Zusammenfassung erster Ergebnisse

Heiner Barz/Rudolf Tippelt

Der Weiterbildungsmarkt richtet sich heute an den leistungsorientierten Manager ebenso wie an den Arbeitslosen, an den bildungsinteressierten älteren Menschen wie an Personen aus der freizeit- und spaßorientierten modernen Unterschicht. Er offeriert Bildungsreisen für Kulturinteressierte, Zusatzqualifikationen für Karriereorientierte und Anpassungsfortbildungen um mit technologischen Innovationen Schritt zu halten. Die Prioritäten der verschiedenen Zielgruppen in Bezug auf Angebotstypen und -inhalte differieren dabei beträchtlich und zwingen Weiterbildungsträger, sich darauf einzustellen. Weiterbildungsangebote nach dem Motto "One size fits all" haben ausgedient. Wer alte Teilnehmergruppen halten und neue soziale Segmente gewinnen will, muss über Bildungsbarrieren ebenso informiert sein wie über milieugeprägte Lebensstile und Wertpräferenzen, um passgenaue Angebote erstellen zu können. Die Pluralität des Lern- und Bildungsverständnisses verschiedener sozialer Milieus stand im Mittelpunkt des nun abgeschlossenen Forschungsprojektes zum Weiterbildungsverhalten der bundesdeutschen Bevölkerung unter Leitung von Prof. Tippelt (LMU München) und Prof. Barz (HHU Düsseldorf), dessen Ergebnisse Ende 2003 in einem knapp 400-seitigen Forschungsbericht vorgelegt wurden.

Die deutschlandweite, vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Untersuchung „Soziale und regionale Differenzierung von Weiterbildungsverhalten und –interessen“ (2001-2003) erweitert das Instrumentarium zur Analyse der Heterogenität des Weiterbildungsmarktes erheblich und nimmt erstmals die Nachfrageseite des gesamtdeutschen Weiterbildungsmarktes in den Blick. Ziel war es, eine umfassende Topographie der Weiterbildungslandschaft Deutschland aus der Sicht der Adressaten und Teilnehmer zu erstellen. Dazu wurden neben dem konkreten Weiterbildungsverhalten auch grundlegende Weiterbildungsinteressen, -einstellungen, -motive und -barrieren der 18-75jährigen Bevölkerung erhoben. Schwerpunkte bildeten die derzeit expandierenden Themenbereiche der Gesundheitsbildung, der Schlüsselqualifikationen, der Entwicklung von Persönlichkeitskompetenz sowie des informellen Lernens.

Methodisch kam ein umfassendes Instrumentarium zum Einsatz, bei dem – um Synergieeffekte nutzen zu können – einzelne Forschungsschritte in Form einer Methodentriangulation zeitlich ineinander verschränkt waren: 160 qualitative, problemzentrierte Interviews, eine Repräsentativbefragung mit 3.008 computergestützten Telefoninterviews (CATI – in Kooperation mit Infratest) sowie 14 Gruppendiskussionen mit einer homogenen, vorab definierten Teilnehmerschaft.

Mit dem Modell der SINUS-Milieus gelingt es dieser Studie deutschlandweit Weiterbildungsverhalten und –interessen nicht nur im Kontext herkömmlicher soziodemographischer Merkmale, sondern auch im Hinblick auf Lebenswelten, Lebensauffassungen und Lebensstile zu untersuchen. Dabei wird begrifflich und empirisch davon ausgegangen, dass soziale Milieus Menschen in ähnlicher sozialer Lage und mit ähnlichen Werthaltungen, Lebensauffassungen und Lebensweisen zusammenfassen. Die Angehörigen jedes der derzeit zehn Milieus teilen Einstellungen zu relevanten Lebensbereichen wie Arbeit, Freizeit, Partnerschaft, Konsum, Alltagsästhetik, aber auch Bildung und Weiterbildung.

Die milieuspezifischen Befunde des umfangreichen Datenmaterials zeigen, dass folgende Elemente des in dieser Studie erstmals analysierten Themenfeldes „Weiterbildung“ erheblich zwischen den zehn sozialen Milieus differieren – und sich letztendlich in höchst unterschiedlichem Teilnahmeverhalten manifestieren:

  • Prägende Bildungserfahrungen in Kindheit und Jugend
  • Bildungsvorstellungen und Bildungsbegriff
  • Typische Weiterbildungsinteressen
  • Typische Weiterbildungsbarrieren
  • Typische Ansprüche an Methode und Ambiente
  • Weiterbildungsmarketing
  • Entwicklung von Persönlichkeitskompetenz
  • Gesundheitsbildung
  • Schlüsselqualifikationen
  • Informelles Lernen
  • Nutzung und Image verschiedener Anbieter
  • Dass sich hinsichtlich des Teilnahmeverhaltens allgemein, aber auch hinsichtlich der Affinität zu bestimmten Anbietern deutliche milieuspezifische Differenzierungen ergeben, kann mit Befunden zur beruflichen wie zur allgemeinen Weiterbildung aufgezeigt werden. Unterschiede in motivationalen und einstellungsbezogenen Merkmalen als zentrale Determinanten des Weiterbildungsverhaltens werden insbesondere bei den Bildungsorientierungen und den Weiterbildungsbarrieren in den verschiedenen sozialen Milieus deutlich.

    Beispiel: Mit insgesamt 54% liegt die Teilnahmequote an beruflicher Weiterbildung vergleichsweise hoch. Der stärkste Einflussfaktor ist dabei erwartungsgemäß die Erwerbsbeteiligung und neben den bekannten Einflussfaktoren der Berufsbildung und der Betriebsgröße wirkt sich auch das Haushaltseinkommen stark aus. Die Basis bilden dabei alle früher oder aktuell Erwerbstätigen ohne Rentner. Aus milieuspezifischer Perspektive sind es vor allem die Milieus der modernen Performer (Teilnahmequote von 67%) und der Experimentalisten (65%), die sich besonders intensiv an beruflicher Weiterbildung beteiligen. Auch die Teilnahmequote des Unterschichtmilieus der Konsum-Materialisten liegt mit 61% vergleichsweise hoch. Diese für ein doch eher bildungsfernes Milieu erstaunlich starke Beteiligung an beruflicher Weiterbildung vermögen Befunde der Einzelexplorationen zu erläutern: bei den besuchten Veranstaltungen handelt es sich zumeist um „erzwungene Maßnahmen“, deren Besuch den weiteren Bezug von Zuwendungen und Gratifikationen garantiert. Eher unterdurchschnittlich beteiligen sich dagegen Angehörige der DDR-Nostalgischen (46%), der Konservativen (45%) sowie der Traditionsverwurzelten (45%) an beruflicher Weiterbildung. In diesem „traditionellen Segment“ des Milieumodells werden neben Schwellenängsten und Bedenken hinsichtlich des höheren Lebensalters vor allem mangelnde Nutzen- und Verwertungserwartungen als Weiterbildungsbarrieren wirksam.

    Mit der Differenzierung nach sozialen Milieus lassen sich allerdings nicht nur unterschiedliche Teilnahmehäufigkeiten innerhalb der Gesamtbevölkerung – und auch innerhalb einer sozialen Schicht – detailliert beschreiben, sondern auch zentrale Anbieterpräferenzen herausarbeiten. Dabei erweist sich der Anbieter „Arbeitgeber /Betrieb“ als stärkster Träger, insbesondere für die Etablierten, die Bürgerliche Mitte und die DDR-Nostalgischen. Als zweitstärkster Anbieter im beruflichen Weiterbildungsbereich erwiesen sich private Institutionen. Nahezu jede zehnte besuchte Weiterbildungsveranstaltung entfällt auf diesen Bereich. Besonders weiterbildungsaktiv zeigen sich hier die (post)modernen Milieus der modernen Performer (17%) sowie die Experimentalisten (13%). Eher zurückhaltend agieren dagegen Vertreter des traditionellen Segments der Milieulandschaft: Traditionsverwurzelte (6%), DDR-Nostalgische (2%) und Vertreter der Bürgerlichen Mitte (5%) nutzen private Institutionen stark unterdurchschnittlich.

    Die Teilnahmequote in der allgemeinen Weiterbildung liegt bei 41%, wobei das Alter, das Geschlecht, die Berufsbildung und Schulbildung sowie wiederum das Haushaltseinkommen starke Einflussfaktoren sind. Die bildungsstarken modernen Milieus der Experimentalisten, der Postmateriellen und der modernen Performer weisen signifikant höhere Teilnahmequoten auf (vgl. Abb. 1). Bei den Anbietern in der allgemeinen Weiterbildung erweisen sich auch in dieser Studie die Volkshochschulen vor privaten Trägern, Verbänden, kirchlichen Annbietern u.a. als besonders stark frequentiert. Die Volkshochschulen erreichen die höchsten Bekanntheitswerte, können dieses positive Image aber nicht bei allen sozialen Gruppen adäquat umsetzen: weniger gut werden Jüngere, Personen mit hohen Bildungsabschlüssen, Männer, Erwerbstätige und Adressaten in Ostdeutschland erreicht. In Milieuperspektive erreichen die Volkshochschulen das traditionelle und das neue (Klein-)Bürgertum offenbar am besten (vgl. Abb. 2).

    Befunde der Repräsentativerhebung vermögen das grundlegende Teilnahmeverhalten in seiner Gesamttendenz darzustellen und nach gesellschaftlichen Teilgruppen (Milieus, Geschlecht, Alter, Einkommen, Bildung etc.) zu differenzieren, liefern allerdings unzureichende Informationen über Motive, Einstellungen und Interessen, die als Determinanten des Teilnahmeverhaltens fungieren. Als Ergänzung und notwendige Vertiefung können hier die qualitativen Einzelexplorationen herangezogen werden, die neben dem tatsächlichen Verhalten Motivstrukturen und Einstellungen näher beleuchten. Besonders deutlich wird der Verdienst der qualitativen Interviews für die Themenbereiche „Bildungsorientierungen“ und „typische Weiterbildungsbarrieren“. Bildungsorientierungen umfassen dabei das jeweilige Verständnis von Bildung, prägende Bildungserfahrungen sowie grundlegende Einstellungen und Interessen in Bezug auf Weiterbildung.

    In unseren Ergebnissen zeigen sich auch erhebliche Nachfragepotentiale. Beispiel „Persönlichkeitsentwicklung“: Immerhin 6% aller Befragten haben bereits Erfahrungen mit persönlichkeitsbildenden Kursen (vgl. Abb.3) – aber ca. 50% äußern Interesse an diesen Weiterbildungsinhalten. Abbildung 4 stellt für einzelne Kursangebote die Teilnahmequoten und für Lerninteressen gegenüber. Wie bei allen Themenfeldern gibt auch hier die Milieudifferenzierung wichtige Aufschlüsse. So sind die eher traditionell orientierten Milieus mit diesem Themenfeld kaum zu erreichen – Persönlichkeit gilt hier als eine durch Weiterbildung und Training kaum beeinflussbare Größe. Und innerhalb der stärker modernisierten Milieus zeigen sich erhebliche Interessensunterschiede, je nachdem, ob die Motive eher in Richtung auf innere Werte und Selbsterfahrung oder in Richtung auf Selbstdarstellung und Verbesserung der Wirkung auf Andere zielen (vgl. Abb. 5)

    In Anlehnung an die Göttinger (vgl. Strzelewicz/Raapke/Schulenberg 1966) sowie die Oldenburger Studie (vgl. Schulenberg et al. 1978) wurde auch in dieser Untersuchung das grundlegende Bildungsverständnis der Befragten erhoben. Bislang haben sich nur wenige Studien mit dieser phänomenologischen Annäherung an den Bildungsbegriff befasst, was erstaunt, weil die Vorstellungen von Bildung und einem „gebildeten Menschen“ nachweislich nicht nur in einem engen Zusammenhang mit der Einstellung zu lebenslangem Lernen, sondern auch mit dem konkreten Weiterbildungsverhalten stehen. Deutlich wird darüber hinaus in den aktuellen Befunden, dass die Korrelation von Bildung und Charakterstärke gerade in den modernisierten gesellschaftlichen Segmenten zu bröckeln beginnt: Während es für das Traditionsverwurzelte Milieu noch selbstverständlich zu sein scheint, dass Bildung auch „Herzensbildung“ hervorbringt, finden sich z.B. bei den Postmaterialisten deutlich reduzierte Zustimmungswerte (vgl. Abb. 6).

    Nicht nur die Bildungsvorstellungen, sondern auch die konkreten Bildungserfahrungen/-erinnerungen stehen in engem Zusammenhang mit der grundlegenden Einstellung zur (Weiter-)Bildung und damit auch zum konkreten Weiterbildungsverhalten. Die Erinnerung bspw. an die Schulzeit ist dabei keinesfalls als bloßer Rückblick an einen erledigten Teil der Vergangenheit zu verstehen, sie hat vielmehr eine gegenwärtige Bedeutung. Wie in den traditionellen Leitstudien der Weiterbildung zeigt sich auch in der vorliegenden Analyse, dass die eigene Schulbildung für die meisten Menschen ein Lebensfaktor ist, „der ihnen positiv oder negativ bis ins Alter bewusst bleibt, und in den Aussagen über die vergangene Schulzeit spiegeln sich gegenwärtige Einstellungen, Bedürfnisse und Erfahrungen auf dem Gebiet der Bildung wider“ ( Schulenberg et al. 1978, S. 153). In der vorliegenden Studie wurden Bildungsverständnis, Bildungserfahrungen und (Weiter-)Bildungseinstellungen für alle zehn sozialen Milieus erhoben und es konnten gruppenspezifische „Profile“ im Hinblick auf Bildungsorientierungen erstellt werden. Dabei zeigen sich u.a. auch im Hinblick auf die Intransparenz des Weiterbildungssektors und den daraus resultierenden Bedarf an Weiterbildungsberatung charakteristische Unterschiede (vgl. Abb. 7)

    Mit der Erstellung einer Topographie des Weiterbildungsmarktes aus der Sicht der Teilnehmer und Adressaten wird die derzeitige Heterogenität des Weiterbildungsmarktes eindrucksvoll abgebildet. Für eine zielgruppenspezifische Gestaltung von Angebots- und Programmsegmenten sind Informationen über Interessen, Barrieren und Teilnahmemotive bestimmter gesellschaftlicher Teilgruppen unabdinglich. Entsprechende detaillierte Teilnehmer- und Adressatenprofile haben wichtige Implikationen für die Angebots- und Programmplanung der Weiterbildungsinstitutionen und liefern wichtige Anhaltspunkte zur Gestaltung makrodidaktischer Handlungsfelder, die in der Studie zu praktischen „Checklisten“ zusammengefasst und verdichtet wurden. In enger Zusammenarbeit mit dem jeweiligen Anbieter ist es auf dem Hintergrund dieses „Zielgruppenportfolio Weiterbildung“ möglich, Marketingkonzepte zu entwickeln und unter Berücksichtigung des jeweiligen Institutionenprofils passgenaue Angebots- und Programmsegmente zu erarbeiten und zu erproben.

    Literatur:

    Barz, H. (2000). Erwachsenenbildung und soziale Milieus. Neuwied.

    Barz, H./Tippelt, R. (Hrsg.) (2004): Soziale und Regionale Differenzierung von Weiterbildungsverhalten und Weiterbildungsinteressen. (in Vorbereitung)

    Schulenberg, W./Loeber, H.-D./Loeber-Pautsch, U./Pühler, S. (1978). Soziale Faktoren der Bildungsbereitschaft Erwachsener. Eine empirische Untersuchung. Stuttgart .

    Strzelewicz, W./Raapke, H.-D./Schulenberg, W. (1966). Bildung und gesellschaftliches Bewusstsein. Eine mehrstufige soziologische Untersuchung in Westdeutschland. Stuttgart.

    Tippelt, R./Eckert, T./Barz, H. (1996): Markt und integrative Weiterbildung. Zur Differenzierung von Weiterbildungsanbietern und Weiterbildungsinteressen. Bad Heilbrunn.

    Tippelt, R./Weiland, M./Panyr, S./Barz, H. (2003). Weiterbildung, Lebensstil und soziale Lage in einer Metropole: Studie zu Weiterbildungsverhalten und –interessen der Münchner Bevölkerung. Bonn.

    Anhang 1: Die SINUS-Milieus und ihre Weiterbildungseinstellungen

     

    Abbildung 0

    Die Konservativen repräsentieren das alte Bildungsbürgertum, pflegen Traditionen, eine humanistisch geprägte Pflichtauffassung. Nach erfolgreicher Berufskarriere häufig im Ruhestand, ehrenamtliches Enga­gement. Distanz zu modernen Lebensstilen und technologischem Fort­schritt. Soziale Lage: Früher leitende Angestellte, Beamte, Selbständige, geho­benes Einkommen, teilweise größeres Vermögen. Bildung/Weiterbildung: Akademische Abschlüsse, bei Frauen auch einfache Schulbildung. Hoher Stellenwert selbstgesteuerten Lernens; „Selbst­er­ziehungsethos“. Interessengebiete: Literatur, Musik, Kultur. Wertschätzung von Parteien, Stiftungen und kirchlichen Trägern. Ablehnung privater nicht etablierter gesellschaftlicher Anbieter und esoterischer Inhalte. Festhalten an eher traditionellen Lehr-/Lernformen. Hohe Ansprüche an die Qualifikation von Dozenten. Pragmatische Einstellung hinsichtlich der Ausstat­tung des Veranstaltungsortes; Wertschätzung von Ordnung und Sauberkeit.

    Die Traditionsverwurzelten verkörpern "Sicherheit und Ord­nung". Kriegsgeneration, Wurzeln im Kleinbürgertum oder in traditioneller Arbeiterkultur. Verstehen sich als Bewahrer von Pflichterfüllung, Disziplin und Moral. Nach arbeitsreichem Leben kreisen die Interessen um die ei­genen vier Wände und Gesundheit. Leben bescheiden, unterstützen ihre Kinder/Enkel. Soziale Lage: Hoher Anteil an Rentnern, früher kleine Beamte und Angestellte, Arbeiter, Bau­ern, kleinere bis mittlere Einkommen. Bildung/Weiterbildung: Niedrige bis mittlere Bildungsabschlüsse. Weiterbildung als Möglichkeit, um den Status Quo zu sichern. Bevorzugung schulisch orientierter Lernformen; Ausrichtung auf den Erwerb konkreter Handlungskompetenz. Keine besonderen Ansprüche an Räumlichkeit und Veranstaltungsort („sauber muss es sein“).

    Die DDR-Nostalgiker sehen sich als Verlierer der Wende. Ver­gangenheit wird verklärt, Verbitterung über die Gegenwart. Früher häufig im Führungskader, heute einfache Berufe oder arbeitslos. Führen einfa­ches Leben, konzentriert auf Familie, gleichgesinnte Freunde und Ver­eine. Soziale Lage: Einfache Angestellte, Arbeiter, hoher Anteil von Beziehern von Altersübergangsgeld oder Rente, kleine bis mittlere Einkommen. Bildung/Weiterbildung: Einfache bis mittlere Bildung; auch Hochschulabschluss. Hauptsächlich informelle Weiterbildung: politisches Interesse, auf dem Laufenden bleiben. Ablehnung von Kursen zur Persönlichkeitsentwicklung. Nutzung staatlich geförderter Angebote; häufig Umschulungen. Wertschätzung vertrauter, schulischer Formen des Lernens.

    Die Etablierten stellen die gut ausgebildete, sehr selbstbewusste Elite. Hohe Exklusivitätsansprüche, bewusste Abgrenzung gegenüber anderen. Beruflicher Erfolg ist ihnen wichtig. Verfolgen klare Karriere­strategien. Lebenskonzept orientiert sich am Machbaren, reagieren flexi­bel auf neue Herausforderungen. Sie konsumieren edel, genießen Luxus. Soziale Lage: Leitende berufliche Positionen, hohe bis höchste Einkommen. Bildung/Weiterbildung: Überdurchschnittlich hohes Bildungsniveau. Selbstverständliche Integration von Lernen in den (Arbeits-)Alltag. Befürwortung informeller Formen der Weiterbildung: umfassendes politisches, wirtschaftliches und literarisches Interesse; Tagungen und Kongresse. Hohe Ansprüche an Ambiente und Stil des Veranstaltungsortes von Weiterbildung. Selten VHS-Besuch, selbstbewusste Auswahl privater Anbieter; Geld spielt dabei kaum eine Rolle.

    Die Postmateriellen verkörpern die Nach-68er. Überwiegend hoch gebildet, kosmopolitisch, tolerant. Kritik an negativen Folgen der Technologisierung und Globalisierung. Erfolg um jeden Preis lehnen sie ab, definieren sich mehr über Intellekt und Kreativität denn Besitz und Konsum. Soziale Lage: Gehobene Angestellte, Beamte, Freiberufler, Selbstständige, gehobene Einkom­men. Bildung/Weiterbildung : Hohe und höchste Bildungsabschlüsse; überdurchschnittlich viele Studenten und Akademiker. Selbstverständliche Inte­gration lebenslangen Lernens in den Alltag; „nicht auf der Stelle treten“, „in Bewegung bleiben“. Hohe Akzeptanz von Angeboten zur Persönlichkeitsentwicklung und Gesundheitsbildung. Vor allem im privaten Bereich vergleichsweise häufiger Besuch von WB-Institutionen. Kritische und informierte Wahl von WB-Veranstaltungen im beruflichen Bereich: Tendenz zu privaten Anbietern. Bevorzugung eines „natürlichen“, stimmigen Ambientes.

    Die Bürgerliche Mitte stellt den statusorientierten Mainstream. Streben nach moderatem Wohlstand. Sie sind leistungsorientiert und zielstrebig. Wichtig sind beruflicher Erfolg, gesicherte Position, Etablie­rung in der Mitte der Gesellschaft, manchmal von Abstiegsängsten geplagt. Soziale Lage: Kinderfreundliches Milieu; einfache, mittlere Angestellte/Beamte, mittlere Ein­kommensklassen. Bildung/Weiterbildung: Mittlere Reife mit Lehre, Abitur mit Lehre, teilweise auch akademische Abschlüsse. Lernen als Notwendigkeit, um am Ball zu bleiben. Im Mittelpunkt steht die Vermittlung konkreten Handwerkzeugs für den (Berufs-)Alltag. Überdurchschnittlich viele VHS-Besucher. Geringere Ansprüche an Ambiente und Räumlichkeit von Veranstaltungen; neben der notwendigen Ausstattung ist vor allem der kompetente Dozent von Bedeutung.

    Die Konsummaterialisten wollen wegen ihrer beschränkten finan­ziellen Mittel zeigen, dass sie mithalten können. Berufliche Chancen sehr eingeschränkt durch mangelnde Qualifikation, ungünstige persönliche Rahmenbedingungen. Möchten als Durchschnittsbürger gelten, fühlen sich häufig benachteiligt. Soziale Lage: Arbeiter, viele Arbeitslose, untere bis mittlere Einkom­mensklassen, Häufung sozialer Benachteiligungen. Bildung/Weiterbildung: Kein oder formal niedriger Bildungsabschluss, häufig abgebrochene Ausbildungen. Meist gebrochenes Verhältnis zu Bil­dungsinstitutionen, hohe Schwellenängste. Besuch von WB-Veranstaltungen über Arbeitsamt vermittelt. WB-Veranstal­tun­gen stehen in engem Zusammenhang mit schulischem Lernen und Stress. Lernen stellt eine zusätzliche Belastung zum pro­blembeladenen Alltag dar; „da hob I momentan koan Drive dazua“. Der Verwertungsaspekt einer Weiterbildung muss klar ersichtlich sein („was bringt mir das?“).

    Die Hedonisten sind die untere Mittel- bis Unterschicht. Auf der Suche nach Fun und Action, Träume von geordnetem Leben. Ange­passtheit im Berufsalltag steht im Gegensatz zum hedonistischen Leben in der Freizeit. Aggressive Underdog-Gefühle gegenüber ihrer Umwelt. Unterhaltung in krassen Szenen, Clubs, Fangemeinden. Soziale Lage: E infache Angestellte, Arbeiter, Schüler, Azubis, häufig ohne eigenes Einkommen. Bildung/Weiterbildung: Breite Streuung der Bildungsabschlüsse , oft ohne Berufsausbildung, überproportional viele Auszubildende und Schüler. Akzeptanz von Umschulungen/Weiterbildungen eng verbunden mit Antizipation finanziellen Nutzens. Kaum eigenständiges Interesse an organisierten Formen der Weiterbildung. Aufgrund der steigenden Bedeutung des Internet als Fun-Medium könnte auch das informelle, netzbasierte Lernen und Informieren an Bedeutung gewinnen.

    Die Modernen Performer stellen die junge, unkonventionelle Leistungselite, leben beruflich und privat Multioptionalität und Flexibilität. Ausgeprägter Ehrgeiz, oft selbstständig (Start-ups), treibendes Motiv ist Lust, sich zu erproben und Chancen zu nutzen. Nutzen intensiv moderne Kommunikation. Soziale Lage: Teilweise noch Schüler/Studenten mit Nebenjobs, kleine Selbstständige, Freiberufler, geho­benes Einkommen. Bildung / Weiterbildung: Hohes Bildungsniveau. Hoher Stellenwert von Weiterlernen; „nicht stehen bleiben“. Motiv: Lust sich zu erproben und Chancen zu nutzen. Favorisiert werden vor allem informelle Formen des Lernens. Hohe Expertise im Bereich von Informations- und Kommunikationstechnologien. Kaum Beteiligung an organisierten Formen der Weiterbildung.

    Die Experimentalisten sind die extrem individualistische neue Bohème. Tolerant gegenüber unterschiedlichsten Lebensstilen, Szenen, Kulturen, sehr spontan. Materieller Erfolg und Status sind weniger wich­tig, häufig Patchwork-Karrieren. Nutzen Multimedia, engagieren sich für Randgruppen, betreiben mentales Training und kreative Hobbies. Soziale Lage: Viele Schüler und Studenten, klei­nere Selbstständige, Freiberufler, überdurchschnittliches Einkommen. Bildung/Weiterbildung: Oft gehobene Bildungsabschlüsse. Weiterbildung und lebenslanges Lernen als Bestandteil der individuellen Selbstverwirklichung. Im Milieuvergleich größte Bandbreite der Weiterbildungsinteressen. Selbstverständliche Integration selbstgesteuerten Lernens in die Lebensführung. Große Bedeutung eines „passenden, harmonischen“ Ambientes der Weiterbildungsveranstaltung je nach Themengebiet.

    Anhang 2: Ausgewählte Schaubilder „Zielgruppenportfolio Weiterbildung“

    Abbildung 1

    Abbildung 2

    Abbildung 3

    Abbildung 4

    Abbildung 5

    Abbildung 6

    Abbildung 7