte sich noch beschleunigen; Marktteilnehmer gehen davon aus, dass bis Mitte kommenden Jahres 20 bis 50 Prozent der weltweiten Hedge-Fonds nicht mehr durchhalten könnten. Sobald jedoch Investoren ihre Gelder von den Hedge-Fonds abziehen, müssen diese in der Regel Positionen an den Finanzmärkten auflösen. Angesichts ihres kräftigen Einsatzes von Fremdkapital bedeutet dies allerdings, dass Hedge-Fonds überproportional große Anlagepositionen verkaufen müssen, um ein Drittel oder ein Viertel des Erlöses an die Investoren in Form ihres Anlagekapitals zurückzahlen zu können. Je mehr freilich die Investoren fürchten müssen, dass ihre Hedgefonds die Finanzkrise nicht überleben werden, desto schneller ziehen die Marktteilnehmer ihr Kapital ab. Dies beschleunigt den Teufelskreislauf, in dem sich vor allem zahlreiche kleine und mittelgroße Hedgefonds befinden. Die derzeitige Schwächephase der Branche unterminiert auch die Erträge der Investmentbanken, denn das Geschäft mit Hedge-Fonds war eine der lukrativsten Sparten für diese Finanzinstitute bis kurz vor Ausbruch der Krise. Auch die Börsen fürchten, dass sie die Schwierigkeiten der Branche in Form deutlich niedrigerer Handelsumsätze zu spüren bekommen könnten. An der Londoner Börse, der London Stock Exchange (LSE), entfiel vor Ausbruch der Finanzkrise mehr als die Hälfte des Umsatzes im Aktienhandel auf das computergesteuerte Geschäft ("algorhythmic trading") mit Hedge-Fonds. FAZ 2008/10/17 Unternehmen bleiben trotz Krise optimistisch. Wirtschaftsminister Glos sieht keine Anzeichen für eine Kreditklemme. km./mmue. Wirtschaft Bericht BRD Seite 13 kA Unternehmen bleiben trotz Krise optimistisch. Wirtschaftsminister Glos sieht keine Anzeichen für eine Kreditklemme. km./mmue. BERLIN, 16. Oktober. Die Wirtschaft zeigt sich bisher erstaunlich resistent gegen eine Ansteckung durch die Finanzkrise. Die Geschäftserwartungen der Unternehmen haben sich zwar deutlich verschlechtert, doch die Zahl der Optimisten bleibt größer als jene der Schwarzmaler. Das zeigt die Herbstumfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), die am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurde. Der Verband bleibt daher mit seiner Wachstumsprognose von 0,5 Prozent etwas über der Schätzung von Bundesregierung und den Forschungsinstituten, die für 2009 eine Zunahme des Bruttoinlandsprodukts von 0,2 Prozent erwarten. Im Frühjahr hatte die Regierung noch mit einem Plus von 1,2 Prozent im kommenden Jahr gerechnet. Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) prognostiziert für 2008 eine Wachstumsrate von 1,7 Prozent. "Selten klaffte zwischen den fundierten Einschätzungen der Unternehmen und der aufgeregten öffentlichen Diskussion eine größere Lücke", sagte DIHK-Geschäftsführer Martin Wansleben. "Wir haben eine Krise, und daher war das Rettungspaket für die Finanzsystem auch notwendig. Doch Panik wird den realen Chancen nicht gerecht, die wir haben." Der DIHK wies den Vorwurf zurück, die Umfrage der Handelskammern bei mehr als 25 000 Unternehmen spiegele nicht die krisenhafte Entwicklung der vergangenen Tage, weil sie bereits im September unternommen worden sei. Wansleben sagte, man habe vor einer Woche noch einmal 3000 Unternehmen befragt und keine Veränderung der Investitionspläne festgestellt. Die Umfrage ergab, dass die Investitionstätigkeit der Unternehmen spürbar nachlässt, aber immer noch über dem langjährigen Durchschnitt liegt. Die Kreditkonditionen hätten sich zwar verschlechtert, antworteten 23 Prozent der Unternehmen, doch nur 2 Prozent sprachen von einer regelrechten Kreditklemme. Der DIHK lehnte ein Konjunkturprogramm ab. "Aktionistische Ausgaben-Programme sind ebenso verfehlt wie populistische Öko-Subventionen", betonte Wansleben. Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Jürgen Thumann, lehnte zwar Konjunkturprogramme ab, weil zu viel Geld verpuffe. Doch er forderte im "Tagesspiegel" die Regierung auf, die Mittel für Investitionen in die Infrastruktur aufzustocken. Dennoch sollte sie weiter danach streben, den Bundeshaushalt auszugleichen. Glos wiederholte seine Forderungen, die Bürger von Steuern und Abgaben zu entlasten. So sollte der Steuerabzug von Vorsorgeaufwendungen für die Kranken- und Pflegeversicherung, durch den die Steuerzahler um 9 Milliarden Euro entlastet werden, um ein Jahr auf den 1. Januar 2009 vorgezogen werden. Auch die Wirtschaft vertrage keine weiteren Belastungen. Er regte ein "Belastungsmoratorium" an. Zur Unterstützung des Mittelstands könnte es auch mehr Kredite von der KfW geben. Allerdings sei eine Kreditklemme auf "breiter Front" nicht in Sicht. FAZ 2008/10/17 Finanzkrise könnte Kernenergie bremsen. kA chs. Wirtschaft Meldung Frankreich Seite 13 kA Finanzkrise könnte Kernenergie bremsen. chs. PARIS, 16. Oktober. Der Bau von Kernkraftwerken könnte durch die Finanzkrise gebremst werden. Dies berichteten am Donnerstag Fachleute der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bei der Veröffentlichung eines Energieberichts über die Nuklearindustrie. "Aufgrund des hohen Finanzierungsbedarfs könnten sich negative Auswirkungen ergeben. Fundierte Erkenntnisse darüber haben wir bisher aber nicht", sagte Hans Riotte, Divisionsleiter bei der OECD-Agentur für Nuklearenergie (NEA) in Paris. Die langfristigen Prognosen einer verstärkten Nachfrage nach Kernenergie werde die Finanzkrise aber nicht beeinträchtigen. Nach der erstmals bis zum Jahr 2050 erstellten Prognose der OECD-Agentur für Nuklearenergie wird sich die Zahl der Kernreaktoren auf der Welt im Höchstfall von derzeit 439 auf 1400 fast vervierfachen. Damit stiege der Anteil der Atomkraft an der Stromerzeugung in den OECD-Ländern von 16 auf 22 Prozent. Im vorsichtigen Szenario dagegen werde die Zahl der Reaktoren bis 2050 nur um ein gutes Drittel auf 600 zunehmen und damit an Marktanteilen verlieren. Die OECD neigt in ihrer Prognose dem Höchstfall zu, denn nach den Worten von NEA-Direktor Luis Echávarri wird der geringe Kohlendioxidausstoß der Nuklearenergie neben den Kostenvorteilen und der Stabilität in der Energieversorgung immer wichtiger. Für die Entsorgungsfragen werde zunehmend an konkreten Lösungen gearbeitet, etwa in den Vereinigten Staaten, wo 2020 das erste Endlager in Betrieb gehen könnte. In Finnland könnte es sogar noch früher dazu kommen, schätzt Riotte. FAZ 2008/10/17 Pläne für die Zeit nach der akuten Krise. Nach der Einigung auf einen Weltfinanzgipfel wird vor überzogenen Erwartungen gewarnt. Noch ist nicht klar, worüber verhandelt wird. wmu. Wirtschaft Bericht EU Seite 12 kA Pläne für die Zeit nach der akuten Krise. Nach der Einigung auf einen Weltfinanzgipfel wird vor überzogenen Erwartungen gewarnt. Noch ist nicht klar, worüber verhandelt wird. wmu. BRÜSSEL, 16. Oktober. Die Finanzkrise hat aus den führenden europäischen Politikern Getriebene gemacht. Das hektische Krisenmanagement der vergangenen Wochen hat sie zueinander gezwungen, ohne dass sie in zentralen Fragen einer Meinung geworden wären. So bleibt beim EU-Gipfeltreffen am Donnerstag in Brüssel offensichtlich, dass Angela Merkel und Nicolas Sarkozy aus der Krise unterschiedliche Schlüsse für die weitere wirtschaftspolitische Koordination in der EU ziehen. Der französische Staatspräsident sähe den in Brüssel beschlossenen "Krisenstab", der bei sich abzeichnenden Krisen eine rasche Reaktion aller zuständigen Stellen sicherstellen soll, am liebsten als Nukleus einer von ihm schon immer geforderten "europäischen Wirtschaftsregierung". Die Kanzlerin aber will den Stab strikt auf akutes Krisenmanagement begrenzt sehen. Der britische Premierminister Gordon Brown stößt wiederum angesichts der prominenten Rolle, die er in den vergangenen Tagen in der EU gespielt hat, unter manchen alteingesessenen EU-Staaten auf Misstrauen. Die internationale Vorreiterrolle im Krisenmanagement, die dem britischen Premier in diesen Tagen zugeschrieben wird, habe dieser nicht wirklich verdient, heißt es in manchen Euro-Staaten. In Wirklichkeit habe sich Brown dem kontinentaleuropäischen Verständnis von Wirtschaftspolitik angenähert, sei vom Marktliberalen zum Anhänger einer "Zähmung" der Märkte geworden. Einig sind sich die Staats- und Regierungschefs freilich in einem: Sie wollen aus dem Getriebensein herauskommen. Der Phase des Krisenmanagements sollen möglichst Konzepte folgen, die eine Wiederholung der Krise verhindern können. Der "Weltfinanzgipfel" im November voraussichtlich in New York, auf den sich die sieben führenden Industriestaaten und Russland (G 8) zum Zeitpunkt des Brüsseler Gipfeltreffens verständigt haben, soll diesem Zweck dienen. Noch ist freilich erst schemenhaft erkennbar, zu welchen Beschlüssen das Treffen führen wird. Stichworte wie "Bretton Woods II" dienen nicht unbedingt dazu, dies klarer zu machen. Die Konferenz von 1944 gilt nur insofern als Vorbild, als wie damals möglichst viele wichtige Partner an einem Tisch versammelt werden sollen. Im Gespräch ist das Format der G-20-Staaten, denen außer der G 8 China, Indien, Brasilien, Südkorea, Australien, Mexiko, die Türkei, Indonesien, Saudi-Arabien, Südafrika und Argentinien sowie die jeweilige EU-Ratspräsidentschaft angehören. Diesmal geht es aber nicht in erster Linie um die Weltwährungsordnung, sondern in den Worten der Kanzlerin um eine "globale Finanzmarktverfassung". Ideen, was dazu alles gehören könnte, kursieren einige. Je konkreter sie sind, desto umstrittener sind sie. Nicht zuletzt deshalb sollen die verschiedenen Vorschläge daher zunächst gesichtet werden. Am Wochenende treffen Sarkozy und EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso in Washington den amerikanischen Präsidenten George W. Bush zu einer Vorabstimmung. Zudem sollen die EU-Finanzminister sowie die vier europäischen G-8-Mitglieder in den kommenden Wochen eine gemeinsame europäische Linie abstimmen. Brown ist mit der Idee vorgeprescht, künftig sollten die 30 wichtigsten Finanzkonzerne einer globalen Gruppen-Finanzaufsicht unterworfen werden. Damit ist gemeint, dass die zuständigen nationalen Aufsichtsbehörden auf internationaler Ebene - nach möglichst ähnlichen Standards - zusammenarbeiten sollen, um die internationale Ansteckungsgefahr zu verringern, wenn bei einzelnen Instituten Risiken auftauchen. Wie schwierig das Thema Gruppenaufsicht freilich ist, zeigt sich schon auf EU-Ebene: Im EU-Ministerrat ist ein fertiger Gesetzentwurf für Versicherungen bereits debattiert worden, einer für Banken wird vorbereitet. Beide sind wegen möglicher Eingriffe in die nationale Souveränität hochumstritten. Aus Deutschland ist zu hören, jetzt müsse über eine Regulierung all jener Finanzprodukte geredet werden, die die Krise nach allgemeiner Ansicht mit verursacht haben. Mit auf die Tagesordnung sollen zudem Punkte kommen, von denen umstritten ist, wie viel sie mit der Finanzkrise zu tun haben, die aber als alte Lieblingsthemen von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) gelten. Zu ihnen gehören das "Austrocknen" von "Steueroasen" und die Regulierung von Hedge-Fonds. Auch diese beiden Themen sind innerhalb der EU hochumstritten. Doch die allgemeine Parole lautet angesichts der Krise, man müsse das Eisen schmieden, solange es heiß sei; derzeit ließen sich vielleicht auch strittige Themen lösen, die zu normalen Zeiten nicht lösbar wären. Mehrere Teilnehmer forderten in Brüssel, dass auch schon über die institutionelle Anbindung einer globalen Finanzverfassung nachgedacht werden müsse. Gedacht wird dabei offenbar an den Internationalen Währungsfonds (IWF), um dessen Zukunftsaufgaben in jüngerer Zeit viel diskutiert wurde. Sarkozy sagte, der IWF müsse "weniger, aber dafür spezialisiertere Aufgaben" in der Finanzmarktaufsicht wahrnehmen. Andere Teilnehmer können sich vorstellen, dass ein Sanktionssystem nach dem Vorbild des EU-Stabilitätspakts oder der Welthandelsordnung WTO etabliert wird. Dabei sind sich alle Beteiligten bewusst, dass die Finanzkrise längst nicht abgehakt ist. Diese werden die Beteiligten beim "Weltfinanzgipfel" im Hinterkopf behalten müssen. In Brüssel warnte ein Sitzungsteilnehmer davor, die Tagesordnung des Treffens zu überfrachten: Sonst würden Erwartungen an die Märkte geweckt, die man nur enttäuschen könne. Sarkozy hat in Brüssel dagegengehalten: Er wolle auf dem Weltfinanzgipfel Einigkeit "nicht nur über Prinzipien erreichen, sondern über Ergebnisse". FAZ 2008/10/17 Die EU vertagt ihre Debatte über die Lasten des Klimaschutzes. Trotz der Finanzkrise bekräftigen die Staaten die Ziele. hmk. Wirtschaft Bericht EU Seite 12 kA Die EU vertagt ihre Debatte über die Lasten des Klimaschutzes. Trotz der Finanzkrise bekräftigen die Staaten die Ziele. hmk. BRÜSSEL, 16. Oktober. Die EU hält trotz der Finanzkrise an ihren ehrgeizigen Klimazielen fest. "Ich bestätige, dass sich weder am Ziel, die Emissionen bis 2020 um ein Fünftel zu verringern, noch am Zeitplan etwas geändert hat", sagte Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy nach dem Ende des Herbstgipfeltreffens der EU-Staats- und -Regierungschefs am Donnerstag in Brüssel. Die französische Ratspräsidentschaft werde nun die Zeit bis zum nächsten Gipfeltreffen im Dezember nutzen, um Lösungen für die Länder zu finden, die unzufrieden mit den Kommissionsvorschlägen im Kampf gegen den Klimawandel seien. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) schlug ähnliche Töne an: Es gebe kein Abrücken von den Klimazielen, nur über die Frage, wie die Ziele erreicht werden, müsse die EU weiterdiskutieren. Mehr als ein allgemeines Bekenntnis zum Klimaschutz war es also nicht, was die EU-Staats- und -Regierungschefs zu dem Thema abgaben, das noch während der deutschen Ratspräsidentschaft im Frühjahr 2007 alles andere überstrahlte. Dennoch fiel auch die Kritik von Umweltverbänden und Grünen milde aus, weil sie befürchtet hatten, die Finanzkrise werde die Gegner beflügeln. Das Paket bleibe auf Kurs, das sei die wichtigste Nachricht vom Treffen, sagte der EU-Abgeordnete Claude Turmes (Grüne). Nur der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland kritisierte, die EU sei auf dem Weg, das Klimapaket der Finanzkrise zu opfern. Zu Beginn des Treffens hatten besonders Polen und Italien die Finanzkrise zum Anlass genommen, um ihre Warnung zu wiederholen, die Klimaschutzpläne dürften die Industrie nicht überfordern. Polen, das von Anfang an zu den größten Kritikern der Klimaschutzvorschläge gehört hat, drohte gar mit seinem Veto, wenn die Interessen der osteuropäischen Mitgliedstaaten nicht stärker berücksichtigt würden. Dabei geht es etwa um die geplante Versteigerung der Emissionsrechte für die Stromerzeuger. Das würde Polen stark treffen, das 95 Prozent seines Stroms aus Kohle gewinnt. Außerdem wollen die Osteuropäer eine geringere Last tragen, um den Aufholprozess ihrer Industrie nicht zu bremsen. Italien und etwas dezenter Deutschland warnten davor, das verarbeitende Gewerbe zu überfordern. Die Regierung in Berlin dringt darauf, die Industrie nur dann für ihre Emissionsrechte bezahlen zu lassen, wenn die Konkurrenz in Übersee ebenfalls belastet wird. FAZ 2008/10/17 Finanzzauber und Marktwirtschaft. kA Philip Plickert Wirtschaft Kommentar BRD Seite 11 Leitartikel Wirtschaft Finanzzauber und Marktwirtschaft. Von Philip Plickert. Die Kreditkrise muss zu einer Rückbesinnung auf Grundprinzipien der Marktwirtschaft führen. Wie einst Goethes Zauberlehrling ist es vielen Banken ergangen: Sie haben hochkomplizierte Finanzprodukte geschaffen und gehandelt, deren Risiken sie nicht beherrschten. Anfangs lief es noch gut, dann häuften sich faule Kredite. Damit kam ein Prozess in Gang, dessen destruktive Kräfte eine Eigendynamik entfalteten, die sie nicht mehr bremsen konnten. Es bestand zuletzt die Gefahr, dass im Strudel der Kreditkrise nicht nur Banken, sondern auch große Teile der Realwirtschaft ertrinken würden. In höchster Not kam der alte Hexenmeister, der Staat, und rettete die Zauberlehrlinge. "Soll das ganze Haus ersaufen?", heißt es bei Goethe. Weit verbreitet ist die Ansicht, dass die Finanzmärkte verrückt spielen und versagt haben. Es ist Mode geworden zu behaupten, eine Art neoliberale Verschwörung habe eine völlige Entfesselung der Kreditmärkte erreicht. Wenngleich oft zu hören, bleibt es ein Mythos, dass wir ein völlig dereguliertes Finanzwesen hätten - kaum eine Branche hat so viel staatliches Regelwerk, doch eben wohl das falsche. Das Ausgliedern von hochriskanten Investments in Zweckgesellschaften fast ohne Eigenkapital im Grenzbereich der Legalität - wie sie ausgerechnet die Staatsbank Sachsen LB so geliebt hat - hat viele Exzesse mit verbrieften schlechten Hypothekenschulden erst möglich gemacht. In der Bevölkerung herrscht Unverständnis und berechtigte Wut über das Tun einiger abgehobener Banker, deren angeschlagenen Häusern nun die Steuerzahler mit zig Milliarden Euro unter die Arme greifen sollen. Wenn eine hohe Quote des Stabilisierungsfonds tatsächlich im Orkus der Finanzkrise verschwinden sollte, wird das Ziel eines ausgeglichenen Staatshaushalts in weite Ferne rücken. Zwar betont die Regierung, dass die Rettungsaktion nicht geschieht, um Finanzhasardeuren aus der Patsche zu helfen, sondern um Sparer, Investitionen und Arbeitsplätze zu schützen. Es bleibt aber bei vielen Bürgern ein äußerst schales Gefühl. Das gegenwärtige Finanzdesaster belastet das Ansehen der Marktwirtschaft wie kaum eine Krise zuvor. Sechzig Jahre nach dem Startschuss 1948 durch Ludwig Erhard wachsen in der Bevölkerung die Zweifel an ihr als erfolgreichem Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell. Schon seit den neunziger Jahren, als die Arbeitslosenquoten in den zweistelligen Bereich stiegen, ist die Zustimmung zur deutschen Sozialen Marktwirtschaft dramatisch gesunken. Obwohl im Aufschwung der vergangenen drei Jahre - auch wegen der Arbeitsmarktreformen - die Zahl der Erwerbslosen um gut ein Drittel gesunken ist, hat dies das Ansehen der marktwirtschaftlichen Ordnung kaum gebessert. Sozialistische Schalmeienklänge treffen wieder auf offene Ohren, während die Erinnerung an den Ruin des realen Sozialismus in der DDR verblasst. Ein Grundprinzip der Marktwirtschaft gerät in der Finanzkrise in Verruf: der Wettbewerb. Als propagandistisch sehr wirkungsvoll erweist sich dabei die Behauptung, das neoliberale Modell predige eine regellose Marktwirtschaft. Nichts wäre falscher. Ludwig Erhard, Walter Eucken, Wilhelm Röpke und Alexander Rüstow, die Väter der frühen neoliberalen Schule, forderten vehement, dass der private Wettbewerb einen Rahmen braucht. Der Staat ist der Ordnungshüter, der die Regeln aufstellt, damit der Wettbewerb zum Wohle aller abläuft, der aber nicht selbst in den Prozess eingreift. Daher kämpfte Erhard beharrlich und gegen den Widerstand der Industrie für das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB), um die unselige deutsche Kartelltradition zu brechen. In einem solchen Wettbewerbsrahmen war die Marktwirtschaft nach Erhards Überzeugung per se sozial, da sie den Verbrauchern, also der Masse der Bürger, dient. Als Achillesferse der marktwirtschaftlichen Ordnung hat sich nun das Finanzsystem erwiesen. Tatsächlich sind die Finanzmärkte anfällig für Marktversagen, wenn asymmetrische Informationen und gegenseitiges Misstrauen in Krisenzeiten zum völligen Austrocknen des Geldmarkts führen. In solchen Situationen ist ein Eingreifen erforderlich, um einen Kreislaufkollaps des Finanzsystems zu verhindern. Dabei darf nicht übersehen werden, dass am Anfang des Desasters ein massiver Staatseingriff stand: Es war die langjährige Politik des billigen Geldes in Amerika, die zur übermäßigen Kreditvergabe einlud; zudem förderte der Staat sehr nachdrücklich den Immobilienboom. Der Hexenmeister hatte seine Finger mit im Spiel der Zauberlehrlinge. Als Lehre aus der Finanzkrise muss es eine Rückbesinnung auf die Grundprinzipien der Marktwirtschaft geben: Der Staat muss den Rahmen so setzen, dass der Wettbewerb transparent wird. Zur Gewinnchance gehört untrennbar die Pflicht zur Haftung für Verluste. Damit sie diese nicht im Notfall auf die Allgemeinheit abwälzen, müssen die Banken mehr haftendes Eigenkapital unterlegen. Zauberlehrlinge mit einem dreißigfachen Hebel darf es nicht mehr geben. Die Krise muss zu einer Rückbesinnung auf altmodische kaufmännische Tugenden wie Vorsicht und Maßhalten führen. Denn Freiheit und Verantwortung gehören zusammen, lautete das Credo der heute vielgescholtenen neoliberalen Vordenker unserer Wirtschaftsordnung. FAZ 2008/10/17 Beharrlich. kA Michael Stabenow Zeitgeschehen Reportage EU Seite 10 kA Beharrlich. Die jüngsten Strapazen sind an ihm nicht spurlos vorübergegangen. Jean-Claude Juncker, der demnächst 54 Jahre alt wird, wirkt am Donnerstag abgekämpft, seine Stimme klingt matter als sonst. Die Botschaft des luxemburgischen Regierungschefs ist jedoch unverändert klar: In der jetzigen Finanzkrise seien Geduld und Beharrlichkeit gefordert. Wer nach milliardenschweren Konjunkturprogrammen rufe, ignoriere nicht nur das europäische stabilitätspolitische Regelwerk, er setze auch das Schicksal künftiger Generationen aufs Spiel. Seit 1989 ist Juncker Finanzminister, seit 1995 Regierungschef des Großherzogtums. Selten zuvor war er jedoch so gefordert wie zuletzt - in der Öffentlichkeit, vor allem aber, wie es seinem Talent als Vermittler entgegenkommt, diskret hinter den Kulissen. Er verfügt unverändert über jenes Kapital, das die Banken dieser Tage vermissen ließen: Vertrauen. Dass Juncker als Vorsitzender der 15 Finanzminister der "Euro-Gruppe" schon Anfang des Monats beim Treffen der führenden Vertreter der vier größten EU-Länder mit am Verhandlungstisch saß, dürfte nicht nur die Verständigung erleichtert haben. Es galt auch, Irritationen der Partner im Euro-Raum zu begegnen, die nicht zu dem Treffen gebeten waren. Und es galt schließlich, nach dem kurzfristig für vergangenen Sonntag in Paris angesetzten Treffen der 15 Staats- und Regierungschefs aus dem Euro-Raum keine neuen Bruchlinien im Kreis der 27 EU-Partner entstehen zu lassen. Auch jetzt konnte Juncker als Vertreter eines kleinen Landes davon zehren, dass er nicht im Verdacht steht, als eine Art Vormund auftreten zu wollen. Juncker hat mehrfach davor gewarnt, die Erschütterungen der Wirtschaftsordnung zu unterschätzen. Es gebe aber keinen Anlass, wegen der Entwicklung an den Börsen den Kopf in den Sand zu stecken. Entscheidend für ihn dürfte sein, dass die Euro-Gruppen in stürmischen Zeiten eine Feuerprobe bestanden hat. Sie erscheint als angemessenes Gremium für den europäischen Teil der letztlich nur gemeinsam mit Amerikanern und anderen internationalen Akteuren zu gebenden Antwort auf die Finanzkrise. Für Junckers Feingefühl spricht, dass von den Spannungen mit Jean-Claude Trichet, dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank, zuletzt nichts mehr zu spüren war. All das hat zweifellos Kraft gekostet. Sollte Juncker, der sich auch mit den Schwierigkeiten einiger der 150 im Großherzogtum etablierten Banken herumplagt, einige Nächte lang wieder durchschlafen können, dürfte zwischen Tatendrang und äußerlicher Erscheinung nicht mehr der Gegensatz dieser Tage klaffen. Juncker war es, der bei der traditionellen Zusammenkunft der Europäischen Volkspartei als erster EU-Kommissionspräsident Barroso für eine weitere Amtszeit vorgeschlagen und damit die sozialdemokratische Konkurrenz in Zugzwang gebracht hat. Und sollte, trotz aller Schwierigkeiten in Irland, der Lissabonner Vertrag doch noch in Kraft treten, dürfte es nicht verwundern, wenn Juncker abermals mit dem neuen Posten des EU-Ratspräsidenten in Verbindung gebracht wird. MICHAEL STABENOW FAZ 2008/10/17 Eine Bankrotterklärung der Global Player. kA Manfred Volk Briefe an die Herausgeber Leserbrief global Seite 9 kA Eine Bankrotterklärung der Global Player. Zu den Beiträgen über die aktuelle Finanzkrise und zur Frage, ob außerbörsliche Unternehmen nicht doch das bessere Modell seien: Dass Steuermittel für das Versagen der hochbezahlten Bankmanager herangezogen werden, ist die Bankrotterklärung der Global Player, denen ihr eigenes Wirtschaften aus der Hand geglitten ist. Viele mittelständische Unternehmen werden in den kommenden Wochen und Monaten, wenn nicht sogar Jahren, unter den Auswirkungen zu leiden haben. Als ich 1999 eine Fabrik für Wasserkraftturbinen weitgehend bankenunabhängig finanziert habe, wurde ich von vielen Kreditinstituten und professionellen Investoren mitleidig belächelt. Bodenständige Aktionäre haben den Bau und das erfolgreiche Wachstum bis heute ermöglicht. Auch im Zuge unserer derzeitigen Kapitalerhöhung sind wir außerbörslich und bankenunabhängig - und werden es auch bleiben. Trotzdem verfügen wir über ausreichende Finanzmittel. Ich bin überzeugt, dass die außerbörsliche AG für mittelständische Unternehmen das Modell der Zukunft sein wird. Denn nur hier können Aktionäre unmittelbaren Einfluss ausüben und nur hier haben sie die Sicherheit, dass ihr Geld verantwortungsbewusst eingesetzt wird. Denn im Gegensatz zu börsennotierten Unternehmen sind hier keine kurzfristigen Renditejäger mit Zeitverträgen beschäftigt, sondern überwiegend die Gründer und Inhaber, die auch noch in vielen Jahren auf den Fortbestand ihres Unternehmens bedacht sind. Auch sind die Aktienkurse kein Spiel von "Zockern" an der Börse. Jeder Aktionär ist Teilhaber an "seiner" Firma, kann diese besuchen und sieht, wie sein Geld arbeitet. Er trägt mit seinem Investment dazu bei, dass in seinem Sinne nachhaltig gewirtschaftet wird. MANFRED VOLK, AUFSICHTSRATSVORSITZENDER DER WASSERKRAFT VOLK AG, GUTACH FAZ 2008/10/17 Trotzige Zuversicht in Island. Wie einst die Wikinger gingen noch vor kurzer Zeit isländische Bankiers und Investoren in Europa auf Beutezug. Jetzt droht dem Land der Staatsbankrott. Siegfried Thielbeer Politik Reportage Island Seite 3 kA Trotzige Zuversicht in Island. Wie einst die Wikinger gingen noch vor kurzer Zeit isländische Bankiers und Investoren in Europa auf Beutezug. Jetzt droht dem Land der Staatsbankrott. Von Siegfried Thielbeer. REYKJAVIK, 16. Oktober. Von Hamsterkäufen in Reykjavik ist nichts zu beobachten. Die Regale der Supermärkte sind gut gefüllt, auch wenn in den vergangenen Tagen in manchen Geschäften über eine Verdoppelung der Umsätze berichtet worden war. An den Tankstellen ist mühelos Benzin zu erhalten. Die Lichter sind noch nicht ausgegangen in dem Inselstaat, dem der Staatsbankrott droht. Die erste Reaktion der Menschen auf die jüngsten Hiobsbotschaften scheint von trotziger Zuversicht geprägt: "Es wird schon werden, meinen Sie nicht auch?" Dabei trifft die Krise die meisten hart - auch diejenigen, die glaubten, bisher eigentlich nicht über die Verhältnisse gelebt zu haben: Am Dienstag wurden Hunderte von Bankangestellten entlassen, viele andere Isländer, die in den vergangenen Jahren Arbeitslosigkeit nicht kannten, bangen nun um ihre Stellen. Innerhalb von wenigen Monaten ist zudem alles dramatisch teurer geworden. Fachleute klagen über eine Inflationsrate von 14 Prozent. Hausfrauen berichten, dass sich seit September vor einem Jahr die Preise um 20 Prozent erhöht haben, der Brotpreis sogar um 26 Prozent. Und die gesamte private Haushaltsplanung stimmt plötzlich nicht mehr: Wer vor zwei Jahren eine Eigentumswohnung von 150 Quadratmetern für etwa 300 000 Euro erwarb, ein Drittel anzahlte und nur für zwei Drittel einen Hypothekenkredit aufnahm, muss nun feststellen, dass wegen des Einbrechens der überhöhten Immobilienpreise die Wohnung oder das Haus weniger wert ist als der Kredit. Die Wohnungskosten sind seit einem Jahr, wegen der Bindung der Zinsen an den Inflationsindex, um fast 20 Prozent teurer geworden. Aber verkaufen kann man nicht. Schlimmer ergeht es den Autofahrern. Isländer kauften gerne große Geländewagen amerikanischer oder japanischer Produktion. Eine Kreditfinanzierung zu 100 Prozent war üblich. Da die Regierung seit langem schon die Kreditzinsen für die isländische Krone hochgetrieben hatte, wichen viele auf eine billige Finanzierung in Yen, Euro oder Schweizer Franken aus. Das rächt sich jetzt: Wegen des Verfalls der isländischen Währung ist nun für den Devisenkredit mindestens das Doppelte zu bezahlen. Aber verkaufen könnte man die Fahrzeuge mit ihrem hohen Benzinverbrauch nur noch mit riesigem Verlust. Vor zwei Jahren konnten die Isländer einen Euro noch für 80 Kronen bekommen, im Frühjahr waren es schon mehr als 120 Kronen. Als die Zentralbank den Leitzins zur Bekämpfung der Inflation von 14 auf 15,5 Prozent erhöhte, verschaffte das der isländischen Währung noch einmal kurz Luft. Inzwischen beträgt der "offizielle" Preis 150 Kronen - nur, der Normalbürger kann gar keine Devisen mehr erwerben. Auf dem Restmarkt in Europa, der inzwischen versiegt ist, fiel der Kurs sogar auf 340 Kronen. Mit der Verstaatlichung der Banken wurde auch die Bewirtschaftung der Devisen wieder eingeführt, die jetzt, wie am Mittwoch durch ein Bulletin der Zentralbank verkündet wurde, nach Bedarf über Auktionen verteilt werden sollen. Die wenigen Bestände, die sich Regierung und Zentralbank in den vergangenen Monaten noch sichern konnten und die am vergangenen Dienstag noch einmal durch Kredite der dänischen und norwegischen Nationalbanken von jeweils 200 Millionen Euro erhöht wurden, werden gehortet. So können wenigstens die lebenswichtigen Importe von Lebensmitteln und Produkten für die Unternehmen bezahlt werden. An der Börse in Reykjavik war der Index bis zum Frühjahr schon um ein Drittel gefallen. Besonders hart getroffen waren die Bankaktien, die 80 Prozent des Börsenwertes in Reykjavik ausmachten. Dann stürzten bis Anfang Oktober die Werte auf die Hälfte ab. Inzwischen ist der Index ohnehin fiktiv. Die Bankaktien werden nicht mehr gehandelt. Seit Jahren hatten isländische Banken und Investmentgruppen in Nordeuropa, in den Niederlanden und Großbritannien auf atemberaubende Weise expandiert: Sie kauften Banken und die größten Warenhäuser in Dänemark auf. Dazu kamen das nobelste Hotel Kopenhagens sowie Immobilien, Modeketten. Zudem lancierten sie Gratiszeitungen, die etwa die großen dänischen Zeitungskonzerne in ihrer Abwehrschlacht Hunderte von Millionen dänische Kronen gekostet haben. Die jugendlichen und smarten isländischen Bankiers und Investoren, entscheidungsfreudig innerhalb von Tagen im Gegensatz zu den konservativen europäischen Banken, schienen auf Beutezügen wie einst die Wikinger. Woher kam nur all das Geld? Wie konnte es sein, dass eine Bank wie Kaupthing unter ihrem 37 Jahre alten Chef immer bessere Zinskonditionen anbot als die europäische Konkurrenz? Verdienten die mehr? Viele wunderten sich schon längere Zeit. Gelegentlich, etwa 2006, kam alles schon einmal ins Rutschen, als plötzlich die isländische Krone in Turbulenzen geriet. Das Abenteuer der isländischen Gratiszeitung, Vorbild für die Expansion in Skandinavien, endete inzwischen in einem Fiasko und dem Verlust vieler Arbeitsplätze auch bei isländischen Zeitungen. Die isländischen Banken, die die Aufkäufe der isländischen Investoren, mit denen sie persönlich eng verbunden waren, finanzierten, nutzten die international niedrigen Zinsen zum aggressivem Schuldenmachen. Vor zehn Jahren entsprachen die gesamten Aktivitäten der Banken, die ursprünglich nur dem kleinen Binnenmarkt dienten und erst 2003 ganz privatisiert waren, noch ungefähr dem Bruttoinlandsprodukt. Jetzt betragen sie das Zehnfache. Allein Kaupthing war sechsmal so groß wie das isländische Bruttoinlandsprodukt. Doch jetzt ist das Zinsniveau viel höher geworden und die Refinanzierung der Kredite viel teurer. Seit vergangenem Herbst schon ist der Börsenboom in Reykjavik vorbei, seither beginnt auch die Immobilienblase zu platzen. Die Inflation stieg schon im März auf 8,7 Prozent statt der von der Zentralbank angestrebten 2,5 Prozent und vier Prozent, die man maximal tolerieren wollte. Das Defizit der Zahlungsbilanz liegt bei 16 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Island habe seit langem schon über seine Verhältnisse und auf Pump gelebt, klagt Wirtschaftsprofessor Gylfi Magnusson. Frühzeitige Warnungen aus dem In- und Ausland seien in den Wind geschlagen worden. Er spricht von einem weitverbreiteten "Syndrom des Problem-Leugnens". Auch in Island habe es Warnungen gegeben, aber niemand habe hören wollen. In Island mit gerade einmal 300 000 Einwohnern, davon fast 200 000 im Großraum Reykjavik, kenne jeder jeden. Und bei Freundschaftskumpaneien seien neutrale Analysen und Kritik schwer möglich. Das Wuchern der isländischen Banken zu einem Vielfachen des Bruttoinlandsprodukts sei ein "kolossaler Fehler" gewesen, sagt Magnusson. Zentralbank und Finanzaufsicht hätten ebenso versagt wie die Regierung, die vielleicht noch 2007 hätte gegensteuern können. Aber selbst der Staatspräsident sei über die Erfolge der Banken begeistert gewesen. Und dann kamen die Auswirkungen der internationalen Finanzkrise hinzu. Die isländischen Banken fühlten sich zunächst als das Opfer von "Manipulationen", wie Sigidur Einarsson, der Aufsichtsratschef von Kaupthing, sagte. Zentralbankchef David Oddson, Vorgänger von Ministerpräsident Haarde, beschuldigte "skrupellose Händler", die Islands Finanzsystem "erdolchen" wollten. Auch Haarde sagte, Island werde sich der internationalen Spekulanten durch eine Bärenfalle zu wehren wissen. Noch Anfang Oktober klagte er, die eigentlich grundsoliden isländischen Banken seien das Opfer der von Amerika ausgehenden Krise. Im Industrieverband in Reykjavik herrschte längst die Ansicht, dass die isländische Krone zu spekulationsanfällig sei. Man sollte daher auch wegen der ganz überwiegenden Handelsausrichtung nach Europa am besten den Euro einführen, lautete der Rat. Doch bisher hat die konservative Unabhängigkeitspartei jeden Gedanken an eine EU-Mitgliedschaft abgewehrt. Dabei spielt auch der Fischkonflikt mit der EU eine Rolle. Mit Garantien für die Bankkunden wie in Europa und Amerika könnte der isländische Staat vor dem Bankrott stehen, sagte jetzt warnend Ministerpräsident Haarde. In Wahrheit aber kann der isländische Staat gar nicht für die viel zu großen Banken garantieren. Garantien für ausländische Anleger, die Konstruktionen mit Holländern und Briten zeigen es, kann Island nur geben, wenn es dafür Devisenkredite dieser Länder erhielte. Bei einer entsprechenden Regelung mit Deutschland würde also der deutsche Steuerzahler für die Einlagen der Deutschen zahlen. Inzwischen haben die Isländer einen neuen Schuldigen ausgemacht: den britischen Premierminister Brown. Durch die Entscheidung der Briten, die Kaupthing-Konten zu beschlagnahmen, sei die völlig liquide Bank erst ins Strudeln gebracht worden. Und wie könne es sein, dass die Briten dabei ihre Anti-Terror-Gesetze genützt hätten? Jetzt übt man erst einmal patriotischen Schulterschluss. Nach einer Anstandsfrist aber werden die Köpfe rollen in Island. Viele erwarten, dass die führenden Bankiers bei der Zentralbank der Finanzaufsicht und wohl auch der Ministerpräsident werden gehen müssen. FAZ 2008/10/17 Selbstzufriedene Europäer. Die Profiteure der Krise: Den EU-Gipfel in Brüssel nutzen die Staats- und Regierungschefs, um sich nach Chaostagen selbst zu loben. Nikolas Busse Politik Reportage EU Seite 3 kA Selbstzufriedene Europäer. Die Profiteure der Krise: Den EU-Gipfel in Brüssel nutzen die Staats- und Regierungschefs, um sich nach Chaostagen selbst zu loben. Von Nikolas Busse. BRÜSSEL, 16. Oktober. Am Mittwochmorgen, kurz vor Beginn des EU-Gipfels, stattete Gordon Brown dem Kommissionspräsidenten José Manuel Barroso einen Besuch ab. Vor der Presse hob Barroso ausdrücklich hervor, dass er "ehrlich" anerkenne, welchen Beitrag der britische Premierminister bei der Bewältigung der Finanzkrise geleistet habe. Dank und Anerkennung werden über jedem halbwegs bedeutenden Besucher in Brüssel ausgeschüttet, weshalb Barroso es wohl für angezeigt hielt, seine "Ehrlichkeit" zu beteuern. Brown gestattete sich, die Schmeichelei mit einem selbstzufriedenen Lächeln entgegenzunehmen. Brown nutzte die Gunst der Stunde, um etwas später noch eine Pressekonferenz zu geben, auf der er eine grundlegende Überarbeitung des Weltfinanzsystems forderte. Auf den Gedanken waren vor ihm schon andere gekommen, weshalb die Staats- und Regierungschefs der EU sich tags darauf einstimmig für so ein Vorhaben aussprachen. Aber der Produktionsdruck der Medienwelt tat Brown den Gefallen, ihn in den Nachrichten für ein paar Stunden noch einmal zum Vater der europäischen Reaktion auf die Finanzkrise zu machen. "Gegen Brown sehen Miliband und Cameron im Augenblick wie Schuljungs aus", stellte ein britischer Beobachter fest. Brown ist beileibe nicht der einzige führende Politiker in Europa, der nach zwei Tagen mit Kursgewinnen an den Börsen die Zeit gekommen sah, seine eigenen Verdienste in der Krise zu würdigen. Barroso selbst hatte am Tag vor dem Gipfel eine Pressekonferenz abgehalten, die er mit der Feststellung begann, er habe schon am 1. Oktober zu einer koordinierten Antwort Europas aufgerufen, und diese sei nun in Gang. "Wir haben unsere Rolle als Katalysator gespielt, wir waren der Brückenbauer zwischen den verschiedenen Ausgangspunkten der Mitgliedstaaten", lobte Barroso sich und sein Haus, um gleich noch auf die Gesetzesinitiativen der Kommission hinzuweisen, von der Gruppenaufsicht für Banken bis zum Schutz von Spareinlagen. Im Brüsseler Politikbetrieb wird das nicht jeden überzeugen, denn die amtierende Kommission ist bisher kaum als Protestbewegung gegen das freie Spiel der Marktkräfte aufgefallen. Ihr Binnenmarktkommissar Charlie McCreevy, ein deregulierungsbegeisterter Ire, hat sich deshalb sogar den Zorn des Europaparlamentes zugezogen. In seltener Eintracht fordern Christliche Demokraten und Sozialdemokraten, dass McCreevy die Zuständigkeit für den Finanzmarkt entzogen wird. Mindestens zehn Berichte des Parlaments zu dem Thema habe McCreevy in den vergangenen vier Jahren ignoriert, schimpfte Werner Langen, der Vorsitzende der CDU/CSU-Abgeordneten im Parlament. "Nicht der Neoliberalismus, sondern die Fernsteuerung des verantwortlichen Kommissars aus Dublin und London" sei das Problem. Der Fraktionsvorsitzende der Sozialdemokraten, Martin Schulz, reagierte auf Pläne Barrosos, McCreevy zum Mitglied eines Krisenstabs in der Kommission zu machen, mit der Feststellung, man müsse nicht den, der das Feuer lege, anschließend in die Feuerwehr berufen. Die Bundesregierung kam mit Bundeskanzlerin Merkel, Finanzminister Steinbrück und Außenminister Steinmeier zu diesem Gipfel nach Brüssel, der im Wesentlichen dazu diente, die finanzpolitischen Beschlüsse der Eurogruppe vom vergangenen Sonntag von allen 27 Mitgliedstaaten billigen zu lassen. Aber auch die Berliner Truppe wollte ihren Beitrag nicht unter den Tisch gekehrt sehen, zumal gerade die französische Presse die Kanzlerin anfangs als Bremsklotz einer gesamteuropäischen Antwort auf die Krise dargestellt hatte. So sei das alles nicht gewesen, war jetzt in Brüssel zu hören. Die Deutschen seien mit der französischen Ratspräsidentschaft und allen anderen relevanten Akteuren ständig im Gespräch gewesen. Sie hätten es aber aus Rücksicht auf die Reaktion der Märkte vorgezogen, nicht an die Öffentlichkeit zu gehen, bevor klar gewesen sei, wie ein konkretes Vorhaben aussehe und wie es umzusetzen sei. "Die Briten geben halt viele Interviews." Da schwangen offenbar auch die Erinnerungen an frühere Besuche in London mit, in denen die Briten unter Hinweis auf ihre reiche City mit Mitleid auf den "Kontinent" geblickt hatten und von strenger regulierten Finanzmärkten nichts wissen wollten. Dass sich ein britischer Premierminister am vergangenen Sonntag veranlasst sah, die Eurogruppe um Teilnahme an ihrem Gipfel zu bitten, wird man in Berlin lange nicht vergessen. Und von den Dänen ist angeblich schon zu hören, dass so ein Euro in schlechten Zeiten vielleicht doch eine ganz nützliche Sache sei. Einer, der sein Licht sonst auch gerne leuchten lässt, trat auf diesem Gipfel überraschend geschäftsmäßig auf. Präsident Sarkozy trug die Ergebnisse des Treffens am Donnerstag in der Pose des harten Arbeiters für den Groschen des kleinen Mannes und die Stabilität der Weltmärkte vor. Ein wenig leidenschaftlich wurde er allerdings, als es um die Frage ging, ob Europa nach der Zusammenarbeit gegen die Finanzkrise nun auch seine Bemühungen zum Abfangen der drohenden Rezession koordinieren solle. "Ja, ja, ja, ja", rief Sarkozy in den Saal. Ob darüber Einigkeit in der EU bestehe? "Nein, nein, nein." Die Ratspräsidentschaft erziehe zu Demut, bemerkte ein anderer Regierungschef. Die Verwerfungen auf den Finanzmärkten degradierten am Mittwoch und Donnerstag andere europäische Krisen zu Randpunkten der Tagesordnung. Die Beratungen über die Zukunft des Lissabon-Vertrages vertagten die Staats- und Regierungschefs auf Dezember, den Streit über das weitere Verhältnis zu Russland auf November. Mancher musste gar früher abreisen, wie die Bundeskanzlerin, weil die Hauptbaustelle bei der Bewältigung der Finanzkrise derzeit noch in den nationalen Hauptstädten liegt. Nur ein Thema rief noch größere Diskussionen hervor, weil es von der Finanzkrise berührt wird: das geplante Klimaschutzpaket der EU. Da gibt es seit langem Widerstände in allerlei Mitgliedstaaten, unter anderen in Osteuropa. Am Donnerstag waren die Polen so aufgebracht, dass die Sitzung kurz unterbrochen werden musste. Einer ohnehin schon schwächelnden Industrie jetzt auch noch Kosten für die Klimarettung aufzubürden scheint manchen Regierungen politisch sehr riskant. Selbst bei den Deutschen denkt der eine oder andere inzwischen darüber nach, wie es wohl wirken würde, sollte BMW nächstes Jahr unter Hinweis auf die Klimaauflagen Arbeitsplätze streichen. Eine Tischumfrage ergab dann aber, dass alle Staats- und Regierungschefs zumindest im Grundsatz weiter an dem Paket arbeiten wollen. Die Polen machten im Übrigen noch auf ganz andere Weise auf sich aufmerksam. Präsident Kaczynski und Ministerpräsident Tusk, die sich seit langem über die Zuständigkeit für die Außenpolitik streiten, kamen diesmal beide zum Gipfel nach Brüssel, allerdings ohne Billigung des jeweils anderen. Tusk flog mit der Regierungsmaschine, Kaczynski besorgte sich ein Privatflugzeug. Der Leidtragende wurde Außenminister Sikorski, denn der musste aus dem Sitzungssaal, um Platz für beide Herren zu schaffen. Tusk habe dann irgendwann eine scharfe Wortmeldung abgegeben, wurde berichtet, damit sei dann Kaczynski zufrieden gewesen. Zur Besprechung mit seinen Mitarbeitern musste der Präsident allerdings auf die Straße gehen. Sie waren nicht akkreditiert. FAZ 2008/10/17 Aufweichung. kA Bettina Schulz Unternehmen und Wetter Kommentar global Seite 22 kA Aufweichung. Von Bettina Schulz. Reicht man den Banken den kleinen Finger, fordern sie gleich die ganze Hand. Jetzt ist die internationale Rechnungslegung so gelockert worden, dass den europäischen Banken große Wertberichtigungen im dritten Quartal erspart bleiben. Sie dürfen Wertpapiere und Kredite so umbuchen, dass sie deren Wertverlust nicht schlagartig über die Gewinn-und-Verlust-Rechnung ausweisen müssen, sondern über Jahre abschreiben können. Aber der Druck der Banken - und einiger Mitgliedsländer der Europäischen Union - ist groß, die Aufweichung der Bilanzierungsvorschriften noch weiter zu treiben. Die Vorstellung ist, dass Banken auch Konstrukte mit eingeflochtenen Derivaten aus der Marktbewertung herausnehmen dürfen. Damit würden die Europäer weit über das hinausgehen, was nach amerikanischer Rechnungslegung selbst in Notzeiten erlaubt wäre. Die Europäer lösten damit ein Wettrennen um eine Aufweichung der Bilanzierungsstandards aus. Das wäre das Gegenteil eines international abgestimmten Vorgehens. Auf der Strecke bliebe das Vertrauen in die Aussagekraft europäischer Bankbilanzen. Genau dieses Vertrauen braucht die Welt, um aus der Finanzkrise hinauszufinden. FAZ 2008/10/17 Die Krise und ihre Merkwürdigkeiten. kA kA Politik Zitat global Seite 2 Stimmen der Anderen Die Krise und ihre Merkwürdigkeiten. Zur Kreditkrise bemerkt die Londoner Tageszeitung "Independent": "Diese Finanzkrise hat außergewöhnliche Verwandlungen erlebt. Dem amerikanischen Präsidenten Bush wird vorgeworfen, sozialistisch geworden zu sein, Frankreichs wirtschaftsliberaler Präsident Sarkozy hat das Ende des Laissez-faire verkündet, und der britische Premierminister Brown reist nicht nur bereitwillig nach Brüssel, sondern wird dort auch noch gefeiert. In dieser Krise hat die EU trotz aller Differenzen bis jetzt schnell und geschlossen reagiert - zum Neid einiger unserer Freunde auf der anderen Seite des Atlantiks." FAZ 2008/10/17 Koalition will Mindestlohn auf weitere Branchen ausweiten. Scholz: Beitrag zur sozialen Stabilität. FDP: Irrweg. enn. Politik Bericht BRD Seite 2 kA Koalition will Mindestlohn auf weitere Branchen ausweiten. Scholz: Beitrag zur sozialen Stabilität. FDP: Irrweg. enn. BERLIN, 16. Oktober. Die große Koalition ist ihrem Ziel, in Deutschland mehr Branchen-Mindestlöhne einzuführen, einen Schritt näher gekommen. Am Donnerstag hat sich der Bundestag zum ersten Mal mit den Novellen zum Arbeitnehmerentsende- und zum Mindestarbeitsbedingungengesetz befasst; beide regeln Vorgaben für gesetzliche Lohnuntergrenzen in Branchen mit hoher und niedriger Tarifbindung. Bundesarbeitsminister Scholz (SPD) und andere Koalitionsredner warben für Mindestlöhne. Grüne und Linkspartei-Politiker forderten noch weiter gehende Festlegungen zu gesetzlichen Lohnuntergrenzen, sie verwiesen dabei auf die Beispiele der meisten anderen Länder in der Europäischen Union. Die FDP hingegen lehnte die Pläne ab. Scholz erinnerte an die Finanzkrise, um staatliche Eingriffe in die Lohnsetzung zu rechtfertigen. Die Einführung weiterer Branchen-Mindestlöhne sei angesichts der Turbulenzen an den Finanzmärkten ein Gebot der Stunde, sagte der Minister. Zusätzliche Lohnuntergrenzen seien ein Beitrag zur politischen Stabilität. In Zeiten, in denen es an den Märkten "drunter und drüber" gehe, könne mit Mindestlöhnen gezeigt werden, "dass es mit sozialer Stabilität noch klappt". Scholz hob hervor, der Staat müsse regulierend eingreifen, damit die Löhne "nicht ins Kellergeschoss gedrückt werden". Unternehmer dürften nicht darauf spekulieren, dass der Staat ihre Dumpinglöhne durch Sozialleistungen aufstocke. Bisher gibt es allgemeinverbindliche Lohnuntergrenzen schon für Bauarbeiter, Gebäudereiniger und Briefdienstleister. Die Koalition will weitere Branchen festlegen. Eine politische Arbeitsgruppe unter Leitung von Scholz und Ralf Brauksiepe (CDU) soll die Branchen benennen - parallel zum parlamentarischen Verfahren, das nach Vorstellung der Koalition noch in diesem Jahr beendet werden soll. Acht Branchen haben schon ihr Interesse bekundet, darunter die Zeitarbeit, die Pflegedienste, das Wach- und Sicherheitsgewerbe und die Entsorgungswirtschaft. Die Union bekräftigte derweil ihre Absicht, die Zeitarbeitsbranche nicht in die Mindestlohngesetze aufzunehmen. Die Voraussetzungen seien nicht erfüllt, sagte Brauksiepe. Die Tarifbindung liege hier bei fast 100 Prozent. Im Übrigen verteidigte Brauksiepe die Mindestlohn-Pläne. Angesichts einer Tarifbindung von nur noch 52 Prozent könne man "nicht mehr weitermachen wie bisher". Der FDP-Politiker Heinrich Kolb bezeichnete Mindestlöhne hingegen als "Irrweg zum Schaden der Volkswirtschaft". In Zeiten einer schweren Finanzkrise, die auf die Realwirtschaft überzugreifen drohe, seien Mindestlöhne so falsch wie nie zuvor. Sie verteuerten Produkte und Dienstleistungen, verringerten die Nachfrage und kosteten deshalb Arbeitsplätze. Dies habe auch der Post-Mindestlohn gezeigt; durch ihn seien 6000 Arbeitsplätze verlorengegangen. Die Union habe sich beim Mindestlohn von der SPD "in den Schwitzkasten" nehmen lassen. Die Linkspartei plädierte dagegen für eine allgemeine Lohnuntergrenze. Menschen, die Vollzeit arbeiteten, müssten davon leben können, sagte der Linkspartei-Abgeordnete Werner Dreibus. Brigitte Pothmer (Grüne) kritisierte, Deutschland habe den größten Niedriglohnsektor in Europa. Zwei Millionen Menschen arbeiteten unter der Grenze von fünf Euro je Stunde. FAZ 2008/10/17 Der Bundestag in der Klemme. kA kA Politik Zitat BRD Seite 2 Stimmen der Anderen Der Bundestag in der Klemme. Zur Regierungserklärung und zur Debatte im Bundestag über das sogenannte Bankenrettungspaket Berlins lesen wir in der "Badischen Zeitung" (Freiburg): "Ein beeindruckender Beweis für die Handlungsfähigkeit der Demokratie ist das Gesetz gegen die Finanzkrise für Bundestagspräsident Lammert. Doch zunächst einmal hat nur die Regierung gehandelt. Und sie hat das Parlament im Verein mit den Finanzmärkten in eine Zwickmühle getrieben. Verweigert es sich, macht es sich mitschuldig an einer neuerlichen Zuspitzung der Lage und verschärft womöglich auch die heraufziehende ökonomische Krise. Stimmt es zu, entmachtet es sich weitgehend selbst." FAZ 2008/10/17 Ein Hauch von Wilhelm II. kA Reinhard Müller Politik Kommentar BRD Seite 1 Leitartikel Ein Hauch von Wilhelm II. Von Reinhard Müller. Eine außergewöhnliche Krise erfordert außergewöhnliche Maßnahmen. Das Gesetz erklärt den "öffentlichen Notstand auf sozialem, wirtschaftlichem, administrativem, finanziellem und währungspolitischem Gebiet". Die Rede ist nicht von Deutschland, sondern von Argentinien im Jahr 2002. Doch dass es sich um eine beispiellose Notstandsregelung handelt, die an diesem Freitag verabschiedet werden soll, liegt auf der Hand. Das zeigte sich schon bei der Rettung der Hypo Real Estate, als man das Land nächtens im Kanzleramt am Abgrund wähnte - und die Regierungschefin das Volk der Sparer mit einer Billionen-Garantie zu beruhigen suchte. Das war ein unerfüllbares Versprechen, das seinen Zweck aber erreichte. Der lautet im Notstand generell: Ruhe bewahren. In der konkreten Situation war Frau Merkels Botschaft sogar wirksamer als eine durchgreifende Maßnahme. Es ist bezeichnend, dass sich vor dem Hintergrund der Finanzkrise die vorläufige Einigung über den Einsatz der Bundeswehr im Innern und das Gerangel darüber wie Petitessen ausnehmen. Dabei wurde und wird schon anlässlich dieser geplanten Grundgesetzänderung der Untergang des (Rechts-) Staates an die Wand gemalt. Tatsächlich hat sogar das Bundesverfassungsgericht den Gedanken aufgeworfen, der Einzelne könne im Interesse des Staatsganzen notfalls sogar verpflichtet werden, sein Leben aufzuopfern, "wenn es nur auf diese Weise möglich ist, das rechtlich verfasste Gemeinwesen vor Angriffen zu bewahren, die auf dessen Zusammenbruch und Zerstörung abzielen". Doch sei es beim Luftsicherheitsgesetz, über dessen Folgen bis heute gerungen wird, eben nicht um die Abwehr von Angriffen gegangen, die auf die Beseitigung des Gemeinwesens und die "Vernichtung der staatlichen Rechts- und Freiheitsordnung gerichtet sind". Nun aber haben offenbar nicht Terroristen, sondern Banken die gesamte staatliche Ordnung in Gefahr gebracht. Das zeigt nicht zuletzt der wiederholte öffentliche Hinweis der Bundesregierung auf die zwanziger Jahre. Das sollte man freilich nicht übertreiben, denn jene Zeit steht auch für innere Unruhen, die dann in der Tat auch Assoziationen zu den Streitkräften hervorrufen. Allerdings liegt ein Hauch von Wilhelm II. in der Luft: Einst kannte der Kaiser keine Parteien mehr, nur noch Deutsche. Heute befördert die Kanzlerin die große Koalition zum Verfassungsorgan - und auch die Länder sollen gefälligst ihrer Verantwortung für das große Ganze gerecht werden. Diese Verantwortung ist zweifellos groß, denn mit dem Rettungspaket sind tiefgreifende Eingriffe in das Staatswesen verbunden. Das betrifft zunächst die Finanzverfassung: Zwar ist noch offen, in welchem Umfang etwa staatliche Garantien und Stützungsangebote in Anspruch genommen werden, doch wird ein riesiger Sonderfonds geschaffen. Das ist grundsätzlich zulässig und gerade in Ausnahmefällen schon früher geschehen - siehe deutsche Einheit oder Flutkatastrophen. Aber die Verfassung fordert eine klare Lastenverteilung und verbietet eine Mischfinanzierung. Das heißt: Im Grunde müsste der Bund, der sich für zuständig hält und den Fonds durch das Finanzministerium und die Bundesbank verwaltet, auch die Kosten tragen. Doch daran wird eine Lösung nicht scheitern. Die Länder werden sich an der Bewältigung dieser Aufgabe zu beteiligen haben. Mit ihrem ersten Aufschrei haben sie deutlich gemacht: Wir sind auch noch da - und wenn wir Lasten tragen sollen, dann reden wir auch mit. Zudem wird es nicht nur neue Bilanzregeln, sondern auch ein rigides Aufsichts- und Auflagensystem geben. Dabei enthält der Rettungsplan durchaus marktwirtschaftliche Elemente. So entscheiden die Finanzinstitute selbst, ob sie Hilfen in Anspruch nehmen; Auflagen können durch Verträge oder Selbstverpflichtungen festgelegt werden. Wenn allerdings der Staat ein Finanzinstitut unter Kuratel stellt, dann richtig. Zwar sind bei Schieflagen jetzt schon erhebliche Eingriffe möglich, doch soll es nun Gehaltsobergrenzen und keine Boni mehr geben. Sollte das schon im Fall einer kurzfristigen Hilfe gelten, wäre das eine deutliche Beeinträchtigung der Privatautonomie. Die aber ist auch schon durch Mindestlöhne und das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz erheblich eingeschränkt worden. Die außergewöhnliche Krise erfordert außergewöhnliche Maßnahmen - international abgestimmt und zum Teil auch erzwungen. Es ist ein ermutigendes Zeichen, dass diese Notstandsregeln in einem geordneten Verfahren verabschiedet werden können - sie sollten auch deshalb inhaltlich nicht über das Ziel hinausschießen und die freiheitliche Ordnung nicht völlig umkrempeln. Ausnahmen müssen Ausnahmen bleiben. Dazu passt auch die vorgesehene Befristung. Das argentinische Notstandsgesetz von 2002 wurde danach zunächst jährlich verlängert. Das half dem Land vor deutschen Gerichten übrigens nicht: Das Bundesverfassungsgericht entschied, die Erfüllung privatrechtlicher Ansprüche dürfe nicht unter Berufung auf den wegen Zahlungsunfähigkeit erklärten Staatsnotstand verweigert werden. Zum Wesen des Notstands gehört eben, dass er sich nur begrenzt regeln lässt. FAZ 2008/10/17 Bund und Länder verständigen sich auf Rettungspaket. Keine Einigung in Brüssel auf Konjunkturprogramm. Aber "gemeinsame Prinzipien". wmu./mas. Politik Meldung BRD Seite 1 kA Bund und Länder verständigen sich auf Rettungspaket. Keine Einigung in Brüssel auf Konjunkturprogramm. Aber "gemeinsame Prinzipien". wmu./mas. BRÜSSEL/BERLIN, 16. Oktober. Die Bundesregierung und die Regierungschefs der 16 Bundesländer haben sich auf das Rettungspaket für die deutschen Finanzmärkte geeinigt. Das teilten Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), der hessische Ministerpräsident Koch (CDU) und Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit (SPD) am Donnerstag nach einem Treffen im Kanzleramt mit. Frau Merkel sagte, es habe sich gezeigt, dass Bundesregierung und Länder bereit seien, Verantwortung zu übernehmen. Finanzminister Steinbrück (SPD) sagte, bei der Schlussabrechnung des Rettungsfonds würden Gewinne oder Verluste im Verhältnis von 65 zu 35 Prozent zwischen Bund und Ländern aufgeteilt. Dies gelte aber nur bis zu einer Obergrenze von 7,7 Milliarden Euro. Mögliche höhere Verluste müsste dann der Bund alleine tragen. Außerdem sollen die Länder im sogenannten Lenkungsausschuss Mitspracherecht erhalten. Koch und Wowereit sagten, nun könnten die Länder im Bundesrat dem Paket zustimmen. Die EU-Staaten einigten sich unterdessen auf gemeinsame Prinzipien zur Lösung der Finanzkrise, sind aber weiter in der Frage uneins, ob die Krise eine weiter gehende wirtschaftspolitische Koordination oder gar ein Konjunkturprogramm auf europäischer Ebene erfordert. Zum Abschluss ihres Gipfeltreffens am Donnerstag in Brüssel bekräftigten die EU-Staats- und -Regierungschefs lediglich ihre "Entschlossenheit", das Notwendige zu tun, um Wachstum und Beschäftigung zu fördern und die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie zu erhalten. Der amtierende EU-Ratsvorsitzende, Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy, konnte sich mit seiner Forderung nach weiter gehenden Schritten nicht durchsetzen. Auf Drängen mehrerer Mitgliedstaaten, darunter Deutschland, wurde eine Passage aus der Brüsseler Abschlusserklärung gestrichen, in der Hilfszusagen für die Automobilindustrie gefordert wurden. Außenminister Steinmeier (SPD) sagte, die Frage eines europäischen Konjunkturprogramms sei "nicht entscheidungsreif". Der luxemburgische Ministerpräsident Juncker schloss ein solches Programm kategorisch aus. (Fortsetzung und weitere Berichte Seite 2, siehe Seiten 3, 10 sowie Wirtschaft, Seiten 11, 12 und 14, sowie Finanzmarkt.) In Brüssel wiederholte Sarkozy nach dem Treffen seine Forderung, die europäische Industrie müsse vor allem gegen die amerikanischen Wettbewerber geschützt werden. Der amerikanische Kongress hatte im vergangenen Monat 25 Milliarden Dollar zur Förderung der heimischen Autoindustrie bewilligt. Der französische Präsident nannte es "naiv", wenn die EU-Staaten dem nichts entgegensetzten. Der Ratsvorsitzende gestand ein, dass einige Länder bei der Industrie nicht so weitgehend eingreifen wollten wie bei den Banken. Einig waren sich die EU-Staaten dagegen in ihrer Reaktion auf die Finanzkrise. Alle 27 Staaten schlossen sich den am Sonntag in Paris getroffenen Beschlüssen der 15 Euro-Staaten zur Stabilisierung der Finanzmärkte an, wobei auf Drängen einiger osteuropäischer Staaten ausdrücklich festgehalten wurde, dass die Beschlüsse an der Gültigkeit der europäischen Wettbewerbsregeln und des EU-Stabilitätspakts nichts ändern. Der europäische Rahmen sieht die Möglichkeit vor, dass strauchelnde Banken mit staatlichem Kapital ausgestattet und Regierungsgarantien für die Kreditvergabe unter den Banken gegeben werden. Die Staats- und Regierungschefs bekräftigten außerdem ihre Absicht, mit ihren internationalen Partnern eine "umfassende Reform des internationalen Finanzmarktsystems" in Angriff zu nehmen. Diesem Zweck soll ein "Weltfinanzgipfel" dienen, den Sarkozy für November ankündigte. Die Aufsicht über den europäischen Finanzsektor, besonders über die multinationalen Konzerne, soll verstärkt werden. In einem "ersten Schritt" sollen sich die Leiter der nationalen Aufsichtsbehörden monatlich treffen. Die Arbeit an schärferen Regeln für Stabilität und für die Eigenkapitalanforderungen an Banken soll beschleunigt werden. Strittig blieb in Brüssel die Rolle des "Krisenstabs", der nach dem Willen der Staats- und Regierungschefs künftig als Ansprechpartner auf EU-Ebene in akuten Krisenfällen fungieren soll. Ihm gehören Vertreter der EU-Präsidentschaft, der Europäischen Kommission, der Europäischen Zentralbank und des Vorsitzes der Euro-Gruppe an. Jedes Land kann kurzfristig und vertraulich den Stab aktivieren, der dann Hilfsaktionen koordiniert. Während Sarkozy diesen Stab zu einer "europäischen Wirtschaftsregierung" ausbauen will, lehnt die Bundesregierung diese Interpretation ab. In Brüssel wurde nur die Einrichtung des Stabs beschlossen, über seine Funktionen und seine Ausstattung soll noch weiter beraten werden. Bundeskanzlerin Merkel sagte, die Ergebnisse des Treffens ließen erwarten, dass die Zusammenarbeit bei künftigen Krisen besser funktioniere. Mit den regelmäßigen Treffen aller 27 Notenbankpräsidenten sei "der Weg zu mehr europäischer Aufsicht geebnet". In Berlin hatten Frau Merkel und die Ministerpräsidenten länger als geplant über die Lastenverteilung nach der Abwicklung des Sondervermögens "Finanzmarktstabilisierungsfonds" gerungen. Streitpunkt war, ob die Länder Aufwendungen für die Landesbanken und Sparkassen vollständig zu tragen haben. Das sah der Gesetzentwurf vor. Dagegen hatten sich vor allem unionsgeführte Länder gewehrt. Nun sollen die Länder nur in dem Maße, in dem sie an einem Institut beteiligt sind, Kostenanteile übernehmen. Der Rest soll dann aus dem großen "Topf" gezahlt und nach dem Schlüssel 65 zu 35 verteilt werden. In dem Punkt wird der Gesetzentwurf korrigiert, wie Koch mitteilte. Finanzminister Steinbrück rechnet mit Kosten von 24 Milliarden Euro, die in Deutschland nach Auflösung des neuen Fonds zur Bankenrettung übrig bleiben dürften. So erwartet die Bundesregierung nicht nur für die Garantien in Höhe von bis zu 400 Milliarden Euro, die für Geschäfte von Bank zu Bank gegeben werden sollen, eine Ausfallquote von 5 Prozent. Sie soll mit einem ebenso hohen Anteil an Belastungen aus der Beteiligung an Banken rechnen. Da sich der geplante Fonds an den Finanzinstituten, die wegen der Finanzmarktkrise Eigenkapital benötigen, mit bis zu 80 Milliarden Euro beteiligen wird, drohen hier Kosten von 4 Milliarden Euro. Am Gesetzentwurf wird es eine weitere wichtige Änderung geben. Danach soll die Verwaltung des Fonds nicht direkt der Bundesbank übertragen werden, sondern einer neu zu gründenden Finanzmarktstabilisierungsanstalt. Damit wird den Bedenken von Bundesbank-Präsident Weber Rechnung getragen. Dieser sorgte sich um die Unabhängigkeit der Notenbank, da nach dem ursprünglichen Gesetzentwurf die Bundesbank die Verwaltung des Fonds übernehmen und dabei der Rechts- und Fachaufsicht des Bundesfinanzministeriums unterworfen werden sollte. Die neue Anstalt wird nun von der Bundesbank getrennt, aber bei dieser gegründet. Sie erhält einen dreiköpfigen Leitungsausschuss und einen Lenkungsausschuss, der in allen Fragen grundsätzlicher Bedeutung entscheiden soll. Neben der Bundesbank sollen dort die Ministerien für Finanzen, Wirtschaft und Justiz vertreten sein. Auch die Länder werden mit einem Mitglied eingebunden. Um der FDP entgegenzukommen, wird ein Finanzmarktausschuss des Bundestages eingerichtet werden. Hessen Ministerpräsident Koch (CDU) sagte, er kenne kein Bundesland, das den Kompromiss nicht mittrage. Man könne zwar mit einem Gesetzesbeschluss nicht die Finanzkrise zum Wochenende beenden. "Aber wir haben jetzt die Voraussetzung geschaffen, dass eine Bodenlinie da ist, auf deren Basis wir sagen können: Das System wird funktionieren", sagte er. Der Regierende Bürgermeister von Berlin sprach von einem "fairen Kompromiss". Mit ihm werde für Stabilität und Sicherheit gesorgt. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Rüttgers (CDU) zeigte sich ebenfalls zufrieden: "Ich glaube, dass sich der Föderalismus in der größten Finanzmarktkrise bewährt hat", sagte er dieser Zeitung. Die Einigung sei möglich geworden, weil die Mitwirkungsmöglichkeiten der Länder erweitert und ihre mögliche Belastung gedeckelt worden sei. "Das ist ein gutes Ergebnis." Die FDP-Führung hielt für sich bis zum Abend offen, ob ihre Fraktion dem Paket zustimmen wird. Man habe noch nicht entschieden, hieß es. Der FDP-Abgeordnete Wissing warf der Bundesregierung vor, Parlament und Öffentlichkeit falsch informiert zu haben. Entgegen den bisherigen Erklärungen der Bundesregierung sei die Depfa - eine Tochtergesellschaft des in die Krise geratenen Finanzinstituts Hypo Real Estate - schon im Frühjahr 2008 von der Bankaufsicht geprüft worden. Der Prüfbericht sei dem Finanzministerium Anfang August vorgelegt worden. "Damit war die Bundesregierung über die Probleme bei der Depfa informiert", hob er hervor. Dem widersprach das Bundesfinanzministerium. Man habe aus dem Bericht nicht die Probleme erkennen können, die zur späteren Rettungsaktion gezwungen hätten, sagte Steinbrücks Sprecher. Es habe sich um Probleme gehandelt, die im Rahmen der Aufsicht zu lösen gewesen wären. Sie hätten kein Regierungshandeln erfordert. FAZ 2008/10/17 ZUR SACHE. Grundbuch statt Sparbuch. Gibt es eine Flucht in die Sachwerte? kA Immobilienmarkt Meldung global Seite 43 kA ZUR SACHE. Grundbuch statt Sparbuch. Gibt es eine Flucht in die Sachwerte? Die internationale Bankenkrise hat in der Tat eine Flucht in die Sachwerte ausgelöst. Seit Finanzinstitute von Weltformat wie Kartenhäuser einstürzen und die Regierungen einspringen müssen, um Schlimmeres zu verhindern, ist die Verunsicherung groß, auch wenn die Bundeskanzlerin eine Garantieerklärung für alle privaten Spar-, Giro- und Termineinlagen abgegeben hat. Wer größere Geldvermögen hat, sucht sein Heil in Sachwerten. Dazu zählen auch Wohnimmobilien. Trotz der Finanzkrise bewegt sich der Verkauf von Wohnungen an Kapitalanleger auf einem erstaunlich hohen Niveau. Zwar sind die Banken bei Kreditanfragen vorsichtiger und prüfen gründlicher. Doch wer kreditwürdig ist und ein Jahreseinkommen von mehr als 50 000 Euro vorweist, wird in der Regel keine Finanzierungsprobleme haben - das gilt vor allem, wenn ausreichend Eigenkapital vorhanden ist. Besonders beliebt sind steueroptimierte Anlageprodukte wie Denkmalschutzimmobilien und Objekte in Sanierungsgebieten, die von Sonderabschreibungen profitieren. Gefragt sind Eigentumswohnungen auch für die private Altersvorsorge. Wohn-Riester führt zwar noch nicht direkt zu Impulsen, doch dürfte sich das ändern, wenn in Kürze die ersten Wohn-Riester-Produkte am Markt erscheinen. Sollte sich die Bankenkrise weiter verschärfen, wird sich auch die Flucht in Sachwerte verstärken. Das wird nicht nur dem Gold zugutekommen, sondern auch den Verkauf von Eigentumswohnungen an Kapitalanleger stimulieren. Schon heute ist zu beobachten, dass das Interesse von Kapitalanlegern und vor allem von sehr vermögenden Personen an Eigentumswohnungen in guten Lagen zunimmt. Insofern könnten die Bankenkrise und die von ihr verursachte Verunsicherung dazu führen, dass Anleger mit großem Geldvermögen nach dem Motto "Grundbuch statt Sparbuch" handeln und unter dem Eindruck der Turbulenzen auf den Finanzmärkten verstärkt in Wohnimmobilien investieren. FAZ 2008/10/17 Das ganze Geld ist weg. kA GERD ROELLECKE Feuilleton Kommentar global Seite 37 kA Das ganze Geld ist weg. Nie wieder Hypo-Spiel, nie wieder ohne Bonität? Die Regierungen übersehen: Alle Regulierung der Finanzwirtschaft ist Anreiz zu neuer Spekulation. Die Finanzkrise mit Geschichten zu bewältigen, vor allem mit der Geschichte vom helfenden Staat, ist eine wunderbare Idee. Die Leute lassen ihr Geld auf der Bank, und die Bank kann sich wieder berappeln. Kann sie? Die Bank hat doch nicht Zahlungsschwierigkeiten, weil plötzlich alle Sparer ihr Geld abgezogen hätten. Wie also kann sie gesunden, wenn die Sparer kein Geld abheben? Vergegenwärtigen wir uns den Auslöser der Krise. In den Vereinigten Staaten wollen auf einmal, aus welchen Gründen auch immer, viele Leute ein eigenes Haus bewohnen. Sehr vernünftig. Die meisten hatten aber kein Geld. Deshalb liehen sie es sich von einer Bank, die Zinsen und Tilgungsraten genau auf das Einkommen des Häuslebauers zuschnitt. Die Sache funktionierte so gut, dass die Bank nicht alle Kreditwünsche befriedigen konnte. Deshalb lieh sie sich ihrerseits Geld von einer anderen Bank: natürlich zu knapp zugeschnittenen Zinsen und Tilgungsraten und so weiter. Und dann stiegen irgendwo die Zinsen an und zogen Kapital mit sich. Die Einkommen der Häuslebauer aber blieben gleich. Also konnten sie nicht mehr zahlen, und also konnten auch die finanzierenden Banken ihre Schulden nicht mehr bedienen. Die Banken gerieten nacheinander ins Rutschen. Natürlich wussten alle, wie es um die anderen stand, und gaben ihnen kein Geld mehr. Nur die KfW zahlte noch an Lehman Brothers und tat damit genau das, was die Politik von den Banken verlangt. Sie vertraute. Ihr Vorstand wurde jedoch gefeuert. Vertrauen allein kann es also auch nicht sein. Diese Geschichte lehrt zunächst, wo das viele Geld geblieben ist. Nicht bei den Banken. Die mussten ihre Schulden zurückzahlen. Auch nicht bei den Bankdirektoren. Die erhielten nicht mehr, als sie nach ihren Dienstverträgen verdienten, und das waren, verglichen mit den Summen, die auf dem Spiel standen, Hungerlöhne. Schon deshalb bringen Schadensersatzklagen gegen die Bankmanager nichts. Geblieben ist das Geld bei den amerikanischen Häuslebauern. Wenn die nicht heute sogar die laufenden Kosten für ihre neuen Häuser nicht mehr aufbringen könnten, könnte man die Finanzkrise als eine gewaltige sozialstaatliche Umverteilungsmaßnahme von oben nach unten deuten. Der jüngst gegangene Vorstandsvorsitzende der Hypo Real Estate gehört jedenfalls wahrscheinlich zu den unschuldigsten aller unschuldig gefeuerten Manager. Wie kommt man aus der Krise wieder heraus? Ganz gewiss nicht mit Recht. Soweit zu sehen, haben sich alle Beteiligten rechtmäßig verhalten. Faule Kredite sind nicht verboten, an mittelständische Häuslebauer schon gar nicht. Natürlich kann man Kreditvergaben deutlich erschweren, etwa mit Formvorschriften oder Genehmigungsvorbehalten. Aber das gilt für die Zukunft, nicht für die gegenwärtige Krise und kann nur bekannte Risiken verhindern. Der gegenwärtigen Krise will die Politik dadurch begegnen, dass sie frisches Geld über den Finanzmarkt gießt. Die amerikanische Politik will den Banken die faulen Kredite abkaufen und ihnen so wieder Bewegungsfreiheit verschaffen. Vermutlich nimmt sie an, sie könne auf diese Weise den Finanzmarkt beruhigen, ohne die Häuslebauer belasten zu müssen. Die deutsche Bundesregierung weiß noch nicht genau, was sie tun soll. Welchen Weg die Regierungen auch wählen, Geld unter die Banken zu bringen, die Frischgeldmengen scheinen so groß, dass eine Inflation unausbleiblich scheint. Keine Regierung der Welt kann die Formel außer Kraft setzen: Preise ergeben sich aus der Geldmenge mal Umlaufgeschwindigkeit geteilt durch die Gütermenge. Die Geldmenge besteht übrigens aus Bargeld und von den Banken geschaffenem Buchgeld, das sich ungefähr auf die zehnfache Summe des Bargeldes beläuft. Buchgeld ist im landläufigen Sinne nicht abgesichert und volkswirtschaftlich schwer zu steuern. Die Inflation muss aber wieder eingefangen werden. Das geht nur über den Geldmarkt und nur durch Belastungen der Banken. Vermittelt durch das Wirtschaftssystem muss die Politik deshalb den Banken wieder nehmen, was sie ihnen gegeben hat, es sei denn, sie ließe die Inflation einfach laufen. Das täte wiederum der Wirtschaft nicht gut, hätte allerdings den Vorteil, dass die Bürger nicht merkten, dass sie die Finanzkrise doch bezahlten. Die Finanzmärkte werden sich allerdings in jedem Fall beruhigen. Bis jetzt haben Geldmenge, Umlaufgeschwindigkeit und Gütermenge noch nach allen Turbulenzen wieder zu einem stetigen Verhältnis gefunden. Mit der Beruhigung der Finanzmärkte ist noch nicht geklärt, ob die Politik künftige Finanzkrisen verhindern kann. Geld ist mehr als ein allgemeines Tausch-, Bemessungs- und Zahlungsmittel. Es ist eine Art Sprache der Wirtschaft, mit der man Kommunikationen schaffen, aber auch vergleichgültigen kann. Dass eine Krankenschwester für ihre Arbeit bezahlt wird, macht es unerheblich, ob sie vor allem Kranken helfen oder Geld verdienen will. Geld vereinfacht also die Übertragung von Leistungen. Genau diese Funktion wird jedoch in Frage gestellt, wenn man Milliarden ohne erkennbare Gegenleistung ins System pumpt. Dann wird die Güterseite des Systems gleichsam stummgeschaltet. Die Wirkung dürfte ähnlich sein wie beim Fernsehen, wenn man den Ton ausschaltet. Der Vergleich mit der Sprache zeigt zugleich, dass man Geld so verselbständigen kann wie einen Roman. Geld hat unabhängig von der "realen Wirtschaft" Sinn. Es kann Geschichten erzählen, von Aufstieg und Fall, von Fleiß und Abenteuer, von Liebe und Hass. Da man Geld verselbständigen kann, kann man sich in solche Geschichten einkaufen. Geld ist auch "reale Ware". Man kann mit ihm handeln und Gewinn erzielen. Hinter dem Geld als Handelsgut stehen nur noch das abstrakte, gesamte Volkseinkommen auf der einen und das Finanzsystem auf der anderen Seite. Beide Bezüge können aber nicht verhindern, dass mit dem Geld spekuliert wird, als wäre es Spielgeld, dass man mit immer riskanteren Anlagen immer höhere Gewinne zu erzielen versucht, dass man seine Chancen erhöht, indem man den Konkurrenten einen ganzen, vielleicht nur einen halben Schritt voraus ist, und dass man mit jedem Schritt wieder spekulieren kann. Schafft er Raum, oder stolpert er? Dieses Spiel hat strukturell keine Grenzen. Wie im Sport geht es auf ein Immer-schneller-weiter-Höher und wie im Wettbewerb um den letzten, gerade noch erreichbaren Vorteil. Für den Teilnehmer werden alle Regeln und Begrenzungen zu Hindernissen, die man möglichst schnell mit möglichst geringem Einsatz umdribbelt. Von außen kann das Spiel nicht wirklich beendet werden. Jede Einwirkung von außen wird zur Regel oder zum Hindernis. Beendet wird es von innen durch einen dummen, nicht steuerbaren Zufall. Irgendwo können ein paar Leute zu viel ihre Zinsen nicht mehr zahlen. Vielleicht hat ihre Firma Pleite gemacht. Diesen Fall kann die Politik nicht regeln, weil sie ihn nicht vorhersehen kann. Die sportliche Seite der Finanzwirtschaft bedeutet Geld dunkelt alle anderen Ziele oder Zwecke ab. Das ist nicht Habgier, allenfalls eine Art Spielsucht, die aber durch das System gefördert und unterstützt wird. Es kommt eben darauf an, auch die letzte Chance, auch den kleinsten Unterschied zu nutzen. Wenn man tut, was alle tun, kommt man auf keinen grünen Zweig. Das gilt für Lotto, für Nobelpreise und für die Welt der Banken. Kurzum, wenn die Politik wissen will, wie sie Finanzkrisen verhindern kann, sollte sie sich zuerst beim nächsten Glücksspieldezernat kundig machen. GERD ROELLECKE FAZ 2008/10/17 Buchmesse-Skizzen. Münte und Hotte. wiel Feuilleton Kommentar BRD Seite 35 kA Buchmesse-Skizzen. Münte und Hotte. In der Kampagne gegen das Großkapital rüstet Franz Müntefering auf: Während der Frankfurter Buchmesse feuerte der Autor von "Macht Politik!" im Stundentakt den Begriff der "Halbstarken" gegen die Verursacher der Finanzkrise. Wenn Halbstarke einem die Bude anzündeten, polterte er, dann müsse man sie fangen und ihnen den Hintern versohlen. Das kommt zwar noch nicht der Forderung Dieter Bohlens gleich, Banker auf offener Straße zu verprügeln, weil es nur bildlich gesprochen war, wirft aber dennoch Fragen in puncto Merkmalübertragung auf, die ja die Basis für funktionierende Metaphernkommunikation ist: Ausgerechnet die Halbstarken, also pöbelnde Jugendliche der Arbeiterklasse in der Adenauerzeit, sollen etwas mit Hedge-Fonds-Managern gemein haben? Halbstarke waren zumeist unpolitisch, was vielleicht auch auf viele Finanzbosse zutrifft, die allerdings selten auf Mopeds herumknattern und sich auch nicht in Banden zusammenrotten, sondern einsam zündeln. Brachte schon Münteferings Diskreditierung der Heuschrecken einige Biologen auf den Plan, so sind jetzt die Historiker und Soziologen gefordert: Hätte Horst Buchholz es wirklich zum Boss der Hypo Real Estate bringen können? Die für das "Münte-Deutsch" markentypische Klarheit lässt der neue Kampfbegriff jedenfalls vermissen. wiel. FAZ 2008/10/17 EZB gibt Ungarn 5 Milliarden Euro. Banken stellen Devisenkredite ein. Forint bleibt volatil. ela. Finanzmärkte und Geldanlage Bericht EU; Ungarn Seite 25 kA EZB gibt Ungarn 5 Milliarden Euro. Banken stellen Devisenkredite ein. Forint bleibt volatil. ela. WIEN, 16. Oktober. Ungarn bleibt für die internationalen Finanzhilfeinstitutionen ein Sorgenkind. Die Europäische Zentralbank (EZB) stellt der Notenbank in Budapest (MNB) nun bis zu 5 Milliarden Euro zur Verfügung. Damit solle sichergestellt werden, dass die Kreditinstitute ausreichend mit Euro-Liquidität versorgt würden, teilte die EZB am Donnerstag mit. Dieses Signal verfehlte seine Wirkung auf den seit der Vorwoche gebeutelten ungarischen Finanzmärkten nicht. Die Landeswährung Forint wurde am Donnerstag wieder fester gehandelt: Gegenüber dem Euro notierte er bei rund 270 Forint. Nach den starken Spekulationen mit der Landeswährung und an dem Wertpapiermarkt in der vergangenen Woche gab es noch am Mittwoch abermals starke Verluste. Der Forint verlor gegenüber dem Euro mehr als 5 Prozent an Wert und schloss bei 266 Forint je Euro. Damit ist der Wechselkurs aber noch immer von seinem Höchststand im Sommer 2006 entfernt. Damals wurden mehr als 280 Forint für einen Euro bezahlt. Fachleute halten Ungarn für anfällig für eine Währungskrise, weil das Land hoch verschuldet ist und das Bankensystem stark von ausländischem Geld abhängt. Angesichts des beträchtlichen Zinsgefälles - in Ungarn liegt der Leitzinssatz bei 8,5 Prozent, womit das Land die höchste Risikoprämie unter den reiferen Märkten der Region bietet - sind Wohnbaukredite in fremden Währungen in der Bevölkerung höchst beliebt. Im Euro-Raum liegt der Leitzins derzeit bei 3,75 Prozent. Diese Darlehen drohen die Auswirkungen der Finanzkrise auf Ungarn weiter zu verschärfen. Fast zwei Drittel aller Haushaltskredite entfielen zum Halbjahr nach Schätzung der MNB auf Devisen, darunter vor allem Euro und Schweizer Franken - eine Verdoppelung binnen drei Jahren. Zwei Geldhäuser - die ungarische Kreditbank (MKB) und die Volksbank - stellten in dieser Woche die Vergabe von Krediten in Schweizer Franken bereits ein. Auch andere Banken würden dazu übergehen, keine Devisenkredite mehr zu vergeben, ohne dies aber explizit anzukündigen, sagen Analysten. Der Handel mit Anleihen ist weiterhin sehr ausgetrocknet. Der Leitindex der Budapester Börse Bux steht stark unter Druck, er verlor am Mittwoch gut 9 Prozent gegenüber dem Vortag und büßte am Donnerstag weiter ein - zeitweise mehr als 8 Prozent auf 13 240 Punkte. Analysten sehen das Land jedoch in einer besseren Verfassung, als es derzeit scheint: "Manche meinen, Ungarn steht an der Kippe. Das ist wirklich ein Gerücht", sagte der Chefanalyst der Ersten Bank in Wien, Friedrich Mostböck. FAZ 2008/10/17 Bankenkrise erschwert Finanzierung der Städte. Pfandbriefbanken reduzieren Staatskredit. Mehr Geld von Sparkassen und vom Land. ruh. Finanzmärkte und Geldanlage Bericht BRD Seite 25 kA Bankenkrise erschwert Finanzierung der Städte. Pfandbriefbanken reduzieren Staatskredit. Mehr Geld von Sparkassen und vom Land. ruh. FRANKFURT, 16. Oktober. Die Krise der Banken wird mittelfristig auch die Finanzierung der deutschen Städte erschweren. Bisher verschulden sie sich zu einem guten Teil bei den Pfandbriefbanken. "Viele unserer Banken werden voraussichtlich das Staatsfinanzierungsgeschäft reduzieren", sagt Louis Hagen, Hauptgeschäftsführer des Pfandbriefverbandes. Es geht um große Summen: Deutsche Pfandbriefe im Wert von mehr als 600 Milliarden sind mit Forderungen gegen die öffentliche Hand besichert, zum großen Teil mit kommunalen Krediten. Die Zinsmargen sind gering, weshalb manche Pfandbriefbanken versucht haben, über Fristenspekulationen mehr Geld zu verdienen. Sie haben langfristige Kredite vergeben und sich kurzfristig refinanziert. In der Finanzkrise hat diese Struktur einige Banken an den Abgrund gebracht. Die Hypo Real Estate geriet wegen der Schieflage der Tochtergesellschaft Depfa in die Bredouille und überlebte die vergangenen Tage nur dank einer Staatsgarantie. Ähnlich schlecht geht es der französischen Dexia. Es ist deshalb naheliegend, dass die Banken ihr Staatskreditgeschäft reduzieren wollen. Die Kommunen müssen sich also nach anderen Finanzierungsquellen umsehen. Das sei bisher aber noch kein akutes Thema, heißt es beim Deutschen Städtetag. Zumindest habe es noch keine besorgten Anfragen der Mitglieder gegeben, sagte ein Sprecher. Die Kommunen sind mit durchschnittlich knapp 2000 Euro je Kopf verschuldet. Zählt man die Schulden der ausgegliederten städtischen Gesellschaften hinzu, sind es nach Daten der Bertelsmann-Stiftung sogar rund 3350 Euro je Kopf. Der Deutsche Städtetag spricht von 82 Milliarden Euro an Kreditmarktschulden und 29 Milliarden Euro an Kassenkrediten. Die Finanzkrise wird die Kosten dieser Schulden allmählich erhöhen. Die Stadt Frankfurt, die Verbindlichkeiten von 1,12 Milliarden Euro hat, braucht zum Beispiel derzeit keine neuen Kredite. Auch der Ausfall einiger Banken als Geldgeber sei kein Problem, sagte eine Sprecherin des Stadtkämmerers. Denn Frankfurt arbeite mit acht Landesbanken und 15 Geschäftsbanken zusammen. Gleichwohl könne man natürlich nicht erwarten, dass künftig dieselben Konditionen gelten wie vor der Krise. In Amerika ist die finanzielle Lage der Kommunen ungleich schlechter. Dort finanzieren Städte und kommunale Einrichtungen wie Schulen und Krankenhäuser ihre Schulden über die Ausgabe von eigenen Anleihen. Dieser Markt ist aber weitgehend eingefroren. Mitarbeiter der Bank Unicredit berichten, dass erste Bundesstaaten und Kommunen Schwierigkeiten haben, die Gehälter der Staatsdiener zu zahlen und ihre Schulden zu bedienen. Ende September kündigte die Regierung von Jefferson County an, dass sie 83,5 Millionen Dollar für Zinszahlungen nicht aufbringen werden könne. Arnold Schwarzenegger, Gouverneur von Kalifornien, informierte den amerikanischen Finanzminister, dass sein Bundesstaat sich möglicherweise wegen kurzfristiger Kredite an die Bundesregierung wenden müsse. FAZ 2008/10/17 "Das war die letzte Rettung". Im Gespräch: Konrad Hummler, Privatbank Wegelin & Co. Christof Leisinger Finanzmärkte und Geldanlage Interview global Seite 25 Im Gespräch "Das war die letzte Rettung". Im Gespräch: Konrad Hummler, Privatbank Wegelin & Co. Finanz-Rettungsaktionen wirken kurzfristig beruhigend. Mittelfristig bergen sie aber das Risiko, eine neue Illusionswelle auszulösen. Herr Hummler, was führte zur Finanzkrise? Die Illusion der Sicherheit hat zu Übertreibungen geführt. Diese Illusion ist nun zerstört worden - das ist der Kern der Krise. Wie kam es zur Illusion? Sie begann in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Man erklärte, das Bankensystem dürfe nie wieder zu einer Bedrohung für die Realwirtschaft werden. Im weiteren Verlauf beruhigte die amerikanische Notenbank im Jahr 1987 zum 1. Mal, im Jahr 1991 zum 2. Mal, 1998 zum 3. Mal und im Jahr 2001 zum 4. Mal in Folge die Märkte mit Zinssenkungen und Ähnlichem. So erklärte sie: Euch Anlegern passiert nichts. Spätestens ab dem Jahr 2001 hat es die Welt geglaubt. Mit welchen Folgen? Nach dem 11. September 2001 sind die Risikoprämien im Interbankengeschäft praktisch auf null gesunken. Die Banken konnten sich kurzfristig sehr günstig refinanzieren. Banken wie die UBS haben von 2003 bis 2006 die Bilanzsumme in einer Verschuldungsspirale verdoppelt. Das hat zu einer Fehlallokation volkswirtschaftlicher Ressourcen geführt: Das Finanzsystem ist viel zu groß und müsste weiter angepasst werden. Sind die Rettungsmaßnahmen der Zentralbanken und der Regierungen nicht gerade die Fortsetzung dieser fatalen Politik? Kurzfristig sind wir froh, denn wir haben noch einmal überlebt. Mittelfristig ist es aufgrund der Teilverstaatlichungen eine Verschiebung der Überkapazitäten in den öffentlichen Bereich. Die Frage ist, was dort mit ihnen geschieht. Im schlimmsten Fall haben wir in drei bis fünf Jahren statt zwei Fannie Mae und Freddie Mac dann 20 oder 30 von den halbkriminellen Organisationen, die wesentlich zur Überschuldung im amerikanischen Hypothekargeschäft und damit zur Krise beigetragen haben. Das heißt, Sie misstrauen den "Rettungsaktionen"? Den Rettungsaktionen nicht, aber ihrer langfristigen Wirkung. Sie bringen neue, zweifelhafte Grundsätze ins Finanzsystem hinein. So werden mit Leichtigkeit per Dekret hergebrachte Buchführungsstandards ausgehebelt. Der globale Aktionismus erschwert die Voraussehbarkeit des staatlichen und wirtschaftlichen Handelns sehr. Mit welcher Konsequenz? Wenn er in der nächsten Illusionswelle mündet, so haben wir danach keinen ultimativen Garanten mehr. Das Finanzsystem muss so restrukturiert werden, dass es nicht mehr zu diesem übertriebenen Hang zur Verschuldung kommen kann. Wie kann das erreicht werden? Wir brauchen ein vernünftiges Konkursrecht für die Banken. Solange der Konkurs eines Finanzunternehmens nicht eine reale Möglichkeit ist, wird es immer wieder Übertreibungen geben, da die Risikoprämien systematisch zu gering werden. Hat nicht die Regulierung versagt? Hätte nicht viel früher klar sein müssen, dass es riesige Risiken gab, dass sie konzentriert bei wenigen Marktteilnehmern lagen und dass es dramatische Folgen haben würde, wenn auch nur einer ausfallen sollte? Ja, nicht der Kapitalismus, sondern die Regulierung hat versagt. Es gibt zu viele Gremien, die sich mit der Stabilität des Finanzsystems befassen. Sie haben allesamt versagt, sonst hätten wir die Krise nicht. Dabei war sie schon seit langem absehbar. Die aggregierten Daten lagen vor, und es gab auch warnende Stimmen. Das Gespräch führte Christof Leisinger. FAZ 2008/10/17 Argentinier holen ihr Geld nach Hause. Viele Argentinier haben Bankkonten im Ausland, weil sie ihrem Finanzsystem nicht trauen. Wegen der Krise repatriieren sie nun ihr Vermögen. mos. Finanzmärkte und Geldanlage Bericht Argentinien Seite 25 kA Argentinier holen ihr Geld nach Hause. Viele Argentinier haben Bankkonten im Ausland, weil sie ihrem Finanzsystem nicht trauen. Wegen der Krise repatriieren sie nun ihr Vermögen. mos. BUENOS AIRES, 16. Oktober. In Argentinien wird angesichts der internationalen Finanzkrise derzeit die Not zur Tugend erklärt. Das Pampaland hatte nach dem Staatsbankrott von 2002 nie wieder den vollen Zugang zum internationalen Kapitalmarkt erreicht. Das sei in der gegenwärtigen Situation ein "relativer Vorteil" Argentiniens, sagte Juan Bruchou, Chef der Citibank in Buenos Aires. Denn Argentinien, das schon seit Jahren weitgehend ohne frische Kredite auskommen muss, werde von der weltweiten Kreditklemme darum heute weniger hart getroffen als andere Schwellenländer wie etwa Brasilien. Staat und Unternehmen waren in den vergangenen Jahren weitgehend gezwungen, von der Hand in den Mund zu leben. Die Regierung verzeichnet Überschüsse in der Staatskasse. Die meisten Unternehmen haben ihre Investitionen in den vergangenen Jahren zumeist aus Eigenmitteln und aus hohen laufenden Gewinnen finanziert. Schließlich wuchs die argentinische Wirtschaft seit Überwindung der Krise von 2002 mit einer durchschnittlichen Rate von fast 9 Prozent pro Jahr. Die kräftig sprudelnden Einnahmen aus dem Export von Soja und anderen Agrarprodukten hatten die Devisenreserven auf Höchststände gebracht. Die gesamten Nettokredite an die Privatwirtschaft entsprechen in Argentinien nur 14 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. In Nachbarländern wie Brasilien und Chile beträgt die Quote ein Vielfaches davon, in den Vereinigten Staaten liege sie beim Zehnfachen, so Bruchou. Argentiniens Finanzsystem sei "nicht überdimensioniert" und weise "keine fundamentalen Ungleichgewichte" auf, konstatiert Zentralbankpräsident Martín Redrado. "Damit sind wir zweifellos in einer guten Position, um der Krise zu begegnen", meint Redrado. Argentiniens Staatschefin Kirchner pries ihr Land dieser Tage sogar als "Zufluchtsort". Tatsächlich bringen derzeit offenbar viele Argentinier ihr Kapital aus dem Ausland nach Hause. Seit jeher horten alle mehr oder weniger vermögenden Argentinier ihre Ersparnisse bei amerikanischen oder Schweizer Banken. Spätestens seit die Regierung in der Krise 2001 die Bankkonten für Monate eingefroren und Dollarguthaben auf entwertete Pesos umbenannt hatte, halten die meisten Argentinier auf lokalen Bankkonten nur noch so viel Geld, wie für die Abwicklung des Zahlungsverkehrs unbedingt erforderlich ist. Der große Rest bleibt im Safe, unter der Matratze, oder er wandert ins Ausland. Im Ausland fühlten sich die Argentinien in Sicherheit vor den schweren Krisen, die ihre Wirtschaft seit Jahrzehnten immer wieder heimgesucht haben. Doch nun bringen die Argentinier ihre Ersparnisse panikartig nach Hause, weil das Chaos diesmal in den vermeintlich sicheren Häfen Amerika und Europa herrscht. Wechselstuben, mit denen die Argentinier ihre Auslandsgeschäfte abwickeln, können der Nachfrage kaum nachkommen und verlangen horrende Gebühren für den Geldtransfer. "Ich kann es nicht fassen", sagt ein argentinischer Bankmanager. "Wir haben Kunden, die ihre Guthaben bei erstklassigen Banken in New York abheben und 8 Prozent dafür bezahlen, das Geld nach Argentinien zu bringen." Viele dieser Auslandsanlagen sind beim Fiskus nicht deklariert, ihr genauer Umfang ist darum auch nicht bekannt. Schätzungen über die Höhe der Auslandsanlagen bewegen sich zwischen 100 und 230 Milliarden Dollar, das entspräche 40 bis 90 Prozent des BIP. In das lokale Bankwesen fließen die heimkehrenden Anlagen freilich nicht, schon allein weil es sich vielfach um Schwarzgelder handelt, die im Safe gehortet werden. Politik und Wirtschaft diskutieren darum über eine Amnestie für Steuersünder, die ihr Kapital zurückbringen. Denn die argentinische Wirtschaft könnte eine Kapitalspritze im kommenden Jahr dringend gebrauchen. Der Rückgang der Rohstoffpreise wird den Exportüberschuss empfindlich schrumpfen lassen. "Das ist der Haupteffekt, durch den sich die Krise auf Argentinien überträgt", sagt der Ökonom Orlando Ferreres. Da der Haushaltsüberschuss bisher fast vollständig aus Exportsteuern genährt wurde, wird es auch in der Staatskasse knapp. Zumal die Regierung im kommenden Jahr für die Refinanzierung von Zins- und Tilgungsfälligkeiten doppelt so viel Mittel aufbringen muss wie 2008. Die Regierung hatte darum vor einigen Wochen ihre Bereitschaft bekundet, den Gläubigern von seit 2002 immer noch notleidenden Altschulden im Wert von rund 30 Milliarden Dollar ein neues Umschuldungsangebot zu unterbreiten, um dadurch auf dem internationalen Kapitalmarkt wieder hoffähig zu werden. Im gegenwärtigen Marktumfeld sehen Fachleute dafür jedoch vorerst wenig Chancen. Die Kurse von ordnungsgemäß bedienten argentinischen Dollar-Staatsanleihen sind zuletzt eingebrochen. Ihre Renditen liegen inzwischen bei bis zu 37 Prozent und signalisieren damit, dass die Anleger die Möglichkeit von neuen Zahlungsausfällen einpreisen. Das Gerede von Argentiniens Unabhängigkeit vom internationalen Finanzmarkt sei denn auch ziemlich unsinnig, meint Esteban Marx von Banco Comafi. "Das ist so, als würde man sagen, ein armes Land in Afrika sei vor der Finanzkrise sicher, weil die Leute dort so oder so Hunger leiden." FAZ 2008/10/17 Warnsignale nach Dublin. Die irische Depfa hat die Hypo Real Estate an den Rand der Insolvenz gebracht. Jetzt wird bekannt: Der Liquiditätsmangel war in der Zentrale schon lange zuvor ein Thema. Marcus Theurer Unternehmen und Wetter Reportage BRD Seite 22 kA Warnsignale nach Dublin. Die irische Depfa hat die Hypo Real Estate an den Rand der Insolvenz gebracht. Jetzt wird bekannt: Der Liquiditätsmangel war in der Zentrale schon lange zuvor ein Thema. Von Marcus Theurer. MÜNCHEN, 16. Oktober. Für die Öffentlichkeit brach die Katastrophe völlig überraschend über die Münchner Großbank Hypo Real Estate (HRE) herein: Am Sonntagabend, dem 28. September, wurde bekannt, dass der Dax-Konzern wegen eines akuten Liquiditätsengpasses seiner irischen Tochtergesellschaft Depfa am Rand der Insolvenz stand. Es folgte die größte Rettungsaktion für eine einzelne Bank in der deutschen Finanzgeschichte. Erst im zweiten Anlauf und mit einem teilweise vom Bund verbürgten Notkredit von 50 Milliarden Euro gelang zwei Wochen später die Stabilisierung der HRE. Das Kerngeschäft der Depfa, die Kreditvergabe an Staaten und für öffentliche Investitionsvorhaben, hatte bis dahin als grundsolide gegolten. Wie konnte es dennoch zu der Schieflage des Kreditinstituts, das aus Steuergründen in Dublin sitzt, kommen? Diese Frage beschäftigt mittlerweile auch die Juristen. Die Staatsanwaltschaft München und die Finanzmarktaufsicht Bafin prüfen, ob das Management von HRE und Depfa seine Amtspflichten verletzt hat. Die Bafin spricht von "substantiierten Vorwürfen". Auch die Bank selbst hat inzwischen eine Anwaltskanzlei eingeschaltet. Nach Informationen dieser Zeitung ist die Finanzlage der Depfa bankintern schon deutlich vor der dramatischen Krise Ende September ein Thema gewesen. In der Münchner Zentrale war man demnach auf mögliche Risiken in der irischen Tochtergesellschaft aufmerksam geworden. Die späteren Folgen wurden aber nicht vorhergesehen. Die Bedenken sollen auch gegenüber dem Depfa-Management in Irland bekundet worden sein. "Es hat Warnsignale nach Dublin gegeben", heißt es in Finanzkreisen. Von "zu optimistischen Annahmen" der Depfa-Banker ist im Rückblick die Rede. Vor Journalisten pries der mittlerweile entlassene, für das Finanzmanagement der Depfa verantwortliche Vorstand Bo Heide-Ottosen allerdings noch wenige Wochen vor dem Beinahekollaps die "Stabilität" der Bank "auch in der Liquiditätskrise". Gegen ihn wie auch gegen den ebenfalls ausgeschiedenen früheren Vorstandschef Georg Funke liegen nun Strafanzeigen vor. Nur vier Wochen nach Heide-Ottosens Versicherungen wurde das Management der HRE eines Besseren belehrt. Zum Verhängnis wurde der Depfa, dass sie ihre langfristig ausgereichten Kredite in erheblichem Umfang kurzfristig durch die Begebung von Schuldtiteln im Geldmarkt refinanzierte. "Fristentransformation" heißt das im Bankenjargon. Dieses Geschäftsmodell habe "viele Jahre lang problemlos funktioniert", heißt es. Doch nach der Insolvenz der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers Mitte September sei diese Refinanzierungquelle schlagartig versiegt. Vorhersehbar sei diese fatale Entwicklung nicht gewesen. "Bis dahin war das Management selbst in Worst-case-Szenarien davon ausgegangen, dass der Zugang zum Geldmarkt allenfalls ein paar Tage verschlossen bleiben könnte", heißt es. Bis zum Bekanntwerden der HRE-Krise zwei Wochen nach der Lehman-Insolvenz hatte sich bei der Depfa jedoch schon ein Liquiditätsloch in zweistelliger Milliardenhöhe aufgetan. Die aggressive Fristentransformation und die starke Abhängigkeit der Depfa von kurzfristigen Refinanzierungen sind zuvor kein Geheimnis gewesen. Die Zahlen waren öffentlich bekannt. Hat also auch die Bankenaufsicht versagt? Die Bundesbank hat von Februar bis April im Auftrag der Bafin die komplette HRE-Gruppe durchleuchtet. Die Daten wurden bis weit in den Sommer hinein ausgewertet. Zusammen mit der irischen Bankenaufsicht wurde dabei auch die Depfa unter die Lupe genommen, auch ihr Risikomanagement kam auf den Prüfstand. Der Anlass für diese Untersuchung hatte allerdings keinen Bezug zur späteren Krise der Depfa. Auslöser waren überraschende Wertpapierabschreibungen der HRE wegen der Finanzkrise Anfang des Jahres gewesen, die zu einem massiven Einbruch des Aktienkurses geführt hatten. Was die Prüfer zutage förderten, war offenbar nicht allzu brisant. Es gebe "keine Anhaltspunkte für gravierende Feststellungen", sagte Vorstandschef Funke auf der Hauptversammlung Ende Mai. Nach allem, was öffentlich bekannt ist, haben weder die Bafin noch die irische Bankenaufsicht bei HRE und Depfa vor Ende September eingegriffen. In der Bank selbst allerdings wurde offensichtlich schon deutlich früher Handlungsbedarf gesehen - auch wenn die Dringlichkeit unterschätzt wurde. "Im Aufsichtsrat der HRE war vorher die Liquidität der Depfa mehrfach ein Thema", heißt es in Finanzkreisen. Im Frühsommer soll es zudem Pläne gegeben haben, einen eigenen Aufsichtsrats-Ausschuss für das Liquiditätsmanagement der Bankengruppe zu bilden. Nach Informationen dieser Zeitung wollte das Management bei der Depfa auch operativ gegensteuern. So gab es Pläne für den Ausstieg der irischen Bank aus der Finanzierung öffentlicher Infrastrukturprojekte. "Das bringt zu viel Risiko in Relation zur Rendite", hieß es dazu. Für die Depfa hätte diese Weichenstellung einen erheblichen Einschnitt bedeutet, hielt die Bank doch zur Jahresmitte ein 19 Milliarden Euro schweres Portfolio an Infrastruktur-Finanzierungen. Angeblich waren sich Vorstandschef Funke und der Aufsichtsratsvorsitzende Kurt Viermetz einig über den Rückzug aus dem Infrastrukturgeschäft, der voraussichtlich auch die verhängnisvolle Abhängigkeit von kurzfristigen Refinanzierungen verringert hätte. Ende September sollte das Thema auf die Tagesordnung einer Aufsichtsratssitzung kommen. Doch die Umfinanzierungspläne für die Depfa kamen zu spät. Nach der Lehman-Insolvenz am 15. September war der Staatsfinanzierer von der lebenswichtigen Refinanzierung am Geldmarkt praktisch abgeschnitten. Nach der Rettung der HRE räumte Vorstandschef Funke vergangene Woche seinen Posten für den von der Deutschen Bank entsandten Krisenmanager Axel Wieandt. Aufsichtsratschef Viermetz, ein erfahrener und renommierter Investmentbanker, ordnete noch seine Nachfolge und folgte dann kurz darauf. "Wäre dieser Tsunami erst im Dezember gekommen, dann wäre die Bank durchgekommen", heißt es heute hypothetisch. FAZ 2008/10/18 Die Börsenwoche. Verfrühter Jubel. Stefan Ruhkamp Finanzmarkt Bericht global Seite 21 Die Börsenwoche Die Börsenwoche. Verfrühter Jubel. Die Kurserholung dieser Woche steht auf wackeligen Beinen. Um 11 Prozent schoss der Dax am Montag nach oben, als klar wurde, dass die deutsche Regierung ein großes Rettungspaket schnüren würde. Bis zu 80 Milliarden Euro für die Rekapitalisierung der Banken und darüber hinaus bis zu 400 Milliarden Euro an Garantien. Wenn das nicht reicht, müsste es doch mit dem Teufel zugehen, war die Reaktion der Anleger. Sie kauften, was das Zeug hält. Doch der Jubel ist verfrüht. Denn noch lässt sich die Situation mit einem Großbrand vergleichen. Die Menge steht bangend vor der brennenden Stadt. Die Menschen atmen auf, denn die Feuerwehr ist angekommen und packt die Schläuche aus. Das sollte man nicht geringschätzen: Es hätte ja auch sein können, dass der Zugführer im Urlaub ist, dass die Telefone nicht funktionieren oder es an Wasser fehlt. Aber man sollte die Ankunft der Katastrophenkräfte auch nicht zu hoch bewerten. Denn bis jetzt sind nicht einmal die Hydranten gefunden, noch hat niemand gerufen: "Wasser marsch!" Keine deutsche Bank hat bislang eingestanden, dass sie das Geld des Staates nehmen muss. Das ging bisher auch nicht, weil die Details der Rettungsaktion nicht geklärt sind. Schon in wenigen Tagen kann es aber losgehen, und dann wird es spannend: Werden die Märkte auf die ersten Kapitalspritzen mit Erleichterung reagieren, oder wird sich die Untergangsstimmung noch verstärken? Für die Aktienmärkte bedeutet das ein extremes Maß an Unsicherheit. Noch ist gar nicht bekannt, wie viele Häuser brennen, wie schnell die Brände übergreifen und wie zügig sie sich löschen lassen. Sicher ist nur, dass es überall gewaltig raucht. Wie sollte da einer abschätzen können, was am Ende - und jeder Brand hört früher oder später einmal auf -, was da noch stehen wird. Schwere und Dauer der Finanzkrise werden bestimmen, wie groß die Auswirkungen auf die Wirtschaft sein werden. Dass die Kreditklemme in einigen Bereichen schon begonnen hat, ist erkennbar. So ist es für Entwickler von Gewerbeimmobilien schwierig geworden, an Kredite zu kommen. Amerikanische Kommunen müssen Infrastrukturprojekte auf die lange Bank schieben. Einschränkungen dieser Art werden in den kommenden Monaten zunehmen. Noch mag die Kreditnot bei den meisten Unternehmen nicht akut sein, aber das ist auch deshalb so, weil sie sich vor der Verschärfung der Krise mit mehr Krediten eingedeckt haben, als zunächst erforderlich war. Dieser Vorrat ist aber irgendwann aufgebraucht, ebenso wie die immer noch vollen Auftragsbücher innerhalb des nächsten Halbjahrs abgearbeitet sein werden. Erst wird sich die Krise bei den produzierenden Unternehmen voll auswirken. Die Gewinne dieses Jahres können deshalb kein Maßstab für die Bewertung der Aktien mehr sein. Das gilt in dieser Krise mehr als in anderen Schwächephasen der Wirtschaft. Entsprechend nervös sind nun auch die Reaktionen auf neue Konjunkturdaten. Negative Zahlen erhalten derzeit größere Aufmerksamkeit als positive. Wobei "positiv" ein relativer Begriff ist: Wenn Daten über Arbeitslosigkeit, Inflation oder Auftragseingänge heute nicht schlechter als befürchtet sind, dann darf man das schon als erfreulich bezeichnen. Bedeutet diese Stimmungslage, dass die Aktienkurse auf jeden Fall weiter fallen müssen? Eine Garantie gibt es selbst dafür nicht, denn noch immer gibt es kaufkräftige Großinvestoren auf der Welt, die riesige Beträge anlegen können. Selbst wenn es durch sie zu einer Erholungsrally kommen würde, zahlten Aktienanleger für ihr Engagement einen hohen Preis. Sie nehmen an einem Blindflug teil. Alle Maßstäbe, mit denen sich der Wert ihrer Anlagen bemessen lässt, sind in dieser Krise nur bedingt aussagekräftig. Wenn man so will, sieht der Anleger die Hand vor den Augen nicht mehr. Es ist also kein Wunder, dass die Verunsicherung so groß ist und die Kurse binnen Stunden um 5 bis 10 Prozent nach oben oder unten schießen, wie es zuletzt nahezu täglich geschehen ist. Und wie schlägt sich der Löschtrupp? Gemessen daran, dass es sich um die freiwillige Feuerwehr handelt, die nie einen solchen Großbrand bewältigen musste: recht gut. Die Entscheidung, Lehman umfallen zu lassen, hat zwar im September die jüngste Zuspitzung der Krise bewirkt. Aber ohne dieses "Nein" wäre vielleicht die nächste Krise noch größer geworden. Jetzt treten die Staaten entschlossen auf und haben die richtigen Instrumente. Die Garantie der Einlagen verhindert den Run der Sparer, die Rekapitalisierung der Banken kann sie stabilisieren, und für Liquidität sorgen die Notenbanken. Das alles erkauft bislang aber nur mehr Zeit. Solange nicht sicher ist, wie groß der Berg an notleidenden Krediten ist, ist die Krise nicht unter Kontrolle. Stefan Ruhkamp FAZ 2008/10/18 MENSCHEN & WIRTSCHAFT. Banker auf Bewerbungstour. Julia Löhr Unternehmen Reportage BRD Seite 18 Menschen und Wirtschaft MENSCHEN & WIRTSCHAFT. Banker auf Bewerbungstour. Auch wenn Christine Kuhl etliche U-Bahn-Stationen von den Banktürmen entfernt im Norden von Frankfurt arbeitet - die Angst vieler Banker erreicht sie trotzdem. Kuhl ist Personalberaterin bei Ray & Berndtson, Spezialgebiet Finanzdienstleister, das macht sie begehrt in diesen Tagen. Zwischen 10 und 20 Prozent mehr Initiativbewerbungen als in normalen Zeiten gingen derzeit ein, erzählt sie. Dass es nicht mehr sind, führt Kuhl auf die allgemeine Verunsicherung zurück. "Die Kandidaten wollen kein Risiko eingehen. Und wer kann heute schon sagen, welche Bank in einem halben Jahr gut dasteht und welche nicht?" Es sind nicht nur Lehman-Brothers-Mitarbeiter, die sich nach einer neuen Stelle umschauen. "Bei uns melden sich auch viele Führungskräfte, über denen das Damoklesschwert eines Arbeitsplatzabbaus nicht hängt", berichtet Kuhl. Mit interessanten Kandidaten trifft sie sich auf einen Kaffee. Von Selbstzweifeln geplagte Banker trifft sie selten, die öffentliche Kritik pralle an den meisten ab. "Das sind in der Regel selbstbewusste Persönlichkeiten, auch wenn das manchmal Fassade ist." Ein bisschen mehr Selbstreflexion täte einigen schon gut, sagt Kuhl. Angebote für die Stellensuchenden gebe es durchaus, besonders in den kundennahen Bereichen. Dass Banker nun reihenweise in die Industrie wechseln, glaubt Kuhl nicht. "Investmentbanker verfügen zwar über eine sehr gute Ausbildung und sind in der Regel Profis in ihrem Metier, aber eben auch sehr spezialisiert." Das erleichtere die Vermittlung nicht unbedingt. "Außerdem ist die Nachfrage, zum Beispiel nach Finanzvorständen, begrenzt." Beliebt sei der Wechsel in eine Unternehmensberatung oder in die Selbständigkeit. Kuhl erinnert sich an einen Ex-Banker, der heute Bio-Tiefkühlkost vertreibt. Aber so etwas komme dann doch eher selten vor. Nicht nur Bankmanager sorgen sich um ihren Arbeitsplatz. Oliver Dange, Konsumgüterexperte bei Heidrick & Struggles, berichtet ebenfalls von annähernd 20 Prozent mehr Kandidaten, die von sich aus ihre Lebensläufe an den Personalberater schicken. "Besonders in den Werbeagenturen wird schon kräftig gespart, das macht sich sofort bemerkbar." Ähnlich wie Kuhl speichert er die Eckdaten der Kandidaten in der unternehmenseigenen Datenbank ab, gleicht sie mit den offenen Positionen ab und ruft interessante Kandidaten für ein persönliches Gespräch an. "Da sind richtig gute Leute dabei, und für die Besten kann man eigentlich immer etwas machen." Wie tief manche Führungskraft verunsichert ist, erlebte Wirtschaftspsychologin Felicitas von Elverfeldt vor kurzem, als sie sich mit dem Partner einer Unternehmensberatung zum vereinbarten Coaching-Termin traf. Der Mann hat eine gute Ausbildung, einen guten Job. Trotzdem macht er sich Sorgen. Wenn alles bergab gehe, wovon solle er seine Familie ernähren? Elverfeldt hört so etwas zurzeit häufig. "In drei von vier Gesprächen ist die Finanzkrise ein Thema", sagt sie. "Viele Berufstätige sind darauf getrimmt, immer nur Fehler und Probleme zu sehen." Elverfeldt spielt dann zur Beruhigung Was-wäre-wenn-Szenarios durch. So manchem Gesprächspartner werde erst dadurch klar, dass er notfalls auch auf eine andere Weise sein Geld verdienen könnte. Und verabschiede sich nach dieser Erkenntnis im Anschluss an die Coaching-Sitzung von 20 bis 23 Uhr gutgelaunt noch für einige Stündchen ins Büro. JULIA LÖHR FAZ 2008/10/18 Ackermann verzichtet - doch worauf?. Josef Ackermann hat erklärt, auf seinen Jahresbonus "zugunsten verdienter Mitarbeiter, die das Geld nötiger haben", zu verzichten. Doch fraglich ist, ob es am Jahresende überhaupt einen Bonus gibt. ham. Unternehmen Bericht BRD Seite 17 kA Ackermann verzichtet - doch worauf?. Josef Ackermann hat erklärt, auf seinen Jahresbonus "zugunsten verdienter Mitarbeiter, die das Geld nötiger haben", zu verzichten. Doch fraglich ist, ob es am Jahresende überhaupt einen Bonus gibt. ham. FRANKFURT, 17. Oktober. Die Zahl der Führungskräfte der Deutschen Bank, die auf ihren Jahresbonus 2008 verzichten wollen, wird immer größer. Nachdem Vorstandsvorsitzender Josef Ackermann, die übrigen drei Vorstandsmitglieder und alle 20 Mitglieder des Aufsichtsrates der Deutschen Bank auf ihren erfolgsabhängigen Gehaltsbestandteil schon am Donnerstag verzichtet haben, zogen am Freitag auch Investmentbanker der Deutschen Bank in London nach. Alle Mitglieder des erweiterten Vorstands ("Group Executive Commitee"), also auch der hochbezahlte Investmentbanker Ansu Jain sowie Kevin Parker (Asset Management) und Pierre de Weck (Wealth Management) sowie Deutschland-Chef Jürgen Fitschen, Privatkundenleiter Rainer Neske und Michael Cohrs (Zahlungsverkehr) lassen sich für dieses Jahr keinen Jahresbonus auszahlen, hieß es in Finanzkreisen. Die Deutsche Bank bestätigte dies. Der Schritt von Ackermann und seinen neun Kollegen löste ein vielstimmiges Echo aus. Denn unklar ist, wie viel Jahresbonus den Bankern eigentlich in diesem Jahr der Finanzkrise zustehen wird. Unklar ist damit auch, wie groß der Verzicht tatsächlich ist, den sie leisten. Ackermann selbst spricht in Bezug auf seine Person von "einigen Millionen". Die Größenordnung des Vorjahres, in dem Ackermann zusätzlich zu seinen 1,3 Millionen Euro Fixgehalt 12,7 Millionen Euro Bonus und der gesamte Vorstand zusätzlich zu 4,3 Millionen Euro Fixgehalt 28 Millionen Euro Bonus erhielt, wäre allerdings in diesem Jahr kaum erreicht worden. Zwar macht die Deutsche Bank, anders als viele europäische Banken, in diesem Jahr bisher Gewinn. Doch das allein reicht nicht, um in der Deutschen Bank eine erfolgsabhängige Vergütung zu erhalten. Vielmehr gibt es im Februar dann eine Extra-Barzahlung, wenn die Deutsche Bank im abgelaufenen Geschäftsjahr das zuvor geplante Eigenkapitalrenditeziel erreicht hat. Auf welche Größe dieses Renditeziel im Herbst 2007, als die Finanzkrise von Ackermann noch unterschätzt wurde, festgelegt wurde, ist Betriebsgeheimnis. Nach dem Erreichen des 6,5 Milliarden Euro Rekordgewinns im Jahr 2007 dürfte die Messlatte für dieses Jahr nicht deutlich niedriger gelegt worden sein. In der Öffentlichkeit zumindest hatte die Deutsche Bank eine weitere Steigerung des Gewinns auf 8,4 Milliarden Euro als Jahresziel ausgegeben und diese Prognose erst im April zurückgezogen. Damit erscheint klar, dass die Deutsche Bank, nachdem ihr Gewinn im ersten Halbjahr von 3,9 Milliarden auf 504 Millionen Euro zurückgegangen ist, das geplante Eigenkapitalrenditeziel in 2008 kaum erreichen dürfte. Ein zweites Kriterium für erfolgsabhängige Bezahlung in der Deutschen Bank ist, ob sich der Aktienkurs der Deutschen Bank in einem Zwei-Jahres-Zeitraum besser oder schlechter entwickelt hat als der ihrer Konkurrenten. Nähme man die Kurse vom Freitag als Stichtag, so hat sich der Kurs der Deutschen Bank, gemessen am europäischen Bankenaktienindex Stoxx Banks schlechter entwickelt. Der Stoxx Banks, ging um 60 Prozent zurück, der Kurs der Deutschen Bank um 67 Prozent. Diese Betrachtung kann jedoch nur ein Anhaltspunkt sein, weil die Deutsche Bank nicht den Stoxx Banks heranzieht, sondern einen Korb aus Aktien, in dem die Aktien der amerikanischen Banken Merrill Lynch, JP Morgan und Citibank sowie die der Schweizer Großbanken UBS und Credit Suisse das höchste Gewicht haben. Falls die Aktie der Deutschen Bank, gemessen an diesem Aktienkorb, über zwei Jahre hinweg besser abschneidet, gibt es nach den Regeln einen Bonus, der zu einem Drittel in bar und zu zwei Dritteln in Aktien bezahlt wird. Das Gehalt Ackermanns war am Freitag auch Thema im Bundestag. Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) begrüßte seine Geste als vorbildlich. Es sei "ein erstes erfreuliches Zeichen, wenn ein Vorstand einer deutschen Bank sich dazu entschließt, seine ihm zustehenden Boni-Zahlungen nicht in die eigene Tasche zu stecken", sagte Glos. Dagegen nannte es Peter Struck, Vorsitzender der SPD-Fraktion, einen "peinlichen Vorgang", dass Ackermann angekündigt habe, auf seinen Bonus zu verzichte. Ackermann wolle wohl mit diesem "Ablasshandel" seine Sünden begleichen, giftete Struck. Kritik bekam Ackermann auch von anderen Banken. Martin Blessing, Vorstandssprecher der Commerzbank, sagte der Bild-Zeitung: "Ich kann doch nur auf etwas verzichten, was mir auch zusteht. Nur wenn man ein gutes Ergebnis für das Unternehmen erwirtschaftet, also Erfolg hat, steht einem auch ein Erfolgsbonus zu." Die Commerzbank habe 2007 trotz Rekordergebnis nicht alle selbstgesteckten Ziele erreicht. Deshalb sei der Bonus für die Vorstände schon im vergangenen Jahr um 50 Prozent gesenkt worden, sagte Blessing. Der gesamte Vorstand der West LB ist unterdessen zu einem Gehaltsverzicht bereit. Vorstandsvorsitzender Heinz Hilgert hatte sich schon zuvor im Gespräch mit dieser Zeitung einverstanden gezeigt mit der Deckelung von Gehältern als Bedingung dafür, dass der Staat Banken rettet (F.A.Z. vom 16. Oktober). Allerdings sind der Fall West LB und der Fall Deutsche Bank nicht vergleichbar. Denn die Deutsche Bank will die Rettungshilfen der Bundesregierung nicht in Anspruch nehmen. Auch diese Ankündigung Ackermanns löste Kritik hinter vorgehaltener Hand in anderen Banken aus. Ackermann stigmatisiere mit seiner Festlegung diejenigen Banken, die das Rettungspaket annähmen, hieß es. FAZ 2008/10/18 Vierte Rettungsaktion in Russlands Finanzbranche. Staatsbank VEB übernimmt Globeks zum symbolischen Preis von 5000 Rubel. gho. Unternehmen Bericht Russland Seite 16 kA Vierte Rettungsaktion in Russlands Finanzbranche. Staatsbank VEB übernimmt Globeks zum symbolischen Preis von 5000 Rubel. gho. MOSKAU, 17. Oktober. Die schon früher oft geforderte Konsolidierung der russischen Bankenlandschaft findet den größten Unterstützer in der aktuellen Finanzkrise, von der auch die Bankenwelt Russlands schwer getroffen wird. Am Freitag teilte die staatliche Entwicklungsbank VEB mit, dass sie 100 Prozent an der Globeks Bank zu einem symbolischen Wert von weniger als 5000 Rubel, umgerechnet rund 140 Euro, erwerbe. Die mittelgroße Bank, die nach Maßgabe der Bilanzsumme in der Rangliste der größten Finanzinstitute Russlands auf Platz 31 steht, hatte schon vor kurzem angekündigt, die Auszahlung von Festgeldern zu blockieren. Der Entscheidung war ein starker Abfluss von Kundengeldern vorangegangen. Allein im laufenden Monat sollen die Kundengelder um 15 Prozent zurückgegangen sein. Bankverantwortliche führen den Abfluss vor allem auf den Wunsch vieler Kunden zurück, Geld auf Konten der Staatsbanken VTB und Sberbank zu verschieben. Die staatlich kontrollierten Finanzinstitute haben großzügige Kapitalspritzen des Staates erhalten. Kleine und mittlere Banken hingegen finden nur sehr schwer den Zugang zu frischem Kapital. Die Globeks Bank ist der erste Fall eines russischen Finanzinstituts während der Finanzkrise, das aufgrund eines Ansturms von Kunden, die ihr Geld zurückwollten, in Bedrängnis geraten ist. Insgesamt ist Globeks die vierte Bank, die von einer staatlichen Gesellschaft oder von dem Staat nahestehenden Unternehmen vor einem Kollaps gerettet worden ist. Damit unterstreicht die russische Führung ihre Bereitschaft, größere Banken zu stützen, um keine Panik aufkommen zu lassen. Am Donnerstag war der Kauf der Sobinbank durch das zum russischen Erdgaskonzern Gasprom gehörende Finanzinstitut Gasenergoprombank bekanntgeworden. Die Sobinbank gehört zu den 40 größten Banken Russlands. Gasenergoprombank soll mit Unterstützung der russischen Zentralbank 100 Prozent an der Sobinbank übernommen haben. Der Agentur Interfax zufolge hat die Zentralbank dafür rund 500 Millionen Dollar bei Gasenergoprombank deponiert. Zuvor war die Swjas-Bank von der VEB und die Investmentbank Kit Finance vom staatlichen Diamantenproduzenten Alrosa und der russischen Eisenbahn RSchD gekauft worden. Beobachter erwarten, dass von den 1126 derzeit bei der Zentralbank registrierten Banken aufgrund der Finanzkrise noch weitere Institute schließen oder verkauft werden. Das grundsätzliche Problem bleibt jedoch, dass die Branche von wenigen Großbanken dominiert wird und die kleineren und mittleren Banken nicht von den Geldspritzen der Zentralbank und des Finanzministeriums profitieren. FAZ 2008/10/18 Frankreichs Sparkassen verzocken sich. Ein neuer Handelsskandal erschüttert die französische Bankenwelt. chs. Unternehmen Bericht Frankreich Seite 16 kA Frankreichs Sparkassen verzocken sich. Ein neuer Handelsskandal erschüttert die französische Bankenwelt. chs. PARIS, 17. Oktober. Das Spitzeninstitut der französischen Sparkassen hat in den vergangenen Wochen im Eigenhandel 600 Millionen Euro verloren. Bei der Caisse Nationale des Caisses d'Epargne (CNCE) kam es laut einer Stellungnahme der Bank zu einem "wichtigen Vorfall im Bereich des Handels mit Aktienderivaten", der zu diesem Verlust führte. Laut französischer Medien ist ein stellvertretender Finanzdirektor entlassen worden, und es wurden Sanktionen gegen ein halbes Dutzend Personen erhoben. Das Unternehmen bestätigte "Sanktionen gegen die Verantwortlichen". Die französische Aufsichtsbehörde sei informiert worden, sagte eine Sprecherin. Die französische Finanz- und Wirtschaftsministerin Christine Lagarde hat die Bankenkommission des Landes unter Vorsitz des Gouverneurs der Banque de France, Christian Noyer, mit einer detaillierten Untersuchung der Vorgänge beauftragt. Sie will prüfen, ob die Aufsichts- und Handelsregeln beachtet worden sind. Die Sparkassen sprechen ausdrücklich nicht von einem Betrug, wie das die Société Générale zu Jahresbeginn im Zusammenhang mit den Geschäften des Händlers Jérôme Kerviel getan hatte. Kerviel hatte aufgrund eigenmächtiger und lange Zeit vertuschter Transaktionen der Société Générale einen Verlust von knapp 5 Milliarden Euro zugefügt. Die Sparkassen betonen, dass sie bei ihren Kontrollen auf die verlustträchtigen Geschäfte gestoßen seien. Sie würden auf die "extremen Kursschwankungen und den Börsenkrach in der Woche vom 6.Oktober an" zurückgehen, heißt es in der Mitteilung. Offenbar hat eine Gruppe von f