Zusammenfassung und Ausblick Teil II (Phasenquantifikation)
Die hier vorgelegten Analysen ergeben ein Bild des Phänomens Quantifikation in natürlicher Sprache, das in verschiedener Hinsicht von dem herkömmlichen abweicht. Traditionell wurde das Phänomen der Domäne der Nominalphrase zugeordnet, Nominalphrasen als Quantoren betrachtet und umgekehrt die nominale Quantifikation zumindest als Kernbereich des Phänomens. Dieses Bild der Übereinstimmung hat sich nun sehr stark verschoben: die beiden Bereiche der Quantifikation und der Nominalphrasenbedeutung überschneiden sich nur schwach. Quantifikation ist weder eine typische noch eine besonders vielfältig ausgeprägte Funktion im nominalen Lexikon. Im Gebiet der nicht-nominalen Ausdrücke konnte dagegen gezeigt werden, dass Quantifikation der Bedeutung der verschiedenartigsten Ausdrücke zugrunde liegt.
Während die Theorie der Generalisierten Quantoren von einer reichen Vielfalt der Erscheinungsformen natürlichsprachlicher Quantifikation ausging, hat sich diese Vorstellung zumindest im Bereich der lexikalisierten Quantoren nicht bestätigt. Vielmehr ergibt sich ein Bild von überwältigender Einheitlichkeit, eben das der Phasenquantifikation. Nicht nur kann dieses begriffliche Format an den verschiedensten Stellen immer wieder nachgewiesen werden, es kann auch für sich beanspruchen, die einfachste Möglichkeit zu bieten, zwischen dem globalen Wahr oder Falsch einfacher Prädikationen zu differenzieren, also darüber hinauszugehen.
Die Differenzierung besteht darin, dass die beiden möglichen Ergebnisse einer einfachen Prädikation p t nicht einfach miteinander konkurrieren, sondern auf einer Skala nebeneinander angeordnet werden, und zwar in einer lokalen Umgebung des eigentlichen Arguments t. Dadurch wird zwischen den negativen und den positiven Fällen eine Beziehung ausgedrückt, die bei der einfachen Prädikation fehlt. Das Nebeneinander einer positiven und einer negativen p-Phase in der unmittelbaren Umgebung von t ist eine minimale nicht-triviale Instantiierung des quantifizierten Prädikats in seiner Polarität. Die Phasenquantifikation beinhaltet wiederum eine konzeptuell minimale Eigenschaft solcher Instantiierungen: ob t in die eine oder die andere Halbphase fällt -- eine simple topologische Eigenschaft, die keine Metrik auf der Skala erfordert, sondern lediglich eine Ordnung.
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|
|
Polarität |
|
Ordnung |
|
Argument |
|
Prädikat |
|
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
noch |
= |
λp PQ( |
1 |
, |
später |
, |
te |
, |
p |
) |
nur |
= |
λF PQ( |
1 |
, |
K-mehr |
, |
k |
, |
F |
) |
jed- |
= |
λb λp PQ( |
1 |
, |
mehr |
, |
b |
, |
p |
) |
kurz |
= |
λt PQ( |
1 |
, |
länger |
, |
t |
, |
g |
) |
kürzer |
= |
λk λt PQ( |
1 |
, |
länger |
, |
t |
, |
λt'(d(gt', k) |
) |
und |
= |
λ<pi> PQ( |
1 |
, |
mehr |
, |
<pi> |
, |
wahr |
) |
Die einzelnen Instantiierungen des Konzepts weisen in einem Punkt einen einheitlichen Lexikalisierungsmodus auf: Das zweite Argument des Operators, das die Ordnung und damit die Skala festlegt, ist stets ein lexikalisch fixierter C-Parameter. Die verbleibenden beiden Argumente sind A- oder B-Parameter. Die A-Parameter bestimmen den semantischen Typ und damit auch im wesentlichen die syntaktischen Subkategorisierungseigenschaften, die B-Parameter bieten zusätzliche Spezifikationsmöglichkeiten. In der Tabelle sind die A-Parameter durch Lambda-Operatoren gebunden und orange geschrieben, die B-Parameter rot und die C-Parameter dunkelrot. Die Helligkeit der Farbe bildet auf diese Weise ab, wie tief die einzelnen Parameter semantisch verankert sind. Der Polaritätsparameter hat einen anderen Status als die übrigen. Er wäre wahrscheinlich sinnvoller, ihn nicht als Argument von PQ, sondern als gesondertes Polaritätsmerkmal darzustellen. Er bestimmt ebenso wie der in der hier verwendeten Notation unsichtbare äußere Polaritätsparameter den Typ der Phasenquantifikation und ist in dieser Funktion absolut unmodifizierbar. Er unterscheidet sich dadurch von C-Parametern wie dem Skalenparameter, der immerhin noch bei Übertragungsprozessen Gegenstand konzeptueller Uminterpretation sein kann. Den Skalenparameter habe ich in der Zusammenstellung invertiert, da sich so die unmarkierten Typ-1-Benennungen der jeweiligen Ordnung ergeben. Die verschiedenen Vorkommen von mehr in dieser Spalte sind entsprechend den Erläuterungen in den Einzelanalysen zu interpretieren.
Für jede Instantiierung des Konzepts PQ ist eine ganze Dualitätsgruppe von vier Varianten gegeben, die aus der Möglichkeit resultiert, PQ selbst oder den internen Polaritätsparameter oder beides zu negieren. Die übergreifenden Asymmetriebefunde für diese Gruppen legen die Hypothese nahe, dass - zumindest in der Regel - innerhalb jeder Gruppe die Instanz, die wir PQ1 genannt haben, konzeptuell elementar und die übrigen davon abgeleitet sind, und zwar durch Prozesse, deren Effekt in Negation und Dualnegation besteht. Als Beispiel sei hier noch einmal die schon-Gruppe zusammengestellt:
Typ 1 |
schon |
= |
λp |
PQ( |
|
0, später, te, p) |
|
Typ 2 |
noch |
= |
λp |
PQ( |
¬ |
0, später, te, p) |
Dualnegation |
Typ 3 |
noch nicht |
= |
λp ¬ |
PQ( |
|
0, später, te, p) |
Negation |
Typ 4 |
nicht mehr |
= |
λp ¬ |
PQ( |
¬ |
0, später, te, p) |
Dualnegation + Negation |
Ob das Konzept der Phasenquantifikation in der vorgeschlagenen Weise adäquat beschrieben ist, sei dahingestellt. Vieles deutet darauf hin, dass in allen Fällen ein Projektionsmechanismus eine grundlegende Rolle spielt, der in der hier verwendeten Beschreibung nur unzureichend in Erscheinung tritt. So wurde bei der schon-Gruppe davon ausgegangen, dass Propositionen einfach Prädikate über Zeiten seien. Das ist eine Vereinfachung des wirklichen Sachverhalts. Propositionen sind Prädikate über Situationen, die neben einer zeitlichen Dimension auch andere besitzen. Mit der Phasenquantifikation durch schon geht also eine Projektion der eingebetteten Proposition auf die Zeitachse einher. Auch bei den Adjektiven haben wir eine bewusste Vereinfachung vorgenommen: nicht die jeweilige Skala kennzeichnet die Bedeutung eines graduierbaren Adjektivs, sondern die Gradskala zusammen mit der jeweiligen Projektion. Bei nur und anderen Fokuspartikeln stellt die Fokussierung ebenfalls eine Projektion dar: die Ausrichtung des gesamten Sachverhalts auf eine bestimmte Dimension, wobei fast beliebige Dimensionen herausgegriffen werden können. Schließlich sind auch die Abschreitungen, auf denen die Standardquantifikationen beruhen, in diesem Sinne Projektionen.
Die hier vorgelegte Untersuchung ist lediglich ein Beginn. Die Fälle von Phasenquantifikation, die in dieser Arbeit untersucht wurden, repräsentieren auch für das Deutsche nur einen kleinen Ausschnitt des Phänomens. Es bleibt zu prüfen, welche Konsequenzen sich aus diesem Ansatz für den großen Bereich der Modalität ergeben. Welche Skalen liegen hier zugrunde? Wieviel Plausibilität hat hier die Vorstellung von Phasenübergängen? Ferner gilt es, weitere Anwendungsfelder zu erschließen. Bereits erwähnt habe ich das Gebiet von Tempus und Aktionsarten. (In Löbner 1988 habe ich die Tempora Präsens und Präteritum als Phasenquantoren dargestellt und eine auf dem PQ-Konzept aufbauende Klassifizierung von Verbbedeutungen vorgeschlagen.) Als weiteres Feld bieten sich räumliche und zeitliche Präpositionen, Adverbien und Konjunktionen an. Paare wie oben/unten oder vor/nach lassen sich mit ziemlicher Sicherheit ähnlich wie die Dimensionsadjektive analysieren. Dies muss Gegenstand weiterer Forschungen bleiben. Doch unabhängig davon, in welchem Maße sich das Konzept der Phasenquantifikation noch in anderen Bereichen als einschlägig erweisen wird, lassen die bisher vorliegenden Befunde bereits erkennen, dass es sich hier um einen fundamentalen begrifflichen Baustein natürlichsprachlicher Semantik handeln muss.
