MODERN ENGLISH LITERATURE

All literature must be read as a symbolic meditation on the destiny of community. (Fredric Jameson)

Methoden der Anglistischen Literaturwissenschaft

Literatur als Gegenstand der Literaturwissenschaft

Seit ca. dreißig bis vierzig Jahren werden in den Literaturwissenschaften theoretische Zugänge aus anderen Fachzusammenhängen intensiv rezipiert und importiert. Die Aneignung der grand theories (Merton 1949/1968) fachfremder Disziplinen, etwa der Soziologie (Systemtheorie, Feldtheorie), der Denk- und Wissenschaftsgeschichte (Diskursanalyse) oder der Medienwissenschaften in ihren verschiedenen Ausprägungen, war wesentlich motiviert durch das wachsende Interesse an funktionaler Rückverankerung der literarischen und ästhetischen Untersuchungsphänomene – und verbunden damit durch das Streben nach gesellschaftlichen (und förderungspolitisch spürbaren) Relevanz- und Legitimationsgewinnen. Die entsprechenden Theorieimporte zielen auf Kontextualisierung und extrinsische Erklärungs-zusammenhänge der literarischen Texte, sie versprechen Einblick in deren spezifische Stellung und Funktionsweise in historisch und sozial bestimmten Bedingungsgefügen, die im Rahmen der kultur- und sozialwissenschaftlichen Großtheorien neu erschließbar werden.

Keines der theoretischen Paradigmen, auf das die Literaturwissenschaften sich hierbei beziehen, setzt eine essentialistisch zu denkende Vorgegebenheit jener Gegenstandsbereiche voraus, die die literaturwissenschaftlichen Kontextbildungen ermöglichen. Was die Ansätze von der Foucaultschen Diskursanalyse bis zu den aktuelleren mediengeschichtlichen Zugängen vielmehr vereint, ist der von ihnen gepflegte Konstruktivismus. Die sozial- und kulturwissenschaftliche Beschäftigung mit historischen ‚Wissensformationen’, mit durch Medientechnik ‚induzierten’ Formen der Welterfahrung oder der gesellschaftlichen ‚Gemachtheit’ von class, race und gender setzt die historische und soziale Beobachterabhängigkeit oder Standortgebundenheit der dabei jeweils produzierten Gegenstands- und Sozialbildungen konstitutiv voraus. Deren Attraktivität für die Literaturwissenschaft erklärt sich daraus, dass diese Konstruiertheit lebensweltlicher Ordnungsmodelle es ihr zu fragen erlaubt, wie sich hierzu nun die in den literarischen Werken selbst zu beobachtenden ästhetischen Konstruktionen (von Gesellschaft, Geschlecht, Fremdheit, Welt etc.) verhalten: im besseren Falle wird deren ästhetische Differenz bewiesen (die Schlagworte hierzu lauten etwa: literarischer ‚Konterdiskurs’, ‚Latenzbeobachtung’, karnevaleske Subversion, Polysemie, materielle ‚Widerständigkeit’ etc.), andernfalls wird mimetische Anpassung ans ‚Milieu’ behauptet und Literatur dem Kontext gleichgemacht.

So gelegen aber der Literaturwissenschaft der in den sozial- und kulturwissenschaftlichen Importfeldern gepflegte Konstruktivismus immer dann kommt, wenn es um die Konstruktionskraft der eigenen Gegenstände geht, so schnell vergessen scheint das konstruktivistische Credo immer dann, wenn es um die Gegebenheit genau jener Kontexte geht, auf denen die hieran anschließenden gesellschaftlichen Funktionsbeschreibungen aufruhen und an denen die ästhetischen Prägnanzbildungen sich vermeintlich ‚abarbeiten’. In der deutlichen Mehrzahl der Fälle werden nämlich die als Hintergrundfolie der literarischen Werke in Anspruch genommenen ‚Rahmenbedingungen’ doch wieder weitgehend essentialistisch als homogen vorausgesetzt oder ihre vermeintlich prästabile Gegebenheit als Kontext wenigstens nicht weiter problematisiert.

[…]

Gegenüber der theoriegeschichtlich je unterschiedlich begründeten Einheit von literarischem Werk und außerliterarischem Kontext ist also nicht nur der Tatsache Rechnung zu tragen, „daß ein Text seine Bedeutung in [einem gegebenen] Kontext aufbauen muss, was einzig möglich ist, wenn er sich innerhalb dieses Kontextes von ebenfalls vorkommenden Positionen unterscheidet" (de Berg 1991, 202), sondern vielmehr ist zu betonen, dass literarische Texte ihre eigenen, eben: ästhetischen Kontexte konstituieren und zu ermitteln, welche Möglichkeiten der methodischen Operationalisierung zur Verfügung stehen, die dieser ästhetischen Autopoiesis wie auch ihren spezifischen Funktionspotentialen angemessen begegnen können.

Roger Lüdeke, "Die Gesellschaft der Literatur", in: Michael Piper (Hg.): Jahrbuch der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf 2008/2009. Düsseldorf: Düsseldorf University Press 2010, 361-382.