PROJEKT "DAS ASIENBILD IM ZEDLER"

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Golconda, Lat. Golcondae Regnum, ist ein / Ost-Indianisches Königreich, in der Halb-Insel / diesseits des Ganges gelegen, welches sich längst der / See, die ost-wärts lieget, ausbreitet. Der Fluß / Guenga, welcher nord-wärts liegt, scheidet es / zum Theil von dem Gebiete des grossen Mogols. / Gegen Abend hat es ein groß Gebürge, wodruch es / von dem König Decan abgesondert wird; südwärts / stösset es an das Königreich Bisnagar. Das König / -reich Golconda hat ein Stück von Bisnagar unter / sich, wie auch dieKüste von Coromandel bis an / Coloran. Vor Zeiten gehörte es zu dem Königreich / Orixa, welches von da an nord-wärts, un / -mittelbar aber auf der südlichen Seite des Flusses / Geunga lieget. Aus denen heutigen Reise-Be / -schreibungen erhellet, daß der grosse Mogol Herr / über dieses Königreich ist, als welches er an 1680. / unter seine Gewalt gebracht. Die Städte dieses / Königreichs sind Golconda, Masulipatan, Narsin / -gapatan, Petrapoli, Pahor, Vixnopatan, etc. / welche allesamt an der Seel liegen, und Cordipoli, / welches ein unvergleichlicher fester Ort ist; auch fin / -den sich in diesem Königreichnoch verschiedene an / -dere wohl befestigte Plätze. Das Königreich Gol / -conda ist wegen derer darinnen befindlichen Dia / -mant-Gruben sehr berühmt. Ausser dem ist es auch / sehr reich an Salz, Eisen und Stahl. Die Ein / -wohner sind überaus vermögend, und das Land / trägt sehr viel reich, ungeachtet es über alle Massen / bergig ist. Der König ist ein Mahometaner von / der persianischen Secte. Wenn der König einen / Gerichts-Tag hält, läst er sich in einem Ercker se / -hen, welcher auf den Marck hinaus gehet, alles / Volck aber, welches daselbst etwas zu schaffen hat, / stehet unten gerade gegen dem Throne über. Zwi / -schen dem Ercker und dem Erdboden sind drey Rei / -hen Stangen aufgerichtet, an deren Ende Seile / angemachet sind, die Creuz-weiß über einander / lauffen, welche Reihen die ganze Länge des Marcks / einnehmen. Wenn nun der König jemanden herzu / ruffen läst, so wird das Seil gleich gegen dem er / -cker über herab gelassen, unter welchem ein Staats / -Secretarius sietzet, der die bitt-Schreiben an / -nimmt. Wenn er denn deren fünft oder sechs über / -kommen hat, so thut er sie in einen Sack, zu wel / -cher Zeit gleich ein Cämmerling, der bey dem Köni / -ge im Ercker stehet, ein Seil herunter lässet, / damit den Sack in die höhe zühet, und also die Bitt / -Schreiben überreichet. Die vornehmen Herren / des Reichs zühen alle Montage nach der Reihe auf / die Leib-WAcht, unter welchen einige sind, die / fünf bis sechs tausend Reuter commandiren, und / unter denen Zelten um die Stadt herum sich lagern, / wenn sie auf die Wacht zühen, gehen sie aus ihren / Häusern zum Rondezvous; wenn sie aber fort mar / -chiren, lassen sie sich in guter Ordnung sehen, und / zühen in ihrem Marsch gar prächtig auf. Erstlich / kommen zehn oder zwölf Elephanten, darauf dreysig, / oder viertzig Cameele, denen unterschiedliche Ca / -rossen folgen, um welche herum Laquayen und Die / -ner zu Fusse gehen; darnach kommen die Hand Pfer / -de, und letzlich der Herr, dem die Equipage zuge / -höret, mit zehn oder zwölf Courtisanen, die vor / ihm her tanzen und springen, und sodann folget sei / -ne Cavallerie und Infanterie. Es giebt in Golcon / -da eine unzählige Menge Huren, welche gehalten / sind, ihre Namen bey dem Daroga oder Stadt / -Richter in ein Buch einschreiben zu lassen. Sie ge / -ben dem Könige seinen Zink; jedoch muss alle Frey / -tage eine gewisse Anzahl von ihnen, samt einer Gou / -vernantin, mit Music von seinem Ercker erschei / -nen, und vor ihm tanzen, ist aber der König nicht / zugegen, so wird ihnen von einem Berschnittenen / ein Zeichen gegeben, daß sie wieder fortgehen sollen. / Diese Weibs-Bilder können ihre Glieder so künst / -lich auf alle weise drehen, daß, als einsten der König / in die Stadt Masulipatan einzühen wollte, neune / von ihnen sich so eng in einander schlossen, daß sie ei / -nen Elephanten vorstellten, der Gestallt, daß ihrer / viere die vier Füsse praesentirten, viere den Leib, / und die letzte den Rüssel. Auf diesem vermeynten / Thier nun saß der könig als auf einem Throne, und / hielte also seinen Einzug in die Stadt. Unter der / Regierung des Indianischen Königs Abkar, wel / -cher des Gehant-Guir Vater war, erstreckte sich / das Gebiet des grossen Mogols nicht weiter, als bis / nach Narbeder, allwo der Fluß, welcher dadurch / flüsset. sein Reich von dem gebiete des Raia von / Narsinga, welches bis an das Vorgebürge Como / -rin sich erstreckte, absonderte, sa, daß alle andere / Raias einiger Waffen seine Unterthanen und Vasal / -len waren. Dieser Raia war mächtig, daß er / vier Armeen zu Fuß unter eben so viel Generalen auf / denen Beinen halten konnte, unter welchen der vor / -nehmste sein Quartier in denenjenigen Landschafften / hatte, woraus jetzo das Königreich Golconda beste / -het; Der andere hatte die Provinz Visapour in / -nen; der dritte Dultabad; und der vierte Bram / -pour. Als aber endlich der letzte Raia von Nasrin / -ga ohne Erben verstarb, so masten sich die Gene / -rals-Personen derer ihnen untergebenen Provin / -tzien eigenthümlich an, und liessen sich, nachdem sie / einen herrlichen Sieg wieder Abkar, den grossen / Mogol, erhalten, souveräne Könige tituliren. / Gehan-Guir aber, Abkars Sohn, brachte bald / die Länder des Königs von Brampour unter sich; / Chagehan, des Gehan-Guirs Sohn, eroberte / Dultabad und Aurengzeb, des Cha-Gehan Sohn / den grösten Theil von Visapour. Was den König / von Golconda anlanget, ließ sich der grosse Mogol / mit ihm nicht in Krieg ein, sondern als er sich zu ei / -nem jährlichen Tribut von zwey Mahl hundert tau / -send Pagods, oder vier Mahl hundert tausend Cro / -nen unserer Müntze nach verstunde, blieb er in Frie / -den. Heut zu Tage ist der mächtigste von diesen / Raias der von Velou, welcher sein Gebiet bis an das / Capo von Comorin erstrecket, und eines Theils / in dem Lande von Narsinga succedirt hat. Taver / -nier Voyage des Indes.