Resümee zu Teil I (NP-Semantik und Quantifikation)
In diesem ersten Teil konnten einige grundsätzliche Punkte geklärt werden. Der wichtigste ist zunächst der: NPs können nicht ohne weiteres als Quantoren betrachtet werden. Sowohl die definiten als auch die indefiniten NPs scheiden aufgrund ihres semantischen Typs aus. Der semantische Typ definiter NPs ist e, der Typ von Individuenbezeichnungen; indefinite NPs haben den Typ et, und lediglich eine verbleibende Restklasse genuin quantifizierender NPs repräsentiert den von Montague für alle NPs angesetzten Typ (et)t.
Die verbleibenden nominalen Kandidaten für natürlichsprachliche Quantoren sind NPs, die mit jed-, beid-, d- meist-, manch- gebildet werden, eventuell, aber wahrscheinlich nicht, auch die nicht näher untersuchten kein- und all-. Dieser Rest trägt nicht zu der relativ großen Vielfalt natürlichsprachlicher Quantifikation bei, die die Theorie der Verallgemeinerten Quantoren vor Augen hat. Berücksichtigt man, dass d- meist- als suppletiver, semantisch regulärer Superlativ von viel- erklärt werden kann (Kapitel 8.5; dasselbe gilt für den suppletiven Komparativ mehr), so verbleiben allein die logischen Standardquantoren. Da auch beid- angesichts von Verwendungen wie in die beiden Brüder nicht über alle Zweifel erhaben ist, könnte es gut sein, dass im Deutschen jed- der einzige genuin quantifizierende nominale Lexikoneintrag ist (eine ähnliche Meinung vertritt auch Strigin (1985: 75) für das Englische: er nimmt an, dass every der einzige echte englische Quantor ist.)
Die Diskussion der indefiniten NPs hat gezeigt, dass unter Umständen eine Kluft zwischen einer quantifizierenden Funktion und dem semantischen Aufbau von bestimmten Satztypen besteht. Insbesondere ist die Funktion der Existenzquantifikation in den meisten Fällen nicht direkt semantisch gegeben, sondern kommt durch den grundlegenden Referenzmodus der partiellen Einbettung zustande. Aus der Funktion des Satzes kann also nicht zuverlässig auf die Bedeutung seiner Teile rückgeschlossen werden. Ansätze wie bei Keenan oder Barwise und Cooper geben also nicht wirklich Aufschluss über die Bedeutung der lexikalischen Einheiten, die sie in ihre Analyse einbeziehen. Sie explorieren vielmehr, quasi von außen betrachtet, die Ausdrucksmöglichkeiten natürlicher Sprache - eine im Prinzip pragmatische Fragestellung, deren Befunde es auf der Basis einer semantischen Analyse zu erklären gilt.
Die Betrachtung der Nominalphrasen sei damit vorerst abgeschlossen. Im folgenden zweiten Teil werden wir untersuchen, was für Ausdrücke im Deutschen der Quantifikation dienen und welche konzeptuelle Charakteristik sie besitzen. Ich werde im zehnten Kapitel noch einmal kurz auf nominale Quantoren zurückkommen.
