Interdisziplinäres forschungs- und praxisbezogenes Aufbau-Modul
Berufliche Perspektiven des Anglistik-Studiums
Erzählen im gesellschaftlichen Alltag
(Lehrförderfonds-Projekt im SoSe 2011/WiSe 2011-2012)
1. Ziele
Menschliche Erfahrung und Erzählen sind eng verknüpft: im Büro, beim Arzt, vor Gericht, im Unternehmen, in der Werbung, im Sport, in Politik und Wissenschaft. Dieses interdisziplinäre Aufbaumodul besteht aus einem literaturwissenschaftlichen Seminar zum Themenbereich „Alltagserzählungen“ sowie einem sprachwissenschaftlichen zur sprachlichen Analyse erzählender Texte. Der interdisziplinäre Ansatz fokussiert also nicht die ästhetisch motivierte Erzählung, sondern das Erzählen im Alltag. Dessen Funktionsvielfalt ist das beste Argument für den Praxisbezug und die gesellschaftliche Relevanz literatur- und sprachwissenschaftlicher Ansätze. Zusätzlich zu den Seminaren gibt es eine öffentliche Ringvorlesungs-Reihe, bei der Experten aus Wissenschaft und Praxis zu Wort kommen.
Zum Kernbereich des Projektes gehören außerdem drei praxisnahe Workshops, die ausgewählte Experten zu unterschiedlichen Aspekten des Erzählens im Alltag anbieten werden. Deren Ergebnisse sowie die Seminarergebnisse werden auf einer abschließenden Studierendenkonferenz öffentlich präsentiert.
Vorrangige Ziele der Maßnahme sind:
- die Durchlässigkeit und den Praxisbezug des anglistischen Studiums auf die Berufswelt zu erhöhen. Das Rahmenthema „Erzählen im gesellschaftlichen Alltag“ bietet sich dafür besonders an, weil es Querschnittsbereiche und Anschlüsse mit großen Teilen der Berufsfelder bietet, in denen unsere Absolventen erfahrungsgemäß besonders häufig unterkommen: z.B. Unternehmens-Kommunikation, Journalismus, medienübergreifendes Verlagswesen. Unterstützt wird dieser Kontakt zur Berufswelt durch die Zusammenarbeit mit Praktikern aus unterschiedlichen Bereichen, in denen Erzählen und Erzählungen zentral sind.
- Berührungspunkte und Überschneidungen von sprach- und literaturwissenschaftlichen Studieninhalten erfahrbar zu machen, die sich beide mit Sprache in verschiedenen gesellschaftlichen Domänen und in verschiedenen Herangehensweisen befassen.
- ein breites Spektrum repräsentativer Forschungszugänge in innovativen und praxisnahen Lehrformaten zu vermitteln. Die dafür geplanten Lehr- und Lernformate ermöglichen ein größeres Maß an Beteiligung von Seiten der Studierenden und sichern so als forschendes Lernen den Erwerb von zusätzlichen Fachkompetenzen, z.B. in Bereichen sprach- und literaturwissenschaftlicher Methodik, sowie durch projektorientiertes Arbeiten den Erwerb wesentlicher soft skills.
- Innerhalb des Instituts für Anglistik und Amerikanistik sowie innerhalb der Fakultät trifft das Thema auf breite Anschlussfähigkeit und erlaubt es damit, individuelle Forschungsprojekte der DozentInnen an die Lehre zu koppeln. Ferner ist eine Breitenwirkung im weiteren disziplinären und interdisziplinären Forschungskontext der HHU zu erwarten.
Im Sinne der Nachhaltigkeit können diese im Rahmen des Sommersemesters erprobten Formate und Gegenstandsbereiche langfristig angeboten und erweitert werden. Beide werden in thematisch entsprechenden Mastermodulen in darauffolgenden Semestern fortgeführt.
2. Thema: Erzählen als gesellschaftliche Praxis
Sowohl die Erzählforschung der Literaturwissenschaften als auch die linguistische Genre-Theorie haben das Phänomen des Erzählens neu entdeckt. Sie haben analytische Verfahren entwickelt, um bestimmte Erzählformen und -strategien zu beschreiben, und sie haben verschiedene interdisziplinäre Modelle diskutiert, die das soziale, kulturelle und anthropologische Bedürfnis nach Erzählungen erklären können. Auch für die Erforschung von Sprachvariation stellt die Unterscheidung zwischen erzählenden und nicht-erzählenden Texten eine der zentralen Variablen dar: Während medial bedingte Varietäten (gesprochen, geschrieben, computervermittelt) zu den Standard-Lehreinheiten im Bachelorstudium gehören, dienen Erzähltexte zwar oft als Beispieltexte, werden jedoch meist noch nicht mit mündlichen Erzählformen sowie mit anderen, vor allem expositorischen und argumentativen, Textmodi in Beziehung gesetzt.
Die Erzählforschung unterscheidet im Allgemeinen zwischen zwei Arten der Erzählung: der ästhetisch motivierten Erzählung, wie sie vor allem in Fiktionstexten anzutreffen ist und der handlungsorientierten oder face-to-face Erzählung, wie im Falle der Werbung oder bei Zeugenaussagen vor Gericht. Durch die Einbindung interdisziplinärer Modelle bieten die Erzählforschung sowie die linguistische Forschung zur konversationellen Erzählung Ansätze, die beide Erzähltypen analysierbar machen. Die Allgegenwart und Funktionsvielfalt von Erzählungen ist das beste Argument für die gesellschaftliche Relevanz und den Praxisbezug eines literatur- und sprachwissenschaftlichen Studiums. Dies will sich das geplante Mastermodul mit dem Ziel der besseren Berufsorientierung unserer Absolventinnen und Absolventen zunutze machen.
Die Aktualität des Themas wird auch durch einschlägige Publikationen zum Thema Narrativität in den letzten Jahren bestätigt, wie ein kurzer Blick in die Bibliothekskataloge zeigt: „Vom Sinn des Erzählens“ (2010, Claudia Albes, Hrsg.); „Historisches Erzählen“ (2010, Hans-Jürgen Pandel); „Wirklichkeitserzählungen“ (2009, Christian Klein, Hrsg.); „Erzähltheorie transgenerisch, intermedial, interdisziplinär“ (2002, Vera Nünning, Ansgar Nünning, Hrsg.); „Narrative revisited: Telling a story in the age of new media“ (2011, Christian R. Hoffmann, Hrsg.).
3. Ablauf/Durchführung
Das gesamte Projekt besteht aus
- einem literaturwissenschaftlichen Seminar zum Themenbereich ,Alltagserzählungen‘ sowie dem sprachwissenschaftlichen Seminar ,English in speech and writing‘,
- drei für die Berufspraxis relevanten Workshops,
- einer öffentlichen Ringvorlesung.
Das literaturwissenschaftliche Aufbauseminar dient der allgemeinen Einführung in das Modulthema. Hier wird die aktuelle Forschungslage in der Narratologie aufzuarbeiten sein. Dies erfolgt im Rahmen eines Seminars, das theoretische Zugänge zu diskutieren und methodisch zu operationalisieren erlaubt. Da die Analyse der ästhetisch motivierten Erzählung bereits Bestandteil des literaturwissenschaftlichen Studiums ist, liegt der Fokus des Sommersemesters auf der seltener berücksichtigten handlungsorientierten Erzählung im Kontext der Lebenswelt. Dieser Fokus wird in einem Mastermodul weiter ausgebaut und vertieft. Aufgrund der unterschiedlichen Ansätze, mit denen an Fragen der Narrativität und des Erzählens herangegangen werden kann, bieten sich hier optimale Bedingungen, um diese Fragen über die Literaturwissenschaft hinaus transdisziplinär zu erörtern und andere Wissenschaftsbereiche mit einzubeziehen.
Das sprachwissenschaftliche Aufbauseminar ,English in Speech and Writing‘ vermittelt und übt Methoden zur genauen Beschreibung des mündlichen und des schriftlichen, ästhetisch motivierten Sprachgebrauchs. Die Studierenden sollen ein Parallel-Korpus von Texten, das narrativen und nicht-narrativen Sprachgebrauch gegenüberstellt, selbst erstellen und exemplarisch untersuchen. Denkbar sind hier Vergleiche von Erzählungen und Falldarstellungen in z.B. Recht oder Medizin, narrative und nicht-narrative Information im Internet, in der Geschichtsschreibung, o.ä. Hierdurch entsteht eine Datenbasis, mit der Erzähltexte mit nicht-narrativen Paralleltexten verglichen werden können und die sowohl für die Bachelorarbeiten als auch für Projekte im Master-Studium (z.B. für den Kurs Doing a research project in English linguistics im WS) zur Verfügung steht. Außerdem werden durch solches forschendes Lernen methodische Kompetenzen vermittelt, so der Umgang mit authentischen (Sprachgebrauchs-)Daten, die Entwicklung geeigneter Fragestellungen für ihre Untersuchung sowie der Unterschied zwischen qualitativen und quantitativen oder zwischen formalen und funktionalen Ansätzen in der Linguistik.
Zentrales inhaltliches Ziel ist, dass der Textmodus und die sprachliche Gemachtheit als wesentlicher Aspekt der Identität eines Textes direkt erfahrbar wird. Hierdurch wird sowohl auf die Wissenschaft vorbereitet, in der Erfahrungen und Erzählungen ja in der Regel in ,Tat-Sachen‘ bzw. in verschiedene Genres und Sub-Genres (z.B. ein Abstract, eine Einleitung, eine Argumentation) transformiert werden, als auch auf die berufliche Praxis, in der Textmodi und -konventionen oft einen zentralen Bestandteil des Fach- oder Branchenwissens darstellen.
Ringvorlesungsreihe
Begleitet werden diese Seminare durch eine Vortragsreihe, die – mit Blick auf Verstetigungspotentiale und Kontinuitätsbildung – zunächst die Vielfalt der thematischen und praktischen Zugänge zum Thema deutlich machen soll. Hier werden ausgewiesene Experten vor allem Vertreter des Gegenstandsbereichs vor allem mit Blick auf Implikationen und Konsequenzen für die berufliche Praxis zu Wort kommen.
- Matías Martínez (Wuppertal): "Wirklichkeitserzählungen: Narratologische Überlegungen zum nicht-literararischen Erzählen"
- Christian Hoffman (Augsburg): "Once upon a blog – narrative interaction in Weblogs"
- Prof. James W. Pennebaker (Dept. of Psychology, University of Texas at Austin): "What our Stories Say about us: How Some Forgettable Words Reflect Social and Psychological State"
- Prof. Rita Charon (Columbia University): "The Self-Telling Body, or How Words Get into the Bones"
Berufspraktische Workshops
Um die berufspraktischen Perspektiven der Erzählforschung hervorzuheben, wird Florian Leitner (Dipl. Dramaturg, FU-Berlin) in seinem Workshop zu Storylining in (Daily) Soaps die Arbeit von Drehbuchautoren, das Storylining und das Verfassen von Dialogen sowohl bei deutschen als auch bei englisch-sprachigen Produktionen besprechen und so einen (besonders für die Anglistik relevanten) Einblick in Unterschiede und Gemeinsamkeiten geben. Außerdem gibt es im Wintersemester einen Theater-Workshop „Wie bringe ich alltägliche Erzähl-Situationen spannend auf die Bühne“.
Stefan Aluttis von Blue Byte Studio GmbH konnte für eine analoge Veranstaltung im Bereich des Computerspiels (Game Design und Project Management) gewonnen werden. Zusätzlich gibt der amerikanische Song-Texter Ari Hest aus der Sicht der Communication Studies einen Workshop zum Thema ,Erzählen im Liedtext‘.
Studierendenkonferenz
Die Studierendenkonferenz wird in Kooperation mit der wirtschaftsnahen Deutsch-Britischen Gesellschaft abgehalten – ein wichtiger Beitrag zur vielfach gewünschten engeren Bindung von town and gown, von Düsseldorfer Bevölkerung und HHU. Das Plenum besteht aus Studierenden, Lehrenden sowie kooperierenden Wissenschaftlern und eingeladenen Vertretern aus der freien Wirtschaft, Alumni sowie Düsseldorfer Bürgern, denen die Veranstaltung in den einschlägigen Publikationsorganen entsprechend bekannt gegeben wird. Zentraler Teil der Studierendenkonferenz ist die abschließende Vorstellung der in den Workshops erarbeiteten Projekte, in Form von Präsentationen, Postern, etc.
Organisation der Konferenz, Kontaktaufnahme mit potentiellen Teilnehmern ›von außen‹, Ankündigung und Werbung etc. obliegen den Studierenden. Berufsqualifizierende Schlüsselqualifikationen: Präsentationstechniken, Öffentlichkeits-Transfer von Spezial- und Fachwissen, Diskussions- und Moderationstechnik, Teamfähigkeit, Organisationsvermögen.
Die durch die Konferenz und Workshops erzielten Kontakte zu Vertretern der Medien- und Marketingunternehmen sowie anderer Wirtschaftsbranchen soll zukünftigen Arbeitnehmern- und geben ein gemeinsames Forum bieten. Bachelorstudierende haben so bereits während ihres Studiums die Gelegenheit, ihre Interessen und Fähigkeiten auf dem Berufsmarkt zu erproben - eine Art >modulintegrierte Job-Börse<.
Tagungsbesuch
Relevanz und Aktualität des gesamten Lehrprojekts als ausdrücklich interdisziplinärem Vorhabens wird schließlich unterstützt durch eine Tagung ,Teaching Narrative and Teaching through Narrative‘ des Nordic Network of Narrative Studies, die vom 26.-28.05.2011 an der University of Tampere in Finnland stattfindet. Es ist beabsichtigt, dass je ein/e Lehrende/r aus Sprach- und Literaturwissenschaft besuchen, da von ihr wichtige Impulse zu „narrative relevance […] from opera to obituary; television to testimony; Bildungsroman alongside with biblical narrative tob log“ (vgl. www.uta.fi/laitokset/taide/teaching_narrative.html) und laut Ankündigungstext ganz explizit zu deren Einsatz in der Lehre zu erwarten sind.
Kontinuitätssicherung/Nachhaltigkeit
Unterstützt werden die Modulteilnehmer/Innen bei diesem Vorhaben durch fortgeschrittene Studierende (SHK/WHK). Diese helfen im sprachwissenschaftlichen Bereich vornehmlich bei der Beratung und technischen Unterstützung bei der Aufbereitung der Datenbasis und bei der Vermittlung von methodischen Kompetenzen. Da einige Publikationen zu Erzählen im Internet in jüngster Zeit am Lehrstuhl für englische Sprachwissenschaft betreut worden sind (vgl. Genres in the Internet sowie Beiträge zum Handbook of Pragmatics), ist eine Expertise in diesem Forschungsgebiet in der Betreuung derzeit besonders präsent. In der Literaturwissenschaft übernimmt die WHK die allgemeine Koordination zwischen Lehrenden, ModulteilnehmerInnen und WirtschaftvertreterInnen. Sie wird mit einer Gruppe der Studierenden die Studierendenkonferenz organisieren. Ferner sorgt sie im Sinne der Kontinuitätssicherung und Verstetigung des Projekts für die Dokumentation der wesentlichen Abläufe. Vorbehaltlich der Förderung sollen nach Implementierung des Projekts Mentoren aus dem Kreis früherer Modul-Absolventen beide Phasen begleiten.
Auf diese Weise kann dem vielfach geäußerten Wunsch der Studierenden nach stärkerer Einbindung in Forschungsaktivitäten bei gleichzeitiger Praxis- und Berufsnähe Rechnung getragen werden. Die Projektführung bleibt auf der Ebene der Studierenden erhalten; gleichzeitig wird durch die Anbindung der WHK an Lehrstuhl und Lehrende eine verantwortungsvolle Supervision sichergestellt. Dank des Themas und des populären Formats seiner Umsetzung im Rahmen einer Ringvorlesung ist die breite Partizipationsmöglichkeit für die Studierenden der HHU gewährleistet.
Bei Bewilligung der Förderung ist neben der Weiterführung im WS 2011-2012 eine Ausweitung und Verstetigung auf die Masterstudiengänge des Instituts und der Fakultät und auf kooperierende Masterprogrammen aus dem In- und Ausland vorgesehen.
